(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien. Liebe / Ehe und Familienleben bei den Eingeborenen der Trobriandinseln / Britisch-Neu-Guinea. Eine ethnographische Darstellung"

Komor Gtia K»nuvUrib6l. 

Sors24m : Vv&l**V"«i|f 
öcsoport :/©.-.. C«oport i.Jtt..'. 
B.««rz«l «ViAd«^ 



JtBUZOt : 









4.M4. 



;"■■- 



jö^- 



4l* 



I 






MALINOWSKI • DAS GESCHLECHTSLEBEN DER WILDEN 






o 




W 
O 

o 

h-1 
o 

a 

H 
W 

s 

w 

Q 

« 
O 
> 

u 

« 

o 

CO 

H 

CO 

W 



W 
u 

P 

s 
w 

w 
M 
o 
m 
w 
ü 

W 

w 






DAS GESCHLECHTSLEBEN 
DER WILDEN 



IN NORDWEST-MELANESIEN 



LIEBE /EHE UND FAMILIENLEBEN BEI 

DEN EINGEBORENEN DER TROBRIAND- 

INSELN / BRITISCH-NEU-GUINEA 



EINE ETHNOGRAPHISCHE 
DARSTELLUNG VON 

DR. BRONISLAW MALINOWSKI 

O. 0. PROFESSOR DER ANTHROPOLOGIE AN DER 
UNIVERSITÄT LONDON 



VORWORT VON HAVELOCK ELLIS 
DEUTSCH VON DR.EVA SCHUMANN 

MIT 96 ABBILDUNGEN UND FIGUREN 



GRETHLEIN & CO . LEIPZIG UND ZÜRICH 



Einzig autorisierteÜbertragung aus dem Englischen 



Alle Rechte vorbehalten / Einband- u. Umschlagzeichnnng 
von Georg Baus, Leipzig I I I I Printed in Germany 



MEINEM JUGENDFREUND 

STANISLAW IGNACY WITKIEWICZ 

WIDME ICH DIESE 

DEUTSCHE AUSGABE 

MEINES BUCHES 

B.M. 



VORWORT 
VON HAVELOCK ELLIS 



Das Geschlechtsleben der Wilden hat lange auf seinen Naturhistoriker 
warten müssen. Denn da geschlechtliche Tabus den Geist des Kulturmenschen 
mindestens ebenso schwer belasten wie den Geist des Wilden, ist dieses Thema 
stets von Geheimnissen dunkel umhüllt gewesen. Das Geheimnis hatte etwas 
Lockend-Bestrickendes oder Schaurig-Düsteres nach der jeweiligen Ein- 
stellung zum Wilden. Im achtzehnten Jahrhundert war es lockend und be- 
strickend. Es wurde damals, vor allem von Franzosen, der fälschlich so ge- 
nannte „primitive Mensch" entdeckt, dessen schönste Typen man in der neuen 
paradiesischen Welt Amerikas und Ozeaniens fand. Diese französischen Welt- 
reisenden und Missionare (es befanden sich auch einige hervorragende, doch 
nüchterner gesinnte Engländer und Seefahrer anderer Nationalität unter 
ihnen) waren entzückt und berauscht von den seltsamen, oft 60 anmutigen 
und phantastischen Sitten und Bräuchen, die sich da ihren erstaunten Blicken 
darboten. Sie verstanden deren Wesen nicht und hatten auch nicht Zeit, 
unter die Oberfläche zu dringen. Doch ihre begeisterten, ehrlichen Berichte 
waren eine Offenbarung für die Pariser Welt mit ihren so himmelweit ver- 
schiedenen, künstlichen und konventionellen Daseinsformen. Damals ent- 
stand die Anschauung vom „edlen" Wilden, den bereits Tacitus in den Ur 
wäldern Germaniens „im Naturzustand" hatte herumgeistern sehen. Das 
neunzehnte Jahrhundert lernte verachten, was es als Rousseaus oberf lächliche, 
phantasiereiche Anschauung vom Naturmenschen bezeichnete. Doch Rousseau 
hatte die Forscherberichte seiner Zeit sorgfältig gelesen — das geht aus seinen 
Schriften deutlich hervor. Seine Schlußfolgerungen waren nicht überspannter 
als die ins andere Extrem gehenden Schlüsse einer späteren Generation, die 
hie und da noch heute Geltung haben. Auch als Diderot sein berühmtes 
Supplement au Voyage de Bougainville schrieb, um seinen Landsleuten die 
überlegene Vernünftigkeit der Tahitaner in sexual-ethischen Fragen vor- 

IX 



Vorwort 

zuführen, gab er verschiedene unzweifelhafte Tatsachen an, die bereits im 
Bericht des großen französischen Seefahrers enthalten waren; freilich mußten 
Diderots Angaben einigermaßen in die Irre führen, denn von dem sozialen 
Gefüge, zu dem sie gehörten, wußte er nichts. 

Im neunzehnten Jahrhundert herrschte die schaurig-düstre Auffassung vor. 
Die Forscher, nunmehr hauptsächlich Engländer, nahmen ihr angelsächsisches 
Puritanertum mit auf die Reise, dem alle ungewohnten Geschlechtssitten 
empörend oder widerlich erschienen. Kein Wort wurde häufiger gebraucht als 
„obszön" — die Phantasie des Lesers mochte sich ausmalen, was das be- 
deutete. Das geschlechtliche Verhalten der Wilden schien in den meisten 
Fällen mit Worten nicht wiederzugeben. Die bei manchen australischen 
Stämmen übliche urethrale Subinzision wurde geheimnisvoll als „der ent- 
setzliche Brauch" bezeichnet. Eine ähnliche Verstümmlung an Nase oder Ohr 
oder irgendwo ein Stückchen weiter oben oder unten hätte niemand „ent- 
setzlich" genannt; doch an gerade dieser Stelle rief sie schamhaften Schauder 
hervor. 

Im zwanzigsten Jahrhundert haben wir uns mit der Zeit zu einer ruhigeren 
Haltung hingefunden. Wir lernen allmählich unsere eigenen geschlechtlichen 
Tabus ein bißchen weniger tragisch zu nehmen. Zudem arbeiten wir immer 
mehr im Geist echter Wissenschaft, wo es um die Erforschung der wenigen 
überlebenden Völker geht, die noch nicht allzu tief in den Bann unserer 
eigenen Zivilisation geraten sind; nicht mehr erscheinen sie uns anhimmlungs- 
würdig oder verächtlich, sondern sie stellen uns wertvolle Zeugen dar für un- 
gewohnte Seiten unserer gemeinsamen Menschennatur. Die Cambridger Ex- 
pedition nach Torres Straits mit ihren wissenschaftlich geschulten Beobachtern 
und alles, was als Folge dieser Expedition an späteren Arbeiten in anderen 
Weltteilen von so ausgezeichneten Forschern wie Rivers und Seligman ge- 
leistet wurde, muß als einschneidendes wissenschaftliches Ereignis betrachtet 
werden. Doch vergeblich schauten wir aus nach einem Gesamtbild vom Ge- 
schlechtsleben irgendeines unverdorbenen Volkes. Dem einen oder anderen 
Forscher, wie Roth in Queensland, verdanken wir einige gesicherte Tatsachen 
aus dem Geschlechtsleben, und vor kurzem hat Felix Bryk in seinem „Neger- 
Eros" eine wertvolle Arbeit über das erotische Leben im äquatorialen Afrika 
geliefert, doch zu einer wirklich umfassenden Gesamtdarstellung ist es erst 
jetzt gekommen. 

Eine solche Aufgabe fordert allerdings eine ungewöhnliche Verbindung von 
Fähigkeiten. Das wissenschaftliche Rüstzeug genügt nicht, es bedurfte viel- 
mehr der Vertrautheit mit zahlreichen neuen fruchtbaren Ideen, die kürzlich 
auf dem anthropologischen Arbeitsgebiet aufgetaucht sind und die nicht 

X 



Vorwort 



überall für wissenschaftlich gelten; es bedurfte einer langen und eingehenden 
Bekanntschaft mit den zu untersuchenden Menschen und ihrer Sprache, denn 
nicht nur in Kulturländern pflegt man Geschlechtliches scheu zu verbergen; 
und vor allem mußte der Forscher sich frei halten von den Traditionen des 

angelsächsischen Puritanertums — so achtenswert diese an sich sein mögen , 

aber auch von dem fast ebenso unseligen Widerspruchsgeist, der nicht selten 
aus der Auflehnung gegen diese Tradition erwächst. 

Alle angeführten Befähigungen finden wir in ungewöhnlichem Grade in 
Dr. Malinowski vereint: wissenschaftliche Ausrüstung, feinfühliges Ver- 
ständnis, Geduld in der Beobachtung, mitfühlende Einsicht. Er ist bekannt 
durch zahlreiche Monographien zur Soziologie der primitiven Kultur; zum 
größten Teil beruhen seine Arbeiten auf seinen Forschungen unter den Be- 
wohnern der Trobriand-Inseln nahe der Ostküste von Neu-Guinea, wo er 
zwei Jahre lang in enger Berührung mit den Eingeborenen lebte. Sein Werk 
Argonauts ofthe Western Pacific — die eigenartige, tiefdringende Analyse des 
merkwürdigen, kula benannten Tauschsystems der Trobriander, ist als 
glänzende ethnographische Forscherleistung anerkannt. Sie ist in Wahrheit 
mehr als eine bloß ethnographische Arbeit, denn wie Sir James Frazer in 
seinem Vorwort zu dem Buch ausführte, kennzeichnet es Dr. Malinowski, 
daß er die verwickelte Vielfältigkeit der Menschennatur nie aus den Augen 
läßt. Eine Einrichtung, die auf den ersten Blick rein wirtschaftlicher Art er- 
scheinen könnte, enthüllt sich unter seinen tastenden Händen als nicht nur 
kommerziell, sondern als verwoben mit Magie, als Mittel zur Befriedigung 
der gefühlsmäßigen und ästhetischen Bedürfnisse der Beteiligten. 

Auf dem Gebiet des Geschlechtslebens wurde, wie gesagt, wahre Forschung 
erst in unseren Tagen möglich. Und das nicht allein, weil unsere geschlecht- 
lichen Tabus einen Teil ihrer Strenge eingebüßt haben. Erst heute haben wir 
die Möglichkeit zu jenen richtigen Fragestellungen, die nach Bacon das halbe 
Wissen sind. Vor einem Vierteljahrhundert bedeutete Erforschung der Ge- 
schlechtlichkeit nichts anderes als ein Studium sonderbarer Abwege des 
Erotischen und darüber hinaus weiter nichts als sentimentale Überschwenglich- 
keit. Jetzt ist diese Arbeit — je nachdem von welcher Seite man an sie 
herangeht — entweder zu einem Bezirk der Naturwissenschaft mit tradi- 
tioneller Forschungsweise geworden oder zu einem Gebiet der psychologischen 
Dynamik; die hier wirksamen Energien lassen sich häufig bis weit unter die 
Oberfläche verfolgen, nehmen seltsame Formen an und beeinflussen sogar 
Verhaltungsweisen, die der Sphäre des Geschlechtlichen ganz entzogen 
scheinen. Hier hat das Genie Freuds — wie manche glauben, in übertriebener 
Weise — zur Erforschung des Geschlechtstriebs und seiner möglichen Äuße- 

XI 






Vorwort 

rungsformen selbst in den Sagen und Sitten der Wilden den Anstoß gegeben. 
Mit diesen Entwicklungslinien ist Dr. Malinowski vollkommen vertraut. Ja, 
es gab eine Zeit, da man ihn mit größerem Rechte denn jetzt als Freudianer 
bezeichnen konnte. Heute ist er weder Freudianer noch Anti-Freudianer; er 
anerkennt die befruchtende Kraft der Freudschen Gedanken und wendet sie 
gern an, sobald er überzeugt ist, sie könnten die zu erforschenden Phänomene 
erhellen. Diese Phänomene betrachtete er mit charakteristischem Weitblick; 
ohne die genauere Technik der Liebeskunst bei den Trobriandern zu ver- 
nachlässigen, untersucht er darüber hinaus ihr ganzes sexuelles Lehen in 
seiner ästhetischen, gefühlsmäßigen, famüialen und gesellschaftlichen Be- 
deutung. Nun er den Weg gezeigt, werden zweifellos andere Forscher ihm 
folgen. Aber auf diesem Gebiet sind nicht alle auserwählt, die berufen sind. 
Die besondere Kombination der erforderlichen Befähigung findet sich nur 
selten, und unterdessen verringern sich die Gelegenheiten zur Arbeit von 
Jahr zu Jahr. Man kann es getrost aussprechen: das Geschlechtsleben der 
Wilden in Nordwest-Melanesien wird einst als klassisches Werk gelten, und 
sein Wert kann im Laufe der Zeit nur zunehmen. 

Bisher habe ich einzig die wissenschaftliche Seite dieses Buches betont, 
doch glaube ich, daß seine Bedeutung weit darüber hinausgeht. Es wird nicht 
nur Menschen interessieren, die sich gern mit dem Ursprung und den ver- 
meintlich so fremdartigen „exotischen" Formen des sozialen Lebens be- 
schäftigen, sondern auch all jene, die sich mit der Gegenwart oder der Zu- 
kunft befassen und mit dem Sozialleben bei uns daheim. 

Wir übersehen oft die doch unumstößliche Tatsache, daß Maß und Höhe 
der Entwicklung nicht an jedem Punkte gleich sind. Wir stellen den Neger 
nicht an die Spitze der menschlichen Entwicklung, doch in einigen Hin- 
sichten ist er physisch höher entwickelt als der Weiße. Oder betrachten wir 
ein umfassenderes Gebiet: es steht seit langem fest, daß der Vorderhuf des 
Pferdes eine höhere Entwicklungsstufe erreicht hat als die Vorderextremität 
anderer Tiere, die sonst auf der Stufenleiter der Entwicklung viel höher 
stehen. So 6ind wir auch auf geistigem Gebiet gewohnt, die Kultur der 
klassischen Antike in mancher Hinsicht höher einzuschätzen als unsere 
eigene, die doch in anderer Beziehung viel weiter fortgeschritten ist. 

Im Geschlechtüchen haben wir es mit einem Trieb zu tun, der von allem 
Anfang an die leidenschaftliche Aufmerksamkeit der Menschen erregt hat. 
Man darf sagen: das Gebiet, auf dem er sich auswirkt, vermögen gewisse 
Völker selbst dann zu kultivieren, wenn ihr sonstiges Kulturniveau in vielen 
wichtigen Punkten keineswegs hoch ist. Man kann sogar behaupten: eine 
ausschließliche Beschäftigung auf anderen Kulturgebieten wirkt tatsächlich 

XII 



Vo rwort 

vernichtend auf die geschlechtliche Kultur; wir wissen: eine wundersame Aus- 
breitung der mechanischen Künste und Höchstleistung auf intellektuellem 
Gebiet können bestehen neben einer sexuellen Kultur, die nichts weiter kennt 
als Konvention und Alltagsgewohnheit — und diese darf man dann kaum 
erörtern. Ein Mensch kann lebhaften Sinn für die höheren menschlichen 
Künste haben und zugleich in den fundamentaleren roh und ungeschliffen 
bleiben. Aber auch die entgegengesetzte Entwicklung ist möglich. 

So wird Dr. Malinowskis Darstellung nicht nur einen einzigartigen Beitrag 
zur wissenschaftlichen Forschung bedeuten, sondern vielleicht auch An- 
regungen für das Kulturleben und für unser Streben nach sozialer Reform 
ausstrahlen. Die Trobriand-Insulaner leben als kleine Gemeinschaft auf be- 
grenztem Raum; sie sind nur ein Beispiel für die Daseinsformen wilder Völker- 
schaften, wenn auch wahrscheinlich ein recht typisches. Lernen wir es näher 
kennen, so finden wir, daß auf diesem Gebiet der Wilde dem Kulturmenschen 
ausgesprochen ähnelt und dieselben Laster und Tugenden, wenn auch unter 
anderen Formen, aufweist; wir erkennen vielleicht sogar, daß der Wilde in 
gewisser Hinsicht sich hier eine schönere Kultur gestaltet hat als der Kultur- 
mensch. Vergleiche werden so möglich und geben uns Anregung für die 
kritische Untersuchung unseres eigenen sozialen Lebens. 

H. E. 



XIII 



EINLEITUNG 



Ich habe für dieses Buch den schlichtesten, das heißt den wahrhaftigsten 
Titel gewählt — zum Teil, um beizutragen zur Rehabilitierung des un- 
entbehrlichen und oft mißbrauchten Ausdrucks „Geschlechtsleben", andern- 
teils um unverblümt auszusprechen, was der Leser in den freimütigsten Ab- 
schnitten zu erwarten habe. Geschlechtlichkeit hat für den primitiven Südsee- 
insulaner ebensowenig wie für uns die bloße physiologische Verrichtung zum 
Inhalt, sondern auch Liebe und Liebesleben; sie bildet den Kern so alt- 
ehrwürdiger Institutionen wie Ehe und Familie ; von ihr ist die Kunst durch- 
drungen, sie hat ihre Beschwörungsformeln und ihre Magie. Tatsächlich be- 
herrscht sie fast jede Erscheinungsform der Kultur. Das Geschlechtsleben im 
weitesten Sinn — und so habe ich den Titel dieses Buches gemeint — ist 
mehr eine soziologische und kultürliche Kraft als eine bloße körperliche Be- 
ziehung zwischen zwei Individuen. Doch die wissenschaftliche Behandlung 
des Gegenstandes bedingt offensichtlich auch ein lebhaftes Interesse für den 
biologischen Kern. Der Anthropologe muß daher die Annäherungsformen be- 
schreiben, wie sie in Ozeanien zwischen Liebenden üblich sind, Formen, die 
Überlieferung gestaltet hat, die gewissen Gesetzen folgen und den Sitten 
des Stammes entsprechen. 

In der Anthropologie müssen die wesentlichen Tatsachen des Lebens ein- 
fach und ausführlich dargestellt werden, obzwar in wissenschaftlicher Sprache; 
eine solche schlichte Darstellung kann auch bei dem zartestbesaiteten oder 
voreingenommensten Leser nicht eigentlich Anstoß erregen ; auch wer Porno- 
graphie erwartet, wird sich enttäuscht finden, am wenigsten kann eine solche 
Darstellung das unreife Interesse der Jugend anreizen. Denn Sinnenkitzel 
wird durch heimliches "Wachträumen befriedigt, nicht durch einfache, un- 
verblümte Feststellungen. Der Leser wird herausfinden, daß für die Ein- 
geborenen letzten Endes das Geschlechtliche nicht nur eine Quelle der Lust, 

xrv 



Einleitung 

sondern wirklich etwas sehr Ernstes, ja sogar Heiliges ist. Auch wird durch 
ihre Bräuche und Anschauungen keineswegs jene Macht des Geschlechtlichen 
ausgeschaltet, die grohmaterielle Vorgänge in wunderbare geistige Erlebnisse 
verwandelt und über die erotische Technik einen romantischen Liebesschimmer 
breitet. Es verträgt sich sehr wohl mit den Einrichtungen des trobriandischen 
Gemeinschaftslebens, daß die brutale Leidenschaft zu lebenslänglicher Liebe 
heranreifen kann, mit persönlicher Neigung sich verwebt und sich befestigt 
durch die vielfältigen Bande und Verknüpfungen, die Kinder mit sich bringen, 
durch die beiderseitigen Befürchtungen und Hoffnungen, durch die gemein- 
samen Ziele und Interessen des Familienlebens. 

Wie hier nackte Sinnlichkeit und Romantik verschmelzen, wie hier aus zu- 
nächst allerpersönlichstem Erlebnis weitgehende und gewichtige soziologische 
Folgen erwachsen — diese ganze Fülle und Vielfältigkeit der Liebe ist es 
vielleicht gerade, was sie dem Philosophen so geheimnisvoll, dem Dichter so 
reizvoll und dem Anthropologen so interessant macht. Diese Vielseitigkeit 
der Liebe kennen die Trobriander so gut wie wir, und sie bringt uns sogar 
Lebensformen näher, die uns auf den ersten Blick grob und unbeherrscht 
erscheinen könnten. 

Diese letztere Seite zu übergehen, einer Auseinandersetzung mit den mate- 
riellen Grundlagen der Liebe auszuweichen, hieße jedoch in einer wissen- 
schaftlichen Arbeit alle Ergebnisse in Frage stellen. Es hieße sich einer un- 
verzeihlichen Sünde schuldig machen, wenn man so der eigentlichen Frage 
aus dem Wege ginge. Wer mit Geschlechtlichem sich nicht befassen will, 
braucht dieses Buch ja nicht zu kaufen, nicht zu lesen; und wer im un- 
wissenschaftlichen Geist an die Lektüre herangeht, sei im vornherein ge- 
warnt: er wird in den folgenden Kapiteln nichts Aufreizendes und keine 
verhüllenden Andeutungen finden. 

Ich möchte es deutlich aussprechen, daß die gelegentlich, vor allem in den 
letzten Kapiteln eingestreuten Vergleiche zwischen trobriandischen und 
europäischen Zuständen nicht als soziologische Parallelen dienen sollen — 
dazu sind sie viel zu oberflächlich. Noch weniger sollen sie eine Strafpredigt 
über unsere eigenen Schwächen oder einen Lobgesang über unsere Tugenden 
darstellen. Sie werden einfach deswegen angeführt, weil man auf wohl- 
bekannte Tatsachen zurückgreifen muß, um unbekannte zu erklären. Der 
Anthropologe muß die Eingeborenen mit Hilfe seiner eigenen Psychologie 
verstehen, er muß sich das Bild einer fremden Kultur aus den Elementen 
seiner eigenen und anderer, ihm aus Theorie und Praxis bekannter Kulturen 
zusammenfügen. Alle Schwierigkeit und alle Kunst der Feld-Arbeit besteht 
darin, von denjenigen Elementen einer fremden Kultur auszugehen, die 

XV 



Einleitung 

einem vertraut sind, und allmählich die befremdenden und ungewohnten in 
ein verständliches Gesamtbild hineinzuarbeiten. Darin gleicht das Erlernen 
einer fremden Kultur dem Erlernen einer fremden Sprache: zunächst bloßes 
Sich-Anpassen und rohes Übersetzen, schließlich ein vollkommenes Sich- 
Loslösen von der ursprünglichen Sprachwelt und wirkliches Beherrschen der 
neuen. Und da eine gute ethnographische Schilderung im kleinen die all- 
mählichen, langsamen und beschwerlichen "Wege der Feld-Arbeit wieder- 
geben muß, so haben die Hinweise auf vertraute Zustände, die Parallelen 
zwischen Europa und den Trobriand-Inseln als Ausgangspunkte zu dienen. 

Wenn ich an den Leser herankommen will, muß ich mich schließlich auf 
seine persönlichen Erfahrungen verlassen, die er in unserer eigenen Gesell- 
schaft gesammelt hat. Genau so wie ich Englisch schreiben und Eingeborenen- 
worte oder -sätze ins Englische übersetzen muß, muß ich auch die melane- 
sischen Verhältnisse in unsere eigenen übersetzen. Laufen dabei Fehler unter, 
so sind sie unvermeidlich. Ein Anthropologe mag sich des traduttore — traditore 
wohl bewußt sein, er kann es aber nicht ändern — er kann seine paar ge- 
duldigen Leser nicht für einige Jahre auf ein Korallen-Atoll in der Südsee 
verbannen und sie das Leben dort selber erleben lassen; ach, er muß ja über 
seine Wilden Bücher schreiben und Vorträge halten! 

Noch etwas über die Darstellungsweise. Jeder gewissenhafte wissenschaft- 
liche Beobachter sollte nicht nur darlegen, was er weiß und wie er alles er- 
fahren hat, sondern auch die Lücken in seinem Wissen aufzeigen, deren er 
sich bewußt ist, die Fehlschläge und Mängel seiner Feld-Arbeit. An anderer 
Stelle (Argonauts of the Western Pacific, Kap. I) habe ich mich beglaubigt, 
habe ich die Dauer meines Aufenthalts auf den Inseln und meine sprachlichen 
Kenntnisse nachgewiesen und meine Methode des Sammeins von Dokumenten 
und Aussagen dargelegt. Ich will dies alles hier nicht wiederholen; die wenigen 
notwendigen ergänzenden Bemerkungen über die Schwierigkeiten bei der Er- 
forschung des intimen Eingeborenenlebens wird der Leser im Buche selbst 
finden (Kap. LX, 9; Kap. X, Einleitung; Kap. XII und XIII, Einleitungen). 

Der zuständige erfahrene Ethnologe und Anthropologe — und nur ein 
solcher interessiert sich für den Grad der Genauigkeit, für die Methodologie 
der Beweisführung und die Lücken in den Kenntnissen — wird aus dem 
vorgebrachten Material leicht erkennen, wo die dokumentarische Beweis- 
führung .spärlich und wo sie reichlich ist. Mache ich einfach eine Aussage, 
ohne sie durch persönliche Beobachtung oder andere Tatsachen zu stützen, 
so heißt das : ich habe mich in erster Linie auf die Mitteilungen meiner Ge- 
währsleute verlassen. Das ist natürlich der wenigst gesicherte Teil meines 
Materials. 



XVI 



Einleitung 

Ich bin mir vor allem bewußt, daß ich über Geburtshilfe und die Einstellung 
der Frau zur Schwangerschaft und Geburt nur ziemlich dürftige Kenntnisse 
erwerben konnte. Auch das Verhalten des Vaters zur Zeit der Geburt und die 
seelische Haltung des Mannes zu diesem Ereignis ist nicht so gründlich erforscht 
worden, wie ich es wünschen möchte. Viele min der wichtige Punkte verraten 
dem Spezialisten nicht nur, wo die Kenntnisse unvollständig sind, sondern auch, 
welche weiteren Forschungen nötig wären, um die Lücken zu füllen. Ich bin 
überzeugt, in den meisten wesentlichen Punkten bis zu den Grundlagen vor- 
gestoßen zu sein. 

Eine sehr bedauerliche Lücke, der sich aber kaum abhelfen läßt, ist die 
geringe Anza h l der Illustrationen mit unmittelbaren Darstellungen des Liebes- 
lebens. Da sich dieses jedoch — buchstäblich und bildlich — im tiefen Dunkel 
abspielt, könnten Photographien nur Schwindel oder bestenfalls gestellt sein — 
und erschwindelte Leidenschaft oder gestelltes Gefühl ist wertlos. 

Die vielen Dankesschulden, die ich im Laufe meiner Feld-Arbeit auf mich 
geladen habe, sind an anderer Stelle (Argonauts of the Western Pacific) auf- 
gezählt. Doch möchte ich hier erwähnen, wie besonders verpflichtet ich mich 
meinem Freunde Billy Hancock fühle, dem Händler und Perlenaufkäufer auf 
den Trobriand- Inseln; während ich an diesem Buche schrieb, hat er einen ge- 
heimnisvollen Tod gefunden. Er war krank und wartete in der europäischen 
Siedlung Samarai im Osten Neu- Guineas auf den Dampfer nach Süden. Eines 
Abends verschwand er — seitdem hat kein Mensch ihn wiedergesehen, hat 
niemand mehr von ihm gehört. Er war nicht nur ein ausgezeichneter Gewährs- 
mann und bereitwilliger Helfer, sondern ein wahrer Freund, dessen Gesellschaft 
und Beistand in einem etwas anstrengenden und beschwerlichen Dasein äußer- 
liches Wohlbefinden und seelischen Halt mit sich brachte. 

Bei der Niederschrift dieses Buches hat mich das Interesse des Herrn Have- 
lock EUis sehr gefördert, dessen beispielgebende Arbeit als Bahnbrecher für 
ehrliches Denken und freimütige Forschung ich stets bewundert und verehrt 
habe. Sein Vorwort bedeutet eine wesentliche Bereicherung dieses Buches. 

Meine Freunde, Schüler und Kollegen, die in den letzten Jahren an der 
Londoner „School of Economics" geforscht und studiert haben, sind mir weit 
gehend behilflich gewesen bei der Klärung meiner Ideen und der Darstellung 
meines Materials, vor allem was Famüienleben, Sippenorganisation und Ehe- 
gesetze betrifft. Wenn ich der Arbeit an den schwierigeren soziologischen Ka- 
piteln dieses Buches gedenke, werde ich mich stets dankbar erinnern an die 
Namen Mrs. Robert Aitken (Miß Barbara Freire-Marecco), Dr. R.W. Fürth (jetzt 
auf den Salomon-Inseln), Mr. E. E. Evans-Pritchard (jetzt bei den Azande), 
Miß Camilla Wedgwood (jetzt in Australien), Dr. Gordon Brown (jetzt in Tan- 

XVII 



Einleitung 

ganjika), Dr. Hortense Powdermaker (jetzt auf dem Wege nach Papua), Mr. 
I. Schapera (kürzlich in Süd-Afrika), Mr. T. J. A. Yates (kürzlich in Ägypten) 
Miß Audrey Richards (jetzt auf dem Wege nach Zentral-Afrika). 

Der tiefste Dank für dieses Buch, wie für das meiste, was ich geschrieben 
habe, gebührt meiner Frau. Dir Rat und ihre praktische Mitarbeit haben die 
Niederschrift der Argonauts ofthe Western Pacific und des vorhegenden Werkes 
zu einer angenehmen statt zu einer beschwerlichen Arbeit gemacht. Wenn für 
mich persönlich diese Bücher Wert und Interesse haben, so verdanke ich das 
ihrem Anteil an der gemeinsamen Arbeit. 



London, Januar 1929. 



B. M. 



XVIII 



Valnri 

.ArttaMR» . WC | R | Wl NA 

. Aauntmmi \>. . „ , "A«Hj»»oy» 

O , .7/ALyv 




OFFENE SEE 



TROBRIAND LAGUNE 
Ins. M uw, 

Ins.Yaga Ö 

Ins. Nanoula 




Str ^^^iQbm (DofundKap) 



Un^fdhrer Masstab 
°\ . » , s . 10 km. 



ylNS. VAKUTA 



DIE TROBRIAND-INSELN 



xrx 



ERSTES KAPITEL 



DIE BEZIEHUNGEN DER GESCHLECHTER 
IM GEMEINSCHAFTSLEBEN DES STAMMES 

Männer und Frauen auf den Trobriand- Inseln — ihre Beziehungen in Liebe, 
Ehe und Gemeinschaftsleben — das ist der Gegenstand des vorliegenden 
Buches. 

Der ereignisvollste, von höchster Spannung erfüllte Abschnitt im Verkehr 
zwischen Mann und Frau — jene Zeit, in der sie lieben, sich paaren und Kinder 
erzeugen — muß in jeder Betrachtung des Geschlechtslebens allem anderen 
vorangehen. Für den normalen Durchschnittsmenschen eines jeden Gesell- 
schaftstypus sind die Anziehung durch das andere Geschlecht und die daraus 
erwachsenden leidenschaftlichen, gefühlsbewegten Erlebnisse die bedeut- 
samsten des Daseins — Erlebnisse, die zutiefst mit dem inneren Glück, mit 
den Hochspannungen und dem Sinn des Lehens verknüpft sind. Bei der Unter- 
suchung eines bestimmten Gesellschaftstypus sollte daher der Soziologe vor 
allem die Bräuche, Vorstellungen und Einrichtungen beachten, die das Liebes- 
leben des Individuums umspielen und regeln; denn will er eine harmonische, 
natürliche und richtige Einstellung zu seinem Gegenstand finden, so muß er 
bei seiner Forscherarbeit den Wertungen und Zielen der einzelnen Menschen 
nachgehen. Was für das Individuum höchstes Glück bedeutet, bildet für die 
Wissenschaft von der menschlichen Gesellschaft einen grundlegenden Faktor. 

Aber das Liebesleben ist, wenn auch die wichtigste, so doch nur eine unter 
den vielen Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Man kann es nicht isoliert 
untersuchen, sondern nur in seinem engen Zusammenhang mit der rechtlichen 
Stellung von Mann und Frau, mit ihren familialen Verhältnissen, mit der Ver- 
teilung der wirtschaftlichen Funktionen auf beide. Nichts beeinflußt Werbung, 
Liebe und Paarung so stark bis in jede Einzelheit hinein, wie das Verhältnis 
der Geschlechter zueinander im öffentlichen und privaten Leben, wie ihre 
Stellung in Gesetz und Sitte des Stammes, wie ihre Teilnahme an Spielen und 
Vergnügungen und täglicher Arbeit. 

l m. G. 1 



Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

Die Darstellung des Liebeslebens eines Volkes bat zu beginnen mit der Erotik 
der Jugendlichen und Kinder und gelangt dann ganz von selbst zu den dauern- 
den Bindungen und zur Ehe. Doch an diesem Punkt darf die Erzählung nicht 
abbrechen, die "Wissenschaft kann nicht Vorrechte der Dichtung in Anspruch 
nehmen. Die Art und Weise, wie Männer und Frauen ihr gemeinsames Dasein 
und das ihrer Kinder einrichten, wirkt auf das Liebesleben zurück; das eine 
Stadium läßt sich nicht voll verstehen ohne das andere. 

Dieses Buch behandelt die Geschlechtlichkeit der Eingeborenen auf den 
Trobriand- Inseln, einem Korallen- Archipel nordöstlich von Neu- Guinea. Die 
Trobriander gehören zur papua-mclanesischen Rasse und vereinigen in körper- 
licher Erscheinung, geistiger Ausrüstung und sozialer Organisation überwiegend 
ozeanische Charakterzüge mit gewissen Kennzeichen der unentwickelteren 
papuanischen Bevölkerung von der Hauptinsel Neu-Guinea 1 . 

1. Die Grundlagen des Mutterrechts 

Wir finden auf den Trobriand-Inseln eine mutterrechtliche Gesellschafts- 
ordnung; Abstammung, Verwandtschaft und jede soziale Beziehung bestimmt 
sich nur nach der Mutter; die Frauen haben einen beträchtlichen Anteil am 
Gemeinschaftsleben des Stammes; dies geht so weit, daß sie sogar bei wirt- 
schaftlichen, rituellen und magischen Verrichtungen eine führende Rolle 
spielen; dadurch werden sowohl erotische Sitten und Bräuche als auch die 
Form der Ehe wesentlich beeinflußt ; es empfiehlt sich daher, zunächst einmal 
die geschlechtlichen Beziehungen im weitesten Sinne zu betrachten. Da wären 
zuerst alle diejenigen Erscheinungen in Sitte und Stammesgesetz zu behandeln, 
welche dem Mutterrecht zugrunde Hegen, ferner die verschiedenen Anschau- 
ungen und Vorstellungen, die es erklären helfen. Dann sollen die hauptsäch- 
lichsten Gebiete des Gemeinschaftslebens — Familie, Wirtschaft, Recht, 
Ritual und Magie — kurz skizziert werden; daraus werden wir ersehen, wie 
sich die entsprechenden Betätigungen auf Männer und Frauen verteilen. 

Der wichtigste Faktor im Rechtssystem der Trobriander ist die Vorstellung, 
daß einzig und allein die Mutter den Leib des Kindes aufbaue, und daß der 
Mann in keiner Weise zu seiner Entstehung beitrage. Ihre Anschauungen über 
den Vorgang der Fortpflanzung verbinden sich mit gewissen mythologischen 

1 Einen ausführlichen allgemeinen Bericht üher die nördlichen Massim, zu denen die Tro- 
briander gehören, enthält die klassische Abhandlung von Professor C. G. Scligman, „Mc- 
lanesians of British New Guinea", Cambridge 1 910, wo auch die Beziehungen der Trobriander 
zu den anderen Rassen und Kulturen auf und um Neu-Guinea behandelt werden. Ein kurzer 
Bericht über trobriandische Kultur findet sich auch in meinen „Argonauts of the Western 
Pacific" (Routledge & Sons, 1922). 






Die Grundlagen des Mutterrechts 

und animistischen Glaubenssätzen zu der zweifelfreien, uneingeschränkten 
Behauptung, das Kind sei von gleicher Substanz wie die Mutter, und zwischen 
Vater und Kind bestehe nicht die geringste leibliche Verbindung (vgl. Kap .VII). 
Alles wird von der Mutter beigesteuert zu dem neuen Wesen, das sie gebären 
soll. Das ist der feste Glaube der Eingeborenen, dem sie nachdrücklich Aus- 
druck verleihen: „Die Mutter nährt das Kind in ihrem Leib. Später, wenn es 
herauskommt, nährt sie es mit ihrer Milch." „Die Mutter macht das Kind aus 
ihrem Blut." „Brüder und Schwestern sind vom gleichen Fleisch, weil sie von 
derselben Mutter kommen." Solche und ähnliche Aussprüche kennzeichnen 
ihre Haltung zu diesem wichtigsten Grundsatz ihres Verwandtschaftssystems. 
Noch deutlicher verkörpert sich diese Anschauung in den Vorschriften über 
Herkunft, Erbfolge und Nachfolge in Rang, Häuptlingswürde, erbhchen 
Amtern und Magie — kurz überall dort, wo die verwandtschaftliche Über- 
tragung von Gütern und Würden geregelt wird. Die gesellschaftliche Stellung 
vererbt sich in der Mutterlinie vom Mann auf die Kinder seiner Schwester; 
diese rein matrilineale Auffassung der Verwandtschaft ist von höchster Wich- 
tigkeit bei Heiratsbeschränkungen und -Vorschriften und bei den Tabus im 
geschlechtlichen Verkehr. Wie diese Begriffe von Verwandtschaft sich aus- 
wirken, zeigt sich höchst eindringlich und dramatisch bei Todesfällen. Denn 
alle Vorschriften für Begräbnis, Totenklage und Trauer sowie gewisse sehr 
verwickelte Zeremonien der Nahrungsmittelverteilung beruhen auf dem Grund- 
satz, daß mutterseits verwandte Menschen eine engverknüpfte Gruppe bilden, 
die durch Gleichartigkeit der Gefühle, der Interessen und des Blutes zusammen- 
gehalten wird. Streng gesondert von dieser Gruppe sind alle, die ihr durch ehe- 
liche Bande oder das Vater-Kind- Verhältnis verbunden sind; sie haben keinen 
Anteil an dem schmerzlichen Verlust (vgl. Kap. VI, 2 — 4). Die Institution der 
Ehe ist bei den Eingeborenen gut ausgebaut, doch fehlt ihnen jede Kenntnis 
vom Anteil des Mannes an der Zeugung von Kindern. Dabei hat das Wort 
„Vater" für den Trobriander eine ganz bestimmte, wenn auch ausschließlich 
soziale Bedeutung: es bezeichnet den Mann, der mit der Mutter verheiratet 
ist, im gleichen Hause mit ihr lebt und zum Haushalt gehört. In allen Ge- 
sprächen über Verwandtschaft wurde mir der Vater sehr entschieden als toma- 
kava, als ein „Fremder", oder richtiger als „Außenstehender" beschrieben. 
Diesen Ausdruck gebrauchen die Eingeborenen auch häufig, wenn sie irgend- 
eine Erbschaftsfrage erörtern, ein bestimmtes Betragen erklären oder bei einem 
Streit den Vater in seiner Stellung herabsetzen wollen. 

Es ist dem Leser also klar: das Wort „Vater" darf nicht in dem rechtlichen, 
moralischen und biologischen Sinne aufgefaßt werden, den es für uns hat, 
sondern in dem ganz besonderen Sinne der Gesellschaftsordnung, mit der wir 



Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

es hier zu tun haben. Um Mißverständnisse zu vermeiden, hätten wir vielleicht 
besser daran getan, unser Wort „Vater" überhaupt nicht zu verwenden, son- 
dern Heber das Eingeborenenwort tama, und nicht „Vaterschaft", sondern 
„toma-Verhältnis" zu sagen; doch das wäre zu schwerfällig gewesen. "Wenn 
jedoch der Leser auf diesen Seiten dem Wort „Vater" begegnet, sollte er stets 
daran denken, daß es nicht nach dem deutschen Wörterbuch definiert werden 
darf, sondern nur im Sinne der trobriandischen Lebenswclt. Diese Regel gilt 
übrigens für alle Ausdrücke, die eine besondere soziologische Bedeutung haben, 
also für jede Bezeichnung menschlicher Beziehungen und für Worte wie „Ehe", 
„Scheidung", „Verlöbnis", „Liebe", „Werbung" und ähnliche. 

Was bedeutet das Wort „tama" (Vater) für den Eingeborenen? „Gatte 
meiner Mutter" würde ein intelligenter Gewährsmann zunächst antworten. 
Weiter würde er sagen, sein tama sei der Mann, in dessen liebender Obhut er 
seine Kindheit verbracht habe. Denn auf den Trobriand-In6eln ist die Ehe 
patrilokal, das heißt, die Frau zieht in die Dorfgemeiuschaft ihres Gatten und 
lebt in seinem Hause ; so ist der Vater der nächste Gefährte seiner Kinder. Er 
nimmt tätigen Anteil an der sorglichen Pflege der Kleinen; stets empfindet 
und beweist er zärtliche Liebe für sie, und später hilft er sie erziehen. Das 
Wort tama (Vater) in seinem gefühlsbetonten Sinn verdichtet also eine Fülle 
frühester Kindheitserinnerungen und drückt jenes typische Gefühl aus, das 
zwischen einem Kind und einem reifen liebevollen Mann des gleichen Haushalts 
besteht, während es in sozialer Hinsicht den Mann bezeichnet, der mit der 
Mutter intim verkehrt und Herr des Haushalts ist. 

Insofern unterscheidet sich tama nicht wesentlich von „Vater" in unserem 
Sinne. Doch sobald das Kind heranwächst und Kenntnis gewinnt von Dingen 
jenseits der Haushalt6geschäfte, jenseits seiner unmittelbaren Bedürfnisse, 
treten gewisse Schwierigkeiten auf: nun wandelt sich für das Kind die Be- 
deutung des tama. Es lernt, daß es nicht zum selben Clan gehört wie sein tama, 
daß sein Totem ein anderes ist, übereinstimmend mit dem Totem der Mutter. 
Zugleich erfährt es, daß allerlei Pflichten zu erfüllen, Einschränkungen zu be- 
obachten und Rücksichten auf persönlichen Stolz zu nehmen sind, die alle das 
Kind an seine Mutter binden und vom Vater entfernen. Ein andrer Mann 
taucht auf, vom Kind kadagu („meiner Mutter Bruder") genannt. Dieser Mann 
kann in derselben Ortschaft wohnen, doch ebensogut in einem anderen Dorf. 
Das Kind erfährt überdies : der Ort, wo sein kada (Mutterbruder) wohnt, ist auch 
sein, des Kindes, „eigenes Dorf", dort hat es Besitz und andere Bürgerrechte, 
dort winkt ihm seine künftige Laufbahn, dort findet es seine natürlichen Ver- 
bündeten und Genossen. Vielleicht wird es sogar in seinem Geburtsort als 
„Außenstehender" (tomakava) verspottet; doch in seinem „eigenen" Dorfe, 

4 







1. DER DORFPLATZ VON OMARAKANA 
In der Mitte das große Yamshaus des Häuptlings, dahinter Rasthütten für Besucher, links Wohn- 
haus des Häuptlings, im Hintergrund einige Häuser des weiten Ringes. (KAP. I, 2; KAP. III, 4) 




2. DIE LIEBLINGSFRAU DES HÄUPTLINGS UND IHRE FAMILIE 

Kadamuasila sitzt vor ihrer Wohnhütte zwischen ihren beiden Schwiegertöchtern; hinter diesen 

stehend ihre Gatten, links Kalogusa und rechts Yobukwa'u. Ihre kleine Schwester Kenoria 

nimmt ein Duschbad. Gekochter Yams und Bananen stehen zum Familienmahle bereit. 

(KAP. I, 2 n. 3; KAP. III, 4; KAP. IV, 1 u. 3) 




p 

W 

« 
« 
w 
i— i 
w 

N 



■ja 

CO "" - 
^ - 

» -3 -• 

r- "^ «- 
•2 9 > 

U* 

| H i; 
*&* 

J.a, 

"B *3 — 



£ 



Q 




W 

Z 

K 

O 
c/) 

W 

hH 

u 
cn 

P 

O 
15 

1—4 

►J 
H 

Oh 

- 

a 

cd 
w 

p 






• -. E 

e sc 

S C 
ff 

3 5 

B 
8 3 

5° 
E S 

"9 c 
> a 

3 § 

A 

i s 

3 '- 
Q K 









£ 'S o, 

5*1 

g « 

S g 3 

w .v sc 

^ S .5 

E »■■* 

c 
§ c 



Ein Trobriander-Dorf 

wo die Brüder seiner Mutter wohnen, ist sein Vater ein Fremder, es selbst aber 
ein natürlicher Bürger. Auch erlebt das Kind im Heranwachsen, daß seiner 
Mutter Bruder allmählich immer größere Autorität beansprucht, Dienste von 
ihm fordert, ihm in manchem hilft und zu gewissen Dingen seine Erlaubnis 
gibt oder verweigert, während die väterliche Autorität und Beratung immer 
unwesentlicher wird. 

So verläuft das Leben des Trobrianders unter zweierlei Einfluß — eine 
Zwiespältigkeit, die durchaus nicht rein oberflächlicher Art ist. Tief durch- 
dringt sie das Dasein jedes Individuums, ruft seltsam verwickelte Bräuche 
hervor, verursacht häufige Spannungen und Schwierigkeiten und führt nicht 
selten zu heftigen Unterbrechungen des gleichförmigen Gemeinschaftslebens. 
Denn dieser zwiespältige Einfluß väterlicher Liebe und mutterrechtlicher 
Grundsätze, der alle Einrichtungen und sozialen Begriffe und Gefühle des Ein- 
geborenen durchzieht, ist in seinen Wirkungen tatsächlich nicht recht aus- 
geglichen 1 . 

Es war nötig, auf das Verhältnis des Trobrianders zu seinem Vater, seiner 
Mutter und seiner Mutter Bruder näher einzugehen, denn hier hegt der Kern 
des verwickelten Mutterrechtssystems, welches das gesamte soziale Leben der 
Eingeborenen beherrscht. Die Frage ist außerdem eng verknüpft mit dem 
Hauptthema unsres Buches : Liebesleben, Ehe und Verwandtschaft sind drei 
Seiten desselben Gegenstandes, drei Facetten, die sich soziologischer Analyse 
darbieten. 

2. Ein Trobriander-Dorf 

Wir wissen nun, welche soziologische Bedeutung der Vaterschaft, dem Ver- 
hältnis zum Bruder der Mutter und dem Band zwischen Mutter und Kind 
zukommt — einem Band, das auf der biologischen Tatsache der Schwanger 
schaft und der hieraus sich ergebenden engen seelischen Verknüpftheit beruht. 
Am besten wird diese abstrakte Feststellung veranschaulicht, wenn man das 
Ineinandergreifen der drei verschiedenen Beziehungen an einer wirklich be- 
stehenden Dorfgemeinschaft der Trobriand-Inseln zeigt. Auf diese Art kommen 
wir mit dem wirklichen Leben in Berührung, statt uns in bloßen Abstraktionen 
zu bewegen; wir können auch gleich einige Personen einführen, denen wir 
später wieder begegnen werden. 

Das Dorf Omarakana ist sozusagen die Hauptstadt von Kiriwina, dem 
wichtigsten Gebiet der Inseln. Es ist die Residenz des bedeutendsten Häupt- 
lings, dessen Name, Ruhm und Ansehen weit und breit auf allen Inseln des 
Archipels bekannt ist, obgleich seine Macht nicht über das Gebiet von Kiri- 

1 Vgl. mein „Crime and Custom in Savage Society", Kegan Paul, 1926. 






Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

wina hinausreicht 1 ; das Dorf liegt auf einer fruchtbaren Ebene im nördlichen 
Teil der großen flachen Koralleninsel Boyowa (siehe Karte). Wandern wir von 
den Lagunen-Ankerplätzen der Westküste auf das Dorf zu, so führt die ebene 
Straße durch eintönige, mit niedrigem Buschwerk bestandene Landstriche, 
hie und da unterbrochen von einem tabu erklärten Hain oder einem großen 
Garten, wo Schlinggewächse an langen Stangen gezogen werden, so daß gut 
entwickelte Pflanzungen wie üppige Hopfenfelder aussehen. Auf unserem Weg 
kommen wir durch mehrere Dörfer; der Boden wird fruchtbarer und die Be- 
siedelung dichter, je mehr wir uns dem langen Zug steiler Korallenfelsen nähern, 
welcher die Ostküste säumt und die Ebene im Tunern der Insel vom offenen 
Meere abschließt. 

In der Ferne taucht eine große Baumgruppe auf — die Obstbäume, Palmen 
und ein Stück noch unberührten Urwalds, welche das Dorf Omarakana um- 
geben. Wir durchschreiten den Hain und befinden uns zwischen zwei Reihen 
von Häusern, die in konzentrischen Ringen um einen großen offenen Platz 
gebaut sind (s. Fig. 1 und Abb. 1). Zwischen dem äußeren und inneren Ring 
läuft eine kreisförmige Straße um das ganze Dorf, auf der wir im Weitergehen 
verschiedene Menschengruppen vor ihren Hütten sitzen sehen (s. Abb. 2). Der 
äußere Ring besteht aus den Wohnhäusern, der innere aus den Vorratshütten, 
in denen von einer Ernte bis zur nächsten der taytu aufbewahrt wird, eine 
Varietät der Yamswurzel und die Hauptnahrung der Eingeborenen. Auffällig 
ist die bessere Ausarbeitung, die sorgfältigere Bauweise und die reichere Ver- 
zierung, welche die Yamshäuser vor den Wohnbauten auszeichnen (s. Abb. 31). 
Vom weitläufigen Hauptplatz aus können wir die kreisförmige Reihe der 
Vorratshäuser bewundern, denn diese wie auch die Wohnhäuser wenden ihre 
Vorderseite stets dem Hauptplatz zu. In Omarakana steht ein dem Häuptling 
gehöriges Yamshaus in der Mitte des freien Raumes. Etwas näher dem Ring, 
doch immer noch ziemlich in der Mitte des Platzes, erhebt sich ein zweites 
großes Gebäude, die Wohnhütte des Häuptlings (s. Abb. 1 u. 3). 

Diese merkwürdig symmetrische Anordnung des Dorfes hat ihre Bedeutung, 
denn sie entspricht einem bestimmten soziologischen Plan. Der innere freie 
Raum ist der Schauplatz des öffentlichen und festlichen Lebens. In seiner 
Mitte liegt die frühere Begräbnisstätte der Dorfbewohner, auf der einen Seite 
der Tanzplan, der Schauplatz aller rituellen Feiern und Festlichkeiten. Die 
den Dorfplatz umgebenden Häuser, also der innere Ring der Vorratshütten, 
ist ebenso wie der Platz selbst gewissermaßen geweiht, da mit einer Anzahl 

1 Weitere Berichte über diese hervorragende Persönlichkeit und sein Häuptlingsamt siehe 
C. G. Seligman, op. cit., Kap. 49 u. 51, desgl. meine „Argonauts of thc Western Pacific", 
passim, und „Baloma, Spirits of the Dead", Journ. R. Anthrop. Inst. 1916. 






<n> Dop oDDa 







□ a 

CD 
CD 
CD 
CD 

° a 
° □ 

CD 



a 



% 



d 
"E, 

N 

c 



E23 



£23 



V 







07 



o 







<? 




«0 

5. 

Ol 

"a 

:C8 
u 
bß 
0) 

CO 




■9* 

-s-ö 
o 



ÖD 

c 



a 



Y 



o 



# OD 0° 



00 



to 



<$ 



$> 



« 

«1 

o 

CO 

H 
tu 
« 
O 

O 

CO 

W 
fi 

!Z 

«! 






Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

Tabus belegt. Auf der Straße zwischen den beiden Häuserreihen spielen sich 
häusliches Leben und alltägliches Geschehen ab (s. Abb. 2 u. 43). Mit einiger 
Einschränkung könnte man den Hauptplatz als den Dorfteil der Männer, die 
Straße als den Dorfteil der Frauen bezeichnen. 

Wir wollen nun mit einigen wichtigeren Einwohnern von Omarakana Be- 
kanntschaft schließen, vor allem mit dem jetzigen Häuptling To'uluwa (siehe 
Abb. 3 und 39). Er und seine Familie sind nicht nur die hervorragendsten Mit- 
glieder der Dorfgemeinschaft, sondern sie bewohnen auch mehr als das halbe 
Dorf. Wie wir später sehen werden (Kap. V, 4), genießen die Häuptlinge auf den 
Trobriand-Inseln das Vorrecht der Vielweiberei. To'uluwa, der das große Haus 
in der Mitte des Dorfes bewohnt, hat eine Anzahl Frauen, welche eine ganze 
Reihe von Hütten innehaben (A— B auf dem Plan Fig. 1). Auch seine Ver- 
wandten mütterlicherseits, die seiner Familie und seinem Unter-Clan, den 
Tabalu, angehören, haben einen bestimmten Teil des Dorfes für sich (A — C). 
Der dritte Abschnitt (B — C) wird von gewöhnlichen Bürgern bewohnt, die 
weder Verwandte noch Kinder des Häuptlings sind. 

Die Dorfgemeinschaft zerfällt also in drei Teile: der erste besteht aus dem 
Häuptling und seinen Verwandten mütterlicherseits, den Tabalu; sie betrach- 
ten das Dorf als ihr Eigentum und halten sich selbst für die Herren von 
Grund und Boden, ausgestattet mit allen dazu gehörigen Vorrechten. Der 
zweite Teil besteht aus den gewöhnlichen Bürgern, die wiederum in zwei 
Gruppen zerfallen; die einen beanspruchen das Bürgerrecht auf Grund 
mythischer Vorstellungen (diese Ansprüche sind jedoch den Rechten der 
Häuptlingssippe entschieden untergeordnet, und ihre Verfechter leben im 
Dorfe nur als Vasallen oder Diener des Häuptlings), die anderen sind 
Fremde in erblichen Diensten beim Häuptling und haben das Wohnrecht 
kraft dieses Titels. Der dritte Teil besteht aus den Frauen des Häuptlings 
und ihren Abkömmlingen. 

Diese Frauen müssen sich auf Grund der patrilokalen Ehebestimmungen 
im Dorf ihres Gatten niederlassen, und natürlich bleiben ihre jüngeren Kinder 
bei ihnen. Die erwachsenen Söhne jedoch dürfen nur dank dem persönlichen 
Einfluß ihres Vaters im Dorfe bleiben. Dieser Einfluß ist mächtiger als das 
Stammesgesetz, wonach jeder Mann in seinem eigenen, das heißt im Dorfe 
seiner Mutter, wohnen sollte. Der Häuptling liebt seine Kinder stets viel mehr 
als seine mutterseitigen Verwandten, zieht ihre Gesellschaft vor und stellt 
sich, wie jeder typische trobriandische Vater, wenigstens gefühlsmäßig in 
jedem Streit auf ihre Seite; und immer versucht er ihnen möglichst viele Vor- 
rechte und Vorteile zuzuwenden. Von den gesetzlichen Nachfolgern des Häupt- 
lings, seinen Verwandten mütterlicherseits, den Kindern seiner Schwester, 



Ein Trobriander-Dorf 

wird natürlich dieser Stand der Dinge nicht sehr gern gesehen, und häufig er- 
geben sich daraus beträchtliche Spannungen und heftige Reibungen. 

Eine solche gespannte Lage hat sich vor einiger Zeit in einem heftigen Auf- 
ruhr Luft gemacht, der das stille Leben von Omarakana stark erschüttert 
und auf Jahre hinaus seine innere Harmonie untergraben hat 1 . 

Ein alter Streit bestand zwischen Namwana Guya'u, dem Lieblingssohn des 
Häuptlings, und Mitakata, seinem Neffen und zugleich drittem Anwärter auf 
die Herrschaft (s. Abb. 4). Namwana Guya'u war nächst seinem Vater der 
einflußreichste Mann im Dorfe : To'uluwa ließ ihn ziemlich frei schalten und 
walten und gab ihm mehr als ihm zukam an Besitz und Vorrechten. 

Eines Tages, etwa ein halbes Jahr nach meiner Ankunft in Omarakana, 
gipfelte der Streit in einer scharfen Krise. Namwana Guya'u, der Sohn des 
Häuptlings, beschuldigte seinen Feind Mitakata des Ehebruchs mit seiner 
Frau; er brachte ihn vor den weißen Richter, und Mitakata bekam etwa einen 
Monat Gefängnis. Als die Nachricht von der Verhaftung aus dem ein paar 
Meilen entfernten Regierungssitz bei Sonnenuntergang ins Dorf kam, herrschte 
größte Bestürzung. Der Häuptling schloß sich in sein Wohnhaus ein, voll 
düsterer Befürchtungen für seinen Liebling, der Gesetz und Empfinden des 
Stammes so freventlich verletzt hatte. Die Verwandten des verhafteten Erben 
der Häuptlingswürde kochten vor unterdrückter Wut und Empörung. Als die 
Nacht kam, setzten sich die bedrückten Dorfbewohner schweigend zum Abend- 
essen hin, jede Familie zu ihrem Mahl. Kein Mensch auf dem Dorfplatz. Nam- 
wana Guya'u ließ sich nicht sehen, der Häuptling To'uluwa saß einsam in 
seinem Hause, und auch die meisten seiner Frauen und Kinder hielten sich in 
ihren Hütten auf. Plötzlich erscholl eine laute Stimme durch das Dorf. Bagido'u, 
erster Anwärter auf die Häuptlingswürde und ältester Bruder des Verhafteten, 
stand vor seiner Hütte und rief mit lauter Stimme den Beleidiger seiner 
Familie an: 

„Namwana Guya'u, du hast Unheil über uns gebracht. Wir, die Tabalu von 
Omarakana, haben dir erlaubt, hier zu bleiben, bei uns zu wohnen. Speise 
in Hülle und Fülle hast du gehabt. Du hast unsere Speise gegessen. Du hast 
ein Teil bekommen von den Schweinen, die wir als Tribut empfangen haben, 
und von dem Fleisch. Du bist in unserem Kanu gefahren. Du hast ein Haus 
auf unserem Grund und Boden gebaut. Jetzt hast du uns Böses getan. Du hast 
Lügen erzählt. Mitakata ist im Gefängnis. Wir wollen nicht, daß du hier bleibst. 

1 Der folgende Bericht ist bereits veröffentlicht in „Crime and Custom" (S. 101 ff.). Da es 
sich um die beinahe ganz getreue Wiedergabe meiner ursprünglichen Notizen handelt, 
drucke ich ihn lieber noch einmal in der gleichen Fassung mit nur geringen stilistischen Ver- 
änderungen ab. 



Geschlechter im Gemeinschaftsieb en 

Dies ist unser Dorf! Du bist hier ein Fremder. Geh fort ! Wir treiben dich fort ! 
Wir treiben dich aus Omarakana." 

Die Worte wurden ausgestoßen mit lauter gellender Stimme, die vor heftiger 
Erregung zitterte; auf jeden kurzen Satz folgte eine Pause; gleich einem Wurf- 
geschoß wurde jeder einzelne Satz über den leeren Dorfplatz hinüberge- 
schleudert zu der Hütte, wo Namwana Guya'u düster vor sich hinbrütete. Als 
nächste trat Mitakatas jüngere Schwester auf und dann ein junger Mann, ein 
mutterseitiger Neffe der Geschwister. Beide riefen fast dieselben Worte wie 
Bagido'u; der Kehrreim war die Verstoßungsformel: das yoba. Diese Reden 
wurden in tiefem Schweigen aufgenommen. Nichts rührte sich im Dorf. Doch 
ehe die Nacht vergangen war, hatte Namwana Guya'u Omarakana für immer 
verlassen. Er war fortgezogen und hatte sich in dem wenige Meilen entfernten 
Osapola niedergelassen, seinem „eigenen" Dorf, der Heimat seiner Mutter. 
Sie und seine Schwester klagten wochenlang um ihn mit lautem Wehklagen 
wie um einen Toten. Der Häuptling blieb drei Tage in seiner Hütte; als er 
herauskam, sah er gealtert und leidgebrochen aus. Mit all seiner persönlichen 
Teilnahme und Liebe stand er auf der Seite seines Lieblingssohnes, doch ver- 
mochte er nichts zu tun, um ihm beizustehen. Seine Sippe hatte sich streng 
an ihre Rechte gehalten, und er konnte sich unmöglich von ihr lossagen. Keine 
Macht konnte den Verbannungsspruch ändern. Waren einmal die Worte ge- 
sprochen „Geh fort" — bukula, „wir treiben dich fort" — kayabaim, so mußte 
der Mann gehen. Diese Worte, die nur ganz selten im Ernst gebraucht werden, 
haben bindende Kraft und eine beinah rituelle Macht, wenn ein Bürger sie 
gegen einen im Dorfe wohnenden Outsider ausspricht. Ein Mann, der dieser 
schrecklichen Beleidigung trotzen und dennoch bleiben würde, wäre ehrlos 
für immer. Für einen Trobriander ist ein anderes Verhalten als sofortige Unter- 
werfung unter eine rituelle Forderung ganz unausdenkbar. 

Der Groll des Häuptlings gegen seine Sippe war tief und nachhaltig. Zuerst 
wollte er nicht einmal mit ihnen reden. Obzwar sie den Anspruch hatten, 
überseeische Reisen mitzumachen, wagte etwa ein Jahr lang keiner, ihn um 
dieses Vorrecht zu bitten. Als ich zwei Jahre später, 1917, wieder auf die 
Trobriand-Inseln kam, wohnte Namwana Guya'u immer noch in dem anderen 
Dorf und hielt sich fern von der Sippe seines Vaters, obwohl er häufig nach 
Omarakana zu Besuch kam, um seinem Vater behilflich zu sein, besonders 
wenn To'uluwa größere Reisen unternahm. Seine Mutter war gestorben, ehe 
noch ein Jahr nach seiner Verbannung vergangen war. Wie die Eingeborenen 
mir erzählten: „Sie wehklagte und wehklagte, verweigerte die Nahrung und 
starb." Die Beziehungen zwischen den beiden Hauptfeinden waren gänzlich 
zerstört; der junge Häuptling Mitakata, der im Gefängnis gewesen war, hatte 

10 






Ein Trobriander-DoTf 

seine Frau verstoßen, die demselben Unter-Clan wie Namwana Guya'u an 
gehörte. Eine tiefe Kluft hatte das ganze soziale Leben in Kiriwina gespalten. 

Es war dies eines der dramatischsten Ereignisse, das ich auf den Trobriand- 
Inseln erlebte. Ich habe es deshalb so ausführlich beschrieben, weil es ein 
scharfes Licht wirft auf das Wesen des Mutterrechts, auf die Macht des 
Stammesgesetzes und auf die Leidenschaften, die trotz und wider Recht und 
Gesetz in heftiger Gärung sind. An diesem Ereignis sieht man auch, welch tiefe 
Liebe ein Vater für seine Kinder empfindet, wie er darauf bedacht ist, durch 
seinen persönlichen Einfluß ihnen eine starke Stellung im Dorf zu verschaffen, 
wie ihm dies die Gegnerschaft seiner mütterlichen Sippe einbringt, und wie 
es infolgedessen zu Spannungen und Spaltungen kommt. Unter gewöhnlichen 
Verhältnissen, in einer kleineren Dorfgemeinschaft, wo die feindlichen Mächte 
bescheidener und unbedeutender sind, hätte eine solche Spannung weiter nichts 
bedeutet, als daß die Kinder nach dem Tode des Vaters an ihre mutterseitigen 
Verwandten fast alle materiellen Zuwendungen hätten zurückzahlen müssen, 
die sie vom Vater zu seinen Lebzeiten empfangen hatten. Auf jeden Fall er- 
geben sich aus diesem zwiefachen Spiel väterlicher Neigung und mutterrecht- 
licher Autorität ein gut Teil Unzufriedenheit, Mißstimmung und Wohn- 
schwierigkeiten: Sohn und Schwestersohn des Häuptlings sind prädestinierte 
Feinde. 

Dieses Motiv wird uns im Verlauf unserer Schilderung immer wieder be- 
gegnen. Wenn wir die Einwilligung zur Eheschließung behandeln, werden wir 
die Wichtigkeit der väterlichen Autorität und die Funktionen der mütter- 
lichen Sippe kennenlernen. Die Sitte der Kreuz- Vettern-Basen-Heirat ist ein 
althergebrachter Ausgleich zwischen den beiden feindlichen Prinzipien. Ge- 
schlechtliche Tabus und Inzestverbote lassen sich ebenfalls ohne klare Er- 
fassung der hier erörterten Prinzipien nicht verstehen. 

Bisher haben wir also To'uluwa kennengelernt, seine Lieblingsfrau Kadam- 
wasila, die nach der Dorftragödie starb, ihrer beider Sohn Namwana Guya'u, 
und seinen Feind Mitakata, den Sohn der Schwester des Häuptlings; wir wer- 
den ihnen später wieder begegnen, denn sie gehörten zu meinen besten Ge- 
währsleuten. Auch noch andere Söhne des Häuptlings und seiner Lieblingsfrau 
werden wir kennenlernen, sowie einige seiner Verwandten mütterlicherseits. 
Wir werden uns mit ihren Liebesaffären und Ehegeschichten beschäftigen, 
ihre Familienskandale ausspionieren und uns indiskreterweise für ihr intimes 
Leben interessieren müssen. Denn sie alle standen lange Zeit unter ethno- 
graphischer Beobachtung, und ich verdanke einen großen Teil meines Materials 
ihren vertraulichen Mitteilungen und vor allem ihren Klatschereien. 

Auch andere Dorfgemeinschaften sollen uns manches Beispiel liefern; wir 

11 



Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

werden den Lagunendörfern an der Westküste, manchen Ortschaften im 
Süden der Insel und einigen benachbarten kleineren Inseln des Archipels 
unseren Besuch abstatten. In all diesen anderen Gemeinschaften herrschen 
einförmigere, demokratischere Zustände; daraus ergeben sich gewisse Unter- 
schiede in der Art ihres Geschlechtslebens. 

3. Familienleben 

Als wir das Dorf betraten, mußten wir die Straße zwischen den beiden 
konzentrischen Häuserreihen überschreiten 1 . Hier spielt sich das tägliche Leben 
der Dorfgemeinschaft ab, hierher müssen wir zurückkehren, wenn wir die 
Gruppen vor den Hütten näher betrachten wollen (s. Abb. 2). Gewöhnlich 
besteht jede Gruppe aus nur einer Familie — Mann, Frau und Kindern; ent- 
weder sitzen sie müßig da, oder sie sind mit irgendeiner häuslichen Verrichtung 
beschäftigt, die je nach der Tageszeit verschieden ist. An einem schönen Morgen 
sehen wir sie hastig ein karges Frühstück verzehren; dann bringen Mann und 
Frau mit Hilfe der größeren Kinder die Gerätschaften für das Tagewerk in 
Ordnung, während der Säugling abseits auf eine Matte gelegt wird. In den 
kühlen Vormittagsstunden geht dann jede Familie ihrer Arbeit nach, und das 
Dorf liegt fast ganz verlassen da. Der Mann zieht vielleicht in Gemeinschaft 
mit anderen auf den Fischfang oder auf die Jagd, oder er baut an einem Kanu 
oder sieht sich nach Bauholz um. Die Frau geht vielleicht Muscheln oder wilde 
Früchte sammeln. Oder beide arbeiten in den Gärten oder machen einen Be- 
such. Der Mann verrichtet oft schwerere Arbeit als die Frau, doch wenn beide 
in den heißen Nachmittagsstunden zurückkommen, ruht er sich aus, während 
sie sich im Haushalt zu schaffen macht. Gegen Abend, wenn die sinkende 
Sonne längere, kühlere Schatten wirft, beginnt das gesellige Leben des Dorfes. 
Um diese Zeit sehen wir unsere Familiengruppe vor ihrer Hütte, die Frau 
macht das Essen zurecht, die Kinder spielen, der Mann gibt sich vielleicht mit 
dem Säugling ab. Dies ist die Zeit, da die Nachbarn einander besuchen; oft 
auch geht die Unterhaltung von Gruppe zu Gruppe. 

Der freimütige, freundliche Verkehrston, das offensichtliche Gefühl der 
Gleichheit, die Hilfsbereitschaft des Vaters in allen häusbxhen Angelegen- 
heiten, vor allem in der Kinderwartung, muß jedem aufmerksamen Beobachter 
sofort auffallen. Die Frau beteiligt sich lebhaft an Scherzen und Unterhaltung; 
frei und selbständig tut sie ihre Arbeit, nicht wie eine Sklavin oder Dienerin, 
sondern wie ein Mensch, der den ihm zukommenden Arbeitskreis geschickt 

1 Ein gutes Bild von der Straße bekommt man auf Abb. 12; hinter den beiden Yamshiiusern 
in der Mitte sind rechts und links zwei Wohnbütten zu seben. 



12 



'■ 




5. FEIERLICHES TARO-KOCHEN 
Die Klöße auf den flachen Schüsseln (links) werden zunächst von den Frauen zubereitet, dann 
in großen Tontöpfen gekocht und mit langen Spateln umgerührt. Bemerkenswert die winzige 
Yamshütte (in der Mitte links), die dem kleinen Jungen davor gehört. Wir blicken von einer 
Stelle im Wohnhütten- Ring zuischen den Vorratshäusern hitidurch nach dem Dorfplatz. 

(KAP. I, 3; KAP. IV, 3; KAP. XI, 2) 



'sna^ 







6. FRAUEN MIT TRAGKISSEN 
Sie rasten am Wege; die Lasten sind abgelegt, aber die Kissen werden auf dem Kopf behalten. 
Die mittelste Frau trägt eine Trauerrcliquie über der Schulter. (KAP. I, 3; KAP. VIII, 4, Anm.) 



' 







7. EINE FAMILIE UNTERWEGS 

Die Frau trägt große Yumsknollen in einem Korb und das Kind in charakteristischer Haltung 

auf der Hüfte; der Mann hat eine Krummaxt über der Schulter. Das Kind fühlt sich offenbar 

am sichersten, wenn es sich gleichzeitig an Vater und Mutter festhält. (KAP. I, 3) 




' v Uft!/?K£9EZ.i 

8. INNERES EINER WOHNHÜTTE 
Zwei Schlaf bänke längs der Rückwand. Auf dem unteren Lager ein chinesischer Kampferholz- 
koffer, Kattun, Wassergefäße, zusammengelegte Matten und ein Korb. Auf dem oberen hager 
die Kalkkalebasse im runden Korb und einige Rollen Pandanus- Blätter. (KAP. I, 3) 



Familienleben 

bewältigt; sie kommandiert ihren Mann herum, wenn 6ie seine Hilfe braucht. 
Tagtägliche gründliche Beobachtung bestätigt diesen ersten Eindruck. Der 
typische Trobriander-Haushalt beruht auf den Prinzipien der Gleichheit und 
Arbeitsteilung; der Mann gilt als der Herr des Haushalts, denn er ist in seinem 
eigenen Dorf, das Haus gehört ihm; aber die Frau hat in anderer Hinsicht 
beträchtlichen Einfluß. Sie und ihre Familie sind an der Nahrungsmittel- 
versorgung des Haushalts stark beteiligt; bestimmte Dinge im Hause sind ihr 
Eigentum; und sie ist — nächst ihrem Bruder — das gesetzliche Haupt der 
Famüie. Die Arbeitsteilung im Haushalt ist auf gewissen Gebieten sehr streng 
durchgeführt; die Frau hat das Essen zu kochen — eine einfache Angelegenheit, 
die keine großen Vorbereitungen erfordert. Die Hauptmahlzeit wird bei Sonnen- 
untergang eingenommen und besteht aus Yams, Taro oder anderen Knollen- 
früchten, die am offenen Feuer gebraten oder seltener in einem kleinen Topi 
gekocht oder in der Erde geröstet werden; dazu gibt es gelegentlich Fisch oder 
Fleisch. Am nächsten Morgen werden die Reste kalt verzehrt; manchmal, 
doch nicht regelmäßig, gibt es zu Mittag Früchte, Muscheln oder irgendeinen 
anderen leichten Imbiß. 

Unter gewissen Umständen können auch Männer das Essen vorrichten und 
kochen: auf Wanderungen, überseeischen Reisen, Fischfang- oder Jagdaus- 
flügen, wenn sie ihre Frauen nicht bei sich haben, und auch bei bestimmten 
anderen Gelegenheiten; wenn nämlich Taro- oder Sagoklöße in den großen 
Tontöpfen gekocht werden, fordert die Tradition, daß die Männer ihren Frauen 
helfen (s. Abb. 5). Doch innerhalb des Dorfes und im gewöhnlichen alltäg- 
Hchen Leben kocht der Mann nie — es wäre schimpflich für ihn. „Du bist ein 
Koch" (tokakabwasi yoku) würden die anderen spotten. Die Angst, ein solches 
Wort hören zu müssen oder verlacht und beschämt zu werden (kakayuwa), 
ist außer ordentlich groß. Sie erwächst aus der für Wilde charakteristischen 
Scheu und Furcht, etwas Unschickliches zu tun, oder, schlimmer noch, etwas 
zu tun, was eigentlich dem anderen Geschlecht oder einer anderen sozialen 
Klasse zukommt (vgl. Kap. XIII, 1 — 4). 

Es gibt eine Anzahl Tätigkeiten, die durch Stammessitte ausschließlich dem 
einen Geschlecht zugeteilt sind. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Art, wie 
Lasten getragen werden. Frauen tragen den spezifisch weiblichen Behälter, 
den glockenförmigen Korb, oder andere Bürden auf dem Kopfe; Männer 
dürfen nur auf der Schulter tragen (s. Abb. 6, 7 u. 28). Eine Last auf die Art 
zu tragen, die dem anderen Geschlecht zukommt, würde jedes Individuum 
mit wahrem Entsetzen und tiefer Beschämung erfüllen; nichts könnte einen 
Mann dazu bringen, eine Last auf den Kopf zu nehmen, sei es auch nur im 
Spaß. 

13 



Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

Ein ausschließlich weibliches Arbeitsfeld ist die Wasserversorgung. Die Frau 
hat die Wassergefäße des Haushalts in ihrer Obhut; sie werden aus der höl- 
zernen Schale einer reifen Kokosnuß hergestellt und mit einem Stöpsel aus 
einem zusammengedrehten Palmblatt versehen. Am Morgen oder gegen Sonnen- 
untergang wandert die Frau oft fast einen Kilometer weit ans Wasserloch: 
hier versammeln sich die Frauen, rasten und schwatzen, während eine nach 
der anderen ihre Gefäße füllt, reinigt, in Körbe oder flache hölzerne Schüsseln 
ordnet und schließlich kurz vorm Aufbruch das Ganze mit Wasser übersprengt, 
damit es recht frisch und verlockend aussieht. Das Wasserloch ist der Frauen- 
klub, das Klatschzentrum, und als solches von Wichtigkeit, denn in einem 
Trobriander-Dorf gibt es eine ausgesprochen weibliche öffentliche Meinung 
und einen weiblichen Standpunkt; die Frauen haben ihre Geheimnisse vor den 
Männern, geradeso wie umgekehrt. 

Wir haben schon gesehen, daß der Ehemann an der Pflege der Kinder seinen 
vollen Anteil hat. Er hätschelt den Säugling und trägt ihn herum, reinigt und 
wäscht ihn, und füttert ihn mit der zerdrückten pflanzlichen Nahrung, die er 
als Zugabe zur Muttermilch fast von Geburt an erhält. Den Säugling in den 
Armen zu tragen oder auf den Knien zu halten (kopoH), ist tatsächlich die 
besondere Aufgabe und Pflicht des Vaters (tama). Von den Kindern einer un- 
verheirateten Frau, die „ohne einen tama" sind (das heißt wohlgemerkt, ohne 
einen Gatten ihrer Mutter), sagen die Eingeborenen, sie seien „unglücklich" 
oder „schlecht", weil niemand da sei, sie zu pflegen und zu liebkosen (gala 
taytala bikopo'i) ; und wenn jemand fragt, warum denn Kinder Pflichten hätten 
gegen ihren Vater, der für sie doch ein „Fremder" sei, so lautet die Antwort un- 
weigerlich : „Wegen des Pflegens (pela kopoH)", „weil seine Hände von den Exkre- 
menten und dem Urin des Kindes beschmutzt worden sind" (vgl. Kap. VII). 

Der Vater erfüllt seine Pflichten mit echter natürlicher Zärtlichkeit : stunden- 
lang trägt er das Kind herum und blickt es an mit Augen so voller Liebe und 
Stolz, wie man es nur selten bei einem europäischen Vater sieht. Jedes Lob 
des Babys findet den geraden Weg zu seinem Herzen; nie wird er müde, die 
Tugenden und Fertigkeiten des Sprößlings seiner Frau zu preisen und vor- 
zuführen. Beobachtet man eine eingeborene Familie zu Hause oder begegnet 
ihr auf der Landstraße, so hat man tatsächlich einen starken Eindruck von 
der in n ig en, engen Verbundenheit ihrer Mitglieder (s. Abb. 7, 26). Wie wir 
gesehen haben, läßt diese gegenseitige Zuneigung auch in späteren Jahren 
nicht nach. So haben wir in der Innigkeit des Familienlebens noch eine andere 
Seite des interessanten und verwickelten Gegenspiels zwischen sozialer und 
gefühlsmäßiger Vaterschaft einerseits und dem ausdrücklich anerkannten, 
geltenden Mutterrecht andererseits. 



14 



Die Aufteilung von Besitz und Pflichten 

Wir sind noch nicht bis ins Innere des Hauses vorgedrungen, denn bei 
schönem Wetter spielt sich das Familienleben stets vor der Wohnhütte ab 
Nur bei Regen und kaltem Wetter, in der Nacht und zu intimen Zwecken ziehen 
sich die Eingeborenen ins Innere des Hauses zurück. An nassen oder windigen 
Abenden in der kühleren Jahreszeit findet man die Dorfstraße verlassen 
schwaches Licht schimmert durch schmale Ritzen der Hüttenwände und 
Stimmen in lebhafter Unterhaltung dringen heraus. Drinnen, in einem kleinen 
Raum, erfüllt von dichtem Rauch und menschlichen Ausdünstungen, sitzen 
die Leute auf dem Boden ums Feuer oder liegen auf Bettstellen, die mit Matten 
bedeckt sind. 

Die Häuser werden direkt auf dem Erdboden erbaut; der Fußboden besteht 
aus gestampftem Erdreich. Auf dem Grundriß eines Hauses (Fig. 2) sehen 
wir die Hauptgegenstände der sehr einfachen Ausstattung: die Feuerstelle, 
einen einfachen Rmg aus kleinen Steinen, darunter drei größere als Gestell 
für den Kochtopf ; hölzerne Schlafbänke an der Rückwand und der dem Herd 
gegenüberhegenden Seitenwand (vgl. Abb. 8) und ein paar Wandbretter, auf 
denen Netze, Kochtöpfe, die Baströcke der Frauen und andere Haushaltungs- 
gegenstände aufbewahrt werden. Die Wohnhütte des Häuptlings ist wie ein 
gewöhnliches Haus gebaut, nur größer. Die Yamshäuser haben eine andere, 
etwas kompliziertere Bauweise und sind ein wenig über dem Erdboden erhöht! 

Der normale Tagesverlauf in einem typischen Haushalt zwingt die Familie 
zu großer Intimität — sie schlafen im gleichen Raum, sie essen gemeinsam 
und verbringen den größten Teü ihrer Arbeits- und Feierstunden zusammen. 

4. Die Aufteilung von Besitz und Pflichten 
auf Mann und Weib 
Die Mitglieder eines Haushalts sind auch durch gemeinsame wirtschaftliche 
Interessen verbunden. Auf diesen Punkt jedoch muß ausführlicher eingegangen 
werden, da wir es hier mit einer wichtigen und ziemlich verwickelten Frage 
zu tun haben. Es darf dabei nie außer acht gelassen werden, daß persönlicher 
Besitz für den Eingeborenen eine Sache von großer Wichtigkeit ist. Die Be- 
zeichnung toli- („Eigentümer" oder „Herr", als Vorsilbe dem Gegenstand des 
Besitzes vorangestellt) drückt an sich schon einen beträchtlichen Wert aus, 
da sie eine Art Auszeichnung verleiht, selbst wenn sie keinen Anspruch auf 
ausschbeßhche Benutzung erteilt. Dieser Ausdruck und der Begriff des Eigen- 
tums sind in jedem einzelnen Falle sehr scharf umgrenzt, doch die Beziehungen 
je nach den verschiedenen Gegenständen viel zu verschiedenartig, um sie in 
eine einzige allgemeingültige Formel zusammenz ufassen 1 . 
1 Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", Kap. VI und passim. 



15 



Schlafbänke 



&>. 



0. 



(ß 



^^Feuerstätte 




Wandbretter Innere T ür Wandbretter 
1 1 



Wandbretter 



Vorraum 



Wandbretter 
■I • *- 



Tür 



Fig. 2. PLAN EINES WOHNHAUSES (KAP. I, 3) 



16 



Die Aufteilung von Besitz und Pflichten 

Trotz der engen Verbundenheit der Familie sind merkwürdigerweise die 
häuslichen Gerätschaften und all die vielen Dinge, die in der Hütte herum- 
liegen, nicht gemeinsames Eigentum. Mann und Frau haben jeder seine (oder 
ihre) eigenen Besitztümer. Der Frau gehören ihre Baströcke, von denen sie 
meist zwölf bis zwanzig Stück für die verschiedensten Gelegenheiten vorrätig 
hat; hei der Beschaffung ist Bie auf eigene Geschicklichkeit und eigenen Fleiß 
angewiesen, so daß eine kiriwinischc Dame in der Toilettenfrage ganz auf 
eigenen Füßen steht. Die Wassergefäße, die Werkzeuge zum Kleidermachen 
und eine Anzahl Gegenstände persönlichen Schmucks sind ebenfalls Eigentum 
der Frau. Dem Mann gehören seine Werkzeuge, das Beil und die Krummaxt, 
die Netze, die Speere, der Tanzschmuck und die Trommel, ferner jene hoch- 
bewerteten Gegenstände, welche die Eingeborenen vaygu'a nennen; es sind 
dies Halsketten, Gürtel, Muschel-Armreife und große polierte Beilklingen. 

„Privateigentum" ist hier übrigens kein bloßes Wort ohne praktische Be- 
deutung. Mann und Frau können über jeden ihnen gehörigen Gegenstand frei 
verfügen und tun dies auch; stirbt der eine Ehegatte, so werden die Gegen- 
stände nicht von dem anderen geerbt, sondern unter eine bestimmte Gruppe 
von Erben verteilt. Bei häuslichen Streitigkeiten zerstört manchmal der Mann 
das Eigentum seiner Frau — er läßt etwa seine Rachegefühle an den Wasser- 
gefäßen oder an den Baströcken aus — oder die Frau zerschlägt seine Trommel 
oder zerbricht seinen Tanzschild. Der Mann muß auch seine eigenen Sachen 
ausbessern und in Ordnung halten, die Frau ist also nicht Haushälterin im 
üblichen europäischen Sinn. 

Unbewegliche Güter, wie Gartenland, Bäume, Häuser, auch Segelschiffe, 
sind fast ausnahmslos Eigentum der Männer, ebenso das lebende Inventar 
das hauptsächlich aus Schweinen besteht. Wir werden später auf diesen Punkt 
zurückkommen, wenn wir von der sozialen Stellung der Frau sprechen, denn 
der Besitz solcher Dinge bedeutet Macht. 

Von den wirtschaftlichen Rechten kommen wir nun zu den wirtschaftlichen 
Pflichten; da wollen wir zunächst die Verteilung der Arbeit auf die beiden 
Geschlechter betrachten. Bei den schwereren Arbeiten wie Gartenbestellung, 
Fischfang und Beförderung schwerer Lasten besteht strenge Arbeitsteilung 
zwischen Mann und Frau. Fischfang und Jagd (die letztere ist auf den Tro- 
briand-Inseln sehr unbedeutend) wird von Männern betrieben, während das 
Sammeln von Seemuscheln und -krebsen nur von Frauen ausgeführt wird. 
Bei der Gartenbestellung wird die schwerste Arbeit, wie das Roden, die Her- 
stellung der Zäune, das Herbeiholen der schweren Yamsstützen und das Pflan- 
zen der Knollen, ausschließlich von Männern verrichtet. Das Ausjäten des 
Unkrauts ist die besondere Aufgabe der Frau, während die Wartung der 

2 M. G. -i n 



Geschlechter im Gemeinschaftsleben 

Pflanzen in der Zwischenzeit sowohl von Männern als auch von Frauen ge- 
leistet wird. Den Männern fällt die Pflege der Kokos- und Arecapalmen und 
der Obstbäume zu, soweit eine Pflege überhaupt nötig ist, während die Frauen 
meistens die Schweine versorgen. 

Überseeische Reisen werden nur von Männern unternommen, und das 
Bauen der Kanus ist gleichfalls ausschließlich ihre Sache. Die Männer be- 
treiben auch den größten Teil des Handels, vor allem den wichtigen Austausch 
pflanzlicher Nahrung gegen Fisch, der zwischen Binnenland- und Küsten- 
bewohnern stattfindet. Beim Hausbau errichten die Männer das Holzgerüst, 
und die Frauen helfen bei der Herstellung des Daches und der Wände aus 
Flechtwerk. Beide Geschlechter beteiligen sich am Tragen von Lasten; die 
Männer übernehmen die schwereren, dafür gehen aber die Frauen häufiger. 
Und wie wir gesehen hahen, hat jedes Geschlecht seine charakteristische Art, 
die Last zu placieren. 

Was geringere Arbeiten angeht, die Herstellung kleinerer Gegenstände, so 
verfertigen die Frauen die Matten und flechten Armringe und Gürtel. Natür- 
lich müssen sie ihre persönliche Kleidung allein herstellen, ebenso wie die 
Männer sich ihr nicht sehr umfangreiches, aber sorgfältig gearbeitetes Gewand, 
das Schamblatt, selber schneidern müssen; Männer verrichten alle Holz- 
schnitzarbeit, selbst wenn es sich um Gegenstände handelt, die ausschließlich 
von Frauen benutzt werden; sie fabrizieren Kürbisflaschen für den Kalk zum 
Betelkauen, und in den alten Zeiten pflegten sie alle Steinwerkzeuge zu glätten 
und zu schärfen. 

Diese geschlechtliche Arbeitsteilung bringt zu gewissen Jahreszeiten eine 
charakteristische malerische Buntheit ins Dorfleben. Wenn die Erntezeit naht, 
müssen neue Baströcke von der farbigen Art hergestellt werden, damit sie 
bereit sind, wenn die Ernte eingebracht ist und nun die Festlichkeiten be- 
ginnen. Große Mengen von Bananen- und Pandanusblättern werden ins Dorf 
gebracht, dort gebleicht und am Feuer zäh und geschmeidig gemacht. Nachts 
ist das ganze Dorf erleuchtet von diesen hellen Feuern; an jedem sitzen zwei 
Frauen einander gegenüber und lassen das Blatt vor der Flamme hin und her 
gleiten (s. Abb. 9). Lautes Plaudern und Singen belebt die Arbeit, die von 
heiterer Vorfreude auf die kommenden Lustbarkeiten erfüllt ist. Ist das Blatt- 
material soweit vorbereitet, so muß es noch zerschnitten, sauber hergerichtet 
und gefärbt werden. Zwei Arten von Wurzeln werden zum Färben aus dem 
Busch geholt: die eine ergibt ein tiefes Violett, die andere ein leuchtendes 
Karmin. Die Farbe wird in großen Schalen angerührt, die aus riesigen Venus- 
muscheln gemacht sind; die Blattstreifen werden hineingetaucht und dann auf 
dem Dorfplatz in dicken Bündeln zum Trocknen aufgehängt, so daß das ganze 



18 



Die Aufteilung von Besitz und Pflichten 

Dorf von lustigen Farben belebt ist (s. Abb. 10). Dann kommt noch die sehr 
mühsame Arbeit des Zusammenfügens, und eine prachtvolle „Modeschöpfung" 
ist fertig: das goldene Gelb des Pandanus, das weiche Heugrün oder Grau- 
braun des Bananenblatts, das Karmin und Violett der gefärbten Schichten 
heben sich als wirklich schöne Farbenharmouie von der weichen braunen Haut 
der Frauen ab. 

Manche Dinge werden von Männern und Frauen gemeinsam verfertigt. So 
beteüigen sich zum Beispiel beide Geschlechter an dem sehr mühsamen Ver- 
fahren, das zur Herstellung gewisser Muschelschmuckstücke 1 notwendig ist, 
während Netze und Wassergefäße sowohl von Männern als auch von Frauen 
verfertigt werden. 

Man sieht also, daß den Frauen nicht alle unangenehme und schwere Arbeit 
aufgehalst wird — im Gegenteil, die schwersten Aufgaben bei der Garten- 
bestellung fallen den Männern zu. Andererseits haben die Frauen ihr eigenes 
Gebiet wirtschaftlicher Betätigung — ein recht ansehnliches Gebiet, kraft 
dessen sie ihre Stellung und ihreu Einfluß behaupten. 



1 Vgl. Kap. XV in „Argonauts of the Western Pacific". 



19 



ZWEITES KAPITEL 

DIE STELLUNG DER FRAU 
IM GEMEINSCHAFTSLEBEN DER EINGEBORENEN 

Die Vorstellungen der Eingeborenen von Verwandtschaft und Abstammung, 
die Anschauung, daß ganz allein die Mutter an der Fortpflanzung teilhabe, 
die Stellung der Frau in der Familie und ihr beträchtlicher Anteil am Wirt- 
schaftsleben — dies alles bringt es mit sich, daß die Frau eine einflußreiche 
Rolle im Gemeinschaftsleben spielt: ihre Stellung kann keineswegs niedrig 
oder belanglos sein. 

Im ersten Abschnitt des vorigen Kapitels haben wir die Vorstellungen der 
Eingeborenen von Verwandtschaft erörtert; sie beruhen auf dem mutter- 
rechtlichen Grundsatz, daß alles durch die Mutter übermittelt wird. Wir 
haben auch gesehen, daß die eigentliche Vormundschaft über ihre Familie 
nicht der Frau selbst zufällt, sondern ihrem Bruder. Das läßt sich ganz all- 
gemein in die Formel fassen: in jeder Generation wird das Geschlecht von 
der Frau fortgesetzt und vom Mann repräsentiert, oder mit anderen Worten: 
Macht und Amtswürden einer Familie liegen bei den Männern jeder Genera- 
tion, obgleich sie durch die Frauen vererbt werden. 

1. Vorrechte und Lasten der Vornehmen 

Wir wollen nun die Folgen dieses Prinzips untersuchen. Für den Fort- 
bestand und die Existenz der Familie ist sowohl die Frau als auch der Mann 
unentbehrlich. Deshalb sind für den Eingeborenen beide Geschlechter von 
gleichem Wert und gleicher Wichtigkeit. Unterhält man sich mit einem Ein- 
geborenen über genealogische Dinge, so erörtert er den Fortbestand des Ge- 
schlechts stets in Beziehung zur Anzahl der lebenden Frauen. Das zeigte 
sich jedesmal, wenn ein Mann aus einem vornehmen Unter-Clan, wie die 
Tabalu von Omarakana, eine Zählung seiner Clan-Angehörigen mit mir be- 
sprach; waren Frauen in großer Anzahl vertreten, 60 wurde das stets mit 
besonderer Freude hervorgehoben und für wichtig und erfreulich erklärt. Es 

20 








9. DIE HERSTELLUNG VON BASTRÜCKEN 
Düren Erhitzen am Feuer werden Pandanus-Blätter haltbar und geschmeidig gemacht. Die 

eine Frau ist geschoren zum Zeichen der Trauer. (KAP. I, I) 




10. DAS TROCKNEN DER BASTFASERN 
Bündel geschabter Bananenblätter hängen in der Sonne, nachdem sie violett und karminrot 
gefärbt sind. Im inneren Ring dieses Lagunendorfes (Teyava) sind nur Yamshäuser zu sehen. 

(KAP. I, 4; KAP. III, •// 




11. TANZ BEI DER TOTENFEIER 

Abgehalten zu Oburaku nach dem Tode Ineykeyas. Vgl. Abb. 33. (KAP.II, 2; KAP. VI, 3) 




12. VERTEILUNG VON BASTRÖCKEN BEI DER TOTENFEIER (KAP.II, 2) 



Vorrechte und Lasten der Vornehmen 



war offensichtlich ein wunder Punkt, daß es nur zwei Frauen dieses Unter- 
Clans in Omarakana gab, während mehrere männliche Mitglieder vorhanden 
waren; jeder Tab alu- Gewährsmann erzählte ungefragt, es gäbe jedoch mehr 
Frauen in der jüngeren Linie von Olivilevi, einem Dorf im Süden der Insel, 
das ebenfalls von den Tabalu beherrscht wird. Doch ist es ganz üblich, daß 
ein Mann aus einem beliebigen Stamm bei einem Gespräch über Familie und 
Verwandtschaft die Zahl seiner Schwestern und ihrer weiblichen Abkömm- 
linge ausführlich berichtet als eine Tatsache, die für sein Geschlecht von 
größter Wichtigkeit ist. So sind Mädchen bei der Geburt ebenso willkommen 
wie Knaben, und die Eltern bringen ihnen nicht weniger Interesse, Be- 
wunderung und Liebe entgegen als den Knaben. Es braucht wohl kaum erst 
gesagt zu werden, daß weiblicher Kindermord den Eingeborenen ebenso 
töricht wie abscheulich erscheinen würde. 

Die allgemeine Regel, daß Frauen die Vorrechte der Familien vererben und 
Männer sie ausüben, soll nun in ihrer tatsächlichen Wirkung untersucht 
werden. Wir werden dann das ganze Prinzip besser verstehen, ja sogar 
einigermaßen bewerten können. Der Rangbegriff — das heißt die Vorstellung 
einer wirklichen sozialen Überlegenheit gewisser Menschen kraft ihrer Geburt — 
ist unter den Bewohnern der Trobriand- Inseln sehr hoch entwickelt; am 
besten wird die Auswirkung dieses allgemeinen Prinzips deutlich werden, 
wenn man die Rolle des Rangs im Leben des Individuums aufzeigt. 

Rang ist an gewisse erbliche Gruppen totemistischen Charakters gebunden, 
die hier bereits als Unter-Clans bezeichnet worden sind (vgl. auch Kap.XIII,5). 
Jeder Unter-Clan hat einen bestimmten Rang — er beansprucht, höher zu 
stehen als manche und gibt zu, geringer zu sein als andere. Es lassen sich 
etwa fünf oder sechs Haupt-Rangklassen unterscheiden, innerhalb derer 
kleinere Abstufungen nur geringe Bedeutung haben. Um der Kürze und 
Klarheit willen werde ich hier nur den ranghöchsten Unter-Clan der Tabalu 
mit den ihm nachstehenden Unter-Clans vergleichen. 

Jede Dorfgemeinschaft „gehört" einem solchen Unter-Clan; sein ältestes 
männliches Mitglied ist das Oberhaupt des Dorfes. Ist der Unter-Clan von 
höchstem Range, so ist sein ältestes männliches Mitglied nicht nur Ober- 
haupt des eigenen Dorfes, sondern hat auch die Oberherrschaft über einen 
ganzen Bezirk, ist also „Häuptbng". Häuptlingswürde und Rang sind des- 
halb eng miteinander verknüpft; Rang verleiht also nicht nur eine gehobene 
soziale Stellung, sondern auch das Recht zu herrschen. Eines dieser beiden 
Vorrechte, aber nur eines, die gehobene soziale Stellung, kommt Männern 
und Frauen gleichermaßen zugute. Jede Frau von höchstem Rang, also jede 
Frau aus dem Unter-Clan der Tabalu, genießt alle persönlichen Vorrechte 



- 



2» 



21 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

des Adels. Die männlichen Mitglieder des Clans behaupten vielleicht, der 
Mann sei vornehmer, mehr guya?u als die Frau, doch wahrscheinlich drückt 
sich darin nur die allgemeine Anmaßung männlicher Überlegenheit aus. Bei 
allen Gelegenheiten, wo Rang tatsächlich eine Rolle spielt, seien sie nun 
traditioneller oder sozialer Art, sind die beiden Geschlechter einander gleich- 
gestellt. In den vielfältigen Sagen vom Ursprung der verschiedenen Unter- 
Clans steht stets eine Ahnfrau neben dem Mann (ihrem Bruder); ja, es gibt 
sogar Sagen, in denen eine Frau allein zur Ahnin eines Geschlechts wird 1 . 

Eine andere wichtige Rolle spielt der Rang in dem verwickelten Tabu- 
System, das für Mann und Frau gleichermaßen bindend ist. Zu den Rang- 
Tabus gehören zahlreiche Speiseverbote; so ist besonders der Genuß gewisser 
Tiere untersagt; aber auch andere bemerkenswerte Einschränkungen gibt es, 
wie zum Beispiel das Verbot, anderes Wasser zu verwenden als das aus den 
Wasserlöchern im Korallenfels. Diese Tabus sind durch übernatürliches Gesetz 
diktiert; wer sie bricht, sei es auch nur zufällig, den trifft Krankheit. In 
Wahrheit bleiben sie in Geltung, weil die Menschen, welche sie innehalten, 
fest davon überzeugt sind, daß die verbotene Speise tatsächlich minderwertig 
sei, schon an sich niedrig und unrein. Wird einem Tabalu zugemutet, Stingaree 
(Stachelroche) oder Busch-Schwein zu essen, so zeigt er nicht mißzuverstehende 
Zeichen des Ekels; es wird sogar berichtet, daß ein Mann von Rang irgend- 
eine verbotene Speise, die er unwissentlich verzehrt, unter Zeichen heftigen 
Ekels erbrochen habe. Ein Bürger von Omarakana spricht von den Stingaree- 
Essern der Lagunendörfer mit derselben schaudernden Verachtung, wie ein 
wohlgesitteter Engländer von den Frosch- und Schnecken-Essern Frankreichs, 
oder der Europäer vom Chinesen, der faulige Eier und junge Hunde verzehrt. 

Eine Frau von Rang empfindet genau denselben Widerwillen und läuft 
ebenso Gefahr, ein Tabu zu brechen, wie der Mann. Heiratet sie einen Mann 
von niederem Rang, was gelegentlich vorkommt, so muß sie alle Speisen, 
alle Kochgeräte, Schüsseln und Trinkgefäße gesondert von ihrem Mann 
halten, oder aber er muß auf alle Kost verzichten, die für sie tabu ist; in 
den meisten Fällen wird dieser zweite Ausweg eingeschlagen. 

Rang berechtigt seinen Inhaber zum Tragen gewisser Schmuckstücke, die 
gleichzeitig als Standesabzeichen und als festliche Zierde dienen. Zum Bei- 
spiel darf eine gewisse Art Muschelschmuck — die roten scheibenförmigen 
Spondylusmuscheln — auf der Stirn und am Hinterhaupt nur von Personen 
höchsten Ranges getragen werden. Als Gürtel und Armring ist er auch den 
nächsten Rangklassen gestattet. Ein Armreif am Vorderarm wiederum ist 
ein Zeichen höchsten Adels. Der persönliche Schmuck weist zahlreiche Ab- 
1 Vgl. mein „Myth in Primitive Psychology", Kap. II. 

22 



Vorrechte und Lasten der Vornehmen 

stufungen und Unterschiede auf; doch hier sei nur darauf hingewiesen, daß 
sie von Frauen und Männern gleichermaßen eingehalten werden, obwohl 
Frauen im allgemeinen Schmuckstücke häufiger verwenden als Männer. 

Gewisse Hausverzierungen jedoch, wie geschnitzte Bretter und Muschel- 
zierate (s. Abb. 3, 19 u. 23), die in Muster und Material ausschließlich den 
höheren Rangklassen vorbehalten sind, werden in erster Linie von deren 
männlichen Vertretern angewendet. Doch eine Frau von Rang, die einen 
Bürgerlichen heiratet, hätte das unbestrittene Recht, sie an ihrem Hause 
anzubringen. 

Das sehr wichtige und umständliche Zeremoniell der Ehrfurchtsbezeigung 
beruht auf der Anschauung, daß ein Mann aus edlem Geschlecht stets auch 
körperlich über seine Untergebenen erhöht sein müsse. In Gegenwart eines 
Adligen müssen alle Leute niederen Ranges den Kopf beugen oder den 
Körper neigen oder sich auf den Boden kauern, je nach der Höhe ihres 
eigenen Ranges. Auf keinen Fall darf irgendein Kopf den des Häuptlings 
überragen. Große Plattformen werden am Hause des Häuptlings angebaut, 
und auf einer dieser Plattformen nimmt er bei Versammlungen Platz, so daß 
sich das Volk unter ihm frei bewegen kann (auf Abb. 3 sehen wir den Häupt- 
ling gegen eine solche Plattform gelehnt). Wenn ein einfacher Bürger an 
einer Gruppe von Adligen vorüberkommt, die auf der Erde sitzen, so muß 
er schon von weitem rufen: tokay („steht auf!"); die Häuptlinge streben 
hastig in die Höhe und bleiben stehen, während er gebückt an ihnen vorüber- 
schleicht 1 . Man sollte denken, ein so unbequemes Huldigungszeremoniell würde 
in irgendeiner Weise umgangen — doch das ist nicht der Fall. Oft, wenn ich 
im Gespräch mit dem Häuptling im Dorfe saß, kam ein einfacher Bürger 
durch den Dorfhain seines Wegs; jedesmal rief er tokay, und obwohl sich 
dies etwa alle Viertelstunden wiederholte, mußte mein Freund aufstehen, 
während der andere tief gebückt langsam vorbeiging 2 . Frauen von Rang ge- 
nießen in dieser Beziehung ganz das gleiche Vorrecht. Ist eine Adlige mit 

1 Tokay als Hauptwort bedeutet auch „ein Bürgerlicher" (= Nicht-Adliger). Vielleicht ist 
das Hauptwort etymologisch vom Verb abgeleitet. 

2 Als To'uluwa, der oberste Häuptling der Trobriander, vom weißen Residenten ins Ge- 
fängnis gesetzt wurde, verbot der Beamte den mitinhaftierten Bürgerlichen, sich vor dem 
Häuptling zu beugen — ich fürchte, weil er seinen eingeborenen Rivalen demütigen wollte. 
Trotzdem ist mir von glaubwürdigen Augenzeugen versichert worden, daß alle Bürgerlichen 
im Gefängnis beständig gebückt gingen und sich nur aufrichteten, wenn der weiße Satrap 
auf dem Schauplatz erschien. Es ist dies ein Beispiel für die kurzsichtige Politik des typischen 
weißen Beamten, welcher der Meinung ist, seine Autorität ließe sich nur auf Kosten der 
eingeborenen Häuptlinge aufrechterhalten; so untergräbt er das Stammesgesetz der Ein- 
geborenen und schafft dem Geist der Anarchie Eingang. 

23 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

einem Bürgerlichen verheiratet, so muß ihr Mann in der Öffentlichkeit vor 
ihr sich heugen, und andere erst recht. Eine hohe Plattform wird für sie er- 
richtet, auf der sie bei Volksversammlungen einsam thront, während sich 
ihr Mann mit dem übrigen Volk unter ihr bewegt oder hinkauert. 

Die Unverletzlichkeit der Person des Häuptlings ist vor allem in seinem 
Kopf lokalisiert, der von einem wahren Heiligenschein strenger Tabus um- 
geben ist. Ganz besonders heilig sind Stirn und Hinterhaupt samt dem 
Nacken. Nur gleichrangige Personen, seine Frauen und ein paar ganz be- 
sonders Bevorzugte dürfen diese Teile berühren zum Zwecke des Reinigens, 
Scherens, Schmückens und Entlausens. Die Heiligkeit des Kopfes erstreckt 
sich auch auf die weiblichen Mitglieder des adligen Unter-Clans; heiratet eine 
Adlige einen Bürgerlichen, so dürfen ihre Stirn, ihr Hinterhaupt, ihr Hals 
und ihre Schultern — wenigstens in der Theorie — nicht von ihrem Manne 
berührt werden, selbst nicht bei den intimsten Vorgängen des Ehelebens. 

Die Frau genießt also in der Sage, bei der Einhaltung der Tabus und beim 
Huldigungszeremoniell genau dieselben Vorrechte eines hohen Ranges wie 
der Mann; jedoch gelangt sie nie zur Ausübung der Macht, die an sich damit 
verbunden wäre. Nie ist eine Frau Haupt eines Unter-Clans, und so kann 
sie auch nicht Häuptling werden. Was geschehen würde, wenn in einem be- 
stimmten Geschlecht die männlichen Mitglieder ausstürben, kann ich nicht 
sagen, denn ein derartiger Fall ist mir nicht vorgekommen; aber die Interims- 
herrschaft einer Frau scheint mir mit den Anschauungen der Trobriander durch- 
aus nicht unvereinbar. Doch wie wir später sehen werden (Kap. V, 4), beruht 
die Macht eines Dorfoberhauptes oder Häuptlings auf dem Vorrecht der 
Polygamie, während Frauen natürlich kein entsprechendes Vorrecht auf 
Polyandrie genießen. 

Viele andere soziale Funktionen des Ranges werden direkt nur von Männern 
ausgeübt, während die Frauen allein an den sozialen Vorrechten Anteil haben. 
Das Eigentumsrecht an den Kanus zum Beispiel steht dem Dorfoberhaupt 
zu — obwohl alle Dörfler bestimmte Rechte daran haben; doch allein seiner 
Sippe, einschließlich der weiblichen Mitglieder, kommt der Ruhm (butura) 
des Besitzes zu, also das Vorrecht, in Ausdrücken des Eigentums von den 
Kanus zu reden und sich ihrer zu rühmen 1 . Nur in Ausnahmefällen begleiten 
die Frauen ihre Männer auf überseeischen Expeditionen. Auch die mit dem 
kula, einem besonderen Gütertausch- System verknüpften Rechte, Vorrechte 
und Tätigkeiten sind den Männern vorbehalten. Die Frau — sei es die Gattin 

1 Diese Fragen habe ich ausführlich behandelt in „Argonauts of the "Western Pacific", 
Kap. IV, 4 u. 5, und Kap. XI, 2. Vgl. auch Kap. VI desselben Werkes und „Crime and 
Custom". 



24 



Totenfeiern und -feste 

oder die Schwester des Mannes — wird nur gelegentlich persönlich in ein 
Geschäft hineingezogen. Meistens sonnt sie sich nur im Widerschein der Ehre 
und Genugtuung. Im Kriege haben die Männer das Aktionsfeld ganz für 
sich, obwohl die Frauen hei allen Vorbereitungen und vorangehenden Zere- 
monien zugegen sind und manchmal sogar einen Blick auf das Schlachtfeld 
werfen 1 . 

In diesem Abschnitt, der die Stellung der beiden Geschlechter behandelt, 
mußten wir bezeichnenderweise ebensooft Bruder und Schwester neben- 
einander stellen wie Mann und Frau. In einer mutterrechtlichen Gesellschaft 
sind Bruder und Schwester die natürlich verbundenen Vertreter des männ- 
lichen und weiblichen Prinzips auf allen Gebieten des Rechts und der Sitte. 
In den Sagen vom Ursprung der verschiedenen Familien steigen Bruder und 
Schwester gemeinsam aus dem Ur-Erdloch ans Tageslicht empor. Der Bruder 
ist dem Haushalt seiner Schwester und ihren Kindern der natürliche Vor- 
mund und Führer. In Sitte und Brauch des Stammes sind die entsprechenden 
Pflichten und Verbindlichkeiten streng geregelt; sie bilden, wie wir sehen 
werden, einen der wesentlichsten Bestandteile des sozialen Gefüges. Doch 
in ihren persönlichen Gefühlen trennt das strengste Tabu den Bruder von 
der Schwester und macht jede Art Intimität zwischen ihnen unmöglich 2 . 

Die Frau ist also ausgeschlossen von der Ausübung der Macht, vom Land- 
besitz und vielen anderen öffentlichen Vorrechten; daraus folgt, daß sie 
keinen Platz bei der Stammesversammlung und keine Stimme bei den öffent- 
lichen Beratungen hat, die in Verbindung mit Gartenbestellung, Fischfang, 
Jagd, überseeischen Expeditionen, Krieg, rituellem Handel, Festlichkeiten 
und Tanzen abgehalten werden. 

2. Totenfeiern und -feste. 

Andererseits gibt es gewisse rituelle und festliche Betätigungen, bei denen 
Frauen sehr viel zu sagen und zu tun haben. Am feierlichsten und heiligsten 
und durch Dauer und Pomp am eindrucksvollsten sind die Totenfeiern. Bei 
der Wartung der Leiche, bei der Schaustellung des Kummers und beim Be- 
gräbnis mit seinen vielfältigen Riten und langdauernden feierlichen Nahrungs- 
mittelverteilungen spielen die Frauen eine große Rolle und haben ihre 
eigenen bestimmten Pflichten zu erfüllen. All diese Geschäfte beginnen un 
mittelbar nach dem Tod jedes angesehenen Stammesangehörigen und dauern 

1 Eine ausführliche Schilderung des kula findet sich in „Argonauts"; Kriegführung ist be- 
schrieben in dem Artikel „War and Weapons among the Natives of the Trobriand Islands" 
in „Man", 1920. 

2 Vgl. Kap. XIII, 6 u. Kap. XIV. 

25 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

mit Unterbrechungen Monate, ja selbst Jahre. Bestimmte Frauen, die in 
einem besonderen Verhältnis zum Verstorbenen stehen, müssen die Leiche 
auf den Knien halten und liebkosen; während dies in der Hütte geschieht, 
vollzieht eine andere Gruppe von Frauen draußen im Freien eine merk- 
würdige Trauersitte: manche allein, andere paarweise sich gegenüberstehend, 
bewegen sie sich in langsamem Tanz vorwärts und rückwärts über den Dorf- 
platz zur Melodie eines klagenden Trauerliedes (s. Abb. 11). In der Regel 
hat jede irgendeinen Gegenstand in der Hand, den der Verstorbene getragen 
oder besessen hat. Solche Reliquien spielen eine große Rolle bei der Trauer 
und werden von den Frauen noch lange Zeit nach dem Todesfall getragen. 
Das Einhüllen der Leiche und die folgende Totenwache am Grabe ist die 
Pflicht wieder einer anderen Frauengruppe aus der Verwandtschaft des Ver- 
storbenen. 

Einige Trauersitten, so vor allem das grausige Zerschneiden der Leiche, 
werden von den Männern ausgeführt. In der nun folgenden langen Trauer- 
periode fällt es in der Hauptsache den Frauen zu, dem Kummer drama- 
tischen Ausdruck zu geben; die Witwe trauert stets länger als der Witwer, 
die Mutter länger als der Vater, eine weibliche Verwandte länger als ein 
männlicher Verwandter desselben Grades. Die Frauen spielen auch eine 
hervorragende Rolle bei der anschließenden Verteilung von Nahrungsmitteln 
und anderen Gütern, die auf der Vorstellung beruht, daß die Mitglieder des 
Unter-Clans des Verstorbenen den anderen Verwandten für ihre Beteiligung 
an der Trauer ein Entgelt bezahlen; bestimmte Teile dieser rituellen Ver- 
teilungen werden von Frauen geleitet (s. Abb. 12). 

Ich bin auf die Trauerzeremonien nur kurz eingegangen, da wir bald wieder 
darauf zurückkommen werden (Kap. VI, 3 u. 4), doch hat sich deutlich 
genug gezeigt, welch große Rolle die Frauen bei solchen religiösen oder 
rituellen Schaustellungen spielen. Bestimmte Stammeszeremonien, bei denen 
allein Frauen beteiligt sind, sollen später ausführlich geschildert werden; 
hier will ich nur kurz erwähnen, daß die langwierigen, umständlichen Zere- 
monien anläßlich der ersten Schwangerschaft (Kap. VIII, 1 u. 2) und die 
Riten der Schönheitsmagie bei Festlichkeiten (Kap. XI, 2—4) in der Haupt- 
sache von Frauen ausgeführt werden. Bei bestimmten Gelegenheiten, zum 
Beispiel bei der Feier der ersten Schwangerschaft und bei dem ersten Aus- 
gang nach der Geburt eines Kindes, ebenso bei den großen Stammestänzen 
und kayasa (Wettspielen), erscheinen die Frauen in reichverzierter Festkleidung 
(s. Abb. 13), die dem Festschmuck der Männer entspricht (s. Abb. 14 u. 80). 
Interessant in dieser Hinsicht ist ein Vorgang während des milamala, der 
jährlichen Tanz- und Festzeit nach der Ernte. Diese Periode wird eingeleitet 

26 



Totenfeiern und -feste 

durch eine Zeremonie, die vor allem bezweckt, das Tabu auf Trommeln zu 
brechen. Auch bei diesem ersten Fest findet eine Nahrungsmittelverteilung 
statt; die Männer stellen sich in vollem Tanzschmuck auf, Trommler und 
Sänger in der Mitte eines Kreises von reichgeschmückten Tänzern. Wie bei 
einem gewöhnlichen Tanz stimmen die Sänger in der Mitte eine Melodie an, 
die Tänzer beginnen sich langsam zu bewegen, und die Trommler schlagen 
den Takt. Doch nicht lange: fast mit dem ersten Trommelschlag dringt aus 
dem Inneren der Hütten das Wehklagen jener Frauen, die noch Trauer 
haben; hinter der inneren Häuserreihe hervor kommen eine Menge schreien- 
der aufgeregter weiblicher Gestalten auf die Tänzer zugestürzt, schlagen sie 
mit Stöcken und bewerfen sie mit Kokosnüssen, Steinen und Holzstücken. 
Der Brauch verbietet den Männern, allzuviel Mut zu entfalten: im Nu sind 
die Trommler verschwunden, die eben noch die Schaustellung so feierlich 
eingeleitet hatten; verlassen Hegt das Dorf da, denn die Frauen verfolgen 
die Flüchtigen. Doch das Tabu ist gebrochen, und am Nachmittag desselben 
Tages findet der erste ungestörte Tanz der Festzeit statt. 

Beim Tanz im vollen Schmuck (s. Abb. 14, 58, 65, 73, 81) entfalten voi 
allem die Männer ihre Schönheit und Geschicklichkeit. An bestimmten 
Tänzen dürfen sich nur Männer beteiligen, zum Beispiel an schnellen Tänzen 
mit geschnitzten Tanzbrettern oder gebündelten Wimpern, oder an der 
stilisierten Nachahmung von Tieren (s. Abb. 65, 73, 81). Nur an einem 
einzigen traditionellen Tanz, bei dem die Männer die Baströcke der Frauen 
tragen (s. Abb. 4 u. 58), erlaubt die Sitte den Frauen teilzunehmen. Doch 
obwohl ich dutzendweise bei Vorstellungen dieser Art zugegen war, habe 
ich nur ein einziges Mal eine Frau wirklich tanzen sehen, und zwar eine Frau 
vom allerhöchsten Bang. Als passive Zuschauer und Bewunderer jedoch 
bilden die Frauen einen sehr wesentlichen Bestandteil dieser Schaustellungen. 

Es gibt außer der Tanzzeit noch viele andere langdauernde Festperioden 
auf den Trobriand-Inseln, an denen die Frauen tätigeren Anteil nehmen. Die 
Art der Vergnügungen ist von vornherein festgelegt und bleibt während der 
ganzen Periode die gleiche. Es gibt verschiedene Arten von kayasa, wie diese 
Unterhaltungen genannt werden (s. Kap. IX, 2 — 4) : das eine Mal sitzen die 
Frauen Abend für Abend festlich geschmückt in Gruppen auf Matten bei- 
einander und singen; ein andermal tragen Männer und Frauen Kränze und 
Blumengirlanden und tauschen sie gegenseitig aus; oder es wird ein kayasa 
angekündigt, das hauptsächlich darin besteht, daß eine bestimmte Art 
Schmuck täglich vorgeführt wird. Manchmal verfertigen die Mitglieder einer 
Dorfgemeinschaft kleine Spielzeug- Segelschiffchen und halten Tag für Tag 
eine Miniaturregatta auf dem seichten Wasser ab. Es gibt auch ein kayasa 

27 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaft sieben 

mit erotischen Vergnügungen. Manche dieser Unterhaltungen sind aus- 
schließlich den Frauen vorbehalten (Singen und gewisse Schinuckschau- 
stellungen); an anderen nehmen beide Geschlechter teil (Blumen, Erotik 
und Haarschmuck); an anderen nur Männer (Spielzeugschiffchen). 

Doch bei allen öffentlichen Festen und Unterhaltungen, ob nun die Frauen 
tätigen Anteil daran nehmen oder nicht, ist es ihnen nie verboten zuzusehen 
oder sich zwanglos unter die Männer zu mischen auf Grund einer voll- 
kommenen Gleichberechtigung ; Neckereien und Scherze werden ausgetauscht 
und eine lebhafte Unterhaltung findet statt. 

3. Anteil der Frau an der Magie 

Eine bestimmte Seite des öffentlichen Lebens ist für den Trobriander von 
großer Wichtigkeit und gilt ihm als etwas ganz Besonderes und Eigen- 
tümliches. Der Eingeborene faßt nämbch eine gewisse Gruppe von Tatsachen, 
eine bestimmte Art menschlichen Verhaltens unter dem Wort megwa zu- 
sammen, das man zweckmäßig mit „Magie" übersetzt. Magie ist eng ver- 
knüpft mit dem wirtschaftlichen Leben, ja mit jedem lebenswichtigen Ge- 
biet; sie ist auch ein Machtmittel und ein Zeichen des Ansehens derer, die 
sie ausüben. Die Stellung der Frau in der Magie verdient deshalb ganz 
besondere Beachtung. 

Die Magie stellt eine besondere Seite der Wirklichkeit dar. Bei allen 
wichtigen Betätigungen und Unternehmungen, deren Ausgang nicht fest und 
sicher in der Hand des Menschen Hegt, gilt Magie für unerläßlich. Man zieht 
sie zu Rate bei Gartenbau und Fischfang, beim Bauen eines großen Kanus 
und beim Tauchen nach wertvollen Muscheln, bei der Regelung von Wind 
und Wetter, im Krieg und in Liebesdingen, wenn man sich gegen Gefahren 
auf See schützen oder den Erfolg eines großen Unternehmens sichern will 
und last not least wenn es gilt, die eigene Gesundheit zu schützen oder einem 
Feinde Krankheit zuzufügen. Erfolg und Sicherheit auf all diesen Gebieten 
hängt hauptsächlich und manchmal ausschbeßUch von Magie ab und kann 
durch deren richtige Anwendung geregelt werden. Glück oder Unglück, Not 
oder Überfluß, Gesundheit oder Krankheit beruhen nach Gefühl und Glauben 
der Eingeborenen zum größten Teile auf der unter richtigen Umständen 
richtig angewandten Magie. 

Magie besteht aus Zauberformeln und -riten; das Recht sie auszuüben ist 
an die Erfüllung verschiedener Bedingungen geknüpft. Die magische Kraft 
steckt vor allem in den Worten der Formel; der Ritus — in der Regel sehr 
einfach — dient hauptsächhch dazu, den mit zauberkräftigen Worten be- 
ladenen Atem des Zauberers an den Gegenstand oder den Menschen heran- 

28 




13. GESCHMÜCKTE FRAUEN (KAP.ll,2) 




14. MÄNNER IM VOLLEN FESTSCHMUCK (KAP. 11,2) 




15. KINDER ZEIGEN DEM ETHNOLOGEN EIN SPIEL (KAP. JH. 1) 




16. DIE KINDERREPUBLIK 

Manchmal kommt es im Verlauf einer ethnographischen Vorführung zu einer allgemeinen 

Diskussion, die leichter mit der Kamera als mit der Feder festzuhalten ist. (KAP. III, 1) 



Anteil der Frau an der Magie 

zubringen, auf den die Magie einwirken soll. Die Eingeborenen glauben, alle 
Zauberformeln seien unverändert aus unvordenklichen Zeiten vom Ursprung 
der Dinge her überliefert worden. 

Dieser letzte Umstand hat seine sozialen Folgen; verschiedene Magie- 
systeme sind erblich, jedes in einem besonderen Unter-Clan; seit der Zeit, 
da seine Ahnen der Erde entstiegen, ist das betreffende System im Besitz 
dieses Unter-Clans gewesen. Es kann nur von einem Mitglied ausgeübt werden 
und gehört natürlich zu den geschätztesten Eigenheiten und Besitztümern 
eines Unter-Clans. Obwohl es sich in der weiblichen Linie vererbt, wird es 
meistens, wie auch andere Formen der Macht und des Besitzes, nur von 
Männern ausgeübt. Doch in einigen wenigen Fällen kann solche erbliche 
Magie auch von Frauen betrieben werden. 

Die Macht, welche die Magie jedem Ausübenden verleiht, beruht nicht 
allein auf den unmittelbaren Wirkungen. In den wichtigsten Zweigen der 
Magie sind die Riten und Zaubersprüche nicht nur bloße Zutat, sondern eng 
verknüpft mit den Tätigkeiten, die sie begleiten. So spielt bei der Garten- 
magie der amtierende Zauberer eine wirtschaftlich und sozial sehr wichtige 
Rolle : er ist Organisator und Leiter der Arbeit. Ebenso verhält es sich beim 
Bau eines Kanus und der dazugehörigen Magie, und bei den Riten, die mit 
der Führung einer überseeischen Expedition verknüpft sind: der Mann, der 
die Reise in technischer Hinsicht leitet und Führer des Unternehmens ist, 
hat auch die Pflicht oder das Vorrecht, die Magie auszuüben 1 . Beide Ämter, 
das des Führers und das des Zauberers, sind unzertrennlich in derselben 
Person vereint. Andere Arten der Magie, welche die Eingeborenen als bulub- 
walata (schwarze Magie) bezeichnen, verleihen ihrem Meister einen un- 
geheueren direkten Einfluß auf andere Stammesangehörige; hierher gehört 
alle Hexerei und unter anderem die Zauberformeln für Trockenheit oder 
Regen. Magie ist tatsächlich bei weitem das wirksamste und am häufigsten 
angewandte Machtmittel. 

Da Magie so eng verknüpft ist mit den Tätigkeiten, die sie hegleitet, so 
muß bei gewissen Beschäftigungen die Arbeitsteilung zwischen den Ge- 
schlechtern eine entsprechende Teilung der Magieübung mit sich bringen. 
Arbeiten, die gewöhnlich nur von Männern verrichtet werden, verlangen 
einen Mann als ausführenden Zauberer; wo Frauen ihre eigenen Angelegen- 
heiten betreiben, muß der Zauberer weiblichen Geschlechtes sein. Aus der 
folgenden Tabelle sehen wir, daß bei Fischfang und Jagd und ebenso beim 
Holzschnitzen — Tätigkeiten also, an denen nie eine Frau teilnimmt — die 
Magie ausschließlich von Männern betrieben wird. Auch die Kriegsmagie, 
1 Vgl. „Argonants of the Western Pacific", bes. Kap. IV, V, VII, XVII. 

29 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

die jetzt nicht mehr ausgeübt wird, war ein erbliches System von Zauber- 
sprüchen und -riten, die immer nur von einem Mann eines gewissen Unter 
Clans ausgeführt wurden. Die lange, umständliche Folge von Zaubersprüchen, 
welche den Bau eines seetüchtigen Kanus begleitet, kann nie von einer Frau 
ausgeführt werden; und da eine Frau sich niemals an rituellen überseeischen 
Expeditionen beteüigt, kann auch die dabei anzuwendende Sicherheits- und 
jKuZa-Magie nur von einem Mann betrieben werden. 

Verteilung der Magie auf die beiden Geschlechter 



Männlich: 
Öffentliche Gartenmagie 

(Towosi) 
Fischfang 
Jagd 

Kanu-Bau 

KuZa-Magie (Mwasila) 
Wetter (Sonne und Regen) 
Wind 

Kriegsmagie (Borna) 
Sicherheit auf See (Kayga'u) 
Holzschnitzen (Kabitam) 
Hexerei (Bwaga'u) 



Weiblich: 
Riten bei der ersten 

Schwangerschaft 
Herstellung der Baströcke 
Abwehr drohender Gefahren 

bei der Geburt 
Zahnschmerz 

Elephantiasis, Geschwülste 
Erkrankung der Genitalien 

mit Ausfluß (Gonorrhöe?) 
Fehlgeburt 

weibliche Hexerei (Yoyova 

oder Mulukivausi) 



Gemischt: 
Schönheitsmagie 
Liebesmagie 

Nichtöffentliche Garten- 
magie 



Auch gibt es einige wichtige Arten der Magie, die offensichtlich weiblichen 
Händen und Lippen angepaßt sind, denn sie beziehen sich auf Beschäftigungen 
oder Vorgänge, die durch ihre Natur oder aus konventionellen Gründen die 
Anwesenheit von Männern ausschließen, -wie zum Beispiel die Magie, die zur 
Feier der ersten Schwangerschaft gehört (siehe Kap. VIII, 1 u. 2); die Magie, 
welche Geschicklichkeit bei der Herstellung der Baströcke verleiht, und die 
Magie der Abtreibung. 

Es gibt jedoch auch Tätigkeits- und Einflußgebiete, wie Gartenbaxi und 
Liebeswerben, die Begelung des "Wetters oder der menschlichen Gesundheit, 
die auf den ersten Bbck mit dem einen Geschlecht nicht mehr Zusammenhang 
zu haben scheinen als mit dem anderen. Doch ist Gartenmagie unweigerbch 
Sache des Mannes; nie vollziehen Frauen die wichtigen öffentlichen Riten, 
die von den Eingeborenen aufs gewissenhafteste beobachtet und hoch- 
geschätzt werden; diese Riten werden vom Dorfzauberer über den Gärten 
der ganzen Dorfgemeinschaft ausgeführt 1 . Selbst diejenigen Zweige des 

1 Im Gegensatz dazu wird auf den Amphlctt-Inseln die Gartenmagie in der Hauptsache oder 
gar ausschließhch von Frauen betrieben. Auch bei den Eingeborenen der Dobu-Insel und 
an den Nordostküsten der Dawson-Straits im d'Entrecasteaux- Archipel spielen Frauen eine 
hervorragende Rolle in der Gartenmagie. 



30 



Anteil der Frau an der Magie 

Gartenbaus, die ausschließlich von Frauen betriehen werden, wie etwa das 
Jäten, müssen vom männlichen Gartenzauberer mit einer öffentlichen Zere- 
monie eingeleitet werden. Wind, Sonnenschein und Regen werden ebenfalls 
nur von männlichen Händen und Mündern geregelt. 

Auf gewissen Tätigkeitsfeldern kann die notwendige Magie ebensogut von 
einer Frau wie von einem Mann ausgeführt werden; so können zum Beispiel 
einige wichtige Riten privater Gartenmagie, die jeder zu seinem eigenen 
Nutzen betreibt, unterschiedslos von Männern oder Frauen vollzogen werden; 
ebenso die Liebes- und Schönheitsmagie; jeder, der an unerwiderter Liebe 
krankt und den Reiz seiner Persönlichkeit zu erhöhen wünscht, kann diese 
Zauberformeln verwenden. Bei anderen Gelegenheiten wiederum, etwa bei 
den großen Stammesfesten, werden die Schönheitsformeln von Frauen 
öffentlich über Männer gesprochen (Kap. XI, 3); zu anderen Zeiten wenden 
Männer bestimmte Formeln der Schönheitsmagie auf sich selbst und ihren 
Schmuck an 1 . 

Am strengsten an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sind die Zauber- 
kräfte auf dem dunklen, gefürchteten Gebiet der Hexenkunst oder schwarzen 
Magie: sie haben den tiefsten Einfluß auf menschliche Hoffnungen und 
menschliches Glück. Krankheits- und Gesundheitsmagie, die das Leben ver- 
giften oder seine natürliche Süße wiederherstellen kann und die als letzten 
Trumpf den Tod ausspielt, wird von Männern und auch von Frauen betrieben ; 
doch ihr Charakter ist ganz verschieden je nach dem Geschlecht des Aus- 
übenden. Jeder, Mann und Frau, hat seine eigene Hexenkunst, die mit Hilfe 
verschiedenartiger Riten und Formeln durchgeführt wird, verschieden ein- 
wirkt auf den Körper des Opfers und mit ganz verschiedenartigen Glaubens- 
vorstellungen verknüpft ist. Männliche Hexenkunst ist viel konkreter, ihre 
Methoden sind klar umrissen, fast wie ein rationales System. Die über- 
natürlichen Eigenschaften des Hexers beschränken sich auf seine Fähigkeit, 
sich nach Belieben unsichtbar zu machen und einen leuchtenden Glanz von 
sich ausgehen zu lassen; außerdem hat er Helfershelfer unter den Nacht- 
vögeln. Erbärmliche Mittel übernatürlicher Betätigung im Vergleich zu den 
großartigen Fälligkeiten einer Hexe! 

Die Hexe — wohlverstanden stets eine wirkliche Frau, kein unkörperliches 
oder übernatürliches Wesen — geht ihren nächtlichen Geschäften in der 
Gestalt einer unsichtbaren Doppelgängerin nach; sie kann durch die Luft 
f hegen und erscheint als Sternschnuppe; sie kann sich nach Belieben in ein 
Glühwürmchen, einen Nachtvogel oder einen f hegenden Hund verwandeln; 



1 Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", Kap. XIII, 1. 

31 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

sie kann auf riesenhafte Entfernungen hören und riechen; sie hat einen 
Hang zum Fleischessen und nährt sich von Leichen. 

Krankheiten, welche durch Hexen verursacht werden, sind fast unheilbar 
und äußerst rapid in ihrem Verlauf — in der Regel unmittelbar tödlich. Die 
Krankheit beruht darauf, daß die Hexe die Eingeweide ihres Opfers entfernt 
und später verzehrt. Ein Hexer jedoch genießt nie das Fleisch seines Opfers, 
seine Macht ist lange nicht so wirksam; er muß langsam vorgehen — besten- 
falls darf er hoffen, dem Opfer eine schleichende Krankheit anzuzaubern, 
die, wenn das Glück will, nach Monaten oder Jahren unentwegter Mühsal 
tötet. Man kann sogar einen anderen Hexer dingen, der dem ersten ent- 
gegenarbeitet und den Patienten wiederherstellt. Der Kampf gegen eine 
Hexe aber ist so gut wie aussichtslos, selbst wenn sofort die Hilfe einer 
anderen Hexe in Anspruch genommen wird. 

Solange eine Hexe noch jung ist, ist sie geschlechtlich nicht weniger be- 
gehrenswert als andere Frauen. Im Gegenteil — sie ist von einem gewissen 
Nimbus umgeben, der ihrer persönlichen Macht entspringt; meist ist sie 
auch eine starke Persönlichkeit, denn das scheint zum Stande einer Hexe zu 
gehören. Die Anziehungskraft, welche eine heiratsfähige junge Hexe auf das 
andere Geschlecht ausübt, braucht nicht immer ganz uneigennützig zu sein, 
denn die Fähigkeit zu hexen ist unter Umständen eine Quelle des Ein- 
kommens und persönlichen Einflusses, also entschiedener Annehmlichkeiten, 
an denen man gerne teilhat. Doch der Beruf einer Hexe wird im Gegensatz 
zu dem des Hexers nicht offen ausgeübt; für eine Heilung läßt sich die Hexe 
vielleicht entschädigen, doch niemals unternimmt sie es, gegen Entgelt zu 
töten. Auch hierin unterscheidet sie sich vom Hexer, der den größten Teil 
seines Einkommens aus der schwarzen Magie und nicht aus seiner Heilpraxis 
bezieht. Selbst wenn eine Frau ganz allgemein als Hexe bekannt ist, wird von 
ihr erwartet, daß sie es nie wirklich zugibt,nicht einmal ihremManne gegenüber. 

Die Hexenkunst vererbt sich von der Mutter auf die Tochter, und schon 
früh beginnt die Einweihung. Im späteren Leben wird weibliche Hexenkunst 
zuweilen durch weit anfechtbarere Mittel gesteigert. Manchen Frauen wird 
nämlich nachgesagt, sie unterhielten geschlechtliche Beziehungen zu über- 
menschlichen, höchst bösartigen Wesen, tauva'u genannt, die Epidemien und 
andere Plagen über die Menschen bringen (s. Kap. XII, 4). Diese Wesen 
unterweisen sie weiter in der Kunst, Böses zu tun; solche Frauen sind sehr 
gefürchtet. Von mehreren meiner persönlichen Bekannten wurde fest be- 
hauptet, sie hätten einen tauva'u zum Geliebten, vor allem von der Frau 
des Dorfoberhaupts von Obweria, einer sehr intelligenten und unter- 
nehmenden Person, die auf Abb. 76 und 77 als Hauptgestalt zu sehen ist. 

32 



Anteil der Frau an der Magie 

Für den Forscher und Soziologen liegt der wichtigste Unterschied zwischen 
männlicher und weiblicher Hexerei in der Tatsache, daß der Hexer tat- 
sächlich ein Gewerbe betreibt, während die Tätigkeit der Hexe sich nur in 
der Sage und in der Einbildung der Eingeborenen abspielt. Ein Hexer kennt 
wirklich die Magie seines Gewerbes; wenn er zu Rate gezogen wird, sagt er 
seine Zauberformeln über den wirklich vorhandenen Menschen oder Dingen; 
nachts macht er sich auf, um seinem Opfer aufzulauern oder es in seiner 
Hütte aufzusuchen; und ich argwöhne, daß er in bestimmten Fällen sogar 
Gift verabreicht. Die Hexe jedoch — überflüssig zu bemerken — fliegt 
natürlich nicht wirklich durch die Luft und entwendet nicht die Eingeweide 
von Menschen, mögen die Eingeborenen auch noch so fest glauben, daß sie 
eine yoyova sei; sie weiß keine Zaubersprüche und -riten, denn diese Art 
weiblicher Magie lebt nur im Märchen und in der Einbildung. 

Es gibt eine Anzahl von Unpäßhchkeiten, darunter Zahnschmerz, gewisse 
Geschwülste, Schwellung der Testikel und Ausfluß aus den Genitalien 
(Gonorrhöe?), welche die Frau mit Hilfe von Magie über den Mann ver- 
hängen kann. Zahnschmerz ist eine ausschließlich weibliche Spezialität, und 
stets wird eine Frau gerufen, um ihn zu heilen, wenn eine andere ihn ver- 
ursacht hat. Eine Hexe kann Zahnschmerz hervorrufen kraft ihrer magischen 
Gewalt über einen kleinen Käfer namens Mm; dieser ist einem anderen Käfer 
sehr ähnlich, der Löcher in den Taro bohrt. Die Ähnlichkeit zwischen Zahn- 
fäule und den Höhlungen, die der Taro-Käfer verursacht, ist ein genügender 
Beweis dafür, daß ähnliche Wirkungen von ähnlichen Ursachen erzeugt 
worden sind. Einige meiner Gewährsmänner hatten jedoch tatsächlich mit 
angesehen, wie der kleine schwarze Käfer aus dem Munde eines Mannes 
gefallen war, während eine Frau den heilenden Spruch aufsagte. 

Wie wir bereits wissen, gibt es erbliche Formen der Magie, die nur von 
män n l i chen Mitgliedern eines Unter-Clans ausgeführt werden dürfen, aus- 
nahmsweise auch vom Sohn eines solchen Mitglieds. (Im letzteren Fall muß 
der Sohn beim Tode seines Vaters die Praxis aufgeben.) Sollten aber die 
Männer eines bestimmten Geschlechtes aussterben, so kann eine Frau die 
Magie erlernen, obwohl sie niemals sie ausüben darf; doch gebiert sie ihrem 
Unter-Clan einen männlichen Erben, so lehrt sie ihn den Zauberspruch zum 
künftigen Gebrauch. So vermag die Frau die Lücke einer Generation zu 
überbrücken, indem sie in ihrem Gedächtnis ein System der Garten-Magie 
aufbewahrt, und Wind- oder Wetterformeln, oder Sprüche für Fischfang, 
Jagd, Kanubau und Überseehandel. Sie kann sogar ein System der Kriegs- 
magie überliefern; niemals jedoch darf sie die Formeln der männlichen 
schwarzen Magie erlernen, denn diese sind für das weibliche Geschlecht 

3 m. g. 33 



Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

streng tabu. Dafür besteht auch, keine Notwendigkeit, da schwarze Magie 
innerhalb eines Unter-Clans nie streng vererbt wird. 

Wir sehen also, daß die starke Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 
des Stammes noch gestützt wird durch ihr Recht, Magie zu üben — jenen 
zähesten und unzerstörbarsten Bestandteil des Glaubens. 



Um nun die Ergebnisse dieses und des vorhergehenden Kapitels kurz zu- 
sammenzufassen, betrachten wir ein Eingeborenendorf gleichsam aus der 
Vogelperspektive und versuchen, uns ein kinematographisches Bild vom 
Leben der Dorfgemeinschaft zu bilden. Überblicken wir den Dorfplatz, die 
Straße, den umgebenden Hain und das Gartenland, so sehen wir Männer 
und Frauen ungehindert und gleichberechtigt durcheinander wimmeln. Sie 
gehen etwa gemeinsam in den Garten arbeiten, oder sie sammeln Nahrungs- 
mittel im Wald oder am Strand. Manchmal trennen sie sich auch, und jedes 
Geschlecht bildet eine besondere Gruppe, die tüchtig und hingegeben ihre 
Arbeit verrichtet. Auf dem Dorfplatz herrschen die Männer vor; vielleicht 
erörtern sie in einer Dorfversammlung die Ernteaussichten oder rüsten zu 
einer überseeischen Expedition oder irgendeiner anderen Zeremonie. Die 
Straße ist von den Frauen bevölkert, die sich mit dem Haushalt zu schaffen 
machen; nach einer Weile gesellen sich die Männer zu ihnen, um bei den 
häuslichen Geschäften oder bei der Wartung der Kinder zu helfen. Wir 
hören, wie die Frauen ihre Männer schelten, meistens sehr gutmütig und 
freundlich. 

Nehmen wir nun an, unsere Aufmerksamkeit würde durch ein besonderes 
Ereignis gefesselt, durch einen Todesfall, eine Streitigkeit, eine Erbteilung 
oder irgendeine Feier. Voller Verständnis beobachten wir die Auswirkungen 
von Stammesbrauch und -gesetz, das Ineinandergreifen persönlicher Leiden- 
schaften und Interessen. Wir sehen den Einfluß mutterrechtlicher Prinzipien, 
die Wirkung väterlicher Herrschaft, die Überlieferungen der Stammesmacht 
und die Ergebnisse totemistischer Spaltung in Clans und Unter-Clans. In 
alledem findet ein Ausgleich statt zwischen männlichem und weiblichem 
Einfluß; der Mann übt die Macht aus, während die Frau ihre Verteilung 
bestimmt. 

Oder vielleicht herrscht auf dem Dorfplatz ein fröhliches Gewimmel festlich 
geschmückter Männer und Frauen. Mit leicht schwingenden Bewegungen 
gehen die Frauen in ihrem Festputz einher, voll koketter Freude an den 
Linien ihres Körpers, an dem eleganten Rascheln der reichen roten, violetten 
und goldenen Röcke. Die Männer sind zurückhaltender gekleidet und tragen 

34 









Die Stellung der Frau im Gemeinschaftsleben 

eine unbewegliche steife Würde zur Schau. Sie bewegen sich nur wenig, falls 
sie nicht am Tanz oder einer anderen festlichen Tätigkeit teilnehmen. Reich 
mit Schmuck überladen, voller Lebensfreude und Bewegungsdrang sind die 
Tänzer. Die Vorstellung beginnt — manchmal nur von Männern, manchmal 
auch von Frauen ausgeführt. Im weiteren Verlauf des Festes, spät am Nach- 
mittag oder Abend, fangen die jungen Leute an, Interesse füreinander zu 
zeigen: hier und da hört man Bruchstücke einer Unterhaltung, Kichern und 
lautes Gelächter. Ihr Betragen ist nicht im geringsten ungehörig, unanständig 
oder in geschlechthcher Hinsicht anstößig, wenn auch ihr Wortschatz nicht 
gerade altjüngferlich ist. Doch da wir diese Leutchen gut kennen, wissen 
wir, daß Stelldicheins verabredet und Liebesbeziehungen angesponnen werden. 
So kommen wir zur näheren Untersuchung des Liebeslebens der Eingeborenen, 
das wir nun durch systematische Schilderung kennenlernen wollen. 



35 



DRITTES KAPITEL 
VOREHELICHER GESCHLECHTSVERKEHR 

Die Trobriander sind sehr ungezwungen in ihrem geschlechtlichen Ver- 
halten; ja, einem oberflächlichen Beobachter könnte ihr Liebesleben gänzlich 
ungezügelt erscheinen. Das ist es jedoch nicht, denn ihre Freiheit hat ge- 
wisse sehr wohl definierte Grenzen. Am deutlichsten wird das erkennbar, 
wenn wir zusammenhängend über die verschiedenen Stadien berichten, die 
ein Mann und eine Frau auf ihrem Wege von der Kindheit zur Reife durch- 
laufen — so ergibt sich eine Art sexueller Lebensgeschichte eines typischen 
Paares. 

Zunächst müssen wir die früheste Kindheit betrachten, denn diese Ein- 
geborenen haben ihre ersten geschlechtlichen Erlebnisse in sehr frühem Alter. 
Der ungeordnete und sozusagen launenhafte Verkehr dieser frühen Jahre 
festigt sich im Heranwachsen zu dauerhafteren Beziehungen, die sich später 
zu festen Verhältnissen entwickeln. In Verbindung mit den späteren Stadien 
des Geschlechtslebens gibt es auf den Trobriand-Inseln eine äußerst inter- 
essante Einrichtung, das Ledigenhaus, von den Eingeborenen bukumatula 
genannt; dies ist von großer Bedeutung, da wir es hier mit einer jener durch 
Brauch geheiligten Einrichtungen zu tun haben, die auf den ersten Blick 
eine Art „Gruppenehe" vortäuschen. 

1. Das Geschlechtsleben der Kinder 
Kinder genießen auf den Trobriand-Inseln beträchtliche Freiheit und Un- 
abhängigkeit. Früh lösen sie sich los von der Bevormundung der Eltern, die 
übrigens nie sehr streng gehandhabt wird. Manche Kinder gehorchen ihren 
Eltern bereitwillig, doch das hängt nur vom persönlichen Charakter beider 
Parteien ab: eine regelrechte Disziplin, ein System häuslichen Zwanges ist 
ganz ausgeschlossen. Oft war ich bei Eingeborenen zu Besuch und habe 
irgendein Familienereignis miterlebt, etwa einen Streit zwischen Eltern und 
Kind; da wurde denn dem Kind dieses oder jenes gesagt, meist, als ob eine 
Gunst von ihm erbeten würde, obschon man zuweilen das Verlangen sogar 

36 



Das Geschlechtsleben der Kinder 

durch Androhung von Gewalt unterstützte. Entweder schmeichelten oder 
schalten die Eltern, oder sie stellten ihr Verlangen an das Kind wie an einen 
Gleichgestellten. Nie geben Trobriander-Eltern ihrem Kind einen einfachen 
Befehl in der Erwartung natürlichen Gehorsams. 

Die Leute werden manchmal böse auf ihre Kinder und schlagen sie in 
einem Anfall von Wut; doch ebenso häufig habe ich ein Kind zornig auf 
Vater oder Mutter losschlagen sehen. Ein solcher Angriff wird entweder mit 
gutmütigem Lächeln hingenommen, oder der Schlag wird ärgerlich zurück- 
gegeben; jedoch der Gedanke an klare Vergeltung oder zwangsläufige Be- 
strafung ist dem Eingeborenen nicht nur fremd, sondern direkt zuwider. 
Ein paarmal habe ich nach einer offenkundigen kindlichen Missetat zu ver- 
stehen gegeben, daß es für künftige Fälle besser sei, das Kind zu schlagen 
oder sonstwie kalten Blutes zu bestrafen; doch dieser Gedanke erschien 
meinen Freunden unnatürlich und unsittlich und wurde mit einer gewissen 
Empfindlichkeit zurückgewiesen. 

Diese Freiheit gibt den Kindern Spielraum zur Bildung einer eigenen 
kleinen Gemeinschaft, einer unabhängigen Gruppe, in die sie ganz von selbst 
mit vier oder fünf Jahren hineinwachsen und wo sie bis zur Pubertät ver- 
bleiben. Wie es ihnen gerade in den Sinn kommt, verbringen sie den Tag 
bei ihren Eltern oder gesellen sich zu ihren Spielgefährten in ihrer kleinen 
Republik (s. Abb. 15, 16, 17). Diese Gemeinschaft innerhalb einer Gemein- 
schaft handelt meistens nach dem Willen ihrer Mitglieder und steht den 
Alteren oft in einer Art Kollektiv-Opposition gegenüber. Wenn die Kinder 
sich in den Kopf setzen, etwas Bestimmtes auszuführen, etwa einen Tages- 
ausflug zu machen, so sind die Erwachsenen, ja auch der Häuptling nicht 
imstande, sie daran zu hindern, wie ich oft beobachtet habe. Bei meinen 
ethnographischen Arbeiten konnte, ja mußte ich mir meine Informationen 
über Kinder und ihre Angelegenheiten direkt von ihnen selbst holen. Ihr 
geistiges Eigentumsrecht an Spielen und kindlichen Tätigkeiten wurde 
durchaus anerkannt; sie konnten mich auch sehr gut belehren und mir die 
Schwierigkeiten ihrer Spiele und Unternehmungen erklären (s. Abb. 15). 

Schon kleine Kinder verstehen und achten Stammesüberlieferung und 
Sitte, Bräuche oder Schicklichkeitsvorschriften und Einschränkungen, welche 
den Charakter eines Tabu oder Stammesgesetzes haben 1 . 

1 Die Art und "Weise, wie einem Kind Achtung vor Tabu und Stammesüberlieferung bei- 
gebracht wird, tritt überall in diesem Buch zutage, vor allem in Kap. XIII. Brauch und 
Sitte dürfen nicht personifiziert werden, ihre Autorität ist weder autonom noch absolut 
gültig, sondern ergibt sich aus bestimmten sozialen und psychologischen Tatbeständen. 
Vgl. mein „Crime and Custom", 1926. 



3» 



37 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

Die Freiheit und Unabhängigkeit des Kindes erstreckt sich auch auf das 
sexuelle Gebiet. Zunächst einmal hören und sehen die Kinder vieles vom 
Geschlechtsleben der Älteren. Da das Haus der Eltern nicht die Möglichkeit 
bietet, sich abzuschließen, hat das Kind Gelegenheit, aus eigener Anschauung 
sich über den Geschlechtsakt zu informieren. Es wurde mir mitgeteilt, daß 
Kinder durch keinerlei besondere Vorkehrungen daran verhindert werden, 
den geschlechtlichen Vergnügungen ihrer Eltern zuzuschauen. Das Kind 
wird nur ausgezankt und angewiesen, den Kopf unter die Matte zu stecken. 
Manchmal wurde ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen mir gegenüber 
folgendermaßen gelobt: „Gutes Kind, es erzählt nie, was zwischen seinen 
Eltern vorgeht." Kleine Kinder dürfen unverhüllt geschlechtliche Gespräche 
mit anhören, und sie verstehen sehr wohl, um was es geht. Sie haben auch 
selber hinreichende Übung im Fluchen und im Gebrauch obszöner Worte. 
Infolge ihrer frühzeitigen geistigen Entwicklung sind manchmal schon ganz 
kleine Kinder imstande, schlüpfrige Scherze zu machen, die von ihren Eltern 
mit Gelächter begrüßt werden. 

Kleine Mädchen begleiten ihre Väter auf den Fischfang, wobei die Männer 
ihr Schamblatt ablegen. Nacktheit gilt unter diesen Umständen für natürlich, 
weil notwendig, und es haftet ihr nichts Unzüchtiges oder Anstößiges an. 
Als ich einst mit einem Eingeborenen ein bedenkliches Thema besprach, 
kam ein kleines Mädchen dazu, die Tochter meines Gewährsmannes. Ich 
bat den Vater, sie fortzuschicken. „O nein," erwiderte er, „sie ist ein gutes 
Mädchen, sie sagt niemals ihrer Mutter etwas wieder, was unter Männern 
besprochen wird. Wenn wir sie zum Fischen mitnehmen, brauchen wir uns 
nicht zu schämen. Eine andere würde alle Einzelheiten unserer Nacktheit 
ihren Gefährtinnen oder ihren Müttern 1 wiedererzählen. Die würden uns 
dann necken und wiederholen, was sie über uns gehört haben. Aber diese 
Kleine sagt nie ein Wort." Die übrigen anwesenden Männer stimmten ihm 
begeistert zu und verbreiteten sich weiter über die Diskretion des Mädchens. 
Ein Junge hingegen hat in diesen Dingen mit seiner Mutter viel weniger 
Berührung, denn zwischen Verwandten mütterlicherseits, das heißt also für 
die Eingeborenen zwischen wirklichen Verwandten, wirkt das Inzest-Tabu 
schon in frühem Alter und verbietet dem Knaben jede Vertraulichkeit dieser 
Art mit seiner Mutter und vor allem mit seinen Schwestern. 

Knaben und Mädchen haben reichlich Gelegenheit, sich von ihren Ge- 
fährten in erotischen Dingen unterweisen zu lassen. Die Kinder weihen sich 
gegenseitig in die Geheimnisse des Geschlechtslebens ein auf durchaus prak- 

1 Das heißt „klassifikatorische Mütter" — Mutter, Tanten mütterlicherseits usw. Vgl. 
Kap. XIII, 5 u. 6. 

38 



Das Geschlechtsleben der Kinder 

tische Art und Weise und in sehr frühem Alter. Lange ehe sie imstande sind, 
den Geschlechtsakt wirklich auszuführen, beginnt ihr frühzeitiges Liebes- 
leben. In ihren Spielen und Zeitvertreiben befriedigen sie ihre Neugier nach 
Aussehen und Funktion der Geschlechtsorgane und erleben dabei, wie es 
den Anschein hat, ein gewisses Lustgefühl. Abtasten der Geschlechtsorgane 
und leichte Perversionen, wie etwa orale Reizung der Organe, sind typische 
Arten dieser Vergnügungen. Es heißt, daß kleine Mädchen und Knaben 
häufig von ihren etwas älteren Gefährten eingeweiht werden, die sie bei 
ihren eigenen Liebeständeleien zuschauen lassen. Allein von dem Grad ihrer 
Neugier, ihrer Reife und ihres „Temperaments" oder ihrer Sinnlichkeit hängt 
es ab, wie sehr oder wie wenig sie sich geschlechtlichem Zeitvertreib hin- 
geben, denn sie sind durch keinerlei elterliche Autorität gezügelt und durch 
keinen Sittenkodex gebunden, abgesehen von dem besonderen Stammes-Tabu. 
Die Erwachsenen, ja sogar die Eltern verhalten sich gegenüber solch kind- 
licher Hemmungslosigkeit entweder völlig gleichgültig oder durchaus wohl- 
wollend — sie finden es natürlich und sehen nicht ein, warum sie einschreiten 
sollten. Meistens bekunden sie eine Art nachsichtiges, belustigtes Interesse 
und erörtern die Liebesaffären ihrer Kinder im leichten Scherzton. Oft habe 
ich im wohlwollenden Geplauder Aussprüche wie etwa den folgenden gehört : 
„Die und die (ein kleines Mädchen) hat schon Verkehr gehabt mit dem und 
dem — (einem kleinen Jungen)"; und wenn es sich gerade so trifft, wird 
etwa hinzugefügt, es sei ihre erste Erfahrung. Wird der Liebhaber gewechselt 
oder spielt sich sonst ein kleines Liebesdrama in der Welt der Kleinen ab, 
so erörtert man es halb ernst, halb scherzend. Der kindliche Geschlechtsakt 
oder was ihn ersetzen muß, wird als unschuldiges Vergnügen betrachtet. „Sie 
spielen eben kayta (Geschlechtsverkehr haben). Sie schenken sich gegen- 
seitig eine Kokosnuß, ein kleines Stück Betelnuß, ein paar Perlen oder 
einige Früchte aus dem Busch, und dann verstecken sie sich und kayta." 
Doch gilt es als ungehörig, wenn die Kinder ihre Liebesgeschichten im Hause 
betreiben, es hat vielmehr stets im Busch zu geschehen. 

Der Zeitpunkt, da ein Mädchen sich solcherart zu vergnügen beginnt, fällt 
nach meinen Informationen mit dem Anlegen des ersten kurzen Bastrockes 
zusammen — das wäre im Alter von vier oder fünf Jahren. Doch das kann 
sich offensichtlich nur auf unvollkommene Praktiken und nicht auf den 
wirklichen Akt beziehen. Einige meiner Gewährsleute behaupteten zwar 
solch kleine weibliche Kinder hätten tatsächlich Verkehr mit Penetration. 
Eingedenk jedoch der starken Neigung des Trobrianders zu grotesken Über 
treibungen — einer Neigung, die eines gewissen boshaften Rabelaisschen 
Humors nicht entbehrt — bin ich geneigt, die Behauptungen meiner Ge- 

39 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

währsleute nicht für ganz voll zu nehmen. Wenn wir den Beginn des wirk- 
lichen Geschlechtslebens beim Mädchen auf das Alter von sechs bis acht 
und beim Knaben von zehn bis zwölf festsetzen, so dürften wir in keiner 
Richtung sehr weit von der Wahrheit abweichen. Von diesem Zeitpunkt an 
gewinnt die Geschlechtlichkeit im Laufe des Lebens immer größere Be- 
deutung, bis sie allmählich wieder an Wichtigkeit verliert, wie es im Wesen 
der Natur hegt. • 

Geschlechtliche oder zum mindesten sinnliche Lust ist eines der Elemente, 
wenn nicht gar die Grundlage vieler kindlicher Zeitvertreibe. Manche Spiele 
natürlich verschaffen überhaupt keine geschlechtliche Erregung — zum Bei- 
spiel alle, die wirtschaftliche oder rituelle Betätigungen der Erwachsenen 
nachahmen (s. Abb. 17), oder Geschicklichkeitsspiele oder kindlicher Sport; 
aber alle Arten Reigenspiele, die von den Kindern beiderlei Geschlechts auf 
dem Dorfplatz gespielt werden, haben einen mehr oder weniger aus- 
gesprochenen geschlechtbchen Beigeschmack, wenn auch die hier gebotenen 
Ventile indirekt und nur den älteren Jünglingen und Mädchen zugänglich 
sind, die sich an den Spielen beteüigen. Wir werden jedoch das Geschlecht- 
liche in gewissen Spielen, Liedern und Geschichten später noch zu unter- 
suchen haben (Kap. IX u. XI), denn je feiner und versteckter die Beziehung 
auf Geschlechtliches -wird, um so ausschließlicher wendet sie sich an Ältere 
und ist deshalb im Zusammenhang mit dem späteren Leben zu behandeln. 

Es gibt aber auch eine besondere Art von Spielen, an denen sich ältere 
Kinder nie beteiligen, bei denen jedoch Geschlechtliches ganz unmittelbar 
eine Rolle spielt. So spielen die Kleinen etwa „Hausbauen" oder „Vater und 
Mutter". Aus Stöcken und Zweigen wird in einem abgelegenen Teil des 
Waldes eine kleine Hütte gebaut und von einem oder mehreren Paaren be- 
zogen; nun spielen sie Mann und Frau, machen sich Essen zurecht und führen 
den Geschlechtsakt aus oder ahmen ihn nach, so gut sie eben können. Oder 
sie machen die Liebesausflüge der Älteren nach und nehmen sich Nahrungs- 
mittel mit an irgendeinen Lieblingsplatz am Strand oder im Korallenfels, 
kochen und verzehren dort ihr Essen und „wenn sie vollgegessen sind, 
kämpfen manchmal die Jungen miteinander, oder kayta (begatten sich) mit 
den Mädchen". Wenn an bestimmten wilden Bäumen im Urwald die Früchte 
reifen, machen sich die Kinder scharenweise auf, sie zu pflücken; sie tauschen 
Geschenke, treiben kula (rituellen Tauschhandel) mit den Früchten und 
geben sich mit erotischer Kurzweil ab 1 . 

Die Kinder bemänteln also gern die Kraßheit ihrer sexuellen Neigungen 
und Erlebnisse mit einem poetischeren Schimmer. Überhaupt beweisen die 
1 Eine Beschreibung des wirklichen kula in „Argonauts of the Western Pacific". 



40 



Einteilung nach dem Alter 

Trobrianderkinder in ihren Spielen einen auffallenden Sinn für das Besondere, 
das Romantische. Ist zum Beispiel ein Teil des Waldes oder des Dorfes 
vom Regen überschwemmt, so lassen sie auf diesem neuen Gewässer ihre 
Spielzeugkanus fahren; oder wenn starker Seegang seltsames Strandgut 
an Land gespült hat, gehen sie ans Meeresufer und erfinden irgendein 
phantasiereiches Spiel damit. Die kleinen Jungen suchen auch nach seltenen 
Tieren, Insekten oder Blumen, machen sie den kleinen Mädchen zum 
Geschenk und breiten so einen versöhnenden ästhetischen Glanz über ihre 
frühreife Erotik. 

Trotzdem sexuelle Motive im Leben der jüngsten Generation eine wichtige 
Rolle spielen, darf man nicht vergessen, daß die Trennung der Geschlechter 
in vielen Dingen sich auch auf die Kinder erstreckt. Sehr oft sieht man 
kleine Mädchen in selbständigen Gruppen spielen oder wandern. In gewissen 
Stimmungen, die sogar häufiger scheinen als andere, verachten die kleinen 
Jungen weibliche Gesellschaft und vergnügen sich allein (s. Abb. 17). So 
zerfällt die kleine Republik in zwei gesonderte Gruppen, die man vielleicht 
häufiger noch getrennt als vereint sieht; und obwohl sie sich oft beim Spiel 
zusammentun, braucht dieses doch keineswegs sinnlicher Art zu sein. 

Es ist bemerkenswert, daß ältere Leute sich nicht in das geschlechtliche 
Leben der Kinder einmischen. Ganz selten gerät einmal ein alter Mann oder 
eine alte Frau in den Verdacht, ein starkes sexuelles Interesse an den Kindern 
zu nehmen oder gar mit dem einen oder anderen Verkehr zu haben. Doch 
nie habe ich erlebt, daß ein solcher Argwohn auch nur durch allgemeine 
Übereinstimmung der Ansichten gestützt worden wäre, und stets fand man 
es sowohl albern als ungehörig von einem älteren Menschen, sich mit einem 
Kind geschlechtlich einzulassen. Nirgends findet sich die leiseste Spur einer 
Sitte ritueller Defloration durch alte Männer oder auch nur durch Männer 
einer höheren Altersklasse. 

2. Einteilung nach dem Alter 

Ich habe eben den Ausdruck „Altersklasse" gebraucht, jedoch nur in 
einem ganz allgemeinen Sinn: denn die Trobriander kennen keine scharf ab- 
gegrenzten Altersstufen oder -klassen. Die folgende Tabelle von Alters- 
bezeichnungen gibt nur ungefähr die verschiedenen Lebensabschnitte an, 
denn in der Praxis gehen die einzelnen Stadien ineinander über. 

Die in dieser Tabelle angeführten Bezeichnungen greifen in manchen 
Fällen aufeinander über. So kann man ein sehr kleines Kind unterschiedslos 
als waywaya oder als pwapwawa bezeichnen, doch wird in der Regel nur der 
erste Ausdruck gebraucht, wenn von einem Fötus oder von den präinkar- 

41 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

nierten Kindern aus Tuma 1 die Rede ist. Aber man kann ein Kind von ein 
paar Monaten entweder als gwadi oder als pwapwawa bezeichnen, doch wird 
der letztere Ausdruck — außer für ein sehr kleines Baby — nur selten ver- 
wendet. Das Wort givadi kann außerdem ganz allgemein gebraucht werden, 
wie „Kind" im Deutschen, für alle Altersstufen zwischen Fötus und Jüngling 
oder jungem Mädchen. Wir sehen also, daß zwei Ausdrücke beide auf den 
Bedeutungskreis des anderen übergreifen können, doch nur, wenn sie in der 
Reihe der Altersbezeichnungen unmittelbar nebeneinanderstehen. Die Aus- 
drücke mit geschlechtbezeichnenden Vorsilben (4) werden meistens nur auf 
ältere Kinder angewandt, die sich durch ihre Kleidung unterscheiden. 



Bezeichnungen der Lebensalter 



1. Waywaya (Fötus; Kleinkind bis zum Kriechalter, 

männlich und weiblich zugleich) 

2. Pwapwawa (Kleinkind bis zum Gehälter, männlich 

oder weiblich) 

3. Gwadi (Kind bis zur Pubertät, männlich oder weib- 
lich) 

4. Inagwadi (weibliches 
Kind) 

5. Nakapugula oder Naku- 
bukwabuya (Mädchen von 
der Pubertät bis zur 
Ehe) 

6. Nabubowa , u (reife Frau) 



4. Monagwadi (männ- 

liches Kind) 

5. To'ulatile (Jüngling 
von der Pubertät 
bis zur Ehe) 



I. Abschnitt: 
Gwadi — das Wort wird als 
allgemeine Bezeichnung für 
die Stadien 1 — 4 gebraucht 
und bedeutet Kind, männ- 
lich oder weiblich, zu jedem 
Zeitpunkt zwischen Geburt 
und Reife 



II. Abschnitt: 

allgemeine Bezeichnungen 

Ta'u (Mann), Vivila (Frau) 



III. Abschnitt: 
Greisenalter 



6. Tobubowa'u (reifer 
Mann) 

6a. Tovavaygüe (verheira- 6a. Navavaygile (verheiratete 
teter Mann) Frau) 

7. Tomwaya (alter Mann) 7. Numwaya (alte Frau) 
7a. Toboma (alter, angesehener Mann) 

Abgesehen von diesen mehr ins einzelne gehenden Unterabteilungen haben 
wir also folgende drei Hauptstufen: das Alter der Reife, Mann und Frau in 
voller Lebenskraft, und die beiden anderen Altersstufen — Kindheit, Greisen- 
alter — , welche das Alter der Reife umschließen. Der mittlere Haupt- 
abschnitt wird, vornehmlich durch die Eheschließung, in zwei Teile ge- 
gliedert; also bezeichnen die Wörter unter (5) in erster Linie Unverheiratete 
und sind in dieser Hinsicht den Benennungen unter (6 a) entgegengesetzt, 
doch gleichzeitig drücken sie Jugendlichkeit oder Unreife aus und stehen 
insofern im Gegensatz zu (6). 

Die Bezeichnung tomwaya (7) für einen alten Mann kann auch Rang oder 
Ansehen ausdrücken. Ich selbst wurde oft so angeredet, doch es schmeichelte 
1 Vgl. Kap. VII, 2. 



42 



Das Liebesleben der Jugendlichen 

mir wenig und ich zog es bei weitem vor, toboma (wörtlich „der für tabu er 
klärte Mann") genannt zu werden; mit diesem Wort bezeichnet man alte 
Männer von hohem Rang; es drückt jedoch die zweite Eigenschaft viel 
stärker aus als die erste. Seltsam genug, wird das Kompliment oder die Aus- 
zeichnung, die in dem Wort tomwaya Hegt, viel schwächer und verschwindet 
beinah ganz in der entsprechenden weiblichen Bezeichnung: numivaya hat 
jenen Anflug von Verächtlichkeit oder Lächerlichkeit, der dem Ausdruck 
„altes Weib" in so vielen Sprachen anhaftet. 

3. Das Liebesleben der Jugendlichen 
Im Alter von Zwölf bis Vierzehn, wenn der Knabe jene ; Körperkraft er- 
langt, die mit der Geschlechtsreife sich einstellt, wenn seine vermehrte Kraft 
und geistige Reife ihm die freilich zunächst nur unregelmäßige Teilnahme an 
den Geschäften der Älteren gestatten, gilt er nicht länger mehr als Kind 
(gtvadi), sondern rückt in das Stadium der Jugendlichen vor (idatile oder 
to'ulatile). Damit nimmt er auch im Gemeinschaftsleben eine andere Stellung 
ein, die einige Pflichten und viele Vorrechte mit sich bringt und eine strengere 
Beobachtung der Tabus und ausgedehntere Teilnahme an den Angelegen- 
heiten des Sta mm es fordert. Schon seit einiger Zeit hat er das Schamblatt 
angelegt; jetzt aber ist er mehr als früher auf das Tragen und Aussehen 
dieses Kleidungsstücks bedacht. Das Mädchen wird aus dem Kind zur 
Jugendlichen durch die unverkennbaren körperlichen Veränderungen: „ihre 
Brüste sind rund und voll; ihr Körperhaar fängt zu wachsen an; ihr Monats- 
blut flutet und ebbt mit jedem Mond", wie die Eingeborenen sich ausdrücken 
Auch sie hat an ihrer Bekleidung keine Veränderung vorzunehmen, denn 
schon viel früher hat sie den Bastrock angelegt; doch jetzt bezeigt sie ein 
viel größeres Interesse für ihre Kleidung sowohl im Hinblick auf Eleganz 
als auch auf Schicklichkeit. 

Zu diesem Zeitpunkt bricht die Familie auseinander, wenigstens zum Teil. 
Brüder und Schwestern müssen getrennt werden — so verlangt es das strenge 
Tabu, das im Stammesleben eine so wichtige Rolle spielt 1 . Die älteren 
Kinder, besonders die männlichen, müssen das Haus verlassen, um nicht 
durch ihre störende Gegenwart das Geschlechtsleben ihrer Eltern zu hemmen. 
Diese teilweise Auflösung der Familie kommt dadurch zustande, daß der 
heranwachsende junge Mann in ein Haus übersiedelt, welches von Jung- 
gesellen oder älteren verwitweten männlichen Verwandten oder Freunden 
bewohnt wird. Solch ein Haus heißt bukumatula; im nächsten Abschnitt 
werden wir diese Einrichtung in allen Einzelheiten kennenlernen. Das 
1 Vgl. Kap. XIII, 6 und Kap. XIV. 

43 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

Mädchen zieht manchmal zu einer älteren verwitweten Tante oder zu einer 
anderen Verwandten mütterlicherseits. 

Wächst der Knabe oder das Mädchen heran, so wird das Geschlechts- 
leben beider von größcrem Ernst erfüllt. Es ist nicht mehr bloßes Kinder- 
spiel, sondern nimmt einen hervorragenden Platz unter den Lebensinteressen 
em. Was früher eine unbeständige Beziehung war, die im Austausch ero- 
tischer Betastungen oder in einem unreifen Geschlechtsakt gipfelte, wird 
jetzt zur nachhaltig beschäftigenden Leidenschaft, zur Angelegenheit ernsten 
Strebens. Der Jugendliche erscheint nun endgültig einer bestimmten Person 
zugetan, wünscht sie zu besitzen, arbeitet vorsätzbch auf dieses Ziel hin, 
sucht seine Wünsche durch magische und andere Mittel durchzusetzen und 
freut sich schließlich der Erfüllung. Ich habe es erlebt, daß junge Leute 
dieses Alters aus unglücklicher Liebe tatsächlich krank und elend wurden. 
Dieses Altersstadium unterscheidet sich vom vorhergehenden dadurch, daß 
nun eme entschieden persönliche Vorliebe ins Spiel kommt und damit die 
Neigung zu Bindungen von längerer Dauer. Der junge Mann möchte sich 
die Treue und ausschließliche Zuneigung der Geliebten erhalten, wenigstens 
für emigc Zeit. Doch ist diese Neigung bis jetzt keineswegs so stark, daß der 
Gedanke an eine einzige ausschließliche Liebesbeziehung aufkäme; Jugend- 
liche denken noch nicht entfernt ans Heiraten. Der junge Mann oder das 
junge Mädchen will erst noch viele andere Erlebnisse haben; er oder sie freut 
sich noch der vollkommenen Freiheit und empfindet keinerlei Wunsch, Ver- 
pflichtungen auf sich zu nehmen. Wenn ihn auch die Vorstellung freuen 
mag, daß seine Partnerin ihm treu ist, so fühlt sich doch der jugendliche 
Liebende nicht verpflichtet, diese Treue zu erwidern. 

Wir haben im vorhergehenden Abschnitt gesehen, daß in jedem Dorf die 
Kinder eine Art kleine Republik innerhalb der Dorfgemeinschaft bilden. Eine 
zweite solche Gruppe stellen die Jugendlichen dar. Obwohl in diesem Lebens- 
alter die Jungen und Mädchen durch ihre erotischen Interessen viel stärker 
miteinander verbunden sind, lassen sie sich nur selten am Tage oder in der 
Öffentlichkeit gemeinsam sehen. Die Gruppe zerfällt tatsächlich in zwei 
Einzelgruppen je nach dem Geschlecht (Abb. 18 u. 20; s. auch Abb. 59 u. 62). 
Dieser Teilung entsprechen zwei Wörter, ttfulatile und nakuhukwabuya; es 
gibt also keinen gemeinsamen Ausdruck für die heranwachsende Jugend 
beider Geschlechter, wie er für die jüngere Altersgruppe, gugwadi (Kinder), 
vorhanden ist. 

Die Eingeborenen sind offensichtlich sehr stolz auf diese „Blüte des 
Dorfes", wie man sagen könnte. Häufig erwähnen sie, „alle Ufidaüh und 
nakubukivabuya (Jünglinge und junge Mädchen) des Dorfes" ßeien zugegen 

44 



Das Liebesleben der Jugendlichen 

gewesen. Ist von. irgendeinem Wettspiel, von Tanz oder Sport die Rede, so 
vergleichen sie Erscheinung oder Leistungen ihrer eigenen Jünglinge mit 
denen irgendeines anderen Dorfes — stets zum Vorteil des eigenen Nach- 
wuchses. Diese Altersgruppe führt ein glückliches, freies, arkadisches Lehen, 
voller Freude und Lustbarkeit. 

Die jungen Leute dieses Alters werden noch durch keinerlei ernste Pflichten 
in Anspruch genommen, doch die größere körperliche Kraft und Reife er- 
höht ihre Unabhängigkeit und erweitert ihr Betätigungsfeld. Heranwachsende 
junge Männer beteiligen sich an Gartenarbeit (s. Abb. 20), Fischfang und 
Jagd und an überseeischen Expeditionen, meist jedoch nur als Gelegenheits- 
arbeiter- sie haben die Erregung und das Vergnügen davon und auch einen 
Teil des Nimbus, doch sind sie noch unbeschwert von der ärgsten Plackerei 
und von den vielen Beschränkungen, welche die Älteren einengen und be- 
lasten. Viele Tabus sind für sie noch nicht recht bindend, die Last der Magie 
hegt noch nicht auf ihren Schultern. Wenn die Arbeit sie ermüdet, hören sie 
einfach auf und ruhen sich aus. Ehrgeiz und die Unterwerfung unter tra 
ditionelle Ideale legen den Älteren eine Selbstdisziplin auf, die ihnen ver- 
hältnismäßig wenig persönliche Freiheit läßt; doch diese jungen Menschen 
sind dem Räderwerk der sozialen Maschine noch nicht ganz verfallen. Auch 
den Mädchen erwächst aus der Teilnahme an einigen Beschäftigungen der 
Erwachsenen ein gewisses Maß an Erregung und Vergnügen, das Kindern 
versagt ist während ihnen die schlimmste Plackerei noch erspart bleibt. 

Abgesehen davon, daß junge Leute dieses Alters ihre Liebesgeschichten 
ernster und intensiver betreiben, suchen sie auch den Schauplatz ihrer Liebes- 
abenteuer zu erweitern und vielfältiger zu gestalten. Beide Geschlechter 
arrangieren Picknicks und Ausflüge und verbinden so den Geschlechtsverkehr 
mit der Freude an neuartigen Erlebnissen in schöner Landschaft. Sie knüpfen 
auch geschlechtliche Beziehungen außerhalb ihrer eigenen Dorfgemeinschaft 
an; findet nämlich irgendwo eine jener rituellen Feiern statt, bei denen nach 
Sitte und Brauch volle Ungebundenheit herrscht, so machen sie sich dorthin 
auf, meist entweder eine Gruppe junger Männer oder eine Schar junger 
Mädchen, denn in solchen Fällen ist immer nur für das eine Geschlecht Ge- 
legenheit zur Zügellosigkeit gegeben (s. Kap. IX, besonders Abschnitt 6 u. 7). 

Für ihren Liebesverkehr suchen sich diese Altersklassen andere Orte aus 
als die jüngeren. Kleine Kinder betreiben ihre geschlechtlichen Praktiken 
heimlich in Busch oder Hain als einen Teil ihrer Spiele und benutzen dabei 
alle möglichen Notbehelfe, um eine gewisse Abgeschlossenheit zu erreichen; 
der ulatile (Jüngling) jedoch hat entweder sein eigenes Lager in einem Jung- 
gesellenhaus, oder es steht ihm die Benutzung einer Hütte frei, die einem 

45 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

seiner unverheirateten Verwandten gehört. Auch giht es in einer bestimmten 
Art von Yamshaus einen leeren, abgeschlossenen Raum, wo sich die jungen 
Leute manchmal kleine „Kosewinkel" einrichten, die Raum für zwei bieten. 
Aus trockenen Blättern und Matten machen sie ein Bett zurecht und schaffen 
sich so eine gemütliche „garconniere", wo sie ihre Angebetete empfangen 
und ein paar glückliche Stunden mit ihr verbringen können. Solche Ein- 
richtungen sind natürlich nötig, nun der Liebesverkehr aus einem Spiel zur 
Leidenschaft geworden ist. 

Doch noch immer nicht trifft sich das Paar regelmäßig im Junggesellen- 
haus (bukumatula), wo man zusammen lebt und Nacht für Nacht dasselbe 
Lager teilt. Sowohl das Mädchen als auch der Jüngling ziehen heimlichere 
und weniger bindende Zusammenkünfte vor; noch suchen sie eine dauernde 
Beziehung zu meiden, die vielleicht ihre Freiheit unnötig einschränken würde, 
wenn sie allgemein bekannt wäre. Deshalb ist ihnen meistens ein kleines 
Nest im sokwaypa (geschlossenes Yamshaus) oder die zeitweilige Gast- 
freundschaft eines Junggesellenhauses Heber. 

Wir haben gesehen, daß die jugendlichen Neigungen zwischen Jünglingen 
und Mädchen dieses Alters aus kindischen Spielen und Vertraulichkeiten er- 
wachsen. All diese jungen Leute sind in nächster Nachbarschaft groß ge- 
worden und kennen einander sehr gut. Solche frühe Bekanntschaften fangen 
gleichsam Feuer unter dem Einfluß gewisser Veranstaltungen, wenn der 
berauschende Einfluß von Musik und Mondlicht, die ungewöhnliche Stim- 
mung und Kleidung aller Teilnehmer den jungen Mann in den Augen des 
Mädchens verwandeln, und umgekehrt. Genaue Beobachtung der Ein- 
geborenen und ihre eigenen vertraulichen Mitteilungen haben mich davon 
überzeugt, daß fremdartige Stimuli dieser Art eine große Rolle in den Liebes- 
geschichten der Trobriander spielen. Solche Gelegenheiten zu gegenseitiger 
Verwandlung und zur Flucht aus der Eintönigkeit des Alltagslebens bieten 
nicht nur die vielen festgelegten Festzeiten und Perioden erlaubter Zügel- 
losigkeit, sondern auch jene allmonatliche Steigerung der Vergnügungssucht 
bei Vollmond, die zu vielerlei Kurzweil und Lustbarkeit führt 1 . 

So bezeichnet das Jugendlichenalter den Übergang von kindlicher, ver- 
spielter Sexualität zu jenen ernsten, dauernden Beziehungen, welche der Ehe 
vorangehen. In dieser Zwischenzeit wird die Liebe zur Leidenschaft und 

bleibt doch frei. 

Allmählich, wenn die jungen Männer und Mädchen älter werden, dauern 
ihre Verhältnisse länger, die gegenseitigen Bindungen werden stärker und 
beständiger. In der Regel ent wickelt sich eine bevorzugte Neigung besonders 
i Vgl. Kap. IX. 

46 



Das Liebesleben der Jugendlichen 

stark und beginnt endgültig alle anderen Liebesaffären zu überschatten. Sie 
mag auf wahrer geschlechtlicher Leidenschaft oder auf Verwandtschaft der 
Charaktere beruhen. Praktische Erwägungen mischen sich ein, und früher 
oder später erwägt der Mann, eine seiner Liebesbeziehungen durch Heirat 
zu festigen. Im gewöhnlichen Verlauf der Dinge geht jeder Eheschließung 
eine mehr oder weniger ausgedehnte Periode gemeinsamen Geschlechtslebens 
voraus. Dies ist allgemein bekannt, wird auch besprochen und gilt als öffent- 
liche Ankündigung der Heiratsabsichten des betreffenden Paares. Es dient 
auch zugleich als Probe auf die beiderseitige Neigung und Verträglichkeit. 
Diese Probezeit läßt auch dem künftigen Ehemann und der Familie der Frau 
Zeit genug, sich wirtschaftlich auf das Ereignis vorzubereiten. 

Zwei Leute, die dauernd als Liebespaar zusammen leben, werden als „seine 
Frau" (la vivila) und „ihr Mann" (la to'u) bezeichnet. Man hat für diese 
Beziehung auch einen Ausdruck, der sonst für die Freundschaft zwischen 
zwei Männern gebraucht wird (lubay-, mit pronominalen Suffixen). Um zu 
unterscheiden zwischen einer vorübergehenden Liaison und einem Verhältnis 
das zur Ehe führen soll, sagt der Eingeborene im letzteren Fall von der be- 
treffenden Frau: „la vivila mokita; imisiya yambwata yambwata" — „seine 
Frau wahrhaftig; er schläft mit ihr immer immer." In dieser Redewendung 
ist die geschlechtliche Beziehung zwischen den beiden durch das Verb „mit- 
einander schlafen" (imisiya) bezeichnet; es ist dies diejenige Form von 
masisi, schlafen, welche Dauer und Wiederholung ausdrückt. Der Gebrauch 
dieses Verbs deutet auch an, daß die Beziehung rechtmäßiger Art ist, denn 
es wird verwendet, wenn vom geschlechtlichen Verkehr zwischen Gatte und 
Gattin die Rede ist oder von Beziehungen, die man mit Ernst und Achtung 
zu erörtern wünscht. Ein annähernd entsprechendes Wort im Deutschen 
"würde etwa „den Beischlaf ausüben" sein. Zum Unterschied davon haben 
die Eingeborenen noch zwei andere Worte: das Verb kaylasi hat den Bei- 
geschmack des Unerlaubten und wird gebraucht, wenn von Ehebruch oder 
anderem unrechtmäßigen Verkehr die Rede ist. Das deutsche Wort „huren" 
würde dieser Bedeutung vielleicht am nächsten kommen. Wollen die Ein- 
geborenen die nackte physiologische Tatsache benennen, so verwenden sie 
das Wort kayta, das vielleicht durch das Verb „sich begatten" wieder- 
zugeben wäre. 

Das voreheliche Dauerverhältnis beruht auf rein persönlicher Neigung und 
erhält sich auch nur so. Gesetzliche Verpflichtungen bestehen für keinen 
Teil: jeder Partner kann ein solches Verhältnis beginnen oder auflösen, wie 
es ihm behebt. Tatsächlich unterscheidet sich diese Beziehung von anderen 
Verbindungen nur durch ihre Dauer und Beständigkeit. Gegen das Ende hin, 

47 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

wenn die Eheschließung wirklich bevorsteht, wird das Element persönlicher 
Verantwortlichkeit und Verpflichtung immer stärker. Die beiden teilen das 
Lager nun regelmäßig im selben Hause und beobachten im Geschlechtsverkehr 
einen hohen Grad von Ausschheßlichkeit. Doch haben sie ihre persönliche 
Freiheit noch nicht aufgegeben; bei den verschiedenen Gelegenheiten zu 
größerer Ungebundenheit werden verlobte Paare unweigerlich getrennt, und 
jeder der beiden ist „untreu" mit einem vorübergehend erwählten Partner. 
Selbst innerhalb des Dorfes, im normalen Verlauf der Ereignisse, schenkt 
ein Mädchen, das einem bestimmten Mann versprochen ist, auch anderen 
Männern ihre Gunst, obzwar ein gewisses Maß an Schickhchkeit dabei be- 
obachtet werden muß; wenn sie zu oft anderswo schläft, kommt es möglicher- 
weise zu einer Lösung der Verbindung, jedenfalls aber zu Reibungen und 
Unstimmigkeiten. Weder der junge Mann noch das junge Mädchen dürfen 
offen mit anderen Partnern an einem Liebesausflug teilnehmen. Ganz ab- 
gesehen vom nächtlichen Beisammensein wird von den beiden erwartet, daß 
sie sich gemeinsam zeigen und ihr Verhältnis öffentlich zur Schau tragen. 
Jede Abweichung von der bevorrechteten Verbindung muß mit Anstand, 
das heißt heimlich vor sich gehen. Das freie Verhältnis ist das natürliche 
Ergebnis einer Reihe von Probeverbindungen und der geeignete Prüfstein 
für die Ehe. 

4. Das Junggesellenhaus 

Die Sitte, durch allmählich länger und fester werdende Bindungen auf die 
Ehe loszusteuern, hat eine sehr wichtige Einrichtung geschaffen, die man als 
„Junggesellenhaus mit Einschränkungen" bezeichnen könnte — in der Tat 
wird auf den ersten Blick das Vorhandensein eines „Gruppenkonkubinats" 
vorgetäuscht. Um Liebespaaren Gelegenheit zu ständigem Zusammensein zu 
schaffen, ist natüruch irgendein Gebäude nötig, das ihnen eine gewisse Ab- 
geschlossenheit bietet. Wir haben die Notbehelfe der Kinder kennengelernt 
und die bequemeren, doch noch nicht auf Dauer eingerichteten Liebesnester 
der Jugendlichen; es Hegt jedoch auf der Hand, daß das Dauerverhältnis 
zwischen einem Jüngling und einem erwachsenen Mädchen eine besondere 
Einrichtung fordert, die mehr auf Dauer und Bequemlichkeit eingestellt ist 
und gleichzeitig durch die Sitte gebilbgt wird. 

Brauch und Sitte des Stammes kommen diesem Bedürfnis entgegen und 
bieten Unterkunft und Abgeschlossenheit in Gestalt des bukumatula, des 
bereits erwähnten Ledigenhauses (s. Abb. ,19 u. 21). Hier wohnen eine be- 
schränkte Anzahl von Paaren, zwei, drei oder vier, auf längere oder kürzere 
Zeit in vorübergehender Gemeinschaft. Gelegentlich bietet das bukumatula 

48 




17. KLEINE JUNGEN SPIELEN SAGALI 
Die rituellen Nahrungsmittelverteilungen (sagali) sind wichtige Ereignisse im Leben der 
Eingeborenen; sie erregen Ehrgeiz und Leidenschaft der Erwachsenen und beleben die Ein- 
bildungskraft der Kinder. (KAP. III, I) 




18. MÄDCHENGRUPPE 

Drei heranwachsende Mädchen aus Omarakana zu Besuch bei Isupwana, einer der Häuptlings- 
frauen. Rechts Itana, die zweite von links Geumwala. Die drei Mädchen links tragen nur den 

Unterrock. (KAP. III, 3; KAP. X, i) 




19. REICHVERZIERTES JUNGGESELLENHAUS 
Die Wohnhütte (lisiga) eines unverheirateten Häuptlings in Vakuta — daher die verzierten. 
Balken — , die auch als regelrechtes bukurnatula benutzt wird. (KAP. III, l: KAP. II, I) 




20. JUNGEN IM YAMSGARTEN (KAP. III, 3) 



Das Junggesellenhaus 

auch jüngeren Paaren Obdach, wenn sie sich auf ein paar Stunden ungestört 
dem Liebesgenuß hingeben wollen. 

Wir müssen nun diese Einrichtung etwas aufmerksamer betrachten, denn 
sie ist in vieler Hinsicht äußerst wichtig und hochbedeutsam; wir wollen 
also die Lage dieser Häuser im Dorf untersuchen, ihre innere Einrichtung 
und die Art und Weise, wie sich das Leben hier abspielt. 

Bei der Beschreibung des typischen Trobriander-Dorfes (Kap. I, 2) haben 
wir bereits auf die Einteilung in mehrere Wohngruppen hingewiesen. Diese 
Einteilung entspricht bestimmten sozialen Regem und Bräuchen. Wie wir 
gesehen haben, besteht eine gewisse Beziehung zwischen dem Hauptplatz 
und dem Leben der männlichen Bevölkerung einerseits und zwischen der 
Straße und den weiblichen Betätigungen andererseits. Alle Häuser des 
inneren Ringes wiederum, der hauptsächlich aus Vorratshäusern besteht 
(s. Abb. 10 u. 81), unterliegen gewissen Tabus, besonders dem Kochverbot, 
denn nach dem Glauben der Eingeborenen ist Kochen für den aufgespeicherten 
Yams nachteilig. Der äußere Ring hingegen besteht aus Wohnungen mit 
Haushalt; hier ist Kochen erlaubt (s. Abb. 2 u. 5). Diese Unterscheidung ist 
der Grund, warum die Wohnhäuser Verheirateter stets im äußeren Ring 
stehen müssen, während ein Junggesellenhaus auch unter den Vorrats- 
häusern in der Mitte stehen darf. Der innere Ring besteht also aus Yams- 
häusern (bwayma), Wohnhütten eines Häuptlings und seiner Verwandten 
(lisiga) (Abb.l) und Junggesellenhäusern (bukumatula). Der äußere Ring 
wird gebildet von den Heimen der Ehepaare (bulaviyaka), geschlossenen 
Yamshäusern (sokwaypa) und den Häusern von Witwern oder Witwen (bwala 
nakaka'u). Der hauptsächliche Unterschied zwischen den beiden Ringen ist 
das Tabu auf Kochen. Das lisiga (persönliche Wohnhütte) eines jungen 
Häuptlings bietet in der Regel auch anderen Jünglingen Unterkunft und 
wird so zum bukumatula samt alledem, was diese Bezeichnung in sich schließt 

(Abb. 19). , . . 

Augeriblicklich gibt es fünf Junggesellenheime in Omarakana und vier im 
Nachbardorf Kasana'i. Ihre Zahl hat sich infolge des Einflusses der Missionare 
stark verringert. Aus Angst, der Missionar könne ihn durch Aussondern bloß- 
stellen, ihn verwarnen oder gegen ihn predigen, errichtet mancher Eigen- 
tümer eines bukumatula dieses jetzt im äußeren Ring, wo es weniger auf- 
fällig ist. Meine Gewährsleute haben mir erzählt, daß es noch vor etwa zehn 
Jahren fünfzehn Ledigenhäuser in beiden Dörfern gab, und meine ältesten 
Bekannten erinnern sich der Zeit, da es etwa dreißig waren. Dieser Rück- 
gang ist natürlich zum Teil in der ungeheuren Bevölkerungsabnahme be- 
gründet, und nur zum anderen Teil in der Tatsache, daß heutzutage manche 

49 



4 M. G. 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

Junggesellen bei ihren Eltern wohnen, manche in Witwerhäusern und noch 
andere in den Missionsstationen. Doch was auch der Grund sei — es braucht 
kaum gesagt zu werden, daß dieser Stand der Dinge wahre Geschlechtsmoral 
nicht fördert. 

Die innere Einrichtung eines bukumatula ist einfach. Die Möblierung be- 
steht fast ausschließlich aus Schlafbänken mit Matten zum Zudecken. Da 
die Bewohner sich tagsüber in anderen Haushaltungen aufhalten und dort 
all ihre Arbeitsgeräte aufbewahren, ist das Innere eines typischen buku- 
matula auffallend kahl. Es fehlt ihm das frauliche „cachet", das „Bewohnte". 

Hier also hausen die älteren jungen Männer mit ihren jeweiligen Gebebten. 
Jeder junge Mann hat seine eigene Schlafbank und benutzt sie regelmäßig. 
Löst ein Paar seine Verbindung, so hat das Mädchen auszuziehen — in der 
Regel, um sich einen anderen Schlafplatz bei einem anderen Liebsten zu 
suchen. Meistens gehört das bukumatula der Gruppe junger Männer, die es 
bewohnt, und einer, der Älteste, ist der nominelle Eigentümer. Es ist mir 
erzählt worden, daß zuweilen ein Mann für seine Tochter ein Haus als buku- 
matula gebaut habe, und daß in alten Zeiten auch Mädchen Ledigenhäuser 
zu besitzen und zu bewohnen pflegten; jedoch ist mir kein tatsächliches 
Beispiel dieser Art bekannt geworden. 

Auf den ersten Blick könnte, wie gesagt, die Einrichtung des bukumatula 
als eine Art „Gruppenehe" oder wenigstens „Gruppenkonkubinat" er- 
scheinen; doch bei näherer Untersuchung zeigt sich, daß nichts Derartiges 
vorliegt. Solche Bausch-und-Bogen-Bezeichnungen sind immer irreführend, 
wenn ihre Bedeutung von fernliegenden Verhältnissen her übernommen wird. 
Das Wort „Gruppenkonkubinat" würde zu Mißverständnissen führen; wir 
haben es hier zwar mit einer Anzahl von Paaren zu tun, die in einem gemein- 
samen Hause schlafen, doch jedes Paar streng für sich — nicht mit jungen 
Leuten, die alle unterschiedslos miteinander leben; nie werden die Partner 
ausgetauscht, und „wildern" oder „gefälligsein" kommt nicht vor. Im 
Gegenteil, innerhalb des bukumatula wird ein besonderer Ehrenkodex be- 
obachtet, der jedem Bewohner auferlegt, geschlechtliche Rechte innerhalb 
des Hauses viel sorgsamer zu achten als außerhalb. Falls jemand gegen diesen 
Ehrenkodex verstieße, würde man von ihm das Wort kaylasi gebrauchen, 
was soviel heißt wie „sich geschlechtbch vergehen"; und mir wurde gesagt: 
„ein Mann sollte das nicht tun, weil es sehr schlecht ist, wie Ehebruch mit 
der Frau eines Freundes." 

Im bukumatula herrscht strenge Zucht. Nie geben sich die Bewohner 
orgiastischen Vergnügungen hin, und es gilt für höchst ungehörig, ein anderes 
Paar bei seinem Liebesspiel zu beobachten. Meine jungen Freunde erzählten 

50 



Das Junggesellenhaus 

mir, daß man entweder "warte, bis die anderen alle eingeschlafen seien, oder 
daß alle Paare eines Hauses übereinkämen, die anderen nicht zu beachten. 
Ich habe bei dem durchschnittlichen jungen Mann auch nicht die leiseste 
Spur irgendeines „Voyeur"-Interesses gefunden und auch keinerlei Neigung 
zum Exhibitionismus. Im Gegenteil, wenn ich die verschiedenen Stellungen 
und die Technik des Geschlechtsaktes erörterte, wurde mir ganz von selbst 
mitgeteilt, daß es besonders unauffällige Arten der Ausführung gäbe, „damit 
man die anderen Leute im bukumatula nicht aufweckt". 

Zwei Liebesleute, die zusammen in einem bukumatula leben, sind natürlich 
durch keinerlei Bande des Stammesgesetzes oder der Sitte aneinander ge- 
bunden. Sie werden durch den Zauber persönlicher Anziehungskraft zu- 
sammengeführt, durch geschlechtliche Leidenschaft oder persönliche Zu- 
neigung zusammengehalten und trennen sich nach Beheben. Daß sich im 
Verlauf der Dinge aus einer vorübergehend gedachten Beziehung ein Dauer- 
verhältnis und schließlich eine Ehe entwickelt, hat vielfältige Gründe, die 
wir später untersuchen werden; doch selbst solch ein allmählich sich festigen- 
des Verhältnis ist nicht bindend, solange die Eheschließung nicht erfolgt ist. 
Bukumatula-Beziehxwgen als solche bedeuten keine gesetzliche Bindung. 

Wichtig ist fernerhin, daß die Interessengemeinschaft des Paares sich nur 
auf das Geschlechtsleben bezieht. Die beiden teilen das Lager und weiter 
nichts. Falls ein Dauerverhältnis zur Ehe führt, teilen sie das Lager regel- 
mäßig; doch nie nehmen sie Mahlzeiten gemeinsam ein. Sie schulden sich 
gegenseitig keinerlei Dienste, sie sind nicht verpflichtet, in irgendeiner Weise 
einander beizustehen, kurz, es gibt nichts, was einen gemeinsamen Haushalt 
ausmacht. Nur selten ist ein Mädchen vor dem Junggesellenhaus zu sehen 
wie auf Abb. 21; dies bedeutet in der Regel, daß sie sich dort schon sehr 
heimisch fühlt, daß ein langdauerndes Verhältnis besteht und daß die beiden 
Liebesleute bald heiraten wollen. Darüber muß man sich ganz klar sein, 
denn Worte wie „Verhältnis" und „Konkubinat" im europäischen Sinn be- 
deuten meist eine Haushaltgemeinschaft. Im Französischen ist die Rede- 
wendung vivre en menage der Ausdruck für das typische Konkubinat, das 
außer der geschlechtlichen Beziehung eine häusliche Wirtschaftsgemeinschaft 
und andere Gemeinsamkeiten voraussetzt. Auf ein kiriwinisches Paar, das 
zusa mm en im bukumatula lebt, dürfte man diesen Ausdruck korrekterweise 
nicht anwenden. 

Auf den Trobriand-Inseln dürfen zwei Menschen, die vor der Heirat stehen, 
niemals eine Mahlzeit gemeinsam verzehren. Solches Tun würde die mora- 
lische Empfindlichkeit und das SchickHchkeitsgefühl der Eingeborenen stark 
verletzen. Ein Mädchen zum Essen auszuführen, ohne mit ihr verheiratet 

51 



Vorehelicher Geschlechtsverkehr 

zu sein — was in Europa ja gestattet ist — , würde in den Augen des Tro- 
brianders sehr schimpflich für sie sein. Wir beanstanden, daß ein un- 
verheiratetes Mädchen das Bett eines Mannes teilt — der Trobriander würde 
ebenso stark beanstanden, daß sie sein Mahl teilte. Die jungen Männer essen 
niemals im oder vorm bukumatula, sondern stets bei ihren Eltern oder 
anderen Verwandten. 

Die Einrichtung des bukumatula ist also folgendermaßen gekennzeichnet: 
(1) es besteht eine individuelle Zugehörigkeit; die beiden Partner eines 
Paares gehören ausschließlich einander an; (2) es herrscht strenges Dekorum; 
orgiastische oder •wollüstige Veranstaltungen sind ausgeschlossen; (3) es fehlt 
jede gesetzliche Bindung; (4) außer dem Geschlechtsverkehr besteht keine 
andere Interessengemeinschaft zwischen einem Paar. 

Mit dieser Schilderung der Liebesbeziehungen, welche geradeswegs zur Ehe 
führen, schließen wir unseren Überblick über die verschiedenen Abschnitte 
des vorehebchen Geschlechtslebens. Wir haben jedoch den Gegenstand nicht 
erschöpft, sondern nur den normalen Verlauf dargestellt, und auch diesen 
nur in groben Umrissen. Es bleibt noch übrig, die bereits erwähnten offiziellen 
Orgien zu betrachten, Technik und Psychologie des Liebeslebens eingehender 
zu erforschen, gewisse sexuelle Tabus zu untersuchen und einen Blick auf 
erotische Mythen und Sagen zu werfen. Doch ehe wir uns mit alledem be- 
fassen, führen wir am besten erst unsere Schilderung zu ihrem gegebenen 
Abschluß, zur Ehe. 






52 



VIERTES KAPITEL 

WEGE ZUR EHE 

Die Institution der Ehe auf den Trobriand-Inseln — das Thema der beiden 
nächsten Kapitel — bietet, oberflächlich betrachtet, keinerlei Sensationen — 
eine Enttäuschung für alle, die auf gewisse „Überbleibsel" erpicht sind, be- 
stimmten „Ursprungsformen" nachjagen und in „Kulturkontakt" machen. 
Die Eingeborenen unseres Südsee-Archipels richten ihre Heiraten so einfach 
und vernünftig ein, als wären sie moderne europäische Agnostiker. Ist das 
Eheband einmal geknüpft, so bindet es fest und ausschließlich — wenigstens 
verlangt es so das Ideal von Gesetz, Moral und Sitte. Doch wie es meistens 
geht — dem Ideal wird durch die üblichen menschlichen Unzulänglichkeiten 
häufig arg mitgespielt. Auch ermangeln die trobriandischen Ehesitten solch 
interessanter Lockerungen, wie jus primae noctis, Frauenausleihe, Frauen- 
tausch oder obligatorischer Prostitution. Die persönlichen Beziehungen der 
Ehegatten, so aufschlußreich sie auch als Beispiel des mutterrechtlichen Ehe- 
typus sind, weisen keine jener „wilden" Eigentümlichkeiten auf, die dem 
Kuriositätenjäger so schauerhch-schön und verlockend dünken. 

Wenn wir jedoch tiefer schürfen und die nicht so offen zutage liegendenSeiten 
dieser Institution aufdecken, so stoßen wir auf gewisse Tatsachen von be- 
trächtlicher Wichtigkeit und einigermaßen ungewöhnlicher Art. Wir sehen, 
daß eine Eheschließung den Angehörigen der Frau eine dauernde wirtschaft- 
liche Verpflichtung auferlegt, denn sie in der Hauptsache haben den neuen 
Haushalt zu bestreiten. Statt daß der Mann seine Frau kaufen muß, erhält 
er eine Mitgift, die oft verhältnismäßig ebenso verlockend ist, wie die einer 
modernen europäischen oder amerikanischen Erbin. Diese Tatsache macht 
die Eheschließung bei den Trobriandern zum Angelpunkt der Machtbildung 
und des ganzen Wirtschaftssystems, ja zum Angelpunkt fast jeder gesellschaft- 
lichen Institution. Infolge dieser eigentümlichen Heiratssitten nehmen die 
Trobriander unter allen Naturvölkern, soweit unsere ethnologischen Kennt- 
nisse reichen, einen ganz einzigartigen Platz ein. 

4» 53 



Wege zur Ehe 

Eine andere Eigentümlichkeit der Trobriander-Ehe ist ebenfalls für den 
Soziologen von höchster Wichtigkeit: die Sitte des Kinderverlöbnisses. Sie 
ist mit der Kreuz-Vettern-Basen-Heirat verknüpft und hat allerlei interessante 
Erscheinungen zur Folge, wie wir später ßehen werden. 

1. Gründe zur Eheschließung 
Schon im vorhergehenden Kapitel haben wir erzählt, wie allmählich die 
Bande zwischen den beiden Partnern eines Verhältnisses erstarken, und wie 
zu einem gewissen Zeitpunkt ihres gemeinschaftHchen Lebens im bukumatula 
der Wunsch nach Heirat sich einstellt : ein Paar, das eine Zeitlang zusammen 
gelebt hat und nun heiraten will, macht diese Absicht sozusagen öffentlich 
bekannt, indem es regelmäßig zusammen schläft, sich gemeinsam in der 
Öffentlichkeit zeigt und überhaupt viel Zeit miteinander verbringt. 

Dieses a llm ä h liche Erstarken des Wunsches nach Heirat bedarf einer ein- 
gehenderen Untersuchung, als wir ihm bisher zuteil werden ließen; es handelt 
sich hier nämlich um eine jener allgemeinen, anscheinend unproblematischen 
Fragen, die nicht viel Aufmerksamkeit erregen. Sobald jedoch eine genauere 
soziologische Forschung diese Frage an den ihr zukommenden Platz stellen 
und in Einklang mit anderen Wesenszügen des Eingeborenen bringen will, 
tut sich sofort ein wirkliches Problem auf. Uns erscheint die Eheschließung 
als endgültiger Ausdruck der Liebe und des Wunsches nach Vereinigung; 
doch bei den Trobriandern müssen wir uns fragen, warum in einer Gesellschaft, 
wo Heirat die geschlechtliche Freiheit in keiner Weise vermehrt, sondern in 
hohem Maße einschränkt, wo Liebende einander ohne gesetzlichen Zwang 
angehören können, solange sie wollen — warum in einer solchen Gesellschaft 
überhaupt der Wunsch nach ehelicher Bindung aufkommt. Die Antwort auf 
diese Frage liegt durchaus nicht klar zutage. 

Daß ein deutlicher, spontaner Wunsch nach Heirat besteht und daß die 
Sitte sie verlangt, sind zwei gesonderte Tatsachen, über die nicht der leiseste 
Zweifel bestehen kann. Die erste wird belegt durch unzweideutige Aussagen 
Eingeborener — sie hätten geheiratet, weil ihnen der Gedanke an eine lebens- 
längliche Verbindung mit diesem besonderen Menschen lieb gewesen sei; die 
zweite findet ihren Ausdruck in der öffentlichen Meinung, daß dieses oder 
jenes Paar gut zueinander passe und deshalb heiraten solle. 

In verschiedenen Fällen konnte ich beobachten, wie sich dieser Wunsch 
nach Heirat allmählich entwickelte. Als ich nach Omarakana kam, fand ich 
mehrere verlobte Paare vor. Der zweitjüngste Bruder von Namwana Guya'u, 
Kalogusa (Abb. 22), war früher verlobt gewesen mit Dabugera, einem Mädchen 
von höchstem Rang; sie war die Enkelin der Tochter der Kusine seines Vaters 

54 



Gründe zur Eheschließung 

(also mütterlicherseits die Urgroßnichte von To'uluwa, dem gegenwärtigen 
Häuptling und Vater Kalogusas; siehe weiter unten, Abschnitt 5). Während 
einer längeren Abwesenheit ihres Verlobten, die ein Jahr dauerte, heiratete 
das Mädchen einen anderen. Bei seiner Rückkehr tröstete sich Kalogusa, 
indem er die Verlobung seines älteren Bruders Yobukwa'u zum Scheitern 
brachte und dessen Verlobte Isepuna für sich nahm. Diese beiden, Kalogusa 
und Isepuna, hatten einander sehr heb; sie waren ständig zusammen, und der 
junge Mann war sehr eifersüchtig. Der ältere Bruder nahm seinen Verlust nicht 
weiter schwer; er fing ein Verhältnis mit einer anderen an, einem ziemlich 
reizlosen, faulen Mädchen, die auf einer Missionsstation erzogen und in jeder 
Hinsicht unzulänglich war. Beide Brüder heirateten ihre Bräute ein paar 
Monate später, als ich sie kennengelernt hatte (s. Abb. 2 : Kalogusa steht neben 
der Hütte und Yobukwa'u in der Mitte, jeder hinter seiner Frau). 

Ein anderer junger Mann, UIo Kadala, einer der weniger bevorzugten Söhne 
des Häuptlings, war schwer verhebt in ein Mädchen, deren Familie jedoch von 
der Heirat nichts wissen wollte. Als ich zwei Jahre später wiederkam, waren 
die beiden noch immer nicht verheiratet, und ich hatte Gelegenheit mitanzu- 
sehen, wie die Heiratspläne des Mannes endgültig scheiterten. Oft wurde ich 
ins Vertrauen gezogen von jungen Männern, deren Eheplänen sich irgendein 
Hindernis entgegensetzte. Manche erhofften sich materiellen Beistand von 
mir, andere Unterstützung durch die Autorität des weißen Mannes. Es war 
ganz klar, daß in all solchen Fällen die Paare bereits geschlechtlich mitein- 
ander verkehrten, daß sie aber gerade die Eheschließung ersehnten. Ein guter 
Freund von mir, Monakewo, hatte ein langes Dauerverhältnis mit Dabugera, 
der eben erwähnten Urgroßnichte To'uluwas, die um jene Zeit von ihrem ersten 
Manne geschieden war. Monakewo wußte, daß er sie nie würde heiraten können, 
denn sie war viel zu vornehm für ihn; darüber war er wirklich tief unglücklich. 

Solche Beispiele zeigen deutlich, daß junge Leute zu heiraten wünschen, 
auch wenn sie einander geschlechtlich schon besitzen ; der Ehestand ist wirk- 
lich verlockend für sie. Doch ehe ich alle Gründe und Motive dieses Wunsches 
ganz verstehen konnte, mußte ich erst die tiefer hegenden verwickelten Zu 
sammenhänge der Eheinstitution und ihre Beziehung zu anderen Erschei- 
nungen des sozialen Systems kennenlernen. 

Zunächst muß man bedenken, daß der Trobriander keine vollangesehene 
Stellung im sozialen Leben einnimmt, solange er nicht verheiratet ist. Aus 
der Tabelle der Altersbezeichnungen haben wir gesehen, daß der übliche Aus- 
druck für einen Mann in der Blüte des Lebens tovavaygile (verheirateter Mann) 
lautet. Ein Junggeselle hat keinen eigenen Haushalt und ist von vielen Vor- 
rechten ausgeschlossen. Es gibt in der Tat keine unverheirateten Männer 

55 



Wege zur Ehe 

reifen Alters außer Idioten, unheilbar Kranken, alten Witwern und Albinos. 
Mehreren Männern starben ihre Frauen während meines Aufenthalts auf den 
Trobriand-Inseln, andere wurden von ihren Frauen verlassen. Die ersteren 
heirateten beinah sofort nach Ablauf der Trauerzeit, die letzteren, sobald ihre 
Versuche zur Versöhnung sich als erfolglos herausstellten. 

Das gleiche gilt von den Frauen. Ist sie in geschlechtlicher Hinsicht auch 
nur leidlich, so braucht eine Witwe oder Geschiedene nicht lange zu warten. 
Mit dem Ablauf der Trauerzeit wird die Witwe wieder heiratsfähig. Manchmal 
zögert sie vielleicht ein wenig, um die geschlechtliche Freiheit des ledigen 
Standes auszukosten; doch ein solches Betragen bringt ihr schließlich den 
Tadel der öffentlichen Meinung ein, und der zunehmende Ruf „unmoralisch" 
zu sein, das heißt, die Stammessitte zu mißachten, zwingt sie schließlich zur 
Wahl eines neuen Gatten. 

Ein anderer sehr wichtiger Grund zur Heirat ist vom Standpunkt des 
Mannes aus der wirtschaftliche Vorteil. Die Eheschließung bringt einen be- 
trächtlichen jährlichen Tribut an Nahrungsmitteln mit sich, der dem Ehe- 
mann von der Familie der Frau geleistet wird. Diese Verpflichtung ist vielleicht 
der wichtigste Faktor im ganzen sozialen Getriebe der trobriandischen Ge- 
sellschaft. Hierauf beruht — infolge seines Vorrechts auf Polygamie — die 
Autorität des Häuptlings und sein Vermögen, alle rituellen Veranstaltungen 
und Feste zu finanzieren. So sieht sich ein Mann zur Heirat gezwungen, vor 
allem, wenn er Rang und Ansehen genießt ; denn abgesehen von der Festigung 
seiner wirtschaftlichen Lage durch das Einkommen, das er von der Familie der 
Frau empfängt, erringt er sich auch seine volle soziale Stellung erst dann, 
wenn er dem Stand der tovavaygile beitritt. 

Hierzu kommt bei einem Mann, der die erste Jugend hinter sich hat, der 
ganz natürliche Wunsch nach dem eigenen Heim und dem eigenen Haushalt; 
auch die Dienste, die eine Frau dem Gatten leistet, erscheinen einem Manne 
dieses Alters natürlich recht verlockend; seine Sehnsucht nach Häuslichkeit 
ist gewachsen, die Sucht nach Abwechslung und Liebesabenteuern hingegen 
erloschen. Überdies bedeutet ein Haushalt auch Kinder, nach denen der Tro- 
briander ein natürliches Verlangen empfindet. Obgleich nach der geltenden 
Meinung die Kinder weder sein Fleisch und Blut sind, noch sein Geschlecht 
fortsetzen, gewähren sie ihm doch jene zärtlich- vertraute Kameradschaft, 
nach der er sich mit fünfundzwanzig oder dreißig zu sehnen beginnt. Man muß 
auch bedenken, daß er sich daran gewöhnt hat, mit den Kindern seiner 
Schwester oder anderer Verwandten und Nachbarn zu spielen. 

Dies also sind die Gründe — soziale, wirtschaftliche, praktische und gefühls- 
mäßige Gründe — , die einen Mann zur Ehe treiben. Last not least drängt 

56 



Gründe zur Eheschließung 

persönliche Neigung, drängt die Aussicht auf dauernde Kameradschaft mit 
einer gehebten, geschlechtlich erprobten Frau den Mann, sie durch ein dauern- 
des Band auch vor dem Gesetz des Stammes an sich zu binden. 

Die Frau hat keinen wirtschaftlichen Anlaß zur Heirat und gewinnt weniger 
als der Mann an Bequemhchkeit und gesellschaftlichem Ansehen; sie wird in 
der Hauptsache durch persönliche Neigung und den Wunsch nach ehelich 
geborenen Kindern zur Heirat bestimmt. 

Dieses persönliche Motiv zeigt sich sehr stark bei Liebesgeschichten, die 
keinen glatten Verlauf nehmen ; damit kämen wir von den allgemeinen Grün- 
den für die Eheschließung zu denjenigen Motiven, welche die besondere Wahl 
des Einzelnen bestimmen. 

Da muß man sich zunächst darüber klar sein, daß die Wahl von allem Anfang 
an beschränkt ist. Eine ganze Anzahl Mädchen sind vom Ehehorizont eines 
Mannes vollkommen ausgeschlossen, nämlich alle, die zur selben Totem- Gruppe 
wie er gehören (s. Kap. XIII, 5). Außerdem gibt es verschiedene endogamische 
Einschränkungen, wenn auch diese keineswegs so genau festgelegt sind wie 
die exogamischen. Endogamie verlangt Heirat innerhalb desselben politischen 
Gebietes, das heißt innerhalb von etwa zehn bis zwölf Dörfern desselben Be- 
zirks. Wie streng diese Regel gehandhabt wird, hängt vor allem von dem be- 
treffenden Bezirk ab. So ist zum Beispiel ein Gebiet im nordwestlichen Zipfel 
der Insel absolut endogam, denn seine Bewohner werden von den anderen 
Inselbewohnern so verachtet, daß die letzteren nicht im Traum daran dächten, 
Leute aus diesem Gebiet zu heiraten oder sich geschlechtlich mit ihnen ein- 
zulassen. Auch die Bewohner der vornehmsten Provinz, Kiriwina, heiraten 
selten aus ihrem Bezirk heraus, höchstens heiraten sie auf die benachbarte 
Insel Kitava oder in gewisse hochangesehene Familien in ein paar ferner- 
gelegenen Dörfern (s. Kap. XIII, 5). 

Selbst innerhalb dieses begrenzten geographischen Gebietes gilt es bei der 
Wahl eines Ehepartners noch weitere Einschränkungen zu beachten, die im 
Rang begründet sind. So würden Angehörige des höchsten Unter-Clans, der 
Tabalu, und vor allem ihre Frauen nicht in einen Unter-Clan von sehr geringem 
Ansehen einheiraten; eine gewisse Übereinstimmung des Standes gilt sogar 
bei der Heirat weniger vornehmer Leute als wünschenswert. 

Daraus ergibt sich also, daß die Wahl getroffen werden muß aus einem Kreis 
von Personen, die nicht zu demselben Clan gehören, keinen wesentlich anderen 
Rang haben, innerhalb eines bestimmten geographischen Gebietes wohnen 
und im passenden Alter stehen. Auf diesem begrenzten Feld gibt es jedoch 
noch immer genügend Wahlfreiheit, um mariages d'amour, de raison et de 
convenance zu ermöglichen; und wie bei Kalogus a und Isepuna, von denen ich 

57 






Wege zur Ehe 

erzählt habe, geben oft individuelle Neigung und Liebe den Ausschlag bei der 
Wahl. Auch viele andere Paare, die ich persönlich gut kannte, hatten sich bei 
ihrer Heirat vom gleichen Beweggrund bestimmen lassen. Das ergab sich aus 
ihrer Geschichte und aus dem glücklichen, harmonischen Ton ihres Zusammen- 
lebens. 

Es gibt auch mariages de convenance, wo Reichtum — das heißt die Menge 
an Yams, die des Mädchens Familie beisteuern kann — oder Abstammung 
oder gesellschaftuche Stellung die Wahl bestimmt haben. Solche Über- 
legungen wiegen natürlich besonders schwer bei Heiraten auf Grund von 
Kinderverlöbnissen, von denen später die Rede sein wird. 

2. Die Einwilligung der Familie der Frau 
Ist ein Dauerverhältnis auf dem Punkt angelangt, wo es zur Heirat heran- 
reift, so wird es im Dorfe bekannt und besprochen; für die Familie des Mäd- 
chens, die bisher keinerlei Interesse an ihren Liebesgeschichten genommen, 
sich vielmehr ostentativ unbeteiligt gezeigt hat, ist nunmehr der Zeitpunkt 
gekommen, zu dem geplanten Ereignis Stellung zu nehmen und sich darüber 
klar zu werden, ob sie damit einverstanden ist oder nicht. Die Familie des 
Mannes andererseits braucht nur geringes Interesse zu bezeigen für eine An- 
gelegenheit, bei der sie im Grunde gar nichts mitzureden hat. Der Mann ist 
in bezug auf seine Eheschließung fast gänzlich unabhängig; seine Heirat, für 
die Familie seiner Frau eine Quelle dauernder beträchtlicher Anspannung und 
Plackerei, bleibt immer gänzlich außerhalb des Interessenbereichs seiner 
eigenen Familie. 

Es ist bemerkenswert, daß von allen Angehörigen des Mädchens ihr Vater 
am meisten bei ihrer Heirat mitzureden hat, obgleich er rechtlich nicht als ihr 
Verwandter (veyola) gilt. Ich war sehr erstaunt, als ich zu Beginn meiner Feld- 
arbeit diese Auskunft erhielt, doch sie wurde mir später durch eigene Be- 
obachtung vollauf bestätigt. Dieser paradox anmutende Stand der Dinge wird 
jedoch leichter verständlich, wenn man ihn aus bestimmten Regem der Moral 
und Etikette und aus der wirtschaftlichen Seite der Heirat erklärt. Man würde 
zunächst natürlich erwarten, daß die Brüder eines Mädchens und ihre männ- 
lichen Verwandten mütterlicherseits die größte Rolle bei der Beratung ihrer 
Heirat spielen würden; doch das strenge Tabu, welches befiehlt, daß ihr Bruder 
überhaupt nichts und ihre anderen männlichen Verwandten mütterlicherseits 
nur sehr wenig mit ihren Liebesgeschichten zu tun haben dürfen, schließt diese 
Gruppe von jeder Einflußnahme auf die Ehepläne des Mädchens aus. 

Trotzdem also der Bruder der Mutter ihr gesetzlicher Vormund ist und 
trotzdem ihr eigener Bruder künftig dieselbe Stellung gegenüber ihren, des 

58 



Die Einwilligung der Familie der Frau 

Mädchens, eigenen Kindern einnehmen wird, müssen sie sich alle passiv ver- 
halten, his die Heirat eine vollendete Tatsache ist. Der Vater, sagen die Ein- 
geborenen, handelt in dieser Angelegenheit als Wortführer der Mutter, der es 
vor allem zukommt, über Liebesgeschichten und Heirat ihrer Tochter zu 
beratschlagen. Wir werden auch gleich sehen, daß der Vater an der Arbeit 
seiner Söhne vom wirtschaftlichen Standpunkt aus stark interessiert ist; denn 
nach der Heirat der Schwester müssen sie die Früchte ihrer Arbeit zwischen 
Schwester und Mutter teilen, statt wie früher alles im elterlichen Haushalt 
abzuliefern. Hat sich ein Liebespaar zur Heirat entschlossen, so sucht sich der 
junge Mann bei der Familie seiner Liebsten beliebt zu machen, und manchmal 
sagt wohl ihr Vater aus eigenem Antrieb : „Du schläfst mit meinem Kind — gut, 
heirate sie." Tatsächhch wird die Familie, wenn sie dem Jüngling wohlgesinnt 
ist, stets die Initiative ergreifen, entweder durch solch direkte Erklärung oder 
durch die Bitte um kleine Geschenke, was einer eindeutigen Einwilligung 
gleichkommt. 

Wenn die Familie entschieden gegen die Heirat ist und kein Zeichen guten 
Willens gibt, so kann der junge Mann die Initiative ergreifen und selber für 
sich sprechen. Vielleicht wird er abgewiesen, weil er nicht vornehm genug oder 
weil er als Faulpelz berüchtigt ist und für seine künftigen Verwandten eine zu 
große Last bedeuten würde, oder weil das Mädchen für einen anderen bestimmt 
ist. Nach einer solchen Abweisung gibt das Paar entweder seine Pläne auf, 
oder aber, falls sie stark genug sind, die Sache auszufechten, versuchen sie, 
allen Widerständen zum Trotz, die Heirat durchzusetzen. Entschließen sie 
sich zu letzterem, so bleibt die Braut im Hause ihres Liebhabers (das heißt im 
Hause seiner Eltern), als wären sie wirklich verheiratet, und es verbreitet sich 
die Kunde, daß der Mann sie trotz des Widerstands ihrer Familie zu heiraten 
gedenke. Manchmal gehen die beiden sogar durch und bleiben in einem anderen 
Dorf in der Hoffnung, dadurch auf ihre hartherzigen Gegner Eindruck zu 
machen. Auf jeden Fall bleiben sie den ganzen Tag über im Hause und nehmen 
keine Nahrung zu sich — sie wollen sehen, ob sich dadurch etwa die Herzen 
ihrer Familie erweichen lassen. Diese Nichtbeteiligung am gemeinsamen Mahl 
beweist, daß sie noch immer auf die Einwilligung der Familie des Mädchens 
warten, denn wie wir wissen, kommt das gemeinsame Mahl einer definitiven 
Heiratserklärung gleich. 

Unterdessen begibt sich vielleicht der Vater des jungen Mannes oder der 
Bruder seiner Mutter als Abgesandter zu den Angehörigen des Mädchens und 
bietet ihnen ein Geschenk von hohem Wert, um ihren Widerstand zu besiegen. 
Vielleicht geben sie diesem vereinten Druck nach und schicken dem jungen 
Paar das übliche Geschenk. Lassen sie sich aber nicht erweichen, so machen 

59 



Wege zur Ehe 

sie sich in möglichst großer Anzahl nach dem Haus auf, wo das Mädchen bei 
dem Jüngling weilt, und „zerren sie zurück", wie der übliche technische Aus- 
druck lautet — ein Ausdruck jedoch, der nur beschreibt, was wirklich vor sich 
geht. Die Angehörigen des Mädchens sind freilich immer im Vorteil, denn 
solange sie ihre Einwilligung verweigern, kann niemand sie zwingen, das junge 
Paar mit Nahrungsmittebi zu versorgen, und ohne diese Hilfsquelle löst sich 
der Haushalt im Laufe der Zeit von selber auf. 

Einige Fälle solcher fehlgeschlagenen Heiraten habe ich selbst miterlebt. 
Mekala'i, ein junger Mann, den ich vorübergehend öfter als Diener beschäftigte, 
hatte sich in Bodulela verliebt, ein wirklich sehr anziehendes junges Mädchen, 
die Stieftochter des Dorfoberhauptes von Kabululo, der — was im Dorfe ganz 
bekannt war — in Blutschande mit ihr lebte (s. Kap. XIII, 6). Mekala'i machte 
einen heldenhaften Versuch, sie zu entführen und im Hause seiner Eltern in 
Kasana'i zurückzuhalten, doch er hatte weder reiche Verwandte noch einfluß- 
reiche Freunde hinter sich. Am ersten Nachmittag ihres gemeinsamen Lebens 
wanderte das Oberhaupt von Kabululo ganz einfach nach Kasana'i, nahm 
seine beschämte, pflichtvergessene Stieftochter an der Hand und führte sie in 
sein eigenes Haus zurück; das war das Ende. 

Anders und verwickelter lag der Fall bei dem bereits im vorigen Abschnitt 
erwähnten Ulo Kadala. Als ich das erste Mal in Omarakana war, bewarb er 
sich um ein Mädchen und wurde von ihren Eltern abgewiesen. Das Paar ver- 
suchte nun auf eigene Faust, als Verheiratete zusammen zu leben, doch das 
Mädchen wurde von ihren Angehörigen mit Gewalt „zurückgezerrt". Ge- 
treulich setzte Ulo Kadala seine Werbung fort. Während meines zweiten 
Aufenthaltes in Omarakana, zwei Jahre später, kam das Mädchen noch einmal 
ins Dorf und blieb im Hause Isupwanas, der Pflegemutter Ulo Kadalas, einen 
Steinwurf von meinem Zelt entfernt. Dieser zweite Versuch, die Heirat zu er- 
zwingen, dauerte, glaube ich, einen oder zwei Tage ; To'uluwa tat unterdessen 
einige nicht sehr energische Schritte zur Versöhnung. Eines Nachmittags 
erschienen die Eltern aus dem benachbarten Dorf, ergriffen das Mädchen und 
brachten sie ohne weitere Umstände fort. Der Zug ging an meinem Zelt vorbei; 
das jammernde Mädchen wurde von ihrem Vater geführt; hinterher kamen 
unter lautem Geschrei die Parteigänger und warfen sich gegenseitig Be- 
leidigungen an den Kopf. Die Angehörigen des Mädchens hielten nicht zurück 
mit ihrer Meinung über Ulo Kadala, seine Faulheit und Nichtsnutzigkeit und 
seine bekannte Habgier. „Wir wollen dich nicht haben, wir werden ihr keine 
Nahrungsmittel geben." Dieses Argument war ausschlaggebend, und es hatte 
bei diesem letzten Versuch der beiden jungen Leute sein Bewenden. 

Wenn die Eltern der Heirat geneigt sind und ihr freudiges Einverständnis 

60 



Ehegaben 

durch die Bitte um ein kleines Geschenk des Zukünftigen kundgetan haben, 
so müssen die Verlobten noch eine Weile warten, um die nötige Zeit für die 
Vorbereitungen zu gewinnen. Eines Tages jedoch, statt am Morgen in ihr 
Elternhaus zurückzukehren, bleibt das Mädchen bei ihrem Mann, nimmt die 
Mahlzeiten im Hause seiner Eltern ein und begleitet ihn den ganzen Tag. 
Dann spricht es sich herum: „Isepuna und Kalogusa sind schon verheiratet." 
Diese Vorgänge machen die Eheschließung aus. Kein anderer Ritus, keine 
besondere Zeremonie kennzeichnet denBeginn des Ehelebens. Seit dem Morgen, 
da sie bei ihrem Bräutigam blieb, ist das Mädchen mit ihm verheiratet, voraus- 
gesetzt natürlich, daß die Eltern ihre Einwilligung gegeben haben. Ohne diese 
Einwilligung ist, wie wir gesehen haben, die Handlungsweise des jungen Paares 
nur ein Versuch zur Heirat. Diese Handlung — daß nämlich das Mädchen 
beim Manne bleibt, offen eine Mahlzeit mit ihm teilt und unter seinem Dache 
wohnt — hat trotz ihrer äußersten Einfachheit gesetzlich bindende Kraft; es 
ist die hergebrachte Art der öffentlichen Eheverkündung. Sie hat ernste 
Folgen, denn sie ändert das ganze Leben der beiden Partner und legt der 
Familie des Mädchens umfängliche Verpflichtungen auf, die Aviederum mit 
Gegenverpflichtungen von seilen des jungen Ehemannes verbunden sind. 

3. Ehegaben 
Auf diese einfache Eheverkündung folgt jener Austausch von Geschenken, 
der für alle sozialen Vorgänge auf den Trobriand-Inseln so kennzeichnend ist. 
Jede Gabe ist ihrer Art und Menge nach vorgeschrieben, jede nimmt ihren 
eigenen Platz in einer bestimmten Reihenfolge ein, und jede wird durch ein 
entsprechendes Gegengeschenk erwidert. Die folgende Tabelle wird das Ver- 
ständnis für die anschließende Beschreibung erleichtern. 

Ehegaben 

1. Katuvila — gekochter Yams, der von den Eltern des Mädchens der Familie 
des jungen Mannes in Körbchen überbracht wird. 

2. PepeH — mehrere Körbe voll ungekochten Yams ; jeder Verwandte des Mädchens 
schenkt den Eltern des Mannes je einen Korb. 

3. Kaykaboma — gekochte Gemüse; jedes Mitglied der Familie des Mädchens bringt 
eine Schussel voll zum Hause des jungen Mannes. 

4. Mapida Kaykaboma — Rückzahlung des Geschenkes (3), das in genau derselben 
Art und dem gleichen Material von den Verwandten des jungen Mannes 
der Familie des Mädchens überbracht wird. 

5. Takwalda Pepe'i — Wertgegenstände, die der Vater des jungen Mannes als 
Gegengabe für (2) dem Vater des Mädchens übermittelt. 

6. Vilakuria — eine große Menge Yams, die bei der ersten Ernte nach der Heirat 
dem jungen Mann von den Eltern des Mädchens geliefert wird. 



I. 
M— J 



IL 
J— M 



III. 
M— J 



61 



Wege zur Ehe 

7. Saykwala — Geschenk an Fischen, das der junge Mann als Gegengabe für (6) 
IV. dem Vater seiner Frau überbringt. 

J— M J 8. Takwalcia Vilakuria — Geschenk an Wertgegenständen, das der Vater des 

Jünglings dem Vater des Mädchens als Bezahlung für (6) bietet. 
M— J (Mädchen an Jüngling) = Geschenke von der Familie des Mädchens; 
J— M (Jüngling an Mädchen) = Gegengaben der Angehörigen des Jünglings an die Ver- 
wandten des Mädchens. 

Die Familie des Mädchens muß die Reihe der Geschenke eröffnen und so 
ihre Einwilligung zur Heirat kundgeben. Da ihre Zustimmung unbedingt er- 
forderlich ist, so ist die Überbringung dieser Gabe im Verein mit der öffent- 
lichen Heiratsverkündung gleichbedeutend mit der Eheschließung. Es handelt 
sich um eine kleine Gabe, um ein wenig gekochte Nahrung, die in Körben vom 
Vater des Mädchens der Familie des jungen Mannes überbracht wird; vor 
deren Hause wird sie niedergesetzt mit den Worten „kam katuvila" (deine 
Katuvila-Gahe). Sie muß am gleichen Tage übergeben werden, an dem die 
beiden zusammenbleiben, oder am Morgen des folgenden Tages. Ist die Ein- 
willigung der Eltern noch zweifelhaft, so enthält sich, wie wir gesehen haben, 
das junge Paar zuweilen der Nahrung, bis dieses Geschenk gebracht wird. 

Bald darauf, meist noch am gleichen Tag, bringen die Angehörigen des 
Mädchens ein größeres Geschenk. Ihr Vater, der Bruder ihrer Mutter und ihre 
Brüder, die jetzt zum erstenmal aus der Untätigkeit hervortreten, zu der sie 
das besondere Schwester-Bruder-Tabu verurteilt hatte, bringen nun jeder einen 
Korb ungekochter Yamsknollen und schenken ihn den Eltern des jungen 
Mannes. Diese Gabe heißt pepeH ; doch noch immer ist es nicht genug. Ein drittes 
Geschenk an Nahrungsmitteln wird den Eltern des jungen Mannes übergeben, 
diesmal gekocht und auf großen flachen Schüsseln herbeigeschafft, wie sie 
auf Abb. 2 und 5 zu sehen sind. Dieses Geschenk heißt kaykaboma 1 . 

Die Familie des jungen Mannes darf mit ihren Gegengaben nicht im Rück- 
stand bleiben. Das letzte Geschenk, gekochtes Essen auf Schüsseln, wird fast 
umgehend in genau derselben Form erwidert. Eine wichtigere Gabe folgt nun. 
Der Vater des jungen Mannes hat schon verschiedene Wertgegenstände der 
Vaygu'a-Ait zurechtgelegt, als da sind große, polierte Axtschneiden aus grünem 
Stein, Halsbänder aus polierten Spondylus-Muscheln und Armringe aus Kegel- 
schneckenhäusern; als ihm das zweite Geschenk, die ungekochten Yams- 
knollen, von den Angehörigen des Mädc hens überbracht wurde, hatte er 

1 Ein Leser, der die verwickelte Psychologie zeremoniellen Gabenaustauschs beim kula und 
ähnhehen Unternehmungen begriffen hat, wird die Wichtigkeit der verschiedenen Tausch- 
handlungen verstehen, die so viele soziale Vorgänge auf den Trobriand-Inseln begleiten. 
Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", vor allem Kap. III u. VI. 

62 



Ehegaben 

bereits einige solcher Gegenstände an seine eigenen Verwandten verteilt, die 
nun ihrerseits ihm andere Wertsachen bringen; er legt sie zu den seinigen und 
schenkt alle zusammen der Familie des Mädchens; die Körbe, in denen ihm 
die Nahrungsmittel gebracht wurden, hat er aufgehoben; nun werden die 
Wertgegenstände hineingelegt und von ihm und seinen Angehörigen zum 
Hause des Mädchens getragen. Dieses Geschenk heißt takivalela pepe'i oder 
„Rückzahlung der Pepe'i-Gabe in Wertsachen". 

Vielleicht ermüdet es den Leser, von all diesen nichtigen Einzelheiten zu 
hören; doch diese sorgfältige Vertiefung in den Austausch kleiner Gaben und 
Gegengaben ist äußerst charakteristisch für die Trobriander. Sie neigen dazu, 
sich ihrer eigenen Geschenke zu rühmen, mit denen sie durchaus zufrieden 
sind; hingegen wird der Wert der empfangenen Gaben heftig erörtert, ja es 
kommt sogar zu Streitereien; jedenfalls gelten diese Einzelheiten für sehr 
wichtig und werden gewissenhaft beobachtet. Beim Austausch von Hochzeits- 
gaben sind die Eingeborenen in der Regel nicht so streitsüchtig wie bei anderen 
Gelegenheiten, es waltet da ein großmütigerer, freundlicherer Geist. Nach dem 
tahwalela pepe'i tritt eine lange Pause im Gabenaustausch ein, die bis zur 
nächsten Ernte dauert. Während dieser Zeit und während die Wohnhütte des 
jungen Paares gebaut wird, bleibt die junge Frau gewöhnlich bei ihrem Mann 
im Hause seines Vaters. Zur Erntezeit erhalten sie das erste ansehnliche Ge- 
schenk, das ihnen von der Familie der Frau zusteht; davon veranstalten sie 
nun ihrerseits eine Verteilung als Zahlung an die Helfer beim Bau ihres neuen 
Heims. 

Die Angehörigen des Mädchens haben also zur nächsten Erntezeit ein Ge- 
schenk von beträchtlichem Wert zu liefern; von da ab müssen sie alljährlich 
zur Ernte den jungen Haushalt durch einen ansehnlichen Beitrag an frischem 
Yams unterstützen. Die erste Gabe dieser Art hat jedoch einen eigenen Namen 
(vilakuria) und wird von einer besonderen Zeremonie begleitet. Prismenförmige 
Behälter (pwataH) aus Stangen werden vorm Yams-Haus des jungen Paares 
errichtet (s. Abb. 23 u. 24). Die Familie des Mädchens schichtet nun in diese 
Behälter unter viel Feierlichkeit und Gepränge eine große Menge ausgesucht 
schöner Yamsknollen, hundert, zweihundert, ja sogar dreihundert Körbe voll. 
Auch dieses Geschenk muß ohne große Verzögerung zurückgezahlt werden. 
Fisch gilt als geeignete Gegengabe. In einem Küstendorf zieht der junge Mann 
mit seinen Freunden auf den Fischfang aus. Wohnt er im Binnenland, so muß 
er die Fische in einem der Küstendörfer kaufen und in Yams dafür zahlen. 

Die Fische werden vor dem Elternhaus des Mädchens niedergelegt mit den 
Worten „kam saykwala" (deine Saykwala-Gabe). Zuweilen, wenn der junge 
Gatte sehr reich ist, oder wenn er und seine Familie bisher noch nicht imstande 

63 



Wege zur Ehe 

waren, das PepeH- Geschenk zu erwidern, wird zu diesem Zeitpunkt als Ent- 
gelt der ersten Erntegabe ein Geschenk von vaygu'a (Wertsachen) gegeben. 
Es heißt takwalela vildkuria (Rückzahlung des Vilakuria- Geschenks in Wert- 
sachen) und beschließt die Reihe der Ehegaben. 

Diese Reihenfolge von Geschenken erscheint auf den ersten Blick unnötig 
kompliziert. Untersucht man sie jedoch näher, so ergibt sich, daß sie eine 
fortlaufende Geschichte darstellt, durchaus kein buntes, zufälliges Durch- 
einander. In erster Linie drückt sich darin das Grundprinzip der wirtschaft- 
lichen Beziehung aus, nämlich : die Familie der Frau versorgt den neugegrün- 
deten Haushalt mit Nahrungsmitteln und erhält gelegentlich als Entgelt Wert- 
gegenstände. Die kleinen Anfangsgeschenke (1, 2 und 3) bezeugen die Ein- 
willigung der Familie des Mädchens und sind eine Art Anzahlung auf die 
künftigen ansehnlicheren Beträge. Die Gegengabe in Nahrungsmitteln (4), die 
umgehend von der Familie des jungen Mannes geleistet wird, ist eine charak- 
teristische Antwort trobriandischcr Höflichkeit. Die einzigen wirklich ins Ge- 
wicht fallenden Geschenke von der Familie des Bräutigams an die Familie 
der Braut (5 oder 8, oder beide zusammen) sind endgültig bindend für den 
Gatten, denn wenn die Ehe aufgelöst wird, bekommt er sie, abgesehen von 
einigen Ausnahmefällen, nicht zurück. Sie haben etwa den gleichen Wert wie 
alle anderen Gaben des ersten Jahres zusammen. Doch dieses Geschenk des 
Mannes darf durchaus nicht als Kaufgeld für die Braut angesehen werden. 
Ein solcher Gedanke widerspricht durchaus dem Standpunkt der Eingeborenen 
und der wirklichen Lage der Dinge. Die Heirat soll dem Manne materielle Vor- 
teile bringen. Diese vergilt er in langen Zwischenräumen mit Geschenken an 
Wertgegenständen, und ein solches Geschenk hat er auch zum Zeitpunkt der 
Eheschließung abzuliefern. Damit kommt er den künftigen Gaben zuvor, aber 
keinesfalls zahlt er damit einen Preis für die Braut. 

Ich möchte noch erwähnen, daß nicht alle diese Gaben gleich unentbehrlich 
sind. Von den ersten drei muß nur eine (entweder 1 oder 2) unter allen Um- 
ständen dargebracht werden; von den übrigen werden 6 und 7 niemals über- 
gangen; auch entweder 5 oder 8 sind unbedingt obHgatorisch. 

Wie schon gesagt, darf man solch kleine Einzelheiten nicht außer acht 
lassen, wenn man den Standpunkt des Wilden begreifen will. Beobachtet man, 
mit welch ängstlicher Sorgfalt die Gaben zusammengebracht und verschenkt 
werden, so begreift man auch die seelische Einstellung, die den Handlungen 
zugrunde liegt. So erging sich Paluwa, Isepunas Vater, in gutmütigem Jam- 
mern, wie er nur genügend Nahrungsmittel zusammenbringen solle für den 
Sohn eines Häuptlings, den künftigen Mann seiner Tochter; ausführlich be- 
sprach er seine Sorgen mit mir. Er befand sich in der schwierigen Lage, drei 

64 




21. MÄDCHEN VOR DEM BUKUMATULA 
Sie reibt und schabt Bananenblätter für den Bastrock. (KAP. 111, 4) 




22. KAJLOGUSA, DER SOHN DES HÄUPTLINGS (KAP. IV, l) 




Vi ;a 



- 
<! 
o 
w 
a 
w 

w 
o 

H 
PS 

- 

W 
i— i 

Q 



•3 
•8 

c 
a 
EC 

S 

c 






TS 

B 
3 



3 5 



"= 2 



s 

i 
1 



| B 




■SP .*^" 





,1-. 


"3 


s 




'S 

k 


k. 






f. 


■a 


„* 




e 


3 

k. 


I «; 




3 


w 


~ 




o 




~- < 




-a 


K 


& 


w 




•§ 


"E ^~ 


CO 
-s! 


B 




i 


Ü 


s 


e 
cq 


E N 

3 


w 






| q: 




B 


S 


•S • 

« 3 

2* 






o 

K 


Q 


•2 


US 




1 

M 




l| 


»— J 


"5 


o 


- k. 


— 

=5 


SP 

o 


B 

— 


B c= 

a ^ 

5 i 

B 55 
PH "f 


pq 




3 


15 B 


3 


- 


B 
-c: 


-S *<3 






5 


<U M 


l> 


5 


«8 i 




E 

fB 


.= 


^§> 




E5 


e 


— E 

B 2 






J 


5 B 




SC 

e 




M 




B 
■"■> 

B 


1 


b & 



kj 



W) 



•5. c 






Kinderverlöbnis und Kreuz-Vettern-Basen~Heirat 

Töchter und mehrere weibliche Verwandte zu haben und nur drei Söhne. 
Aller Arbeitskraft war schon stark angespannt, um genug Nahrungsmittel für 
die anderen verheirateten Töchter zu schaffen. Und nun wollte gar Isepuna 
Kalogusa heiraten, einen so vornehmen Mann, einen Sohn To'uluwas, des 
obersten Häuptlings ! Alle seine Angehörigen strengten sich aufs äußerste an, 
um dies Jahr eine möglichst ausgiebige Ernte zu erzielen, damit sie ein schönes 
Vilakuria- Geschenk machen könnten. To'uluwa, der Vater des Bräutigams, 
vertraute mir ebenfalls seine Besorgnis an. Konnte er eine würdige Gegengabe 
aufbringen ? Die Zeiten waren schlecht, doch irgend etwas Großartiges mußte 
geschenkt werden. Ich sah mir verschiedene von den Kostbarkeiten des Häupt- 
lings an und besprach mit ihm, ob sie sich wohl als Geschenke eignen würden. 
Durch beide Gespräche zog sich ein leiser Unterton, der erkennen Heß : etwas 
Tabak vom weißen Mann wäre eine hochgeschätzte Beigabe zu jedem der 
beiden Geschenke. 

4. Kinderverlöbnis und Kreuz-Vettern-Basen-Heirat 1 

Noch auf einem anderen Wege als durch die übliche Art der Werbung 
kann bei den Trobriandcrn eine Heirat herbeigeführt werden ; in mancher 
Hinsicht stehen diese beiden Wege im schroffen Gegensatz zueinander. Eine 
normale Ehe kommt zustande durch freie Wahl, durch eine Probezeit und 
durch das allmähliche Erstarken der Bande, die erst nach der Eheschließung 
eine gesetzliche Verpflichtung bedeuten. Bei der Heirat durch Kinder- 
verlöbnis gehen die Eltern zu Kinderzeiten der beiden Partner bindende 
Verpflichtungen ein; der Knabe und das Mädchen wachsen in diese Bezie- 
hungen hinein und finden sich gegenseitig gebunden, ehe sie Gelegenheit 
zur eignen Wahl haben. 

Die große Bedeutung dieses zweiten Heiratstypus hegt darin begründet, daß 
Kinderverlöbnis immer mit Kreuz-Vettern-Basen-Heirat verknüpft ist. Die 
beiden Menschen, welche nach Ansicht der Eingeborenen am besten zuein- 
ander passen — eines Mannes Sohn und die Tochter seiner Schwester — 
werden in der Kindheit verlobt. Ist die Tochter der Schwester des Vaters 
zu alt, um mit ihrem noch im Kindesalter stehenden Vetter verlobt zu 
werden, so kann ihre Tochter an ihre Stelle treten. Im Rechtssystem der 

1 Als „cross-cousins" (Kreuz-Cousins bzw. -Cousinen) bezeichnet man im Englischen die 
Kinder eines Bruders und einer Schwester, als „parallel cousins" die Kinder zweier Brüder 
oder zweier Schwestern; da wir im Deutschen keine entsprechende Benennung haben, 
bezeichnen wir hier und im folgenden die betreffende Verwandtschaftsbeziehung als „Kreuz- 
Vettern-Basen-Vcrhältni8". (Anm. d. Übers.) 

5 M. G. 65 



Wege zur Ehe 

Eingeborenen sind die beiden für die Zwecke dieser Eheschließung ein- 
ander gleichwertig. 

Der Sinn dieser Einrichtung läßt sich nur erkennen, wenn wir uns ins Ge- 
dächtnis zurückrufen, was anläßlich des Kompromisses zwischen Vaterliebe 
und Mutterrecht gesagt wurde 1 . In der Kreuz-Vettcrn-Basen-Heirat haben 
wir eine Einrichtung, die dem Stammesgesetz und seinen mutterrechtlichen 
Forderungen ebenso gerecht wird wie den Ansprüchen der Vaterliebe, die dem 
Sohn alle nur möglichen Vorteile zuwenden möchte. 

Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Ein Häuptling, ein Dorfoberhaupt oder 
sonst ein Mann von Rang, der reich und mächtig ist, gibt seinem Lieblingssohn 
alles, was er seinen Erben nur irgend entziehen kann; ein paar Stücke Garten- 
land, Vorrechte bei Fischfang und Jagd, einen Teil der erblichen Magie, eine 
Stellung im Kula-Handel, einen bevorzugten Platz im Kanu und den Vortritt 
beim Tanz. Oft wird der Sohn in gewissem Sinn zum Stellvertreter des Vaters; 
er hat die Leitung bei den Ratsversammlungen des Stammes, er entfaltet 
seinen persönlichen Charme und Einfluß bei allen Gelegenheiten, wo ein Mann 
das heißbegehrte butura (Ruhm) gewinnen kann. Als Beispiel für diese Zu- 
stände, die ich in jeder Dorfgemeinschaft mit einem hervorragend einfluß- 
reichen Häuptling vorfand, wollen wir den hochfahrenden Namwana Guya'u 
nehmen, vor seiner Verbannung die führende Persönlichkeit im Dorfleben 
von Omarakana (siehe Kap. I, 2). Auch im Nachbardorf Kasana'i waltete der 
Häuptlingssohn Kayla'i, ein bescheidener, gutmütiger Gesell, über Donner 
und Sonnenschein kraft des überlegenen Wetter-Magie- Systems, das ihm sein 
Vater übermittelt hatte. Und auch die Küstendörfer Kavataria, Sinaketa, 
Tukwa'ukwa hatten jedes seinen Führer in der Gestalt eines Häuptlings- 
sohnes. Doch solche bevorrechtete Stellungen sind von Neid und Unwillen 
umlauert und unsicher selbst, solang noch alles gut scheint; denn die nach 
Mutterrecht gesetzlichen Erben und Eigentümer lieben es gar nicht, zu Leb- 
zeiten des Häuptlings beiseitegeschoben zu werden; jedenfalls hören alle diese 
Vorrechte mit dem Tode des Vaters auf. Nur auf eine Art kann der Häuptling 
seinem Sohn eine dauernde Stellung im Dorfs verschaffen mit vollem Bürger- 
recht für sich und seine Abkömmlinge, nur auf eine Art kann er ihm den Besitz 
aller Zuwendungen auf Lebenszeit sichern : wenn er nämlich für seinen Sohn 
eine Kreuz-Vettern-Basen-Heirat abschließt, und zwar eine Heirat mit der 
Tochter seiner (des Häuptlings) Schwester, oder mit der Tochter dieser Tochter. 
Das folgende Diagramm wird die Genealogie der Verwandtschaft deutlich 
machen. 



1 Vgl. „Crime and Custom". 
66 



Kinderverlöbnis und Kreuz-Vettern-Basen-Heirat 
Genealogie der Kreuz-Vettern-Basen-Heirat 



Häuptling $ 



= $ Schwester des Häuptlings 



$ Häuptlings- Häuptlings- <J = $ Tochter der Schwester 

tochter söhn des Häuptlings 

rechtmäßige Krcuz-Vettern-Basen- Heirat 



(J Sohn der 
Schwester 
des Häupt- 
lings und sein 
Erbe 



Die Heirat zwischen diesen 

■< — beiden — V 

wird nicht gern gesehen 



Der Häuptling in unserem Diagramm hat eine Schwester; sie hat einen 
Sohn, den Erben und Nachfolger des Häuptlings, und eine Tochter, die durch 
ihre Mutter eine Nichte des Häuptlings ist ; dieses Mädchen setzt das vornehme 
Geschlecht fort. Der Gatte dieses Mädchens wird vom Tage seiner Heirat an 
eine sehr bevorzugte Stellung einnehmen. Nach Sitte und Gesetz des Landes 
hat er ganz bestimmte Ansprüche an den Bruder oder die Brüder und andere 
männliche Verwandte seiner Frau; sie sind verpflichtet, ihm einen jährlichen 
Tribut an Nahrungsmitteln zu entrichten und gelten ex officio als seine Ver- 
bündeten, Freunde und Helfer. Er erwirbt auch das Recht, nach seinem Be- 
lieben im Dorfe zu wohnen und an Stammesangelegenheiten und Magie teil- 
zunehmen. Es liegt also auf der Hand, daß er eigentlich dieselbe Stellung ein- 
nimmt, wie der Sohn des Häuptlings zu Lebzeiten seines Vaters — eine 
Stellung, aus der er beim Tode seines Vaters durch den rechtmäßigen Erben 
verdrängt wird. Dieser Heiratstypus unterscheidet sich auch von den üblichen 
insofern, als der Ehemann in die Dorfgemeinschaft seiner Frau übersiedelt. 
Kreuz-Vettern-Basen-Heirat ist also matrilokal im Gegensatz zum gewöhn- 
lichen patrilokalen Brauch 1 . 



1 Ich glaube, jeder Mann könnte sich in der Dorfgemeinschaft seiner Frau niederlassen, 
wenn er gern wollte; doch würde er sich dadurch selbst entwürdigen und gewisser Rechte 



67 



Wege zur Ehe 

Die Schwierigkeiten des Häuptlings finden eine naheliegende natürliche 
Losung durch eine Heirat zwischen seinem Sohn und seiner Nichte oder Groß- 
nichte. Meistens gewinnen alle Teile bei diesem Unternehmen. Der Häuptling 
und sein Sohn bekommen, was sie sich wünschen; die Nichte des Häuptlings 
heiratet den einflußreichsten Mann des Dorfes und vermehrt dadurch noch 
semenEmfluß; und zwischen dem Sohn des Häuptlings und seinen rechtmäßigen 
Erben ist auf diese Weise eine Verbindung hergestellt, welche die häufig 
zwischen ihnen bestehende Rivalität aufhebt. Der Bruder des Mädchens kann 
sich der Heirat nicht widersetzen wegen des strengen Tabu (s. Kap. XIII 6)- 
und da ja der Ehevertrag schon während der Kindheit des Häuptlingssohnes 
abgeschlossen wird, ist er normalerweise auch gar nicht in der Lage einzu- 
greifen. B 

5. Eheliche Verbindungen in der Häuptlingsfamilie 
Wo es sich nur irgend einrichten läßt, wird eine Kreuz-Vettern-Basen-Heirat 
arrangiert ein Vorgang, für den die Familie To'uluwas ein gutes Beispiel liefert 
(s. den nebenstehenden Stammbaum). 

Als Namwana Guya'u geboren wurde, der älteste Sohn von To'uluwa und 
semer Liebhngsfrau, die zugleich seine vornehmste war, gab es kein für ihn 
passendes heiratsfähiges Mädchen in der Familie seines Vaters, das heißt 
unter To uluwas Verwandten mütterlicherseits. Ibo'una und Nakaykwase 
waren zu jener Zeit beinah heiratsfähig und konnten nieht mit einem kleinen 
Kind verlobt werden; ihre Töchter aber waren noch ungeboren. Die Ab- 
stammungstafel zeigt uns jedoch keine anderen weiblichen Mitglieder im 
Unter-Clan der Tabalu, dem mütteriichen Geschlecht To'uluwas. Als aber 
To uluwas jüngerer Sohn Kalogusa geboren wurde, hatte seine Großnichte 
Ibouna eine kleine Tochter namens Dabugera; diese beiden Kinder wurden 
nun miteinander verlobt. In diesem Falle kam die geplante Kreuz-Vettern- 
Basen-Heirat nicht zustande, denn wie wir wissen, heiratete das Mädchen 
einen anderen, während sich ihr Verlobter außer Landes aufhielt. Auf der- 
sefcen Abstammungstafel finden wir noch ein weiteres Beispiel aus der vorher- 
gehenden Generation. Purayasi, der vorletzte Häuptling von Omarakana, 
hatte einen Sohn namens Yowana, der zum selben Unter-Clan wie Namwana 

Tu g f 6 - Y ° Wana ™ Gin Mann VOn & oßem Tale "t ™d starker Per- 
sönlichkeit, berühmt als Beherrscher verschiedener wichtiger Magiesysteme, 
die er an Stelle seines Vaters ausübte, und als geschickter Gärtner! Seefahrer 
u^T^nzer^ heiratete Kadubulami, die Gr ^ßnieh te Purayasis, und ve r- 

SÄ *t7 EiQ HäUptl 7 880hn i edoch biI ^t eine Ausnahme auf Grund seiner Stellung 
im Dorfe und seiner erworbenen Rechte. g 

68 



Eheliche Verbindungen in der Häuptlingsfamilie 






o 
e 

-Oh 



| 

A 

a 



*o 




i 

I 



i 



*o 



ll 

-CM- 



s 

Ol 
-CH- 



*0 



es 

a 

CS 

I 



/ 



£* 



-*o 



o 


*~+* 


1 


_2 
3 


ü 


^a 


c 


CS 


o 


H 


b5 


> -' 


CH- 
II 





<4 

a 

I 

O 



«* 



04- 



II 



o 
■ 



I! 





CO 

Jl 

-CH- 



*0 



| 



Of 



OK 



c "5 

2 « 

5K 

-CM- 



*0 

Of 
II — 

II 

Ab 



II 



I 

i 

K 



2 
I 

s 

-CM- 

II 



5?- 



g 

P 

Cß 

O 
O 



II 

« 

es 



g 



■s 

CB 

cd 

hl 



5» 



69 



Wege zur Ehe 

brachte sein ganzes Leben in Omarakana im Vollgenuß seiner persönlichen 
Vorrechte. Seinen Sohn, Bagido'u, den jetzigen nächsten Anwärter auf die 
Häuptlingswürde, unterrichtete er in all seinen magischen und sonstigen 
Fähigkeiten. 

Bagido'u wiederum hatte einen Sohn von seiner ersten Frau, der jedoch 
schon als kleines Kind starb. Dieses Kind war kurz nach seiner Geburt mit 
einer ebenfalls im frühesten Kindesalter stehenden Tochter von Bagido'us 
jüngster Schwester Nakaykwase verlobt worden. So sehen wir in einer kleinen 
Abstammungstafel drei Fälle von Kreuz-Vettern-Basen-Heirat durch Kinder- 
verlöbnis festgesetzt. Freilich handelt es sich in diesem Stammbaum um die 
edelste Häuptlingsfamilie von Omarakana und den Unter-Clan der Kwoynama 
von Osapola die beide als besonders geeignet für gegenseitige eheliche Ver- 
bindungen gelten. 

Die Kreuz-Vettern-Basen-Heirat ist zweifellos ein Kompromiß zwischen den 
schlecht ausgeglichenen Prinzipien des Mutterrechts und der Vaterhebe; darin 
hegt m der Hauptsache ihr Daseinsrecht. Die Eingeborenen sind natürlich 
nicht imstande, eine folgerichtige theoretische Darlegung des Sachverhalts zu 
geben, doch m ihren Argumenten und Begründungen kehrt diese Erklärung des 
Warum und Weshalb immer wieder - stückweise zwar, doch unverkennbar. 
Verschiedene Standpunkte werden dargelegt und mancherlei Gründe ange- 
geben, die weiteres Licht auf die Vorstellungen und Anschauungen der Ein- 
geborenen werfen, doch schließlich weist alles auf den gleichen letzten Grund 
der Kreuz-Vettern-Basen-Heirat. Um das Prinzip der Exogamie näher zu 
erläutern, wird zum Beispiel manchmal gesagt, „die Heirat zwischen Bruder 
und Schwester sei schlecht" („Bruder und Schwester" in der erweiterten 
Bedeutung: alle mütterlicherseits verwandten Individuen entgegengesetzten 
Geschlechts aus derselben Generation). „Eine tabula (Kreuz-Base) zu heiraten 
ist recht; die wahre tabula (Kreuz-Base ersten Grades) ist die richtige Frau 
für uns." 

Noch ein weiterer Punkt muß geklärt werden; von all den möglichen 
Heiraten zwischen Vettern und Basen ist für den Trobriander nur eine einzige 
gesetzmäßig und erwünscht. Zwei junge Leute entgegengesetzten Geschlechts, 
deren Mutter Schwestern sind, unterhegen natürlich dem strengen geschlecht- 
lichen Tabu, das zwischen Bruder und Schwester steht. Ein Jüngling und ein 
Mädchen, welche die Kinder zweier Brüder sind, stehen in keinem besonderen 
Verhältnis zueinander; sie können einander heiraten, wenn sie wollen, doch 
es hegt kern bestimmter Grund dazu vor, denn mit dieser Beziehung ist kein 
besonderer Brauch verknüpft, da sie ja in einer mutterrechtlichen Gesellschaft 
belanglos ist. Nur ein junger Mann und ein junges Mädchen, die von einem 

70 



Eheliche Verbindungen in der Häuptlingsfamilie 

Bruder und von einer Schwester abstammen, können eine Ehe eingehen, die 
dem Gesetz entspricht und sich gleichzeitig von den bloß zufälligen Ver- 
bindungen unterscheidet; denn hier gibt, wie wir gesehen haben, ein Vater 
seinem Sohne die eigene Verwandte zur Frau. Doch ein wichtiger Punkt sei 
noch erwähnt: der Sohn des Mannes muß die Tochter der Frau heiraten, nicht 
etwa umgekehrt die Tochter des Mannes den Sohn der Frau. Nur in der erst- 
genannten Beziehung nennen die beiden einander tabugu — durch diese Be- 
zeichnung wird ausgedrückt, daß geschlechtlicher Verkehr zwischen ihnen 
erlaubt ist. Das andere, im Diagramm (S. 67) durch eine punktierte Linie 
verbundene Paar steht nach trobriandischen Begriffen in einem ganz anderen 
Verwandtschaftsverhältnis (vgl. die Erklärung über Verwandtschaftsbezeich- 
nungen im Kap. XIII, 6). Ein Mädchen nennt den Sohn der Schwester ihres 
Vaters tamagu, „mein Vater". Heirat mit dem wirklichen Vater oder mit dem 
Bruder des Vaters ist Blutschande und mit strengem Tabu belegt. Heirat mit 
dem tama („Vater" = Sohn der Schwester des Vaters) ist keine Blutschande, 
wird aber ungern gesehen und kommt nur selten vor. Zu solch einer Heirat 
besteht wenig Anlaß. Ein Häuptling möchte vielleicht gern seine Tochter mit 
einem anderen Häuptling oder einem Mann von Rang aus seiner eigenen 
Familie verheiraten, doch würde sie dadurch zu keiner besonders hohen oder 
bevorrechteten Stellung gelangen. Da andererseits seine Tochter von denselben 
Männern erhalten werden muß, die jetzt für ihre Mutter, die Frau des Häupt- 
lings, arbeiten, so verheiratet er sie, vielleicht aus egoistischen Gründen, 
lieber mit einem bescheideneren, weniger anspruchsvollen Mann als mit seinem 
Erben. Alles hängt von seinem Verhältnis zu seinem Erben ab; doch dieses 
gestaltet sich, wie gesagt, keineswegs so durchgängig freundlich und innig wie 
das Verhältnis zum eigenen Sohn. 

Über andere Vorteile der Kreuz-Vettern-Basen-Heirat klärte mich Bagido'u 
auf, als ich ihn fragte, warum er seinen kleinen Sohn Purayasi mit Kabway- 
naya habe verheiraten wollen. „Ich wollte eine Schwiegertochter haben, die 
wirklich mit mir verwandt ist," sagte er. „Ich wollte im Alter jemanden aus 
meiner eigenen Familie haben, der mich pflegt, mir das Essen kocht, mir Kalk- 
kalebasse und Kalk bringt und die grauen Haare auszupft. Es ist schlecht, 
eine Fremde zu haben, die das macht. Wenn es jemand von meinen eigenen 
Leuten ist, habe ich keine Angst." Er fürchtete sich natürlich vor bösem 
Zauber. Man darf nicht vergessen, daß bei der Heirat die Frau in den Wohn- 
ort des Mannes zieht und daß bei angesehenen Leuten der Sohn häufig in der 
Nähe des Vaters wohnen bleibt; also hat der letztere allen Grund, sich für 
seine Schwiegertochter zu interessieren. Ist sie mit ihm verwandt, so besteht 
ein weiterer Grund für das Verbleiben des Sohnes im väterlichen Dorfe. 



71 



Wege zur Ehe 

Wiederum sehen wir die Kreuz-Vettern-Basen-Heirat als versöhnendes Kom- 
promiß zwischen den Ansprüchen der Vaterliebe und des Mutterrechts. Der 
Mann ist vielleicht im hohen Alter auf die Freundlichkeit seines Sohnes und 
seiner Schwiegertochter angewiesen, doch sind sie beide keine wirklichen "Ver- 
wandten von ihm, wenn eben die Schwiegertochter nicht auch zugleich das 
Kind seiner Schwester ist. Trotz der persönlichen Zuneigung zu seinem Sohn 
zieht er es doch vor, jemanden von seiner eigenen veyola (mütterlichen Sippe) 
um sich zu haben; das läßt sich nur erreichen, wenn sein Sohn die richtige 
Base heiratet, das heißt die Tochter der Schwester des Vaters oder deren 
Tochter. 

6. Feierliche Bräuche beim Kinderverlöbnis 

Nun wir das Prinzip der Kreuz-Vettern-Basen-Heirat begriffen haben, 
wollen wir kurz berichten, durch welche Maßnahmen und Bräuche sie zu- 
stande kommt. Stets wird die Initiative vom Bruder ergriffen, der bei seiner 
Schwester für seinen Sohn um die Hand ihrer Tochter anhält. Ein Mann hat 
das ausgesprochene Recht, ein solches Ansuchen zu stellen; denn wie die 
Eingeborenen sagen: „Ist er nicht der kadala (Onkel mütterlicherseits) des 
Mädchens? Sind seine Schwester und ihr Kind nicht seine rechte veyola 
(mütterliche Sippe)? Hat er nicht das urigubu (jährlicher Erntebeitrag) für 
den Haushalt geliefert?" 

Das Ansuchen kann gestellt werden, sobald der Sohn geboren ist, falls die 
Schwester eine Tochter hat oder vielleicht eine Enkelin (die Tochter ihrer 
Tochter), die nicht zu alt ist, um später die Frau des Neugeborenen zu werden. 
Der Altersunterschied soll zwei oder drei Jahre nicht überschreiten. 

Oder aber der Vater des Knaben wartet zunächst; wenn innerhalb eines 
Zeitraumes von etwa zehn Jahren seine Schwester eine Tochter gebiert, so 
fordert er das Kind als zukünftige Schwiegertochter; die Schwester darf sein 
Ansuchen nicht abschlagen. Bald nachdem die erste Abmachung getroffen ist, 
muß der Mann dem Vater (tama) der kleinen Braut ein vaygu'a (Wertgegen- 
stand) bringen, eine polierte Axtschneide oder einen Muschelzierat. „Dies ist 
das katupwoyna kapo'ula für dein Kind," sagt er und fügt noch hinzu, er bringe 
dieses Geschenk, „damit sie nicht mit anderen Männern schläft, nicht katu- 
yausi (Liebesausflüge) macht, und nicht im bukumatula (Junggesellenhaus) 
schläft. Sie darf nur im Hause ihrer Mutter schlafen." Bald darauf überbringt 
die Familie des Mädchens dem Vater des Knaben drei Geschenke, die aus 
Nahrungsmitteln bestehen; sie sind von gleicher Beschaffenheit wie die drei 
ersten Gaben bei einer gewöhnlichen Eheschließung und werden mit denselben 
Namen bezeichnet: katuvila, pepeH und kaykaboma. 



72 



Feierliche Bräuche beim Kinderverlöbnis 

Den Eingeborenen gilt vaypokala (Kinderverlöbnis) als gleichbedeutend mit 
einer -wirklichen Heirat. Man spricht von den Verlobten als von Mann und Frau, 
und so reden sie einander auch an. Wie bei einer Erwachsenenheirat gilt durch 
Überreichung der drei Geschenke die Ehe für geschlossen; die Familie des 
Kinderbräutigams muß das letzte Geschenk zurückzahlen durch eine Gegen- 
gabe an Nahrungsmitteln — mapula kaykaboma. Bei der nächsten Ernte 
bringt der Vater des Mädchens den Eltern des Knaben ein vilakuria (ansehn- 
licher Tribut an Yamsknollen). Dieser letztere Vorgang ist sehr interessant, 
denn er bedeutet eine Umkehrung dessen, was sich in der vorhergehenden 
Generation abgespielt hat. Der Vater des Knaben, zugleich der Bruder von 
der Mutter des Mädchens, hat den Eltern des Mädchens Jahr für Jahr eine 
Erntegabe zu entrichten; diese Geschenkreihe hatte er zur Zeit, da seine 
Schwester heiratete, durch eine Vilakuria- Gabe eröffnet. Jetzt erhält er 
zugunsten seines kleinen Sohnes eine FiZafcurta- Gabe vom Gatten seiner 
Schwester, der als Vertreter seines Sohnes oder seiner Söhne handelt, also 
als Vertreter des Bruders oder der Brüder der zukünftigen jungen Frau, 
denn diese müssen später, wenn dereinst der junge Haushalt gegründet 
ist, ihrer Schwester alljährliche ansehnliche Erntegaben bringen. Fürs nächste 
jedoch folgen auf das erste Erntegeschenk (vilakuria) noch nicht die 
alljährlichen urigubu (Erntegaben), sondern es tritt im Austausch der Gaben 
eine Pause ein, bis das Verlöbnis in der wirklichen EheschHeßung seinen 
Abschluß findet. 

Damit ist der vorläufige Geschenkaustausch beim Kinderverlöbnis beendet. 
Obgleich es die Eingeborenen als Heirat bezeichnen, wird der tatsächliche 
Unterschied zwischen Verlöbnis und EheschHeßung durch die ausdrücklichen 
Aussagen der Eingeborenen und durch Brauch und Sitte anerkannt; denn 
wenn die beiden Verlobten heranwachsen, müssen sie noch einmal heiraten. 
Die Braut muß also offiziell in das Haus des Bräutigams gehen, muß dort sein 
Lager teilen und die Mahlzeiten mit ihm einnehmen, und es muß öffentlich 
bekannt werden, daß sie ihn geheiratet hat. Die üblichen einleitenden Ehe- 
gaben jedoch (Nr. 1 — 4 auf der Tabelle S. 61) werden in diesem Falle wegge- 
lassen. Nur das große Erntegeschenk (vilakuria) und seine Gegengabe (tak- 
walela vilakuria) werden ausgetauscht. 

Doch bis es glücklich so weit ist, daß die beiden verheiratet sind, gilt es 
einen nicht ganz leichten Kurs zu steuern. Obwohl niemand im Ernst erwartet, 
daß die beiden jungen Leute keusch und einander treu bleiben, muß doch der 
Schein gewahrt werden. Eine allzu offensichtliche Verletzung der Pflichten 
gegen den anderen Verlobten würde von der betroffenen Seite übel vermerkt 
und übertreibend als „Ehebruch" bezeichnet werden. Es gilt für das Mädchen 

73 



Wege zur Ehe 

als große Schande, wenn ihr Verlobter ganz offen ein Verhältnis mit einer 
anderen hat, und sie ihrerseits darf das bukumatula nicht zu ihrem dauernden 
Aufenthaltsort machen, weder in Gesellschaft ihres Verlobten noch irgend- 
eines anderen; ebensowenig darf sie sich am katuyausi, den anerkanntermaßen 
geschlechtlichen Ausflügen in andere Dörfer beteiligen (s. Kap. IX, 7). Beide 
Teile müssen ihre Liebesgeschichten diskret und sub rosa abmachen. Das ist 
für sie natürlich weder leicht noch angenehm, und sie wandeln den geraden 
Pfad äußerlichen Dekorums nur unter hartem Druck. Der junge Mann weiß, 
was für ihn auf dem Spiele steht, und benimmt sich deshalb so vorsichtig, wie 
er es nur über sich gewinnt. Auch steht der Sohn bis zu einem gewissen Grade 
unter der Kontrolle seines Vaters, der zugleich auch über seine zukünftige 
Schwiegertochter als Onkel mütterlicherseits eine gewisse Autorität hat. Ein 
Mann, der seinen Sohn und seine Nichte miteinander verlobt hatte, erklärte 
mir die Sache folgendermaßen: „Sie hat Angst, sie könnte sterben (durch 
bösen Zauber) oder ich könnte sie schlagen." Eine Mutter ist natürlich sehr 
besorgt und tut, was sie kann, die Pflichtvergessenheit ihrer Tochter zu ver- 
tuschen und als geringfügig hinzustellen. 

Trotz alledem sind Reibungen häufig, und manchmal kommt es auch zum 
Bruch. Einer meiner ersten Gewährsmänner war Gomaya aus Sinaketa, ein 
unternehmender, doch sehr fauler, unredlicher Mensch und großer Schürzen- 
jäger. Seine Geschichte habe ich teils durch ihn selbst, teils durch Klatsch 
und teils durch eigene Beobachtung erfahren. Er war verlobt mit seiner Kreuz- 
Base, doch trotzdem fing er ganz offen ein Verhältnis mit einem hübschen 
Mädchen an, mit einer gewissen Ilamweria aus Wakayse, einem Dorf in der 
Nähe von Omarakana (s. Kap. VII, 4). Als er einmal das Mädchen mit nach 
Sinaketa gebracht hatte, wollten die Verwandten seiner Braut sie töten und 
sie mußte flüchten. Als Gomaya seines Liebesabenteuers überdrüssig wurde, 
kehrte er in sein Heimatdorf zurück und wollte nun mit seiner Verlobten 
schlafen; doch sie wies ihn ab. „Du schläfst immer mit Ilamweria," sagte sie, 
„gehe nur zu ihr." Sofort wandte er sich an einen Mann, der sich mit Liebes- 
magie abgab; er verlangte einen Zauber und sprach: „Ich will mit meiner 
Frau (das heißt: meiner Verlobten) schlafen; sie weist mich ab. Ich muß einen 
Zauber über sie machen." Und erst nachdem die erforderlichen Riten voll- 
zogen waren, gab sie nach. Die Heirat kam jedoch nie zustande, denn schließ- 
lich gaben ihre Eltern ihm den Laufpaß, weil sie ihn für einen nichtsnutzigen 
Faulpelz hielten. Die Geschenke wurden nicht zurückgegeben, denn das ist 
bei der Lösung eines Kreuz-Vettern-Basen-Verlöbnisses nicht Brauch. Wie 
gesagt, führte auch die Verlobung zwischen Kalogusa und Dabugera nicht zur 
Heirat. Doch meiner Meinung nach sind diese beiden Mißerfolge aus neuester 
74 



Feierliche Bräuche beim Kinderverlöbnis 

Zeit größtenteils dem zersetzenden Einfluß des weißen Mannes auf die Sitten 
der Eingeborenen zuzuschreiben. 

In den vorhergehenden Abschnitten haben wir von den verschiedenen Be- 
weggründen gesprochen, die zur Heirat führen, und von den beiden Wegen, 
auf denen eine Ehe zustande kommt. Im nächsten Kapitel wollen wir die ver- 
schiedenen Stadien des Ehelebens beschreiben und die soziologischen Wesens- 
züge der Ehe als einer sozialen Institution behandeln. 



75 






FÜNFTES KAPITEL 
EHE 

Auf den Trobriand-Inseln führen Mann und Frau ein gemeinsames Leben 
enger Kameradschaft: sie arbeiten Seite an Seite, teilen sich in gewisse Haus- 
haltgeechäfte und verbringen einen guten Teil ihrer freien Zeit miteinander, 
meistenteils in bestem Einvernehmen und gegenseitiger Hochschätzung. 
Schon als wir ganz im allgemeinen die Beziehungen der Geschlechter be- 
handelten, haben wir einem Eingeborenenhaushalt unseren Besuch abgestattet 
und bei dieser vorläufigen Bekanntschaft denselben Eindruck gewonnen. 

Mit unserer jetzigen eingehenderen Kenntnis trobriandischer Soziologie und 
unserem besseren Verständnis geschlechtlicher Dinge müssen wir nun die per- 
sönlichen Beziehungen zwischen den Ehegatten noch einmal untersuchen. 

1. Mann und Frau als Kameraden 

Wir haben das junge Paar verlassen, als sie ihr gemeinsames Leben im Hause 
der Eltern des Bräutigams begannen; hierbleiben sie auch, bis das weitschweifige 
Hin und Her der Ehegaben und ihre Weiterverteilung an die entfernteren Ver- 
wandten zu Ende ist. Erst wenn die nächste Erntezeit herankommt, bauen sie 
sich ihr eigenes Haus; bis dahin müssen sie ihre verlängerten „Flitterwochen" 
unterm elterlichen Dach verbringen. Das muß dem europäischen Leser als 
eine höchst unerfreuliche Lage erscheinen, doch darf er die Parallele zu 
unseren Verhältnissen nicht zu eng ziehen. Die jungen Leute haben die leiden- 
schaftlichen Zeiten ihres Zusammenlebens im bukumatuh, hinter sich gelassen, 
und die ersten Monate des nun beginnenden Ehelebens sind für sie nicht vor- 
wiegend von geschlechtlichem Interesse erfüllt. Jetzt ist es die Neuartigkeit 
ihrer sozialen Stellung und die Veränderung ihrer Beziehungen zu den eigenen 
Familien und den anderen Leuten im Dorf, was sie hauptsächlich beschäftigt. 

Obwohl für dieses Stadium kein ausgesprochenes geschlechtliches Tabu 
besteht, denken die Neuvermählten in der Zeit, die unseren Flitterwochen 
entspricht, wahrscheinlich viel weniger an Liebesdinge als vor der Heirat. 

76 









Mann und Frau als Kameraden 

Folgende Aussage ist mir zu Ohren gekommen: „Wir schämen uns im Hause 
unserer Mutter und unseres Vaters. Im bukumatula hat ein Mann mit seiner 
Liebsten Verkehr, ehe sie heiraten. Nachher schlafen sie zusammen auf einem 
Lager im elterlichen Haus, aber sie legen ihre Kleidung nicht ab." Das junge 
Paar fühlt sich in der neuen Situation verlegen und bedrückt. Die erste Zeit 
nach der Eheschließung ist eine natürliche Periode der Enthaltsamkeit. 

Wenn das junge Paar seine eigene Wohnung besitzt, so teilen sie dieselbe 
Schlafbank oder auch nicht, je nachdem; es scheint dafür keine Regel zu 
geben. Einige meiner eingeborenen Gewährsleute berichteten mir, Verheiratete 
schliefen zunächst immer im selben Bett, später aber trennten sie sich und 
kämen nur zum Geschlechtsverkehr zusammen. Ich argwöhne jedoch, daß 
diese Auskunft eher ein Stückchen zynischer Lebensphilosophie darstellt, als 
eine Aussage über Brauch und Sitte. 

Man darf nicht vergessen, daß es ganz ausgeschlossen ist, von irgend je- 
mandem direkte Auskünfte über sein eigenes Eheleben zu erhalten, denn in 
diesen Dingen muß eine sehr strenge Etikette beobachtet werden. Im Ge- 
spräch mit einem Ehemann muß auch die leiseste Anspielung auf solche Dinge 
unterbleiben; auch keinerlei Hinweis auf die gemeinsame geschlechtliche Ver- 
gangenheit des Paares oder auf die früheren Liebesgeschichten der Frau mit 
anderen Männern ist erlaubt. Es wäre eine unverzeihliche Verletzung der Eti- 
kette, würde man einem Manne gegenüber, sei es auch nur unbewußt oder 
beiläufig, das hübsche Äußere seiner Frau erwähnen. Der Mann würde fort- 
gehen und sich lange Zeit nicht wieder sehen lassen. Als ärgster Fluch und 
unverzeihlichste Beschimpfung gelten dem Trobriander die Worte: Kwoy 
um kwava (beschlafe deine Frau). Sie haben Mord, Verhexung und Selbstmord 
zur Folge (s. Kap. XIII, 4). 

Interessant und überraschend ist der Gegensatz zwischen dem freien un- 
befangenen Verkehrston, der gewöhnlich zwischen einem Mann und seiner 
Frau herrscht, und den strengen Schicklichkeitsvorschriften in geschlecht- 
lichen Dingen; peinlich vermeiden Eheleute jede Geste, die zärtliche Be- 
ziehungen zwischen ihnen verraten könnte. Nie fassen sie sich im Gehen bei 
den Händen oder legen die Arme umeinander, was kaypapa heißt und Lieben- 
den und Freunden gleichen Geschlechts erlaubt ist. Eines Tages, als ich mit 
einem verheirateten Paar ging, schlug ich dem Manne vor, seine Frau zu 
stützen, denn sie hatte einen schlimmen Fuß und hinkte stark. Beide lächelten 
und blickten sehr verlegen zu Boden, offenbar tief beschämt durch meinen 
unschicklichen Vorschlag. Gewöhnlich geht ein Ehepaar hintereinander im 
Gänsemarsch. In der Öffentlichkeit und bei Festen trennen sie sich meist; die 
*rau schließt sich einer Gruppe anderer Frauen an, der Mann hält sich zu den 

77 



Ehe 

Männern. Nie wird man auf den Trobriand-Inseln Mann und Frau zärtliche 
Blicke, Hebevolles Lächeln oder verliebte Neckereien austauschen sehen. 

Wie einer meiner Gewährsleute die Sache kurz und bündig klarlegte: „Ein 
Mann, der auf dem baku (Hauptplatz des Dorfes, das heißt also öffentlichj'den 
Arm um seine Frau legt, ein Mann, der sich neben seine Frau auf die Platt- 
form seines Yamshauses legt — er ist ein Narr. Wenn wir unsere Frau bei der 
Hand fassen — wir handeln wie die Narren. Wenn Mann und Frau auf dem 
baku sich gegenseitig die Läuse wegfangen — das gehört sich so." (Siehe Abb. 
25.) Man wird mir zugeben — vielleicht mit Ausnahme des letzten Punktes — , 
daß Ehepaare auf den Trobriand-Inseln die Etikette in einer Weise steigern] 
die uns unnötig übertrieben und lästig vorkommen würde. 

Diese übertriebene Förmlichkeit schließt jedoch, wie wir wissen, launige 
Vertraulichkeit in anderer Hinsicht nicht aus. Mann und Frau dürfen in der 
Öffentlichkeit frei miteinander plaudern und scherzen, solange nur jede An- 
spielung auf Geschlechtliches streng vermieden bleibt. Im allgemeinen stehen 
sich die meisten Ehepaare ganz ausgezeichnet und bekunden eine aus- 
gesprochene Vorliebe für ihre gegenseitige Gesellschaft. In Omarakana, 
Oburaku, Sinaketa und vielen anderen Orten, wo ich das häusliche Leben der 
Eingeborenen aus nächster Nähe kennenlernte, fand ich die meisten Ehepaare 
durch unerschütterliche geschlechtliche Neigung oder durch wirkliche Über- 
einstimmung der Charaktere verbunden. Kalogusa und seine Frau zum Bei- 
spiel, um ein uns schon bekanntes Paar anzuführen, waren nach zwei Ehe- 
jahren noch ebenso gute Kameraden wie in ihrer ersten Liebeszeit. Und 
Kuwo'igu, die Frau Tokulubakikis, meines besten Gewährsmannes und liebsten 
Freundes unter den Eingeborenen, war ihm eine gute Gattin; die beiden waren 
nicht nur äußerlich wie geschaffen füreinander, sondern auch infolge ihrer 
anständigen Gesinnung und ihres liebevollen Charakters (s. Abb. 26). Mitakata 
und seine Frau Orayayse vor ihrer Scheidung, Towese'i und Ta'uya, Nam- 
wana Guya'u und Ibomala — sie alle waren trotz gelegentlicher Meinungs- 
verschiedenheiten ausgezeichnete Freunde und Kameraden. Auch zwischen 
älteren Ehepaaren findet man oft echte Zuneigung. So war zum Beispiel der 
Häuptling To'uluwa seiner Frau Kadamwasila von Herzen zugetan. Doch in 
manchen Fällen ist Neigung gegenüber dem Druck der Verhältnisse nicht 
stark genug. So wurden Mitakata und Orayayse, ein vorbildliches Ehepaar, 
als ich sie 1915 kennenlernte, durch den Streit zwischen dem Gatten Mitakata' 
und dem Verwandten der Frau, Namwana Guya'u, auseinandergerissen 
(Kap. I, 2). Zwei der schönsten Menschen, die ich auf den Trobriand-Inseln 
kannte, Tomeda aus Kasana'i und seine Frau Sayabiya, die mir bei meinem 
ersten Besuch einander zärtlich zugetan schienen, waren bei meiner Rückkehr 

78 



Ehebruch und Eifersucht 

bereits geschieden. Doch das Vorkommen einer bis ins Alter sich erhaltenden 
Zuneigung beweist, daß eheliche Liebe auf den Trobriand-Inseln wirklich echt 
ist, wenn sie vielleicht auch nicht immer sehr tief geht. 

Selten habe ich Schimpfen und Zanken zwischen Eheleuten erlebt. Ist eine 
Frau eine böse Sieben (uriweri) und der Mann läßt sich das nicht gefallen 
oder umgekehrt, dann kann die Ehe so leicht gelöst werden, daß eine Unglück-' 
liehe Verbindung den ersten Ausbruch der Feindseligkeiten kaum lange über- 
lebt. Ich kann mich nur auf zwei oder drei Fälle besinnen, wo die Beziehungen 
zwischen Mann und Frau dauernd und auch nach außen hin gespannt waren 
Em Ehepaar in Oburaku zankte sich so häufig und ausgiebig, daß es mich 
wirklich zu belästigen anfing und meine Arbeit ernstlich störte. Da ihre Hütte 
direkt neben meinem Zelt lag, konnte ich all ihre häuslichen Meinungs- 
verschiedenheiten mit anhören; manchmal vergaß ich darüber beinah, daß 
ich mich unter Wilden befand, und wähnte wieder bei zivilisierten Leuten zu 
sem. Morovato, ein zuverlässiger Gewährsmann und guter Freund von mir, 
stand arg unterm Pantoffel und wurde von seiner Frau herumkommandiert; 
dann könnte ich vielleicht auch noch eine wirklich unglückliche Ehe in Sina- 
keta nennen. Daß der Mann in selteneren Fällen der Aggressive, Streitsüchtige 
ist, beruht wahrscheinlich darauf, daß die Auflösung eines netten Heimes für 
ihn einen größeren Verlust bedeutet als für die Frau (vgl. das nächste Kapitel). 
Bei einem Ehepaar in Liluta gab es häufig Schwierigkeiten infolge des streit- 
lustigen, eifersüchtigen Charakters des Ehemannes. Einst hatte er seine Frau 
arg gescholten und brutal mißhandelt, weil sie mit einem anderen Manne hula 
(rituellen Austausch) getrieben hatte, und zwar hatte sie Kränze aus wohl- 
riechenden Buft'a-Blüten mit ihm getauscht; daraufhin kehrte sie in ihr Heimat- 
dorf zurück. Ich habe selbst gesehen, wie eine Anzahl Männer als Abgesandte 
des Gatten zu der Frau kamen und ihr Versöhnungsgeschenke (lula) über- 
brachten. Dies war während meines Aufenthaltes in Kiriwina der einzige Fall, 
daß eine Frau von ihrem Mann geprügelt wurde, und es geschah in einem An- 
fall von Eifersucht. 

2. Ehebruch und Eifersucht 
Eifersucht, ob nun begründet oder unbegründet, und Ehebruch — diese 
beiden Erscheinungen beunruhigen das Eheleben am stärksten. Gesetz, Sitte 
und öffentliche Meinung verlangen ungeteilte sexuelle Zugehörigkeit. Es gibt 
kern Ausleihen der Ehefrau, keinen Frauentausch, keinen Verzicht auf ehe- 
männliche Rechte zugunsten eines anderen. Jeder Bruch der ehelichen Treue 
wird auf den Trobriand-Inseln ebenso streng verdammt wie durch christHche 
Lehre und europäisches Gesetz; strenger könnte selbst die puritanischste 

79 



Ehe 

öffentliche Meinung nicht sein. Doch ist es wohl überflüssig zu bemerken, daß 
die Vorschriften ebenso oft und leicht gehrochen und umgangen werden, daß 
ebenso oft verziehen wird wie in unserer eigenen Gesellschaft. 

Strenge Regeln gelten auf den Trobriand-Inseln, und sind die Übertretungen 
auch häufig, so werden sie doch nicht offen betrieben und bleiben, falls sie 
entdeckt werden, nicht ungesühnt; bestimmt werden sie nie als selbst- 
verständlich hingenommen. 

So wurde zum Beispiel im Oktober 1915 während einer der langen über- 
seeischen Reisen des Häuptlings das Dorf Omarakana unter das übliche Tabu 
gestellt. Nach Sonnenuntergang sollten die Leute eigentlich ihre Häuser nicht 
mehr verlassen, junge Männer aus der Nachbarschaft durften nicht mehr 
durchs Dorf gehen, der ganze Ort war verlassen bis auf ein oder zwei alte 
Männer, die als Wächter fungierten. Abend für Abend, wenn ich Informationen 
sammeln wollte, fand ich die Straßen leer, die Häuser verschlossen : nirgends 
Licht. Wie ausgestorben war das Dorf. Auch wollte mich niemand aus Omara- 
kana oder der Nachbarschaft in meinem Zelt besuchen. Eines Morgens, ehe ich 
noch aufgestanden war, entstand am anderen Ende des Dorfes ein großer Auf- 
lauf; lautes Streiten und Schreien tönte vernehmlich bis zu mir. Erschrocken 
eilte ich hin und fand auch in dem lärmenden Gewühl ein paar mir besonders 
Befreundete, die mir den Hergang der Sache erzählten. Tokwaylabiga, einer 
der weniger vornehmen Söhne des Häuptlings, der seinen Vater nicht auf der 
Reise begleitet hatte, war zu Besuchszwecken eine Weile von Omarakana ab- 
wesend gewesen. Er kehrte früher heim, als er erwartet wurde, und erfuhr 
sogleich, daß seine Frau Digiyagaya in seiner Abwesenheit mit einem anderen 
Sohn To'uluwas, Mwaydayle, geschlafen habe, und an diesem selben Morgen 
mit ihm in die Gärten gegangen sei, wobei sie als Vorwand ihre Wasserflaschen 
mitgenommen habe. Tokwaylabiga lief ihnen nach und fand die beiden, wie 
der Klatsch berichtet, unter sehr kompromittierenden Umständen — wie sich 
die Sache wirklich verhalten hat, wird nie herauskommen. Da Tokwaylabiga 
kein sehr blutdürstiger Mensch war, machte er seinem Zorne Luft und rächte 
sich an seiner Frau, indem er all ihre Wasserflaschen zerschlug. Offenbar ein 
Philosoph wie M. Bergeret, wollte er kein ernstliches Unheil stiften, aber doch 
auch nicht seine verletzten Gefühle vollkommen unterdrücken. Der Lärm, 
der meine Aufmerksamkeit erregt hatte, war durch den Empfang verursacht, 
den man den beiden Ehegatten bei der Rückkehr ins Dorf bereitete; denn das 
Tabu war gebrochen, und alle Bewohner waren unterwegs, um in dem Streit 
Partei zu ergreifen. Am selben Abend sah ich den betrogenen Gatten im besten 
Einvernehmen neben seiner Frau sitzen l . 
1 Ein weiterer Fall vom Bruch des sexuellen Tabu, das während der Abwesenheit des 

80 



Ehebruch und Eifersucht 

Einen anderen Fall von Ehebruch haben wir bereits in der Geschichte von 
der Verbannung Namwana Guya'us erwähnt. Zu Recht oder zu Unrecht 
verdächtigte er Mitakata, seines Vaters Neffen und Erben, des Ehebruchs 
mit Ibomala, seiner eigenen Frau. Doch auch er trieb seine Rachsucht nicht 
weiter, als daß er die Sache vor den weißen Richter brachte; nachdem er 
Omarakana verlassen hatte, konnte man ihn in Gesellschaft seiner Frau in 
seinem eigenen Dorfe sehen, augenscheinlich im besten Einverständnis. 

Es wird jedoch auch von ernsteren Fällen ehelicher Untreue berichtet. In 
einem kleinen Dorf in der Nähe von Omarakana wohnte ein Mann namens 
Dudubile Kautala, der im Jahre 1916, wahrscheinlich an Altersschwäche, 
starb; ich war bei seiner Bestattung zugegen. An seine Frau, Kayawa, erinnere 
ich mich als an eine schreckliche alte Hexe, zusammengeschrumpft wie eine 
Mumie und zum Zeichen der Trauer über und über mit Fett und Ruß be- 
schmiert; noch rieche ich die schreckliche Luft in ihrem kleinen Witwenkäfig, 
wo ich ihr bald nach dem Todesfall einen Besuch abstattete. Es wird jedoch 
erzählt, sie sei einst so schön und verführerisch gewesen, daß um ihretwillen 
Männer zum Selbstmord getrieben wurden. Unter denen, die ihrer Schönheit 
verfallen waren, befand sich auch Molatagula, der Häuptling eines benach- 
barten Dorfes. Eines Tages, als der Gatte fortgegangen war, um aus einem 
Lagunendorf Fisch zu holen, betrat der hebeskranke Häuptling, wohl wissend, 
daß sie zu Hause war, Kayawas Hütte, — ein grober Verstoß gegen Brauch 
und Sitte. Es heißt weiter in der Geschichte, daß Kayawa nackt auf ihrem 
Lager schlief und so dem Eindringling einen höchst verlockenden Anblick 
bot, wie die Eingeborenen sich etwas grob ausdrückten. Er näherte sich ihr 
und machte sich ihren Schlaf und ihre Hilflosigkeit zunutze, ohne daß sie das 
geringste Entgegenkommen zeigte, wie mein Bericht voll galanter Parteinahme 
für die Dame aussagt. Doch als der Ehemann zurückkam, keuchend unter 
einer schweren Last Fische, fand er sie beisammen. Beide waren unbekleidet, 
und überdies waren noch andere Umstände kompromittierend. Der Ehebrecher 
versuchte es mit Frechheit und behauptete, er sei nur gekommen, um sich 
Feuer zu holen. Doch der Augenschein war gegen ihn; als der Ehemann eine 
Axt ergriff, riß der Missetäter ein großes Loch ins Flechtwerk der Wand und 
entfloh. Die öffentliche Meinung war jedoch Molatagula nicht günstig: die 
Dörfler beschimpften ihn und machten ihn lächerlich. So nahm er Fischgift, die 
Zuflucht all derer, die sich bei dem ihnen aufgezwungenen Selbstmord gern ein 
Schlupfloch lassen möchten. Er wurde auch tatsächlich durch ein Brechmittel 
gerettet und lebte noch eine ganze Weil e hochgeehrt und in guter Gesundheit. 

Häuptlings dem Dorfe auferlegt war, findet sich in „Argonauts of the Western Pacific" 
S. 484. Vgl. auch S. 205—206 jenes Werkes. 

6 M. G. ßl 



Ehe 

Tragischer ging die Geschichte aus, die man sich in Omarakana von einem 
Manne namens Taytapola erzählt, der einer jetzt dahingegangenen Generation 
angehörte. Er ertappte seine Frau Bulukwau'ukwa heim Ehebruch mit Moluk- 
wayawa, einem Manne aus demselben Dorf. Dem Ehebrecher gelang es zu 
f heben. Der Ehemann verfolgte ihn, den Speer wurfbereit in der Hand; doch 
da er ihn nicht einholen konnte, kehrte er in seine Hütte zurück und blies das 
Muschelhorn. Die Männer seiner Sippe mütterlicherseits (veyola) machten sich 
auf nach dem Teil des Dorfes, wo der Gegner wohnte. Dort beschuldigten und 
beleidigten sie den Missetäter vor den Augen und Ohren seines Unter-Clans. 
Es kam zum Kampf: die beiden Gegner standen einander gegenüber, jeder 
gefolgt von seinen Verwandten. Der Übeltäter wurde von einem Speer ge- 
troffen und starb. Wahrscheinlich hatte sich der Angriff auf ihn persönbch 
konzentriert, und seiner Verteidigung fehlte der Mut der Überzeugung. 

Kouta'uya, ein Häuptling aus dem Großdorf Sinaketa, begab sich auf eine 
.fvuZa-Expedition nach Gumasila l . Eine seiner Frauen, Bogonela, hatte einen 
Liebhaber namens Kaukweda Guya'u. Beide Männer sind noch am Leben und 
mir gut bekannt. Die älteste Frau des Häuptlings, Pitaviyaka, hegte Argwohn 
gegen ihre schönere Gefährtin und beobachtete sie. Als sie eines Nachts ein 
Geräusch hörte, ging sie in Bogonelas Hütte und fand die Liebenden bei- 
einander. Es kam zu einem großen Skandal. Die schuldige Ehefrau wurde von 
den weiblichen Angehörigen ihres Mannes öffentlich zur Rede gestellt und 
beschimpft: „Du liebst die fleischliche Lust allzusehr; du hast männliche Reize 
allzu gern." Bogonela tat, was die Sitte und das Ideal persönlicher Ehre ihr 
vorschrieben. In ihrem reichsten Putz, angetan mit all ihren wertvollen 
Schmucksachen, erkletterte sie eine hohe Kokospalme auf dem Dorfplatz. 
Ihre kleine Tochter Kaniyaviyaka stand unter dem Baum und weinte. Viele 
Menschen waren versammelt. Sie empfahl ihr Kind der Obhut der ältesten 
Häuptlingsfrau und sprang dann vom Baum herab. Sie war auf der Stelle tot. 

Es gibt viele solcher Geschichten, die das Vorhandensein starker Leiden- 
schaften und komplizierter Gefühle unter den Eingeborenen beweisen. Guma- 
luya, ein Mann aus Sinaketa, war verheiratet mit Kutawouya, doch verüebte 
er sich in Ilapakuna und fing ein regelrechtes Verhältnis mit ihr an. Seine 
Frau weigerte sich, für ihn zu kochen und Wasser zu holen; so war er in dieser 
Hinsicht auf seine verheiratete Schwester angewiesen. Eines Abends, um die 
Zeit, da das gesellschaftliche Leben des Dorfes am regsten ist und die Familien 
ihre Abendmahlzeit verzehren oder plaudernd ums Feuer sitzen, machte Kuta- 
wouya eine öffentliche Szene; durchs ganze Dorf klangen ihre Scheltworte: 

1 Er und seine Fahrten sind den Lesern von „Argonauts of the Western Pacific" wohl- 
bekannt. 



82 



Ehebruch und Eifersucht 

„Du liebst Ausschweifungen allzusehr; fortwährend bist du im Zustand ge- 
schlechtlicher Erregung; nie wirst du des Beischlafs müde." Das waren Bruch- 
stücke ihrer Rede, die mir in einem lebhaft gefärbten Bericht umständlich 
wiedergegeben wurde. Sie steigerte sich immer mehr in ihren Zorn hinein und 
beschimpfte den Mann in so entsetzlichen Worten, daß auch er in blinde Wut 
geriet, einen Stock ergriff und sie prügelte, bis sie bewußtlos war. Am nächsten 
Tage beging sie Selbstmord, indem sie die Gallenblase des Softa-Fisches (eine 
Art Kugelfisch) zu sich nahm, ein Gift von blitzhaft schneller Wirkung. 

Isakapu, eine schöne junge Frau, tugendhaft und fleißig, war — wenn man 
dem überlieferten Klatsch glauben soll - ihrem Manne durchaus treu; er 
verdächtigte sie zu Unrecht. Eines Tages, als er nach längerer Abwesenheit 
heimkehrte, bekam er einen Anfall tobender Eifersucht; laut beschuldigte und 
beschimpfte er sie und verprügelte sie erbarmungslos. Weinend und klagend 
rief sie : „Ich bin wund am ganzen Körper, der Kopf tut mir weh, der Rücken 
tut mir weh, das Gesäß tut mir weh. Ich will auf einen Baum klettern und 
herunterspringen." Einen oder zwei Tage nach dem Auftritt tat sie ihren 
schönsten Schmuck an, kletterte auf einen Baum und rief mit lauter Stimme 
ihrem Gatten zu: „Kabwaynaka, komm her. Sieh mich an, wie ich dich an- 
sehe. Nie habe ich Ehebruch begangen. Du hast mich ohne Grund geschlagen 
und beschimpft. Jetzt töte ich mich." Der Mann versuchte ihr nachzuklettern, 
um sie rechtzeitig zurückzuhalten. Doch als er in halber Höhe des Baumes war,' 
stürzte sie sich herab und endete so ihr Leben. 

Bolobesa, eine der Frauen von Numakala, dem Vorgänger des jetzigen 
Häuptlings von Omarakana, verließ aus irgendeinem Grunde ihren Mann auf 
einige Zeit und kehrte in ihr eigenes Dorf Yalumugwa zurück. Der Bruder 
ihrer Mutter, Gumabudi, der Häuptling jenes Dorfes, schickte sie zu ihrem 
Manne zurück. Sie weigerte sich und kehrte auf halbem Wege wieder um, ob- 
wohl sie, wie man mir sagte, durchaus die Absicht hatte, später zu ihrem Gatten 
zurückzukehren. Ihr Onkel bestand auf seinem Willen und beleidigte sie in 
so schimpflicher Weise, daß sie Selbstmord beging. 

In all diesen Fällen stand es der Frau frei, ihren Mann einfach zu verlassen 
oder, im letztgenannten Falle, zu ihm zurückzukehren. Offenbar machte in 
all diesen Fällen irgendeine starke Neigung oder amour propre oder persön- 
liches Ehrgefühl diese einfache Lösung unmöglich. Der Tod war ihr lieber als 
das Leben m einem Dorfe, wo sie entehrt worden war, lieber auch als das Leben 
in irgendeinem anderen Dorfe. Sie konnte nicht mehr mit dem Manne leben 
und nicht ohne ihn - ein Gemütszustand, der unter Wilden, deren geschlecht- 
liches Leben so einfach und körpergebunden ist, eigentlich unglaubhch scheint; 
und doch kann er auf ihr Eheleben einen starken Einfluß hab( 



Den. 

83 



Ehe 



3. Wirtschaftliche Beihilfe durch die Familie der Frau 

Wir kommen nun zu dem bemerkenswertesten, fast könnte man sagen: 
soziologisch sensationellen Wesenszug der Trobriander-Ehe, der so wichtig 
ist, daß ich schon früher einige Male darauf hinweisen mußte. Durch eine 
Heirat wird den Angehörigen der Frau eine andauernde Tributverpflichtung 
gegenüber dem Gatten auferlegt: solange der Haushalt besteht, müssen sie 
ihm alljährliche Kontributionen zahlen. Von dem Augenblick an, da sie durch 
das erste Geschenk sich mit der Heirat einverstanden erklären, müssen sie 
Jahr für Jahr durch ihrer Hände Arbeit eine bestimmte Menge Yams für die 
neu angeheiratete Familie erzeugen. Die Höhe der Abgabe ist verschieden je 
nach dem sozialen Stand der Beteiligten, doch beträgt sie in einem Durch- 
schnittshaushalt etwa die Hälfte des Verbrauchs. 

Wenn sich nach den „Flitterwochen" im Elternhaus des Ehemannes das 
junge Paar selbständig einrichten will, so müssen sie 6ich sowohl ein Yams- 
haus als auch ein Wohnhaus erbauen. Das erstere muß, wie gesagt, im inneren 
Ring stehen, der Wohnhütte gegenüber. Das Yamshaus (sokwaypa) hat eine 
reservierte Abteilung, eine viereckige, von Balken umschlossene Vertiefung; 
darin wird der jährliche Tribut von den Angehörigen der Frau regelmäßig 
zur Erntezeit untergebracht. Gleichzeitig liefert der Herr des neuen Haushalts 
selbst an seine eigene Schwester und seine sonstigen weiblichen Verwandten 
eine große Menge Yams. Für sich selbst behält er nur minderwertige Knollen, 
die unterm Dach im oberen Raum und in den schlechteren Yamshäusern 
aufbewahrt werden. Er zieht auch seinen eigenen Saat- Yams und alle anderen 
Gemüse: Erbsen, Kürbisse, taro und viya. 

Jedermann behält also einen Teil seiner Gartenerzeugnisse für sich selbst, 
das übrige bekommen die weiblichen Verwandten und ihre Ehemänner. In 
der Jugend muß ein junger Bursche für seine nächste weibliche Verwandte, 
die Mutter, sorgen. Später muß er auch seine Schwester unterstützen, wenn 
sie verheiratet ist, oder vielleicht eine Tante mütterlicherseits, oder deren 
Tochter, falls kein näherer männlicher Verwandter da ist. 

Es gibt verschiedene Gartentypen, deren jeder seine Eigenart und seinen 
besonderen Namen hat. Da sind zunächst die Frühgärten, kaymugwa, mit ge- 
mischten Pflanzungen, die zu tragen beginnen, wenn die Ernte des Vorjahres 
verbraucht ist. Dadurch wird die Wirtschaft bis zum Beginn der neuen Haupt- 
ernte über Wasser gehalten. Dann gibt es die Taro-Gärten, tapopu. Diese 
beiden Gartenarten werden von jeder Familie für den eigenen Bedarf an- 
gelegt. Ferner gibt es die Hauptgärten, kaymata, deren Erträgnisse größten- 
teils zur Versorgung der weiblichen Verwandten dienen. Alles, was ein Mann 

84 




Sie laust ihn 



25. MITAKATA UND ORAYAYSE 

eine der wenigen intimen Aufmerksamkeiten, die zwischen Mann und Frau 
öffentlich erlaubt sind. (KAP. V, 1; KAP. X, 3/ 




26. EINE GLÜCKLICHE FAMILIE 

Tokulubakiki und seine Frau Kum'igu vor ihrem Yamshaus; ihre kleine Tochter in der 

üblichen Stellung auf der Hüfte der Mutter. (KAP. V, l) 



ti%%: •• 







27. DIE EHEGABE IM GARTEN 
Anläßlich einer Wetternte für den Häuptling bewundern die Leute den in der Mitte 

geschichteten Yams. (KAP. V, 3) 



> 

i 



... 



auf- 




28. TRANSPORT DER ERNTEGABEN 
Eine kleine Gruppe: die Männer tragen die Last auf der Schulter, die Frauen auf dem Kopf. 
Bei einer Wetternte ist die Straße von langen Zügen hintereinandergehender Menschen bevölkert. 

(KAP. V, 3; KAP. I, 3) 



Wirtschaftliche Beihilfe durch die Familie der Frau 

zum eigenen Gebrauch erzeugt, wird mit einem allgemeinen Ausdruck als 
taytumwala bezeichnet; was er für seine Frauensleute erbaut, heißt urigubu. 
Mit der Ernte in den Hauptgärten beginnt eine lange, sorgfältig ausgetüftelte 
Reihe von Tätigkeiten, die mit der Ablieferung der jährlichen Gaben zu- 
sammenhängt. Die Mitglieder eines jeden Haushalts — denn Graben wird 
immer enfamille unternommen — begeben sich auf ihr eigenes Stück Garten- 
land innerhalb der großen Gemeinde-Umzäunung. Die kleine Yamsart, taytu 
genannt, bei weitem das wichtigste Gemüse der Eingeborenen, wird nun mit 
spitzen Stöcken ausgegraben und in eine schattige Laube (kalimomyo) gebracht, 
die aus Stangen und Yamsranken errichtet wird; dort läßt sich die Familie 
nieder und macht sich fröhlich ans Reinigen der ausgegrabenen Knollen: die 
anhaftende Erde wird abgestreift, mit einem geschärften Muschelmesser 
werden die Haare entfernt. Dann geht es ans Sortieren. Der beste Yams wird 
in der Mitte in einem großen kegelförmigen Haufen aufgeschichtet; dies ist 
die t/riguou-Ernte (s. Abb. 27). Der Rest wird in den Ecken zu viel kleineren, 
weniger regelmäßigen Haufen zusammengelegt. Der große Haufen in der 
Mitte wird mit beinah geometrischer Genauigkeit aufgeschichtet; sorgfältig 
werden die besten Knollen über die ganze Oberfläche verteilt, denn er bleibt 
eine Zeitlang unter dem kleinen Schutzdach, um von den Leuten aus dem 
Dorf und den Nachbarorten bewundert zu werden. Dieser ganze Teil der 
Arbeit, der, wie leicht ersichtlich, keinerlei Nutzwert hat, wird unter dem an- 
feuernden Einfluß von Eitelkeit und Ehrgeiz höchst eifrig betrieben, voll 
Interesse und con amore. Es ist der höchste Stolz des Trobrianders, als „Meister- 
gärtner" (tokway-bagula) zu gelten. Um es so weit zu bringen, macht er un- 
geheure Anstrengungen und bestellt ein großes Stück Gartenland, um mög- 
lichst viele und möglichst große Yamshaufen zu erzielen. Man darf aber nicht 
vergessen, daß die Heiratsgabe das hauptsächlichste und ansehnlichste Er- 
zeugnis der Gartenarbeit ist. 

^ Nach etwa acht oder vierzehn Tagen wird der taytu (kleiner Yams) aus den 
Gärten ins Dorf gebracht. Der Eigentümer engagiert eine Anzahl Helfer 
- Männer, Frauen und Kinder — , um das .Geschenk zum Gatten seiner 
Schwester zu tragen, der vielleicht weit weg am anderen Ende des Bezirkes 
wohnt (Abb. 28). Sie legen halbfestliche Kleidung an (s. Abb. 62), bemalen 
die Gesichter, schmücken sich mit Blumen und machen sich in lustiger Ge- 
sellschaft auf den Weg. Es ist eine Zeit des Frohsinns und der Freude. Die 
Trägergruppen gehen durch die Gärten, besehen und bewundern oder kriti- 
sieren die Ernte. Vielleicht hat jemand durch besonderes Glück oder be- 
sonderen Arbeitseifer einen hervorragend günstigen Ertrag erzielt und sein 
Ruhm {butura) hat sich verbreitet. Oder es wohnt vielleicht ein berühmter 

85 



Ehe 

Meistergärtner im Dorf, und seine Ernte muß besichtigt und mit seinen 
früheren Leistungen verglichen werden. Manchmal verabreden eine oder 
mehrere Dorfgemeinschaften eine Kayasa-( Wctt-) Ernte; dann strengen sich 
alle aufs äußerste an, um für sich und ihre Gemeinde Ehre einzulegen. Die 
Rivalität geht so weit, daß in früheren Zeiten eine iCovasa-Ernte selten vor- 
überging, ohne daß es zu Kämpfen oder wenigstens Prügeleien kam. 

Die Gärten bieten um diese Zeit einen festlichen, malerischen Anblick. Die 
haufenweise herausgerissenen Taytu-RaiiLen übersäen den Boden mit großen, 
dekorativen Blättern, in der Form dem Feigen- oder Weinblatt ähnlich. Da- 
zwischen sitzen Gruppen von Menschen, damit beschäftigt, den Yams zu 
reinigen und aufzuschichten, während lustige Trupps von Zuschauern durch 
die wirre Flut der Blätter kommen und gehen. Die Kupferfarbe ihrer Leiber, 
das Rot und Gold der Galaröcke der Mädchen, das leuchtende Karmin des 
Hibiscus, das fahle Gelb des Pandanus und das Grün der Laubgirlanden, die 
Glieder oder Brust streifen — all dies vereint sich zu einem halb bacchischen, 
halb idyllischen Südsee-Pastorale. 

Nachdem sie sich ausgeruht und die Gärten bewundert haben, begeben 
sich die für diese Gelegenheit engagierten Träger zum Gartenland des betreffen- 
den Besitzers. Dort werden die Yamsknollen ausgeteilt und mit einem Maß- 
korb abgemessen. Für jeden vollen Korb wird ein Fiederblättchen von einem 
Cycas-Blatt abgerissen. Jedes zehnte Fiederblättchen bleibt stehen, um den 
zehnten Korb zu bezeichnen. Bei einem großen Stück Gartenland müssen 
manchmal mehrere Cycas-Blätter verwendet werden. Unter Lachen und 
Scherzen machen sich nun die Träger nach dem Dorf des Empfängers auf den 
Weg, Männer und Frauen in bunter Reihe. Der Besitzer regaUert sie unter- 
wegs mit Leckerbissen: da gibt es Kokosgetränke gegen den Durst, Betelnuß 
als Anregungsmittel, saftige Bananen zur Erfrischung. Der Einzug ins Dorf 

erfolgt in höchster Geschwindigkeit; die Männer laufen vorweg Pandanus- 

blütenblätter flattern von ihren Armringen herab — und die Frauen folgen 
ihnen auf dem Fuße. Wenn sie an die Häuser kommen, wird ein Wechsel- 
gesang angestimmt, indem der erste Läufer eine Reihe sinnloser, überlieferter 
Worte ganz rasch und sehr laut wiederholt: „Bomgoy, yakakoy, siyaloy ..." 
während die ganze Gesellschaft unisono ein durchdringendes, gellendes „Yah" 
zurückdonnert. Dann bauen sie vorm Yamshaus des Empfängers den Yams 
in einem runden Haufen auf, ebenso schön und sorgfältig wie erst im Garten 
(Abb. 29). Die nächste Zeremonie findet erst ein paar Tage später statt, wenn 
die Knollen ins Innere des Yamshauses gebracht werden. 

Kehren wir nun zu der soziologischen und wirtschaftlichen Seite der jähr- 
lichen Ehegabe zurück, so zeigt sich, daß sie nicht nur beträchtlichen Einfluß 

86 



Wirtschaftliche Beihilfe durch die Familie der Frau 

auf die Institution der Ehe selbst, sondern auf die gesamte Wirtschaft und 
Verfassung des Stammes ausübt. Vom Standpunkt des Empfängers aus ergibt 
sich, daß jeder bei der Wahl seiner Lebensgefährtin sich von den eigenen Be- 
dürfnissen und von der Mitgift seiner zukünftigen Frau leiten lassen muß, 
denn er wird nicht nur von seinem eigenen Fleiß und seiner eigenen Arbeits- 
kraft .abhängig sein, sondern auch von der Arbeitskraft seiner angeheirateten 
Verwandten. Ein Mitgiftjäger wird ein Mädchen zu gewinnen suchen, welches 
die einzige Schwester mehrerer Brüder ist, deren bloßes Vorhandensein den 
Eifer eines ähnlich gesinnten Europäers sofort dämpfen würde. Nur ein Mann, 
der sich vor Armut nicht zu scheuen braucht, wird um ein Mädchen werben, 
das mehrere Schwestern und nur einen einzigen Bruder hat. Wenn die Frau 
ihrem Manne Söhne gebiert und diese heranwachsen, kommt er sozusagen zu 
selbstgefertigten angeheirateten Verwandten — denn in einer mutterrecht- 
lichen Gesellschaft gehören natürlich Kinder zu den angeheirateten Ver- 
wandten; ihre erste Pflicht ist es, für den elterlichen Haushalt mitzusorgen. 
In der Regel erhält der Ehemann den größten Teil der Mitgift seiner Frau 
von einem einzigen ihrer Angehörigen; handelt es sich jedoch um einen Häupt- 
ling oder sonst einen angesehenen Mann, so tun sich viele zusammen, damit ein 
passendes Geschenk zustande kommt, obwohl nur einer dem Namen nach 
verantwortlich ist. Doch selbst ein gewöhnlicher Bürger erhält neben dem 
urigubu vom Hauptspender eine Anzahl kleinerer Geschenke von den anderen 
Verwandten seiner Frau, kovisi oder taytupeta genannt. Alle werden sie zur 
Erntezeit überbracht und bestehen meist aus mehreren Körben voll Yams 
oder anderer Gemüse. 

Ein Ehemann empfängt von seinen angeheirateten Verwandten auch sonst 
allerlei Dienste, je nachdem es die Gelegenheit verlangt. Sie müssen ihm 
Hilfe leisten wenn er ein Haus oder ein Kanu baut, wenn er auf Fisch- 
fang geht oder an einer öffentlichen Festlichkeit teilnimmt. Ist er krank 
so müssen sie bei ihm wachen, um böse Zauberer fernzuhalten, oder ihn aii 
einen anderen Ort tragen, von dem er Gesundung erhofft. Bei Fehden und 
m anderen Notfällen kann er unter bestimmten Umständen über ihre 
Dienste verfügen. Nach seinem Tode schließlich fällt ihnen der Haupt- 
anted der Bestattungsfeierlichkeiten zu. Nur von Zeit zu Zeit muß der 
fcnemann die jährlichen Dienstleistungen seiner angeheirateten Verwandten 
durch eine Gegengabe an Wertsachen entgelten; solche gelegentliche Ge- 
schenke heißen youlo. 

Am interessantesten und am schwersten begreiflich ist hei alledem die 
* rage: welche gesetzlichen, sozialen und psychologischen Kräfte veranlassen 
emen Mann, Jahr für Jahr freigebig und reichlich wegzugeben und seine 

87 



Ehe 

Arbeitskraft deswegen aufs höchste anzuspannen? Die Antwort lautet: 
Stammessitte und persönlicher Stolz. Es bestehen keine besonderen Strafen, 
um diese Pflichten zu erzwingen; wer sie vernachlässigt, 6inkt nur in seinem 
Ansehen und hat die öffentliche Verachtung zu tragen. 

Der Trobriander ist außerordentlich ehrgeizig, und in zwei Punkten ist sein 
Ehrgeiz besonders empfindlich. Der eine ist sein Familienstolz. Die nächste 
Verwandte eines Mannes ist seine Schwester; ihre Ehre, ihre Stellung und ihr 
Ansehen gelten ihm gleich seinem eigenen. Der zweite Ehrenpunkt betrifft die 
Nahrungsmittelversorgung. Unzureichende Nahrung, Hunger, Mangel an 
Überfluß gelten als sehr große Schande 1 . Steht also die Ehre der Familie auf 
dem Spiel, nämlich die Versorgung der Schwester mit Nahrungsmitteln, so 
setzt ein Trobriander, dem nicht jedes Gefühl für Anstand und Moral abgeht, 
seine ganze Kraft und seinen ganzen Willen an diese Aufgabe. Ist der Gatte 
seiner Schwester von höherem Rang als er selbst, so bildet die höhere Stellung 
des Schwagers einen weiteren Ansporn für seinen Ehrgeiz; ist der Ehemann 
niedrigeren Ranges, so muß die Stellung der Schwester um so mehr hervor- 
gehoben werden. Kurz, der Sinn für das Schickliche, der Druck der öffentlichen 
Meinung und die Ungleichheiten im Rang nach beiden Richtungen bilden 
starke psychologische Triebfedern, die nur in sehr seltenen Ausnahmefällen 
ihre Wirkung verfehlen. 

Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus bringt dieses System jährlicher 
Ehegaben außerordentliche Komplikationen mit sich: zunächst ist da all die 
Extraarbeit, welche durch die Schaustellung und feierliche Überbringung der 
Gaben nötig wird; ferner das Sortieren, Reinigen, Aufschichten zu Haufen; 
das Errichten der Laube. Hinzu kommt noch der Transport, der manchmal 
beträch tlichen Arbeitsaufwand erfordert; denn jeder muß seinen Garten in 
dem Ort anlegen, wo er wohnt, und dann die Ernte ins Dorf seines Schwagers 
überführen, das vielleicht neun bis zwölf Kilometer entfernt am anderen Ende 
des Bezirkes liegt. Manchmal, wenn die Entfernung besonders groß ist, müssen 
mehrere hundert Körbe voll Yams im Ablöseverfahren in ein Küstendorf ge- 
tragen werden; von dort werden sie im Kanu weiter befördert und schließlich 
wieder über Land getragen. Es liegt auf der Hand, daß dies alles eine große 
Verschwendung an Arbeitskraft bedeutet. Doch wenn ein wohlwollender weißer 
Reformator — und leider gibt es deren sogar auf den Trobriand-Inseln — ver- 
suchen würde, das System der Eingeborenen abzuschaffen, so wäre der an- 
gestiftete Nutzen höchst zweifelhaft, der Schaden aber ganz gewiß. Im all- 

1 Über diese psychologische Einstellung zur „Nahrungsmittel-Ehre" vgl. „Argonauts of 
the Western Pacific", besonders Kap. VI, und „Crime and Custom". 

88 












Polygamie der Häuptlinge 

gemeinen wirkt jede Zerstörung der Stammessitte zersetzend auf Ordnung 
und Moral. Ja noch mehr: bei genauerer Prüfung erweist sich die umständliche 
Wirtschaftsform der Eingeborenen als mächtiger Antrieb zu fachlichen Höchst- 
leistungen. Würde der Eingeborene nur gerade so viel arbeiten, daß er seine 
unmittelbaren Bedürfnisse befriedigen könnte, würde er nur von rein wirt- 
schaftlichen Erwägungen ausgehen, so hätte er keine Veranlassung, einen 
Überschuß zu produzieren, den er ja nicht kapitalisieren kann. Tief wurzelnde 
Triebfedern wie Ehrgeiz, Ehre und moralische Pflicht haben ihn ein relativ 
hohes Niveau an Leistungsfähigkeit und Organisation erreichen lassen, das 
es ihm erlaubt, in Zeiten der Dürre und des Mangels gerade genug zu erzeugen, 
um die schlimme Zeit zu überstehen. 

In dieser von außen erfolgenden wirtschaftlichen Belieferung des Haus- 
halts läßt sich wiederum der doppelte Einfluß von Vater- und Mutterrecht 
erkennen. Der Ehemann ist nur zum TeÜ das Haupt der Familie; er ist auch 
nur zum TeÜ ihr Versorger. Der Bruder seiner Frau bleibt nach dem Stammes- 
gesetz auch der Vormund der Frau und ihrer Kinder und hat wirtschaftliche 
Verpflichtungen gegenüber dem Haushalt. Dem Recht des Bruders der Frau, 
sich in Familienangelegenheiten einzumischen, entspricht also ein wirtschaft- 
liches Gegenstück. Oder in anderen Worten: der Ehemann erwirbt durch seine 
Heirat wirtschaftliche Ansprüche an seine männlichen angeheirateten Ver- 
wandten, während sie im Austausch für ihre Leistungen eine gesetzliche Autori- 
tät über die Frau und ihre Kinder behalten. Dies ist natürlich eine abstrakte 
Formulierung der Sachlage, wie sie sich dem Soziologen darstellt; es soll da- 
mit keinerlei Hypothese über das frühere Auftreten oder die größere Bedeutung 
des Vater- oder Mutterrechts ausgesprochen werden; natürlich wird damit 
auch nicht die Meinung der Eingeborenen wiedergegeben, die zu solchen ab- 
strakten Formulierungen ganz unfähig wären. 

4. Polygamie der Häuptlinge 
Einehe ist bei den Trobriandern so sehr die Regel, daß wir bei Behandlung 
der Ehesitten stets nur von einer einzigen Ehefrau gesprochen haben. In ge- 
wisser Hinsicht ist das auch nicht irreführend, denn hat ein Mann mehrere 
Frauen, so gilt das Gesagte für jede einzelne Verbindung. Doch ein paar er- 
gänzende Bemerkungen über Vielweiberei dürfen nicht fehlen. Polygamie 
(vilayawa) wird von der Sitte allen Männern von höherem Rang oder gr°oßem 
Ansehen zugestanden, zum Beispiel berühmten Zauberern. In gewissen Fällen 
ist ein Mann infolge seiner sozialen Stellung sogar genötigt und verpflichtet 
mehrere Frauen zu haben. Das gilt für jeden Häuptling, das heißt für jedes 
Dorfoberhaupt von hohem Rang, der die Herrschaft über einen mehr oder 

89 



Eht 



weniger ausgedehnten Bezirk innehat. Um seine Macht auszuüben und die 
Verpflichtungen seiner Stellung zu erfüllen, muß er reich sein, und das ist bei 
den sozialen Verhältnissen auf den Trobriand-Inseln nur durch Vielweiberei 
möglich. 

Bemerkenswerterweise ist die Quelle der Macht in erster Linie wirtschaft- 
licher Art; der Häuptling kann viele seiner Funktionen als vollziehende Ge- 
walt nur deshalb ausüben und gewisse Ansprüche nur deshalb erheben, weil 
er der reichste Mann des Dorfes ist. Er hat das Recht auf Ehrenbezeigung, 
Gehorsam und Dienstleistungen; er kann von seinen Untertanen die Teil- 
nahme an Kriegen, Expeditionen und Festlichkeiten verlangen; doch für alles 
muß er kräftig zahlen. Er muß große Feste geben und alle Unternehmungen 
finanzieren, indem er die Teilnehmer speist und die Hauptbeteiligten entlohnt. 
Macht auf den Trobriand-Inseln ist im wesentlichen plutokratisch. Nicht 
weniger merkwürdig und unerwartet ist ein anderer Wesenszug dieses Re- 
gierungssystems: obwohl der Häuptling ein großes Einkommen braucht, ist 
doch nichts dergleichen mit seinem Amte verbunden; die Bewohner seines 
Gebietes zahlen ihm keine wesentlichen Tribute, wie sonst Untertanen ihrem 
Herrscher. Die kleinen alljährlichen Gaben oder Tribute an besonderen Lecker- 
bissen — der erste gefangene Fisch, das erste Gemüse, besondere Nüsse und 
Früchte — bilden durchaus keine Einnahmequelle; tatsächlich muß sie der 
Häuptling nach ihrem vollen Wert bezahlen. Sein wirkliches Einkommen er- 
fließt ihm ganz und gar aus der alljährlichen Ehebeisteuer; diese ist jedoch 
in seinem Fall sehr groß, denn er hat viele Frauen, und jede von ihnen wird 
viel reichlicher ausgesteuert, als wenn sie einen einfachen Mann geheiratet 
hätte. 

Wir wollen das an einem besonderen Beispiel klarmachen. Jeder Häuptline 
hat ein tributpflichtiges Gebiet mit mehreren Dörfern unter sich — in Kiriwina 
sind es einige Dutzend, in Luba oder Tilataula etwa ein Dutzend, kleinere 
Häuptlinge haben nur etwa ein oder zwei Dörfer; dieses Gebiet ist ihnen durch 
Heirat tributpflichtig. Jede tributpflichtige Dorfgemeinschaft entrichtet dem 
Häuptling eine ansehnliche Steuer, doch einzig und allein in Form einer Mit- 
gift, die alljährlich inYams ausgezahlt wird. Jedes Dorf — und im Fall eines 
Großdorfes jeder Hauptteil — „gehört" einem Unter-Clan (s. Kap. I, 2) und 
wird vom Oberhaupt dieses Unter-Clans beherrscht. Aus jedem dieser Unter- 
Clans nimmt der Häuptling eine Frau, die sozusagen „ewig" ist, denn bei 
ihrem Tode wird ihm sofort als ihre Stellvertreterin (kaymapula) eine 
andere Frau aus demselben Unter-Clan angetraut. Zur Mitgift dieser einen 
Frau, der gewählten Vertreterin des Unter-Clans, tragen all seine männ- 
lichen Mitglieder ihr Teil bei, obwohl das Ganze zusammen vom Dorfober- 









90 



Polygamie der Häuptlinge 

haupt überbracht wird. So arbeitet also jeder einzelne im Bezirk für seinen 
Häuptling, doch arbeitet er für ihn als für seinen noch so entfernten an- 
geheirateten Verwandten. 

Das Dorfoberhaupt von Omarakana, zugleich Häuptling von Kiriwina, ist 
der Höchste an Rang, Macht, Einfluß und Ruhm. Das ihm tributpflichtige 
Gebiet, jetzt durch die Weißen eingeschränkt und durch das Verschwinden 
mehrerer Dörfer verkrüppelt, erstreckte sich einst über die ganze Nordhälfte 
der Insel und umfaßte etwa fünf Dutzend Gemeinschaften, Dörfer und Teile 
von Dörfern, die ihm bis zu sechzig Frauen eintrugen (ein Rest dieser Frauen 
ist auf Abb. 30 zu sehen). Jede von ihnen brachte ihm ein beträchtliches 
Jahreseinkommen an Yams; ihre Familie mußte jedes Jahr ein oder zwei 
Yamshäuser füllen (Abb. 31), die etwa fünfzig bis sechzig Doppelzentner 
Yams fassen. Der Häuptling erhielt auf diese Art etwa 3000—3500 Doppel- 
zentner Yams pro Jahr *. Die ihm so zur Verfügung stehende Menge ist 
durchaus hinreichend, um riesige Festlichkeiten zu veranstalten, Hand- 
werker für die Ausführung kostbarer Schmucksachen zu bezahlen, Kriege 
und überseeische Fahrten zu finanzieren, gefährliche Zauberer und Mörder 
zu dingen — kurz, alles zu tun, was man von einem Mächtigen erwarten 
kann. 

So bildet also Reichtum die wesentlichste Machtgrundlage, die jedoch im 
Fall des obersten Häuptlings von Omarakana noch eine starke Stütze erhält 
durch sein persönliches Ansehen, durch die Achtung vor seiner heiligen, tabu- 
umwitterten Würde, und durch den Besitz des gefürchteten Wetterzaubers, 
der Wohl und Wehe des ganzen Landes in seine Hand legt. Den kleineren 
Häuptlingen stehen für ihre Bezüge meist nur ein paar Dörfer zur Verfügung- 
den kleinsten nur die anderen Teile ihres eigenen Wohnorts. In jedem Fall 
jedoch beruht ihre ganze Macht und Stellung ausschließlich auf dem Vor- 
recht der Polygamie und auf der außerordentlich reichen Mitgift, die jeder 
Häuptlingsfrau zukommt. 

Trotz seiner Kürze und unvermeidlichen Unvollständigkeit wird dieser 
Bericht genügend veranschaulichen, wie stark und vielfältig Machtbildung 
und soziale Organisation auf den Trobriand-Inseln von Ehesitten und Pol v ! 
gamie abhängig sind 2 . 



PW a ln h % S f ät T g Veidanke ich einem HändIer ' der "«• andere * Yams für die 

xs 1 2^ t ? and CX P 0rtierte - Da ich «* &*«"»* ■«* nachprüfen konnte, 
ist sie mit Vorsicht aufzunehmen. 

I^LrTlw f C P ° Utisclle Seite d « Häuptlingsschaft nicht eingehender erörtern; an 
SS , " A f g °, naut8 "' Ka P- H, 5, S. 62-70) habe ich diesen Gegenstand ausführ- 

licher dargestellt. Auch kann ich die wirtschaftliche Seite der Machtbüdung nicht in extenso 

91 



Ehe 

5. Das Läusliche Leben 
unter polygamischen Verhältnissen 

Wenn wir uns nun dem häuslichen Leben der polygamen Familie zuwenden, 
so wollen wir zunächst untersuchen, auf welchem Wege ein Häuptling zu 
seinen vielen Frauen kommt; am besten nehmen wir ein praktisches Beispiel, 
sagen wir To'uluwa. Er begann sein sexuelles Leben in der üblichen Weise; 
nach einem Stadium vollkommener Freiheit kam es zu einem Verhältnis im 
bukumatula und schließlich zu einer dauernden Neigung. Seine erste Wahl 
fiel auf Kadamwasila vom Clan der Lukwasisiga, vom Unter-Clan der Kwoy- 
nama aus dem Dorf Osapola (s. Abb. 2 und das Diagramm auf S. 69). Es war 
eine durchaus passende Partie, denn gerade aus diesem besonderen Unter- 
Clan soll ein Tabalu-Häuptling seine Hauptfrau wählen. Das Mädchen muß 
sehr schön gewesen sein; sicherlich war sie eine „wirkliche Dame" voll Charme 
und Würde, von schlichter, ehrenhafter Gesinnung. Die beiden waren einander 
in herzlicher Liebe zugetan, und dabei blieb es auch; ihre Verbindung war 
gesegnet mit fünf Söhnen und einer Tochter, der Jüngsten. Ich habe Kadam- 
wasila „die Lieblingsfrau des Häuptlings" genannt und wollte damit sagen, 
daß ihre Ehe eine Liebesheirat war, eine echte Kameradschaft und ohne 
Zweifel in ihrer Frühzeit eine leidenschafterfüllte Beziehung. Noch ehe er zur 
Herrschaft gelangte, nahm jedoch der Häuptling andere Frauen, jede aus 
einer der Dorfgemeinschaften, die ihm tributpflichtig waren. Oft kommt es 
vor, daß beim Tode einer Häuptlingsfrau die Gemeinschaft, der sie entstammt, 
nicht dem Häuptling selbst, sondern dem Erben der Würde ein Mädchen liefert, 
das als Ersatz der Toten gilt. Auf diese Art war To'uluwa schon in Besitz von 
drei oder vier Frauen gelangt, als sein älterer Bruder und Vorgänger starb. 
Da erbte er die Witwen des Verstorbenen, die sofort ganz automatisch zu 
seinen Gattinnen wurden, wie auch ihre Kinder Mitglieder seines Haus- 
haltes. Die Mehrzahl dieser Witwen war ziemlich betagt, manche waren 
bereits durch die Hände dreier Gatten gegangen. Es scheint, daß für den 
Häuptling keinerlei Verpflichtung besteht, mit diesen geerbten Frauen ge- 
schlechtlich zu verkehren, obwohl es ihm natürlich freisteht. Nach und nach 
heiratete To'uluwa noch vier andere Frauen aus Dörfern, die zur Zeit in 
seiner Sammlung noch nicht vertreten waren. Die Eheschließung eines 
Häuptlings unterscheidet sich von der eines gewöhnlichen Mannes nur inso- 
fern, als die Frau ihm von ihren Eltern offen zugeführt wird und die aus- 
getauschten Geschenke wertvoller sind. 



bebandeln; dies ist gesebeben in „Tbe Primitive Economics of tbe Trobriand Isländers" im 
„Economic Journal", Mürz 1.921. 



92 




29. DAS URIGUBU IM DORF 
Die Träger schichten die Yamsknollen wieder zu einem kegelförmigen Haufen vor dem Yams- 
haus, in das sie nach einiger Zeit gebracht werden. (KAP. V 3) 




Lr.. 



30. EINE POLYGAME FAMILIE 
Bei einer Festlichkeit anläßlich des Stapellaufs eines Kanus sitzt der Häuptling 7V„7 
einer erhöhten Plattform, die eigens zu diesem ! Zweck errichtet wurde; erTsumlel "^ 

seiner Frauen und Kinder; rechts von ihm sein Sohn Gila^2 T^Py, 'f* 




UiUloidUt« 






Das häusliche Leben unter polygamischen Verhältnissen 

Gegenwärtig wird der Polygamie der Häuptlinge allmählich ein Riegel vor- 
geschoben. Die ersten Administratoren litten an jener wohlwollenden An- 
maßung und größenwahnsinnigen Empfindlichkeit, die alle Menschen mit 
willkürlicher Machtbefugnis über eine „niedere" Rasse so leicht überkommt; 
bei ihren Anordnungen ließen sie sich keineswegs durch einfühlendes Ver- 
ständnis für Sitten und Institutionen der Eingeborenen leiten. In dem Dunkel 
das sie vorfanden, tasteten sie sich nicht vorsichtig vorwärts, sondern schlugen 
blind darauf los und suchten zu zerstören, was sie an Machtstellung der Ein- 
geborenen vorfanden, statt sich dieser Macht zu bedienen und mit ihr zu 
operieren. Polygamie ist eine dem europäischen Geist fremde Gepflogenheit 
und wird sogar als eine Art grober Ausschweifung angesehen; sie schien ein 
Unkraut, das ausgerottet werden müsse. Also verbot man den Häuptlingen, 
vor allem dem von Omarakana, die durch denTod ihrer Frauen frei gewordenen 
Lucken wieder auszufüllen, wie es früher geschah; die Frauen jedoch, die sie 
einmal hatten, durften sie behalten. Dieses Verbot war übrigens ein ganz will- 
kürliches Vorgehen des weißen Residenten, denn dazu berechtigte ihn keinerlei 
Gesetz oder Dienstvorschrift der Kolonie*. Jetzt ist To'uluwas Reichtum 
und Einfluß im Niedergang und wäre schon ganz dahingeschwunden, be- 
wahrten seine Untertanen nicht treuen Gehorsam gegen die alte Sitte. Sie 
wurden ganz offen dazu ermuntert, ihre jährlichen Abgaben nicht mehr zu 
zahlen; ebenso wurden die Häuptlingsfrauen aufgefordert, ihren Gatten zu 
verlassen; doch da haben Treue und Tradition den Sieg davongetragen. Beim 
Tode des jetzigen Häuptlings wird jedoch sicherlich eine vollkommene Auf- 
lösung unter den Eingeborenen der Trobriand-Inseln stattfinden, die un- 
weigerlich eine allmähliche Zersetzung der Kultur und das Aussterben der 
Rasse zur Folge haben wird 2 . 

Wenden wir uns wieder dem Haushalt des Häuptlings zu, so liegt auf der 
Hand, daß die Beziehungen zu seinen verschiedenen Ehefrauen nicht durch- 
weg die gleichen sein können. Im großen und ganzen kann man drei Klassen 
von Gattinnen unterscheiden. 

Die erste bes teht aus den Frauen, die er von seinem Vorgänger geerbt hat, 

i Ich kann nicht sagen, ob der Beamte sein Tabu auf Polygamie jemals in eine bestimmte 
Erkla ung oder eine» strikten Befehl gefaßt hat oder ob es den Eingeborenen nur mündHch 
mitgeteilt wurde. Doch ich weiß, daß die Häuptlinge und Hauptlcute in letzter Zekk ne 
neuen Frauen genommen haben; als Grund hierfür führen sie ein Tabu der weißen Behö de 
an; tatsachheh haben sie große Angst, dieses Tabu zu verletzen, während sie eil, T ^ 
als sehr kränkend und lästig empfinden. wanrena sie es gldchzeitig 

* Vgl. die ausgezeichnete Schilderung solcher Zustände in anderen Teilen M,U • i. • 
G. Pitt-Rivers, „Clash of Culture", S. 134ff. und passim. Melanesiens bei 

93 



Ehe 

also von einem viel älteren Manne als er selbst. Man muß sie als tributein- 
bringende Witwen betrachten, die nicht verstoßen werden können und in 
würdiger Zurückgezogenheit leben, aber schwerlich geschlechtliche Anziehungs- 
kraft ausüben. Manche von ihnen spielen sogar eine wichtige Rolle und erfreuen 
sich hohen Ansehens. Die älteste Frau To'uluwas, Bokuyoba (die vierte von 
rechts auf Abb. 30), von seinem älteren Bruder ererbt, hat trotz ihrer Kinder- 
losigkeit bei vielen Gelegenheiten den Vortritt und gilt als das Haupt der 
giyovila (Häuptlingsfrauen), wenn sie bei rituellen oder festlichen Anlässen 
oder bei Privatempfängen in corpore auftreten. Nach ihr kommen Bomiyototo, 
Bomidabobu und andere, darunter auch Namtauwa, die Mutter zweier stäm- 
miger Burschen, Söhne des vorigen Häuptlings, die gleich nach To'uluwas 
eigenen Söhnen rangieren. Wahrscheinlich hat der Häuptling mit diesen ehr- 
würdigen Relikten des vorigen Regimes nie wirklichen Geschlechtsverkehr 
gehabt. 

Die zweite Klasse bilden diejenigen Frauen, die der Häuptliug in seiner 
Jugend geheiratet hat. Gewöhnlich ist eine Lieblingsfrau darunter: als sie 
jung war, füllte Kadamwasila diesen Platz aus, und in ihrem Alter war 
sie hochgeachtet und sehr einflußreich. Diesen Einfluß übte sie sowohl 
direkt als auch durch ilire Söhne aus, deren einer der verbannte Namwana 
Guya'u ist. 

Die dritte Klasse besteht aus jüngeren Frauen, die statt der älteren, ver- 
storbenen geheiratet wurden. Manche von ihnen sind wirklich hübsch, denn 
immer werden die anziehendsten Frauen für den Häuptling ausgesucht. Dies 
geschieht auf höchst simple Weise: der Häuptling sagt einfach, welches 
Mädchen ihm am besten gefällt, und ungeachtet ihrer früheren Neigung wird 
sie ihm zur Frau gegeben. Zwischen diesen jüngeren Frauen und ihrem Gatten 
findet zweifellos Geschlechtsverkehr statt, doch in der Regel kommt es nicht 
zu der gleichen Vertrautheit und Kameradschaft wie mit den Gattinnen seiner 
Jugend. 

To'uluwas letzte Errungenschaft, Ilaka'ise (die zweite von rechts auf 
Abb. 30, ferner auf Abb. 31), ist eines der schönsten Mädchen auf den Tro- 
briand-Inseln. Doch sieht man den Häuptling selten in ihrer Gesellschaft. 
Isupwana (Abb. 18), die älteste der dritten Gruppe, steht eigentlich auf der 
Grenze zwischen der zweiten und dritten Kategorie. Sie ist gegenwärtig die 
Lieblingsfrau des Häuptlings ; häufig sieht man sie im Garten, auf Besuchen 
oder vor seiner Wohnhütte in seiner Gesellschaft. Doch solange Kadamwasila 
am Leben war, zog er es vor, die Mahlzeiten in ihrem Hause einzunehmen, das 
er auch — abgesehen von seiner persönlichen Wohnhütte — zu seinem Heim 
erkor. 



94 



Das häusliche Leben unter polygamischen Verhältnissen 

Die äußeren Beziehungen der Häuptlingsfrauen untereinander sind be- 
merkenswert gut. Auch hat mir der Dorfklatsch keinerlei Kunde von heftiger 
Rivalität oder Haß zwischen ihnen zugetragen. Bokuyoba, die älteste, nimmt 
wie gesagt, eine bevorzugte Stellung unter ihnen ein; zweifellos ist sie sehr 
behebt und alle haben sie gern. Es wird von ihr auch erwartet, daß sie ein 
Auge auf die Moral der anderen hat — eine wenig dankenswerte Aufgabe die 
stets der ältesten Häuptlingsfrau zufällt. Der Leser wird sich erinnern, daß 
Pitaviyaka, die erste Frau von Kouta'uya, einem der Häuptlinge von Sina- 
keta, tatsächlich einen Fall von Ehebruch unter ihren Kolleginnen aus- 
spionierte, und daß diese Entdeckung so tragisch mit dem Selbstmord der 
Schuldigen endete In Omarakana ist jedoch die erste Häuptlingsfrau keine so 
boshafte bittenrichterin. 

Skandalgeschichten berichten von manchem Bruch ehelicher Treue unter 
Touluwas Frauen, besonders natürlich unter den jüngsten. Am meisten regt 
sich der Dorfklatsch darüber auf, daß mehrere der angesehensten Söhne des 
Häuptlings selbst zu den Ehebrechern gehören. Natürlich hat diese Beziehung 
iur die Emgeborenen nicht denselben blutschänderischen Beigeschmack 
den sie für uns haben würde, da ja kein körperliches Band zwischen Vater 
und Sohn anerkannt wird. Die Sache ist jedoch auch für die Eingeborenen 
anstößig und durch ihre Pikanterie besonders interessant. Ilaka'ise, die 
jüngste Häuptlingsfrau, ein junges Ding von höchstens fünfundzwanzig, 
mit ihrer hochgewachsenen Gestalt, den weichen, wohlentwickelten Linien 
ihres Körpers und dem ebenmäßigen Gesicht, ein Musterbild melanesischer 
Schönheit, hat ein Dauerverhältnis mit Yobukwa'u. Er ist der dritte Sohn 
von To'uluwa und Kadamwasila und einer der schönsten, liebenswürdigsten 
und angenehmsten Männer meiner Bekanntschaft. Wie sich der Leser viel- 
leicht erinnert, hat er kürzlich ein Mädchen geheiratet, die ihm in keiner 
Beziehung das Wasser reicht (s. Kap. IV, 1). Seine Freunde lächelten, als 
die Vermutung laut wurde, seine Heirat könne einen Bruch mit Haka'ise 
bedeuten. 

Isupwana, von seinen jüngeren Gattinnen dem Häuptling die liebste, eine 
stattliche, noch recht hübsche Frau mittleren Alters, ist unter anderen in 
Yabugibogi verhebt, einen jungen Sohn To'uluwas. Dieser Jüngling von ee - 
fälhgem Äußeren und _ wenn man dem Klatsch glauben soll - besonderer 
Anziehungskraft für einen blasierten weiblichen Geschmack ist vielleicht der 
übelste Wüstimg des ganzen Dorfes. 

Namwana Guya'u, der älteste Sohn Kadamwasilas und der Liebling seines 
Vaters, ist deswegen nicht enthaltsamer als seine Brüder. Er hat Bomawise 
zu seiner Geliebten erkoren, die reizloseste unter den wenigen jüngeren Frauen 



95 



Ehe 

seines Vaters. Sowohl vor als nach seiner Heirat unterhielt er ein treues, wenn 
auch blutschänderisches Liebesverhältnis mit ihr, das erst durch seine Ver- 
bannung ein Ende fand. 

Den allergrößten Skandal rief jedoch Gilayviyaka hervor, der zweite Sohn 
Kadamwasilas, ein prächtiger, intelligenter junger Mann, der bald nach meinem 
ersten Aufenthalt auf den Trobriand-Inseln gestorben ist. Zu seinem Unglück 
heiratete er ein sehr anziehendes Mädchen, Bulubwaloga, die ihn offenbar 
leidenschaftlich hebte, aber auch sehr eifersüchtig war. Vor seiner Ehe- 
schließung hatte er ein Verhältnis mit Nabwoyuma, einer der Frauen seines 
Vaters, und auch nach seiner Heirat setzte er diese Beziehung fort. Seine Frau 
schöpfte Verdacht und spionierte ihm nach. Eines Nachts wurde das schuldige 
Paar in Nabwoyumas Hütte von der Gattin des Ehebrechers in flagranti er- 
tappt. Das Alarmzeichen erscholl, und ein fürchterlicher öffentlicher Skandal 
war die Folge. Auf der Stelle verließ die gekränkte Gattin das Dorf. Es war 
für Omarakana ein großes gesellschaftliches Ereignis, das eine dauernde Ent- 
fremdung zwischen Vater und Sohn zur Folge hatte. Denn obwohl der Häupt- 
ling wahrscheinlich ganz gut weiß, was vorgeht, drückt er gewöhnlich ein Auge 
zu; doch sobald ein Skandal öffentlich wird, verlangt die Sitte die Bestrafung 
der Missetäter. In alten Zeiten würden sie mit dem Speer getötet oder durch 
Gift oder schwarze Magie vernichtet worden sein. Nun die Macht der Häupt- 
linge gelähmt ist, kann nichts derartig Drastisches geschehen; doch Gilay- 
viyaka mußte das Dorf auf einige Zeit verlassen, und auch nach seiner Rück- 
kehr lag ein Schatten über ihm. Seine Frau ist nicht zu ihm zurückgekehrt. 
Auf dem Charakter der Häuptlingsfrau blieb ein Flecken zurück, und bei 
ihrem Manne war sie in Ungnade gefallen. 

Noch viele andere Skandalgeschichten wurden mir zugetragen, doch fehlt 
es hier an Baum zum Wiedererzählen; es genüge die Feststellung, daß Kadam- 
wasilas älteste Söhne 6ich ganz typisch verhalten. Die übrigen männlichen 
Nachkommen des HäuptUngs haben keine Dauerverhältnisse mit einer be- 
stimmten Häuptlingsfrau, doch deswegen stehen sie nicht in größerem An- 
sehen, denn es ist wohlbekannt, daß sie jede Gelegenheit zu einer vorüber- 
gehenden Liebesaffäre mit einer beliebigen Frau ihres Vaters weidlich aus- 
nützen. Heutzutage, da Gesetz und angebliche Moral der weißen Oberherr- 
schaft so viel dazu beigetragen haben, die echte Moral und das Rechtlichkeits- 
gefühl der Eingeborenen zu untergraben, werden all diese interfamilialen Ehe- 
brüche viel offener und schamloser begangen. Doch wie mir die Betagteren 
unter meinen Gewährsleuten erzählten, brauchten auch in alten Zeiten die 
jungen Frauen eines alten Häuptlings nicht das schlimme Los der Entsagung 
zu tragen, sondern suchten anderswo Trost, diskret zwar, doch nicht erfolglos. 

96 






Das häusliche Leben unter polygamischen Verhältnissen 

Auf den Trobriand-Inseln war Polygamie niemals eine grausame, unmensch- 
liche Einrichtung. 

In diesem Kapitel haben wir die häusliche Seite der Ehe besprochen und 
die wirtschaftlichen und gesetzlichen Verpflichtungen, die der Familie der 
Frau aus einer Heirat erwachsen. Schließlich haben wir erfahren, in welcher 
Weise die Polygamie des Häuptlings das öffentliche und politische Leben ge- 
staltet. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie sich auf den Trobriand- 
Inseln die Lösung der Ehe durch Scheidung oder Tod vollzieht. 



7 M. G. 97 



SECHSTES KAPITEL 

SCHEIDUNG DER EHE 
UND LÖSUNG DURCH DEN TOD 

Das eigentliche Wesen des Ehebandes offenbart sich, wenn es durch 
Scheidung gelöst oder durch den Tod zerstört wird. Im ersten Fall zeigt 
sich, wieviel Spannung es verträgt, wo es am leichtesten reißt und wo es 
den stärksten Widerstand leistet. Im zweiten Falle lassen sich Macht der 
sozialen Bindung und Tiefe des persönlichen Leides an ihrer Ausprägung in 
Begräbnisfeiern und Trauerzeremoniell ermessen. 

1. Scheidung 

Scheidung, von den Eingeborenen vaypalta genannt (vay = Ehe, paka 
von payki = verweigern), kommt nicht selten vor. Sind Mann und Frau 
allzu verschiedener Meinung oder rufen bitterer Zank und wilde Eifersucht 
allzu starke Reibungen hervor, so kann das Eheband gelöst werden, falls 
der gespannte Zustand keinen dramatischeren Ausgang herbeiführt (siehe 
Abschnitt 2 des vorhergehenden Kapitels). Wir haben gesehen, warum dieser 
Ausweg aus den Schwierigkeiten eher von der Frau als vom Manne beschritten 
wird. Ein Ehemann trennt sich nur selten von seiner Gattin, obwohl er im 
Prinzip dazu berechtigt ist. Hat sie die Ehe gebrochen, so steht ihm das 
Recht zu, sie zu töten; doch ist die übliche Strafe eine Tracht Prügel, oder 
vielleicht auch bloß Vorhaltungen oder ein Anfall schlechter Laune. Hat er 
sonst irgend etwas Ernstliches gegen sie einzuwenden, etwa Übellaunigkeit 
oder Faulheit, so findet der durch die Ehe wenig gebundene Mann ohne 
Schwierigkeiten Trost außerhalb des Hauses, während er noch immer aus 
den Ehegaben seiner Frau Nutzen zieht. 

Es gibt jedoch auch manche Beispiele, daß eine Frau ihren Mann verläßt 
weil er sie schlecht behandelte oder ihr untreu war, oder auch ganz einfach, 
weil sie sich in einen anderen verhebt hat. Um einen schon erwähnten Fall 
anzuführen: als Bulubwaloga ihren Mann, Gilayviyaka, in flagranti mit der 

98 



Scheidung 

Frau seines Vaters ertappte, verließ sie ihn und kehrte zu ihrer Familie 
zurück (s. Kap. V, 5). Eine andere Frau war mit Gomaya verheiratet, dem 
nichtsnutzigen Nachfolger eines der unbedeutenden Häuptlinge von Sina- 
keta; sie lief ihm davon, als sie dahinterkam, daß er ihr untreu war und 
überdies „sehr faul", wie er seiher sagte. Bolobesa, die Frau des vorigen 
Häuptlings von Omarakana, ging von ihm, weil sie unzufrieden oder eifer- 
süchtig war, oder auch bloß aus dem einfachen Grunde, weil sie ihn satt 
hatte (Kap. V, 2). Dabugera, die Urgroßnichte des jetzigen Häuptlings, 
verließ ihren ersten Mann, weil sie seine Untreue entdeckte und weii 
er ihr überdies xncht mehr gefiel. Ihre Mutter, Ibo'una, die Großnichte 
des Häuptlings, nahm als zweiten Gatten einen gewissen Huwaka'i, einen 
Mann aus Kavatana der zu jener Zeit Dolmetscher beim Residenten 
war. Als er seine Stellung verlor, verließ sie ihn - nicht nur, wie anzu- 
nehmen ist weil er ohne Uniform weniger gut aussah, sondern auch, weil 
Macht große Anziehungskraft auf das schöne Geschlecht ausübt - auf 
den Trobnand-Inseln so gut wie anderswo. Diese beiden Damen von Rang 
zeigen sich sehr anspruchsvoll in bezug auf Ehemänner; tatsächlich ist die 
Unbeständigkeit hochgeborener Damen auf den Trobriand-Inseln sprich- 
wörtlich geworden: „Sie liebt den Phallus wie eine Frau von Guya'u- 
(Häuptlings-) Rang." 

Doch auch unter weniger hochgestellten Leuten kommt es häufig vor, daß 
eine Frau ihren Mann verläßt, einfach weil sie ihn nicht mehr mag. Während 
meines ersten Aufenthaltes auf den Trobriand-Inseln lebte Sayabiya, ein 
schönes, von Gesundheit, Lebensfreude und Temperament übersprudelndes 
Geschöpf, in glücklicher Ehe mit Tomeda, einem hübschen, gutmütigen und 
anständigen, aber ziemlich dummen Menschen. Als ich wieder hinkam, war 
sie in ihr Heimatdorf zurückgekehrt und lebte als Unverheiratete, einfach 
weü sie ihren Mann satt hatte. Ein sehr schönes Mädchen aus Oburaku 
Bo'usari, hatte hintereinander zwei Ehemänner verlassen und war, nach 
ihren Liebesgeschichten zu urteilen, auf der Suche nach einem dritten. Weder 
von ihr selbst, noch durch den Dorfklatsch konnte ich irgendeinen stich- 
haltigen Grund für ihr zweimaliges Davonlaufen erfahren - es lag auf der 
Hand, daß sie einfach wieder frei sein wollte 

Manchmal führen auch äußere Gründe zur Scheidung, vor allem Streitig- 
keiten zwischen dem Ehemann und der Familie der Frau. So hatte der Streit 
zachen Namwana Guya'u und Mitakata zur Folge, daß Orayayse ihren 

h^Tßd t^ vT m ^^ WeÜ ^ "" FamÜie 6eiDes lindes ge- 
«fr" 1 ^^^^ ** Dorfgemeinschaften werden Ehen 
oft aus demselben Grunde geschieden. 

99 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

Ein interessanter Fall ehelichen Ungemachs, das schließlich zur Scheidung 
führte, ist die Geschichte Bagido'us, des Erhen To'uluwas (Abb. 64). Seine 
erste Frau und ihr Sohn waren gestorben, und er hatte Dakiya geheiratet, 
eine ungewöhnlich anziehende Frau, die noch Spuren einstiger Schönheit 
seihst in ziemlich reifem Alter verriet, da ich sie kennenlernte. Dakiyas 
jüngere Schwester, Kamwalila, war mit Manimuwa verheiratet, einem be- 
rühmten Zauberer in Wakayse. Kamwalila wurde krank, und ihre Schwester 
zog zu ihr, um sie zu pflegen. Da entspannen sich üble Dinge zwischen 
Dakiya und dem Manne ihrer Schwester. Er machte Liebesmagie über ihr. 
Ihr Geist geriet unter seinen Einfluß, und sie begingen Ehebruch. Als Dakiya 
nach dem Tode ihrer Schwester zu ihrem Gatten Bagido'u zurückkehrte, 
war es nicht mehr wie früher. Er fand seine Speise zäh, sein Wasser brackig, 
die Kokosnußgetränke bitter und die Betemuß ohne Geschmack. Auch ent- 
deckte er kleine Steine und Holzstückchen in seinem Kalktopf, Zweige lagen 
auf seinem Wege, Fremdstoffe in seinem Essen. Er kränkelte, es ging ihm 
schlecht und schlechter, denn all diese Gegenstände dienten natürlich als 
Beförderungsmittel für böse Zauberkräfte, die sein Feind, der Hexenmeister 
Manimuwa, mit Hijfe der treulosen Gattin gegen ihn mobil machte. Unter- 
dessen traf sich seine Frau mit ihrem Liebhaber. 

Bagido'u schalt sie und drohte ihr, bis sie eines Tages zu Manimuwa davon- 
lief und einfach mit ihm lebte, ein durchaus regelwidriges Vorgehen. Doch 
da die Häuptlinge jetzt nur noch über geringe Macht verfügen, konnte 
Bagido'u keine besondere Gewalt anwenden, um sie zurückzuholen : so nahm 
er eine andere Frau — eine breitgesichtige, träge, etwas zanksüchtige Person 
namens Dagiribu'a. Dakiya blieb bei ihrem Hexenliebhaber und heiratete 
ihn. Der unglückliche Bagido'u leidet offensichtlich an Lungenschwindsucht, 
einer Krankheit, der fast seine ganze Familie mehr oder weniger verfallen 
ist; doch er führt all seine Leiden auf die Hexerei seines glücklichen Neben- 
buhlers zurück, die er noch immer gegen sich gerichtet glaubt. Das ist 
äußerst bitter, denn zu der Schande, daß man ihm die Frau abspenstig ge- 
macht hat, kommt nun noch der Schaden durch die schwarze Magie. Als ich 
im Jahre 1918 nach Omarakana zurückkehrte, ging es meinem Freunde 
Bagido'u viel schlechter. Jetzt (1928) ist er gewiß nicht mehr am Leben; 
mit seiner außergewöhnlichen Intelligenz, seinem guten Auftreten und seinem 
erstaunlichen Gedächtnis war er der letzte würdige Hüter der Familien- 
tradition der Tahalu. 

Die Scheidungsförmlichkeiten sind ebenso einfach wie die Eheschließung. 
Die Frau verläßt das Haus ihres Mannes mit allem, was ihr gehört, und zieht 
in die Hütte ihrer Mutter oder ihrer nächsten weiblichen Verwandten. Dort 

100 



Scheidung 

bleibt sie und wartet ab, was weiter geschieht; unterdessen genießt sie volle 
geschlechtliche Freiheit. In den meisten Fällen wird der Mann versuchen sie 
zurückzuholen. Er schickt gewisse Freunde mit „Friedensgaben" (koluluvi 
oder lula) für seine Gattin und die Leute, bei denen sie wohnt. Manchmal 
werden die Geschenke zunächst zurückgewiesen; dann werden die Ge- 
sandten wieder und wieder geschickt. Nimmt die Frau die Gaben an, so 
muß sie zu ihrem Gatten zurückkehren, die Scheidung hat ein Ende, und 
die Ehe ist wieder hergestellt. Ist es ihr aber ernst, ist sie entschlossen, nicht 
zu ihm zurückzukommen, so werden die Geschenke überhaupt nicht an- 
genommen; dann muß sich der Mann einrichten, so gut er eben kann — das 
heißt, er muß sich nach einem anderen Mädchen umsehen. Die Auflösung 
der Ehe zieht keine Rückgabe der ursprünglich ausgetauschten Ehegaben 
nach sich, abgesehen von dem weiter unten erörterten Fall, daß die Ge- 
schiedene sich wieder verheiratet. 

Ist die Frau noch jung genug, so nimmt sie ihr voreheliches Leben wieder 
auf und führt das freie, ungebundene Dasein einer nakubukwabuya (un- 
verheiratetes Mädchen); sie beginnt ein Verhältnis nach dem anderen und 
schläft in Junggesellenhäusern. Eines dieser Verhältnisse festigt sich viel- 
leicht und führt schließlich zu einer neuen Ehe. Dann muß der neue Ehe- 
mann seinem Vorgänger irgendeinen Wertgegenstand {vaygu'a) übergeben 
als Entschädigung für das Wertobjekt, das die Familie der Frau bei Beginn 
der ersten Ehe erhalten hat. Auch den Angehörigen seiner Frau muß der 
neue Ehemann ein zweites vaygu'a schenken; daraufhin erhält er von ihnen 
die erste jährliche Erntegabe — vilakuria — und die späteren alljährlichen 
Abgaben in Yams. Ich hatte den Eindruck, daß einer Geschiedenen bei der 
Wahl des neuen Gatten viel weniger von ihrer Familie dreingeredet wird 
als einem gewöhnlichen unverheirateten Mädchen. Die ersten Gaben an 
Nahrungsmitteln (pepeH usw.) werden im Fall einer Wiederverheiratung 
nicht ausgetauscht. Offenbar ist Scheidung weder für die Frau noch für 
den Mann ein gesellschaftlicher Makel, obwohl natürlich aus Gründen der 
Eigenliebe niemand gern zugibt, daß er (oder sie) vom Partner verlassen 
worden ist. 

Selbstverständlich bleiben bei einer Scheidung die Kinder stets bei der 
Mutter; dies ist offenbar ein weiterer Grund, weswegen die Scheidung bei 
Männern weniger beliebt ist als bei Frauen. In der Zwischenzeit, während 
die Mutter als Unverheiratete lebt, halten sich die Kinder im Hause ihrer 
nächsten Verwandten mütterlicherseits auf. 



7* 



101 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

2. Tod und die Hinterbliebenen 
Stirbt ein M ann , so wird seine Gattin durch dieses Ereignis keineswegs 
frei. Ohne paradox zu sein, kann man behaupten, daß die strengsten und 
schwersten Ehefesseln einer Frau erst dann auferlegt werden, wenn das 
eigentliche Band durch den Tod gelöst ist. Die Sitte zwingt ihr die lästige 
Rolle der Hauptleidtragenden auf; vom Augenblick des Hinscheidens ihres 
Gatten an muß sie monate-, ja manchmal jahrelang ihren Kummer auf 
höchst dramatische und beschwerliche Art zur Schau tragen. Sie spielt ihre 
Rolle vor den wachsamen Augen der Öffentlichkeit, die streng darauf sieht, 
daß die überlieferten Forderungen der Sitte genau erfüllt werden; am arg- 
wöhnischsten wacht darüber die Sippe des Verstorbenen, die es als besonders 
schwere Beleidigung der Familienehre betrachtet, wenn die Witwe auch nur 
einen Augenblick in ihrer Pflicht erlahmt. Dasselbe gilt in geringerem Grad 
für den Witwer, doch ist die Trauer in seinem Fall nicht so umständlich 
und beschwerlich und die Überwachung weniger streng. 

Die rituellen Vorschriften für die ersten Stadien der Witwenschaft ent- 
hüllen auf unmittelbare und sehr eindringliche Art einen äußerst inter- 
essanten Komplex von teilweise sehr groben und sonderbaren Ansichten 
über Verwandtschaft, Wesen der Ehe und die rein sozialen Bande zwischen 
Vater und Kindern. Das Totenritual ist in der Tat für den forschenden 
Soziologen vielleicht die schwierigste und verwirrendste Seite der trobrian- 
dischen Kultur. Im Überwuchern der Zeremonien, in dem unentwirrbaren 
Durcheinander von Verpflichtungen und Gegenverpflichtungen, die zu einer 
endlosen Reihe ritueller Handlungen anwachsen, enthüllt sich eine ganze 
Welt sozialer, ethischer und nrythologischer Vorstellungen, die mir zum 
größten Teile vollkommen unerwartet kamen und sich mit den herkömmlichen 
Ansichten über die menschliche Haltung gegenüber Tod und Trauer nur 
schwer zu vereinen schienen. 

Während dieser Feierlichkeiten werden die unseligen Überreste des Toten 
nicht einen Augenblick in Ruhe gelassen. Zweimal wird die Leiche exhumiert, 
sie wird zerstückelt, gewisse Knochen werden aus dem Leichnam heraus- 
geschält, behandelt, erst dem einen übergeben, dann einem anderen, bis sie 
schließlich endgültig zur Ruhe kommen. Am erstaunlichsten am ganzen Vor- 
gang ist die Tatsache, daß der eigentliche Protagonist gar nicht vorhanden 
ist — sozusagen Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark. Denn die Seele 
des Toten weiß nichts von alledem, was mit seinem Körper und seinen Knochen 
geschieht; es kann ihr auch ganz gleichgültig sein, denn sie führt bereits ein 
glückliches Dasein in Tuma, der Geisterwelt — sie hat den Zauber des Ver- 
gessens eingeatmet und bereits neue Bande angeknüpft (s. Kap. XII, 5). 

102 



Tod und die Hinterbliebenen 

Die rituellen Handlungen am zweimal geöffneten Grabe und über den be- 
grabenen sterblichen Resten des Toten und alles, was mit seinen Reliquien 
vorgenommen wird, ist nichts weiter als ein gesellschaftliches Spiel, bei dem 
die verschiedenen Gruppen, in die sein Tod die Dorfgemeinschaft gespalten 
hat, gegeneinander spielen. Ich möchte jedoch betonen, daß diese Auffassung 
nur die gegenwärtigen Anschauungen der Eingeborenen wiedergibt und 
keinerlei Vermutungen über Ursprung und Entwicklung der Trauersitten ent- 
hält. Ob zu allen Zeiten der Tote dem trobriandischen Totenritual seinen 
geistigen Rücken zugewandt oder ob sein Geist sich erst allmählich diesen 
Feiern entzogen hat — das zu entscheiden steht dem ethnologischen Feld- 
Arbeiter nicht zu. In diesem Zusammenhang beschränken wir uns darauf, 
die Totenfeierlichkeiten im groben Umriß zu untersuchen; eine ausführliche 
Schilderung würde leicht einen Band vom Umfang des vorliegenden füllen. 
Wir werden also solche Züge auswählen, die auf Ehesitten und Vorstellungen 
von Verwandtschaft ein erklärendes Licht werfen; selbst das wird in schema- 
tischer, vereinfachter Form zu geschehen haben 1 . 

Nehmen wir als Beispiel den Tod eines angesehenen Mannes im besten 
Lebensalter, der eine Witwe, mehrere Kinder und einige Brüder hinterläßt. 
Mit dem Augenblick seines Todes n imm t die Unterscheidung zwischen seinen 
wirklichen, das heißt mutterseitigen Verwandten (veyola) einerseits und 
seinen Kindern, angeheirateten Verwandten und Freunden andererseits eine 
schroffe und auch nach außen wahrnehmbare Form an. Die eigentlichen 
Verwandten des Toten unterhegen einem Tabu; sie müssen sich vom Leichnam 
fernhalten und dürfen ihn weder waschen, noch schmücken, noch liebkosen 
oder begraben; denn wollten sie ihn berühren oder sich ihm auch nur nähern, 
so würden sie von verderblichen, krankheit- und todbringenden Einflüssen 
betroffen. Diese unheilvollen Einflüsse stellt man sich als eine Art stoff- 
licher Ausdünstung vor, die dem Körper des Toten entströmt und die Luft 
vergiftet. Sie heißt bwaulo; dieser Ausdruck bezeichnet auch die Rauch- 
wolke, die eine Siedlung besonders an dunstigen, stillen Tagen umgibt. Das 
todbringende bwaulo ist für gewöhnliche Augen unsichtbar, erscheint aber 
Hexen und Zauberern als eine schwarze, das Dorf umhüllende Wolke. Fremden 
kann es nichts anhaben, doch Verwandten des Toten wird es gefährlich 
(Kap. XIII, 1). 

Die Sippe darf auch in Kleidung oder Schmuck keine Trauer verraten, 
obwohl sie ihren Kummer nicht zu verbergen braucht, sondern durch Weinen 
ausdrücken kann. Dieser Vorschrift liegt der Gedanke zugrunde, daß die 

1 Vgl. den kurzen Bericht über diese Zeremonien bei den nördlichen Massim in Prof. 
C. G. Seligmans „The Melanesians of British New Guinea". 

103 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

mutterseitigen Verwandten (veyola) in eigener Person getroffen sind, daß 
jeder einzelne leidet, "weil ihr ganzer Unter-Clan durch den Verlust eines 
Mitglieds verstümmelt worden ist. „Als wenn ein Glied abgeschnitten oder 
ein Ast von einem Baum geschlagen wäre." Obwohl sie also ihren Kummer 
nicht zu verstecken brauchen, dürfen sie doch nicht damit paradieren. Dies 
Vermeiden jeder äußerlichen Trauer erstreckt sich auf die wirklichen Ver- 
wandten, und darüber hinaus auf alle Mitglieder des Unter-Clans, ja auf alle 
Clan- Angehörigen des Verstorbenen. Andererseits trifft das Tabu gegen Be- 
rührung des Körpers in erster Linie die Mitglieder des Unter-Clans und ganz 
besonders die eigentlichen Verwandten, für die natürlich die Versuchung am 
größten ist, den Leichnam Liebkosend zu berühren. 

Völlig anders geartet ist nach Auffassung der Eingeborenen die Beziehung 
der Witwe, der Kinder und angeheirateten Verwandten zu dem Toten und 
seinem Leichnam. Die geltende Moral verlangt, daß sie leiden und sich durch 
den Tod beraubt fühlen. Doch dabei leiden sie nicht direkt ; sie trauern nicht 
um einen Verlust, der ihren eigenen Unter-Clan (dala) und somit ihre eigene 
Person betrifft. Ihr Leid ist nicht spontan wie das Leid der veyola (Ver- 
wandte mütterlicherseits), sondern eine beinah künstliche Pflicht, die sich 
aus erworbenen Verpflichtungen herleitet. Deshalb müssen sie ihren Kummer 
sichtbarlich ausdrücken, zur Schau tragen und durch äußere Zeichen be- 
zeugen. Täten sie das nicht, so würden sie die überlebenden Mitglieder vom 
Unter-Clan des Verstorbenen schwer verletzen. So entwickelt sich eine inter- 
essante Situation, die zu einem höchst seltsamen Schauspiel Anlaß gibt: 
wenige Stunden nach dem Tode eines angesehenen Mannes wimmelt das 
ganze Dorf von Leuten mit geschorenen Köpfen und dick mit Ruß be- 
schmierten Körpern, die wie verzweifelte Teufel heulen. Diese Leute sind 
nicht mit dem Toten verwandt und haben eigentlich keinen Verlust erlitten» 
Im Gegensatz dazu zeigt sich eine andere Gruppe in der gewöhnlichen Tracht, 
äußerlich ruhig und gefaßt und benimmt sich, als ob nichts geschehen wäre. 
Diese gehören zum Unter-Clan und Clan des Verstorbenen, ßie sind die 
eigentlich Leidtragenden. So erzielen Tradition und Sitte durch abwegige 
Schlußfolgerungen das gerade Gegenteil von dem, was wir — ■ und wohl fast 
jeder Beobachter aus einem anderen Kulturkreis — als natürlich und nahe- 
liegend erwarten würden. 

Unter denen, die ihren Kummer zur Schau tragen, lassen sich leicht 
mehrere Gruppen und Abstufungen erkennen. Da ist zunächst die große 
Masse der Trauernden, die alle Angehörigen der drei übrigen Clans umfaßt; 
denn wenn ein angesehener Mann stirbt, legt jedermann im Dorfe Trauer 
an, ausgenommen die Mitglieder seines Clans. Eine kleine Gruppe — die 

104 






Begräbniszeremonien und Trauervorschriften 

Söhne und Schwäger des Verstorbenen — ist mit dem Leichnam und dem 
Grabe beschäftigt. Dicht neben der Leiche sitzen einige Frauen, vollkommen 
versunken in die Schaustellung ihres Kummers; unter ihnen ist die Witwe, 
gestützt von ihren Töchtern und Schwestern, besonders auffällig. In dieser 
Gruppe und vielleicht auch bei den Söhnen könnte ein geschulter Beobachter 
ein interessantes Hin und Her zwischen vorgespiegeltem, bloß gespieltem 
Leid und wirklichem, aufrichtigem Kummer wahrnehmen. 

3. Begräbniszeremonien und Trauervorschriften 
Mit Hilfe dieses soziologischen Schemas können wir nun die Vorgänge und 
Zeremonien verfolgen, welche mit einem Todesfall automatisch einsetzen. 
Beim Nahen des Todes versammeln sich Frau, Kinder, Sippe und an- 
geheiratete Verwandte um das Bett, bis die kleine Hütte übervoll ist. Ein 
Ausbruch rasenden Wehgeschreis bezeichnet den Eintritt des Todes. Die 
Witwe, meist zu Häupten des Sterbenden stehend, stößt den ersten gellenden 
Schrei aus, der sofort von anderen Frauen aufgenommen wird bis das Dorf 
von den seltsamen Harmonien des melodischen Klageliedes erfüllt ist. Von 
diesem. Augenblick an vollziehen sich all die vielfältigen Tätigkeiten der 
folgenden Tage, ja Wochen, zur Chorbegleitung der langgezogenen Weh- 
klage, die nie auch nur für eine Sekunde abbricht. Manchmal schwillt sie an 
zu heftigen, schrillen Mißtönen, dann wieder verebbt sie zu weichen, melo- 
dischen Akkorden, einem guten musikalischen Ausdruck des Kummers. Mir 
ist dieser mächtige, auf und ab schwellende Strom von Tönen, der über 
das Dorf hinflutet und all diese menschlichen Wesen wie in einem schwachen, 
sinnlosen Protest gegen den Tod vereint, zum Symbol all dessen geworden, 
was tief menschlich und echt ist an dem sonst so steifen, konventionellen 
und unverständlichen Trauerritual. 

Zunächst wird der Leichnam gewaschen, gesalbt und mit Schmuck be- 
deckt (s. Abb. 32 und 33), dann werden die Öffnungen des Körpers mit 
Kokosnußfasern verstopft, die Beine zusammengebunden und die Arme an 
die Seiten festgemacht. Eine Reihe von Frauen, die am Boden der Hütte 
sitzen, nehmen nun den Leichnam auf ihre Knie ; am einen Ende der Reihe 
sitzt die Witwe oder der Witwer und hält den Kopf 1 . Sie liebkosen den 
toten Körper, streicheln die Haut mit zärtlichen Händen, pressen wertvolle 
Gegenstände gegen Brust und Leib, ergreifen Glieder und Kopf und be- 

1 Vgl. Tafel 65 in „Argonauts of the Western Pacific"; dort ist dieser Vorgang draußen 
vor der Hütte rekonstruiert, um eine photographische Aufnahme zu ermöglichen; dieWitwe 
ist durch den Sohn ersetzt. 

105 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

wegen sie leise hin und her. Man läßt also die Leiche sich regen und hiegen 
mit langsamen, grausigen Bewegungen zum Rhythmus der unaufhörlichen 
Wehklage. Die Trauernden drängen sich in die Hütte, und alle singen sie 
den melodischen Klagegesang. Tränen fließen aus ihren Augen und Schleim 
aus ihren Nasen, und alle diese Flüssigkeiten des Leibes werden sorgfältig 
zur Schau gestellt und über den ganzen Körper geschmiert oder sonstwie 
auffällig angebracht. Draußen vor der Hütte führen bestimmte Frauen, 
meist angeheiratete Verwandte des Toten, einen langsamen rhythmischen 
Tanz (vaysali) auf, wobei sie Reliquien in den Händen halten (s. Abb. 11). 

Unterdessen graben die Söhne das Grab, das sich früher stets auf dem 
Dorfplatz befand, jetzt aber auf Befehl des weißen Mannes am Saume des 
Dorfes liegen muß. Wenige Stunden nach dem Tode wird die Leiche in 
Matten gehüllt, hineingelegt und mit Holzklötzen bedeckt, die einen flachen 
Raum darüber frei lassen. Auf diese Schicht von Holzklötzen legt sich die 
Witwe, um die Totenwache zu halten, manchmal gemeinsam mit ihrer 
Tochter; um das Grab sind ihre Schwestern, weiblichen Verwandten und 
Freundinnen und die anderen angeheirateten Verwandten des Toten ver- 
sammelt. Bei einbrechender Nacht füllt sich der Dorfplatz mit Menschen; 
denn auch heutzutage umgeht man die Anordnung des weißen Mannes, daß 
auf dem baku nicht begraben werden dürfe : entweder hebt man ein Interims- 
grab auf dem Dorfplatz aus, oder man legt den Leichnam einfach auf den 
Boden. Hier versammeln sich nun die Leidtragenden, die Verwandten, alle 
Dorfbewohner und viele Gäste von weither, um eine höchst seltsame Toten- 
wacht (yawali) abzuhalten. 

Die Hauptleidtragenden und Verwandten verteilen sich in geeigneten 
Gruppen dicht um das Grab- Außerhalb dieses inneren Ringes sitzen die 
Dorfleute und Gäste, jede Dorfgemeinschaft getrennt von den übrigen; ihre 
Stimmung und ihr Verhalten wird immer weniger tragisch, je weiter ent- 
fernt sie von der Leiche zu sitzen kommen; ja, am äußersten Rande der 
Menschenmenge finden wir Leute in angeregter Unterhaltung, mit Essen und 
Betelnußkauen beschäftigt. Die mittelste Gruppe der Trauergesellschaft 
stimmt den tiefen Klagegesang an, die anderen singen Lieder, und wenn die 
Nacht vorschreitet, erheben sich manche und rezitieren über die Köpfe der 
Menge weg Bruchstücke von Zauberformeln zu Ehren des Verstorbenen. 
Doch der Leichnam wird nicht lange in Frieden gelassen — wenn man den 
unheimlichen, geräuschvollen und mißtönenden Lärm des Singens, Weh- 
klagens und Rezitierens als „Frieden" bezeichnen darf. Am nächsten Abend 
wird die Leiche exhumiert und auf Zeichen böser Zauberei hin untersucht 
(s. Abb. 33). Solch eine Untersuchung liefert höchst wertvolle Anhaltspunkte 

106 






Begräbniszeremonien und Trauervorschriften 

dafür, wer etwa den Tod durch Zauberei verursacht hat und aus welchen 
Gründen es geschah. Ich habe dieser Zeremonie verschiedene Male bei- 
gewohnt; die Aufnahme für Abb. 33 stammt von der ersten Exhumierung 
Ineykoyas, der Frau von Toyodala, meinem besten Gewährsmann inOburaku 1 . 

Noch ehe nach der ersten Exhumierung der Tag anbricht, werden einige 
Knochen aus dem Leichnam herausgelöst. Diese anatomische Operation wird 
von den Söhnen des Verstorbenen ausgeführt; einige der Knochen heben sie 
als Reliquien auf, die anderen verteilen sie an bestimmte Verwandte. Dieser 
Brauch ist von der Regierung aufs strengste verboten worden — wieder ein 
Beispiel dafür, daß die geheiligtsten religiösen Sitten dem Vorurteil und der 
moralischen Empfindlichkeit der „zivüisierten Weißen" zum Opfer fallen. 
Die Trobriander hängen jedoch so fest an diesem Brauch, daß er noch immer 
heimlich ausgeführt wird; ich selber habe die Kinnlade eines Mannes, mit 
dem ich noch ein paar Tage vor seinem Tode gesprochen hatte, am Halse 
seiner Witwe hängen sehen (vgl. Abb. 34 und 35). 

Die Herauslösung der Knochen und ihre Verwendung als Reliquien ist ein 
Akt der Pietät, die Heraustrennung aus dem verwesenden Leichnam eine 
schwere, ekelerregende, widerliche Pflicht. Die Sitte fordert von den Söhnen 
des Verstorbenen, daß sie ihren Ekel bezwingen und verbergen und beim 
Reinigen der Knochen einen Teil der verfaulenden Materie absaugen. Voll 
tugendhaften Stolzes erzählen sie: „Ich habe den Radius-Knochen meines 
Vaters abgesaugt; ich mußte wegtreten und mich erbrechen; ich bin wieder- 
gekommen und habe weitergesaugt." Nachdem sie die Knochen am Meeres- 
strand gereinigt haben, kehren die Söhne ins Dorf zurück; feierlich wird 
ihnen nun von den weiblichen Verwandten des Toten „der Mund gewaschen". 
Sie erhalten Essen, ihre Hände werden mit Kokosnußöl gereinigt. Die 
Knochen werden zu Nutz- und Schmuckzwecken verwendet : aus dem Schädel 
wird ein Kalkgefäß zum Gebrauch der Witwe hergestellt, die Kinnlade dient 
als Halsschmuck, der ihr auf die Brust niederhängt; aus Radius, Ulna, Tibia 
und einigen anderen Knochen werden Kalkspachtel geschnitzt, die für das 
Betel- und Areca-Nuß-Kauen Verwendung finden. 

Seltsam gemischte Empfindungen liegen all diesen Bräuchen zugrunde. 
Einerseits sollen Witwe und Kinder den Wunsch haben, einen Teil des ge- 
liebten Toten zu behalten. „Die ReUquie (kayvaluba) bringt uns den Ver- 
storbenen ins Gedächtnis und macht unser Inneres weich." Andererseits wird 
die Benutzung dieser Reliquien als schwere, unangenehme Pflicht betrachtet, 
als eine Art frommer Vergeltung all der Wohltaten, die man von seinem 

1 Weitere Ausführungen über Zeichen böser Zauberei siehe in „Crime and Custom", S. 87 — 91 . 

107 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

Vater empfangen hat. So wurde mir erklärt: „Unser Sinn ist bekümmert 
um des Mannes willen, der uns genährt und mit Leckerbissen gefüttert hat; 
wir saugen 6eine Knochen als Kalkspachteln." Oder aber: „Es ist recht, 
daß ein Kind die Ulna seines Vaters absaugt, denn der Vater hat die Hand 
hingehalten, um seine Exkremente aufzufangen, und hat es auf sein Knie 
urinieren lassen" (vgl. ähnliche Aussprüche in Abschnitt 3 des ersten 
Kapitels). So gilt die Benutzung der Reliquien gleichzeitig als Tröstung der 
trauernden Witwe und ihrer Kinder und als ein Akt kindlicher Pietät, der 
strikt erfüllt werden muß. 

Den Verwandten mütterlicherseits (veyola) untersagt ein strenges Tabu 
jede Verwendung der Knochen des Toten. Würden sie dieses Tabu brechen, 
so wäre Krankheit die Folge; ihre Bäuche würden anschwellen und sie 
könnten sogar sterben. Am gefährlichsten ist die Berührung, wenn der 
Knochen noch feucht ist von den Körpersäften des Toten. Werden nach 
einigen Jahren die Knochen den Blutsverwandten überreicht, so werden 6ie 
sorgfältig in trockene Blätter gehüllt und von den Verwandten nur vorsichtig 
angefaßt. Schließlich werden die Knochen auf Felsenklippen am Meeresufer 
deponiert; so gehen sie mehrere Male von Hand zu Hand, bis 6ie ihre letzte 
Ruhestätte finden. 

Entferntere angeheiratete Verwandte und Freunde erhalten seine Nägel, 
Zähne und Haare; sie verfertigen daraus allerhand Trauerschmuck und 
tragen ihn als ReUquie. Die persönlichen Besitzgegenstände des Toten werden 
in der gleichen Weise verwendet: das ist besonders heutzutage sehr beliebt, 
wo KörperreUquien häufig verborgen werden müssen. 

Nach der zweiten Exhumierung wird die Leiche begraben, die Totenwache 
ist beendet, und die Menge zerstreut sich; doch für die Witwe, die all die 
Zeit über nicht von der Seite ihres Gatten gewichen ist, die weder gegessen 
noch getrunken, noch auch nur eine Minute in ihrer Wehklage innegehalten 
hat, ist die Erlösung noch immer nicht gekommen. Im Gegenteil, sie begibt 
sich in einen kleinen Käfig, der in ihrem Hause erbaut worden ist, und bleibt 
monatelang darinnen unter Beobachtung strengster Tabus. Sie darf nicht 
aus dem Käfig heraus; 6ie darf nur im Flüsterton sprechen; sie darf Speise 
und Trank nie mit den Händen berühren, sondern muß warten, bis sie ge- 
füttert wird; sie bleibt im Dunkeln eingesperrt, ohne Licht und frische Luft; 
ihr Körper wird dick mit Ruß und Fett beschmiert, das lange Zeit nicht ab- 
gewaschen werden darf. All ihre Bedürfnisse muß sie im Käfig verrichten, 
die Exkrete müssen von ihren Verwandten hinausgeschafft werden. So lebt 
sie monatelang in einem niedrigen, stickigen, 6tockdunklen Raum, so klein, 
daß ihre ausgestreckten Hände beinah gleichzeitig die Wände berühren; 

108 



Die Ideologie der Trauer 

oft ist der Käfig voller Menschen, die ihr beistehen oder sie trösten; es 
herrscht eine unbeschreibliche Atmosphäre von menschlicher Ausdünstung, 
angesammeltem Dreck, Rauch und stehengebliebenem Essen. Auch steht die 
Witwe unter mehr oder weniger scharfer Kontrolle und Beobachtung durch 
die mutterseitigen Verwandten ihres Mannes, welche die Trauer mit all 
ihren Entbehrungen als ein ihnen zustehendes Recht betrachten. Naht sich 
das Ende der Witwenschaft, die je nach der gesellschaftlichen Stellung des 
Mannes sechs Monate bis zwei Jahre dauert, so erleichtern die Angehörigen 
des verstorbenen Gatten nach und nach das Los der Trauernden. Nahrung 
wird ihr in den Mund gesteckt nach einem bestimmten Ritual, das ihr die 
Erlaubnis gibt, wieder mit den eigenen Händen zu essen. Dann wird ihr 
feierlich gestattet zu reden; schließlich wird sie vom Tabu der Einsperrung 
erlöst und — immer mit dem gehörigen Zeremoniell — aufgefordert, ihren 
Käfig zu verlassen. Bei der endgültigen feieriichen Freilassung durch die 
weibliche veyola des Verstorbenen wird die Witwe gewaschen und gesalbt 
und mit einem neuen, leuchtend dreifarbigen Bastrock bekleidet. Dadurch 
wird sie wieder heiratsfähig. 

4. Die Ideologie der Trauer 

In dem gesamten strengen Trauerzeremoniell, das Witwe, Waisen und in 
viel geringerem Maße auch die anderen angeheirateten Verwandten wie in 
einem Schraubstock gefangen hält, lassen sich bestimmte Vorstellungen als 
wirksam erkennen, die zur Stammestradition der Trobriander gehören. Be- 
sonders auffällig im ganzen Verlauf von Begräbnis, Exhumierung und Grab- 
pflege ist das Tabu für mutterseitige Verwandte, das ihnen Fernbleiben zur 
Pflicht macht: für sie ist es gefährlich, sich der Leiche zu nähern, und über- 
flüssig, Kummer zur Schau zu tragen. Der Witwe jedoch und ihren Ver- 
wandten kommt es zu, Kummer zu zeigen und alle Leichendienste zu er- 
weisen — dadurch betont die Tradition die Stärke und Dauer der ehelichen 
Bande. Über den Tod hinaus setzt sich so jenes seltsame System vonLeistungen 
fort, die einem verheirateten Mann von der Familie seiner Gattin — ein- 
schließlich ihrer selbst und ihrer Kinder — erwiesen werden müssen. 

Während der Zeit der Leichenfeierlichkeiten muß jedoch der Unter-Clan 
des Toten diese Dienste schwerer und häufiger bezahlen als zu Lebzeiten 
des Verstorbenen. Sofort nachdem die Knochen herausgelöst und die Leichen- 
reste begraben sind, veranstaltet der Unter-Clan des Toten die erste große 
Verteilung von Nahrungsmitteln und Wertgegenständen; da werden die 
Witwe, die Kinder und andere angeheiratete Verwandte reich entlohnt für 
die verschiedenen Dienstleistungen beim Warten der Leiche und beim Aus- 

109 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

heben des Grabes. Weitere Verteilungen folgen in festgesetzten Zwischen- 
räumen. Die eine ist nur für weibliche Leidtragende bestimmt, eine andere 
für diejenigen, welche das Grab gerichtet haben, noch eine andere für die 
große Masse der Trauernden; bei wieder einer anderen Verteilung, der weit- 
aus umfangreichsten, werden der Witwe und ihren Kindern Wertgegenstände 
und ungeheure Nahrungsmittehnengen gegeben, weil sie in Leid und treuem 
Gedenken die Knochen des Toten beim Betelkauen oder al6 Schmuck ver- 
wendet haben. Diese verwickelte Reihenfolge von Verteilungen erstreckt sich 
auf Jahre und bringt ein wirres Durcheinander von Pflichten und Verbindlich- 
keiten mit sich; denn alle Mitglieder vom Unter-Clan des Verstorbenen 
müssen die Nahrungsmittel beschaffen und an den Hauptorganisator, das 
Oberhaupt der Unter-Clans, weitergeben; er sammelt sie ein und verteilt 
sie an die richtigen Empfänger. Diese wiederum verteilen sie weiter, wenigstens 
zum Teil. Und jede Gabe in diesem ungeheuren System zieht wieder ihre 
bestimmten Verpflichtungen und Gegengaben nach sich, die an einem 
künftigen Zeitpunkt fallig sind. 

Es ist wirklich erstaunlich, wie ostentativ die Witwe und die Kinder ihren 
Kummer zur Schau stellen, wie dick — buchstäblich und metaphorisch — 
sie ihre Trauer auftragen müssen ; die höchst verwickelte seelische Grundlage 
all dieser Erscheinungen ist in unserem Bericht wohl klar geworden. In 
erster Linie handelt es sich um eine Pflicht gegen den Toten und seinen 
Unter-Clan, um eine streng vorgeschriebene moralische Pflicht, deren Er- 
füllung von Öffentlichkeit und Sippe eifrig überwacht wird. „Unsere Tränen — 
sie sind für die Verwandten unsres Vaters zu sehen," erklärte mir einer der 
Leidtragenden ganz einfach und geradezu. In zweiter Linie wird der Welt 
damit bewiesen, daß Frau und Kinder des Toten wirklich gut zu ihm waren 
und ihn in seiner Krankheit treulich gepflegt haben. Schließlich — und das 
ist 6ehr wichtig — wird dadurch jeder Verdacht beseitigt, als könnten 6ie 
etwa an seinem Tod durch schwarze Magie mitschuldig sein. Um dieses letzte 
befremdende Motiv zu verstehen, muß man sich die außerordentlich große 
Furcht vor bösen Zauberkünsten klarmachen, den stets regen Argwohn und 
das ungewöhnliche Mißtrauen gegen alle und jeden, sobald Magie im Spiele 
ist. Die Trobriander — wie übrigens alle Völker ihres Kulturniveaus — 
sehen ausnahmslos in jedem Todesfall einen Akt böser Zauberei, es 6ei denn, 
daß der Tod durch Selbstmord oder einen wahrnehmbaren Unfall wie Ver- 
giftung oder Speerstich verursacht wurde. Es kennzeichnet ihre Anschauungen 
über die Bande der Ehe und Vaterschaft, die sie für künstlich und in der 
Not unzuverlässig halten, daß der Hauptverdacht der Zauberei stets auf 
Frau und Kinder fällt. Wahre Teilnahme am Wohlergehen eines Mannes und 

110 



Die Ideologie der Trauer 

wahre Zuneigung findet sich nach dem überlieferten Vorstellungssystem nur 
bei der Sippe seiner Mutter, die auch kaum in den Verdacht gerät, irgend- 
welche Anschläge gegen ihn zu führen. Seine Frau und seine Kinder sind bloß 
Fremde, und die Sitte leugnet jede wirkliche Interessengemeinschaft zwischen 
ihnen 1 . 

Daß diese überlieferte Anschauung meist im schroffen Gegensatz zur wirt- 
schaftlichen und psychologischen Wirklichkeit steht, ist bereits gezeigt und 
durch viele Tatsachen belegt worden (vgl. Kap. I, 1 u. 2). Auch wenn man 
absieht von der persönlichen Zuneigung, die immer zwischen Mann und 
Frau, Vater und Kindern besteht, so ist es klar, daß die Kinder beim Tode 
ihres Vaters mehr verlieren als seine Verwandten, die als Erben materiellen 
Gewinn vom Todesfall haben, vor allem, wenn es sich um einen reichen, 
angesehenen Mann von Rang handelt. Und tatsäcbüch nehmen die wahren 
Gefühle der Überlebenden ihren natürlichen Lauf, unabhängig von der 
offiziellen Schaustellung des Kummers. Daß neben den konventionellen, von 
der Tradition vorgeschriebenen Gefühlen und Ideen eine individuelle Welt 
von Gedanken, Gefühlen und Antrieben emporblüht, ist eine" der wichtigsten 
Erscheinungen der Sozialpsychologie, eine Erscheinimg, über die es noch 
viel Material auf ethnologischem Gebiet zu sammeln gibt; hier ist eine ins 
Einzelne gehende Forschung nötig, die auf persönlicher Bekanntschaft mit 
den beobachteten Wilden beruht. 

Auf den Trobriand-Inseln wird das echte Leid der Witwe und ihrer Kinder 
durch die theatrahsche Schaustellung des Kummers verwischt, verdeckt und 
beinah unkenntlich gemacht. Doch ihre wahren Gefühle lassen sich ermessen, 
wenn man ihr Verhalten zu anderen Zeiten, besonders unter kritischen Um- 
ständen, beobachtet. Mehr als einmal habe ich es mit angesehen, wie ein 
Gatte Nacht für Nacht am Krankenlager seiner Frau wachte; ich habe es 
miterlebt, wie seine Hoffnungen stiegen und sanken, wie unverkennbare, 
tiefe Verzweiflung ihn ergriff, als die Aussicht, sie am Leben zu erhalten, 
dahinschwand. Deutlich lassen sich Unterschiede im Leid der Verwitweten 
erkennen: manche beugen sich nur der Sitte, andere trauern von Herzen. 
Der Häuptling To'uluwa, eigentlich ein ziemlich egoistischer und ober- 
flächlicher Charakter, konnte nicht ohne sichtbare, echte Gemütsbewegung 
vom Tode seiner Lieblingsfrau Kadamwasila sprechen. Toyodala, der netteste 
Mann von ganz Oburaku (s. Abb. 33), beobachtete wochenlang ängstlich die 

1 Wir geben hier nur einen vereinfachten Bericht, in dem das Ideal von Gesetz und Über- 
lieferung herausgestellt wird, wie es die Eingeborenen immer auch selbst betonen. Eine ein- 
gehende Darstellung ihrer Gedanken über böse Zauberei in Beziehung zu Blutsverwandt- 
schaft und Eheverhältnis bleibt einer späteren Veröffentlichung vorbehalten. 

111 



Scheidung der Ehe und Lösung durch den Tod 

Krankheit seiner Frau und ersehnte ihre Genesung. Als sie starb, benahm 
er sich zunächst wie ein Wahnsinniger; später, während seiner Trauerhaft, 
wo ich ihn oft besuchte, weinte er so bitterlich, daß seine Sehkraft Schaden 
litt. Kein Zweifel, daß die Verwandten den persönlichen Verlust viel weniger 
spüren. Andererseits erfahren sie ein konventionelles Gefühl des Beraubt- 
seins, ein Empfinden, als sei ihre Gruppe verstümmelt worden. Doch hier 
rühren wir an ein anderes Problem, an die Empfindungen und Vorstellungen 
von der Solidarität des Clans, deren eingehende Prüfung uns zu weitab 
führen würde. 

Die Untersuchung der Ehe hat uns abgedrängt von der Erforschung des 
Geschlechtslebens im engeren Sinne des Wortes. Wir mußten uns mit Fragen 
der sozialen Organisation beschäftigen und mit dem gesetzlichen, wirtschaft- 
lichen und religiösen Hintergrund der Beziehungen zwischen Ehemann und 
Ehefrau, zwischen Eltern und Kindern. Dieses letzte Thema: Elternschaft, 
wird uns noch in den beiden folgenden Kapiteln beschäftigen, ehe wir uns 
einer eingehenden Analyse der kultürlichen Auswirkungen des Geschlechts- 
triebs zuwenden. 



112 




32. GESCHMÜCKTER LEICHNAM 
Leiche einer jungen Frau, die durch einen plötzlichen Tod dahingerafft und von ihrem Mann 
betrauert wurde. Der Wilicer hält die geschmückte Leiche. Ihr Gesicht ist bemalt; sie trägt 
sorgfältig gearbeitete, bunte Baströckc. Ihre Beine sind zusammengebunden, die Arme hingegen 
noch nicht; auch ihre Nasenlöcher usiv. sind noch nicht mit Kokosfasern zugestopft. (KAP. VI, 3) 




33. LEICHE NACH DER ERSTEN EXHUMIERUNG 
Der Leichnam zeigt Spuren beginnender Verwesung; die Stelle, wo die Beine zusammen- 
gebunden sind, ist deutlich sichtbar. Toyodala, der Witwer, hält die Leiche. (KAP. VI, 3) 




w 
p 

« 

H 

CQ 
*-« 
■< 

K 
W 

IC 

CO 



js a e » 

* 8 J i 

£ | 8 3 

■S - s S " 
S | 'S S, £ 



-o 



HS n « 6 § 

S 8 E ^ 8 

lliit 

3 -~ -S ,g a 
s 1 1 2 J 

'S = Z * fe 

* »i . s 

a S '■* 3 : a 

P 9 a> "O O, 

$ i - J § 

:S ^ 1-2 

1-5 II 

Q S ~ S 



öS5ä 



„V * j*^ ._. . 









k. 0> W) QJ 

S c s c 

I Fi J 

V) = 



| 

s 



- ■ 







rmmuZg 



2 S*.J £ •= ; 



SIEBENTES KAPITEL 

ZEUGUNG UND SCHWANGERSCHAFT 
IN GLAUBEN UND SITTE DES STAMMES 

Die Abhängigkeit des sozialen Gefüges in einer gegebenen Gesellschaft 
von den dort gültigen Vorstellungen, Überzeugungen und Meinungen ist für 
den Anthropologen von ausschlaggebender Wichtigkeit. Bei Naturvölkern 
finden wir häufig überraschende und phantastische Anschauungen über 
natürliche Vorgänge und dementsprechend eine befremdende, einseitige Ent- 
wicklung des sozialen Gefüges in bezug auf Verwandtschaft, Machtverteilung 
in der Gemeinschaft und Stammesverfassung. In diesem Kapitel werde ich 
die trobriandischen Vorstellungen vom menschlichen Organismus schildern, 
soweit sie Zeugung und Schwangerschaft betreffen. Diese Meinungen finden 
ihren Ausdruck in mündlicher Überlieferung, in Sitten und Zeremonien, und 
üben einen starken Einfluß auf die sozialen Auswirkungen der Blutsverwandt- 
schaft und die mutterrechtliche Verfassung des Stammes aus. 

1. Der männliche und weibliche Organismus 
und der Geschlechtstrieb im Glauben der Eingeborenen 

Die Eingeborenen verfügen über praktische Kenntnisse in den Grund- 
zügen der menschlichen Anatomie und über ein ausgedehntes Vokabularium 
für die verschiedenen Teile und inneren Organe des menschlichen Körpers. 
Häufig zerlegen sie Schweine und andere Tiere, und die Sitte der Leichen- 
sektion sowie Besuche bei ihren überseeischen Kannibalennachbarn er- 
schueßen ihnen recht eingehend die Homologien zwischen menschlichem und 
tierischem Organismus. Dagegen sind ihre physiologischen Theorien äußerst 
mangelhaft; in ihrem Wissen von den Funktionen der wichtigsten Organe 
finden 6ich zahlreiche merkwürdige Lücken neben mancherlei seltsamen, 
phantastischen Vorstellungen. 

Dire Kenntnis von der Anatomie der Sexualorgane ist eigentlich ziemlich 
beschränkt im Vergleich zu dem, was sie von anderen Teilen des menschlichen 

8 m. g. 113 



Zeugung und Schtvangerschaft in Glauben und Sitte 

Körpers wissen. In Anbetracht ihres lebhaften Interesses für diesen Gegen- 
stand sind ihre Unterscheidungen oberflächlich und grob, ihre Terminologie 
ist mager. Sie unterscheiden und bezeichnen folgende Teile: Vagina (wila), 
Klitoris (kasesa), Penis (kwila), Testikel (puwala). Für den Mons veneria als 
Ganzes oder für die Labia majora und minora haben sie kein besonderes 
Wort. Die Glans penis bezeichnen sie als „Spitze" des Penis (matala kwila) 
und die Vorhaut als Haut des Penis (kanivinela kwila). Die inneren weiblichen 
Geschlechtsorgane heißen bam; unter diese Bezeichnung fallen auch Uterus 
und Placenta. Ein besonderes Wort für die Ovarien gibt es nicht. 

Die physiologischen Anschauungen der Eingeborenen sind roh. Die Ge- 
schlechtsorgane dienen der Ausscheidung und der Lust. Der Vorgang der 
Urinausscheidung wird nicht mit den Nieren in Verbindung gebracht. Ein 
enger Gang (wotuna) führt vom Magen direkt in die Blase und von da durch 
die männlichen und weiblichen Genitaben nach außen. Durch diesen Kanal 
läuft langsam das getrunkene Wasser, bis es wieder ausgeschieden wird; 
auf seinem Wege wird es schmutzig und mißfarben, weil es im Magen mit 
den Exkrementen in Berührung kommt; denn die Verwandlung der Speise 
in Exkrement beginnt im Magen. Ihre Vorstellungen von den Funktionen 
der Geschlechtsorgane sind komplizierter und systematischer und bilden eine 
Art psycho-physiologischer Theorie. Die Augen sind der Sitz der Begierde 
(magila kayta, wörtlich: „Wunsch nach Begattung"). Sie sind die Grundlage 
oder Ursache (u'ula) geschlechüicher Leidenschaft. Von den Augen über- 
trägt sich die Begierde auf das Gehirn vermittels des wotuna (wörtlich: 
Bänke oder Schlingpflanze ; in der Anatomie Ader, Nerv, Verbindungsgang 
oder Sehne) und breitet sich über den ganzen Körper auf Bauch, Arme und 
Beine aus, bis sie sich schheßlich in den Nieren konzentriert. Die Nieren 
gelten als der Haupt- oder mittlere Teil (tapwana) des Systems. Von ihnen 
führen andere Kanäle (wotuna) zum männlichen Geschlechtsorgan. Dieses ist 
die Spitze (matala, wörtlich: Auge) des ganzen Systems. Wenn also die 
Augen ein Objekt der Begierde erblicken, „wachen sie auf" und geben den 
Impuls an die Nieren weiter, die ihn an den Penis weiterleiten und so die 
Erektion hervorrufen. Daher sind die Augen die Hauptursache aller ge- 
schlechtlichen Erregung: sie sind „die Dinge der Begattung", „das, was in 
uns den Wunsch zu begatten erweckt". So sagen die Eingeborenen: „Ein 
Mann mit geschlossenen Augen hat keine Erektion"; doch räumen sie ein, 
daß der Geruchssinn zuweilen die Augen ersetzen kann, denn „wenn eine 
Frau im Dunkeln ihren Bastrock ablegt, kann die Begierde erregt werden". 

Bei der Frau spielt sich der Vorgang sexueller Erregung in analoger 
Weise ab. Augen, Nieren und Geschlechtsorgane sind durch das gleiche 

114 



Der männliche und weibliche Organismus 

System von wotuna (Verbindungsgänge) miteinander verbunden. Die Augen 
geben das Alarmzeichen, das den Körper durchläuft, die Nieren ergreift 
und geschlechtliche Erregung in der Klitoris hervorruft. Männlicher und 
weiblicher Ausfluß werden mit demselben Namen (momona oder momola) 
bezeichnet; nach Meinung der Eingeborenen kommen beide aus den Nieren 
und haben die gleiche Funktion, die nichts mit Zeugung zu tun hat, 
sondern nur darin besteht, die Membranen schlüpfrig zu machen und die 
Lust zu erhöhen. 

So wurden mir die Dinge zunächst von Namwana Guya'u und Piribomatu 
geschildert; ersterer betrieb Zauberei als Liebhaberei, letzterer als Beruf; 
beide waren intelligente Männer und interessierten sich schon aus beruflichen 
Gründen für menschliche Anatomie und Physiologie. Unsere Schilderung 
stellt also die höchste Entwicklungsstufe trobriandischen Wissens und tro- 
briandischer Theorie dar. In anderen Gegenden der Insel bekam ich ähnHche 
Auskünfte; in den Hauptpunkten — sexuelle Funktion der Nieren, große 
Wichtigkeit der Augen und des Geruchssinns, strenge Parallele zwischen 
männlicher und weiblicher Sexualität — stimmten sie alle überein. 

Im ganzen ist es ja auch eine ziemlich einhellige und nicht ganz unsinnige 
Anschauung von der Psycho-Physiologie der Libido. Die Parallele zwischen 
den beiden Geschlechtern ist folgerichtig durchgeführt. Auf vielen Gebieten 
unterscheiden die Eingeborenen diese drei Elemente: u'ula, tapwana, matala. 
Das Bild ist von einem Baum oder Pfeiler oder Speer entlehnt: u'ula 
— wörtlich der Fuß des Baumes, die Basis, die Grundlage — hat im weiteren 
Sinne die Bedeutung „Ursache, Ursprung, Kraftquelle" erlangt, tapwana, 
der mittlere Teil des Stammes, bezeichnet zugleich den Stamm überhaupt, 
den Hauptteil jedes langen Gegenstandes, die Länge einer Straße; matala — ur- 
sprünglich Auge oder Spitze (wie beim Speer), zuweilen ersetzt durch das 
Wort dogina oder dabwana, Baumwipfel oder Spitze eines hochragenden 
Objekts — bedeutet den höchsten Teil, oder, mehr im abstrakten Sinn, das 
endgültige Wort, den höchsten Ausdruck. 

Als Ganzes ist diese Vorstellung vom Geschlcchtsmechanismus, wie schon 
gesagt, nicht durchaus barer Unsinn ; wirklich abwegig ist nur die Annahme, 
daß den Nieren eine besondere sexuelle Funktion zufalle. Die Nieren gelten 
für einen ungeheuer lebenswichtigen Teil des menschHchen Körpers, vor 
allem, weil sie die Samenflüssigkeit ausscheiden. Nach anderer Auffassung 
stammen männlicher und weiblicher Ausfluß nicht aus den Nieren, sondern 
aus den Eingeweiden. Auf alle Fälle glauben die Eingeborenen, irgend etwas 
in den Eingeweiden bewirke die Ejakulation: ipipisi momona — „es spritzt 
den Ausfluß heraus". 

115 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Sehr bemerkenswert ist die vollkommene Unkenntnis von der physio- 
logischen Funktion der Testikel. Die Eingeborenen wissen nicht, daß dieses 
Organ etwas produziert; alle Fragen, ob hier nicht die männliche Aus- 
scheidung (momona) entstünde, werden energisch verneint. „Sieh, Frauen 
haben keine Testikel, und doch scheiden sie momona aus." Dieser Teil des 
männlichen Körpers gilt nur als ornamentales Anhängsel (katububula). 
„Wie häßlich würde nicht ein Penis ohne Testikel aussehen," sagt etwa 
ein eingeborener Ästhet. Die Testikel sind da, „damit es anständig (btvoyna) 
aussieht." 

Liebe oder Zuneigung (yobwayli) hat ihren Sitz in den Eingeweiden, in 
der Haut des Bauches und der Arme und nur in geringerem Grade in jenen 
Quellen der Begierde, den Augen. Wir sehen daher Menschen, die wir heb- 
haben, gerne an — unsere Kinder, unsere Freunde, unsere Eltern — , doch 
wenn unsere Liebe stark ist, wollen wir sie auch umarmen. 

Die Menstruation gilt den Trobriandern als ein mit Schwangerschaft dunkel 
verknüpfter Vorgang: „Der Fluß kommt, er tröpfelt, er tröpfelt, er ver- 
ebbt — er ist vorbei." Sie bezeichnen die Menstruation einfach mit dem 
Wort Blut, buyavi; doch ist eine grammatische Eigentümlichkeit dabei. 
Während das gewöhnliche Körperblut imm er mit dem Pronomen des engsten 
Besitzgrades verbunden ist, das allen Teilen des menschlichen Körpers an 
gehängt wird, erhält das Menstruationsblut dasselbe Possessivpronomen, das 
für Schmuck und Kleidungsstücke verwendet wird (nächstenger Besitzgrad). 
So bedeutet buyavigu, „Blut-meines" (Teil von mir — Blut), Körperblut 
aus einer Wunde oder sonst einem Blutfluß; agu buyavi, „mein Blut" („mir 
gehörend — Blut") bedeutet Menstruationsblut. 

Es besteht keinerlei männliche Abneigung oder Furcht vor dem Men- 
struationsblut. Der Mann hat mit seiner Frau oder Liebsten während der 
Periode keinen Geschlechtsverkehr, aber er bleibt in der gleichen Hütte und 
ißt von derselben Nahrung, nur schläft er nicht mit ihr auf demselben Lager. 
Während der Menstruation waschen sich die Frauen aus Reinlichkeits- 
gründen jeden Tag in demselben großen Wasserloch, aus dem das ganze 
Dorf sein Trinkwasser holt und in dem auch die Männer gelegentlich baden. 
Nach Beendigung der Periode werden keine besonderen rituellen Waschungen 
vorgenommen, auch bei der ersten Menstruation eines Mädchens findet keine 
Zeremonie statt. Die Frauen kleiden sich während der Menstruation nicht 
anders als gewöhnlich, nur manchmal tragen sie einen längeren Rock; eine 
besondere Schamhaftigkeit in bezug auf diesen Vorgang herrscht nicht 
zwischen den Geschlechtern. 



116 



Wiedergeburt und der Weg sum Leben durch die Geistericelt 

2. Wiedergeburt und der Weg zum Leben 
durch die Geisterwelt 

Die Beziehung zwischen Menstruationsblut und der Bildung des Fötus ist 
von den Eingeborenen beobachtet und erkannt worden; doch ihre Vor- 
stellungen von diesem Zusammenhang sind äußerst unbestimmter Axt und 
so eng verknüpft mit gewissen Anschauungen über die Inkarnation geistiger 
Wesen, daß wir in unserer Schilderung den physiologischen Vorgang nicht 
von der Wirksamkeit der Geisterwelt trennen können. Dann erst vermögen 
wir die Dinge so zu sehen, wie sie nach der Lehre der Eingeborenen auf- 
einander folgen und sich darstellen. Da das neue Leben nach trobriandischer 
Überlieferung mit dem Tode beg inn t, müssen wir uns nun an das Lager 
eines Sterbenden begeben und der Wanderung seines Geistes folgen, bis er 
wieder ins irdische Dasein eingeht 1 . 

Nach dem Tode wandert der Geist nach Tuma, der Insel der Toten, wo 
er ein angenehmes Dasein führt, ganz ähnlich dem Leben auf Erden — nur 
viel glücklicher. Worin diese Glückseligkeit besteht, werden wir noch genauer 
zu untersuchen haben, denn Geschlechtliches spielt dabei eine große Rolle 2 . 
An dieser Stelle wollen wir nur den einen Wesenszug erörtern: die ewige 
Jugend, erlangt durch die Macht der Verjüngung. Sobald ein Geist (baloma) 
bemerkt, daß Körperhaar seine Haut bedeckt, daß die Haut selbst schlaff 
und runzlig wird und daß sein Kopf ergraut, schlüpft er einfach aus seiner 
Haut und erscheint wieder frisch und jung, mit schwarzem Haar und 
weicher, haarloser Haut. 

Doch wenn ein Geist der beständigen Verjüngung müde wird, wenn er 
ein langes Leben „unten" geführt hat, wie die Eingeborenen sagen, so 
möchte er vielleicht wieder auf die Erde; dann springt er im Alter zurück 
und wird ein kleines, noch ungeborenes Kind. Einige meiner Gewährsleute 
erzählten mir, daß es in Tuma, wie auf Erden, Zauberer die Menge gäbe. 
Schwarze Magie wird häufig ausgeübt; sie kann auch einen Geist ereilen 
und ihn schwach, krank und lebensmüde machen; dann und nur dann kehrt 

1 In meinem bereits angeführten Aufsatz „Baloma, the Spirits of the Dead" gab ich einen 
kurzen vorläufigen Bericht darüber, wie sich die Zeugung nach der Meinung der Eingeborenen 
abspielt. Ich äußerte auch gewisse Ansichten über die Unkenntnis der Vaterschaft bei den 
Primitiven im allgemeinen, die von Westermarck teilweise angefochten wurden („History 
of Human Marriage", 5. Aufl., Bd. 1, S. 290ff.), ebenso von Carveth Read (Artikel „No 
Paternity" im „Journal of the Anthropological Institute" 1917). Die ausführlichere Beweis- 
führung im vorliegenden Kapitel beantwortet einzelne Fragen, die von meinen Kritikern 
aufgeworfen wurden. 

2 Vgl. weiter unten Kap. XII, letzter Abschnitt. 



8* 



117 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

er zu den Anfängen seines Daseins zurück und verwandelt sich in ein Geister- 
kind. Es ist ganz unmöglich, einen Geist durch schwarze Magie oder zu- 
fällig zu töten; sein Ende bedeutet jederzeit nur einen neuen Anfang. 

Diese verjüngten Geister, diese kleinen präinkarnicrten Kinder oder 
Geisterbahys sind die einzige Quelle, aus der die Menschheit ihre neuen 
Vorräte an Leben bezieht. Ein noch ungeborenes Kind findet seinen Weg 
zurück zu den Trobriand-Inseln und in den Schoß irgendeiner Frau, die 
jedoch demselben Clan und Unter-Clan angehört wie das Geisterkind selbst. 
Wie es von Tuma nach Boyowa reist, wie es in den Körper seiner Mutter 
gelangt und wie sich der physiologische Vorgang der Schwangerschaft mit 
der Geistertätigkeit verbindet — darüber gehen die Meinungen der Ein- 
geborenen manchmal etwas auseinander. Doch jedermann weiß und glaubt 
fest daran, daß alle Geister schließlich ihr Leben in Tuma beenden und sich 
in ungeborene Kinder verwandeln müssen; jedes auf dieser Welt geborene 
Kind ist zuerst in Tuma durch die Verwandlung eines Geistes ins Dasein 
getreten (ibubuli), und der einzige Grund und die wirkliche Ursache jeder 
Geburt ist in der Tätigkeit der Geister zu suchen. 

Weil dieses ganze System von Anschauungen und Meinungen äußerst 
wichtig ist, habe ich alle Einzelheiten und Varianten mit besonderer Sorg- 
falt gesammelt. Der Verjüngungsprozeß wird ganz im allgemeinen mit 
Meereswasser in Zusammenhang gebracht. Die Sage erzählt, wie die Mensch- 
heit des Vorrechts verlustig ging, sich nach Belieben wieder jung zu machen; 
der Schauplatz dieser letzten Verjüngung ist der Meeresstrand einer kleinen 

Lagunenbucht 1 . Das erste Mal, als ich von der Verjüngung hörte es war 

in Omarakana — , wurde mir erzählt, daß der Geist „an den Strand geht 
und im Salzwasser badet". Tomwaya Lakwabulo, der Seher (s. Abb. 36), 
begibt sich in seinen Verzückungsanfällen oft nach Tuma und verkehrt 
häufig mit den Geistern; er berichtete mir: „Die baloma gehen zu einer 
Quelle namens sopiivina (wörtlich: waschendes Wasser); sie liegt am Strande. 
Dort waschen sie sich die Haut mit Brackwasser. Sie werden ufulatile 
(junge Männer)." Auch bei ihrer letzten Verjüngung, die sie wieder zu 
kleinen Kindern macht, müssen die Geister in Salzwasser baden; und sind 
sie wieder zu kleinen Kindern geworden, so gehen sie ins Meer und treiben 
auf dem Wasser. Immer wird berichtet, daß sie auf Treibholz oder auf 
Blättern, Zweigen oder totem Tang dahintreiben oder auf anderen leichten 
Dingen, die im Meere umherschwimmen. Tomwaya Lakwabulo erzählt, sie 

1 Diese Geschichte ist wiedergegeben in „Myth in Primitive Psychology", S. 80—106. 
Das Dorf Bwadela, wo sich der Verlust der Unsterblichkeit abspielte, liegt auf der südlichen 
Hälfte der Hauptinsel an der Westküste. 

118 



Wiedergeburt und der Weg zum Leben durch die Geisterwelt 

trieben allezeit um die Ufer von Tuma und ließen ein klagendes wa, tva, wa 
ertönen. „Nachts höre ich ihr Wehklagen. Ich frage: ,Was ist das?' ,Ach, 
Kinder; die Flut bringt sie, sie kommen.'" Die Geister in Tuma können 
diese ungeborenen Kinder sehen und Tomwaya Lakwabulo auch, wenn er 
in die Geisterwelt hinabsteigt. Aber für gewöhnliche Menschen sind sie un- 
sichtbar. Zuweilen jedoch hören Fischer aus den nördlichen Dörfern Kaybola 
und Lu'ebila, wenn sie nach Haifischen weit hinausfahren, das klagende 
wa, wa, wa im Seufzen der Winde und Wogen. 

Tomwaya Lakwabulo und andere Gewährsleute behaupten, solche Geister- 
kinder trieben fern von Tuma im Meere; zu den Trobriand-Inseln gelangten 
sie durch die Vermittlung eines anderen Geistes. Tomwaya Lakwabulo 
schildert es folgendermaßen: „Ein Kind schwimmt auf einem Stück Treib- 
holz. Ein Geist sieht, daß es schön ist. Er nimmt es. Es ist der Geist der 
Mutter oder des Vaters der Schwangeren (nasusuma). Dann legt er es auf 
den Kopf, in das Haar der Schwangeren, die bekommt Kopfweh, erbricht 
und hat Schmerz im Leib. Dann kommt das Kind in den Leib hinunter 
und sie ist wirklich schwanger. Sie sagt: , Schon hat es (das Kind) mich ge- 
funden; schon haben sie (die Geister) mir das Kind gebracht!'" In dieser 
Schilderung finden wir zwei leitende Gedanken: das tätige Eingreifen eines 
anderen Geistes, der das Kind auf irgendeinem Wege zu den Trobriand- 
Inseln zurückbringt und der Mutter gibt, und die Einführung des Kindes 
durch den Kopf; zwar nicht in dem hier zitierten Bericht, doch sonst häufig 
verknüpft sich damit die Vorstellung, daß erst im Kopf und dann im Leib 
ein Bluterguß stattfinde. 

Wie die Übertragung tatsächlich vor sich geht, darüber sind die Meinungen 
verschieden: manche Eingeborene stellen sich vor, daß der ältere Geist das 
Kind entweder in einer Art Behälter trägt — einem geflochtenen Kokosnuß- 
korb oder einer hölzernen Schüssel — oder einfach in seinen Armen. Andere 
sagen aufrichtig, daß sie es nicht wüßten. Doch die tätige Mitwirkung eines 
anderen Geistes ist wesentlich und wichtig. Wenn die Eingeborenen sagen, 
die Kinder würden „von einem baloma gebracht", oder „ein baloma ist die 
wirkliche Ursache der Geburt", so meinen sie damit stets diesen Schutz- 
geist (wie wir ihn nennen könnten) und nicht das Geisterkind selbst. Dieser 
Schutzgeist erscheint meistens der Frau, die schwanger werden soll, im 
Traum (vgl. Kap. VIII, 1). Motago'i, einer meiner besten Gewährsleute, 
drückte es folgendermaßen aus: „Sie träumt, ihre Mutter kommt zu ihr, sie 
sieht das Gesicht ihrer Mutter im Traum. Sie wacht auf und sagt : ,Oh, es 
ist ein Kind für mich da!'" 

Häufig kommt es vor, daß eine Frau ihrem Manne erzählt, wer ihr das 

119 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Kind gebracht hat, und die Überlieferung bewahrt dann die Geschichte von 
diesem Geisterpaten oder -patin. So weiß der jetzige Häuptling von Omara- 
kana, daß er seiner Mutter von Bugwabwaga, einem seiner Amtsvorgänger, 
überbracht wurde. Mein bester Freund, Tokulubakiki, war seiner Mutter 
von ihrem hadala, dem Bruder ihrer Mutter, übergeben worden. Tokulu- 
bakikis Frau empfing ihren ältesten Sohn vom Geiste ihrer Mutter. Ge- 
wöhnlich ist es ein mutterseitiger Verwandter der zukünftigen Mutter, der 
die Gabe überreicht; doch kann es nach der Aussage Tomwaya Lakwabulos 
auch ihr Vater sein. 

Die physiologische Theorie, welche mit dieser Vorstellung verknüpft ist, 
wurde bereits gestreift. Das Geisterkind wird vom Überbringer auf den 
Kopf der Frau gelegt. Blut aus ihrem Körper strömt in den Kopf, und auf 
diesem Blutstrom rutscht das Kind allmählich nach unten, bis es sich im 
Schoß festsetzt. Das Blut hilft den Körper des Kindes aufbauen — es er- 
nährt ihn. Aus diesem Grunde versiegt bei einer Schwangeren der Monats- 
fluß. Die Frau sieht, daß ihre Menstruation aufgehört hat. Sie wartet einen, 
zwei, drei Monde, und dann weiß sie gewiß, daß sie schwanger ist. Nach 
einer viel weniger maßgebenden Meinimg gelangt das Kind per vaginam in 
die Mutter. 

Eine andere Version der Geschichte von der Wiedergeburt schreibt dem 
noch ungeborenen Kinde größere Initiative zu. Danach vermag es kraft 
eigenen Willens auf die Trobriand-Inseln zuzutreiben. Da bleibt es nun, 
vermutlich in Gesellschaft anderer Kinder; um die Küsten der Insel treibend, 
wartet es auf die Gelegenheit, in den Körper einer badenden Frau zu ge- 
langen. Gewisse Verhaltungsweisen der Mädchen in den Küstendörfern be- 
zeugen, daß dieser Glaube noch lebendig ist. Die Vorstellung geht dahin, 
daß die Geisterkinder, wie in der Nähe von Tuma, an Treibholz, Abfällen, 
Blättern oder Zweigen haften, oder auch an den kleinen Steinen auf dem 
Meeresgrund. Wenn Wind und Flut allerlei Abfall und Bruchstückchen in 
der Nähe des Ufers zusammentreiben, so gehen die Mädchen nicht ins Wasser 
aus Furcht, sie könnten konzipieren. In den Dörfern der Nordküste wiederum 
besteht der Brauch, ein hölzernes Schöpfgefäß mit Wasser aus dem Meere 
zu füllen und über Nacht in die Hütte einer Frau zu stellen, die gern schwanger 
werden möchte, in der Hoffnung, daß im Gefäß sich vielleicht ein Geister- 
kind gefangen habe und während der Nacht in die Frau eingehe. Doch selbst 
in diesem Fall soll angeblich der Geist eines mutterseitigen Verwandten der 
Frau im Traum erscheinen, so daß ein Schutzgeist bei der Empfängnis 
immerhin eine wesentliche Rolle spielt. Bemerkenswert ist, daß das Wasser 
stets von ihrem Bruder oder dem Bruder ihrer Mutter geholt werden muß, 

120 



Wiedergeburt und der Weg zum Leben durch die Geisterwelt 

also von einem Verwandten mütterlicherseits. Zum Beispiel: ein Mann aus 
dem Dorfe Kapwani an der Nordküste wurde von der Tochter seiner Schwester 
gebeten, ihr ein Kind zu verschaffen. Ein paarmal ging er zum Strand. 
Eines Abends hörte er ein Geräusch wie das klagende Weinen kleiner Kinder. 
Er schöpfte Meerwasser in das Gefäß und ließ es in der Nacht in der Hütte 
seiner kadala (Nichte) stehen. Sie empfing ein Kind, ein Mädchen. Das Kind 
erwies sich unglücklicherweise als ein Albino, doch an diesem Mißgeschick 
war die Art und Weise der Empfängnis nicht schuld. 

Diese Auffassung unterscheidet sich von der zuerst beschriebenen haupt- 
sächlich durch die größere Selbständigkeit des Geisterkindes — es kann 
übers Meer treiben und ohne fremde Hilfe in die badende Frau hinein- 
schlüpfen; ferner gelangt es per vaginam in die Mutter, oder, falls die Kon- 
zeption in der Hütte vorgeht, durch die Haut des Leibes. Diese Anschauungen 
habe ich hauptsächlich im nördlichen Teil der Insel vorgefunden, vor allem 
in den Küstendörfern. 

Wesen und Art dieses ungeborenen Kindes, dieses Geisterbabys, ist im 
überlieferten Volksglauben durchaus nicht klar umrissen. Auf direktes Be- 
fragen antworteten mir die meisten, daß sie nicht wüßten, was es eigentlich 
wäre und wie es aussähe. Einige jedoch, die kraft ihrer höheren Intelligenz 
ihre Anschauungen sorgfältiger und folgerichtiger durchdacht hatten, er- 
zählten mir, es sei wie der Fötus im Mutterleib, der „wie eine Maus aus- 
sähe". Tomwaya Lakwabulo behauptete, diese ungeborenen Kinder sähen 
wie ganz winzige, doch voll entwickelte Kinder aus und seien manchmal 
sehr schön. Er mußte darüber natürlich Bescheid wissen, denn er hatte sie 
ja — nach seiner eigenen Aussage — häufig in Tuma gesehen. Selbst die 
Bezeichnung steht nicht ganz fest. Gewöhnlich wird es waytvaya genannt, 
kleines Kind oder Fötus; manchmal jedoch wird auch das Wort pwaptcawa 
verwendet; obgleich es fast synonym mit waywaya ist, bezeichnet es doch 
vielleicht eher ein schon geborenes Kind als ein ungeborenes oder einen 
Fötus. Ebensooft aber spricht man einfach von einem „Kind", gwadi 
(Plural gugwadi). 

Es soll einen Zauber geben, der Schwangerschaft herbeiführt; er wird über 
einer besonderen Art Betelblatt (kivega) ausgeführt und heißt kaykatuvilena 
kwega (Schwangerschaft herbeiführen). Eine Frau in Yourawotu, einem 
kleinen Dorfe bei Omarakana, kennt diesen Zauberspruch, aber leider ist 
es mir nicht gelungen, mit ihr in Berührung zu kommen, und so konnte ich 
die Angaben nicht genau nachprüfen 1 . 

1 In einem Artikel für das „Journal of the Anthiopological Institute" 1916, S. 404, habe 
ich auf die Aussage eines Händlers hin unter Vorbehalt berichtet, es gäbe „in Sinaketa 

121 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Wie immer löst sich also auch diese Anschauung in verschiedene, nur 
teilweise übereinstimmende Elemente auf, sobald sie einer genauen Unter- 
suchung unterworfen und über ein ausgedehntes Gebiet hin verfolgt wird. 
Die Abweichungen haben ihren Grund nicht nur in geographischen Ver- 
schiedenheiten; auch auf bestimmte soziale Schichtungen lassen sie sich 
nicht zurückführen, denn manche dieser Widersprüche ergaben sich im Be- 
richt eines und desselben Mannes. Tomwaya Lakwabulo zum Beispiel be- 
hauptete, die Kinder könnten nicht allein reisen, sondern müßten von einem 
Schutzgeist getragen und in die Frau hineingelegt werden; und doch er- 
zählte er mir, das Wehklagen der Kinder sei an der Nordküste in der Nähe 
von Kaybola deutlich vernehmbar. Der Mann aus Kiriwina wiederum, der 
mir berichtete, wie ein Geisterkind aus einem Schöpfgefäß in seine Mutter 
eingehen ^könne, sprach auch von einem älteren Geist, der dieses Kind 
„schenke". Solche Unstimmigkeiten sind wahrscheinlich das Ergebnis ver- 
schiedener mythologischer Ideenkreise, die dort, wo solch unstimmige 
Meinungen herrschen, aufeinandertreffen und sich schneiden. Einer dieser 
Sagenkreise hat sich um den Gedanken der Verjüngung gebildet, ein anderer 
um die Vorstellung, daß im Meere neues Leben auf die Insel zutreibe, noch 
ein anderer um die Idee, daß ein neues Familienmitglied das Geschenk 
irgendeines Ahnengeistes sei. 

Es ist jedoch von Wichtigkeit, daß die verschiedenen Versionen und Be- 
schreibungen in allen Hauptpunkten übereinstimmen, sich decken und 
einander stützen: wir erhalten so ein Gesamtbild, das, obwohl unscharf 
in einigen Einzelheiten, doch einen starken Umriß erkennen läßt, wenn 
es aus einiger Entfernung betrachtet wird: alle Geister verjüngen sich; 
alle Kinder sind reinkarnierte Geister; der Unter-Clan bleibt bei jedem 
Kreislauf der gleiche; die wirkliche Ursache jeder Geburt ist die Geister- 
tätigkeit in Tuma. 

Man darf jedoch nicht vergessen, daß der Glaube an eine Wiedergeburt 
die Sitten und sozialen Einrichtungen der Trobriander keineswegs stark be- 
einflußt; er gehört vielmehr zu jenen Anschauungen, die in Sage und Volks- 
glauben ein stilles, ruhiges Dasein fuhren und das soziale Verhalten nur in 
geringem Maße beeinflussen. So fehlt zum Beispiel bei dem ganzen Kreis- 
lauf jedes Bewußtsein einer persönlichen Identität, obwohl die Trobriander 
fest daran glauben, daß jeder Geist sich in ein neugeborenes Kind verwandelt 
und daß dieses Kind wiederum in einem Menschen reinkarniert wird. Das 

einige Steine, bei denen Frauen, die schwanger werden möchten, sich Hilfe holen können"; 
als ich 1918 an Ort und Stehe genaue Nachforschungen anstellte, ergab sich die vollkommene 
Grundlosigkeit dieser Behauptung. 

122 



Unkenntnis der physiologischen Vaterschaft 

heißt: keiner weiß, wessen Inkarnation das Kind ist, wer es in seinem 
früheren Dasein war. Erinnerungen an Vergangenes gibt es weder in Tum;; 
noch auf Erden. Alles Befragen der Eingeborenen bringt nur zutage, daß 
dieses Problem ihnen unwichtig und im Grunde uninteressant vorkommt. 
Als einzige Regel für diese Verwandlung gilt, daß jeder immer wieder in den- 
selben Clan oder Unter-Clan hineingeboren wird. Moralische Vorstellungen 
von Lohn und Sühne verknüpfen sich nicht mit dieser Wiedergeburtslehre, 
und keinerlei Sitten oder Zeremonien legen von ihr Zeugnis ab. 



3. Unkenntnis der physiologischen Vaterschaft 

Die Wechselbeziehung zwischen mystischen und physiologischen Vor- 
gängen im Verlauf der Schwangerschaft — der Ursprung des Kindes in 
Tuma, seine Reise zu den Trobriand-Inseln, die anschließenden Vorgänge 
im Körper der Mutter, das Aufsteigen des Blutes aus dem Unterleib in den 
Kopf und dann wieder das Zurücksinken vom Kopf in den Schoß — all 
dies bildet eine geordnete, in sich geschlossene, wenn auch nicht immer ganz 
einhellige Theorie vom Ursprung des menschlichen Lebens. Es liefert auch 
eine gute theoretische Grundlage für das Mutterrecht, denn alle Vorgänge, 
die der Beschaffung neuen Lebens dienen, verteilen sich auf die Geisterwelt 
und den weiblichen Organismus. Für irgendeine Art physiologischer Vater- 
schaft bleibt gar kein Raum übrig. 

Doch noch eine andere Bedingung gilt den Eingeborenen als unerläßlich 
für Empfängnis und Geburt; dadurch kompliziert sich ihre Theorie, und 
die scharfen Umrisse ihrer Anschauungen verwischen sich. Diese Bedingung 
hängt nämlich mit dem Geschlechtsverkehr zusammen und legt uns die 
schwierige und heikle Frage nahe: haben die Eingeborenen wirklich absolut 
keine Kenntnis von der physiologischen Vaterschaft? Handelt es sich da 
nicht vielmehr um ein mehr oder minder sicheres Wissen von den Tatsachen, 
das nur durch mythologische und animistische Anschauungen vielfach über- 
lagert und verdunkelt ist? Steckt hier nicht doch irgendwo die Erfahrung 
einer zurückgebliebenen Gemeinschaft dahinter, nur nie formuliert, weil zu 
offenkundig — wohingegen die überlieferte Sage, die Grundlage des sozialen 
Gefüges, als Teil der geltenden Glaubenslehre sorgfältige Ausprägung fand? 
Die latsachen, welche ich nun anführen werde, enthalten eine unzwei- 
deutige, entschiedene Antwort auf diese Fragen. Ich will die Schlußfolgerung 
nicht vorwegnehmen — wir werden sehen, wie die Eingeborenen sie selbst 
ziehen. 

Eine Jungfrau kann nicht empfangen. 

123 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Überlieferung, weitverbreiteter Volksglauben, gewisse Sitten und brauch- 
mäßiges Verhalten lehren den Eingeborenen diese einfache physiologische 
Wahrheit. Er bezweifelt sie keineswegs, und im folgenden wird sich zeigen, 
daß er sie knapp und klar zu formulieren weiß. 

Nachstehende Schilderung stammt von Niyova, einem zuverlässigen Ge- 
währsmann in Oburaku: „Eine Jungfrau empfängt nicht, denn da ist kein 
Weg, auf dem die Kinder eingehen oder die Frau empfangen könnte. Wenn 
die Öffnung weit offen hegt, gewahren es die Geister, sie geben das Kind." 
Das ist ganz klar. Aber während derselben Unterhaltung hatte mir der- 
selbe Gewährsmann kurz vorher eingehend beschrieben, wie der Geist das 
Kind auf den Kopf der Frau legt. Doch die wörtlich hier wiedergegebene 
Aussage Niyovas setzt die Einführung des Kindes per vaginam voraus. 
Ibena, ein kluger alter Mann aus Kasana'i, erläuterte mir die Sache eben- 
so — er war sogar der erste, der mir klar machte, daß Jungfräulichkeit 
ein mechanisches Hindernis für die Befruchtung durch Geister sei. Seine 
Methode war anschaulich. Er streckte die geballte Faust aus und fragte: 
„Kann etwas hinein?" Dann öffnete er sie und fuhr fort: „Jetzt ist es 
natürlich leicht. So kommt es, daß eine bulabola (große Öffnung) leicht 
empfängt und eine nakapatu (enger oder verschlossener Zugang, Jungfrau) 
es nicht kann." 

Ich habe diese beiden Aussagen in extenso wiedergegeben, da sie sehr 
vielsagend und bezeichnend sind; doch stehen sie keineswegs vereinzelt. 
Eine große Anzahl ähnlicher Erklärungen stimmen alle darin überein 
daß der Weg für das Kind geöffnet werden müsse, doch daß dies nicht 
notwendig durch Geschlechtsverkehr zu geschehen brauche. Die Sache ist 
ganz klar. Die Vagina muß geöffnet werden, um das physiologische Hinder- 
nis zu beseitigen, das einfach kalapatu (ihre Enge) heißt. Ist dies einmal 
geschehen — normalerweise durch Geschlechtsverkehr — , so ist es zur 
Erzeugung eines Kindes durchaus nicht nötig, daß Mann und Weib zu- 
sanunenkommen . 

Da es in den Dörfern keine Jungfrauen gibt — denn jedes weibHche Kind 
beginnt sein Geschlechtsleben sehr früh — , so könnte man sich wundern, 
wieso die Eingeborenen auf diese conditio sine qua non verfielen. Und weiter : 
da sie einmal so weit gelangt sind, scheint es unbegreiflich, daß sie nicht 
einen kleinen Schritt weiter taten und die befruchtende Kraft der Samen- 
flüssigkeit erkannten. Nichtsdestoweniger bezeugen viele Tatsachen, daß sie 
diesen Schritt nicht taten : so sicher sie die Notwendigkeit einer mechanischen 
Öffnung der Scheide erkannt haben, so sicher ist ihnen die Zeugungskraft 
des männlichen Ausflusses verborgen gebheben. Als ich mit den Eingeborenen 

124 



Unkenntnis der physiologischen Vaterschaft 

über die Sagen von den Uranfängen der Menschheit (s. weiter unten 
Kap. XIII, 5) und über phantastische Märchen von fremden Ländern sprach, 
von denen ich nun berichten will, wurde mir dieser feine, doch hochwichtige 
Unterschied zwischen mechanischer Durchbohrung und physiologischer Be- 
fruchtung ganz klar, und so lernte ich die Anschauungen der Eingeborenen 
über Zeugung unter dem richtigen Gesichtswinkel sehen. 

Nach der Überlieferung der Eingeborenen Hegt der Ursprungsort der 
Menschheit unter der Erde. Ein Paar, Bruder und Schwester, stieg an ver- 
schiedenen, namentlich bezeichneten Stellen zum Licht empor. Nach gewissen 
Sagen erscheinen erst nur Frauen. Einige meiner Gewährsleute beharrten 
auf dieser Version: „Siehst du, wir sind so viele auf Erden, weil viel Frauen 
zuerst kamen. Wären es viele Männer gewesen, so wären wir wenige." Ob 
nun die Ur-Frau in Begleitung ihres Bruders auftaucht oder nicht — immer 
stellt man sich vor, daß sie ohne Beihilfe eines Gatten oder eines anderen 
männlichen Partners Kinder gebiert, jedoch nicht, ohne daß die Vagina auf 
irgendeine Art geöffnet wird. In manchen Sagen wird dies ausdrücklich 
vermerkt. So erzählt eine Sage von der Insel Vakuta, wie die Urahnin eines 
Unter-Clans ihren Leib dem fallenden Regen darbot und so mechanisch 
ihre Jungfräulichkeit verlor. In der wichtigsten trobriandischen Mythe lebt 
eine Frau namens Mitigis oder Bolutukwa, die Mutter des sagenhaften 
Helden Tudava, ganz allein in einer Grotte am Meeresufer. Eines Tages 
uegt sie in ihrem Felsengemach unter einem tropfenden Stalaktiten und 
schläft ein. Die Wassertropfen durchbohren ihre Vagina und rauben ihr so 
die Jungfräulichkeit. Daher ihr zweiter Name, Bolutukwa: bo = weibliche 
Vorsilbe; litukwa = tropfendes Wasser. In anderen Sagen vom Ursprung 
der Menschen wird nicht erwähnt, auf welche Weise das Hymen durchbohrt 
wurde, doch oft wird ausdrücklich festgestellt, daß die Ahnin ohne Mann 
war und deshalb keinen Geschlechtsverkehr haben konnte. Fragte ich rund- 
heraus, wie es denn gekommen sei, daß sie ohne Mann Kinder geboren habe, 
so nannten die Eingeborenen mehr oder minder unverblümt oder scherzend 
irgendeine Art der Durchbohrung, die sie leicht hätte anwenden können; 
es war klar, daß mehr nicht nötig war. 

Nehmen wir ein anderes Gebiet der Mythenbildung — die sagenhaften 
Berichte von jetzt noch bestehenden Ländern weit im Norden — , so stoßen 
wir auf das Wunderland Kaytalugi, das ausschließlich von geschlechtstollen 
Frauen bevölkert ist 1 . So brutal und schamlos sind sie, daß ihre Exzesse 
jeden Mann töten, den der Zufall an ihre Küsten führt. Selbst ihre eigenen 

1 Vgl. Kap. XII, 4. 

125 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

männlichen Kinder erreichen nie das Alter der Reife, denn sie werden vorher 
durch geschlechtlichen Mißbrauch langsam zu Tode gequält. Doch diese 
Frauen sind sehr fruchtbar und gebären viele Kinder, männliche und weib- 
liche. Fragt man einen Eingeborenen, wie das möglich sei, wieso diese Frauen 
schwanger würden, wenn es dort keine Männer gäbe, so kann er eine solch 
törichte Frage einfach nicht verstehen. Er wird antworten, daß diese Frauen 
auf alle mögliche Art ihre Jungfräulichkeit zerstören, wenn sie nicht einen 
Mann erwischen, den sie zu Tode quälen können. Und sie haben natürlich 
ihren eigenen baloma, der ihnen Kinder bringt. 

Ich habe zunächst diese Beispiele aus der Sagenwelt angeführt, denn sie 
lassen den Standpunkt der Eingeborenen klar erkennen; eine Perforation 
muß stattfinden, doch es fehlt jegliche Vorstellung von der befruchtenden 
Eigenschaft der Samenflüssigkeit. Es gibt jedoch einige überzeugende Bei- 
spiele aus dem Leben der Gegenwart als Beweis für die Anschauung der 
Eingeborenen, daß ein Mädchen auch ohne vorhergehenden Geschlechts- 
verkehr schwanger werden könne. Einige der eingeborenen Frauen sind 
nämlich so häßlich und abstoßend, daß kein Mensch glaubt, sie hätten je 
Geschlechtsverkehr haben können (ausgenommen natürlich jene wenigen, die 
es besser wissen müssen, die aber aus Scham ängstlich den Mund halten; 
vgl. Kap. X, 2). Da ist zum Beispiel Tilapo'i, jetzt eine alte Frau, in ihrer 
Jugend wegen ihrer Häßlichkeit berüchtigt. Sie ist erblindet, war stets 
beinah idiotisch und hat ein abstoßendes Gesicht und einen deformierten 
Körper. Bare Reizlosigkeit war so allgemein bekannt, daß sie Veranlassung 
wurde zu dem Ausspruch: kwoy Tilapo'i („beschlafe Tilapo'i") — eine Art 
Schmährede, die als gutmütige Verspottung gebraucht wird (Kap. XIII, 4). 
Tilapo'i ist überhaupt eine unerschöpfliche Quelle für allerlei das Eheleben 
betreffende oder auch schlüpfrige Scherze, die alle auf der Annahme be- 
ruhen, daß kein Mann sich je dazu hergeben könne, Tilapo'is Liebhaber 
oder zukünftiger Gatte zu sein. I mm er und immer wieder wurde mir ver- 
sichert, daß niemals ein Mann sich geschlechtlich mit ihr eingelassen haben 
könnte. Und doch hat diese Frau ein Kind gehabt, wie mir die Eingeborenen 
triumphierend mitteilten, wenn ich sie davon zu überzeugen suchte, daß 
Kinder nur durch Geschlechtsverkehr zustande kommen können. 

Ferner ist da die Sache mit Kurayana, einer Frau aus Sinaketa, die ich 
nie gesehen habe, doch die „so häßlich" sein soll, „daß jeder Mann sich 
schämen würde" mit ihr geschlechtlich zu verkehren. Dieser Ausspruch läßt 
erkennen, daß gesellschaftliche Schande ein noch stärkeres Abschreckungs- 
mittel sein würde als erotischer Widerwille, eine Annahme, die der Seelen- 
kenntnis meines Gewährsmanns kein schlechtes Zeugnis ausstellt. Kurayana, 

126 



Worte und Taten als Beweise 

die Keuscheste der Keuschen — und zwar der Not gehorchend, nicht dem 
eignen Trieb — hatte nichtsdestoweniger sechs Kinder, von denen fünf ge- 
storben sind; eines jedoch lebt noch heute 1 . 

Albinos, Männer sowohl als Frauen, gelten als ungeeignet für den Ge- 
schlechtsverkehr. Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß alle Ein- 
geborenen wirklichen Abscheu und Widerwillen gegen diese unseligen Wesen 
empfinden, einen Abscheu, der durchaus verständlich wird, wenn man 
Exemplare solch unpigmentierter Eingeborener mit eigenen Augen gesehen 
hat (s. Abb. 37). Doch ist es wiederholt vorgekommen, daß Albino-Frauen 
eine zahlreiche Nachkommenschaft hatten. „Wieso sind sie schwanger ge- 
worden? Etwa, weil sie nachts Geschlechtsverkehr haben? Oder weil ein 
baloma ihnen Kinder gegeben hat ?" Dies war das unwiderlegliche Argument 
eines meiner Gewährsleute, denn die erste Alternative kam als ganz absurd 
offenbar gar nicht in Frage. Diese ganze Art der Beweisführung lernte ich 
bereits in den ersten Unterhaltungen über diesen Gegenstand kennen, und 
spätere Forschungen bestätigten mir den Sachverhalt. Denn um die Festig- 
keit ihrer Überzeugung zu prüfen, verteidigte ich häufig in sehr entschiedener 
und aggressiver Art die richtige physiologische Lehre von der Zeugung. Bei 
solchen Erörterungen führten die Eingeborenen nicht nur positive Beispiele 
an wie die oben erwähnten Frauen, die Kinder bekommen, ohne je Ge- 
schlechtsverkehr genossen zu haben; es wird vielmehr auch die gleichermaßen 
überzeugende negative Seite hervorgehoben, nämlich die vielen Fälle, daß 
eine unverheiratete Frau reichlich Geschlechtsverkehr und doch keine Kinder 
hat. Dieser Beweisgrund wurde immer und immer wieder angeführt neben 
besonders eindrucksvollen konkreten Beispielen von kinderlosen Mädchen, 
die wegen ihres ausschweifenden Lebens berüchtigt waren, oder von Frauen, 
die mit einem weißen Händler nach dem anderen lebten, ohne je Kinder 
zu bekommen. 

4. Worte und Taten als Beweise 

Obwohl ich mich nie gescheut habe, meine Fragen unter einem leitenden 
Gesichtspunkt zu stellen und die Ansichten der Eingeborenen durch Wider- 
spruch herauszulocken, war ich doch einigermaßen erstaunt über den heftigen 
Widerstand, den mein Eintreten für physiologische Vaterschaft hervorrief. 
Erst ziemlich am Ende meines trobriandischen Aufenthaltes fand ich heraus, 

1 In meinem bereits zitierten Aufsatz im „Journal of the Anthropological Institute", 1916, 
habe ich Kurayana unrecht getan mit der Behauptung, sie sei die Mutter von nur fünf 
Kindern. Sechs ist die richtige Zahl — und alle hat sie ohne Hilfe eines Mannes in die Welt 
gesetzt! 

127 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

daß ich nicht der erste war, der die Anschauungen der Eingeborenen in 
diesen Dingen bekämpfte: die Missionslehrer hatten es schon vor mir getan. 
Ich spreche hier hauptsächlich von den farbigen Lehrern, denn ich weiß 
nicht, wie sich der eine oder die zwei weißen Männer verhalten haben, die 
vor meiner Zeit die Missionsstation leiteten; diejenigen, welche während 
meines Aufenthalts auf die Inseln kamen, walteten nur ganz kurze Zeit 
ihres Amtes und ließen sich auf solche Einzelheiten nicht ein. Doch alle 
meine eingeborenen Gewährsleute bekräftigten mir folgende Tatsache, nach- 
dem ich sie einmal entdeckt hatte: die Lehre von der Vaterschaft und alles, 
was dieses Ideal stützt, wird von den farbigen christlichen Lehrern stark 
befürwortet. 

Wir müssen uns klar machen, daß das wichtige Dogma von Gott dem 
Vater und Gott dem Sohn, das Opfer des einzigen Sohnes und die kindliche 
Liebe des Menschen zu seinem Schöpfer natürlich in einer mutterrechtlichen 
Gesellschaft gar nicht zünden kann, wo nach dem Stammesgesetz Vater 
und Sohn füreinander Fremde sind, wo jede persönliche Bindung zwischen 
ihnen geleugnet wird und wo alle Verpflichtungen gegenüber der Familie 
dem Geschlecht der Mutter zufallen. Da brauchen wir uns nicht zu wundern, 
daß bekehrsüchtige Christen die große Wahrheit der „Vaterschaft" den Ein- 
geborenen einzuprägen trachten. Sonst müßte ja das Dogma von der Drei- 
einigkeit ins Mutterrechtliche übersetzt werden, wir müßten einen Gott- 
Kadala (Bruder der Mutter), einen Gottes-Schwester-Sohn und einen Heiligen 
Baloma (Geist) einfuhren. 

Doch abgesehen von allen Schwierigkeiten dogmatischer Art, versuchen 
die Missionare ernstlich, Geschlechtsmoral in unserem Sinne zu verbreiten; 
bei diesem Bemühen kommen sie nicht ohne die Vorstellung aus, daß der 
Geschlechtsakt wichtige Folgen für das Familienleben habe. Außerdem ist 
die ganze christliche Moral eng verknüpft mit der Institution der vater- 
rechtlichen, patriarchalischen Familie: der Vater ist der Stammvater und 
der Herr des Hauses. Kurz, eine Religion, deren Dogmen im wesentüchen 
auf der Heiligkeit der Vater- Sohn-Beziehung beruhen und deren Moral mit 
einer starken patriarchalischen Familie steht und fällt, muß natürlich die 
Vater-Beziehung dadurch zu stützen suchen, daß sie ihre natürliche Grund- 
lage aufzeigt. Erst bei meinem dritten Aufenthalt in Neu-Guinea entdeckte 
ich unter den Eingeborenen einige Erbitterung darüber, daß man ihnen 
einen „Unsinn" vorpredige und daß auch ich, der sonst sich doch gar nicht 
„missionarhaft" benahm, ihnen dieselben törichten Argumente auftische. 

Als ich das herausgefunden hatte, pflegte ich die richtige physiologische 
Lehre als das „Gerede der Missionare" zu bezeichnen, um die Eingeborenen 

128 




2 






TS 
C 
3 



8 ?! 






§1 



•5 s ^ 

S T3 ^" 



^<B 



■a 



31 ä 

>o a < 



s e 



w __ »t r* -* 

.3 S 'S •§ £ 



* J 
TS H 



a 

e 



3 C 

13 

C - 

a, "5 

g i 

1 1 



*» 5 



I 



«3 



S £ 






'■/ ) ■ 



- . ■ ■ ■ 



t, . 



>Ä*< 




Sf 



w ?* 



M 



vi 

K 
W 
Q 



« 



o s 



9 i 



1 1 






O TS 
H 'S 



II* 

8 8 £< 

aj «C i— 
.ö <-> 

«» -■ 

S .5 •« 
§ | k 

|>I | 

u 

«: a> *a 

,s> 

gj 

fr 



** 







N. 



38. ZWEI BRÜDER 
Die Ähnlichkeit zwischen Namwana Guya'u und Yobukwa'u ist so auffallend, daß sie auf 
diesem Bude noch erkennbar ist, trotzdem der eine zum Zeichen der Trauer den Kopf Ge- 
schoren trägt. Diese Photographie zeigt auch die Veränderung der äußeren Erscheinung durch 
die Trauertracht. fKAP. VII, «,- KAP, x, 2) 




39. VATER UND SOHN 
Der Häuptling To'uluwa, eine Bambuspfeife in der Hand, steht vor seinem Hause; sein Sohn 
Dipapa, des Vaters Kalkkalebasse auf dem Schoß, sitzt zu seinen Füßen. (KAP. VII, 6; I, 2> 



Worte und Taten als Beweise -\ 

zu Erklärungen oder zum Widerspruch aufzureizen. Auf diese Art bekam 
ich einige der stärksten und klarsten Behauptungen zusammen, aus denen 

ich einige auswählen will. 

Motago'i, einer meiner intelligentesten Gewährsleute, rief als Erwiderung auf 
die etwas hochmütig formulierte Behauptung, daß die Missionare recht hätten: 
Galawala! Isasopasi: yambwata yambwata 

Nicht durchaus! Sie lügen: . immer immer 

nakubukwabuya ™mona ikasewo 

unverheiratete Mädchen Samenflüssigkeit es ist ganz voll 

litusi gala." 

Kinder ihre nicht. 

In freier Übersetzung: „Durchaus nicht, die Missionare irren sich; un- 
verheiratete Mädchen haben fortwährend Geschlechtsverkehr, sie fließen 
sogar über von Samenflüssigkeit und haben doch keine Kinder." 

Hier drückt Motago'i in knappen, anschaulichen Worten seine Ansicht 
aus: stünde der Geschlechtsverkehr tatsächlich mit dem Kinderkriegen in 
ursächlichem Zusammenhang, so müßten vor allem die unverheirateten 
Mädchen Kinder bekommen, da sie ja ein viel intensiveres Geschlechtsleben 
führen als die Verheirateten — eine überraschende Tatsache, die wirklich 
der Wahrheit entspricht, wie wir später sehen werden, die jedoch von 
unserem Gewährsmann leicht übertrieben wird, denn es kommt auch vor, 
daß unverheiratete Mädchen schwanger werden — freilich lange nicht so 
häufig, wie man erwarten sollte, wenn man der „Missionarsansicht" huldigt. 
Als ich ihn im Verlauf der Unterhaltung weiter fragte: „Was ist denn da 
die Ursache der Schwangerschaft?" antwortete er: „Blut auf dem Kopf 
macht Kind. Geister bringen zur Nachtzeit das Kind, legen es auf die Köpfe 
der Frauen — es macht Blut. Dann, nach zwei oder drei Monaten, wenn 
das Blut (hier: das Menstruationsblut) nicht herauskommt, wissen sie: ,0, 

ich bin schwanger!'" 

Ein Gewährsmann in Teyava machte bei einer ähnlichen Unterredung 
verschiedene Aussagen, von denen ich zwei als besonders spontan und be- 
weiskräftig anführe: „Geschlechtsverkehr allein kann kein Kmd erzeugen 
Nacht für Nacht, jahrelang, haben Mädchen Geschlechtsverkehr. Kein Kmd 
kommt." Hier finden wir wieder dieselbe Beweisführung auf Grund von 
Erfahrungstatsachen; trotz des eifrig gepflegten Geschlechtsverkehrs ge- 
baren die meisten Mädchen nicht. Eine andere Aussage desselben Gewährs- 
mannes lautet: „Sie sagen, daß Samenflüssigkeit Kind macht. Lüge! Die 
Geister fürwahr bringen [Kinder] zur Nachtzeit." 

129 
9 M. G. 



itaJagila 
es läuft heraus 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Mein bester Gewährsmann in Omarakana war Tokulubakiki; auf seinen 
guten Willen, seine Ehrlichkeit und leidenschaftslose Betrachtungsweise 
konnte ich mich stets verlassen. Als endgültige Bestätigung meiner bisher 
erlangten Kenntnisse gab er mir eine klare, wenn auch einigermaßen an 
Rabelais gemahnende Schilderung des trobriandischen Standpunkts: 

„Takayta, itohay vivila 

Wir begatten uns, sie steht auf Frau 

momona — iwokwo." 

Samenflüssigkeit — es ist beendet. 

In anderen Worten: nachdem die Spuren der geschlechtlichen Vereinigung 
entfernt sind, gibt es weiter keine Folgen. 

Diese Aussprüche, wie auch die früher angeführten, lassen an Schärfe 
und Klarheit nichts zu wünschen übrig; doch ist eine Meinung schließlich 
nichts weiter als der akademische Ausdruck einer Überzeugung, deren Tief- 
gang und Festigkeit man am sichersten am wirklichen Verhalten nachprüft. 
Für den Südseeinsulaner wie für den europäischen Bauern sind seine Haus- 
tiere — das heißt seine Schweine — die wertvollsten und höchstgeschätzten 
Mitglieder des Haushalts. Und wenn seine echte, ernsthafte Überzeugung an 
irgendeiner Stelle klar hervortritt, dann bei der Sorge um das Wohlergehen 
und die Qualität seiner Tiere. Die Südseeinsulaner sind besonders erpicht 
darauf, gute, starke und gesunde Schweine zu haben, Schweine von guter 
Rasse. 

Nach der Qualität unterscheiden die Eingeborenen vor allem das wilde 
oder Busch-Schwein vom zahmen Dorfschwein. Dorfschwein gilt als großer 
Leckerbissen, während auf dem Fleisch des Busch- Schweins für Leute von 
Rang in Kiriwina ein ganz strenges Tabu liegt, dessen Übertretung sie mit 
echtem Abscheu und Widerwillen erfüllt. Doch lassen sie die weiblichen 
Dorfschweine ruhig am Saume des Dorfes und im Busch herumschweifen, 
wo sie sich ungehindert mit den männlichen Busch- Schweinen paaren können; 
andererseits kastrieren sie alle männlichen Schweine im Dorf, um ihre 
Qualität zu erhöhen. Und so stammt natürlich die ganze Nachkommenschaft 
in Wahrheit von den wilden Ebern im Busch. Doch davon haben die Ein- 
geborenen nicht die leiseste Ahnung. Als ich einmal zu einem Häuptling 
8a g te: „Du ißt das Kind eines Busch-Schweins", hielt er es nur für einen 
schlechten Scherz, denn über das Verzehren von Busch- Schweinen Witze zu 
machen gilt bei einem vornehmen Trobriander als nicht sehr wohlerzogen. 
Doch verstand er durchaus nicht, was ich wirklich meinte. 

Gelegentlich erkundigte ich mich ganz direkt, wie ein Schwein sich fort- 

130 



Worte und Taten als Beweise 

pflanze; da Bekam ich zur Antwort: „Das weibliche Schwein pflanzt sich 
von selber fort", was einfach bedeutete, daß wahrscheinlich hei der Ver- 
mehrung der Haustiere kein baloma im Spiele ist. Als ich Parallelen zog 
und die Vermutung aussprach, kleine Schweine würden vielleicht von ihren 
eigenen baloma gebracht, waren die Eingeborenen durchaus nicht überzeugt 
davon, und es zeigte sich deutlich, daß weder ihre eigene Neugier noch die 
Angaben der Überlieferung ausreichten, um Interesse an der Fortpflanzung 
der Schweine zu erwecken. 

Sehr wichtig war eine Aussage Motago'is: „Bei allen männlichen Schweinen 
entfernen wir die Testikel. Sie begatten sich nicht. Und doch werfen die 
Weibchen Junge." Die Möglichkeit, daß die Busch- Schweine sich schlecht 
aufführen könnten, war ihm also unbekannt; er führte die Kastrierung der 
Hausschweine als endgültigen Beweis dafür an, daß Begattung nichts mit 
Fortpflanzung zu tun habe. Bei einer anderen Gelegenheit verwies ich auf 
die beiden einzigen Ziegen auf dem ganzen Archipel, ein Männchen und 
em Weibchen, die ein Händler kürzlich importiert hatte. Als ich fragte ob 
denn das Weibchen auch Junge werfen würde, wenn das Männchen getötet 
wurde, kam ohne Zögern die Antwort: „Jahr für Jahr wird sie gebären." 
Die Eingeborenen sind also fest überzeugt: wenn ein weibliches Tier von 
allen Männchen seiner Art abgeschnitten wäre, so würde das doch seine 
Fruchtbarkeit in keiner Weise beeinflussen. 

Eine andre Probe aufs Exempel lieferte die vor kurzem erfolgte Ein- 
führung europäischer Schweine. Der erste, der sie herüberbrachte, war der 
verstorbene griechische Händler Mick George, ein wahrhaft homerischer 
Charakter; ihm zu Ehren wurden diese Schweine bulukwa Miki genannt 
(Micks Schweine); die Eingeborenen geben im Tausch für ein europäisches 
Schwein fünf bis zehn ihrer eigenen; doch haben sie es einmal erworben, so 
achten sie nicht im geringsten darauf, daß es sich mit einem Männchen seiner 
eigenen höheren Rasse paart, obwohl das ein leichtes wäre. Einmal hatten 
sie von mehreren europäischen Ferkeln alle Männchen kastriert; als ein 
weißer Händler das tadelte und ihnen sagte, dadurch verschlechterten sie 
die ganze Rasse, konnten sie das einfach nicht begreifen; überall im ganzen 
Gebiet lassen sie fortwährend ihre wertvollen europäischen Schweine sich 
wahllos vermehren. 

In dem bereits angeführten Aufsatz (Journal of the Anthropological In- 
stitute, 1916) zitiere ich wörtlich die Aussage eines Gewährsmannes, die ich 
zu Anfang meiner Feld-Arbeit zu hören bekam: „Sie (die Schweine) be- 
gatten sich, bald wird das Weibchen gebären." Mein Kommentar lautete- 
„Hier scheint also Begattung das xtula (Ursache) der Schwangerschaft zu 

131 



-*» 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

sein." Diese Meinung ist selbst in eingeschränkter Form unrichtig. Bei 
meinem ersten Aufenthalt auf den Trobriand-Inseln, nachdem dieser Aufsatz 
verfaßt wurde, war ich nämlich in die Anschauungen über tierische Fort- 
pflanzung nur wenig eingedrungen. Nun ich mir im Laufe der Zeit bessere 
Kenntnisse erworben, kann ich den oben zitierten kurzen Ausspruch des 
Eingeborenen nicht mehr so auffassen, als sage er etwas über die tatsächliche 
Fortpflanzung der Schweine aus; er besagt vielmehr ganz einfach, daß bei 
Tieren ebenso wie beim Menschen eine Erweiterung der Vagina nötig ist. 
Er zeigt weiterhin, daß nach Ansicht der Eingeborenen die Tiere in dieser 
wie manch anderer Hinsicht nicht denselben Kausalbeziehungen unterstehen 
wie die Menschen. Beim Menschen sind Geister die Ursache der Schwanger- 
schaft: bei Tieren — geschieht es eben. Während ferner die Trobriander 
alle menschlichen Gebrechen und Leiden auf Zauberei zurückführen, ist bei 
den Tieren Krankheit eben Krankheit. Die Menschen sterben auf Grund 
von sehr starker übler Magie; Tiere — sterben eben. Doch wäre es ganz 
irrig, daraus zu folgern, die Eingeborenen wüßten bei Tieren um die natür- 
liche Ursache von Trächtigkeit, Krankheit und Tod, während sie beim 
Menschen dieses Wissen durch einen animistischen Überbau verwischen. In 
Wahrheit verhält es sich folgendermaßen: die Eingeborenen haben für alles 
Menschliche ein so starkes Interesse, daß sie alles, was den Menschen angeht, 
mit einer besonderen Tradition umspinnen; während bei den Tieren alles 
hingenommen wird, wie es eben kommt, ohne den Versuch einer Erklärung 
und ohne Einsicht in den wirklichen Lauf der Natur. 

Ihre Haltung gegenüber den eigenen Kindern bezeugt ebenfalls ihre Un- 
kenntnis vom ursächlichen Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und 
Schwängerung. Ein Ehemann, dessen Frau während seiner Abwesenheit ge- 
schwängert wurde, wird diese Tatsache und das Kind freudig aufnehmen 
und durchaus keinen Grund sehen, an ihrer Treue zu zweifeln. Einer meiner 
Gewährsleute berichtete mir, daß er nach mehr als einjähriger Abwesenheit 
nach Hause zurückkehrte und ein neugeborenes Kind vorfand. Er erzählte 
mir das als Beispiel und endgültigen Beweis dafür, daß Geschlechtsverkehr 
mit Schwängerung nichts zu tun habe; und man darf nicht vergessen, daß 
ein Eingeborener niemals ein Thema berühren würde, das auch nur den 
leisesten Zweifel an der Treue seiner Frau aufkommen ließe. Im allgemeinen 
wird jede Anspielung auf ihr vergangenes oder gegenwärtiges Geschlechts- 
leben streng vermieden. Über ihre Schwangerschaft und ihr Kindbett wird 
dagegen ganz frei geredet. 

Ein anderer Fall: ein Mann von der kleinen Insel Kitava freute sich sehr, 
als er nach zweijähriger Abwesenheit ein wenige Monate altes Kind zu Hause 

132 



■- 
» 



Worte und Taten als Beweise 

vorfand, und verstand nicht im geringsten die indiskreten Sticheleien und 
Anspielungen auf die Tugend seiner Frau von seiten einiger weißer Männer. 
Mein Freund Layseta, ein großer Seefahrer und Zauberer in Sinaketa, ver- 
brachte in seinen späteren Jugendjahren eine längere Zeit auf den Amphlett- 
Inseln. Bei seiner Rückkehr fand er zwei Kinder vor, die seine Frau während 
seiner Abwesenheit geboren hatte. Er hat die Kinder und seine Frau sehr 
gern; als ich die Sache mit anderen besprach und dabei andeutete, daß 
wenigstens das eine der beiden Kinder nicht vom ihm sein könne, verstand 
man überhaupt nicht, was ich meinte. 

Wir sehen also aus diesen Beispielen, daß Kinder, die in der Ehe während 
einer langen Abwesenheit des Ehemannes geboren werden, doch von ihm 
als seine eigenen anerkannt werden; das heißt, sie stehen zu ihm in der 
sozialen Beziehung eines Kindes zum Vater. Eine lehrreiche Parallele hierzu 
bilden die Fälle, wo Kinder außerhalb der Ehe geboren werden, doch als 
Frucht eines Verhältnisses, das ebenso ausschließend wie die Ehe ist. In 
einem solchen Falle würde für uns über den physiologischen Vater kein 
Zweifel bestehen; doch ein Trobriander würde die Kinder nicht als seine 
eigenen anerkennen; überdies würde er sich vielleicht weigern, die Mutter 
zu heiraten, da es als entehrend für ein Mädchen gilt, Kinder zu kriegen, 
ehe sie verheiratet ist. Dafür habe ich ein gutes Beispiel erlebt: Gomaya, 
einer meiner ersten Gewährsleute, den wir bereits kennengelernt haben 
(Kap. IV, 6), hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen namens Ilamweria 
(Abb. 43). Sie lebten zusammen und wollten demnächst heiraten. Doch sie 
wurde schwanger und gebar ein Mädchen, worauf Gomaya sie sitzen ließ. 
Er war der festen Überzeugung, daß sie nie mit einem anderen jungen Mann 
etwas zu tun gehabt hatte; wäre ihm also auch nur die leiseste Vorstellung 
von physiologischer Vaterschaft in den Sinn gekommen, so hätte er das 
Kind als sein eigenes anerkannt und die Mutter geheiratet; doch im Ein 
klang mit den Ansichten der Eingeborenen fragte er überhaupt nicht nach 
der Vaterschaft; es genügte die uneheliche Mutterschaft. 

Kinder, die von einer verheirateten Frau geboren sind, haben also deren 
Gatten zum offiziellen Vater, während eine unverheiratete Mutter „keinen 
Vater zu dem Kinde" hat. „Vater" ist ein sozialer Begriff, und die Voraus- 
setzung der Vaterschaft ist die Ehe. Das überlieferte Volksempfinden be- 
trachtet uneheliche Kinder, wie schon gesagt, als ungehörig von Seiten der 
Mutter. Natürlich liegt darin nicht der Vorwurf einer sexuellen Verfehlung; 
für den Eingeborenen ist vielmehr „unrecht tun" gleichbedeutend mit 
„gegen Brauch und Sitte handeln". Es ist für ein unverheiratetes Mädchen 
nicht Brauch, Kinder zu kriegen, wohl aber ist es Brauch für sie, Geschlechts- 

133 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

verkehr zu haben, soviel sie will. Fragt man die Eingeborenen, warum es 
denn schlecht sei, antworten sie: 

„Pela gala tamala, gala taytala bikopoH." 

„Weil kein Vater seines, kein Mann er [der] [es] in seine Arme nehmen 
könnte." 

„Weil kein Vater für das Kind da ist, ist auch kein Mann da, es in die 
Arme zu nehmen." In diesem Ausspruch wird die richtige Bedeutung des 
Wortes tamala klar ausgedrückt; er ist der Gatte der Mutter, dessen Auf- 
gabe und Pflicht darin besteht, das Kind in die Arme zu nehmen und ihr 
bei der Pflege und Erziehung zu helfen. 

5. Vaterlose Kinder in einer mutterrechtlichen Gesellschaft 
Hier scheint mir der Ort, von dem sehr interessanten Thema „uneheliche 
Kinder" zu sprechen, oder, wie die Eingeborenen sich ausdrücken, „Kinder, 
von unverheirateten Mädchen geboren", „vaterlose Kinder". Zweifelsohne 
haben sich dem Leser gewisse Fragen aufgedrängt. Werden nicht bei so 
weitgehender geschlechtlicher Freiheit eine große Anzahl Kinder außerhalb 
der Ehe geboren? Und wenn nicht, welche Verhütungsmittel wenden die 
Eingeborenen an? Wenn ja, wie behandeln sie das Problem — welche 
Stellung nehmen die unehelichen Kinder ein? 

Was die erste Frage betrifft, so ergibt sich die bemerkenswerte Tatsache, 
daß uneheliche Kinder selten sind. Während der Zeit völliger geschlecht- 
licher Ungebundenheit, die im frühen Kindesalter beginnt und bis zur Heirat 
währt, scheinen die Mädchen unfruchtbar zu bleiben; sind sie verheiratet, 
so empfangen und gebären sie, zuweilen sogar ganz ausgiebig. Über die Zahl 
der unehelichen Kinder möchte ich mich nur mit Vorsicht auslassen, denn 
in den meisten Fällen ist schon die bloße Feststellung der Tatsache mit be- 
sonderen Schwierigkeiten verknüpft. Voreheliche Kinder zu haben gut, wie 
schon gesagt, nach der willkürlich herrschenden Sitte für tadelnswert. So 
wird denn das Vorhandensein solcher Kinder aus Zartgefühl gegen An- 
wesende, aus Familieninteresse und Lokalstolz stets vertuscht. Häufig 
werden solche Kinder von irgendeinem Verwandten angenommen, denn die 
große Dehnbarkeit der Verwandtschaftsbezeichnungen macht es äußerst 
schwierig, zwischen leiblichen und angenommenen Kindern zu unterscheiden. 
Wenn ein verheirateter Mann sagt: „Dies ist mein Kind", so kann es ebenso- 
gut das uneheliche Kind der Schwester seiner Frau sein. So kann man 
selbst in einer Dorfgemeinschaft, die einem wohlbekannt ist, nur eine an- 
nähernde Schätzung anstellen. Ich habe ungefähr ein Dutzend nachweisbar 
unehelicher Kinder auf den Trobriand-Inseln gezählt, was etwa einem 

134 



Vaterlose Kinder in einer mutterrechtlichen Gesellschaft 

Prozent entspricht. Dabei sind die unehelichen Kinder der oben erwähnten 
häßlichen, verkrüppelten oder Albino-Frauen nicht mitgezählt, da zufällig 
keine von ihnen in meinen genealogischen Aufzeichnungen vorkommt. 

So stehen wir vor der Frage: wieso gibt es so wenige uneheliche Kinder? 
Ich kann nur vermutungsweise darüber sprechen; auch sind meine Kennt- 
nisse nicht so ausgedehnt, wie sie hätten sein können, wenn ich diesem 
Punkt größere Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Eines kann ich mit ab- 
soluter Sicherheit sagen: Verhütungsmittel irgendwelcher Art sind un- 
bekannt, wie auch die leiseste Vorstellung davon, daß es so etwas geben 
könne. Das ist selbstverständlich ganz natürlich. Da die Befruchtungs- 
fähigkeit der Samenflüssigkeit unbekannt ist, da ihr Austreten nicht nur 
als harmlos, sondern als wohltätig angesehen wird, so besteht für die Ein- 
geborenen kein Grund, warum sie der Samenflüssigkeit den freien Zugang 
zu jenen Teilen, die sie doch geschmeidig machen soll, wehren sollten. Jede 
Andeutung neomalthusianischer Praktiken ruft Entsetzen oder Gelächter 
hervor, je nach Temperament und Stimmung. Coitus interruptus wird nie 
angewendet, und noch weniger wissen sie von chemischen oder mechanischen 
Verhütungsmitteln . 

Doch wenn ich auch über diesen Punkt absolut sicher bin, so kann ich 
doch nicht mit gleicher Überzeugtheit von Abtreibung sprechen, obwohl sie 
wahrscheinlich durchaus nicht in großem Umfang ausgeführt wird. Ich 
möchte gleich hier betonen, daß die Eingeborenen bei der Erörterung dieser 
Frage weder Furcht noch Zwang empfinden; es kann also nicht die Rede 
davon sein, daß die Feststellung des Tatbestandes durch Verschweigen oder 
Vertuschen erschwert würde. Ich hörte, es gäbe eine Magie, die vorzeitige 
Geburt herbeiführe, doch konnte ich keinen Fall ausfindig machen, wo sie 
angewendet worden ist. Auch sind mir keine Zauberformeln und Riten be- 
kannt geworden, die dabei benutzt werden. Einige Kräuter, die dabei Ver- 
wendung finden, wurden mir genannt, doch bin ich überzeugt, daß kein 
einziges davon physiologisch wirksam ist. Abtreibung auf mechanischem 
Wege schemt schließlich das einzig wirksame Mittel, durch das die Ein- 
geborenen dem Bevölkerungszuwachs Einhalt tun, und auch das wird nicht 
in großem Ausmaß angewendet. 

So bleibt das Problem ungelöst. Kann es irgendein physiologisches Gesetz 
geben, wonach Empfängnis unwahrscheinlicher wird, wenn die Frauen sehr 
jung mit dem Geschlechtsverkehr beginnen, ihn unermüdlich betreiben und 
ihre Liebhaber ausgiebig wechseln? Diese Frage läßt sich hier natürlich 
nicht beantworten, da sie rein biologischer Natur ist; doch irgendeine der- 
artige Lösung der Schwierigkeit scheint mir die einzig mögliche, falls mir 



135 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 






nicht etwa irgendein sehr wichtiger ethnologischer Aufschluß entgangen ist. 
Ich bin, wie gesagt, keineswegs der Meinung, meine Forschungen in dieser 
Hinsicht seien endgültig. 

Amüsant ist es, zu beobachten, daß der Durchschnittsweiße, der auf den 
Trobriand-Inseln lebt oder sie vorübergehend aufsucht, ein tiefgehendes 
Interesse für diese Frage bekundet, ausgerechnet für diese eine Frage unter 
all den ethnologischen Problemen, die sich vor ihm auftun. Bei den weißen 
Bewohnern des östlichen Neu- Guinea ist der Glaube verbreitet, die Tro- 
briander besaßen irgendwelche geheimnisvollen, unfehlbar wirksamen Ver- 
hütungs- oder Abtreibungsmittel. Diese Ansicht erklärt sich zweifelsohne aus 
den soeben erwähnten, sehr merkwürdigen und überraschenden Tatsachen, 
doch sie beruht auf ungenügender Kenntnis und der Neigung zu Sensation 
und Übertreibung, die für den plumpen europäischen Geist sehr bezeichnend 
ist. Von ungenügender Kenntnis erlebte ich mehrere Beispiele; denn jeder 
Weiße, mit dem ich über dieses Thema sprach, behauptete zunächst einmal 
6teif und fest, daß unverheiratete Mädchen auf den Trobriand-Inseln über- 
haupt nie Kinder hätten, ausgenommen diejenigen, welche mit weißen 
Händlern lebten; wohingegen wir gesehen haben, daß uneheliche Kinder 
wohl vorkommen. Ebenso irrig und phantastisch ist der Glaube an ge- 
heimnisvolle empfängnisverhütende Mittel; selbst diejenigen Weißen, die 
am längsten auf den Trobriand-Inseln gewohnt haben, können nicht den 
Schimmer eines Beweises anführen, obwohl sie von der Tatsache selbst fest 
überzeugt sind. Dies scheint mir ein gutes Beispiel für den wohlbekannten 
Umstand, daß eine höhere Rasse im Kontakt mit einer niederen stets dazu 
neigt, den Angehörigen dieser letzteren geheimnisvolle dämonische Kräfte 
zuzuschreiben. 

Wenden wir uns nun wieder der Frage „vaterlose Kinder" zu; in bezug 
auf uneheliche Geburt finden wir bei den Trohriandern eine 6tarke Strömung 
der öffentlichen Meinung, die fast schon einer Moralvorschrift gleichkommt. 
In unserer eigenen Gesellschaft huldigen wir 6ehr entschieden derselben 
Meinung, doch bei uns erwächst sie aus der scharfen moralischen Ver- 
urteilung eines unkeuschen Lebenswandels. Zum mindesten in der Theorie, 
wenn nicht auch in der Praxis, verurteilen wir die Frucht geschlechtlicher 
Unmoral wegen ihrer Ursache und nicht wegen ihrer Folge. Unser Vernunft- 
schluß lautet folgendermaßen: „Aller Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe 
ist schlecht; die Ursache der Schwangerschaft ist Geschlechtsverkehr; 
folglich sind alle unverheirateten Schwangeren schlecht." Finden wir nun 
in einer anderen Gesellschaft den letzten Satz des Syllogismus in Gültigkeit, 
60 ziehen wir den voreiligen Schluß, es mußten auch die beiden Prämissen 



136 



Vaterlose Kinder in einer mutterrechtlichen Gesellschaft 

gelten, vor allem die zweite. Mit anderen Worten, wir nehmen an, die Ein- 
geborenen wüßten Bescheid über die physiologische Vaterschaft. Wir wissen 
jedoch, daß die erste Prämisse für die Trobriand-Inseln gar nicht zutrifft, 
denn Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe ist durchaus nicht verboten,' 
solange er nicht gegen die besonderen Tabus auf Ehebruch, Exogamie und 
Blutschande verstößt. Es kann also die zweite Prämisse nicht als Ver- 
bindungsglied dienen; und die Tatsache, daß bei den Eingeborenen die 
Schlußfolgerung Gültigkeit hat, beweist in keiner Weise ihre Kenntnis der 
Vaterschaft. Ich bin auf diesen Punkt etwas ausführlicher eingegangen, weil 
er ein charakteristisches Beispiel dafür liefert, wie schwer wir loskommen 
von der eigenen engen Denk- und Fühlweise, von dem eigenen strengen 
Gefüge unserer sozialen und moralischen Vorurteile. Ich selbst hätte ja 
gegen solche Fälle auf der Hut sein müssen, denn ich kannte damals die 
Trobriander und ihre Denkweise schon ganz gut; und doch als ich er- 
fuhr, wie stark uneheliche Kinder gemißbilligt werden, habe ich auch all 
diese falschen Folgerungen gezogen, bis mich eingehendere Bekanntschaft 
mit den Tatsachen eines Besseren belehrte. 

Fruchtbarkeit bei unverheirateten Mädchen ist eine Schande, Unfruchtbar- 
keit bei verheirateten Frauen ist ein Unglück. Derselbe Ausdruck, nakarige 
{na = weibliche Vorsilbe, karige = sterben), wird für eine kinderlose Frau 
und eine unfruchtbare Sau gebraucht. Aber Kinderlosigkeit bringt keine 
Schande über die Betroffenen und beeinträchtigt nicht ihre soziale Stellung. 
To'uluwas älteste Frau, Bokuyoba, hat keine Kinder; doch nimmt sie den 
ersten Platz unter seinen Frauen ein, wie es ihrem Alter zukommt. Auch 
gilt das Wort nakarige nicht für verletzend; eine unfruchtbare Frau ge- 
braucht es von sich selbst, und andere wenden es in ihrer Gegenwart auf sie 
an. Doch gilt Fruchtbarkeit bei einer Verheirateten als eine gute Eigen- 
schaft. In erster Linie geht sie ihre mutterseitigen Verwandten an, für die 
sie von großer Wichtigkeit ist (s. Kap. I, 1). „Die Verwandten freuen sich, 
denn ihre Körper werden stärker, wenn eine ihrer Schwestern oder Nichten 
viele Kinder bekommt." Im Wortlaut dieser Aussage drückt sich die inter- 
essante Auffassung von der Kollektiveinheit des Clans aus: die Mitglieder 
sind nicht nur vom selben Fleisch und Blut, sondern bilden beinah einen 
einzigen Körper (s. Kap. VI und Kap. XIII, 5). 

Was unser Hauptthema betrifft, so dürfen wir nicht übersehen, daß die 
Verachtung und Mißbilligung unehelicher Geburten in soziologischer Hinsicht 
sehr bedeutsam ist. Machen wir uns den seltsamen und interessanten Tat- 
bestand noch einmal klar: physiologische Vaterschaft ist unbekannt; Vater- 
schaft in sozialem Sinn wird jedoch als notwendig angesehen, und das„vater- 

137 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

lose Kind" gilt als anormal, vom gewöhnlichen Verlauf der Dinge ab- 
weichend und daher als tadelnswert. Was bedeutet das? Die öffentliche 
Meinung, begründet auf Brauch und Überlieferung, erklärt: eine Frau darf 
nicht Mutter werden, ehe sie verheiratet ist, obwohl sie innerhalb der 
gesetzlichen Schranken so viel geschlechtliche Freiheit genießen mag, als ihr 
beliebt. Dies bedeutet, daß eine Mutter einen Beschützer und wirtschaft- 
lichen Versorger braucht. Einen natürlichen Herrn und Beschützer hat sie 
in ihrem Bruder, doch ist er nicht in der Lage, ihr überall da beizustehen, 
wo sie einen Beschützer braucht. Nach Anschauung der Eingeborenen muß 
eine schwangere Frau von einem bestimmten Zeitpunkt ab sich allen Ge- 
schlechtsverkehrs enthalten und „ihren Sinn von Männern abwenden". Sie 
braucht dann einen Mann, der alle sie betreffenden geschlechtlichen Rechte 
übernimmt, von einem gewissen Zeitpunkt ab sogar auf seine eigenen Pri- 
vilegien verzichtet, sie vor jedem Konflikt bewahrt und ihr Verhalten be- 
aufsichtigt. Alles das kann ihr Bruder nicht tun, denn infolge des strikten 
Bruder- Schwester-Tabus muß er selbst jeden Gedanken, der mit dem Ge- 
schlecht seiner Schwester zusammenhängt, streng vermeiden. Weiter ist 
ein Mann nötig, der während der Geburt über ihr wacht und „das Kind in 
seinen Armen empfängt", wie die Eingeborenen sich ausdrücken. Später ist 
es die Pflicht dieses Mannes, sich mit der Mutter in die liebevolle Pflege 
des Kindes zu teilen (s. Kap. I, 1 u. 3; Kap. XIII, 6). Erst wenn das Kind 
heranwächst, muß er den größten Teil seiner Autorität an den Bruder seiner 
Frau abtreten; nur bei der Verheiratung weiblicher Kinder hat er noch ein 
Wort mitzusprechen (s. oben Kap. rV). 

Die Rolle, welche der Ehemann zu spielen hat, ist also von Brauch und 
Sitte streng vorgeschrieben und gilt als sozial unentbehrUch. Eine Frau mit 
Kind, doch ohne Gatten, bildet eine unvollkommene und anormale soziale 
Gruppe. Die Mißbilbgung gegenüber dem unehebchen Kind und seiner 
Mutter ist nur ein besonderes Beispiel der allgemeinen Mißbilligung alles 
dessen, was nicht dem Brauch sich fügt, sondern der anerkannten Schablone 
und überbeferten Stammesorganisation zuwiderläuft. Die Familie, be- 
stehend aus Mann, Frau und Kindern, ist die Norm, wie das Stammesgesetz 
sie fordert, das auch jedem einzelnen Teil seine Pflichten zuweist. Es ist 
deshalb nicht recht, daß ein Mitglied dieser Gruppe fehlt. 

Obwohl also die Eingeborenen in Unkenntnis darüber sind, daß ein Mann 
zur Entstehung der Familie physiologisch notwendig ist, so betrachten sie 
ihn doch als unentbehrlich in sozialer Hinsicht. Das ist sehr wichtig. Vater- 
schaft im uns geläufigen biologischen Sinn ist unbekannt, aber ein soziales 
Dogma fordert sie: „Jede Familie muß einen Vater haben; eine Frau muß 

138 



Merkwürdige Ansprüche einer rein soziologischen Vaterschaft 

heiraten, ehe sie Kinder bekommen darf; in jeden Haushalt gehört ein 
männliches Wesen." 

Die Institution der Einzelfamilie beruht also auf dem starken Gefühl 
ihrer Notwendigkeit, das mit der absoluten Unkenntnis ihrer biologischen 
Grundlage durchaus vereinbar ist. Die soziologische Rolle des Vaters ist 
ohne Kenntnis seiner physiologischen Rolle festgelegt und umgrenzt. 

6. Merkwürdige Ansprüche 
einer rein soziologischen Vaterschaft 

Die interessante Zweiheit mutterrechtlicher und vaterrechtlicher Ein- 
flüsse, die sich im Bruder der Mutter einerseits und im Vater andererseits 
verkörpern, ist eines der Leitmotive im ersten Akt des trobriandischen 
Stammeslebens. Hier sind wir zum wahren Kernpunkt des Problems ge- 
langt; denn wir sehen in diesem sozialen Gefüge mit seinem strengen Bruder- 
Schwester-Tabu und seiner Unkenntnis physischer Vaterschaft die Frau 
unter zwei natürlichen Einflußsphären leben, die beide von je einem Mann 
ausgehen (s. Kap. I, 1 u. 2); die eine ist die Sphäre des Geschlechts, dem 
Bruder streng verschlossen — hier herrscht der Einfluß des Gatten; die 
andere ist die Sphäre der Blutsverwandtschaft, deren natürliche Interessen 
nur einer vom gleichen Fleisch und Blut richtig wahren kann — dies ist die 
Sphäre des Bruders der Frau. 

Da der Bruder mit der Hauptsache im Leben einer Frau — ihrer Ge- 
schlechtlichkeit — sich in keiner Weise abgeben darf, so entsteht eine weite 
Bresche im System des Mutterrechts. Durch diese Bresche betritt der Ehe- 
mann den geschlossenen Kreis von Familie und Haus und macht sich da 
völlig heimisch. An seine Kinder binden ihn die stärksten Bande persönlicher 
Zuneigung, über seine Frau stehen ihm ausschließlich sexuelle Rechte zu, 
und gemeinsam mit ihr besorgt er den größten Teil der häuslichen und wirt- 
schaftlichen Geschäfte. 

Auf dem anscheinend ungünstigen Boden des strengen Mutterrechts er- 
wachsen nun gewisse Anschauungen, Vorstellungen und Bräuche, welche das 
Bollwerk Mutterrecht durch extrem vaterrechtliche Prinzipien untergraben 
trotzdem jedes leibliche Band zwischen Vater und Kind geleugnet wird' 
trotzdem jeder Anteü an der Zeugung dem Vater abgesprochen wird. Eine 
dieser Vorstellungen ist von der Art, wie sie häufig in sensationell auf- 
gemachten Dilettantenberichten über das Leben der Wilden auftauchen 
und sie kommt uns tatsächlich zunächst recht „wild" vor, so verdreht' 
schief und sonderbar scheint sie. Ich meine die Ansichten der Eingeborenen 
über Ähnlichkeit zwischen Eltern und Kindern. Daß dieses Thema einen 

139 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

beliebten Gesprächsstoff in den Kinderstuben zivilisierter Länder liefert, 
brauche ich nicht erst zu erwähnen. In einer mutterrechtlichen Gesellschaft 
wie auf den Trobriand-Inseln, wo alle mütterlicherseits Verwandten „zum 
selben Körper" gehören und der Vater als „Fremder" gilt, sollte man er- 
warten, daß Ähnlichkeit im Gesichts- und Körperbau nur innerhalb der 
mütterlichen Familie anerkannt werde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, 
und zwar wird dies besonders stark bekräftigt und hervorgehoben. Nicht 
nur ist es sozusagen ein Gemeinplatz, daß ein Kind nie seiner Mutter oder 
seinen Geschwistern oder mutterseitigen Verwandten ähnlich sieht, sondern 
es gilt auch für sehr anstößig und beleidigend, auf eine derartige Ähnlichkeit 
anzuspielen. Jedoch seinem Vater ähnlich zu sehen, ist für Mann und Weib 
das Natürliche, das Rechte, das, was sich gehört. 

Ich lernte diese Regel des savoir vivre auf dem üblichen Wege kennen — 
nämlich, indem ich einen faux pas beging. Ein Mann meiner Leihgarde in 
Omarakana, ein gewisser Moradeda, war mir beim ersten Blick durch seine 
eigentümlichen Gesichtszüge aufgefallen, die eine sonderbare Ähnlichkeit mit 
dem australischen Typus zeigten — welliges Haar, breites Gesicht, niedere 
Stirn, sehr breite Nase mit eingedrücktem Nasensattel, breiter Mund mit 
wulstigen Lippen und prognathem Kinn. Eines Tages fiel mir ein Mann auf, 
der das genaue Ebenbild Moradedas war; ich fragte ihn, wie er hieße und 
woher er käme. Als ich hörte, daß er der ältere Bruder meines Freundes 
sei und in einem entfernten Dorf wohne, rief ich: „Ach wirklich! ich habe 
mich nach dir erkundigt, weil dein Gesicht dem Gesicht Moradedas gleicht." 
Ein plötzliches Schweigen kam über die ganze Versammlung, das mir sofort 
auffiel. Der Mann drehte sich um und ging davon; ein Teil der Versammelten 
wandte halb verlegen, halb verletzt das Gesicht ab und zerstreute sich bald. 
Meine näheren Bekannten sagten mir dann, daß ich gegen die Sitte ver- 
stoßen habe: ich hatte taputaki migila begangen — so lautet der technische 
Ausdruck für dieses spezielle Vergehen, den man etwa übersetzen könnte: 
„Beschimpfen durch Vergleich seines Gesichts mit dem eines Blutsver- 
wandten" (s. Kap. XIII, 4). Worüber ich bei diesem Gespräch besonders 
erstaunte, war die Tatsache, daß trotz der auffallenden Ähnlichkeit zwischen 
den beiden Brüdern diese von allen Anwesenden bestritten wurde. Sie 
sprachen von der Angelegenheit in einer Art, als ob kein Mensch seinem 
Bruder oder überhaupt einem Verwandten mütterlicherseits ähnlich sehen 
könne. Meine Gewährsmänner wurden ganz ärgerlich, weil ich auf meiner 
Meinung beharrte, und gar erst wurden sie böse auf mich, als ich Fälle von 
so offensichtlicher Ähnlichkeit zwischen Brüdern anführte, wie sie zwischen 
Namwana Guya'u und Yobukwa'u besteht (s. Abb. 38). 

140 



Merkwürdige Ansprüche einer rein soziologischen Vaterschaft 

Dieses Erlebnis lehrte mich, nie mehr in Gegenwart der betroffenen Per- 
sonen von irgendeiner solchen Ähnlichkeit zu reden. Doch habe ich im Laufe 
der Zeit bei allgemeinen Unterhaltungen die Sache mit vielen Eingeborenen 
durchgesprochen. Jedermann auf den Trobriand-Inseln leugnet dem augen- 
scheinlichen Beweise zum Trotz hartnäckig, daß eine Ähnlichkeit zwischen 
Verwandten mütterlicherseits überhaupt bestehen könne. Ein Trobriander 
fühlt sich einfach verärgert und beleidigt, wenn man ihn auf solch über- 
raschende Ähnlichkeiten aufmerksam macht, nicht anders als bei uns die 
Leute ärgerlich werden, wenn man ihnen eine offenkundige Wahrheit unter 
die Nase hält, die irgendeiner treu gehegten politischen, religiösen oder 
moralischen Ansicht widerspricht oder, schlimmer noch, ihren persönlichen 
Interessen zuwiderläuft. 

Die Trobriander halten daran fest, daß die Erwähnung einer solchen 
Ähnlichkeit nur in beleidigender Absicht geschehen könne. Zu den heftigen 
Schimpfworten gehört der Ausdruck migim lumuta, „dein Gesicht deiner 
Schwester". Dies ist, nebenbei gesagt, die ärgste Zusammenstellung von 
Verwandtenähnlichkeit; die Wendung gilt als ebenso schlimm wie „be- 
schlafe deine Schwester!" Doch nach trobriandischer Auffassung kann kein 
geistig gesunder und anständiger Mensch in nüchtern-ruhiger Stimmung auf 
die Idee kommen, daß ein Mensch auch nur im entferntesten seiner Schwester 
ähnlich sähe (vgl. Kap. XIII, 4). 

Noch viel bemerkenswerter ist jedoch das Gegenstück zu dieser herrschen- 
den Meinung, nämlich die Anschauung, daß jedes Kind seinem Vater ähnlich 
ist. Überall wird diese Ähnlichkeit entdeckt und hervorgehoben. Wo sie 
wirklich vorhanden ist, wird immer wieder darauf hingewiesen als auf etwas 
Schönes, Gutes und Rechtes. Oft wurde ich darauf aufmerksam gemacht, 
wie stark der eine oder andere Sohn To'uluwas, des Häuptlings von Omara- 
kana, seinem Vater gleiche; besonders stolz war der alte Mann auf die 
mehr oder minder eingebildete Ähnlichkeit zwischen ihm selbst und seinem 
jüngsten Sohn Dipapa (s. Abb. 39). Vor allem von den fünf Lieblings- 
söhnen des Häuptlings und Kadamwasilas hieß es, daß sie alle dem Vater 
wie aus dem Gesicht geschnitten seien. Als ich aber sagte, diese Ähnlich- 
keit aller mit dem Vater bedinge doch auch eine Ähnlichkeit untereinander, 
wurden solche ketzerischen Ansichten unwillig zurückgewiesen. Es gibt 
auch gewisse Bräuche, in denen sich diese Anschauung von der Ähnlich- 
keit mit dem Vater ausdrückt. Ist ein Mann gestorben, 60 kommen 
nämlich seine Verwandten und Freunde von Zeit zu Zeit auf Besuch zu 
seinen Kindern, um „sein Gesicht in ihren zu sehen". Sie machen den 
Kindern Geschenke, sitzen vor ihnen und 6ehen sie wehklagend an. Es heißt, 

141 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

dadurch werde ihr Inneres beruhigt, weil sie noch einmal das Ebenbild des 
Toten geschaut haben. 

Wie vereint sich nun bei den Eingeborenen der innere Widerspruch dieser 
Anschauungen mit dem Mutterrechts- System ? Auf Befragen antworteten 
sie: „Jawohl, Verwandte mütterlicherseits sind vom gleichen Fleisch und 
Blut, aber ähnliche Gesichter haben sie nicht." Fragt man dann weiter, wie 
es kommt, daß Kinder ihrem Vater ähnlich sehen, der doch ein Fremder für 
sie ist und nichts mit der Gestaltung ihres Körpers zu tun hat, so erhält 
man immer die gleiche feststehende Antwort: „Er bringt das Gesicht des 
Kindes zum Gerinnen; denn immer liegt er bei ihr, sie sitzen zusammen." 
Das Wort kuli, zum Gerinnen bringen, formen, kam immer und immer 
wieder in allen Antworten vor. Es drückt sich hierin die herrschende Meinung 
vom Einfluß des Vaters auf die Körperbildung des Kindes aus, nicht nur 
die persönliche Ansicht meiner Gewährsleute. Einer von ihnen erklärte es 
mir noch genauer, indem er mir die Innenflächen seiner gespreizten Hände 
hinhielt: „Lege irgendeine weiche Masse (sesa) darauf — sie wird sich nach 
der Hand formen. Auf dieselbe Art bleibt der Gatte bei seiner Frau, das 
Kind wird geformt." Ein anderer Mann sagte mir: „Immer geben wir dem 
Kinde Nahrung aus unserer Hand zu essen, wir geben Früchte und Lecker- 
bissen, wir geben Betelnuß. Dies macht das Kind, wie es ist." 

Ich sprach mit meinen Gewährsmännern auch darüber, daß es doch Misch- 
linge gäbe, Kinder weißer Händler, die mit eingeborenen Frauen verheiratet 
seien. Ich wies darauf hin, daß manche Kinder viel eher wie Eingeborene 
als wie Europäer aussähen. Auch dies wurde einfach geleugnet. Die Ein- 
geborenen behaupteten steif und fest, alle diese Kinder hätten Gesichter wie 
Weiße und führten dies als weiteren Beweis ihrer Ansicht an. Nichts konnte 
ihre Überzeugung erschüttern, nichts sie abbringen von dem Widerwillen 
gegen die Vorstellung, es könnte jemand seiner Mutter oder deren Familie 
ähnlich sehen, denn diese Vorstellung gilt nach Sitte und Überlieferung des 
Stammes als durchaus verwerflich. 

Wir sehen also, daß zwischen Vater und Kind eine künstliche physische 
Verbindung hergestellt worden ist, welche die mutterseitige Bindung an 
einem wichtigen Punkt überwiegt. Denn körperliche Ähnlichkeit ist ein sehr 
starkes gefühlsmäßiges Band zwischen zwei Menschen; seine Stärke wird 
deshalb nicht geringer, weil es nicht einer physiologischen, sondern einer 
sozialen Ursache zugeschrieben wird, nämlich dem beständigen Zusammen- 
sein des Ehepaares. 

Noch eine andere wichtige Auswirkung des Vaterrechts in dieser mutter- 
rechtlichen Gesellschaft muß erwähnt werden, eine Auswirkung rein sozialer 

142 






Merkwürdige Ansprüche einer rein soziologischen Vaterschaft 

und wirtschaftlicher Art. Daß zwischen Mutterrecht und väterlichem Einfluß 
in sozialen und wirtschaftlichen Angelegenheiten ein Kompromiß geschlossen 
wird, haben wir bereits gesehen; doch es verlohnt sich, dies hier noch einmal 
kurz festzustellen und das Merkwürdigste daran hervorzuheben. 

Das mutterrechtliche Prinzip wird durch die schärfsten Vorschriften des 
Stammesgesetzes aufrecht erhalten. Diese Vorschriften fordern unweigerlich, 
daß ein Kind zur Familie, zum Unter-Clan und zum Clan seiner Mutter 
gehört. Ein wenig milder, doch noch immer sehr streng ist die Zugehörigkeit 
zu einer Dorfgemeinschaft und das Amt des Zauberers geregelt. Diese Vor- 
schriften bestimmen auch, daß alle Ländereien, Vorrechte und materiellen 
Güter sich in der Mutterlinie vererben. Doch hier gestatten eine Reihe von 
Bräuchen und Sitten, wenn nicht eine Umgehung, doch wenigstens eine 
Milderung des Stammesgesetzes. Nach diesen Bräuchen kann ein Vater für 
seine eigene Lebenszeit seinem Sohn das Bürgerrecht in seinem Dorf ver- 
leihen und ihm die Nutznießung an Kanus, Land, rituellen Vorrechten und 
Magie zuwenden. Durch Kreuz-Vettern-Basen-Heirat in Verbindung mit 
matrilokalem Wohnsitz kann er sogar alle diese Dinge seinem Sohn auf 
Lebenszeit sichern. 

Dies alles wissen wir ja bereits, doch müssen wir uns jetzt noch einen 
wichtigen Unterschied bei der Übertragung von Vorrechten und materiellen 
Gütern merken, je nachdem es sich um eine Übertragung vom mutter- 
seitigen Onkel an den Neffen oder vom Vater an den Sohn handelt. Ein 
Trobriander muß bei seinem Tode all seine Besitztümer und Ämter entweder 
seinem jüngeren Bruder oder seinem Neffen hinterlassen. Doch meistens 
wünscht der jüngere Mann schon zu des älteren Lebzeiten einige dieser Dinge 
zu besitzen, und es ist Sitte, daß der Onkel mütterlicherseits einen Teil 
seiner Gärten oder seiner Magie schon bei Lebzeiten abtritt. Doch in solchen 
Fällen muß der Neffe dafür zahlen, unter Umständen sogar recht kräftig. 
Diese Zahlung heißt mit einem Fachausdruck pokala 1 . 

Gibt jemand aber einen Teil dieser Dinge an seinen Sohn ab, so geschieht 
es aus freiem Willen und völlig unentgeltlich. Ein Neffe mütterlicherseits 
oder ein jüngerer Bruder hat also das Recht, seinen Anteil zu fordern und 
bekommt ihn auch, wenn er die erste Anzahlung auf das pokala leistet. Der 
Sohn ist auf seines Vaters guten Willen angewiesen, wobei er sich jedoch 
meistens sehr gut steht; er bekommt alle Gaben umsonst. Der eine also, 
dem das Recht auf die Güter zusteht, muß dafür zahlen, während der 
andere, der keinerlei gesetzliche Ansprüche hat, sie umsonst bek ommt. 
1 Dieses Wort hat mehr als eine Bedeutung; es bezeichnet verschiedene Arten wirtschaft- 
licher Transaktionen. Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", Sachregister unter pokala. 

143 



Zeugung und Schwangerschaft in Glauben und Sitte 

Natürlich muß er sie, wenigstens zum Teil, beim Tode seines Vaters zurück- 
geben: doch den Nutzen und den Genuß an den materiellen Gütern hat er 
gehabt, und die Magie kann er nicht zurückgeben. 

Die Eingeborenen erklären diesen anormalen Zustand der Dinge mit der 
Vorliebe des Vaters für seine Kinder, die sie wiederum von seiner Beziehung 
zu der Mutter herleiten. Die Geschenke, die er den Kindern gewährt, sind 
nach der Meinung der Eingeborenen eine Belohnung für den Geschlechts- 
verkehr, den ihm seine Frau gewährt 1 . 



1 Die Beziehung zwischen dem Stammesgesetz und den Bräuchen, die sich im Gegensatz 
dazu geradezu als Kompensation bilden, habe ich in „Crime and Custom" behandelt, be- 
sonders im 2. Teil, Kap. III. 



144 



ACHTES KAPITEL 
SCHWANGERSCHAFT UND GEBURT 

Wir haben unseren Abstecher ins soziologische Gebiet beendet, zu dem 
uns die trobriandischen Anschauungen über Zeugung und fleischliche Wieder- 
geburt des Geistes veranlaßt haben. Nun wollen wir der Reihe nach in 
unserer Schilderung fortfahren und zunächst den Verlauf von Schwanger- 
schaft und Geburt betrachten. In den ersten beiden Abschnitten dieses 
Kapitels soll eine Sitte von hervorragendem ethnologischem Interesse be- 
schrieben werden: die eigentümliche öffentliche Feier anläßlich der ersten 
Schwangerschaft einer Frau. Die nächsten zwei Abschnitte sollen den 
Bräuchen gewidmet sein, die ganz im allgemeinen mit Geburt und Mutter- 
schaft verknüpft sind. 

1. Vorbereitung der feierlichen Bräuche 
bei der ersten Schwangerschaft 

Als erste Zeichen der Schwangerschaft gelten das Anschwellen der Brüste 
und das Dunkelwerden der Brustwarzen. Um diese Zeit etwa träumt eine 
Frau, der Geist irgendeiner Verwandten bringe ihr das Kind aus der anderen 
Welt, damit es aufs neue geboren werde. Bleibt in den nächsten zwei, drei 
Monaten ihre Menstruation aus, so steht es nach Ansicht der Eingeborenen 
fest, daß sie schwanger (isuma) ist. Die Embryologie der Eingeborenen lehrt, 
daß vier Monde nach der Traumerscheinung des baloma der Leib zu schwellen 
beginnt; ist dieses Stadium erreicht, so rüsten sich die Verwandten der zu- 
künftigen Mutter, ihr gewisse von der Sitte vorgeschriebene rituelle Kleidungs- 
stücke zu beschaffen: einen einfachen weißen Bastunterrock und einen langen 
Mantel (saykeulo) aus demselben Material (Abb. 40). Diese Sachen werden ihr 
etwa im fünften Monat der Schwangerschaft höchst feierlich überreicht; sie 
trägt sie nun einen oder zwei Monate lang, und später nach der Geburt' des 
Kindes. Diese Feier findet niemals statt für eine igamugwa, eine Frau, die be- 

10 m. G. 145 



Schwangerschaft und Geburt 

reits geboren hat, sondern stets nur für eine igava'u, eine Frau, die zum ersten 
Male schwanger ist. 

Wie jede andere Zeremonie auf den Trobriand-Inseln hat auch diese Über- 
reichung des Bastmantels ihren Platz in einem ganz bestimmten soziologischen 
System. Die damit verbundenen Pflichten verteilen sich auf gewisse Verwandte, 
die später in geeigneter Weise dafür bezahlt werden. Die Herstellung der 
Kleider und die Überreichung an die igava'u fällt den weiblichen Verwandten 
des Vaters der Schwangeren zu — den Frauen, die sie mit einer umfassenden 
Bezeichnung tabugu nennt; die Leitung des Ganzen hat die Schwester des 
Vaters. Schon bei einer früheren wichtigen Lebensfrage, nämlich bei der Ehe- 
schließung des Mädchens, stand nicht dem offiziellen Vormund, dem Bruder 
der Mutter, sondern dem Vater die Entscheidung zu: er hatte die ganze An- 
gelegenheit in der Hand. Der Vater läßt nun seine Schwester, seine Mutter 
und seine Nichte zu sich kommen und sagt zu ihnen: „Wohlan, kommt in 
mein Haus und schneidet das saykeulo für eure Nichte, meine Tochter." Die 
Schwester des Vaters übernimmt nun die Angelegenheit und ruft möglichst 
viele weibliche Verwandte zusammen, die ihr bei der Arbeit helfen sollen. Sie 
treffen sich, bereden die Sache und vereinbaren, wann sie anfangen wollen. 
Das saykeulo wird stets vor dem Hause des Vaters angefertigt oder, wenn dieser 
Häuptling ist, auf dem Dorfplatz. Die Frauen sitzen im weiten Kreis um einen 
großen Haufen Bananenblätter, zu dem jede Helferin mehrere gebrauchs- 
fertige Bündel beigetragen hat. Unter ständigem Plaudern, unter lautem 
Stimmgewirr und Gelächter werden die einzelnen Stücke aneinander ge- 
bunden. Es ist eine ausschließlich weibliche Versammlung; kein Mann von 
einigem Anstandsgefühl würde sich ihr nähern. Vier Kleidungsstücke müssen 
hergestellt werden : zwei lange Mäntel und zwei Röcke. Der eine Mantel wird 
bei der ersten Schwangerschaftsfeier getragen, der andere, wenn die junge 
Mutter nach dem Wochenbett sich zum ersten Male wieder in der Öffentlich- 
keit zeigt; die beiden Röcke werden ebenfalls erst nach der Geburt benutzt. 
Alle vier Kleidungsstücke lassen sich leicht in einer Sitzung beenden, doch 
macht sich zuweilen eine zweite nötig, wenn durch allzuviel Schwatzen die 
Arbeit verzögert wurde. Sind die Kleider fertig, meistens am Nachmittag, so 
kommt der magische Teil der Veranstaltung an die Reihe. Denn wie stets bei 
der Verfertigung eines wichtigen Gegenstandes oder einer Sache, der bestimmte 
Eigenschaften und Kräfte verliehen werden müssen, spielt die Magie eine 
Hauptrolle. 

Ich hatte gute Gelegenheit, die Magie der Schwangerschaftsgewänder 
kennenzulernen. Im Dorfe Tukwa'ukwa habe ich die verschiedenen Stadien 
der Zeremonie beobachtet und photographiert ; im selben Dorfe erfuhr ich 

146 



Vorbereitujig der feierlichen Bräuche usw. 

auch den Zauberspruch für das saykeulo, wie er damals aufgesagt wurde; auch 
habe ich über feierliche Bräuche mit den Teilnehmerinnen selbst und mit 
Frauen aus anderen Ortschaften gesprochen. 

Das Ritual ist einfach, doch interessant, denn es zeigt uns die Vorstellungen 
der Eingeborenen von Art und Wirkungsweise magischer Kräfte. Eine Matte 
wird auf den Boden gebreitet, darauf legt man die vier Schwangerschafts- 
gewänder (s. Abb. 41). Die Frauen haben die fleischigen unteren Teile ge- 
wisser gelblich-weißer Blätter mitgebracht, die von einer Liliazee mit schnee- 
weißen Blüten stammen. Sie werden in Stücke geschnitten (s. Abb. 42) und 
über die Kleidungsstücke gestreut. Diejenigen unter den Kleidermacherinnen, 
welche den Zauberspruch kennen — es müssen stets mehrere sein — knien 
nun um das Bündel, beugen sich darüber und pressen die Gesichter tief in 
den Bast hinein (s. Abb. 41), so daß er gut durchdrungen wird von ihrem 
Atem, der die Zauberworte trägt: 

„0 bwaytuva (ein reiherähnlicher Vogel, doch mit ganz weißem Gefieder), 
schwebe über Waybeva (Bucht von Tukwa'ukwa), laß dich nieder auf Mkikiya 
(Wasserloch des Dorfes) ! bwaytuva, schwebe über Mkikiya, laß dich nieder 
auf Waybeva !" 

Das ist die Einleitung {u'ula) der Zauberformel, in der also ein weißer Vogel 
gebeten wird, über dem Badeplatz und dem Wasserloch des Dorfes zu schwe- 
ben 1 . Dann folgt der Hauptteil (tapwana) des Zauberspruches: die Wendung 
bwaytuva ikata — „der Bwaytuva -Vogel schärft" (das heißt: macht schim- 
mernd oder glänzend) wird in Verbindung mit verschiedenen Worten wieder- 
holt, deren jedes einen Teil des Schwangerschaftskleides bezeichnet. Auf den 
Trobriand-Inseln, wie gewiß auch in jeder anderen menschlichen Gesellschaft, 
ist jede Einzelheit eines Damengewandes sorgfältig bezeichnet und trägt einen 
besonderen Namen. Diese werden nun aufgezählt und einer nach dem anderen 
an die ersten Worte angehängt; so enthält die Formel eine Reihe von Be- 
schwörungen wie „der Bwaytuva -Vogel macht den obersten Saum des Kleides 
schimmernd", „der Bwaytuva -Vogel macht die Franse des Kleides schim- 
mernd", usw. Dann wird die gleiche Wendung mit den Bezeichnungen der 
verschiedenen Körperteile wiederholt: „der Bwaytuva -Vogel macht den 
Kopf meines tabu (meines Bruderkindes) schimmernd", „der Bwaytuva 
macht die Nase meines Bruderkindes schimmernd", und so weiter bis zu 
Wangen, Brust, Bauch, Leisten, Gesäß, Schenkel, Knien, Waden und 
Füßen. Die Zauberformel nennt also alle Teile des Körpers mit einer eigen- 

1 Über Bau und allgemeine Charakteristik der trobriandischen Zaubersprüche vi. „Argo- 
nauts of the Western Pacific", Kap. XVIII. 

147 



Schtvanger schuft und Geburt 

sinnigen Pedanterie, die für trobriandische Magie bezeichnend ist. Der 
Schluß (dogina) lautet: „nicht länger ist es ihr Kopf, ihr Kopf ist wie die 
bleiche Weiße vor Tagesanbruch; nicht länger ist es ihr Gesicht, ihr Gesicht 
ist wie die weißen Sprosse eines jungen Blattes der Areca-Pflanze; preise 
sie, indem du ihr Haus beraubst! Preise 6ie, indem du um ein tilewa'i 
(Schmeichelgeschenk) bittest!" 

In magischen Wendungen wird hier der Wunsch ausgedrückt, die äußere 
Erscheinung der Schwangeren zu verschönen; besonders die Weiße ihrer Haut 
spielt eine große Rolle. Arn Anfang wird ein Vogel von schöner Gestalt und 
glänzend weißem Gefieder angerufen, und im Hauptteil des Spruches wirkt 
6ein Name als mächtigster Zauber. In Verbindung mit den Namen der Bucht 
und des Wasserlochs, wo die Schwangere baden und sich waschen muß, kann 
er Macht verleihen, ihre Haut zu bleichen. 

Der Schluß nimmt das Ergebnis vorweg, was bei trobriandischen Zauber- 
sprüchen häufig vorkommt : das Gesicht der Schwangeren wird bleich wie 
der weiße Himmel vor Tagesanbruch und wie die jungen Sprosse der 
Areca. Die letzten beiden Sätze der Formel beziehen sich auf einen selt- 
samen Brauch: jeder, der nach einem bemerkenswerten Ereignis Lob und 
Schmeicheleien spendet und einen Zierat als Pfand entfernt, darf eine be- 
sondere Gabe, tilewa'i, verlangen. Handelt es sich um ein ganz besonders be- 
merkenswertes Ereignis, so muß der Glückliche, dem es Gewinn bringen 
soll, manchmal mit ansehen, wie all seine den Dorfleuten erreichbare Habe 
hwaywaya — das heißt „weggenommen wird als Zeichen der Bewunderung". 
Das bemerkenswerte Ereignis, das solchermaßen im Ritual der ersten 
Schwangerschaft angekündigt wird, ist die schimmernde Weiße der Haut 
der Schwangeren. 

In einem anderen Dorf — Omarakana — erfuhr ich den Anfang eines dort 
mehrfach gebräuchlichen Zauberspruches. Auch in dieser Formel wird ein 
Vogel gerufen: 

„0 weiße Taube, komm, lulle unseren Schwangerschaftsmantel in Schlaf. 
Ich will gehen und deine Eier in Schlaf lullen." 

Die angerufene Taube ist berühmt wegen der Weiße ihres Gefieders und 
ihrer Eierschalen. Das „Einlullen" des Schwangerschaftsmantels soll sich auf 
das zu gebärende Kind beziehen, dessen Haut auch weiß gemacht werden 
soll. Wir werden über diese im Schwangerschaftsritual immer wiederkehrende 
Vorstellung vom Weißmachen der Haut noch zu reden haben. 

Im allgemeinen ähneln die Vorgänge den meisten anderen trobriandischen 
Riten ; die Frauen beenden die Kleider und wenden sich dann in der gleichen 
geschäftsmäßigen Art der Magie zu. Eine von ihnen schneidet die weißen 

148 







40. DER SCHWANGERSCHAFTSMANTEL 
Die Aufnahme stammt von der Feier einer ersten Schwangerschaft. Man beachte die Matte, 
auf der die Frau steht, den Korb mit Zauberkräutern zu ihren Füßen (rechts) und den Kranz 
aus Hibiscusblüten, auch die merkwürdig klare Färbung der Haut im Gegensatz zu dem 

schwarzen Haar. (KAP. VIII, 1 und 4) 




41. ERSTE VERZAUBERUNG DER SCHWANGERSCHAFTSKLEIDER 

Der Atem, der die Worte trägt, muß in die Gewänder eindringen; deshalb beugen sich die 
Frauen vornüber und legen den Mund dicht an den Bast. (KAP. VIII, I) 




42. DIE WEISSEN LILIENBLÄTTER WERDEN ZERSCHNITTEN 

(KAP. VIII, V 



.1 







43. EINE UNVERHEIRATETE MUTTER 
Ilamweria in der Mitte einer typischen Straße zwischen den Reihen der Vorratshäuser (links) 
und der Wohnhäuser (rechts). Die großen Töpfe werden für gemeinsames Kochen hergerichtet. 

(KAP. VII, 4; KAP. X, Einl.J 



Feier der ersten Schwangerschaft 

Lilienblätter, sobald der Mantel beendet ist (s. Abb. 42), eine andere breitet 
das Gewand auf der Matte aus. Während die Zauberformeln aufgesagt werden 
(s. Abb. 41), sind alle störenden Geräusche verboten, doch jedermann darf 
zusehen; die Zuschauer nehmen keine besondere Haltung ein und brauchen 
keinerlei Regem zu beobachten. Haben die Frauen den Kleidungsstücken die 
magischen Kräfte des Zauberspruchs eingehaucht, so schlagen sie das Bündel 
mit den Handflächen. Dadurch erhöht sich die Kraft des Gewandes, seiner 
Trägerin eine weiße Haut zu verleihen. Das Schlagen wird als das „Aufwecken 
des Gewandes" bezeichnet. Das ganze Ritual heißt yuvisila saykeulo, das 
Überhauchen des Schwangerschaftsmantels. Die vier Kleidungsstücke samt 
den darüber gestreuten weißen zerschnittenen Blättern werden nun mit einer 
zweiten Matte bedeckt, damit sich der Zauber nicht verflüchtigt, und das 
ganze Bündel wird ins Haus der Haupt-taiuZa, der Schwester des Vaters, ge- 
bracht. 

2. Feier der ersten Schwangerschaft 

Am Tage nach der Herstellung und Verzauberung des Mantels findet 
die feierliche Bekleidung der Schwangeren statt. Damit verbunden ist 
ihr öffentliches Baden und Waschen und ihre magische Schmückung. Ich 
beschreibe die Zeremonie, wie ich sie im Dorfe Tukwa'ukwa miterlebt 
habe, wo mein verstorbener Freund B. Hancock und ich im Mai 1918 
Gelegenheit hatten, mehrere photographische Aufnahmen zu machen 
(s. Abb. 41, 42, 44, 45, 48 und 49). Mein Freund hatte die Zeremonie auch 
schon im vorhergehenden Jahre im selben Dorfe photographiert (s. Abb. 40, 
46 und 47). Im Laufe meiner Schilderung werde ich auf lokale Unter- 
schiede hinweisen, wie sie bestehen zwischen den Küstendörfern, zu denen 
Tukwa'ukwa gehört, und den binnenländischen Siedlungen, die vom Meeres- 
strande entfernt biegen. 

Schon sehr früh am Morgen ist das ganze Dorf oder wenigstens der weib- 
liche Teil der Bevölkerung auf den Beinen und rüstet sich zu dem Schau- 
spiel. Die tabula (Schwester des Vaters und andere Verwandte väterlicher- 
seits) versammeln sich in der Hütte des Vaters, wo die Schwangere sie er- 
wartet. Ist alles bereit, so wandert die zukünftige Mutter zwischen zwei 
Frauen ihrer tabula zum Meeresufer hinab. 

Aus den Dörfern, die landeinwärts nicht allzu entfernt vom Meere Hegen, 
geht der Zug ebenfalls an den Strand. In Ortschaften jedoch, die so weit im 
Lande liegen, daß ihre Bewohner als „Landratten" gelten können, wird das 
Schwangerschaftsbad im Wasserloch abgehalten, wo die Eingeborenen sich 
auch gewöhnlich waschen. Sehr vornehme Frauen werden den ganzen Weg 



10* 



149 



Schwangerschaft und Gehurt 

zum Strand oder zum Wasserloch getragen. An der Feier nehmen nur Frauen 
tätigen Anteil. 

Tukwa'ukwa Hegt direkt an einer tiefen Lagunenhucht; die Schwangere 
wurde also von ihren weiblichen tabula an den Strand getragen. Da es sich 
um eine reine Frauenzeremonie handelt, verlangt die gute Sitte, daß kein 
Mann sich beteiligt; auch würden die Männer nicht ins Wasser gehen, um 
dabei zuzugucken. Es hegt jedoch kein besonderes Tabu darauf, und gegen 
meine Anwesenheit wurden keinerlei Einwände erhoben. 

Am Ufer angekommen, stellen sich die Frauen in zwei einander zugewandten 
Reihen auf und reichen ihrem Gegenüber die gekreuzten Hände in der Art, 
welche die Kinder „Großvaterstuhl" nennen. Über diese lebende Brücke geht 
die Schwangere und hält sich dabei an den Köpfen der Frauen fest; ist sie 
ein Stück gegangen, so stellt sich das hinterste Paar als vorderstes auf und baut 
so die Brücke immer weiter. So geht es ein gutes Stück ins Wasser hinein — 
die Schwangere immer trockenen Fußes auf den Armen ihrer Gefährtinnen 
(Abb. 44). An einer bestimmten Stelle darf sie ins Wasser springen. Nun be- 
ginnt ein munteres Spiel, bei dem die künftige Mutter immer im Mittelpunkt 
steht. Ihre Gefährtinnen bespritzen sie mit Wasser, tauchen sie unter und 
durchnässen sie gründlich, alles in einem Geist übermütiger, spielerischer 
Heiterkeit. Die tabula haben darauf zu achten, daß die Frau bei diesem rituellen 
Bad gut gewaschen wird, „Wir reiben ihre Haut mit unseren Händen, wir 
reiben ihre Oberfläche, wir reinigen sie." 

Ist sie gründlich untergetaucht und gewaschen, so wird sie ans Ufer ge- 
bracht und auf eine Matte gesetzt. Meistens wird sie ja auch schon von ihren 
Verwandten zum Strande hingetragen — von diesem Augenblick an jeden- 
falls muß sie vollkommen isoliert von der Erde sein und darf sie mit dem Fuße 
nicht mehr berühren. Sie sitzt also auf einer Kokosmatte, und ihre tabula 
(ihres Vaters mutterseitige Verwandten) gehen nun daran, sehr sorgfältig und 
nach einem umständlichen magischen Ritual ihre Toilette zu machen. Diese 
Schönheitsmagie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Zeremonie, die von 
Männern auf iCuZa-Expeditionen abgehalten wird (vgl. „Argonauts of the 
Western Pacific", Kap. XIII, 1), obwohl die Zauberformeln für Männer und 
Frauen verschieden sind 1 . Andererseits stimmt diese Magie in Zauberspruch 

1 Es heißt in dem erwähnten Buch auf S, 336: „Dieser Zweig der Kuia-Magic hat zwei 
Gegenstücke im übrigen Magie- Schatz der Trobriander. Eines davon ist die Liebesmagie, 
welche die Menschen anziehend und unwiderstehlich macht; die Eingeborenen glauben so 
fest an diese Zaubersprüche, daß ein Mann all seinen Erfolg in der Liebe ihrer Wirkungs- 
kraft zuschreibt. Ein anderer, der Xu/a-Schönheitsmagie nah verwandter Typus ist die 
spezielle Schönheitsmagie, die vor großen Tänzen und Festlichkeiten ausgeführt wird." 

150 



Feier der ersten Schwangerschaft 

und Ritual mit der Schönheitsmagie überein, die bei großen Tanzfesten von 
Frauen über Männer ausgeführt wird; tatsächlich finden die weiter unten an- 
geführten Sprüche, die ich bei Schwangerschaftsfeiern kennenlernte, bei 
beiden Gelegenheiten Verwendung (s. Kap. XI, 2 — 4). 

Nach dem Bad muß die Schwangere zunächst gerieben und abgetrocknet 
werden. Dieses geschieht nach einem bestimmten Ritual. Ein Stück schon 
bereit gehaltener Kokosfaser wird von der tabula (Schwester des Vaters) mit 
dem Kaykakaya- Spruch verzaubert; dann wird die Haut der jungen Frau 
damit abgerieben 1 . Darauf werden ein paar von den weichen schwammigen 
Blättern der JFageua-Pflanze, die den Eingeborenen für gewöhnlich als natür- 
liches Handtuch dienen, mit einer anderen Formel verzaubert, und die Frau 
wird zum zweiten Male abgerieben. Wenn die Haut ganz trocken ist, wird die 
Schwangere mit verzaubertem Kokosnußöl gesalbt, und ihre Wärterinnen 
legen ihr einen neuen buntfarbigen Bastrock an, während der nasse Bade- 
rock darunter vorgezogen wird. Weder ist dieses Festgewand eines der kürz- 
lich hergestellten Schwangerschaftskleider, noch ist sein Anlegen mit irgend- 
welchem Zauberritus verknüpft. Doch ein rein magischer Vorgang folgt 
nun: mit einer Perlmuttermuschel wird das Gesicht der jungen Frau be- 
strichen, während eine aus der tabula einen Schönheitszauber murmelt (vgl. 
Kap. XI, 4). Die bisher beschriebenen drei Handlungen der Zeremonie 
sollen die Haut glatt, klar und weich machen und die ganze äußere 
Erscheinung verschönen. Nun folgen verschiedene Stadien persönlicher 
Schmückung, die alle höchst feierlich vor sich gehen. Eine aus der tabula 
verziert zunächst die Lippen und das Gesicht der zukünftigen Mutter mit 
roter Farbe, während sie einen Zauberspruch vor sich hin murmelt. Darauf 
wird mit einem anderen Spruch schwarze Farbe aufgetragen. Dann wird, 
wieder mit einem anderen Spruch, das Haar gekämmt. Rote Hibiscusblüten 
werden im Haar befestigt und wohlriechende, verzauberte Blätter in die Arm- 
ringe gesteckt. Nun ist die junge Frau fertig. 

Diese Angabe ist nicht ganz zutreffend ; die wirklichen Gegenstücke zur Schönheits-mwasi/o 
(Kufa-Magie) sind die Tänzermagie, die in Kap. XI beschrieben ist, und die Schwangerschafts- 
magie, mit der wir uns hier beschäftigen. Die drei Formen, mivasila, Schwangerschaftsmagie 
und festlicher Schönheitszauber sind tatsächlich miteinander verwandt, obwohl nur der 
Schwangerschaftszauber und die Tänzermagie in Formel und Ritual übereinstimmen, 
während das mwasila den beiden anderen nur in Ziel und Anschauungswclt ähnlich ist. 
Obwohl auch die Liebesmagie einige Ähnlichkeiten aufweist, so unterscheidet sie sich doch 
stark nicht nur in Ritual und Formel, sondern sie beruht auch auf ganz besonderen Anschau- 
ungen der Eingeborenen (vgl. weiter unten Kap. XI). 

1 Den Text dieser und der folgenden hier erwähnten Zauberformeln siehe weiter unten 
Kap. XI, 3 u. 4. Vgl. auch die Formen des mwasila auf S. 337—342 in „Argonauts". 

151 



Schwangerschaft und Geburt 

All dies rituelle Kleiden und Schmücken ist mit Schönkeitsmagie ver- 
bunden und an dieser Stelle vorgeschrieben, hängt aber mit der Schwanger- 
schaft und den Schwangerschaftskleidern nicht unmittelbar zusammen. Erst 
nachdem die Schönheitsmagie ausgeführt ist, findet der eigentliche Schwanger- 
schaftsritus statt, die Bekleidung mit dem langen Mantel. Die tabula legen der 
jungen Frau eines der beiden saykeulo (Schwangerschaftsmantel) um die 
Schultern; dabei wiederholen sie die Formel, die sie schon bei der Herstellung 
aufgesagt haben, und hauchen den Zauber direkt in den Mantel hinein (siehe 
Abb. 46). An diesem Zeitpunkt ist es üblich, wenn auch nicht unbedingt not- 
wendig, eine Zauberformel gegen die Gefahren der Schwangerschaft und Ent- 
bindung auszusprechen, ein magisches Vorbeugungsmittel gegen das Übel der 
Verhexung, das bei einem Wochenbett immer sehr gefürchtet ist (s. nächsten 
Abschnitt). 

Während der ganzen Zeremonie hat die zukünftige Mutter auf einer Matte 
gestanden, denn ihre bloßen Füße dürfen nach dem Bade, wie schon gesagt, 
nicht mehr mit dem Erdboden in Berührung kommen. Fertig gekleidet und 
in ihren langen Bastmantel gehüllt, wird sie nun von zwei Frauen ihrer tabula 
emporgehoben (s. Abb. 47 u. 48) und zum Hause ihres Vaters getragen; dort 
ist eine kleine Plattform errichtet, auf die man sie hinsetzt (s. Abb. 49). Es ist 
Sitte, daß eine Frau von hohem Rang nicht in das Haus ihres Vaters, sondern 
ihres mutterseitigen Onkels gebracht und dort auf einer hohen Plattform 
niedergesetzt wird. 

Auf dieser Plattform muß die Frau den Rest des Tages sitzen bleiben. Die 
ganze Zeit über soll sie sich regungslos verhalten ; sie darf nicht sprechen — 
nur um Speise oder Trank darf sie bitten, doch auch dies soll nach Möglichkeit 
nur durch Zeichen geschehen. Die Speisen darf sie nicht mit den Händen an- 
fassen ; sie werden ihr von ihrer tabula in den Mund gesteckt. Nur ab und zu 
wird ihre starre UnbewegHchkeit unterbrochen, damit sie sich Gesicht, Arme 
und Schultern waschen und die Haut abreiben kann. Zu diesem Zweck bringt 
entweder ihr Gatte das Wasser in einem hölzernen Becken, oder aber 6ie wird 
von zwei Frauen ans Ufer zurückgetragen und wäscht sich dort auf einer 
Matte stehend. Nach Sonnenuntergang darf sie sich ins Haus ihres Vaters 
zurückziehen, um auszuruhen, doch am nächsten Tag muß sie wieder un- 
beweglich auf der Plattform sitzen und all ihre Tabus beobachten wie am 
ersten Tage. Das wiederholt sich drei bis fünf Tage lang, je nach Rang und 
Ansehen der Frau und ihres Gatten. Heutzutage, wo alle Sitten und Gebräuche 
sich lockern, gilt oft ein Tag für ausreichend. 

Ist die feierliche Wache auf der Plattform überstanden, so darf die Frau 
auf ein paar Monate ins Haus ihres Mannes zurückkehren ; sie kann aber auch 

152 



Feier der ersten Schwangerschaft 

ins Haus ihres Vaters oder ihres mutterseitigen Onkels gehen. In eines dieser 
beiden Häuser muß sie sich jedenfalls zur Entbindung begeben. Das saykeulo 
(Schwangerschaftsmantel) zieht sie an, bis es abgetragen ist. In der Regel 
hält es ungefähr zwei Monate, so daß es etwa zwei Monate vor der Entbindung 
abgelegt wird. 

Die feierlichen Bräuche aus Anlaß der ersten Schwangerschaft sind in mehr 
als einer Hinsicht interessant. "Wie stets auf den Trobriand-Inseln müssen 
Dienste ritueller Art, die eine bestimmte Klasse von Verwandten erweist, von 
den wirklichen, das heißt mutterseitigen Verwandten der betreffenden Person 
zurückgezahlt werden. In diesem Fall werden Arbeit, Magie und Ritual von 
den weiblichen Verwandten des Vaters ausgeführt. Bei der Nahrungsmittel- 
verteilung (sagali), die sich unmittelbar an die Zeremonie anschließt, fällt dem 
Bruder der Mutter, dem Bruder und anderen mutterseitigen Verwandten das 
Verteilen zu. Ist die Schwangere eine Frau von geringem gesellschaftlichen 
Ansehen, so findet die Verteilung vor dem Hause ihres Vaters statt. Doch ist 
sie oder ihr Vater oder ihr Gatte von hohem Rang, so wird die Verteilung auf 
dem Dorfplatz durchgeführt. Der Vorgang ist der gleiche wie bei den Toten- 
feiern und anderen rituellen Verteilungen 1 . Die Nahrungsmittel werden in 
Haufen abgeteilt, und jeder Haufe wird einer bestimmten Person zugewiesen, 
indem ihr Name laut aufgerufen wird. Nach der ersten Schwangerschafts- 
feier erhält jede Frau aus der tabula, die an den Kleidern mitgearbeitet 
und an der Zeremonie teilgenommen hat, einen solchen Haufen Nahrungs- 
mittel. Außerdem wählen die Spender des sagali (Verteilung) meistens 
noch einige besonders schöne und große Yamsknollen aus oder ein Büschel 
Bananen oder Areca-Nüsse und beschenken damit die Schwester des Vaters, 
vielleicht auch noch ein paar andere Verwandte. Eine derartige Zugabe 
heißt pemkwala. 

Mit dieser Verteilung hängt auch eine weniger wichtige, doch sehr inter- 
essante Zeremonie zusammen. Der Vater der Schwangeren, der mit dem sagali 
nichts zu tun hat, sucht etwas besonders Gutes heraus und trägt es von sich 
aus zu gewissen Frauen, denen man nachsagt, sie seien im Besitz einer Art 
schwarzer Magie, die von Schwangeren sehr gefürchtet wird. „Schwarz' ist 
diese Magie sowohl buchstäblich als auch bildlich, denn die Hexe ruft den 
mwanita (schwarzen Tausendfuß) an und macht dadurch die Haut der Schwan- 
geren ganz schwarz — so schwarz wie das Insekt. Dies Geschenk des Vaters 
wird an die Haustür gebracht und gehört zur Klasse der sogenannten katub- 

1 Siehe „Argonauts of the Western Pacific", S. 182 — 183, weiter die Hinweise im Inhalts- 
verzeichnis unter sagali, und weiter unten Kap. XI, 2 des vorliegenden Werkes. 

153 



Schwangerschaft und Geburt 

wadela bivala (Hausschließe-Gaben); es soll allen etwaigen bösen Absichten 
der Hexe zuvorkommen und sie im Keime ersticken. Wie einer meiner 
Gewährsleute es ausdrückte: „Auf daß ihr Zorn ein Ende finde, auf daß 
sie nicht böse Zauberei treiben, welche die Haut jener Frau schwärzt, jener 
Schwangeren." 

Dies bringt uns zu der Frage zurück, welche Vorstellungen der Schwanger- 
schaftszeremonie zugrunde hegen, welches ihre Zwecke und Ziele sind. Fragt 
man den Durchschnittstrobriander nach dem Grund oder der Ursache, u'ula, 
eines Brauches, so hat er meist eine der stereotypen Wendungen zur Hand: 
tokunabogwo ayguri („seit alters her ist es so bestimmt"), Laba'i layma („es 
kam aus Laba'i", dem sagenhaften Mittelpunkt des Gebiets), tomwaya, tom- 
waya, ivagise („die Vorfahren haben es eingerichtet"). In anderen Worten: 
Brauch und Sitte sind in ihren Augen durch die Überlieferung geheiligt; und 
bei den Wilden wie bei uns muß ein Mensch, der etwas auf sich hält, eine Sache 
natürlich deshalb tun, weil sie immer schon getan worden ist. Doch ich habe 
außer den allgemeinen auch einige besondere Gründe für diesen Brauch er- 
fahren. Einige waren der Meinung, die Zeremonie bewirke eine rasche und 
leichte Geburt; denn „das Herumspielen im Wasser lockert das Kind im 
Schoß". Andere sagen, es stärke die Gesundheit von Mutter und Kind; und 
noch andere, es sei notwendig zur richtigen Bildung des Fötus. Eine Frau gab 
als Grund an, während des rituellen Bades gelange das Geisterkind in die Frau 
hinein; doch wurde diese Aussage sonst von niemand bestätigt, und ich halte 
sie auch für unrichtig. 

Nach der vorherrschenden Meinung der Eingeborenen jedoch bezweckt die 
Zeremonie vor allem, die Haut der Frau weiß zu machen. Dieser Ansicht 
waren meine zuverlässigsten Gewährsleute unter den Männern und auch 
mehrere Frauen, mit denen ich darüber sprach. Damit stimmen auch der 
Wortlaut der Zaubersprüche und die rituellen Handlungen überein, ebenso 
das Hauptsymbol, der Schwangerschaftsmantel. Das saykeulo soll nämlich, 
wie mir meine Gewährsleute mitteilten, die Sonne von der Haut fernhalten. 
Die Schwangere muß es nach dem rituellen Bad anziehen; wenn sie es nach 
etwa zwei Monaten ablegt, sollte sie sich bis zur Entbindung soviel als möglich 
im Hause aufhalten. Die Vorstellung, daß Weiße etwas Wünschenswertes sei, 
drückt sich auch in der Zeremonie des ersten Bades aus und in den späteren 
rituellen Waschungen, welche die Schwangere bis zur Entbindung und darüber 
hinaus fortsetzt. 

Unmöglich ist es, tiefere Ursachen dieser Schätzung herauszufragen; man 
bekommt nichts anderes heraus, als es sei eben wünschenswert. Eines jedoch 
ist klar: obgleich weiße Haut in der Regel als Zierde gilt, so wird doch in 

154 



Sitten und Gebräuche bei Schwangerschaft und Entbindung 

diesem Falle die Frau nicht weiß gemacht, um erotisch anziehend zu wirken. 
Auf meine Frage, warum denn eine Schwangere nach einer weißen Haut 
trachten müsse, erhielt ich die Antwort : „Wenn eine Frau sich nicht wäscht 
und salht, und wenn ihre Haut schwarz ist, werden die Leute sagen, diese 
Frau ist sehr schlecht, sie hat Männer im Sinn, sie sorgt nicht für ihr Wochen- 
bett." Oder es hieß als Erklärung für die ganze Zeremonie : „Das alles geschieht, 
um ihre Haut für das Wochenbett vorzubereiten, und um ihr Begehren weiß 
zu machen. Denn wenn ihre Haut weiß ist, sehen wir, daß sie nicht an Ehe- 
bruch denkt." Ein anderer Gewährsmann sagte mir: „Das sayheulo bedeckt 
sie ganz und gar: Brüste, Beine, Rücken; nur ihr Gesicht ist zu sehen. Es 
macht ihre Haut weiß, es zeigt, sie hat keinen Umgang mit Männern." 
Die Frau wird also mit Hilfe all dieser Magie weiß und schön gemacht. 
Doch muß sie ihre Reize verbergen; sie darf anderen Männern nicht an- 
ziehend erscheinen, und mit der ehelichen Treue muß sie es noch genauer 
nehmen als sonst; ja sogar des rechtmäßigen Verkehrs mit ihrem Gatten 
muß sie sich enthalten. 

3. Sitten und Gebräuche 
bei Schwangerschaft und Entbindung 

In den vorhergehenden Abschnitten haben wir die Feier anläßlich der ersten 
Schwangerschaft beschrieben. Wir wenden uns nun den allgemeinen Bräuchen 
bei Schwangerschaft und Entbindung zu. Das rituelle Bad, die feierliche Be- 
kleidung mit dem Schwangerschaftsmantel, das Weiß- und Schönmachen mit 
Hilfe von Magie findet nur vor der Geburt des ersten Kindes statt. Doch 
wiederholt es sich bei jeder Schwangerschaft, daß die Haut mit den üblichen 
Mitteln — unter anderem durch Tragen des Mantels — so weiß als möglich 
gemacht wird. Bei späteren Schwangerschaften wird der Mantel von der Frau 
selbst hergestellt, oder sie erhält ihn gegen Entgelt von einer tabula — doch 
das ist nur ein Privatgeschäft zwischen den beiden. 

Etwa fünf Monate nach der Empfängnis, also etwa zu dem Zeitpunkt, da 
bei einer ersten Schwangerschaft das rituelle Bad stattfindet, beginnt die 
künftige Mutter sich bestimmter Speisen zu enthalten. Sie darf alles das nicht 
essen, was die Eingeborenen als kavaylu'a bezeichnen — Leckerbissen, die 
meistens aus Früchten bestehen. Bananen, Mango, Malaienäpfel, Südsee- 
Mandeln, Papaya-Früchte, Brotfrüchte und iVata-Früchte sind ihr verboten. 
Dieses Tabu hängt mit der zukünftigen Gesundheit des Kindes zusammen. 
„Wenn sie kavaylu'a ißt, wird das Kind einen dicken Bauch haben; es wird 
voll von Exkrementen sein und bald sterben." Die Kost einer Schwangeren 
beschränkt sich daher auf die übliche Gemüsenahrung (kaulo), das heißt Yams 

155 



Schwangerschaft und Geburt 

Taro, Erbsen, süße Kartoffeln und andere Erträgnisse des Gartens. Sie darf 
auch Fleisch und Fisch essen, doch sind ihr gewisse Fischsorten verboten, 
nämlich alle Arten, die in den unterseeischen Wasserlöchern des Korallen- 
fels leben. Die Eingeborenen sagen: genau so, wie es schwierig ist, diese 
Fische aus ihren Verstecken herauszuholen, würde auch das Kind schwer 
herauskommen. Fische mit scharfen, spitzen oder giftigen Flossen, die den 
Fischern gefährlich sind, sind für die Schwangere tabu. Würde sie davon 
essen, so würde das Kind übellaunig werden und immerfort schreien. Ist 
die Schwangerschaft weiter vorgeschritten und äußerlich stark sichtbar, 
so muß jeder Geschlechtsverkehr eingestellt werden, denn „der Penis würde 
das Kind töten", wie die Eingeborenen sagen. Dieses Tabu wird streng 
eingehalten. 

Sonst führt die Schwangere ein ganz normales Leben, fast bis zur Ent- 
bindung. Sie arbeitet im Garten, holt Wasser und Brennholz und kocht das 
Essen für die Familie. Nur muß sie sich vor der Sonne schützen, indem sie 
das saykeulo (Schwangerschaftsmantel) trägt, häufige Waschungen vornimmt 
und sich mit Kokosnußöl einsalbt. Erst gegen Ende der Schwangerschaft, 
wenn das erste saykeulo verschlissen ist und abgelegt wird, muß sie die Sonne 
meiden und daher einen Teil der schweren Arbeit aufgeben. 

Wie bei der ersten Schwangerschaft, so auch bei allen folgenden muß die 
Frau um den fünften Monat in das Haus ihres Vaters übersiedeln ; dort kann 
sie bleiben, sie kann aber auch bis kurze Zeit vor der Entbindung ins Haus 
ihres Mannes zurückkehren; dann jedoch muß sie unbedingt zu ihren Eltern 
oder ihrem Onkel mütterlicherseits gehen. Dieser Umzug ins Haus des Vaters 
oder mutterseitigen Onkels findet in der Regel bei jeder Geburt statt ; meistens 
verläßt die Frau das Haus ihres Mannes im siebenten oder achten Monat der 
Schwangerschaft. 

Dieser Brauch erklärt sich aus der großen Angst vor den Gefahren, die 
eine Frau im Kindbett bedrohen und auf eine Art bösen Zauber zurückzu- 
führen sind, vatula bam genannt (das Starrmachen oder Lähmen der Gebär- 
mutter). Angesichts dieser großen Gefahr sehen wir wieder einmal, wie die 
Bande der Blutsverwandtschaft sich als stärker erweisen, wie Zugehörigkeits- 
gefühl und Verantwortlichkeit vom Gatten zur Sippe hinübergleiten. Nach 
Brauch und Gesetz des Stammes gelten hier wieder nur die wirklichen Bluts- 
verwandten mütterlicherseits als zuverlässig. Die Frau soll ins Haus ihres 
Vaters gehen, denn das ist zugleich das Heim ihrer Mutter, und ihre Mutter 
ist die geeignetste Person, sie und das Kind zu versorgen. Der Mutter kommt 
es auch zu, die Gefahr mit Hilfe ihrer männlichen Verwandten abzuwehren; 
diese versammeln sich im Hause der Geburt und achten darauf, daß über der 

156 




44. DER WEG INS WASSER (KAP. Vlll, 2) 




5Ä 



* 



■ 



&%*«■»££* 



. 




45. DAS RITUELLE BAD (KAP. VIII, 2) 








ü 



üd 



X CO 

£ «J 
n a 

w 

M 

W 
O 
S5 
<1 

a 



Cd 



— ■ 



Sitten und Gebräuche bei Schwangerschaft und Entbindung 

Wöchnerin gehörig Wache (yausa) gehalten wird. Mit Speeren bewaffnete 
Männer sitzen die ganze Nacht hindurch an Feuern und bewachen das Haus 
und alle Zugänge. Solches Wachehalten gilt als die beste Wehr und Verteidi- 
gung gegen böse Zauberer, von denen man glaubt, daß sie, von Nachtvögeln 
umschwärmt, rings ums Haus schleichen und den Vatula-bam-ZauheT zu voll- 
bringen suchen. In erster Linie ist es die Pflicht des Gatten, yausa zu halten, 
doch traut man ihm nicht genug, um es ihm allein zu überlassen; die männ- 
lichen Verwandten der Schwangeren stehen ihm nicht nur bei, sondern kon- 
trollieren ihn auch. Interessanterweise besteht diese Art Zauberei nicht nur 
in der ängstlichen, abergläubischen Einbildung der Eingeborenen, sondern 
wird tatsächlich von Zauberern versucht und ausgeführt. Der Zauberer nähert 
sich dem Haus, sagt seinen Spruch und vollbringt den Zauber nach den vor- 
geschriebenen Riten l , Es ist mir sogar gelungen, den Wortlaut dieser Sprüche 
und der wirksamen Gegensprüche zu erlangen; doch da dieses Thema mehr 
ins Gebiet der Zauberei gehört, behalte ich es mir für eine spätere Veröffent- 
lichung vor. 

Wenn die schwere Stunde naht, wird das väterliche Haus gerüstet. Der 
Vater und alle männlichen Bewohner müssen es verlassen, dafür kommen 
einige weibliche Verwandte, um der Mutter zu helfen. Treten die ersten 
Wehen auf, so muß sich die Frau auf die über dem Boden erhöhte Bett- 
stelle hinkauern; darunter wird ein kleines Feuer angezündet, „um ihr 
Blut flüssig zu machen", „damit das Blut fließt". Im entscheidenden Augen- 
blick begeben sich die Gebärende und ihre Helferinnen zuweilen in den 
Busch, wo dann die Entbindung stattfindet, doch in den meisten Fällen 

bleiben sie im Hause. 

Über den eigentlichen Geburtsakt habe ich nur das folgende erfahren können. 
Die Gebärende sitzt mit gespreizten Beinen und aufgestellten Knien auf einer 
Matte am Boden. Sie lehnt sich nach hinten, die Hände am Boden, und stützt 
ihr Gewicht auf die Arme. Hinter ihr steht ihre Schwester oder eine andere 
nahe Verwandte mütterlicherseits; schwer lehnt sie auf den Schultern der 
Gebärenden, drückt sie nieder und preßt sie mit allen Kräften nach unten. 
Die Eingeborenen sagen: „Diese Frau drückt auf die Kreißende, damit das 
Kind schnell herausfällt." Die Mutter der Gebärenden ist bereit, das Kind zu 
empfangen; manchmal hält sie die Knie ihrer Tochter. Eine Matte wird hin- 
gebreitet, um das Neugeborene darauf aufzufangen. Mir wurde berichtet, daß 
das Kind nur durch natürliche Anstrengungen zur Welt kommen darf, daß 

1 Über den Unterschied zwischen der rein eingebildeten Hexerei fliegender Frauen (yoyova) 
und der tatsächlich ausgeführten Zauberei männlicher Zauberer (bwaga'u) vgl. „Argonauts 
of the Western Pacific", Kap. II, 7 u. X, 1 ; auch Kap. II dieses Buches. 

157 



Schwangerschaft und Geburt 

es niemals herausgezogen oder angefaßt wird. „Das Kind fällt auf die Matte, 
da liegt es, dann nehmen wir es. Wir greifen es vorher nicht an." Die Ge- 
bärende versucht den Vorgang zu beschleunigen, indem sie den Atem anhält 
und so einen Druck auf den Leib ausübt. 

Ist es eine sehr schwere Geburt, so wird das natürlich der bösen Wirkung 
des vatula bam zugeschrieben; dann läßt man jemand kommen, der das 
vivisa (heilende Zauberformel) kennt, um dem Übel entgegenzuwirken. 
Diese Formel wird über den wohlriechenden Blättern der Kivebila-Püanze 
ausgesprochen, mit denen der Körper der Frau dann abgerieben wird. 
Manchmal werden die verzauberten Blätter ihr auch auf den Kopf gelegt, 
und dann wird mit der Faust daraufgeschlagen. Nur in den schwierigsten 
Fällen, wenn das vivisa versagt, wird das Kind angefaßt und herausge- 
zogen, doch nach dem, was ich gehört habe, offenbar nur sehr zaghaft 
und ungeschickt. Wenn die Nachgeburt nicht zur gehörigen Zeit zum Vor- 
schein kommt, wird an das mutterseitige Ende der Nabelschnur ein Stein 
gebunden; dann wird das vivisa (heilende Formel) darüber gesprochen und 
die Frau muß sich aufrecht hinstellen. Hilft auch das nichts, so sind die 
Eingeborenen am Ende ihres Witzes angelangt und die Frau ist verloren, 
da sie es nicht verstehen, die Nachgeburt durch einen Handgriff herauszu- 
ziehen. Sie waren sehr erstaunt, als sie sahen, wie Dr. Bellamy, der mehrere 
Jahre lang beamteter Arzt auf den Trobriand-Inseln war, die Nachgeburt zu 
entfernen pflegte 1 . 

Etwa drei Tage nach der Geburt kommt eine Frau aus der tabula (vater- 
seitigen Verwandtschaft) der Mutter des Neugeborenen, wärmt sich die Finger 
an einem Feuer und knetet und dreht die Nabelschnur dicht am Körper des 
Kindes ab. Samt der Nachgeburt wird sie im Garten vergraben; diesem 
Brauch liegt der unbestimmte Glaube zugrunde, daß dadurch das Neu- 
geborene zu einem guten Gärtner werde, daß „sein Sinn im Garten fest- 
gehalten" werde. Nach der Entfernung der Nabelschnur darf das Kind aus 
dem Hause getragen werden, doch ist das nicht unbedingt nötig. Die Mutter 
muß sich etwa einen Monat lang in der väterlichen Hütte aufhalten, ehe 
sie ins Freie darf. Bald nach der Entbindung dreht die tabula einen Strick 
und bindet ihn der Mutter um die Brust. Irgendein Zauber ist damit ver- 
knüpft, doch leider habe ich nie erfahren können, was eigentlich hinter 
dieser Zeremonie steckt. 



1 Dies wurde mir sowohl von den Eingeborenen als auch von Dr. Bellamy selbst bestätigt, 
der zu jener Zeit Assistent-Resident und beamteter Arzt des Distriktes war. 



158 



Mutter und Kind 

4. Mutter und Kind 

Mutter und Kind verbringen während des ersten Monats die meiste Zeit 
auf einer der Bettstellen, unter der ein kleines Feuer brennt. Dies ist eine 
hygienische Einrichtung, denn die Eingeborenen halten dieses Geschmort - 
und Geräuchert -Werden für sehr gesund und für eine Art Vorbeugungsmittel 
gegen schwarze Magie. Da die Frau über dem Feuer meistens nackt ist, soll 
kein männliches Wesen das Haus betreten; doch ist dieser Brauch durch kein 
übernatürliches Gebot geheiligt, und es ist auch weiter kein Unglück, wenn 
das Tabu einmal gebrochen wird. Nach etwa einem Monat erfolgt ein Zauber 
namens vageda kaypwakova: Blüten der weißen Lilie werden mit trockenem 
Holz verbrannt; dabei wird ein Zauberspruch aufgesagt, und der Rauch des 
qualmenden Reisigs umhüllt die Frau. Dies geschieht an zwei Tagen hinter- 
einander und soll ihre Haut noch weißer machen. Den Wortlaut des Spruches 
habe ich nicht erfahren können. Am dritten Tag wird die junge Mutter von 
der tabula nach ritueller Vorschrift gewaschen und mit Blättern abgerieben, 
die durch denselben Spruch wie bei der ersten Schwangerschaftsfeier ver- 
zaubert worden sind. 

Dann geht die Frau mit dem Kinde aus und macht die Runde durchs Dorf; 
von ihren Freunden und Verwandten väterlicherseits erhält sie kleine Ge- 
schenke an Nahrungsmitteln, va'otu genannt. Hat sie ihre Runde beendet, so 
wird sie von ihrer tabula (Tante mütterlicherseits und ähnlichen Verwandten) 
zum Schein nach Haus getrieben (ibutusi); dort muß sie noch einen weiteren 
Monat in Zurückgezogenheit verbringen. 

Während dieser Zeit dürfen Mann und Frau nur durch die Tür miteinander 
sprechen oder sich dann und wann anblicken. Auf keinen Fall dürfen sie zu- 
sammen essen oder auch nur dieselbe Speise genießen. Geschlechtsverkehr 
ist noch für eine viel längere Zeit streng tabu, mindestens solange, bis das Kind 
laufen kann. Nach der strengeren Regel jedoch müssen sie sich des Geschlechts- 
verkehrs enthalten, bis es entwöhnt ist — das heißt etwa zwei Jahre lang nach 
der Geburt; soviel ich hörte, wird diese strenge Regel von den Männern in 
polygamen Familien stets eingehalten. Der Ehemann, selbst wenn er mehrere 
Frauen hat, muß sich alles ehelichen und außerehelichen Verkehrs enthalten, 
bis das Kind und seine Mutter zum ersten Male ausgehen. Die Nichtbefolgung 
all dieser Regeln soll dem Kinde den Tod bringen. Auch von unehelichen Kin- 
dern heißt es, daß das Kind sicherlich sterben muß, wenn die Mutter zu früh 
den Geschlechtsverkehr aufnimmt. 

Nach der zweiten Haushaft kehren Mutter und Kind ins eigene Heim zurück 
und die Mutter nimmt ihr normales Leben wieder auf, obgleich natürlich das 

159 



Schwangerschaft und Geburt 

Kind viel Zeit beansprucht. Sie trägt einen einfachen Bastrock, wie er in 
doppelter Anzahl von ihrer tabula vor ihrer ersten Entbindung für sie an- 
gefertigt wurde; ebenso trägt sie jetzt den zweiten der beiden langen Mäntel 
(saykeulo) (s. Abb. 50). Handelt es sich um eine zweite Schwangerschaft oder 
um eine uneheliche Geburt, so stellt sie die Röcke und Mäntel selbst her, oder 
eine Verwandte fertigt sie privat für sie an; diese sind dann in der Regel viel 
kürzer (s. Abb. 89). Eine junge Mutter trägt häufig auch eine Art Mutterschafts- 
kappe, togebi genannt, die oft dadurch hergestellt wird, daß man einen kleinen 
Bastrock zu einem Turban zusammendreht 1 . In ihre Armringe muß sie ein 
Büschel wohlriechender Kräuter (vana) stecken. 

Die größte Sorgfalt wird natürlich auf die Ernährung des Kindes ver- 
wendet. Außer der Mutterbrust, die nur selten versagen soll, bekommt das 
Kind vom ersten Tage an auch andere Nahrung. Weich gekochter Taro wird 
von der Mutter oder einer ihrer Verwandten vorgekaut und der Brei, memema 
genannt, dem Kinde eingefüttert. Nach Ansicht der Eingeborenen würde ein 
Kind zu schwach werden, wenn es weiter nichts als Muttermilch bekäme. Vor- 
gekauter Yams und Fisch werden erst viel später gegeben, wenn das Kind 
beinahe ein Jahr alt ist. Der Kopf des Kindes wird mit einem Gemisch aus 
Kokosnußöl und Holzkohle beschmiert, „um den Kopf stark zu machen", 
wie die Eingeborenen sagen. Eine Reinlichkeitsregel wird von den ersten 
Lebensstunden des Babys an Tag für Tag befolgt: es wird regelmäßig in 
warmem Wasser gebadet, mit dem die Mutter auch sich selbst wäscht. Eine 
besondere hölzerne Schüssel, kaykwaywosi genannt, wird zu diesem Zwecke 
benutzt. Das Wasser wird durch hineingeworfene Steine erwärmt, die vorher 
in glühender Asche erhitzt werden. So entsteht ein heißes, leicht alkalisches 
Badewasser; diese tägliche Waschung und die darauf folgende Salbung mit 
Kokosnußöl soll die Haut von Mutter und Kind weiß erhalten. Die Ent- 
wöhnung des Kindes findet erst sehr lange nach der Geburt statt, meistens 
nach etwa zwei Jahren oder, wie die Eingeborenen sich ausdrücken, „wenn es 
deutlich bakam bamom (ich möchte essen, ich möchte trinken) 6agen kann." 

Während der Entwöhnung wird das Kind von der Mutter getrennt und 
schläft bei seinem Vater oder bei seiner Großmutter mütterlicherseits. Schreit 
es in der Nacht, so wird ihm eine trockene Brust gereicht oder ein wenig Kokos- 
nußmilch. Ist es reizbar und unruhig und will nicht recht gedeihen, so wird es 
zu Verwandten in ein entferntes Dorf gebracht, oder aus einem Binnendorf 
an die See, damit es wieder gesund und vergnügt wird. 

1 Togebi ist die allgemeine Bezeichnung für geflochtene Teller oder zusammengefaltete Bast- 
röcke, welche die Frauen als Unterlage für Körbe und andere Lasten auf dem Kopf tragen 
(vgl. Kap. I, 3 und Abb. 6). 

160 



Mutter und Kind 

Wir haben nun den Lebensgang des Neugeborenen verfolgt bis zu der Zeit, 
da es sich bald zu seinen Spielgefährten in der kleinen Welt der Kinder ge- 
sellen wird. In wenigen Jahren wird sein eigenes erotisches Leben beginnen. 
So haben wir den Kreis durchlaufen: kindliches Liebesspiel, Liebesgeschichten 
der Jugendzeit, Dauerverhältnis, Ehe, Fortpflanzung und Großziehen der 
Kinder. Diesen Kreislauf habe ich in seiner Hauptlinie dargestellt und dabei 
besonders das Soziologische hervorgehoben, wie es im vorehelichen Verkehr, 
in der Eheschließung, in den Begriffen von Verwandtschaft und dem Hin und 
Her zwischen Mutterrecht und väterlichem Einfluß sich geltend macht. In 
den folgenden Kapiteln müssen noch gewisse Seitenpfade und psychologische 
Fragen erörtert werden, die im besonderen mit dem erotischen Leben vor der 
Ehe zusammenhängen. 



11 M. G. 



161 



NEUNTES KAPITEL 
ÜBLICHE FORMEN FREIER LIEBESVERBINDUNGEN 

Wir müssen uns nun gewissen Seiten des Liebeslebens zuwenden, die wir in 
unserer Lebensgeschichte des Eingeborenen bisher vernachlässigt oder höch- 
stens gestreift haben. Die in Kapitel III geschilderten Tatsachen zeigten uns, 
daß innerhalb gewisser Grenzen jeder ein großes Maß an Freiheit und vielerlei 
Gelegenheit zu geschlechtlichen Erlebnissen hat. Nicht nur braucht kein 
Mensch unter unbefriedigten Trieben zu leiden, sondern jedem stehen auch 
reiche Auswahl und vielerlei Gelegenheiten offen. 

Doch so vielfältig diese Gelegenheiten zu den üblichen Liebeserlebnissen 
auch sein mögen — es sind damit noch lange nicht alle Möglichkeiten des 
erotischen Lebens erschöpft. Mancherlei Abwechslung im Dorfleben, wie das 
Auf und Ab der Jahreszeiten sie mit sich bringt, und allerhand festliche Ver- 
sammlungen beleben überdies das geschlechtliche Interesse und sorgen für 
seine Befriedigung. Bei solchen Gelegenheiten werden in der Regel Beziehungen 
außerhalb der Dorfgemeinde angeknüpft; alte Bande lockern sich, neue Be- 
kanntschaften spinnen sich an; es kommt zu kurzen, leidenschaftlichen 
Affären, die sich manchmal zu festeren Beziehungen entwickeln. 

Die überlieferte Sitte erlaubt, ja ermutigt sogar solche Erweiterungen des 
gewöhnlichen Liebeslebens. Und doch gelten sie trotz dieser Begünstigung 
durch Brauch und Sitte als Exzesse, als etwas Außergewöhnliches. Meist 
rufen sie zwar nicht bei der Gemeinschaft als Ganzem Widerstand hervor, 
wohl aber bei den einzelnen, die sich dadurch verletzt fühlen 1 . Gewisse Ex- 
zesse, die tatsächlich den Namen „orgiastische Ausschweifungen" verdienen, 
sind nur auf einen einzigen Distrikt beschränkt und gelten den übrigen Ein- 
geborenen als merkwürdige lokale Besonderheit. Diejenigen aber, bei denen 
diese Exzesse vorkommen, sind stolz auf sie und schämen sich ihrer gleich- 
zeitig. Selbst die üblichen, nach außen nicht auffallenden Seitensprünge gelten 
als dumme Streiche und Abenteuer, die stets im geheimen ausgeheckt und von 

1 Über dergleichen erlaubte, doch übel vermerkte Bräuche vgl. „Crime and Custom", Teil II. 
162 






Das erotische Element in Spielen 

den gewöhnlichen Partnern häufig übel vermerkt, wenn nicht gar gerächt 

werden. 

Es schien am besten, die Schilderung des Geschlechtslebens in zwei Teile 
zu trennen und diese gesondert zu besprechen. Das normale Reifen des Ge- 
schlechtstriebes und sein Einmünden in die Ehe waren zunächst zu behandeln. 
In den nun folgenden Kapiteln soll gezeigt werden, wie dem Trieb weiterer 
Spielraum gegeben wird, wie er über die heimatlichen Alltagsbekanntschaften 
hinausstrebt und die im eigenen Dorf geknüpften Liebesbeziehungen durch- 
kreuzt. 

Diese Einteilung entspricht den Anschauungen der Eingeborenen und er- 
möglicht es, die Tatsachen unter einem viel richtigeren Gesichtswinkel dar- 
zustellen, als wenn sie in einem behandelt würden. Doch stehen die beiden 
Teile in engem Zusammenhang; wie sie sich an- und ineinanderfügen, geht aus 
der folgenden Schilderung hervor. 

Ich beginne mit einer Beschreibung solcher Gelegenheiten, die regelmäßig 
im Laufe jeden Jahres das erotische Interesse aufstacheln und gleichzeitig 
vielfältige Befriedigungsmöglichkeiten bieten. Da gibt es gewisse Spiele, die 
mit den Jahreszeiten oder in anderen Zeiträumen wiederkehren; da gibt es 
Picknicks, Ausflüge und Badegesellschaften; da gibt es die üblichen Festlich- 
keiten im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Kreislauf, und schließlich 
die alljährliche Festzeit. 

1. Das erotische Element in Spielen 
Während des ganzen Jahres steigert sich mit herannahendem Vollmond die 
Lust an Spiel und Vergnügen. Vereinen sich sanftes Licht und erfrischende 
Kühle — beides in den Tropen so sehr erwünscht — , so gerät die Natur der 
Eingeborenen in lebhaftes Mitschwingen: sie bleiben länger auf, um zu plau- 
dern, um in andere Dörfer zu wandern oder irgend etwas zu unternehmen, was 
bei Mondlicht ausführbar ist. Alle Feiern in Verbindung mit Reisen, Fischfang 
oder Ernten und ebenso alle Spiele und Festlichkeiten werden bei Vollmond 
abgehalten. Das Leben und Treiben im Stamme bringt es mit sich, daß die 
Kinder, die stets am Abend spielen, um so später zu Bett gehen, je mehr der 
Mond zunimmt; auf dem Dorfplatz versammeln sie sich zu ihren Spielen, und 
bald gesellen sich die jungen Burschen und Mädchen zu ihnen. Wenn der Mond 
voller wird, erscheint auch die reifere Jugend, männlich und weiblich, im Kreis 
der Spielenden. Allmählich scheiden die kleineren Kinder aus, die Reigenspiele 
und sportlichen Wettbewerbe werden von Jugendlichen und Erwachsenen 
ausgeführt. In besonders schönen, kühlen Vollmondnächten habe ich manch- 
mal die ganze Bevölkerung eines großen Dorfes auf dem Hauptplatz versammelt 

163 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

gefunden; wer noch rüstig ist, nimmt teil an den Spielen, die alten Leute 
schauen zu. 

Die Hauptspieler sind jedoch die jüngeren Männer und Frauen, und in mehr 
als einer Hinsicht sind die Spiele mit Geschlechtlichem verknüpft; die enge 
körperliche Berührung, der Einfluß von Mondlicht und Dunkel, die be- 
lauschende rhythmische Bewegung, die fröhliche Heiterkeit von Spiel und 
Gesang — alles trägt dazu hei, Hemmungen zu lockern, und bietet reichliche 
Gelegenheit zu Erklärungen und Verabredungen. In diesem Buch haben wir 
es hauptsächlich mit dem erotischen Element der Spiele zu tun; doch um den 
richtigen Blickpunkt zu behalten, darf man nicht vergessen, daß dies nur eine 
Seite der Sache ist. Die Spiele der Kinder und Erwachsenen enthalten oft 
keinerlei derartiges Element; bei keinem Spiel ist das Erotische der Angel- 
punkt oder auch nur der Hauptanreiz zur Beteiligung. Liebe zum Sport, Be- 
dürfnis nach körperlicher Ausarbeitung, Wetteifer, die Entfaltung von Ge- 
schicklichkeit und Wagemut, ästhetische Befriedigung und Sinn für das Spaß- 
hafte — dies alles ist mindestens ebenso wichtig wie das geschlechtliche 
Element. 

Am wichtigsten sind wohl die Spiele, die an mondhellen Abenden auf dem 
Dorfplatz gespielt werden; meistens beginnen sie mit einem Beigen nach Art 
des „Ringel-Ringel-Bosenkranz", kasaysuya genannt (s. Abb. 51)*. Burschen 
und Mädchen fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis; zuerst be- 
wegen sie sich langsam, doch dann drehen sie sich rascher und rascher zum 
schneller werdenden Bhythmus des Lieds, bis sie erschöpft und schwindlig 
aufhören, ausruhen und in umgekehrter Bichtung von neuem beginnen. Beim 
Fortgang des Spiels folgt ein Lied dem anderen, die Erregung steigert sich. 
Das erste Lied beginnt mit den Worten „kasaysuya, saysuya", die einen Busch 
bezeichnen, von dem das Spiel seinen Namen hat. Jedesmal, wenn ein neuer 
Bundlauf beginnt, wird ein neues Liedchen angestimmt; der Rhythmus von 
Lied und Schritt ist zunächst langsam, wird aber schneller und endet damit, 
daß die letzten Silben in rascher Wiederholung kurz hervorgestoßen werden, 
während sich die Spielenden unaufhörlich rasend schnell im Kreise drehen. 
Gegen Ende des Spiels werden die Liedchen ziemlich anstößig. 

Es folgen nun einige Beispiele solcher Kasaysuya-Lieder mit geschlecht- 
lichen Anspielungen: 

1 Diese und die folgenden Aufnahmen (Abb. 51 — 54 u. 56) wurden gemacht, während Kinder 
«nd Jugendliche die Spiele in allen Einzelheiten vorführten. Die wirklichen Spiele finden 
stets erst nach Dunkelwerden statt und konnten deshalb nicht Photographien werden. Sie 
unterscheiden sich hauptsächlich durch die Anwesenheit von Zuschauern, die auf unsern 
Bildern fehlen. 

164 




48. 



DIE RÜCKKEHR ZUM HAUSE DES VATERS (KAP.VlU.8i 




49. WACHE AUF DER PLATTFORM (KAP. Vlll.fi) 




50. EINE MUTTER UND IHR ERSTGEBORENES 

Die Frau mit dem Säugling trägt ihr zweites saxkeulo. (KAP. VIII, -ii 




■' '■■'.■ 



"'S 



51. KINDER BEIM REIGENSPIEL (KAP. IX. i) 



Das erotische Element in Spielen 

> 

i 

Taytulaviya, viya, taytulabeüla, beula (wiederholt) 
Wütender Taytu, kräftiger Taytu 

Kavakayviyaka, kwisi Ulli au 

Riesengroßer Penis (der) Männer 

Isisuse iva bwayma. 
Sie sitzen im Vorratshaus. 

Toyatalaga popu. 
Hurer Exkrement. 

Freie Übersetzung 
O der rasch wachsende Taytu-Yams, o der kräftige Taytu- Yams. 
Männer mit riesengroßen Penissen sitzen auf den Plattformen der Vorratshäuser 
(das heißt: halten sich fern von Frauen) — sie sind Päderasten! 

II 
Imayase la leaykivi tokaka'u (wiederholt) 

Sie bringen seine Werbebotschaft (des) Witwer(s). 

Ipayki nakaka'u. 

Er (sie) lehnt ab Witwe. 

Ikaraboywa kwila tokaka'u. 

Es bleibt untätig Penis (des) Witwer(s). 

Freie Übersetzung 
Sie brachten ihr die Aufforderung bei ihm zu Hegen vom Witwer — 
Doch die Witwe sagte nein. 
So muß nun des Witwers Penis untätig bleiben! 

Dieses Lied, hörte ich, wird gesungen, wenn ein Witwer anwesend ist, vor 
allem wenn er allzu unternehmend in seinen Liebesanträgen ist oder sie an die 
falsche Adresse richtet. Es wird auch gesungen, wenn eine Frau sein Interesse 
erregen und ihn ermutigen möchte. 

III 



Yokwamiga 
Ihr fürwahr 
Saydukupi, 
kurzes Stück, 


tau , a , u miyawimi 
Männer eure Schamblätter 
kupi. 
kurzes. 


sayduwaku. 
Duwaku- Stück 


Galaga 
Nein fürwahr, 


takakaya kukupi. 
wir huren kurz(e Dinge). 





11» 165 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Freie Übersetzimg 

Männer, ihr gebraucht Duirafcu-Blattstreifen zu euren Schamblättern : 

Kurze Streifen sind es, viel zu kurze! 

Nichts dergleichen Kurzes wird uns dazu bringen, mit euch zu huren! 

IV 

Yokwamiga vivilaga midabemi siginanabu, 

Ihr fürwahr, Frauen fürwahr eure Röcke siginanabu (ein dünnes Blatt), 

Siginapatu, patu. 

(dünnes Blatt) eng, eng. 

Galaga, takakaya patu. 

Nein fürwahr, wir huren eng(e Löcher) 

Freie Übersetzung 

Frauen, ihr gebraucht Siginanab u-Blätter zu euren Röcken: 

Sehr schmal sind die Blätter, sehr schmal. 

Nichts dergleichen Schmales wird uns dazu bringen, in euch einzudringen. 

Das eine Liedchen ist das Gegenstück zum anderen: beide enthalten die 
typischen Scherze über die Kleidung des anderen Geschlechts. Mein Gewährs- 
mann versicherte mir emdringlich, sie bedeuteten weiter nichts als: „Gala 
takayta kaykukupi kwila — gala takayia kwaypatu wila." „Wir begatten uns 
nicht (mit einem Mann) mit kurzem Penis, wir begatten uns nicht (mit einer 
Frau) mit engem Cunnus." 

V 
Yokwamiga giyovila kaynupisi nunimiga. 

Ihr fürwahr Frauen von Rang, klein eure Brüste fürwahr. 

Kaykawala mitasiga gweguyaga. 

Erregbar ihre Augen Männer von Rang fürwahr. 

Kamilogi babawa, kamiyaguma 

Eure Stütze beim Begatten Erdhügel, eure Kalkbehälter 

kwe, kwe, kwe. 
(machen) kwe, kwe, kwe. 

Freie Übersetzung 

vornehme Frauen, klein fürwahr sind eure Brüste, 
Doch geil sind die Augen vornehmer Männer. 

Ihr begattet euch auf dem Boden, und dazu machen eure Kalkbehälter 
ein rasselndes Geräusch: kwe, kwe, kwe. 

166 



Spiele, die körperlicke Berührung mit sich bringen 

Gesellschaftsspiele beginnen stets mit solch einem rhythmischen Rundlauf. 
Andere Figurenspiele folgen, an denen manchmal nur zwei teilnehmen; etwa 
so: ein Junge stemmt den einen Fuß gegen das Bein eines aufrechtstehenden 
Jungen oder Mannes, der den anderen Fuß des Kleinen mit beiden Händen 
packt und sich schnell im Kreise dreht (s. Abb. 52) ; oder zwei Jungen setzen 
sich einander gegenüber auf den Boden, so daß ihre Fußsohlen aneinander- 
liegen; nun packen sie gleichzeitig einen Stock, der zwischen sie gehalten 
wird, und versuchen sich gegenseitig vom Boden aufzuheben. Die meisten 
Spiele werden jedoch von vielen Personen gespielt; manchmal sind es sehr 
vereinfachte und entfernte Nachahmungen ernsthafter Betätigungen, manchmal 
stellen sie das Verhalten von Tieren dar. Beim „Hundeschwanz" zum Beispiel 
stehen zwei Reihen Jungens einander gegenüber und bewegen sich nach rechts 
und links; bei „Ratten" hockt eine Reihe Jungens am Boden, und einer nach 
dem anderen hüpft vor (s. Abb. 53) ; beim „Kochtopf" treten die Jungens in der- 
selben Lage langsam von einem Fuß auf den anderen; beim „.Ku&oya-Fischen" 
ziehen die Jungen im Gänsemarsch durch ein Tor, das von zwei sich gegen- 
überstehenden Jungens gebildet wird, die sich gegenseitig die Hände auf die 
Schultern legen (s. Abb. 54). Dieses Spiel ähnelt sehr unserem „Wir woU'n die 
goldne Brücke baun". Schwierigere Figuren kommen vor beim „Bananen- 
Stehlen", „Papagei" und „Feuer". Alle diese Spiele werden ausnahmslos von 
Verschen begleitet, die manchmal am Anfang, manchmal während des ganzen 
Spiels und manchmal, wie zum Beispiel bei „Bananen" in geeigneten 
Augenblicken gesungen werden. In keinem dieser Spiele findet sich ein aus- 
gesprochen erotisches Element, doch bieten sie alle Gelegenheit zum gegen- 
seitigen Anfassen und Berühren, zum Austausch von Scherzen und Neckereien. 
An Wettspielen wie „Ratten", „Hundeschwanz" und „Fischen" nehmen 
meistens nur Jungens teil. An den komplizierteren Spielen wie „Feuer", 
„Bananen" und „Papagei" beteiligen sich beide Geschlechter. 

2. Spiele, die körperliche Berührung mit sich bringen 
Dies gilt auch als Regel für die folgenden Spiele, die eine noch engere 
körperliche Berührung gestatten. Das Sma-Spiel gehört als ein Teil des 
rituellen Bades zur Schwangerschaftszeremonie und ist im vorigen Kapitel be- 
schrieben worden; im Dorf wird es von Jungens und Mädels gemeinsam ge- 
spielt. Bei einem anderen Spiel stehen die Spielenden Hand in Hand in einer 
langen Reihe; dann stimmen sie ein Lied an und wandern um denjenigen Mit- 
spieler herum, der an dem einen Ende steht. Dieses Ende bleibt reglos stehen, 
während der Mitspieler am anderen Ende die Kette in immer engeren und 
engeren Kreisen herumführt, bis die ganze Gesellschaft zu einem festen Knäuel 

167 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

zusammengepreßt ist. Der Witz der Sache besteht darin, den Knäuel möglichst 
dicht zusammenzupressen. Er wird allmählich wieder aufgelöst durch eine 
immer schneller werdende rückläufige Bewegung; schließlich rasen die anderen 
um das feststehende Ende herum, bis die Kette auseinanderreißt. Ein anderes 
Spiel beginnt damit, daß zwei Mitspieler sich Rücken an Rücken auf den 
Boden setzen; zwei andere setzen sich als Stütze zwischen die Beine der ersten 
dann wieder zwei zwischen die Beine des zweiten Paares, und so fort; nun 
beginnen sie zu singen und im Sitzen nach rückwärts zu stemmen; die Reihe, 
welche die andere aus der Lage verdrängt, hat gewonnen. Bei beiden Spielen 
führt die große körperliche Nähe leicht zum beginnenden Liebesspiel. 

Das behebteste und wichtigste Spiel ist Tauziehen, Wu (wörtlich: ziehen); 
die lange kräftige Liane einer Schlingpflanze dient als Tau, und die gleiche 
Anzahl von Spielern, einer hinterm anderen, packt an jeder Hälfte des „Taues" 
an; meistens beginnt das Spiel mitten auf dem Dorfplatz (baku). Sind alle auf- 
gestellt, so sagt die eine Seite die erste Hälfte des Verschens auf, und die andere 
antwortet mit der zweiten; ist das Verschen beendet, so fangen sie an zu ziehen. 
Manchmal spielen Männer gegen Frauen; manchmal wird — zufällig oder 
absichtlich — „bunte Reihe" gemacht. Niemals werden die Mitspieler nach 
ihrem Clan eingeteilt, wohl aber werden die Verwandtschaftstabus zwischen 
Männern und Frauen stets beobachtet, so daß zum Beispiel Bruder und 
Schwester nie nebeneinander zu stehen kommen. Jede Seite sucht die andere 
„unterzukriegen"; der richtige Spaß fängt erst an, wenn eine Seite sich als 
stärker erweist und die andere herumzerrt. Bei diesem Spiel geht es reichlich 
grob zu und es wird nicht darauf geachtet, ob etwa Häuser, junge Bäume oder 
zufällig herumhegende Haushaltungsgegenstände dabei zu Schaden kommen. 
Wird es in der Form eines kayasa gespielt, das heißt als Wettkampf, wovon 
gleich die Rede sein wird, so sollen Häuser, Vorratshütten und junge Bäume 
häufig beschädigt und manchmal auch Menschen verletzt werden. 

Der eigentliche Sinn dieser Kraft- und Geschicldichkeitskonkurrenzen Hegt 
im Spiele selbst, doch viele Mitspieler nützen sie zu erotischen Zwecken. Die 
körperliche Nähe erlaubt nicht nur gewisse Intimitäten, die sonst nicht möglich 
sind, sondern sie ist auch unbedingt nötig zur Ausführung bestimmter Liebes- 
zauber, wie wir später sehen werden. 

Spät in der Nacht, häufig als Krönung der anderen Vergnügungen, spielen 
die Eingeborenen „Verstecken" (supeponi). Wird es im großen gespielt, so 
gehen die Parteien vom Dorfplatz aus, verstecken sich aber außerhalb des 
Dorfes im weyka, dem Dorfhain (s. Abb. 56). In der Regel trennen sich die 
Geschlechter, und Männer und Frauen verstecken sich abwechselnd. Findet 
ein Mitspieler einen anderen, so muß er mit lauter Stimme ein Liedchen singen. 

168 



Liebes- und Festzeiten 

Wer lange Zeit nicht gefunden wird, kommt allein zurück und singt bei der 
Ankunft am Treffplatz ein bestimmtes Verschen. Wie Tauziehen ist auch dieses 
Spiel sehr behebt, was zweifellos zum Teil erotische Gründe hat. Liebespaare 
richten es so ein, daß sie einander suchen oder sich an einer bestimmten Stelle 
treffen; es Hegt auf der Hand, daß dieses Spiel die beste Gelegenheit zu Stell- 
dicheins gibt, die jedoch in der Regel wohl nur Einleitung zu Ernsterem sind. 
Demgemäß gilt es für eine verheiratete Frau nicht für schicklich, beim „Ver- 
stecken" mitzuspielen. 

Häufig verabreden an einem schönen Tage junge Burschen und Mädchen 
einen Ausflug an irgendeine bekannte und beliebte Stelle. Meistens nehmen 
sie Nahrungsmittel mit und kochen sie am Strande oder in den Felsklippen 
am Ufer oder an einem besonders schön gelegenen Wasserloch. Manchmal 
werden auf solchen Ausflügen Früchte gesammelt oder Fische oder Vögel 
gefangen. Bei solchen Gelegenheiten schlagen sich Liebespaare abseits in die 
Büsche, um ungestörter zu sein. Zur Blütezeit wohlriechender Blumen und 
Bäume pflücken sie Blüten, schmücken einander mit Blumengewinden und 
sogar mit farbiger Sc hminke und feiern so ihr Fest in Schönheit. 

An heißen Tagen in der stillen, ruhigen Jahreszeit gehen Burschen und Mäd- 
chen an den Strand, ans Wasserloch oder an eine tief ins Land schneidende 
Meeresbucht, um Badespiele zu spielen. Jedes hat seinen bestimmten Ablauf 
und besonderen Namen; die meisten werden mit Gesang begleitet. Die Spielen- 
den schwimmen und tauchen in Gruppen, oder sie stehen in einer Reihe und 
singen ein Lied; ist es zu Ende, so lassen sie sich rücklings ins Wasser fallen 
und schwimmen auf dem Rücken davon. Oder sie stehen im Kreis, die Ge- 
sichter nach innen, singen ein paar Worte und bespritzen sich dann gegen- 
seitig. Ein Spiel gibt es, das an die alte Sage von der Verwandlung eines 
Mannes in einen Dugong erinnert. Sie verstehen auch das Wellenreiten auf 
Brettern und vergnügen sich damit in der Brandung des flachen Strandes. 

Wie großen Anteil an all diesen Spielen das Erotische hat, ist schwer zu 
sagen. In all den bisher beschriebenen Spielen kann ein Beobachter nichts im 
geringsten Unschickliches finden, doch aus Gesprächen mit den Eingeborenen 
und aus ihren persönlichen Bekenntnissen geht klar hervor, daß bei solchen 
Gelegenheiten häufig Liebesgeschichten sich anspinnen. Das Bespritzen geht 
oft in Balgereien über, und Wasserspiele zeigen den menschlichen Körper in 
neuem, verlockendem Licht. 

3. Liebes- und Festzeiten 
Die Spiele auf dem Dorfplatz werden zum größten Teil in der kühlen Jahres- 
zeit der Passatwinde, zwischen Mai und September, gespielt. Badespiele 

169 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

finden in dieser Zeit nicht statt, denn während der Mittagstunden weht ein 
starker Wind; Wasserspiele sind am beliebtesten in den heißen Jahreszeiten 
zwischen der Trocken- und der Regenzeit, vom Februar bis Mai, und im Ok- 
tober und November. Diese beiden letzten Monate — der Frühling der süd- 
lichen Halbkugel und auf den Trobriand- Inseln die stille Jahreszeit nach der 
Trockenzeit der Passatwinde — sind auch die Zeit der Erntefestlichkeiten. 
Die Ernte ist eine Zeit heiterer Freude, geselliger Betriebsamkeit und be- 
ständiger Besuche zwischen den Dörfern, eine Zeit der Wettbewerbe, der 
Schaustellungen und gegenseitigen Bewunderung. Jedes Dorf muß seine 
Gruppen junger Burschen und Mädchen mit Nahrungsmittelgaben aussenden. 
Sie tragen eine besondere Kleidung, stecken sich wohlriechende Blätter in die 
Armringe und Blumen ins Haar und malen sich ein paar farbige Striche ins 
Gesicht. Die Mädchen legen einen neuen Bastrock an (s. Abb. 62), die Burschen 
em neues Schamblatt. Zuzeiten wimmelt der Dorfplatz von solchen Ernte- 
trägern (s. Abb. 57). Diese festlichen Besuche bieten gute Gelegenheit, neue 
Bekanntschaften anzuknüpfen und körperliche Schönheit zur Geltung zu 
bringen; so kommt es zu Liebesgeschichten zwischen Angehörigen verschiede- 
ner Dorfgemeinschaften K Alle Erntebräuche begünstigen erotische Unter- 
nehmungen — Besuche in anderen Dörfern, größere Freiheit als sonst, die 
fröhliche Stimmung und die Sorgfalt, die auf das Äußere verwendet wird. 
Nach Sonnenuntergang vergnügen sich Gruppen von Burschen und Mädchen 
in anderen Dörfern unter dem Vorwand, die Gärten zu besuchen; erst spät 
in der Nacht kehren sie nach Hause zurück. Der Eifer an solchen Unter- 
nehmungen steigert sich gegen Vollmond. 

Unmittelbar auf die Erntezeit folgt das milamala, ein Fest, das alljährlich 
die Heimkehr der Ahnengeister ins Dorf feiert 2 . Die erste Zeremonie findet 
an einem bestimmten Vollmondabend statt, dann wird einen ganzen Monat 
hindurch getanzt; dieses Tanzen erreicht seinen Höhepunkt am nächsten Voll- 
mond. An den letzten Tagen vor Vollmond werden gewisse feierliche Zere- 
monien vorgenommen, Tänze im vollen Schmuck aufgeführt und den Geistern 
der Verstorbenen Opfer gebracht. Das volle Interesse der Dorfgemeinschaft 
konzentriert sich auf diese Schlußfeierlichkeiten. Männer und Frauen sind 

1 Über die soziologischen und wirtschaftlichen Systeme, welche der Verteilung von Ernte- 
früchten und Geschenken zwischen den Dörfern zugrunde hegen, vgl. meinen Artikel in 
„The Economic Journal", März 1921, und Kap. VI von „Argonauts of the Western Pacific". 

2 Eine eingehende Beschreibung der mit dem milamala verknüpften Anschauungen und 
Bräuche findet man in meinen Aufsätzen „Baloma, the Spirits of the Dcad in the Trobriand 
Islands" im „Journal R. Anthrop. Inst." 1916, und „Lunar and Seasonal Calendar", ibid., 
1927. Vgl. auch Kap. XI, 2 des vorhegenden Buches. 

170 



Liebes- und Festzeiten 

eifrig bedacht, dem Ganzen einen Zug von verschwenderischer Fülle zu ver- 
leihen, ihre Ahnengeister und damit sich seihst zu ehren und ganz im all- 
gemeinen jenes Ansehen (butura) zu erwerben, das dem Herzen des Tro- 
brianders so teuer ist. Die Tänze in dieser Zeit haben keinen direkt geschlecht- 
lichen Charakter, doch tragen sie dazu bei, den Ruhm guter Tänzer zu be- 
festigen und so ihre persönliche Anziehungskraft zu erhöhen. In der Nacht 
nach dem zweiten Vollmond werden die Geister feierlich aus dem Dorf ge- 
trieben, und das Tanzen hat ein Ende. 

Auf das milamala folgt eine stillere Festzeit, das karibom. Nach der Abend- 
mahlzeit stellen sich die Tro mm ler des Dorfes auf dem Hauptplatz (baku) auf 
und lassen einen langsamen Rhythmus erklingen. Bald versammeln sich 
Kinder, alte Männer und Frauen, Burschen und Mädchen auf dem Dorfplatz 
und beginnen ihn zu umschreiten. Es ist kein besonderer Schritt, kein kompli- 
zierter Rhythmus vorgeschrieben, nur ein langsames, regelmäßiges, eintöniges 
Gehen. Solche iCari&om-Rundgänge finden auch zu Beginn des Milamala- 
Monats statt, um dann gegen das Ende hin von den wirklichen Tänzen ab- 
gelöst zu werden. 

Dieses langsame rhythmische Schreiten des karibom ist eigentlich eine Art 
geselliges Promenieren. Statt im Gänsemarsch, wie bei den üblichen Tänzen, 
geht man zu zweit oder zu dritt nebeneinander; Unterhaltung und freie Wahl 
der Partner ist gestattet. Man sieht etwa einen alten Mann oder eine alte Frau 
ein Enkelkind an der Hand führen oder tragen. Frauen, manchmal den Säug- 
ling an der Brust, plaudern zusammen, Liebespaare gehen Arm in Arm. Da 
das karibom meistens auf dunkle, mondlose Abende fällt, eignet es sich zu ero- 
tischen Annäherungen noch besser als die gewöhnlichen Spiele, jedenfalls viel 
besser als das regelrechte Tanzen. Für eine Reihe erotischer Attacken ergibt 
sich beim karibom günstige Gelegenheit, wenn der Bursche unmittelbar hinter 
dem Gegenstand seines Begehrens hergeht. In dieser Stellung kann er ihre 
Brüste umgreifen — ein Unterfangen, das nach Aussage der Eingeborenen 
sehr dazu beiträgt, ihre Erotik anzustacheln, und das zugleich die vorge- 
schriebene Haltung bei gewissen Formen der Liebesmagie ist. Oder er kann 
ihr starkduftende Kräuter unter die Nase halten, deren Geruch schon an sich, 
zuweilen noch durch Magie verstärkt, eine mächtig erregende Wirkung hat. 
Ist er kühn und sein Begehren stark, so teilt er wohl auch die Franse ihres 
Bastrocks und schiebt ihr den Finger in die Vulva. 

Während dieser ganzen festlichen Zeit, besonders aber während des ersten 
Teiles des milamala, statten sich die Dorfgemeinschaften gegenseitig Besuche 
ab. Manchmal sind diese Besuche offiziell und feierlich, wenn zum Beispiel 
das eine Dorf von einem anderen eingeladen wird, einen neu geschaffenen 

171 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Tanz zu bewundern oder einen eigenen Tanz an die anderen zu verkaufen. 
Der Verkauf von Tänzen und einigen anderen Vorrechten und Rechtstiteln 
wird mit einem besonderen Ausdruck als laga bezeichnet 1 . Bei solchen Ge- 
legenheiten zieht die ganze Dorfgemeinschaft in corpore mit ihrem Oberhaupt 
und ihren besten Tänzern ins andere Dorf, führt dort feierlich den Tanz auf 
und weiht den Käufer in die verwickelten Figuren ein (s. Abb. 58). Ein solcher 
Besuch wird stets erwidert. Große Geschenke (va'otu) werden bei diesen Ge- 
legenheiten überbracht und müssen, wie immer, in entsprechender Form 
zurückgegeben werden. Doch manchmal wandern Gruppen von Burschen und 
Mägdelein, Jungens und Mädels zu ihrem eigenen Vergnügen von einem Dorf 
ins andere und schließen sich dem dortigen karibom (langsames rhythmisches 
Gehen) an. Auf diese Art kommt es zu neuen Bekanntschaften und mehr oder 
weniger dauerhaften Liebesbeziehungen; Entfernung und Fremdheit würzen 
das Abenteuer. 

So spielt in normalen Jahren die festliche Stimmung des milamala in das 
stille Einerlei des karibom hinüber. Ist aber die Ernte reich und die Fest- 
stimmung überschwenglich, Hegt ein besonderer Anlaß zu Festlichkeiten vor 
oder das Bedürfnis, die Gemüter zu trösten, wie etwa nach einer kriegerischen 
Niederlage oder einer erfolglosen JRCuZa-Expedition, so wird die Tanzzeit ab- 
sichtlich ausgedehnt. Eine solche Verlängerung heißt usigola, „zusammen 
zum Tanz" (usi von wosi = Tanz, gola = sich versammeln). Sie kann einen, 
zwei, ja sogar drei Monate dauern. Wie das milamala, hat auch diese Ver- 
längerung ihre Einweihungsfeier, ihre Zwischenfeste und ihren Höhepunkt in 
einer Fest- und Tanzorgie, die mehrere Tage dauern kann. Leute aus befreun- 
deten Dörfern werden eingeladen; sie erscheinen mit Geschenken und kehren 
mit Gegengaben beladen wieder heim. Alles, was über Gelegenheit zu Erotik 
bei den Hauptfesten gesagt worden ist, gilt natürlich auch für das usigola. 

4. Brauchmäßige Versammlungen: Kayasa 

Das usigola (Verlängerung der Tanzzeit) stellt nur einen Typus von Festlich- 
keiten dar, in die das milamala ausmünden kann. Die allgemeine Bezeichnung 
für solche Perioden obligatorischer Tanzkonkurrenzen oder anderer Ver- 
gnügungen und Betätigungen ist kayasa. Ein kayasa wird stets nach einer 
bestimmten Vorschrift organisiert mit einem seiner Art entsprechenden Ritual; 
es hat in mancher Hinsicht die bindende Kraft eines Gesetzes. Ein kayasa 
braucht nicht durchaus eine Zeit des Vergnügens zu sein. Es gibt kayasa für 
wirtschaftliche Betätigungen, zum Beispiel für Gärtnerei, Fischfang oder Er- 

1 Vgl. „Argonauts", S. 186. 

172 




52. EIN FIGUREN SPIEL (KAP. IX, n 




53. „RATTEN" (KAP. IX, V 




54. „KUBOYA-FISCHEN" (KAP. IX, i) 




55. BEIM LAUSEN (KAP. X, 9) 



Brauchmäßige Versammlungen: Kayasa 

zeugung von Muschelschmuck. Doch obgleich das usigola zu dieser Art Ge- 
meinschaftsunternehmungen gehört, wird es doch nie als kayasa bezeichnet; 
auch wird dieser Ausdruck nicht auf die rituellen Konkurrenz- und Pflicht- 
expeditionen des KuZet-Typus angewendet. Solche besondere Kula-Expe- 
ditionen heißen stets uvalaku 1 . 

In gewissen Fällen ist die Betätigung, die im Mittelpunkt eines kayasa 
steht, das ausschließliche Vorrecht einer Dorfgemeinschaft oder eines Clans; 
doch wie sie auch geartet sein mag, stets muß das Dorfoberhaupt die Sache 
in die Hand nehmen; er wird tolikayasa (Meister des kayasa) genannt und hat 
mit Hufe seiner Verwandten und Clan- Angehörigen für das Nötige zum großen 
Feste zu sorgen, das heißt für die rituelle Nahrungsmittelverteilung (sagali), 
welche die Veranstaltung einleitet. Wer daran teilnimmt — und das ist fast 
die ganze Dorfgemeinschaft — , übernimmt damit die feierliche Verpflichtung, 
sich während der ganzen Zeit aufs äußerste anzustrengen, damit das kayasa 
ein Erfolg werde; manchmal, wenn der Eifer bei der Arbeit oder beim Ver- 
gnügen nachläßt, wird ein neues Fest gegeben, um die Begeisterung wieder 
aufzustacheln. Die Fiktion einer feierlichen Verpflichtung gegenüber dem 
Leiter auf Grund der empfangenen Nahrungsmittel und Geschenke hat ihren 
guten Grund : denn der Ruhm eines wohlgelungenen kayasa fällt in der Haupt- 
sache dem tolikayasa (Leiter oder Eigentümer des kayasa) zu. Doch wie wir 
schon wissen, ist auch Spielraum für den Ehrgeiz jedes einzelnen Teilnehmers, 
denn bei jedem kayasa spielt der Wetteifer eine große Rolle. Jedesmal findet 
in irgendeiner Form ein Wettkampf oder eine Konkurrenz statt, und immer 
gibt die öffentliche Meinung ihr Urteil ab. Auf diese Art erhalten die eifrigsten 
und erfolgreichsten Teilnehmer auch ihren Anteil am Ruhm. 

Unter den reinen Vergnügungs-fcayosa ist zunächst das schon beschriebene 
Tauziehen zu erwähnen. Spielt man es als kayasa, so wird es zunächst durch 
eine große Nahrungsmittelverteilung (sagali, s. Kap. XI, 2) feierlich eingeleitet. 
Danach muß es Abend für Abend mit aller Kraft fortgesetzt werden, unter 
äußerster Nichtachtung von persönlicher Neigung, Bequemlichkeit und Sach- 
gütern, die, wie gesagt, häufig dabei beschädigt werden. Die Dorfgemeinschaft 
teilt sich regelmäßig in zwei Parteien. Besonders gute Zieher kommen zu Ruf 
und Ansehen, und die Geschichten von hervorragenden Großtaten, von an- 
gerichteten wilden Zerstörungen oder von langer, schwer zu überwindender 
Unentschiedenheit erfüllen den ganzen Bezirk mit dem Ruhm (butura) des 



1 Eine Schilderung des uvalaku siehe in „Argonauts of the Western Pacific", passim. Welche 
Stellung das kayasa im Wirtschaftsleben einnimmt, habe ich in meinem Artikel über 
„Primitive Economics of the Trobriand Islanders" dargelegt („Economic Journal", März 
1921). Die rechtliche Seite wurde erörtert in „Crime and Custom in Savage Society", S. 61. 

173 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Führers und der Teilnehmer. Es gibt auch ein Sport-Zcoyasa, das im südlichen 
Teil des Gebiets besonders beliebt ist, wobei Wettfahrten mit winzigen Kanus 
veranstaltet werden. Eine andere Art kayasa, kamroru genannt, wird aus- 
schließlich von Frauen ausgeführt und besteht aus gemeinschaftlichem Singen. 
Dies gilt als Gegenstück zum rituellen Tanzen, an dem sich mit sehr seltenen 
Ausnahmen nur Männer beteiligen. Beim kamroru kayasa sitzen auf Matten 
festlich gekleidete Frauen auf dem Dorfplatz und singen im Chor bestimmte 
Lieder, wobei sie rhythmisch hin und her schwingen. Von den Plattformen 
der Vorratshäuser aus sehen die Männer zu und bewundern die schönsten 
Gestalten und die besten Stimmen. 

Stärker tritt das Erotische hervor bei den Festlichkeiten, die mit dem süß- 
duftenden butia zusammenhängen. Die Blütezeit des Butia-Baumes fällt mit 
dem milamala (jährliches Fest der Heimkehr der Geister) zusammen, und ein 
Blüten-fcayasa wird deshalb nur in solchen Jahren abgehalten, da infolge 
eines Trauerfalles keine Tänze im Dorf stattfinden können. Die Blüten werden 
im Urwald gepflückt, zu Kränzen und Girlanden gewunden und beim Klang 
des Muschelhornes ausgetauscht. Die Eingeborenen 6agen : „Wir machen kula 
(rituellen Tauschhandel) mit JBuJia-Kränzen." Tatsächlich muß jeder, der 
einen Tausch einleitet, seinen Kranz mit den Worten anbieten: um'maygu'a 
(dein wertvolles Geschenk). Darauf erfolgt ein kleines Gegengeschenk in Ge- 
stalt von Nahrungsmitteln oder Betelnuß mit den Worten: kam kwaypolu 
(deine vorläufige Gegengabe). Schließlich wird ein Gegenstück des ersten 
Geschenkes dem Geber überreicht mit den Worten: um yotüe (deine Gegen- 
gabe). Man hält sich also bei diesem Hin und Her genau an die Ausdrucksweise 
des kula 1 . Der ganze Vorgang bekommt einen festlichen Anstrich durch das 
gruppenweise Herumwandern singender Menschen, durch die buntgekleideten 
Jungen und Mädchen, die bis tief in die Nacht hinein an der Feier teilnehmen, 
und durch die Klänge der Muschelhörner, die jedesmal geblasen werden, wenn 
ein Geschenk überreicht wird. 

Eine Art Wettbewerb ist das Butia-Fest insofern, als die Menge und Be- 
schaffenheit der empfangenen und verteilten Geschenke eine große Rolle spielt; 
wie auch bei anderen Formen solcher Tauschhandlungen trägt es zum Ruhm 
beider Seiten bei, ein besonders prächtiges Geschenk zu geben oder zu emp- 
fangen. Dieses kayasa bietet Gelegenheit zu Huldigungen und dem Ausdruck 
gegenseitiger Bewunderung; ein Liebhaber in spe kann seine Hochschätzung 
des Mädchens durch die Größe seiner Geschenke ausdrücken und dadurch 
ihrer Eitelkeit schmeicheln und zugleich seinen Ehrgeiz befriedigen. So spielen 

1 Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", S. 352—357. 
174 



Orgiastische Feste 

Schönheit, erotisches Interesse, Ehrgeiz und Eitelkeit die Hauptrolle bei 
diesem kayasa. 

Noch mehr tritt die Eitelkeit ins Licht bei der festlichen Schaustellung des 
Haares (waypulu) und des Muschelschmucks (kaloma). Das waypulu ist auf 
die Inseln Kitava und Vakuta beschränkt. Ist lange Zeit hindurch kein Todes- 
fall vorgekommen, daß sich die Leute langes Haar wachsen lassen konnten, 
so wird diese hochgeschätzte natürliche Schönheit zur Schau gestellt (siehe 
Kap. X, 3). Nur Männer nehmen an diesem kayasa teil. Sie schmücken sich und 
breiten Matten auf dem Dorfplatz aus; mit dem langzinkigen melanesischen 
Kamm kämmen sie singend ihr Haar und suchen seine Schönheit recht zur 
Geltung zu bringen. Die Frauen bewundern und beurteilen Beschaffenheit 
und Schönheit des Haares. Das Muschelschmuck-fra yasa wird in den Dörfern 
Sinaketa und Vakuta abgehalten. Ist eine große Menge dieser flachen Muscheln 
vorhanden, so schmücken sich die Männer damit und paradieren Tag für Tag, 
Abend für Abend auf dem Dorfplatz. 

Dem europäischen Beobachter erscheint der Verlauf eines kayasa unsagbar 
eintönig und witzlos. Die wochen- und wochenlange Wiederholung genau der- 
selben Prozeduren schreckt schließlich sogar einen Ethnographen vom regel- 
mäßigen Besuch irgendeines kayasa ab. Doch für den Eingeborenen ist die 
ganze Sache, von jedem Pfhchtgefühl abgesehen, äußerst interessant und 
fesselnd. Dabei spielt das Geschlechtliche eine nicht unbedeutende Rolle. Denn 
der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen, persönliche Wirkung zu erzielen, 
butura (Ruhm) zu erringen in seiner begehrtesten Form, nämlich den Ruf der 
Unwiderstehlichkeit — dies alles enthält ein ausgesprochen erotisches Element. 

5. Orgiastische Feste 
Es gibt — oder gab wenigstens bis zum Einschreiten der Missionare — 
ein kayasa, das sich hauptsächlich um Erotik drehte und den Trieben öffent- 
lich, und zwar sehr gründlich, genug tat. Im nördlichen und mittleren Teil des 
Gebietes war dieses kayasa niemals üblich, sondern nur in ein paar Dörfern 
im äußersten Süden der Insel Vakuta. Es hieß kamali, eine mundartliche Ab- 
art des Wortes kimali; darunter versteht man das erotische Kratzen, jenes 
Zeichen erotischer Annäherung, das unserem Küssen entspricht. Eine allge- 
meine Sitte in allen Gegenden der Trobriand-Inseln ist die folgende: wenn ein 
junger Mann und ein junges Mädchen großen Gefallen aneinander finden, be- 
sonders ehe ihre Leidenschaft sich erfüllt hat, darf das Mädchen ihrem Lieb- 
haber beträchtlichen körperlichen Schmerz zufügen durch Kratzen, Schläge, 
Prügel oder gar Verwundung mit einem scharfen Gegenstand. Mag es ihm 
auch noch so schlecht dabei gehen — der junge Mann nimmt eine solche Be- 

175 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

handlung gut auf als Zeichen der Liebe und Beweis vom Temperament seiner 
Angebeteten. Einmal mußte ich während der Erntefestlichkeiten einen jungen 
Mann verbinden; er kam zu mir mit einem tiefen Schnitt durch die Rücken- 
muskeln unterhalb der Schulterblätter. Das Mädchen, das ihn so zugerichtet 
hatte, hielt sich bange wartend in der Nähe. Ich erfuhr, daß sie ohne Absicht 
zu derb zugestoßen hatte. Dem jungen Mann schien es nichts zu machen, ob- 
wohl er offensichtlich Schmerzen litt; wie ich hörte, hat er noch in derselben 
Nacht seinen Lohn geerntet. Das war ein typischer Fall. Das kimali oder 
kamali ist eine Art weiblichen Liebeswerbens, eine Auszeichnung, eine Art 
„Damenwahl", die im kamali kayasa im großen Stil organisiert und durch- 
geführt wurde. Burschen in Gala zogen singend um den Dorfplatz : die Mäd- 
chen machten sich an sie heran, und nun entspann sich ein Hin und Her mit 
Scherzen, Neckereien und schlagfertigen Antworten wie bei jedem anderen 
kayasa. Doch war es erlaubt, die Sache viel weiter zu treiben. Die Frauen, von 
denen bei solchen Gelegenheiten viel größere Keckheit als sonst erwartet 
wurde, gingen vom Necken zum Kratzen über und attackierten die Burschen 
mit Muschelschalen und Bambusmessern oder mit einem Stück Obsidian oder 
einer kleinen scharfen Axt. Dem Burschen stand es frei, wegzulaufen, und er 
tat es auch, wenn seine Angreiferin ihm nicht zusagte. Doch es galt als ein 
Zeichen von Männlichkeit und Beweis von Erfolg, wenn man recht viele 
Schmarren abbekam. Fand ein Bursche Gefallen an einem Mädchen, so lief 
er natürlich nicht davon, sondern nahm ihren Angriff als Aufforderung hin. 
Der Ehrgeiz des Mädchens bestand darin, möglichst viele Männer hinter- 
einander zu verwunden, der Ehrgeiz des Mannes, so viele Wunden davon- 
zutragen, als er nur aushalten konnte, und sich in jedem einzelnen Falle seinen 

Lohn zu holen. 

Ich habe nie ein solches kayasa mitgemacht. Soweit ich erfahren konnte, 
hat infolge des Einschreitens der weißen Missionare und Beamten in den letzten 
zwanzig Jahren seit meiner Ankunft kein einziges mehr stattgefunden. Es 
sind also die Angaben, die ich über diese Art kayasa gesammelt habe, sozu- 
sagen Dokumente vom Hörensagen". Der Bericht vom Kratzen und Wunden- 
beibringen deckt sich jedoch so gut mit meinen eigenen Beobachtungen, daß 
ich nicht den leisesten Grund habe, seine Richtigkeit zu bezweifeln. Das Fol- 
gende gebe ich mit dem nötigen Vorbehalt wieder, obwohl es mit den Be- 
richten über andere melanesische und polynesische Stämme übereinstimmt. 
Von mehreren zuverlässigen Gewährsleuten sowohl aus den betreffenden Ge- 
bieten als auch aus dem Norden wurde mir mitgeteilt, daß bei einem solchen 
kayasa vollkommen zügelloses Sichgehenlassen die Regel sei; der Geschlechts- 
akt würde öffentlich auf dem Dorfplatz ausgeführt; verheiratete Leute be- 

176 




56. DER TYPISCHE SCHAUPLATZ DES VERSTECKSPIELS (KAP. IX, 2/ 




57. ERNTEBILD 

Die Aufnahme stammt von einer Kayasa- (Welt-) Ernte; anläßlich der Neuerrichtung des 

großen Yamshauses (vorn rechts), das auch auf Abb. 1 zu sehen ist, waren riesige Mengen 

von Nahrungsmitteln nach Omarakana gebracht worden. (KAP. IX, 3) 



I 




58. OFFIZIELLES SCHAU-TANZEN 
Tänzer aus Omarakana unterweisen die Dorfleute von Lilula im Rogayeuo, einem langsamen 
Tanz, ausgeführt von Männern, die Baströcke tragen und Pandanuswimpel in den Händen 
halten. Der größte Teil der Zuschauer hält sich an einer schattigen Stelle hinler dem Apparat 

auf. (KAP. IX, 3) 




59. DAS ULATILE VON KWAYBWAGA 

Eigentlich die Sänger und Tänzer dieses Dorfes, photographiert beim Aufbruch zu einem 

karibom, das wegen der vorhergehenden Festlichkeil ziemlich zeitig stattfand. Sie stellen 

nicht gerade eine Auslese melanesischer Schönheiten dar. (KAP. IX, 6; KAP. 111,3) 



Orgiastische Feste 

teiligten sich an der Orgie, Mann und Frau benähmen sich ohne jede Hemmung, 
sogar in Rufweite voneinander; die Zügellosigkeit ginge so weit, daß geschlecht- 
liche Vereinigung sogar vor den Augen des (der) luleta Bruder, wenn die Frau 
spricht, (Schwester, wenn der Mann spricht) stattfinde — also vor den Augen 
derjenigen Person, auf die sich die strengsten Tabus beziehen, die auch stets 
eingehalten werden (s. Kap. XIII u. XIV). Die Zuverlässigkeit dieser Angaben 
wird dadurch bestätigt, daß mir in Gesprächen über andere i£ayasa-Formen 
im Norden wiederholt versichert wurde, daß im Süden alles viel orgiastischer 
vor sich gehe; so bildeten zum Beispiel beim Tauziehen-fcayasa im Süden 
Männer und Frauen stets entgegengesetzte Parteien; die Sieger verhöhnten 
feierlich die Besiegten mit dem typischen kreischenden Geheul (katugogova), 
dann stürzten sie sich über die am Boden hegenden Gegner, und der Ge- 
schlechtsakt würde in der Öffentlichkeit ausgeführt. Einmal besprach ich die 
Sache mit einer aus nördlichen und südlichen Eingeborenen gemischten 
größeren Gesellschaft, und beide Parteien bekräftigten mir kategorisch, daß 
es sich wirklich so verhalte. 

An dieser Stelle sollen noch zwei gelegentliche Formen brauchmäßigen Ge- 
schlechtsverkehrs erwähnt werden. Bei der Totenwache (yawali), die unmittel- 
bar nach einem Todesfall stattfindet, kommen die Leute aus allen umliegenden 
Dorfgemeinden zusammen und beteiligen sich an den Liedern und feierlichen 
Handlungen, die den größten Teil der Nacht in Anspruch nehmen. Wenn spät 
in der Nacht die Besucher nach Hause zurückkehren, ist es Sitte, daß einige 
der Mädchen zurückbleiben, um mit gewissen jungen Leuten des trauernden 
Dorfes zu schlafen. Ihre gewöhnlichen Liebhaber dürfen nichts dagegen ein- 
wenden, und tun es auch nicht. 

Ein anderer Fall ergibt sich aus der Gastfreundschaft, die Fremden gewährt 
wird. Diese Verpflichtung wurde jedoch in früheren Zeiten strenger eingehalten, 
als infolge der größeren Ängstlichkeit und des tieferen Mißtrauens gegenüber 
Fremden die Besucher seltener und ausgewählter waren. Damals galt es als 
Pfhcht eines Mädchens, dem Fremden für die Nacht als Partnerin zu dienen. 
Gastfreundschaft, Neugier und der Reiz der Neuheit haben diese Pfhcht 
vielleicht nicht so sehr schwer gemacht. 

Die einzigen Fremden, die in alten Zeiten regelmäßig übers Meer zu kommen 
pflegten, waren die Leute, welche auf JCuZa-Expeditionen die Trobriand-Inseln 
besuchten. Waren die offiziellen Stadien des Besuches vorüber und einiger 
Güteraustausch vollzogen, so kamen die Fremden ins Dorf und hielten freund- 
liche Zwiesprache mit den Bewohnern. Zu den Pflichten des Gastgebers gehörte 
es auch, die Gäste mit Speise zu versorgen; doch die konnte nicht im Dorfe 
verteilt werden, denn es ging gegen jede Etikette, innerhalb einer fremden 



12 M. G. 



177 



übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Dorfgemeinschaft zu essen. So wurden denn die Speisen zum Strand gebracht, 
wo die Kanus festgemacht waren. Dorthin trugen die Dorfschönen das Essen 
auf großen flachen Schüsseln und warteten, bis diese geleert waren. Freund- 
bche Gespräche steigerten sich zu größerer Intimität, die Fremden boten den 
Mädchen Geschenke an, und die Annahme war ein Zeichen, daß das betreffende 
Mädchen willfährig sei. Es galt als ein durch die Sitte geheiligtes Recht, daß 
die Mädchen aus dem Dorfe mit den Fremden schliefen ; auch deswegen durften 
die anerkannten Liebhaber sie nicht bestrafen oder tadeln. 

Dies trifft vor allem für die nördliche Hälfte der Insel zu, die von Männern 
aus Kitava und den anderen Marshall-Bennet-Inseln besucht wird. Auch in 
den südlichen Dörfern, wohin die fremdsprachigen Dobuaner und Amphlet- 
taner kommen, schliefen die Fremden manchmal bei den dortigen Mädchen. 
Doch ist dies nicht so üblich, denn die Dobuaner erwiderten nie Gleiches mit 
Gleichem und gestatteten ihren Frauen nicht, den zu Besuch kommenden 
Trobriandern irgendwelche Gunst zu erweisen. 

Die bisher behandelten Bräuche und Einrichtungen sind zum Teil an eine 
bestimmte Zeit gebunden, zum Teil hängen sie von besonderen Umständen 
ab; die zu Anfang des Kapitels geschilderten Spiele, die bei Mondschein auf 
dem Dorfplatz stattfinden, werden meist zur Zeit der Passatwinde, also von 
Mai bis September gespielt. Die Erntearbeiten und -festlichkeiten beginnen 
im Juni und dauern bis in den August. Das milamala beginnt im September 
und endet im Oktober; sein Datum ist durch das Erscheinen des Palolo- 
Wurmes festgelegt, der regelmäßig in einer bestimmten Vollmondnacht auf- 
taucht. Dieser Wurm heißt auch milamala und wird zuweilen in mystischen 
Zusammenhang mit der Ankunft der Geister gebracht. Das hayasa wird manch- 
mal während der Milamala-Zeit abgehalten, doch meistens folgt es unmittelbar 
auf die Verlängerung des Festes. Während der anschließenden Regenzeit, im 
Januar, Februar und März, bilden Märchenerzählen und Gartenarbeit die 
hauptsächlichsten geselligen Beschäftigungen; darauf werden wir bald zurück- 
kommen. Badespiele finden im April und Mai, im Oktober und November 
statt, zwischen der Trocken- und der Regenzeit. 

Wie verbinden sich diese Sitten und Bräuche mit dem normalen Verlauf 
einer Liebesgeschichte, wie er in Kapitel III geschildert wurde? Sie bieten 
Fremden Gelegenheit einander kennenzulernen und erschließen der Erotik 
weiteren Spielraum jenseits der Dorfgrenzen. Das alles braucht bloß zu roman- 
tischen Seitensprüngen zu führen, welche die Erfahrung bereichern und eine über- 
legtere Wahl in der eigenen Dorfgemeinschaft ermöglichen. Doch manchmal 
enden solche Liebesgeschichten auch mit Heirat; dann ist es stets die Frau, die 
dem Mann in seinen Wohnort folgt, denn, wie wir wissen, ist die Ehe patrilokal. 

178 



Ulatile —junge Männer auf der Suche nach Liebesabenteuern 

6. Ulatile — junge Männer 
auf der Suche nach Liebesabenteuern 

Das periodische Ansteigen und Absinken des erotischen Lebens auf den 
Trobriand-Inseln ließe sich durch eine Kurve darstellen, die durch Stammes- 
festlichkeiten, rituelle Bräuche und wirtschaftliche Tätigkeiten bestimmt 
wäre. Diese hinwiederum richten sich in ihrem Ablauf nach dem Mond und den 
Jahreszeiten. Bei Vollmond steigt die Kurve regelmäßig an; ihren höchsten 
Punkt erreicht sie zur Erntezeit und unmittelbar danach. Das Absinken der 
Kurve fällt zusammen mit stark zeitraubenden wirtschaftlichen Unterneh- 
mungen und sportlicher Betätigung, mit Gartenarbeit und überseeischen Ex- 
peditionen. Gewisse Festlichkeiten begünstigen erotische Beziehungen außer- 
halb der Dorfgemeinschaft. 

Ein Verhältnis zwischen zwei Leutchen, die in einiger Entfernung vonein- 
ander wohnen, ist nicht so einfach. Viele besondere Bräuche bei Verabredungen 
Besuchen und Stelldicheins — von den Eingeborenen zusammenfassend ulatile 
genannt — kommen getrennt wohnenden Liebesleuten zu Hilfe. Führen Männer 
solche Besuche aus, so nennt man den Vorgang ulatile; das heißt wörthch 
„männliche Jugend" und bezeichnet jene Gruppe heranwachsender Jünglinge 
und junger Männer, die bei Spiel oder Arbeit häufig als Körperschaft auf- 
treten (s. Abb. 59). Kraft einer Erweiterung seines Sinnes wird das Haupt- 
wort ulatile auch verwendet, um „jugendlichen Überschwang" oder sogar, 
noch spezifischer, „geschlechtliche Betätigung" zu bezeichnen. Wir haben 
diesen Ausdruck schon früher kennengelernt (Kap. III, 2) in der Zusammen- 
setzung td'ulatile (junger Mann). Durch eine gewisse Betonung bekommt das 
Wort die Bedeutung von „Windhund" oder gar „Hurer". Auf eine Frau an- 
gewendet heißt es naka'ulatile und wird nur im abschätzigen Sinne gebraucht, 
etwa „liederliches Frauenzimmer" oder genauer „eine Frau, die mehr begehrt, 
als sie begehrt wird". Die ursprüngliche etymologische Bedeutung ist wahr- 
scheinlich „keck wie ein Mann" (vgl. Kap. XIII, 4). Als Verb wird die Wurzel 
ulatile in erster Linie auf männliche Wesen angewendet und bedeutet „auf 
Liebesabenteuer ausgehen", „Erfolg bei Frauen haben", „übermäßigem Ge- 
schlechtsverkehr frönen". Es kann in erweitertem Sinne auch von Frauen 
gebraucht werden, jedoch nie, wenn von einer Expedition außerhalb des Dorfes 
die Rede ist; in diesem Fall bezieht es sich nur auf Männer. 

Es gibt zwei Arten von UZafife-Expeditjonen, für die das Wort als Fach- 
ausdruck gilt. Die erste ergibt sich als Notwendigkeit, wenn ein Liebender 
sein Liebchen in ihrem eigenen Dorf besuchen muß. Wenn bei einer der vor- 
erwähnten Gelegenheiten zwei Leutchen aus verschiedenen Dorfgemein- 

179 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

scliaften großes Wohlgefallen aneinander gefunden haben, so verabreden sie 
eine Zusammenkunft. In der Regel hat der junge Mann einen guten Freund 
im Dorfe des Mädchens; dadurch wird die Sache erleichtert, denn dieser 
Freund kann ihm helfen. Die gute Sitte verlangt, daß der Liebhaber sich 
für das Stelldichein herausputzt; das zwingt ihn zu einer gewissen Heimlich- 
keit. So benutzt er nicht die Hauptstraße, sondern schleicht sich verstohlen 
durch den Busch. „Wie ein Zauberer geht er; hält an und lauscht; geht seit- 
wärts und bricht durch die Dschungel; keiner darf ihn sehen." So verghch 
einer meiner Gewährsleute ein solches ulatile mit den heimlichen Expeditionen 
böser Zauberer, die auf ihren nächtlichen Gängen von niemand gesehen 
werden dürfen. 

Nähert er sich dem Dorf, so muß er besonders vorsichtig sein. In seinem 
eigenen Dorf würde die Entdeckung solch einer vorübergehenden Affäre nur 
die Eifersucht der offiziellen Liebsten erregen und einen nicht sehr tief- 
gehenden Zank hervorrufen. Doch wird ein Wilderer der Liebe im fremden 
Dorf betroffen, so kann er unter Umständen ernstlich mißhandelt werden, 
und zwar nicht nur vom eifersüchtigen Liebhaber, sondern auch von all den 
anderen Burschen. Auch könnte er dadurch sein Liebchen den Vorwürfen 
des regelrechten Liebhabers aussetzen. Vor allem aber wird deshalb alles so 
heimlich betrieben, weil die Sitte diese Spielregel vorschreibt. Meistens ver- 
abreden die beiden sich im Urwald nah beim Dorf des Mädchens. Manchmal 
zeigt das Mädchen dem Burschen den Weg zum Stelldichein durch ein kleines 
Feuer, oder sie vereinbaren, den Ruf eines Vogels nachzuahmen; zuweilen 
bezeichnet sie den Weg zum Treffpunkt im Urwald, indem sie ein bestimmtes 
Muster in die Blätter einreißt, oder Blätter auf den Weg legt. 

Hat die Leidenschaft der Zeit und den schwierigen Umständen stand- 
gehalten, ist sie zur Liebe gereift, so werden Schritte unternommen, um das 
Verhältnis dauernd und offiziell zu machen. Der junge Mann kommt zu 
seinem Freund ins Dorf und läßt sich unter irgendeinem Vorwand als vor- 
übergehend ansässiger Bürger nieder. Oder das Mädchen wird in seinem Dorf 
aufgenommen und wohnt dort. Wenn ich in einem Ort eine Volkszählung 
vornahm, stieß ich häufig auf irgendein Mädchen, das sich in der Dorfgemein- 
schaft aufhielt, weil es mit einem jungen Mann dieses Dorfes lebte. Die beiden 
schliefen zusammen in einem bukumatula (Ledigenhaus) genau wie gewöhnliche 
Verlobte (s. Kap. III, 4), und wenn die Liebesgeschichte weiter gut verlief, 
endete sie ganz natürlich mit einer Heirat. 

Daneben wird das Wort ulatile als Fachausdruck auch auf eine ganz andere 
Art von Liebesfahrten angewendet. Manchmal beschließt nämlich eine ganze 
Gruppe junger Männer, in corpore eine regelrechte JTZatiZe-Expedition zu 

180 



Ulatile —junge Männer auf der Suche nach Liebesabenteuern 

unternehmen — vielleicht haben sie von irgendeiner festlichen Gelegenheit 
besonders freundliche Erinnerungen an ein anderes Dorf mitgenommen. Auch 
hier ist Heimlichkeit vonnöten, denn obwohl solche Unternehmungen ein 
Brauch, in gewisser Weise sogar ein gutes Recht sind, so bedeuten sie doch 
einen Übergriff auf die Rechte zweier anderer Gruppen: sowohl die recht- 
mäßigen Liebsten der C/ZaftZe-Burschen als auch die jungen Männer im anderen 
Dorf kommen dabei schlecht weg. Würden sich die Abenteurer von einer dieser 
beiden Parteien erwischen lassen, so könnten sie leicht eine Flut von Schimpf- 
worten zu hören kriegen oder gar Prügel besehen; denn auf den Trobriand- 
Inseln können die Mädchen ihre Rechte mit der Faust verteidigen, und die 
jungen Männer jeder Dorfgemeinschaft betrachten ihre Frauensleute als ihr 
eigenstes Jagdgebiet. Deshalb stehlen sich die Abenteurer meist am Abend 
fort, wenn es schon finster ist, und legen ihren Schmuck erst an, wenn sie ihr 
Dorf hinter sich haben. Doch sind sie erst einmal auf der Landstraße, so treten 
sie höchst geräuschvoll und herausfordernd auf, denn so gehört es sich bei 
einer solchen Gelegenheit ! Es gibt sogar besondere schlüpfrige Lieder, lo'uwa 
genannt, nach deren Takt die Burschen dahinwandern. 

Lo'uwa-Lied (I) 

Aramwayel Bagigido'ul Bagiwawelal 

Hoho! schönes Halsband! Halsband von Wawela! 

Sayam, Rapa'odi. 
Sayam, Rapa'odi. 
Bakwatega Kadiratume 

Ich werfe Anker fürwahr (am) Kadiratume (Strand), 

Isideli unVunatine; itolala. 

Er sitzt bei ihr junger Mann; sie steht auf. 

Waydesil kapukapugula. Kalamwayal 

Hallo! junge Frau. Hoho! 

Agudeydesi l Kalamwaya ! 
Holla! Hoho! 

Freie Übersetzung: 

„Hoho — (ich komme, geschmückt mit) ein(em) schönes (n) Halsband, 
Das Halsband von Wawela, wie Sayam mit dem Muschelreif Rapa'odi — , 
Ich werfe Anker am Strande von Gawa, ein Bursche sitzt bei seinem Mädchen, 
Sie steht neben ihm. Hallo! Junge Frau. 

Hurra, hoho, hurra." 



12* 



181 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Sayam ist ein wegen seiner Schönheit gefeierter Mann; er erscheint hier 
geschmückt mit einem berühmten Muschelreif namens Rapa'odi; mit solch 
berühmten Schmuckstücken wie dem Rapa'odi-Armrcif ist Liebeszaüber 
Erfolg und Anziehungskraft verknüpft; wie in der freien Übersetzung an- 
gedeutet, soll das heißen, daß der „Ich" des Liedchens auch ein schönes Hals- 
band trägt. In der Verdopplungsform unVunatine ist das n ein mundartliches 
Äquivalent des l in ulatüe. 

Lo'uwa-Lied (II) 
Aramwayel Bamasisi, bamamala 

Hoho! Ich schlafe, ich wache; 

balage kupira saygwa'u. 

ich höre Trommel seine (der) festliche(n) Röcke. 
Raytagine laymd'i 

Sie er klin gt (in Tanzmusik) sie holt (lockt herbei) 
karisaygwa'u okuvalila. 

ihre festlichen Röcke, auf ihren Hüften. 
Kala wosi owadola, lakatunenia oyamala. 

Sein Lied auf Mund seine kleine Trommel in Hand. 
Gigiremutu kudula 

Geschwärzt seine Zähne 
Tokivina yamtu Wavivi 

Tokivina schreitet (im Dorf) Wavivi 
Yamtumutu Wavivi. 

Er schreitet und schreitet (durch das Dorf) Wavivi. 

Freie Übersetzung: 

Hoho! Ich erwache aus dem Schlaf, ich höre das festliche Schlagen der 
Trommeln, erklingend von Tanzmusik — sie locken Frauen herbei in Fest- 
kleidern, festliche Röcke über den Hüften. Mit einem Lied auf den Lippen, 
seine kleine Trommel in der Hand, die Zähne geschwärzt, schreitet im 
Rhythmus Tokivina ins Dorf Wavivi, er schreitet im Tanzrhythmus durchs 
Dorf Wavivi. 

Dieses kurze Lied bietet ein gedrängtes Bild der Ulatile- Stimmung — das 
nächtliche Erwachen, der Klang ferner Trommeln, welche Festlichkeiten im 
Nachbardorf verkünden. Auch hier tritt im Hintergrund eine sagenhafte Per- 
sönlichkeit auf als gute Vorbedeutung und Idealgestalt. Wie es zu dieser über- 
lieferten Verehrung persönlicher Schönheit und Anziehungskraft kommt, 
wird später erörtert werden. 

182 



Ulatile — junge Männer auf der Suche nach Liebesabenteuern 

In alten Zeiten wurden solche Lieder auch gesungen, um kundzutun, daß 
die Betreffenden sich nicht auf dem Kriegspfad oder einer Zauber-Expedition 
befanden, oder sich sonstwie mit bösen Absichten trugen. In der Nähe des 
Zieles verhalten sich die jungen Männer wieder still, denn sie dürfen von den 
Burschen des Dorfes nicht gesehen werden. Die Mädchen wissen natürlich, 
wann der Zug sich nähert, denn alles ist im voraus genau vereinbart worden. 
"Wer im fremden Dorf am besten Bescheid weiß, schleicht sich heran und gibt 
das verabredete Zeichen. Eine nach der anderen schlüpfen die Mädchen aus 
den Häusern und treffen sich mit ihren Liebhabern im Busch. Manchmal 
warten die Mädchen schon auf die Burschen an einem vorher vereinbarten 
Treffpunkt. Wird eine solche verliebte Versammlung entdeckt, so kann eine 
Rauferei die Folge sein, die in früheren Zeiten manchmal sogar zum Krieg 
zwischen zwei Dorfgemeinschaften führte. 

Solche [7/aft/e-Expeditionen stellen entschiedene Abweichungen vom üb- 
lichen Verlauf des Gemeinschaftslebens dar 1 . Unweigerlich führen sie in beiden 
Dörfern zu Zank und Streit zwischen Liebesleuten und zu ernstlichen Schwie- 
rigkeiten zwischen den beiden Dorfgemeinschaften. In früheren Zeiten, als 
bewaffnete Expeditionen zu Liebeszwecken häufiger unternommen wurden als 
individuelle Liebesausflüge, waren diese [/ZatiZe-Fahrten ein wichtiger Zug 
des Liebeslebens. Heutzutage jedoch, da es für Mann oder Frau so viel leichter 
und ungefährlicher ist, sogar nachts allein unterwegs zu sein, hat sich das Stell- 
dichein zwischen nur einem Burschen und nur einem Mädchen viel mehr ein- 
gebürgert. 

Wer die ÜZafiZc-Expeditionen in ihrem wahren Zusammenhang mit dem 
Gemeinschaftsleben des Stammes sehen will, darf nicht vergessen, daß nicht 
nur aus Liebeslust, sondern auch aus anderen Anlässen die Dorfjugend in 
corpore anderen Dörfern Besuche abstattet. Zur Erntezeit und während der 
Tanzfeste (s. Abb. 57 u. 58), auf ihrem "Wege zu gewöhnlichen Spielen oder 
Totenfeiern, begegnet man häufig auf der Landstraße Gruppen mehr oder 
weniger herausgeputzter junger Männer, oder man sieht sie in großen Fischer- 
Kanus dahinpaddeln. Denn auch zu Wasser unternehmen die Jünglinge aus 
den Lagunendörfern an der Westküste ihre Liebesexpeditionen (s. Abb. 60). 
Eine Gruppe junger Leute zieht schön geschmückt singend auf der Landstraße 
einher — ist es ein wirkliches ulatile oder nur ein gewöhnlicher Geschäfts- oder 
Vergnügungsausflug nach einem anderen Dorf ? Auf den ersten Blick läßt sich 
das nicht entscheiden. 

1 Über die üblichen Gesetzesumgehungen und Konflikte zwischen den verschiedenen 
Bräuchen siehe „Crime and Custom", Teil II. 

183 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Leicht erkennt man, wie sich die Liebesaffären zwischen verschiedeneu 
Dörfern in das allgemeine Liebesleben (Kap. III) eingliedern. Die erotischen 
Kindheitserlebnisse am Anfang der sexuellen Lebensgeschichte des Einzelnen 
spielen stets im eigenen Dorf; das ulatile, wie auch andere Bräuche, erweitert 

die erotischen Interessen und den Kreis der vorübergehenden Bindungen 

das nächste Stadium der Entwicklung — über die Grenzen des heimischen 
Dorfes hinaus. Da nun solche Bindungen zu dauernden werden können, ist 
durch das ulatile der Bezirk der Gattenwahl wesentlich vergrößert. 

7. Katuyausi — der brauchmäßige Liebesausflug 

der Mädchen 
In Sachen der Liebe fühlt sich die trobriandische Frau dem Mann keineswegs 
untergeordnet, und sie steht ihm auch an Unternehmungslust und Selbst- 
behauptungskraft nicht nach. Das ulatile hat sein Gegenstück im katuyausi, 
dem Liebesausflug der Mädchen nach anderen Dörfern. 

Zuweilen bedeuten diese Ausflüge nichts weiter als Racheakte an den 
jungen Männern für allzu häufiges ulatile. In den Küstendörfern, wo die 
Männer auf Fischfang und Handelsfahrten oft lange abwesend sind, suchen 
die Mädchen auf diese Art anderweit Trost. Manchmal ist der Anlaß ganz 
ausgesprochen weiblicher Art : die Mädchen haben sich mit besonders präch- 
tigen Baströcken ausstaffiert und wollen sich darin einem größeren Publikum 
zeigen als nur dem heimatlichen Dorf. Manche meiner zynischen Gewährsleute 
behaupteten, ein Katuyausi-Axisfhig biete den Mädchen die beste Gelegenheit, 
ihre Vorräte an Betelnuß und Tabak zu ergänzen und sich ein Armband oder 
einen Kamm, eine nette Handtasche oder einen neuen Perlenvorrat zu ver- 
schaffen. 

Ich habe auch den Eindruck, daß die Teilnehmerinnen eines katuyausi 
immer irgendeinen Vorwand für ihren Ausflug bereit halten: entweder wollen 
sie die Ernte besichtigen, oder ein neu errichtetes Häuptlings-Yamshaus be- 
wundern, oder irgend etwas zum Verkauf feilbieten. 

Was schließlich auch der Hauptanlaß und der Vorwand sein möge ist 

einmal der Entschluß gefaßt, so wählen die Mädchen einen Vermittler oder 
eine Vermittlerin, die mit den Burschen des anderen Dorfes Tag und Be- 
dingungen des geplanten Besuches festsetzt. Ein katuyausi spielt sich ganz 
anders ab als ein ulatile. Die Burschen machen sich nach Sonnenuntergang 
im Schutze der Nacht auf den Weg, während die Mädchen meist schon am 
frühen Nachmittag aufbrechen. Heimlich stehlen sich die Burschen aus dem 
Dorf, aber ist glücklich die Landstraße erreicht, so singen sie laut und führen 
sich überhaupt höchst geräuschvoll auf. Auch die Mädchen machen sich still 

184 



Katuyausi — der brauchmäßige Liebesausflug der Mädchen 

und leise davon, aber ihr Benehmen während der Wanderung bleibt stets 
anständig und zurückhaltend. In der Nähe des fremden Dorfes müssen sich 
die fremden Burschen verstecken, die Mädchen hingegen betreten offen den 
Dorfhain, lassen sich dort nieder und legen die letzte Hand an ihre Toilette: 
mit Betelnuß färben sie sich die Lippen rot, malen Schmucklinien aufs Gesicht 
und stecken wohlriechende Kräuter ins Armband (s. Abb. 62). Die Etikette 
verlangt von den Burschen des Dorfes, daß sie die Mädchen im Hain allein 
lassen, bis diese das verabredete Zeichen zur Annäherung geben. Während 
dieser Wartezeit singen die Mädchen, oder sie spielen die heimische (jetzt 
freilich importierte) Maultrommel, oder sie kauen Betelnuß; sind sie zum 
Empfang bereit, so wird ein bestimmtes Lied gesungen, das vorher als Signal 
vereinbart worden ist. Die Burschen warten natürlich schon darauf und nähern 
sich nun gruppenweise. Bald sitzt das ganze Dorf den Mädchen gegenüber, aus- 
genommen die örtlichen Rivalinnen, die sich durch das Eindringen der Frem- 
den gekränkt fühlen und schmollend fernbleiben; jedoch verbietet ihnen die 
Sitte ein tatkräftiges Eingreifen in den Ablauf der Geschehnisse. 

Mittlerweile ist es Abend geworden, und damit rückt das interessantere 
Stadium des Besuches näher. Die itafuyaitsi-Teilnehmerinnen sind ruhig 
sitzengeblieben, als ginge sie das Ganze nicht viel an (s. Abb. 63) ; die Jüng- 
linge und älteren Männer stehen ihnen gegenüber und unterhalten sich an- 
scheinend gleichgültig miteinander. Nach einer Weile kommt es zwischen den 
beiden Parteien zum Austausch von Scherzen und Neckereien. Die Burschen 
nähern sich den Mädchen, und die feierliche Wahl beginnt. Die Sitte verlangt, 
daß die Initiative von den Gastgebern ausgeht und daß jeder Gast jedes An- 
gebot annimmt. Aber natürlich fehlt es nicht an bestimmten Vorlieben zwischen 
den angesehenen Mitgliedern jeder Gruppe; diese Wünsche sind auch bekannt, 
so daß etwa ein unbedeutender Bursche nicht wagen würde, dem Vergnügen 
seines stärkeren, älteren und einflußreicheren Kameraden im Weg zu stehen; 
in Wahrheit beruht also die Wahl zum großen Teil auf früheren Neigungen 
und Liebeleien. Jeder Bursche bietet dann dem Mädchen seiner Wahl ein 
kleines Geschenk an — einen Kamm, eine Halskette, einen Nasenpflock, ein 
Büschel Betelnüsse. Nimmt sie die Gabe an, so nimmt sie damit auch den 
Burschen als Liebhaber für diese Nacht an. Kennt der Bursche das Mädchen gut, 
so gibt er ihr selbst sein Geschenk: kennt er sie noch nicht, oder ist er zu 
schüchtern, so bittet er einen älteren Mann um seine Vermittlung : dieser über- 
reicht dann dem Mädchen die Gabe mit den Worten „kam v a' otu" (va" 1 otu = Be- 
suchsgeschenk, Lockgabe), „Soundso schenkt es dir; du bist seine Liebste". Ganz 
selten nur wird ein solches Geschenk von einem Mädchen zurückgewiesen oder 
ignoriert; sie würde den jungen Mann dadurch schwer kränken und beleidigen. 

185 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Nachdem sich so die Paare gefunden haben, gehen sie meistens alle zu- 
sammen an eine Stelle im Wald und verbringen dort den größten Teil der Nacht 
mit Betelkauen, Rauchen und Singen, wobei die Paare immer zusammen- 
bleiben. Ab und zu schlägt sich ein Bursche mit seinem Mädchen seitwärts in 
die Büsche, ohne daß irgend jemand darauf achtet. Es kommt auch vor, daß 
ein junger Mann seine Liebste auffordert, den Rest der Nacht mit ihm in einem 
bukumatula im Dorf zu verbringen; doch das ist meistens mit Schwierigkeiten 
verbunden. Katuyausi sowohl als ulatile sind durch strengen Anstand und das 
Fehlen jedes orgiastischen Elements gekennzeichnet. In den südlichen Dörfern 
geht es bei diesen Gelegenheiten zweifellos weniger zurückhaltend zu als im 
Norden, doch auch im Süden sind katuyausi und ulatile streng unterschieden 
von orgiastischen Bräuchen wie kamali, Wu oder der Sitte des yausa, die wir 
im folgenden Abschnitt schildern wollen. 

Soviel ich erfahren konnte, ist in früheren Zeiten kein einziges Jahr ver- 
gangen, ohne daß zwei, drei oder vier Katuyausi-B esuche im Dorf auftauchten. 
Der erste Missionar mußte eine besondere Verordnung erwirken, um diesem 
„abscheulichen Mißstand" ein Ende zu machen. Die Einmischung der Weißen 
in örtliche Bräuche und Sitten und die gleichzeitig von den Weißen eingeführte 
viel sc hlimm ere Zuchtlosigkeit hat es glücklich dahin gebracht, daß die ge- 
regelte, anständige Sitte des katuyausi in Verfall geraten ist. Doch sogar noch 
während meines Aufenthalts auf den Trobriand- Inseln kamen Gruppen junger 
Mädchen aus Okaykoda nach Omarakana und aus Kaybola nach Kwaybwaga ; 
die Mädchen von Kwaybwaga wiederum rächten sich an ihren Liebhabern, 
indem sie zum katuyausi nach Vilaylima zogen. In der ersten Zeit meines 
Aufenthalts in Omarakana, im Jahre 1918, erschien um die Erntezeit eine 
Schar solcher Gäste, angeblich um den Yams zu bewundern; ich konnte sie 
sogar photographieren und die erste Entwicklung der Ereignisse beobachten. 
Die Rückkehr einer Katuyausi- Gesellschaft ins heimatliche Dorf wird oft 
zum traurigen Nachspiel einer fröhlichen Nacht. Die Mädchen versuchen un- 
bemerkt ins Dorf und nach Hause zu kommen. Doch das gelingt nicht immer. 
Wird die ganze Gesellschaft belauert und abgefangen, so findet die Abrechnung 
gleich an Ort und Stelle statt. Die Missetäterinnen werden beschimpft, ge- 
schlagen und, wie mir von verschiedenen Gewährsleuten mitgeteilt wurde, 
manchmal tatsächlich von ihren eigenen Liebhabern öffentlich vergewaltigt. 
Mehrere Burschen halten ein Mädchen, während der rechtmäßige Eigentümer 
sein Vorrecht als Bestrafung ausübt. Sollte dies auf Wahrheit beruhen, so wäre 
es die einzige Ausnahme von der Regel, daß in der Öffentlichkeit streng auf 
Anstand gehalten wird. Eine Ausnahme machen nur die Bewohner von Vakuta, 
Okayaulo und einigen anderen südlichen Dörfern. 

186 



Yausa — orgiastische Überfälle durch Frauen 

8. Yausa — orgiastische Überfälle durch Frauen 

Wir wenden uns jetzt dem äußersten Süden der Hauptinsel und der nächst- 
gelegenen Insel Vakuta zu. Diese Gegenden haben bereits mehrfache, freilich 
nicht sehr ehrenvolle Erwähnung gefunden. In ethnologischer Hinsicht sind 
sie ganz allgemein durch eine gewisse Rauheit des Wesens und der Sitten 
gekennzeichnet, die sich in vielen Zügen ihres Lebens ausprägt. Zweifellos 
spielt sich das Geschlechtslehen hier in viel gröberen Formen ab als im Norden; 
die Bräuche und Sitten des Südens würden vielleicht den moralischen Sinn 
der nördlichen Stammesgenossen nicht verletzen, wohl aber ihr feineres Ge- 
fühl für Anstand und Schicklichkeit. In früheren Zeiten lebten diese südlichen 
Dörfer in beständiger Feindschaft mit den meisten ihrer Nachbarn. 

Meine Angaben über den orgiastischen Charakter mancher Formen des 
kayasa wurden weiterhin bestätigt durch eine andere Sitte, die bei den Ein- 
geborenen früher üblich war. Das ganze Um und Auf dieses Brauches mit 
allen Einzelheiten muß leider im Dunkel bleiben, denn was ich darüber weiß, 
weiß ich nur vom Hörensagen; die ganze Sitte weicht so stark ab von allem, 
was ich gesehen habe, daß ich nicht mit jener lebendigen Anschaulichkeit 
davon berichten kann, die sich nur aus eigener Beobachtung ergibt. 

Überall auf den Trobriand-Inseln besteht die wirtschaftliche Sitte, daß die 
Frauen eines Dorfes in gemeinsamer Arbeit das Jäten des Gartens besorgen. 
Da diese langweilige, eintönige Arbeit nur geringes Geschick und wenig Auf- 
merksamkeit erfordert und sich leicht durch geselliges Plaudern beleben läßt, 
wird jeder Garten der Reihe nach von den Frauen gemeinsam vorgenommen, 
bis das ganze Gartenland der Dorfbewohner durchgejätet ist. Wie bei allen 
anderen ausschließlich weiblichen Beschäftigungen gilt es als unschicklich für 
einen Mann, sich den arbeitenden Frauen zu nähern oder ihnen irgendwelche 
Aufmerksamkeit zu schenken — es sei denn, es handle sich um geschäftliche 
Angelegenheiten . 

Für die Frauen aus den Dörfern Okayaulo, Bwaga, Kumilabwaga, Louya 
undBwadela und aus den Dörfern auf Vakuta 1 verbindet sich mit diesem Ge- 
meinschaftsjäten ein seltsames Vorrecht. Erspähen nämlich die jätenden 
Frauen einen Fremden, der in Sehweite vorübergeht, so gibt ihnen die Sitte 
das Recht, diesen Mann zu überfallen — ein Recht, das immer mit Eifer und 
Tatkraft wahrgenommen wird. 

Der Mann ist Freiwild für die Frauen; geschlechtliche Gewalttätigkeit, 
unzüchtige Grausamkeit, widerwärtige Beschmutzung, grobe Behandlung — 
alles muß er über sich ergehen lassen. Zuerst wird ihm das Schamblatt ab- 

1 Vgl. die Landkarte 

187 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

gerissen und zerfetzt, der Schutz seines Schamgefühls und das Symbol seiner 
Manneswürde. Dann versuchen die Frauen durch Masturbation und exhi- 
bitzonistische Praktiken bei ihrem Opfer eine Erektion hervorzurufen; ist 
das gewünschte Ergebnis erreicht, so kauert sich eine von ihnen über ihn und 
führt seinen Penis in ihre Vagina ein. Nach der ersten Ejakulation wird er 
unter Umständen von einer zweiten Frau ebenso behandelt, aber Ärgeres 
kommt noch. Einige der Frauen entleeren ihre Exkremente und ihren Harn 
über seinen ganzen Körper, wobei sie besonders das Gesicht beschmutzen, 
sosehr sie nur irgend können. „Ein Mann speit und speit und speit," berichtete 
mir ein mitleidiger Gewährsmann. Manchmal reiben diese Furien ihre Geni- 
talien gegen Nase und Mund ihres Opfers und benutzen seine Finger und Zehen, 
ja, jeden vorstehenden Körperteil zu ihren lasziven Zwecken. Die Eingeborenen 
aus dem Norden belustigen sich über diese Sitte, die sie verachten oder zu 
verachten vorgeben. Mit Vorliebe gehen sie auf alle Einzelheiten ein und unter- 
stützen ihre Schilderungen noch durch darstellerische Gebärden. Gewährsleute 
aus dem Süden bestätigten diese Berichte in allen wesentlichen Punkten. Sie 
schämten sich keineswegs dieser Sitte, betrachteten sie vielmehr als Zeichen 
für die ungebrochene Kraft der Gegend und schoben allen etwaigen Schimpf 
den Fremden, also den Opfern zu. Ein Gewährsmann aus der dortigen Gegend 
berichtete mir, daß die Frauen beim yausa — so heißt dieser Brauch — ihre 
Baströcke abwürfen und nackt „wie eine Schar von tauva'u" (böse Geister) 
auf den Mann losstürzten. Er erzählte auch, daß dem Mann das Haar vom 
Kopfe gerissen, daß er gefoltert und geschlagen würde, bis er zu schwach sei, 
um aufzustehen und davonzulaufen. 

9. Tatsächliche Vorkommnisse orgiastischer Zügellosigkeit 
So lauten die Berichte der Eingeborenen über das yausa. Wie steht es um 
die Tatsachen? Ich habe sie nie mit eigenen Augen beobachtet, denn einerseits 
traf es sich so, daß ich zur Jätezeit nie nach Süden reisen konnte, anderseits 
wurde mir gesagt, daß selbst heutzutage kein Fremder daran denken würde, 
um diese Zeit dorthin zu gehen. Wäre ich persönlich hingereist, so wäre ein 
negatives Ergebnis in ethnologischer Beziehung enttäuschend und ein posi- 
tives entschieden unerfreulich gewesen; ich gab es also auf. Dann versuchte 
ich, wie stets in solchen Fällen, die allgemeine Behauptung durch zweifelsfreie 
Tatsachen zu stützen; ich suchte zu ermitteln, wie viele Männer so mißhandelt 
worden waren — wo, wann und bei welcher Gelegenheit; doch nie war etwas 
zu erfahren. Jedesmal bekam ich die gleiche Antwort: „Ach, die Leute haben 
so große Angst, daß keiner sich in die Nähe traut." Für die Wahrheit der 

188 



Tatsächliche Vorkommnisse orgi astischer Zügellosigheit 

Geschichte sprach nur die Tatsache, daß Misipelosi und Misimoytena (der 
Reverend S. B. Fellowes, der erste Missionar, und der Honourahle M. H. More- 
ton, der erste Resident) Angst gehabt hatten, sich dem yausa auszusetzen 
und daß kein gumanuma (weißer Mann) das je riskiert hatte. Auch ich wurde 
gebeten, ja keinen Versuch zu machen, während der Yausa-Zeit nach Süden 
zu gehen, und ich befolgte diesen Rat. Auf diese Art lieferte ich den Ein- 
geborenen einen weiteren Beweis für das tatsächliche Bestehen dieser Sitte. 

Meine Hauptfrage blieb also unbeantwortet: wird dieser eingehend ge- 
schilderte Brauch, der die Eingeborenen so sehr beschäftigt, tatsächlich aus- 
geübt ? Oder würde er nur ausgeübt werden, falls sich die Gelegenheit böte ? 
Oder lebt er nur im Glauben der Leute und in der Sage, ohne jede Grundlage 
in der Wirklichkeit ? 

Mit Bestimmtheit läßt sich höchstens das eine behaupten: ist yausa über- 
haupt vorgekommen, so nur ganz selten, denn in den alten Zeiten hatte ein 
Fremder noch weniger Gelegenheit als heutzutage, jene unwirtlichen Gegenden 
aufzusuchen, wo man mit allen Nachbarn in Feindschaft lebte, stets bereit, 
dem Fremdling irgendein Leid anzutun. Schätzt man den Wahrheitswert der 
Überlieferung nur gering ein, so bleibt eine behebte Sage übrig, die sich durch 
lebhaftes Interesse und festen Glauben am Leben erhält. Sie verschafft den 
Frauen jener Gegenden den Ruf kriegerischen Wesens, umgibt sie zur Jätezeit 
mit einem absoluten Tabu und verleiht ihrer Gemeinschaftsarbeit in den 
Gärten den Charakter eines geschlechtlichen Vorrechts. Als einzige Parallele 
zu dem Brauch findet sich in der Volkskunde die Sage von Kaytalugi, dem 
Land der geschlechtlich unersättlichen Frauen (s. Kap. XII, 4), und im wirk- 
lichen Leben die gröbere Geschlechtlichkeit des Südens überhaupt, sowie die 
orgiastische Ausartung des hayasa in diesen Gegenden, die beim Tauziehen 
und beim erotischen Kratzen zutage tritt 1 . 

1 Vielleicht ließen sich Parallelen zu dieser Sitte bei südlicher wohnenden Stämmen auf 
dem d'Entrecasteaux- Archipel und der Hauptinsel von Neu- Guinea entdecken. Ein weißer 
Händler berichtete mir, daß an der Südküste der Normanby-Insel verschiedene orgiastische 
Bräuche und Feste üblich seien. Bei bestimmten Gelegenheiten wird eine kleine Hütte mit 
sehr hohem Frontgiebel errichtet, die „der Eingang des Körpers" heißt. In dieser Hütte 
hält sich während der Festlichkeit ein Mädchen auf; die jungen Männer statten ihr halb- 
öffentliche Besuche ab und begatten sie einer nach dem andern. Auch bei den Eingeborenen 
an der Südküste östlich von Orangerie-Bay (den Da'ui und Su'au) kommt es vor, daß 
mehrere Burschen mit einem Mädchen koitieren, und zwar jeder in Gegenwart der anderen; 
so etwas würde dem größeren Feingefühl des Trobrianders abscheulich vorkommen. Ander- 
seits sind Stämme wie etwa die Dobuaner vom d'Entrecasteaux-Archipel und die Maüu 
in geschlechtlichen Dingen viel zurückhaltender als die Trobriander oder andere südliche 
Massim. Vgl. C. G. Seligman, op. cit., über die südlichen Massim, Kap. XXXVIII, „Courtship, 

189 



Übliche Formen freier Liebesverbindungen 

Bezeichnenderweise haben alle Eingeborenen an dieser Sitte Interesse und 
Spaß. Wenn von einem verwandten Thema die Rede ist — von Gärten, Ge- 
meinschaftsarbeit, Stellung der Frau, Kampf oder Geschlechtlichem — , wird 
stets das yausa förmlich herbeigezerrt; die Eingeborenen schwelgen in ein- 
gehenden, anschaulichen Beschreibungen, bis die Sache schließlich für den 
Anthropologen zum roten Tuch wird. Nur einmal kam es mir sehr gelegen. 
In einem der Lagunendörfer, wo der schwerfällige, grobe Volksschlag nur schwer 
zum Reden zu bringen ist, hatte ich besondere Schwierigkeiten, brauchbare 
Gewährsmänner zu finden. Eines Nachmittags arbeitete ich mit einer Schar 
unwilliger Gewährsleute; wir saßen unter einem großen Feigenbaum am Ufer 
der Lagune. Es war eine jener flauen, unfruchtbaren Zeiten, die dem prak- 
tischen Ethnographen so wohlbekannt sind: im erarbeiteten Material entdeckt 
er weiter nichts als Lücken und Unstimmigkeiten, seine eingeborenen Lehrer 
langweilen und ärgern ihn und er sie, die Gefangenschaft in einer tieffremden 
und gefühlsmäßig bedeutungsleeren kulturellen Atmosphäre lastet schwer auf 
ihm und verlockt zum Desertieren um jeden Preis. In dieser Stimmung wurde 
die Lagunenlandschaft in ihrer Lieblichkeit und Eintönigkeit zum Sinnbild 
der Versuchung und lockte meine Augen nach den in der Ferne verschwim- 
menden Koya, den südlichen Bergen des Amphlett- und d'Entrecasteaux- 
Archipels, wo mein Heimweg zur Zivilisation lag. Ich betrachtete die Szene 
am Strande (s. Abb. 61) und beneidete einige Besucher aus dem Süden, die in 
den nächsten Tagen heimwärts fahren wollten. Die Unterhaltung stockte, 
und aus meinen Gewährsleuten war nichts herauszubringen, bis wir zufällig 
auf das Thema „yausa" gerieten. Mit einem Schlage wurden die Eingeborenen 
gesprächig und lebendig: ihr Gelächter und ihre angeregte Unterhaltung lockte 
andere Leute herbei, und bald war ich von einer Schar Männer umgeben, unter 
denen ich einige hinreichend gute Gewährsleute für meine künftige Arbeit 
entdeckte. Zugleich erfuhr ich, wie anders diejenigen, die ihn üben, solch 
einen Brauch schilderten, als diejenigen, die ihn nicht haben. Von den An- 
sässigen wurde die Sitte offensichtlich als beschämender und barbarischer 
Brauch lächerlich gemacht. Die Besucher aus dem Süden jedoch, von denen 
manche aus Okayaulo und Bwadela, also aus der Heimat des yausa stammten, 
waren in einer späteren Unterhaltung durchaus anderer Ansicht und zeigten 
nicht die geringste Verlegenheit. Sie erzählten voll Stolz, daß kein Fremder 
sich um jene Zeit in ihre Gegend wage, daß nur sie selbst frei umhergehen 
könnten, daß ihre Frauen die besten Jäterinnen und die mächtigsten Leute 

Betrothai, and Marriage", und Kap. XLIII, „Morals". Vgl. auch meinen Bericht über die 
Maüu in „Natives of Mailu", in den „Transactions of the Royal Society of South Australia", 
1915. 

190 



Tatsächliche Vorkommnisse orgiastischer Zügellosigkeit 

auf der ganzen Insel seien. Die beiden Landstriche sind seit Jahrhunderten 
miteinander in Berührung, sie sprechen dieselbe Sprache und haben die gleiche 
Kultur, doch weder die Sitte des yausa noch die ihr zugrunde Hegende geistige 
Haltung hat im Norden Eingang gefunden. Die geistigen Einstellungen der 
beiden Gegenden sind einander verwandt, doch jeder Landstrich bleibt dabei, 
daß er dem anderen überlegen sei; das drückt sich vor allem im Widerspruch 
gegen die Anschauungen des anderen aus. 



191 



ZEHNTES KAPITEL 

DAS LIEBESLEBEN 
UND DIE PSYCHOLOGIE DER EROTIK 

Im Laufe unserer Untersuchung haben wir uns allmählich dem Hauptthema 
unseres Buches genähert und eine immer eingehendere Kenntnis vom Liebes- 
leben der Eingeborenen gewonnen. Zuerst haben wir nur einen allgemeinen 
Überblick über die soziale und wirtschaftliche Organisation gegeben, soweit 
diese die Stellung von Mann und Frau in der Gemeinschaft beeinflußt. Wir 
haben Geselligkeit und Zeitvertreib der Eingeborenen untersucht und haben 
sie im Privatleben und in der Öffentlichkeit beobachtet, bei Arbeit und Spiel, 
bei magischen und religiösen Verrichtungen, und ebenso im Alltagsleben. 

Auf unser eigentliches Thema eingehend, haben wir weiterhin den typischen 
Verlauf des Liebeslebens verfolgt, der schließlich zu Ehe und Elternschaft 
führt. Im letzten Kapitel haben wir einige Bräuche beschrieben, die den 
normalen Ablauf des Liebeslebens reicher und vielfältiger gestalten. 

In diesem Kapitel wollen wir das Liebesspiel der Liebenden aus noch größerer 
Nähe betrachten; wir wollen erfahren, was für sie das Wesentliche der Liebe 
ist und welcher Art die Bande sind, die sie vereinen. 

Überall in meinen Darlegungen habe ich versucht, nicht nur die Norm, 
das Übliche darzustellen, sondern auch die Ausnahmen aufzuzeigen, die 
„Schwingungsweite" anzugeben, wie man es nennen könnte, den Spielraum, 
innerhalb dessen man die strenge Regel zu umgehen sucht und zuweilen auch 
erfolgreich umgeht. Je eingehender wir das persönliche, innerliche Verhalten 
untersuchen, um so elastischer werden die Regem, um so bedeutsamer ist es 
zu erfahren, wie eine Regel oder Einrichtung sich tatsächlich auswirkt; in 
Wahrheit ist das wesentlich wichtiger als die Frage, wie sie sich nach Theorie, 
Gesetz oder Moralbegriffen der Eingeborenen auswirken sollte. 

Je mehr der Ethnologe sich entfernt von den großen, grundlegenden, wohl- 
umschriebenen Institutionen wie Familie, Ehe, Sippenorganisation, Clan, 
Exogamie, Werbungssitten — je mehr er sich den vielfältigen Einzelheiten 

192 



iM/kt 





60. ULATILE AUF DER LAGUNE (KAP.lX.e) 




61. AM LAGUNENSTRAND (KAP. IX, 9) 




62. ZUM KATUYAUSI ODER ERNTEBESUCH GE- 
SCHMÜCKTE MÄDCHEN (KAP. IX, 3 und 7; KAP. III, 3) 




63. KATUYAUSI-GRUPPE (KAP.1X.7) 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

des persönlichen Lebens zuwendet, um so vieldeutiger sind im allgemeinen 
seine Beobachtungen, um so weniger verläßlich seine Ergebnisse. Das läßt 
sich nicht ändern; zum Trost wollen wir uns daran erinnern, daß selbst auf 
den exaktesten Gebieten menschlicher Forschung ein theoretisches Resultat 
sich nur innerhalb gewisser Grenzen praktisch bestätigen läßt. Die genauesten 
menschlichen Beobachtungen sind nur annähernd, und auch der Chemiker 
und der Physiker kann nicht mehr tun als die Grenzen feststellen, innerhalb 
deren sein Irrtum sich bewegt. Bei der Untersuchung solch umfassender Ein- 
richtungen wie Ehe oder Familie sollte der Ethnologe, der maßgebende, sorg- 
fältige, praktische Arbeit leisten will, sich mehr auf seine Beobachtungen als 
auf die Aussagen der eingeborenen Gewährsleute verlassen. Doch hat man es 
mit den feineren Abstufungen des Verhaltens zu tun, so läßt sich diese Regel 
leider nicht immer anwenden. Untersucht man geschlechtliche Anziehung 
oder das Wachsen einer Leidenschaft, so ist direkte Beobachtung immer 
schwierig, ja manchmal ganz unmöglich, und man muß sich ein gut Teil 
seiner Kenntnisse aus Klatsch und vertraulichen Gesprächen holen. 

Der Ethnologe muß ein offenes Auge haben für alles, was um ihn her vor- 
geht. Geduldig muß er sich in das Dorf einleben und seine persönlichen Freunde 
so wählen, daß er freiwillige Bekenntnisse und intime Zuträgereien zu hören 
bekommt. Ad hoc gemachte Aussagen müssen durch spätere, gelegentlich 
eingeflochtene Bemerkungen nachgeprüft werden; auf solche Art kann man 
stillschweigenden Voraussetzungen auf die Spur kommen und den Wert des 
Unausgesprochenen einschätzen. Denn das Verschwiegene ist immer viel auf- 
schlußreicher als das direkt Ausgesprochene, besonders bei diesen Ein- 
geborenen, deren empfindliches Taktgefühl in solchen Gesprächen sich der 
Umschreibung und Andeutimg bedient. Man kann die Eingeborenen wohl zu 
direkten Aussagen zwingen, doch dabei kommt stets eine falsche und künst- 
liche Geisteshaltung heraus; wer sich nur auf solche Methoden verlassen 
wollte, käme zu Ergebnissen, die jeder lebhaften Wirklichkeitsfarbe entbehren 
würden. 

Der Ethnologe muß sich also bei den heikelsten Gegenständen größtenteils 
aufs Hörensagen verlassen. Doch wenn er lange Zeit unter den Eingeborenen 
lebt, ihre Sprache spricht und enge persördiche Freundschaften schließt, kann 
er hinreichend brauchbares Material erlangen — wertvollere Kenntnisse 
jedenfalls als durch das mechanische Auspumpen der Eingeborenen nach dem 
Frage- und Antwortsystem zu soundso viel Stangen Tabak pro Stunde. 

Liebe ist eine Leidenschaft für den Melanesier wie für den Europäer, eine 
Leidenschaft, die Leib und Seele mehr oder minder heftig peinigt, häufig 
Schwierigkeiten, Skandale und Tragödien herbeiführt und in selteneren Fällen 

13 m. G. 193 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

das Leben erhellt und das Herz überfließen läßt in Freude und Glück. „Wes 
das Herz voll ist, des gehet der Mund über" — und der kalte Ethnologe muß 
eifrig notieren, was ihm unter dem Druck starker persönlicher Gemüts- 
bewegung anvertraut wird. Kaum weniger wertvolles Material liefern dem 
Forscher die Zuträgereien der am Ereignis nicht direkt beteiligten, aber doch 
genügend interessierten Dorfbewohner, vor allem wenn etwas Mißgunst im 
Spiele ist — puisquHl y a quelque chose dans les malheurs de nos amis qui ne 
nous deplatt pas. 

Spontane Herzensergüsse und Dorfklatsch, soweit er auf echter Teilnahme 
beruht, Berichte über vergangene Tragödien und Liebesabenteuer haben mir 
das meiste Rohmaterial für die Schilderungen in diesem Kapitel geliefert. 
Und die unmittelbare Kenntnis der persönlichen Lebensgeschichten und 
Lebensumstände hat es mir ermöglicht, alles im wahren Zusammenhang zu 
erfassen, die Dinge vom Standpunkt des Eingeborenen aus zu 6ehen. Manch- 
mal bemerkte ich, daß die Handlungen und Gefühle der Eingeborenen ihre 
Worte Lügen straften; indem ich solche Fäden weiter verfolgte, gelang es mir 
oft herauszufinden, was an ihren ausdrücklichen Behauptungen Wahres war. 

Der Leser erinnert sich wohl noch an das Mißgeschick Bagido'us, eines 
meiner besten Freunde und Gewährsleute (s. Abb. 64 und Kap. VI, 1), ferner 
an die Feindseligkeiten und Streitereien zwischen Namwana Guya'u und 
Mitakata (s. Abb. 4 und Kap. I, 2), an den prahlerischen Gomaya und seine 
Beziehungen zu Ilamweria (s. Abb. 43 und Kap. VII, 4). Ohne die persönlichen 
vertrauUchen Mitteilungen dieser meiner Freunde wäre es mir ganz unmöglich 
gewesen, die Vorschriften der Sitte und die moralischen Vorstellungen der 
Eingeborenen kennenzulernen. 

Natürlich habe ich mich stets bemüht, neben solchem lebendigen Material 
auch objektive „Dokumente" zu Bammeln: Berichte über geschichtliche Er- 
eignisse, Proben aus der Sagenwelt, aus der Volkskunde und der Magie. 
Meine allgemeinen Eindrücke, meine starken, wenn auch etwas unbestimmten 
intuitiven Erkenntnisse wurden auf diese Art immer wieder nachgeprüft und 
durch Tatsachen aus jedem Bezirk des Volkslebens bestätigt. In Wirklichkeit 
spielt sich das Ganze meist so ab, daß zunächst die „Dokumente" gesammelt 
werden — doch wahres Verständnis dafür kann erst aus der Kenntnis des wirk- 
lichen Lebens erwachsen. 

Wer sich für Methodenlehre interessiert, wird erkennen, daß unsere Dar- 
stellungsweise nicht nur der Wesensart des Stoffes gerecht wird, sondern auch 
der Art, wie das Material gesammelt wurde : ausgehend von den Institutionen 
gelangen wir auf dem Weg über die Darstellung eines Lebenslaufs zu der 
feineren, eingehenden Analyse, die nun folgen soll. Nach dieser Abschweifung 

194 



Erotische Anziehung 

auf das Gebiet der Materialsammlung und Darstellung kehren wir wieder in 
unser Trobriander-Dorf zurück und schließen uns einer Schar junger Leute 
an, die festlich gestimmt und gekleidet im Mondenschein spielen. Versuchen 
wir, sie so zu sehen, wie sie sich selbst sehen, machen wir ausfindig, was sie 
anzieht, was sie abstößt ! Bisher haben wir uns vom vertraulichen Beisammen- 
sein der Liebespaare, vom Beobachten ihrer Antriebe und Gefühle diskret 
ferngehalten, vor allem haben wir nie ihre leidenschaftlichen Zärtlichkeiten 
zu belauschen gesucht. Jetzt aber müssen wir daran gehen, den Verlauf einer 
individuellen Liebesgeschichte uns vorzustellen und die Entwicklung einer 
Leidenschaft von den ersten Verlockungen durch Schönheit und Reiz bis zu 
ihrem Ende mitzuerleben. 

1. Erotische Anziehung 

Was ist es eigentlich, das die Bücke der Burschen wie gebannt auf einer 
Schar Mädchen haften läßt, die rhythmisch im Spiel sich regt oder zur Ernte- 
zeit schwere Körbe trägt? Oder was bezaubert die Mädchen an einem der 
Tänzer, der den Kreis schneller Läufer beim Kaydebu-Tanz anführt (siehe 
Abb. 65) ? Können wir überhaupt feststellen, warum der oder die eine beinah 
einmütiges Mißfallen, warum der oder die andere ebenso einmütiges Wohl- 
gefallen erregt? warum die eine Menschenart für häßlich oder reizlos, die 
andere für reizvoll oder schön gilt ? Hat sich der europäische Beobachter erst 
einmal an den körperlichen Typus und an das Benehmen der Melanesier ge- 
wöhnt, so findet er bald heraus, daß seine Begriffe vom Reiz der Person mit 
denen der Eingeborenen im wesentbchen übereinstimmen. So gilt zum Bei- 
spiel das Mädchen auf Abb. 67 ganz allgemein für eine Schönheit, das auf 
Abb. 66 für unschön; und dieser Ansicht wird sich der Leser wahrscheinlich 
anschließen, trotzdem die letztere eine gutgewachsene Frau von ausgesprochen 
melanesischem Typus ist. Doch es würde wohl schwierig und sicher vergeblich 
sein, wollte man die Schönheitsbegriffe der Eingeborenen mit europäischen 
Wendungen und Vergleichen zu schildern versuchen. GlückUcherweise ver- 
fügen die Eingeborenen über eine Anzahl von Ausdrücken, Wendungen und 
Kategorien, die sozusagen objektives Material darstellen und, ethnologisch er- 
läutert, wohl einen einigermaßen zutreffenden Begriff vom trobriandischen 
Schönheitsideal geben können. 

Das Problem des erotischen Reizes ist wohl zu unterscheiden von den im 
IV. Kapitel behandelten Fragen; dort hatten wir es mit den Gründen zu tun, 
die den Trobriander oder die Trobrianderin zur Eheschließung veranlassen. 
Wir konnten dort feststellen, daß pereördiche Neigung zwar eine mächtige 
Triebfeder zur Heirat ist, aber doch nur eine unter anderen, die sozialer, 

195 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

■wirtschaftlicher oder familialer Art sein können. Und seihst hei persönlicher 
Neigung ist das Erotische nicht ausschließlich maßgehend. Ein Mann oder 
eine Frau reifen Alters wählt sich oft einen Lebensgefährten mit ganz anderen 
Eigenschaften, als sie die oder der Jugendgeliebte hatte. Die Heirat wird häu- 
figer durch Vorzüge des Charakters und der Persönlichkeit bestimmt, als durch 
geschlechtliche Übereinstimmung und verführerische erotische Eigenschaften. 
Diese bereits erwähnte Tatsache habe ich in vielen Fällen und Hunderten voi 
Einzelheiten bestätigt gefunden. Nur bei den vorübergehenden Liebes- 
beziehungen wirkt der bloße körperliche Reiz als Hauptanziehung. Wir 
wollen nun zu unserem imaginären Paar zurückkehren und herauszufinden 
suchen, was sie als Liebende aneinander sehen. 

Wer es in Dichtung oder Anthropologie mit Liebe zu tun hat, der stellt 
sich gerne Objekte vor, die wahrhafter Bewunderung würdig sind. Auf den 
Trobriand-Insein würde es nicht schwer fallen, sie zu finden, selbst nicht für 
europäischen Geschmack und germanisches Rassenvorurteil; denn innerhalb 
der beträchtlichen Verschiedenartigkeit der Typen gibt es Männer und Frauen 
mit feinen, regelmäßigen Gesichtszügen, gut gebauten, geschmeidigen Kör- 
pern, klarer Haut und jenem persönlichen Charme, der uns für einen Menschen, 
ein Volk oder eine Rasse emnimmt. 

Beschreibungen eines Rassentypus mit bloßen Worten wirken stets schwach 
und unüberzeugend; sie mögen in anthropometrischen Ausdrücken abgefaßt 
und durch zahlenmäßige Belege gestützt sein — doch damit ist der Vor- 
stellungskraft wenig geholfen und höchstens dem wissenschaftlichen Anthro- 
pologen gedient. Der Leser tut besser daran, im vorliegenden Buch und in 
anderen Werken über die Trobriander 1 die Bilder anzusehen und zu hören, 
was die Eingeborenen selbst über Schönheit und ihr Gegenteil zu sagen haben. 

Nie sind die Eingeborenen um eine Antwort verlegen, wenn man sie fragt, 
was körperliche Schönheit beim Mann oder beim Weibe ausmacht. Das Thema 
interessiert sie nicht nur lebhaft — wie übrigens alle menschlichen Wesen — , 
sondern es ist auch von einem ausgedehnten Sagenkreis umgeben und daher 
mit einem reichen Wortschatz versehen. Viele Sagen und Lieder sind zum 
Ruhme eines berühmten Tänzers oder Sängers entstanden und enthalten Be- 
schreibungen von Schmuck und Kleidern und ausdrucksvolle Schilderungen 
körperlicher Schönheit. Die bei der Schönheitsmagie verwendeten Zauber- 
formeln geben aufschlußreiche Hinweise auf die Wunschbilder und Ideale des 

1 Etwa in dem bereits angeführten Werk von C. G. Scligman und in meinem „Argonauts 
of the "Western Pacific". Vergleichendes anthropometrisches Material siehe in „A Classi- 
fication of the Natives of British New Guinea", im „Journal R. Anthrop. Inst.", Band 39, 
1909, von C. G. Seligman. 

196 



Abstoßende Momente: Häßlichkeit, Alter und Krankheit 

Trobrianders, ebenso die Totenklagen und die Beschreibungen der Seligkeiten 
in Tuma, dem Lande der Abgeschiedenen. 

Doch wenn auch Ruhm und Preis berühmter Schönheiten in ausführlichen 
Einzelheiten von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wird, so ist es doch 
keineswegs leicht für den Ethnologen, ein lebendes Modell für seine Unter- 
suchungen zu finden. Fragte ich einen alten und also erfahrenen Kenner weib- 
licher Schönheit, ob irgendeine lebende Frau an die strahlenden Göttinnen 
heranreiche, die in seiner und seines Vaters Erinnerung lebten, so lautete die 
Antwort stets verneinend. Das goldene Zeitalter wahrhafter Schönheit ist ent- 
schwunden. 

f 

2. Abstoßende Momente: 

Häßlichkeit, Alter und Krankheit 

Wir wollen uns dem Schönheitsideal auf dem Umweg über sein Gegenteil 
nähern und zunächst einmal feststellen, was einen Menschen in den Augen 
des Eingeborenen als häßlich und abstoßend und damit vom erotischen Stand- 
punkt als unmöglich erscheinen läßt. Mißgestalt und Krankheit des Geistes 
und Körpers, Alter und Albinismus sind Dinge, die nach den Aussagen der 
Eingeborenen erotisches Interesse ausschließen. Häufig fallen die Ausdrücke 
migila gaga (sein Gesicht schlecht) und tomigaga (häßlicher Mann, wörtlich 
Mann-Gesicht-häßlich), oft mit dem erläuternden Zu6atz: „Niemand würde 
mit so einem schlafen." 

Mißbildungen sind selten ; ich selbst kann mich auf keinen einzigen Buck- 
lichen oder von Geburt an Verkrüppelten besinnen. Durch Zufall kann der 
Mensch ein Glied verlieren: kaykela ipwase (sein Bein ist abgefault); yamala 
ipwase (sein Arm ist abgefault) ; doch der häufigste angeborene Fehler ist ein 
Sprachdefekt, der von den Eingeborenen mit demselben Wort wie Idiotie und 
Schwachsinn, tonagowa, bezeichnet wird. 

Die bösen und abstoßenden Gestalten der Sage sind ebenfalls mit körper- 
lichen Mißbildungen behaftet. Dokonikan, das Hauptungeheuer der kiri- 
winischen Sagenwelt, hat mehrere Reihen Zähne und kann nicht ordentlich 
sprechen. Haarige Frauen und Männer mit widerlichen Körpern kommen in 
einigen Märchen vor. 

Von Krankheiten gelten natürlich Geschwüre, offene Stellen und Haut- 
ausschlag als besonders abstoßend in erotischer Hinsicht. Solche Heim- 
suchungen sind die übliche Strafe für Übertretung gewisser Tabus. Tatsächlich 
werden eine Anzahl Tabus von jungen Leuten nur deshalb beobachtet, weil 
sie ihre Haut vor Geschwüren bewahren wollen ; man könnte sie als besondere 
Schönheits-Tabus bezeichnen. So ist es gefährlich, Fisch zu essen der nicht 



13» 



197 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

mehr ganz frisch ist, oder einen ausgesprochen starken Geschmack hat. 
Manche Fische sind mit ungehörigen Schuppen oder Flecken bedeckt und 
deshalb jungen Männern und Frauen verboten. Auch dürfen junge Leute 
keinen Yams oder Fisch verspeisen, der mit einem scharfen Werkzeug zer- 
kleinert worden ist. Ähnliche Tabus müssen eingehalten werden von Männern, 
die kurz vor einer überseeischen Expedition stehen ; sie sagen, sie dürfen nur 
„guten Fisch" essen, damit ihre Gesichter schön seien 1 . 

Als entschiedene Beeinträchtigung gilt die tropische Ringelflechte, eine 
unangenehme Krankheit, bei der sich die Haut beständig abschält; sie ist 
unter den Melanesiern sehr verbreitet. Mit dieser Krankheit behaftete Per- 
sonen würden nie für schön gelten, selbst wenn ihre Gesichtsbildung schön 
wäre; doch scheint sie weder in Liebesdingen, noch bei anderen Beschäfti- 
gungen ein ausgesprochenes Hindernis zu bilden. Anderseits erschwert diese 
abstoßende und ansteckende Krankheit ganz beträchtlich die Arbeit des 
Ethnologen, der fortwährend mit solchen Kranken zu tun hat und sich nur 
langsam daran geAvöhnen kann. 

Hohes Alter gilt als ernstlicher Nachteil bei galanten Abenteuern. Der 
Gegensatz zwischen abstoßendem Greisenalter und anziehender Jugend tritt 
in der Sage klar hervor. Ein Held, der wegen seines ältlichen Äußeren keine 
Erfolge mehr hat, wird verjüngt und bekommt nun alles, was sein Herz be- 
gehrt. Zunächst werden alle Merkmale, mit denen die Zeit ihn gezeichnet, un- 
barmherzig aufgezählt : die verrunzelte Haut, das weiße Haar, die zahnlosen 
Kiefer. Dann wird die zauberhafte Veränderung beschrieben: sein wohl- 
gerundetes Gesicht, die weichen, vollen Linien seines Körpers, die glatte, 
glänzende Haut, das dichte schwarze Kopfhaar, die schönen schwarzen Zähne, 
die zwischen hochroten Lippen hervorblitzen. Jetzt vermag er die Gunst be- 
gehrenswerter Frauen zu gewinnen und seine Wünsche den Menschen und dem 
Schicksal aufzuzwingen. Derartige Schilderungen kommen vor in zwei der 
hauptsächlichsten Sagen vom kula (feierlicher Warenaustausch), das eine so 
große Rolle im Stammesleben spielt und mit der Erotik mancherlei psycho- 
logische Verwandtschaft aufweist. Ähnliche Bilder finden sich in der Sage von 
der Verjüngung, in den Vorstellungen der Eingeborenen von einem künftigen 
Leben und in einigen Märchen 2 . 

Fettleibigkeit ist äußerst selten und wird in ihren ausgesprocheneren Formen 
als Krankheit angesehen. Kahlheit kommt ziemlich häufig vor; sie gilt als 
Schönheitsfehler, und in dem Wort tokulubakana (kahler Mann, wörtlich 

1 Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", S. 336. 

1 Über die Kula-Sage vgl. „Argonauts", S. 307—310 u. 322—324, und „Myth in Primitive 

Psychology", 1926. 

198 



Abstoßende Momente: Häßlichkeit, Alter und Krankheit 

„Mann-Hinterkopf-leere- Stelle") ist ein gewisses Maß von Kritik enthalten. 
Den Trobriander trifft jedoch ein solcher Schlag nicht so hart wie seinen euro- 
päischen Zeitgenossen, denn auf jener glücklichen Insel werden noch Perücken 
getragen (s. Abb. 68). Entweder wird ein schmales Band aus Haar direkt über 
der Stirn wie eine Art Haarkranz festgebunden, oder die Perücke bedeckt 
den ganzen Kopf. Um eine solche Perücke herzustellen, näht man Haar- 
büschel auf eine enganliegende Kappe aus geflochtenen Fasern oder Bind- 
fäden. Haar ist leicht erhältlich, denn die Trauersitte verlangt, daß jedes Mit- 
glied der Dorfgemeinschaft — ausgenommen die Blutsverwandten des Ver- 
storbenen — sein schönes Haar abschneidet. 

Das Scheren des Haupthaares ist nicht die einzige Trauersitte, die auf Ver- 
minderung persönlicher Reize abzielt; in gewissem Maße entspricht die Um- 
wandlung des Äußeren, wie die Trauer sie vorschreibt, den trobriandischen 
Begriffen von Häßlichkeit. Der geschorene Kopf, der mit einer dicken Schicht 
von Fett und Holzkohle geschwärzte Körper, die farblose und absichtlich 
schmutzige Kleidung, Duft- und Schmucklosigkeit — das sind die äußeren 
Zeichen der Trauer. Wie entstellend die Trauertracht wirkt, ist auf Abb. 38 
zu sehen, wo zwei unter normalen Umständen gleich hübsche junge Männer 
miteinander verglichen werden können. Durch die Trauertracht soll vor allem 
die Witwe so häßlich gemacht werden, daß sie auf andere Männer nicht mehr 
anziehend wirkt; das wurde mir von den Eingeborenen nachdrücklich bestätigt 
und geht auch aus dem ganzen Verlauf der Totenfeier hervor, von den Ver- 
änderungen der äußeren Erscheinung ganz abgesehen (s. Kap. VI). 

Nun wissen wir also, was persönlichen Reiz ausmacht: normaler Körper- 
bau, Gesundheit, die Abwesenheit jeder geistigen oder funktionellen Störung, 
starker Haarwuchs, gesunde Zähne und glatte Haut — alles Zeichen von Kraft 
und guter Veranlagung. 

Doch hier ist ein wichtiger Vorbehalt zu machen. Die Eingeborenen sprechen 
mit solchem Abscheu von den verschiedenen Formen der Häßlichkeit, und 
Widerwille ist in ihrem Verhalten so deutbch ausgeprägt, daß man gar nicht 
in Versuchung kommt, die Wahrheit ihrer Worte zu bezweifeln; bei Spielen 
und anderen Belustigungen zum Beispiel wird ein Albino, ein Idiot oder ein 
Hautkranker so mitleidlos ausgeschlossen, daß seine Vereinsamung sogar das 
kühle Herz eines Ethnologen erbarmt. Meine Beobachtungen bestätigten also 
durchaus die mündlichen Aussagen, in denen sich alle Eingeborenen einig 
waren: solche Menschen sind vom Geschlechtsverkehr vollkommen aus- 
geschlossen, sie müssen zur Selbstbefriedigung ihre Zuflucht nehmen. Nichts- 
destoweniger kamen mir Zweifel, als mir im weiteren Verlauf meiner Arbeit 
solche Behauptungen, gestützt durch zahlreiche Beispiele, als Beweis an- 

199 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

geführt wurden für die Tatsache, daß eine Frau auch ohne Geschlechtsverkehr 
Kinder haben könne (siehe Kap. VII, 3 u. 4). Tilapo'i (um bereits erwähnte 
Fälle zu nennen) hatte ein Kind, Kurayana nicht weniger als sechs, und auch 
einige Albino -Mädchen waren mit zahlreichen Sprößlingen gesegnet. Aber: 
„Kein Mann würde ihnen zu nahe kommen, sie sind zu abstoßend" — das war 
die erste Prämisse des Schlusses, obwohl viele meiner Gewährsleute es besser 
wissen mußten! 

Bei näherer Untersuchung dieses offensichtlichen Widerspruchs kam ich 
hinter die überraschende Tatsache, daß starker und zweifellos ehrlicher körper- 
licher Widerwille den Melanesier nicht vom Geschlechtsakt abhält. Wahr- 
scheinlich hängt das zusammen mit der Art, wie diese physiologische Be- 
tätigung ausgeführt wird. Ich konnte feststellen, daß die häßlichsten und ab- 
stoßendsten Leute nicht nur gelegentlich, sondern regelmäßig Geschlechts- 
verkehr haben. Orato'u zum Beispiel, ein tonagowa — was in diesem Falle 
nicht einen Idioten bedeutet, sondern einen Mann mit Sprachstörung und 
abstoßend häßlichem Gesicht — , erfreute sich der Gunst der Dorfschönen von 
Omarakana ; er war der Diener des dort wohnhaften Häuptlings, und es wurde 
ihm nachgesagt, daß er mit den Häuptlingsfrauen auf sehr vertrautem Fuße 
stünde. Der auf Abb. 37 dargestellte Albino hat mehrere wohlbekannte Liebes- 
geschichten hinter sich. In fast jedem Dorf, wo ich gearbeitet habe, kann ich 
ein paar alte, äußerst abstoßende Frauen aufzählen, die sich junge, an 
ziehende Burschen als Liebhaber leisten konnten, vor allem wenn sie oder ihre 
Ehemänner von hohem Range waren. 

Mein Freund, der verstorbene Billy Hancock in Gusaweta — ein Händler 
von ausgezeichneter Intelligenz und einer der prachtvollsten Menschen, die 
mir je begegnet sind — , war ganz unabhängig von mir zu derselben Ansicht 
gekommen; er nannte aus dem Gedächtnis eine Reihe auffallender Beispiele; 
in manchen Fällen seien die Frauen so widerlich häßlich gewesen, daß „nicht 
mal ein besoffener Matrose sich mit ihnen abgegeben hätte". Er erzählte mir 
auch von den Erfahrungen eines beamteten Arztes, der den besonderen Auf- 
trag hatte, die Geschlechtskranken auf den Trobriand-Inseln zu behandeln. 
Einst fand dieser Arzt zu seinem Erstaunen alle jungen Burschen eines Dorfes 
mit sehr heftiger, offenbar irisch erworbener Gonorrhöe infiziert, während alle 
in Betracht kommenden Frauen noch vollkommen gesund waren. Schließlich 
beichtete ihm einer der Patienten, daß er und seine Freunde neben anderen 
auch mit einer Frau Verkehr gehabt hatten, die so alt und abgelebt und häß- 
lich war, daß der Arzt sie bei seinen verschiedenen Untersuchungen ohne Be- 
denken übergangen hatte. Es zeigte sich, daß sie der Ansteckungsherd war 
und daß sie schon immer junge Burschen zum Geschlechtsverkehr überredet 

200 



Schönheit des menschlichen Gesichts und Körpers 

hatte. Nach der Entdeckung versuchten die jungen Männer, die ganze Sache 
als belanglosen Scherz hinzustellen, doch in Wahrheit schämten sie sich einiger- 
maßen. Als ich meinen Gewährsleuten diese und ähnliche Tatsachen entgegen- 
hielt, äußerten sie sich ausweichend. Sie mußten wohl zugeben, daß manche 
Männer sich mit abstoßend häßlichen Frauen einlassen, doch solche Leute 
seien nicht recht bei Verstand, meinten sie. 

Es war dies einer der Fälle, die mir klarmachten, wie stark die Konvention 
(Wunschbilder des Verhaltens) den Geist des Eingeborenen beherrscht; doch 
das ist nur oberflächlich und beeinflußt mehr seine Aussagen als sein Ver- 
halten. Dinge, von denen er nicht gern spricht, geschweige denn, daß er zu- 
geben würde, sie getan zu haben, werden einfach hartnäckig geleugnet, ob- 
wohl er ganz genau weiß, daß sie geschehen, vielleicht sogar unter seinem 
eigenen Dach. Tout comme cliez nous! 

3. Schönheit des menschlichen Gesichts und Körpers 

Kraft, Stärke und Vitalität, ein gut proportionierter Körper, glatte, wohl- 
pigmentierte, doch nicht zu dunkle Haut — das sind für den Eingeborenen 
die Haupterfordernisse körperlicher Schönheit. Immer und überall habe ich 
es erlebt, daß einem anmutigen, lebhaften, ausgeglichenen Menschen die Be- 
wunderung der anderen zufiel. Ähnliche Verallgemeinerungen ergeben sich 
aus den folgenden Angaben über das Schönheitsideal der Eingeborenen, das 
heißt über Gestalt, Farbe, Körpergeruch, Eigenschaften der Stimme und 
Anmut der Bewegung. 

Da die Eingeborenen von den Körpern ihrer Mitmenschen sehr viel zu sehen 
bekommen, so ist ihr ästhetisches Interesse daran in keiner Weise künstlich 
gehemmt; es fehlt auch jene falsche Einstellung zu den erotischen Erregungs- 
quellen, die bei uns Europäern üblich ist und unsere vollständigere Bekleidung 
zur Ursache künstlichen Schamgefühls und versteckten Kitzels werden läßt; 
daher ist bei uns die Einschätzung erotischer Vorzüge eine schwierige, ver- 
wickelte Angelegenheit, die von Kleidermoden ebenso abhängig ist wie von 
der Würdigung körperlicher Schönheit. Die Trobriander haben also in dieser 
Hinsicht einen Vorteil vor uns voraus, und es ist bemerkenswert, daß ihr 
erotisches Interesse sich hauptsächlich auf Kopf und Gesicht konzentriert. 
In den Sprüchen der Schönheitsmagie, bei der Aufzählung menschlicher Reize, 
oder wenn von Schmuck und Zieraten die Rede ist, stets steht das menschliche 
Gesicht — Augen, Mund, Nase, Zähne und Haar — im Vordergrund des 
Interesses. In der Magie spielt der Kopf eine wichtige Rolle als Gegenstand 
der Bewunderung, doch nicht als Sitz erotischer Gefühle — diese werden viel- 

201 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

mehr in die unteren Teile des Bauches verlegt. Im übrigen sind bei der Frau 
die Brüste und beim Mann Körperbau und Größe am wichtigsten, daneben 
Farbe und Beschaffenheit der Haut. In gewissen Zauberformeln werden alle 
Glieder und Teile des Körpers neben den Gesichtszügen und dem Kopf auf- 
gezählt; in anderen Sprüchen jedoch werden nur die letzteren genannt. 

Der Umriß des Gesichts ist sehr wichtig; es soll voll und wohlgerundet sein. 
Die Wendungen imiliyapila (wie der volle Mond), imilibwata (wie der runde 
Mond), kalubnbovatu (seine Rundheit) finden sich häufig in Zauberformeln. 
Die Stirn soll schmal und glatt sein; das Wort talisalisa (glätten) kehrt in den 
Zauberformeln immer wieder. Volle Wangen, ein weder zu vorspringendes 
noch zu kleines Kinn, vollkommene Haarlosigkeit des Gesichts, doch tief in 
die Stirn hereinwachsendes Haupthaar — das alles sind Erfordernisse der 
Schönheit. 

Kosmetische Mittel werden im Gesicht mehr als an irgendeinem anderen 
Körperteil angewendet. Gesichtsbemalung (soba) wird in Schwarz, Rot und 
Weiß ausgeführt (s. Abb. 75). Als rote Farbe wird entweder ein Gemisch aus 
Betelnuß und Kalk verwendet oder roter Ocker. Gewisse Tonarten, zuweilen 
mit gestoßener Koralle vermengt, dienten früher als Weiß; heutzutage jedoch 
ist diese Farbe durch das europäische Bleiweiß verdrängt, während Rot meist 
noch aus einheimischen Farbstoffen hergestellt wird. Schwarz wird entweder 
einfach mit verkohlten Kokosfasern aufgetragen oder mit einer anderen Art 
Holzkohle oder einem Gemisch aus Holzkohle und wohlriechendem Öl ; dieses 
wird hergestellt, indem man wohlriechendes Holz in kleine Stücke schneidet 
und in Kokosnußöl auskocht; besonders behebt ist das sogenannte Sayaku- 
Holz, vermutlich ein von den östlich gelegenen Woodlark- und Marshall- 
Bennet -Inseln eingeführtes Sandelholz. Ein ähnliches, doch weniger geschätztes 
Holz, kadikoko, kommt auf den Trobriand-Inseln vor und kann zum selben 
Zweck benutzt werden. Die stark duftende Mischung wird in Kokosnußflaschen 
aufbewahrt und zum Zeichnen der feinen Gesichtslinien benutzt. Die Ein- 
geborenen unterscheiden scharf zwischen Zierbemalung (soba), die zur Er- 
höhung der Schönheit dient, und Rußschwärzen (koulo), das als Zeichen der 
Trauer alle Reize vernichtet. 

Nachdem wir die allgemeinen Grundzüge eines schönen Gesichts geschildert 
haben, wollen wir uns nun den Einzelheiten zuwenden. Die Augen sind, wie 
wir wissen, nach Ansicht der Eingeborenen die Tore erotischen Begehrens 
(Kap. VII, 1); sie gelten auch an sich als erotisches Zentrum. Das Abbeißen 
der Wimpern, das sogenannte mitakuku, spielt eine wichtige Rolle im Liebes- 
leben. Der Ausdruck agu mitakuku („meine abgebissenen Augenwimpern") 
ist ein Liebeswort. In der Schönheitsmagie werden die Augen häufig erwähnt : 

202 



Schönheit des menschlichen Gesichts und Körpers 

mitayari (glänzende Augen); mitubwoyili (schöne Augen); mitapwaH (leuch- 
tende Augen). Die Augen sollen glänzen, aber klein sein. In dieser Frage haben 
die Eingeborenen eine sehr entschiedene Meinung. Große Augen, puyna- 
puyna, sind häßlich. Es gibt keine besondere Schönheitspflege der Augen, 
abgesehen natürlich vom Abrasieren der Brauen, das im Verein mit den ab- 
gebissenen Wimpern die Augen dem europäischen Geschmack merkwürdig 
nackt erscheinen läßt. Um ihren Glanz und andere Reize zu erhöhen, gibt es 
kein besonderes Zaubermittel. 

Nach den Augen ist vielleicht der Mund das Wichtigste. Er spielt eine her- 
vorragende Rolle in der Erotik, und die Schönheitslehre der Eingeborenen 
weiß einen schönen Mund wohl zu schätzen. Er soll sehr voll und sehr gut ge- 
schnitten sein. Vorspringende Lippen (ka'uvdkfu wadola) gelten für ebenso 
unschön wie eingekniffene oder dünne (kaywoya wadola). Sehr häßlich sei 
eine herabhängende Unterlippe, wurde mir mitgeteilt. Es gibt einen be- 
sonderen Schönheitszauber für den Mund, die Ta/o-Magie. Talo ist die aus 
Betelnuß hergestellte rote Farbe, die zum Röten der Lippen benutzt wird. 

Die Nase soll voll und fleischig sein, doch nicht zu groß. Eine lange, schmale 
und scharfe Nase, kurz eine Adlernase, wird von den Eingeborenen kapatata 
genannt und gilt als häßlich. Eine schöne Nase heißt kabulitoto (aufragende 
Nase), denn eine zu flache Nase ist auch ein ernstlicher Schönheitsfehler, 
und derartig benachteiligte Männer oder Frauen heißen tonapaH oder 
nanapa'i je nach dem Geschlecht. Ein Nasenpflock galt früher aus Schön- 
heitsgründen für unentbehrlich, jetzt aber wird er allmählich unmodern; eine 
besondere Magie für dieses Schmuckstück und das dazu gehörige Riechorgan 
gibt es nicht. 

Die Ohren dürfen weder zu klein noch zu groß sein — eine sichere Regel, 
die alle Körperteile befolgen sollten, auf den Trobriand-Inseln so gut wie 
anderswo auf der Welt. Abstehende Ohren (tiginaya) gelten für ausgesprochen 
häßlich. Beide Ohrläppchen müssen durchlocht und mit Ohrringen ge- 
schmückt sein. Das Loch wird bei kleinen Kindern auf folgende Art erzielt: 
ein aufgeschnittener Schildpattring, dessen beide Enden zugespitzt sind, 
wird so ins Ohr geklemmt, daß die Spitzen sich allmählich durch den Knorpel 
bohren. Das zunächst noch kleine Loch wird dann allmählich ausgeweitet, 
bis eine ziemlich große Öffnung im Ohrläppchen entsteht, in welcher der Ring 
hängt. Dieser Ring wird nun mit Schildpattringen und anderen Schmuck- 
stücken ausgefüllt; besonders behebt sind rote Scheiben aus Spondylus- 
muscheln. Diese Behandlung der Ohren ist ganz unerläßlich, sonst würde es 
von einem Menschen heißen, er habe tegibwalodila (Ohren wie ein Busch- 
Schwein). 

203 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

Die Zähne müssen, um wirklich schön zu sein, geschwärzt werden (kudu- 
bwa'u: wörtlich schwarze Zähne, oder gigiremutu: eine Bezeichnung des Ver- 
fahrens). Dies geschieht, indem ein Stück von einer besonderen Mangrove- 
wurzel über Nacht an die Zähne gelegt wird; das muß lange Zeit fortgesetzt 
werden. Die Mehrzahl der Trobriander schwärzt jedoch ihre Zähne nicht. 

Haar am richtigen Ort gilt als große Schönheit, doch wie wir wissen, darf 
es nirgend anderswo wachsen als auf der Kopfhaut. Die Augenbrauen 
werden abrasiert, der Bart darf nur bei alten Männern stehenbleiben, 
„die mit Frauen nichts mehr zu tun haben mögen". Niemals wird Haar 
ausgezupft, sondern stets rasiert; in den alten Zeiten mit Obsidian, heut- 
zutage mit Flaschenglas. Das Kopfhaar wird besonders bewundert, wenn 
es recht voll ist; dann läßt man es in einem dicken Wuschelkopf wachsen 
und beinah jedes einzelne Haar steht vom Kopfe ab, wie es für Melanesier 
so charakteristisch ist. 

Die Eingeborenen unterscheiden schwarzes, helles und graues Haar {yabwa- 
bwa'u, yadidaydaya und yasoso^u). Der Albino heißt topwaka'u, „Mann mit 
weißem Haar", oder tososo'u, „Mann mit grauem Haar". Weiter wird das 
Haar eingeteilt in schlicht-bis-wellig (yasinareH oder yasisiye^i), kraus 
(yasusaybulu) ; dick und zottig (yamtumwatu); wirr und beinah verfilzt 
(yakulupaki oder yatutuya). Die beiden mittleren Arten gelten für schön, das 
schlicht -bis-wellige und wirre Haar jedoch nicht. Was Schneiden und Frisieren 
angeht, so ist der typische melanesische Wuschelkopf, gugwapo^u, die be- 
vorzugte Haartracht. Wird das Haar seitlich und hinten beschnitten und 
oben lang stehen gelassen, so daß der Kopf eine längere, zylindrische 
Form erhält, so nennt man es bobobu. Legt ein Mann die Trauer ab, so 
läßt er manchmal das Haar in der Mitte des Kopfes wachsen, während es 
am Rande abrasiert wird ; das heißt takwadoya. Haar, das nach der Trauer- 
zeit wächst, wird sayva'u genannt, solange es noch kurz ist. Personen von 
hohem Rang haben das Vorrecht, während der Trauer einen Teil Haare 
am Hinterkopf stehen zu lassen (s. Abb. 25). Es wächst dann zu langen 
Strähnen aus, die manchmal geflochten und dann saysuya (wörtlich „Löck- 
chen") genannt werden. 

Körperhaar (unu'unu — ein Wort, mit dem auch die Auswüchse der Ya m s- 
knollen und die Behaarung auf der Unterseite von Blättern u. a. bezeichnet 
wird) gilt für häßlich und wird abrasiert. Nur in Sagen und Märchen treten 
zuweilen gewisse Leute auf, die mit unu'unu bedeckt sind — in den Augen 
der Eingeborenen eine groteske und gleichzeitig perverse Eigenschaft. 

Das Frisieren ist eine wichtige Toilettenfrage. Gestutzt wird das Haar mit 
einer geschärften Muschelschale (kaniku), und zwar wird es in Büscheln gegen 

204 



Schönheit des menschlichen Gesichts und Körpers 

ein Stück Holz gehalten und abgeschnitten. Gekämmt wird es mit einem 
langgezähnten hölzernen Kamm (sinata); eine der wichtigsten Arten von 
Schönheitsmagie wird über dem Kamm ausgeführt. Wir haben bereits gehört, 
daß das Strählen des Haares (pulupulu, waypulu oder waynoku) im Mittel- 
punkt gewisser Feste (kayasa) steht, die tatsächlich den einzigen Zweck haben, 
diese körperliche Schönheit zur Schau zu stellen. Die Nägel werden mit ge- 
schärften Muschelschalen geschnitten und kurz gehalten. 

Ein schlanker, gerader, hochgewachsener Körper wird beim Manne sehr 
bewundert. Kaysaki, wie ein „schnelles, langes Kanu", kuytubo, wie ein „ge- 
rundeter Baum", sind Ausdrücke des Lobes; der letztere zeigt, daß über- 
mäßige Magerkeit nicht als Vorzug gewertet wird. Kaylobu — wohlgeschmückt, 
wohlgeputzt — drückt dasselbe aus. Alle drei Worte finden sich in der Klage 
einer Witwe um ihren jungen Gatten. 

Auch bei Frauen gilt ein schlanker Körper ohne übermäßige Entwicklung 
des Bauches für erwünscht. Kaygumita (schlank), nasasaka (kleinbäuchig) 
sind lobende Worte. Napopoma (topfbauchig) und nasoka (mit einem Körper 
wie ein Kugelfisch) drücken hingegen Mißfallen aus. 

Bei der Frau sind die Brüste besonders wichtig. Dasselbe Wort nunu wird 
gleichzeitig für die weibliche Brust, für die Brustwarze bei Mann und Frau, 
für den Mittelteil der männlichen Brust und für Milch gebraucht. Es gibt eine 
ganze Anzahl teils bildlicher, teils spezifischer Ausdrücke, um Form und Aus- 
sehen der weibheben Brüste zu beschreiben. Nutaviya (wie das taviya, eine 
kleine runde Frucht) bezeichnet eine volle, runde, feste Bildung; nupiyakwa, 
ein Wort, dessen Etymologie ich nicht feststellen konnte, hat dieselbe Be- 
deutung. Nupipisiga oder nupisiga wird von kleinen, unentwickelten, mädchen- 
haften Brüsten gebraucht, die für weniger anziehend als die erstgenannten 
gelten. Schlaffe Brüste werden als nusawewo bezeichnet, zusammengesetzt 
aus der Vorsilbe nu und dem Wort sawewo, schlaff herunterhängen, wie etwa 
eine reife Frucht hängt. Ein anderes treffendes Gleichnis ist in dem Wort 
nukaybwibwi enthalten — hier werden lange, dünne Hängebrüste mit den 
Luftwurzeln des Pandanus-Baumes verglichen; verrunzelte, alterswelke 
Brüste werden pwanunu genannt; die Vorsilbe pwa drückt ein Schlechter- 
werden, Herunterkommen aus, und nunu ist das spezifische Hauptwort. Die 
Bedeutung dieses Wortes hat sich allmählich auf verrunzelte Haut im all- 
gemeinen erstreckt. 

Feste, gut entwickelte Brüste gelten als Schönheit der Frau. Heran- 
wachsende Mädchen massieren sich (Vuwoli) die Brüste, die dann auch nu'ula- 
wolu (wörtlich „massierte Brüste") genannt werden. Wenn ein Bursche sein 
Mädchen lieber mit kleinen Brüsten sieht, so sagt er wohl: yoku tage kuwoli 

205 






Das Licbesleben und die Psychologie der Erotik 

nunum; kwunupisiga („Massiere du nicht deine Brüste, bleibe mit mädchen- 
haften Brüsten"). 

Wenden wir uns nun wieder der allgemeinen Körperschönheit zu; es ist 
schon gesagt worden, daß glatte Haut und eine satte braune Farbe sehr be- 
gehrt sind. In den Zauberformeln werden in diesem Zusammenhang häufig 
Gegenstände mit angenehm sich anfühlender Oberfläche erwähnt, Fische 
ohne Schuppen, Bäume mit glatter Rinde, glatte, gerundete Muscheln. Was 
die Farbe anlangt, so ist dunkles Braun entschieden unbeliebt. In den Zauber- 
formeln für Waschung und in anderen Schönheitssprüchen wird eine begehrens- 
werte Haut mit weißen Blumen, Mondenlicht und dem Morgenstern ver- 
glichen. Die Schwangerschaftsmagie hat uns schon ein Beispiel für dieses 
Ideal körperlicher Schönheit geliefert. Doch unzulängliche Pigmentation wird 
auch wieder nicht geschätzt; das fade, blasse Gelbbraun, wie es zuweilen vor- 
kommt, ist dem Trobriander ebenso unerfreulich wie dem Europäer. Albinos 
mit ihrem weißblonden Haar und langem, goldenem Körperflaum, mit ihren 
riesigen Sommersprossen, die aussehen, als wäre etwas Schmutziggelbes über 
sie ausgegossen, machen auf Europäer und Eingeborene den gleichen un- 
angenehmen Eindruck (s. Abb. 37). 

4. Körperpflege 

Die hauptsächlichste Körperpflege zielt auf Reinlichkeit ab. Äußerst emp- 
findlich sind die Eingeborenen gegen Geruch und Körperschmutz. Kakaya 
(baden oder den ganzen Körper mit viel Wasser waschen) ist die erste Pfbcht 
bei jeder zeremoniellen Schmückung und zu anderen Zeiten etwas sehr 
Häufiges. Oft spülen sich die Eingeborenen die Hände und waschen sich das 
Gesicht. Solche kleinere Waschungen heißen wini. Auf das Waschen vorm 
großen Toilettemachen folgt stets das Einsalben (putuma) mit Kokosnußöl, 
das der Haut einen schönen Glanz verleiht und auch üble Gerüche gründlich 
entfernt; wenn möglich, wird dem öl irgendein Duftstoff zugesetzt: Pandanus- 
Blüte, gayewo, die wohlriechende Butia-Blilte oder andere duftende Blumen 
und Kräuter, je nach der Jahreszeit; auch die bereits erwähnte wohlriechende 
Farbe sayaku wird zu diesem Zweck verwendet. 

Getrocknete und gebleichte Blätter bilden das Material für die Kleidung 
der Eingeborenen; die Männer verwenden Pandanus oder — für ein Klei- 
dungsstück von besonders feiner Qualität — Areca-Palme, und die Frauen 
Bananenblätter (s. Abb. 69). Die Bekleidung ist äußerst dürftig, besonders 
bei den Männern, die nur ein Schamblatt tragen. Dieses besteht aus einem 
schmalen Streifen, der die Schamgegend, den unteren Teil des Leibes und 
den Rücken bis zu den ersten Lendenwirbeln bedeckt. Der Streifen ist vorne 

206 



Körperpflege 

und hinten an einem Gürtel befestigt. Gewöhnlich wird darüber noch ein 
besonderer Schmuckgürtel getragen, der zuweilen aus kostbarem Material be- 
steht. Das Schamblatt wird mit großer Sorgfalt angelegt und befestigt, so daß 
der engumgrenzte Körperbezirk, der aus Schamgefühl verborgen bleiben muß, 
stets peinlich genau bedeckt ist. Selten legen die Männer ihr Schamblatt ab, 
außer in der Vertraulichkeit des Schlafraumes; nur beim Fischen und Baden 
mit anderen Männern wird es entfernt. Das Wort yavi (Schamblatt) wird mit 
denselben besitzanzeigenden Pronominal- Suffixen verbunden, die sonst nur 
für Teile des eigenen Körpers verwendet werden (yavigu, mein Blatt ; yavim, 
dein Blatt; yavila, sein Blatt; und 60 weiter). Die enge Verbindung zwischen 
diesem Kleidungsstück und dem männlichen Körper findet also auch in der 
Grammatik ihren Ausdruck. 

Die Frauen tragen Röcke aus verschiedenartig behandelten und gefärbten 
schmalen Streifen aus Pflanzenfasergeweben. Wollte ich die Herstellungs- 
weise trobriandischer „Modellkleider" und die weibliche Einstellung zur hoch- 
wichtigen Kleiderfrage eingehend schildern, so würde eine umfangreiche Ab- 
handlung zustande kommen. Um die Sache kurz zu machen : die Frauen tragen 
einen Unterrock und darüber einen zweiten Rock. Zu Hause, im engen 
Freundeskreis und bei der Arbeit wird der obere Rock abgelegt und nur der 
Unterrock getragen (s. Abb. 9, 18, 21). Trotz seiner Schäbigkeit und Dürftig- 
keit erfüllt er alle Anforderungen des Schamgefühls. Die Oberröcke sind reich- 
lich und manchmal sehr dick. Zu gewöhnlichen Zeiten und Zwecken sind sie 
nicht künstlich gefärbt, sondern zeigen nur die natürlichen satten Gold- und 
Silbertöne getrockneter Kokos- oder Bananenblätter. In Trauerzeiten und 
während der Menstruation werden die Röcke um eine Kleinigkeit länger ge- 
tragen. Zum Baden oder bei Regenwetter wird Kokosfaser vor anderem 
Material bevorzugt. Die größte Mannigfaltigkeit in Farbe und Form 
findet sich in den Galaröcken, die während der Ernte und bei Festlich- 
keiten getragen werden (s. Abb. 13, 62, 69) ; da entfalten sich leuchtende 
Farbenkombinationen, die ganze Materialfülle und große Findigkeit im 
„Schnitt". Die Bezeichnung doba für das weibliche Gewand wird ebenfalls 
mit den Suffixen des engsten Besitzes verbunden. In den zusammen- 
gesetzten Formen verändern sich die Vokale, zum Beispiel dabegu, mein 
Rock, dabem, dabela, und so weiter. 

Die wichtigsten Schmuckgegenstände sind bei Gelegenheit schon genannt 
worden. Die Eingeborenen schmücken sich mit Kränzen aus wohlriechenden 
Blüten, stecken sich Blumen ins Haar, vor allem den roten Hibiscus und 
duftende Kräuter oder lange Blätter und wimpelähnliche Streifen ins Arm- 
band. Armbänder am Oberarm und Halsketten aus Muscheln und den Samen 

207 






Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

wilder Bananen werden viel getragen. Alle Männer und Frauen tragen Ohr- 
ringe und Gürtel. 

Im Gegensatz zum Gesicht wird der Körper nur sehr selten bemalt, und 
Tätowierungen sind niemals sichtbar. Es wurde mir berichtet, daß Mädchen 
zur Zeit der ersten Menstruation um die Vagina tätowiert werden. Diese 
Tätowierung heißt kVukVu und wird nach den Aussagen meiner Gewährsleute 
aus ästhetischen Gründen vorgenommen. Auch brennen sich Männer und 
Frauen Brandmale als Schmuck auf den Vorderarm. 

Ein weiterer persönlicher Reiz darf nicht vergessen werden — die Stimme. 
Der gute Sänger 6teht an Ruhm nur dem guten Tänzer nach. Die Macht einer 
schönen Stimme ist wohlbekannt und wird nah und fern gepriesen ; und es gibt 
viele Beispiele der Verführung durch Gesang. Am bekanntesten ist vielleicht 
die Geschichte von Mokadayu, dessen Erfolg beim schönen Geschlecht in 
einer blutschänderischen Beziehung zur eigenen Schwester gipfelte, einem der 
schönsten Mädchen des Dorfes 1 . 

Als eine Art Hintergrund für die trobriandischen Schönheitsbegriffe sind 
vielleicht die Ansichten der Eingeborenen über andere Rassehtypen ganz 
interessant. Im allgemeinen gelten andere Eingeborene meistens für weniger 
anziehend als der eigene Stamm, doch werden Unterschiede gemacht und 
Grade der Häßlichkeit festgestellt. Am unbeliebtesten ist entschieden der reine 
Papua-Typus vom Papua-Golf und von der Nordküste, den man jetzt mit dem. 
weißen Mann häufig auf den Trobriand-Inseln zu sehen bekommt. Seine Häß- 
lichkeit wird meistens mit der dunklen Hautfarbe begründet, die tatsächlich 
viel dunkler als bei den Trobriandern ist und eine eigentümliche Schokoladen- 
tönune aufweist. Das ausgesprochen krause Haar und die sonderbare Art, 
es in Zöpfen und Fransen zu tragen, gilt ebenfalls als sehr wenig vorteilhaft. 
Wenig anziehend sind auch die vorstehenden dünnen Lippen und die großen, 
beinah jüdisch anmutenden Adlernasen im langen, schmalen Gesicht. Diese 
kritischen Bemerkungen bekam ich zu hören, als Eingeborene vom Papua- 
Golf die auf einer der Plantagen beschäftigt waren, eine Reihe von Tänzen 
vorführten. Bare Tanzkunst fand ehrliche Bewunderung, ihre äußere Er- 
scheinung hingegen nicht. Über die Dobuaner mit ihrer dunklen Haut, dem 
untersetzten Körperbau und den kurzen Hälsen machen sich die Trobriander 
oft lustig. Entfernter wohnende Eingeborene von den östlichen Inselgruppen, 
wie die südlichen Massim, schneiden bei der Bewertung von Schönheit viel 
besser ab. Trotzdem sie viel entfernter von den Trobriandern wohnen als die 



i Vgl. „Sex and Repression", 1927, Teil II, Kap. IV, und Kap. XIV, 3 des vorliegenden 
Werkes, wo die Geschichte Mokadayus erzählt wird. 

208 



' ' 




64. BAGIDO'U 

Der Erbe der Häuptlingswürde steht an der Tür seines Hauses; vor ihm kauern wohlbekannte 

Gestalten: Orato'u. der „Hofnarr", ferner 11 lo Kadala und Tokulubakiki (mit Kind). Im 

Hintergrund das Zell des Ethnologen. (KAP. X, EM., und KAP. VI, l) 




65. KAYDEBU-TANZ 

Bundtanz mit geschnitzten Schilden auf dem baku von Omarakana. Man beachte den ein. 

fachen, aber malerischen Kopfputz aus Kakadufedern. (KAP. X. 1; KAP. II, 2) 




66. DIESER TYPUS GILT BEI DEN EINGEBORENEN 
NICHT FÜR SCHÖN (KAP. X, l) 




* 'v *''..•■ 



7 1 







67. EINE MELANESISCHE SCHÖNHEIT (KAP. X, l) 



Mi 



Körperpflege 

Dobuaner, erkennen die Eingeborenen doch die Rassenverwandtschaft und 
sagen: „Sie sind wie wir, sie sind schön." 

Europäer sind nach dem offenen Geständnis der Eingeborenen nicht schön. 
Das schlichte Haar, „das den Frauen am Kopf klebt wie Fäden von im" 
(grobe Pandanusfasern, die zur Herstellung von Bindfaden verwendet werden) ; 
die Nase, „scharf wie eine Axtklinge"; die dünnen Lippen; die großen Augen 
„wie Wasserpfützen"; die weiße Haut mit Flecken darauf wie bei einem 
Albino — all das ist nach Aussage (und gewiß auch nach dem Gefühl) der Ein- 
geborenen häßlich. Ich will jedoch ihren guten Manieren und ihrer persön- 
lichen Höflichkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen und nicht verschweigen, 
daß sie stets eifrig behaupteten, ich bilde eine verdienstvolle Ausnahme von 
der Regel. Sie versicherten mir im m er wieder, ich sähe viel mehr wie ein 
Melanesier als wie ein gewöhnlicher Weißer aus. Dieses Kompliment wurde 
sogar noch durch Anführung besonderer Beweise verstärkt; dicke Lippen, 
kleine Augen, das Fehlen einer scharfen Nasenlinie wurden zu meinen Gunsten 
gebucht. Über meine Stirn und mein Haar jedoch mir Komplimente zu sagen, 
verbot ihnen Klugheit und Ehrlichkeit. Ich fürchte freilich, daß die Höflich- 
keit der Trobriander größer ist als ihre Wahrheitsliebe; auch darf man nicht 
vergessen, daß persönliche Lobeserhebungen nach Brauch und Sitte mit einem 
passenden Geschenk an Tabak oder Betelnuß vergolten werden; vieUeicht 
wäre hierin mehr als in ästhetischer Überzeugung die Ursache für ihre Kompli- 
mente zu suchen (man vergleiche jedoch Abb. 68). 

Es ist also klar, daß die Trobriander ihrem eigenen Rassentypus den Vor- 
zug geben, und zwar nicht nur aus engherziger Selbstgefälligkeit — stellen sie 
doch wohlbedachte Unterscheidungen an und spenden Lob, wo es am Platze 
ist. Die südlichen Massim gelten ihnen als ebenso schön wie sie selbst, ja sie 
geben sogar bereitwillig zu, daß der östliche Ted der nördlichen Massim, die 
Eingeborenen der Woodlark-Insel und der Marshall-Bennet- Gruppe, ihnen 
in bezug auf die äußere Erscheinung überlegen seien. Mir ist es übrigens wie 
allen Fremden ergangen: zuerst war ich für persönliche Unterschiede weniger 
empfänglich und hatte mehr einen Eindruck vom allgemeinen Typus. Doch je 
vertrauter mir Land und Leute wurden, um so mehr empfand auch ich, daß 
zu dunkle oder zu gelbe Haut, zu schlichtes oder zu krauses Haar, ein dünn- 
lippiger, europäer-ähnlicher Mund oder eine Adlernase bei einem Melanesier 
unschön wirkten. Gleichzeitig lernte ich Schönheit innerhalb des Rassentypus 
erkennen und de facto wußte ich immer mehr oder weniger genau, wer einem 
Eingeborenen gefallen würde und wer nicht. Selbst die künstlichen Ver- 
änderungen — glänzende schwarze Zähne zwischen dicken, hochroten Lippen, 
anmutige Schnörkel, in drei Farben dem Gesicht aufgemalt, flammende 

209 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

Hibiscusblüten im dichten schwarzen Haarschopf, goldbraune Haut, glänzend 
von Kokosnußöl — erschienen mir nicht länger als groteske Maskerade, sondern 
ich sah darin passende Hilfsmittel zur Erhöhung persönlicher Reize. Schließ- 
lich bedarf es auch 6tets einiger Zeit, bis wir uns an die wechselnden Moden 
unserer eigenen Rasse gewöhnen, bis wir Schönheit entdecken, wo wir zu- 
nächst nur ein Zerrbild sehen konnten. 

Ich erinnere mich noch des Gefühls leiser Überraschung, als mir der alte 
Häuptling To'uluwa zu Beginn unserer ersten Unterhaltung über diesen 
Gegenstand folgende Schönheitsformel aufsagte: 

„Migila bubowatu; matala 

„Gesicht seines (ihres) gerundet; Augen seine (ihre) 
kuvikekita; kabulula kaykekita; kudula sene 

klein; Nase seine (ihre) klein; Zähne seine (ihre) sehr 

kobwabivd'u; kulula sene kobubowatu." 

geschwärzt; Haar seines (ihres) sehr abgerundet." 

Dieser knappe Satz faßt die Ergebnisse unserer Untersuchung zusammen 
und liefert einen ungefähren Maßstab für die Schönheit des Menschenkörpers ; 
er vereinigt kultürliche Werte, biologische Merkmale und rassenmäßige Eigen- 
tümlichkeiten. Der eingenommene Standpunkt ist für den Europäer verständ- 
lich, sofern er über Rassen- und Kulturunterschiede hinweg das Gefühl mensch- 
licher oder biologischer Solidarität sich bewahrt und über genügend geistige 
Elastizität verfügt, um mit den kultürlichen und ästhetischen Anschauungen 
eines anderen Volkes innig vertraut zu werden. 



5. Der Verlauf einer Liebesbeziehung 

Vielleicht bringt es uns dem Verständnis für die Liebeswelt des Eingeborenen 
näher, wenn wir einer typischen trobriandischen Liebesbeziehung die Liebes- 
romantik westlicher Prägung gegenüberstellen. 

Bei ihnen wie bei uns erwächst die Liebe aus jener ersten Erschütterung, 
wie Schönheit und Persönlichkeit sie hervorrufen; aber infolge der weitgehen- 
den Verschiedenheit von Sitte und Kultur unterscheiden sich die Nach- 
wirkungen des Ereignisses dort und hier aufs tiefste voneinander. Kenn- 
zeichnend für alle höheren Kulturen sind die Schranken, welche zunächst 
eine rasche geschlechtliche Vereinigung zweier Liebenden verhindern; infolge- 
dessen wird bei uns der gehebte Gegenstand mit unschätzbaren Tugenden 
ausgestattet und mit einer Atmosphäre heiliger, geheimnisvoller Begehrens- 
würdigkeit umgeben. Bei Männern, deren schöpferische Phantasie stärker 

210 



Der Verlauf einer Liebesbeziehung 

entwickelt ist als der Sinn für die Realitäten des Lebens, führt solche leiden- 
schaftliche Ergebenheit entweder zu Tagträumen und übermäßiger Schüchtern- 
heit in der ganzen romantischen Beziehung, oder aber zu solchen Ergüssen, 
wie sie sich in der Vita Nuova oder Petrarcas Sonetten finden. Diese scheue, 
selbstsüchtige Anbetung, diese übertriebene schöpferische Verhimmelung des 
Ewig -Weiblichen — Beatricens oder Gretchens, die den Mann zu Gott führen — 
ist tatsächlich ein Typus westlicher Romantik, der in einigen der höchsten 
Kunstwerke seinen geprägten Ausdruck gefunden hat, der aber auch bei 
vielen vorkommt, denen die Fähigkeit des Selbstausdrucks versagt ist. Die 
Reaktion gegen diese künstlich genährte Geheimniswelt und die daraus 
folgende Idealisierung der Frau findet sich dann mit gegenteiligem Ergebnis 
in den Schmähungen und Anklagen Schopenhauers und Nietzsches. 

Der Mann auf der Straße, der dieselbe Erschütterung erleidet, schreibt 
keine Sonette, aber nichtsdestoweniger umgibt er den Gegenstand seiner 
ernsten Neigung mit — wenn auch gemäßigterer — Anbetung und Verehrung. 
Gleichzeitig strebt sein Gefühl auch nach praktischem Ausdruck, und er sucht 
jede Gelegenheit zu näherer Bekanntschaft. Wenn gegenseitiges Wohlgefallen 
zur Liebe reift, so wird der übliche Weg eingeschlagen: Werbung, Verlobung, 
Verheiratung. Ein Mann und eine Frau können von ihrer natürlichen Leiden- 
schaft über alle Schranken der Gesellschaft und Moral hinweg zur letzten Er- 
füllung getrieben werden — deshalb bleibt es aber doch wahr, daß wahre 
Liebe Männer und Frauen unserer Kultur nicht zur unmittelbaren Befriedigung 
des Geschlechtstriebes führt, sondern zu einer allmählichen Verschmelzung 
des Sinnlichen mit der allgemein seelischen Neigung. Innige Vertrautheit in 
einem reichen gemeinsamen Leben, sanktioniert vom Gesetz — das ist das 
unmittelbare Ziel unserer romantischen Ideologie; der Rest, einschließlich 
der geschlechtlichen Beziehungen, ergibt sich als stillschweigende Folge. 

Wie ergeht es nun einem durchschnittlichen melanesischen Jüngling, wenn 
er sich in ein Mädchen verhebt, die ihm weder durch ein Verwandtschafts- 
tabu noch durch ihre soziale Stellung verboten ist und die sich auch nicht 
durch Vorzüge der Persönlichkeit allzusehr von ihm unterscheidet ? Auch er 
antwortet auf den ersten Eindruck mit ästhetischer und sinnlicher Erregung; 
er sieht das Mädchen mit neuen Augen; sie erscheint ihm begehrenswert und 
heftiger Anstrengung würdig. Doch das Gefühl des Geheimnisvollen, der 
Wunsch, aus der Ferne verehren oder nur in ihrer Nähe sein zu dürfen, ist 
i hm fremd. Der trobriandische Jüngling hat viel geschlechtliche Erlebnisse 
gehabt mit Mädchen vom selben Typus wie sein neues Ideal. Seit den Er- 
fahrungen seiner Kinderzeit ist für ihn Wohlgefallen an Schönheit eng ver- 
knüpft mit unmittelbarer erotischer Annäherung. Die endgültige Erfüllung 

211 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

seiner erotischen Wünsche ist nicht vom Zufall abhängig, sondern er nimmt 
sie einfach vorweg. Alle Sitten, Bräuche und Einrichtungen verlangen ein- 
faches, unmittelbares Drauflosgehen, -wie aus der folgenden Schilderung er- 
sichtlich ist. 

Ein interessantes Streiflicht auf das Liehesieben der Trobriander werfen 
die Liebessitten in anderen melanesischen Dorfgemeinschaften, wo geschlecht- 
liche Freiheit viel beschränkter ist; dort findet eine allmähliche Annäherung 
statt, ja es gibt sogar eine Art romantischer Liebe. In dem nach Süden zu- 
nächst gelegenen ethnographischen Bezirk, auf den Amphlett-Inseln und den 
anschüeßenden, von Dobuanern bewohnten Inseln gilt vorehelicher Verkehr 
als ungehörig; das Durcheinander der Kinder bei erotischen Spielen, der un- 
gezügelte Verkehr zwischen Burschen und Mädchen oder Einrichtungen wie 
das bukumatula (Ledigenhaus) werden von der dortigen Sitte nicht begünstigt. 
Aus meiner beschränkten Erfahrung auf den Amphlett-Inseln habe ich den 
Eindruck, daß vorehelicher Verkehr kaum vorkommt; auf jeden Fall ist er in 
Dobu viel weniger häufig als auf den Trobriand- Inseln. In Verbindung damit 
steht eine Anzahl von Bräuchen, die eine ausgedehnte Werbungszeit gestatten 
und auf eine Liebe schließen lassen, welche nicht in erster Linie auf Ge- 
schlechtsverkehr abzielt. Es wurde mir berichtet, daß beide Gegenden Liebes- 
lieder haben und daß die Burschen mit Hirtenflöte und Maultrommel um die 
Gunst der Mädchen werben; Burschen und Mädchen kommen bei Spiel und 
Zeitvertreib zusammen, doch nur um des Kennenlernens und der Geselligkeit 
willen. In den späteren Stadien der Werbung und vor der Eheschließung darf 
der Bursche seine Verlobte im Hause ihrer Eltern besuchen; es findet aber kein 
Geschlechtsverkehr statt, sondern die Liebenden unterhalten sich nur und 
tauschen Zärtlichkeiten aus. Ähnlich steht es bei den westlichen papua- 
melanesischen Stämmen, unter denen ich mehr oder weniger ausgedehnte 
Forschungen angestellt habe. Diese Angaben möchte ich jedoch unter Vor- 
behalt machen; sie sind in keiner Weise zu vergleichen mit meinen Beobach- 
tungen unter den Trobriandern, denn sie beruhen ausnahmslos auf Auskünften 
von direkt befragten Gewährsleuten und nicht auf der spontanen Material- 
fülle, die einem bei langem Aufenthalt im Lande zufließt 1 . 

Der Hebeskranke Trobriander, von der Sitte gelehrt, geradenwegs aufs Ziel 
loszugehen, bedient sich sogleich der bewährten Annäherungsmittel. 

Das einfachste ist die unmittelbare persönliche Werbung. Aus den vorher- 
gehenden Schilderungen freier Liebesverbindungen wi ssen wir, daß es für 

1 Über die westlichen Papua-Melanesier vgl. meine Monographie „The Natives of Mailu" 
in „TransactionB of the Royal Society of South Australia", 1915, S. 559—564, und die dort 
gegebenen Hinweise auf C. G. Seligman, op. cit. 

212 



Persönliche Zuneigung 

einen Burschen zahlreiche Gelegenheiten gibt, seinem Begehren Ausdruck 
zu verleihen; ebenso hat das Mädchen Gelegenheit, ihn dazu anzuspornen 
(s. Kap. IX). Innerhalb derselben Dorfgenieinschaft bietet das nicht die ge- 
ringsten Schwierigkeiten. Sind die beiden aus verschiedenen Dörfern, so 
treffen sie sich bei bestimmten Festen; sie können miteinander reden und bei 
Spiel Tanz und Gedränge das einleitende Liebesspiel auskosten; auch können 
sie ein künftiges Zusammentreffen verabreden. Später lassen sich solche Zu- 
sammenkünfte mit Hilfe des ulatile und katuyausi wiederholen, oder es zieht 
einer der Liebenden ins Dorf des anderen. 

Eine andere Art Werbung ist die durch eine Zwischenperson (kaykivi). Sie 
findet statt, wenn die beiden Dörfer weit voneinander entfernt liegen und 
wenn infolge der Jahreszeit persönliche Annäherung unmöglich ist. Ein ge- 
meinsamer Freund oder eine gemeinsame Freundin wird gebeten, dem Mädchen 
die Bewunderung des Burschen zu übermitteln und ein Stelldichein zu ver- 
abreden. Man entschließt sich nicht so leicht, einen kaykivi zu benutzen, denn 
mißlingt sein Auftrag und wird dies bekannt, so hat sich der Werbende un- 
sterblich blamiert. Ist jedoch die direkte Annäherung und auch der kaykivi 
aus irgendeinem Grunde nicht anwendbar, so bedient sich der Liebende bei 
seinem Angriff des mächtigsten Werbemittels, der Magie. Hier soll nur ge- 
sagt werden, daß fast jeder Erfolg in Liebesdingen der Magie zugeschrieben 
wird, daß Männer und Frauen fest und blindlings daran glauben und daß 
Magie infolge dieser psychologischen Einstellung sehr wirksam ist; eine aus- 
führliche Behandlung der Liebesmagie soll jedoch erst im nächsten Kapitel 

erfolgen. 

Die Werbung des Trobrianders kennt also keine Umwege; er erstrebt auch 
nicht reiche persönliche Beziehungen, wobei geschlechtlicher Besitz nur eine 
Folgeerscheinung bedeuten würde. Ganz einfach und unverblümt erbittet er 
eine Zusammenkunft mit der offen bekannten Absicht geschlechtlicher Be- 
friedigung. Wird die Bitte erfüllt, so ist damit jede romantische Einstellung, 
jede Sehnsucht nach dem Unerreichbaren und Geheimnisvollen hinfällig. 
Wird der Freier abgewiesen, so bleibt nicht viel Raum für eine Tragödie, denn 
seit seiner Kindheit ist er gewohnt, seine sexuellen Wünsche von irgendeinem 
Mädchen durchkreuzt zu sehen, und er weiß bereits : das sicherste und schnellste 
Mittel gegen diese Art Mißgeschick ist eine neue Liebesgeschichte. 

6. Persönliche Zuneigung 
Obwohl die Romantik von der sozialen Ordnung nicht begünstigt wird, 
fehlt es doch im trobriandischen Liebes- und Eheleben nicht ganz an roman- 
tischen Zügen und phantasiebeschwingter, persönlicher Zuneigung. Das wird 

213 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

uns klarer werden, wenn wir die im, III. Kapitel erörterten drei verschiedenen 
Phasen im Liebesleben des Einzelnen etwas näher betrachten. Beim leichten 
erotischen Spiel der Kinder stellen sich Sympathien und Antipathien heraus, 
es bildet sich persönliche Vorliebe. Solche frühzeitige Neigungen gehen manch- 
mal sehr tief. Ich weiß von mehreren meiner Freunde, daß ihre Ehe in einer 
kindlichen Neigung wurzelt. Tokulubakiki und seine Frau hatten einander 
schon als Kinder gern. Toyodala, dessen Verzweiflung beim Tode seiner Frau 
ich miterlebt habe, war seit seiner Kinderzeit mit ihr befreundet gewesen 
(8. Kap. VI, 4). Ähnliches läßt sich voraussehen, wenn man die Kinder be- 
obachtet und von ihrem Verhalten hört. Im kleinen versuchen sie, die Phantasie 
ihrer Spielgefährten zu fesseln und zu beeindrucken. So mischen sich schon 
auf diesem Stadium einige romantische Züge in die unverhüllte Geschlechtlich- 
keit ihres Spiels. 

Im zweiten Stadium, wenn Jungens und Mädels ein unbekümmertes Liebes- 
spiel treiben, sind persönliche Neigungen weit ausgeprägter. Sie wechseln 
häufig den Gegenstand, doch Phantasie und Gefühl sind fraglos eine Zeitlang 
gebunden. Oft kann man hören, wie die Jungen miteinander von den schönen 
Mädchen reden, an denen sie Gefallen finden. Der eine preist seine als die 
Schönste, ein anderer bestreitet das; in solchem Hin und Her finden die ero- 
tischen Sehnsüchte jedes Einzelnen ihren Ausdruck. 

Was nun konkrete Beispiele betrifft, so war es ziemlich schwierig, ausführ- 
liches Material über Kinder oder heranwachsende Jungen oder Mädchen zu 
erlangen. Doch in einem späteren Stadium, wenn bloßes Wohlgefallen in den 
Wunsch nach Heirat übergeht und alles viel ernster genommen wird, bot sich 
mir mancherlei Gelegenheit zur Beobachtung. Von Mekala'i, der vorübergehend 
bei mir bedienstet war, habe ich schon erzählt (s. Kap. IV, 2) : er war ernstlich 
verhebt in Bodulela, von der jedermann wußte, daß sie mit ihrem Stiefvater 
schlief. Der junge Mensch hatte sie sehr lieb; obwohl keinerlei Aussicht be- 
stand, sie in nächster Zukunft zu besitzen, ja, obwohl er sie nicht einmal be- 
suchen durfte, gab er sich monatelangen Hoffnungen und Plänen hin, sie doch 
endlich zu gewinnen. Es lag ihm auch sehr daran, in ihren Augen als ein Mann 
von Ansehen und Einfluß dazustehen. Ein anderer junger Mann, Monakewo, 
hatte ein Verhältnis mit Dabugera, die der allervornehmsten Gesellschaft an- 
gehörte. Oft beklagte er seinen niederen Rang, der ihm, wie er wohl wußte, 
die Heirat mit ihr unmöglich machte (s. Kap. IV, 1). Diese Unzulänglichkeit 
suchte er durch persönliche Leistung auszugleichen. Er rühmte sich seiner 
schönen Stimme, seiner Geschicklichkeit beim Tanz, seiner vielen Fähigkeiten, 
die er zum Teil wirklich besaß; und er berichtete, wie sehr Dabugera dies alles 
zu schätzen wisse. Als sie ihm ein paarmal untreu war, fühlte er sich offen- 

214 



Persönliche Zuneigung 

sichtlich gedemütigt; hei jeder solchen Gelegenheit suchte er mich zu über- 
reden, die Insel zu verlassen und ihn mitzunehmen; eindringlich malte er sich 
aus, wie tief solch ein entscheidender Schritt auf sie wirken und welch schöne 
Geschenke er ihr später mitbringen würde. 

Es sind auch Fälle bekannt, daß ein Mann ein Mädchen heiraten möchte, 
daß es ihm zunächst mißlingt, daß er aber nach längerer Zeit des Wartens und 
der Sehnsucht schließlich doch seine erste Liebe erringt. Sayabiya, ein recht 
schönes Mädchen, hatte einen Liebsten aus ihrem Heimatdorf, den sie auch 
zu heiraten gedachte; Yalaka hieß er. Da aber kam Tomeda, ein schöner Mensch 
aus Kasana'i, berühmt wegen seiner Stärke, seiner Tüchtigkeit im Gartenbau 
und seiner Geschicklichkeit als Tänzer; er machte tiefen Eindruck auf sie und 
überredete sie schließlich, ihn zu heiraten. Bei meinem ersten Aufenthalt axif 
den Trobriand- Inseln war ich viel mit den beiden zusammen, denn sie war eine 
der wirklich anziehenden Frauen und er ein ausgezeichneter Gewährsmann. 
Als ich zwei Jahre später wiederkam, lebte er für sich allein, denn sie war zu 
ihrem ersten Liebhaber zurückgekehrt und hatte ihn geheiratet (s. Kap. V, 1). 
Natürlich hieß es, daß Magie dahinterstecke, aber zweifellos war es eine Rück- 
kehr zur ersten Liebe. Mein Freund Tomeda war lange Zeit äußerst bedrückt 
und erzählte mir oft mit unverkennbarer Sehnsucht von seiner entschwundenen 
Liebsten. Ich ging dann in eine andere Gegend und habe ihn ein halbes Jahr 
lang nicht mehr gesehen; doch ein paar Tage vor meiner Abfahrt von den 
Trobriand-Inseln begegnete er mir, schön bemalt und geschmückt, unterwegs 
nach einem anderen Dorf — offenbar in der Rolle eines hoffnungsvollen 
Freiers, eines to'ulatih. Auf meine Neckereien hin gab er lächelnd zu, daß er 
wieder ein Mädchen habe und sie bald zu heiraten hoffe. 

Recht verwickelt war auch die Liebesgeschichte von Yobukwa'u, einem 
Sohne To'uluwas (s. Kap. P7, 1 und Kap. V, 5). Seine Liebste, Ilaka'ise, 
wurde aus Gründen der Staatsräson mit seinem Vater verheiratet als die 
jüngste von etwa vierundzwanzig Frauen. Darauf nahm er sich eine andere, 
Isepuna, die er auch zu heiraten gedachte. Doch er vermochte der verführeri- 
schen Nähe der einstigen Geliebten nicht zu widerstehen, und es sprach sich 
herum, daß er regelmäßig bei seines Vaters jüngster Frau schlafe. Dies kränkte 
seine Verlobte tief. Um diese Zeit kehrte Yobukwa'us jüngerer Bruder Kalo- 
gusa vom einjährigen Dienst auf einer überseeischen Plantage zurück. Die 
Verlobte seines Bruders, Isepuna, machte tiefen Eindruck auf ihn und es 
entspann sich eine Neigung zwischen den beiden. Die Lage war nun sehr 
schwierig, denn es gilt als sehr verwerflich, seinem Bruder die Braut weg- 
zunehmen. Doch die Liebe war stärker als moralische Bedenken. Isepuna 
brach mit Yobukwa'u und verlobte sich mit Kalogusa. Ein paar Monate nach 

215 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

meiner Ankunft in Omarakana heirateten sie. Ich will noch berichten, daß 
Yobukwa'u inzwischen ein sehr wenig anziehendes Mädchen namens Losa ge- 
heiratet hat; doch böse Zungen behaupten, sein Verhältnis mit Ilaka'ise habe 
er deswegen nicht abgebrochen. 

Fast genau so verlief die Sache mit Gilayviyaka, einem älteren Bruder 
Yobukwa'us (s. Kap. V, 5). Er hatte ebenfalls mit Nabwoyuma geschlafen, 
ehe sie seines Vaters Frau wurde. Er heiratete dann Bulubwaloga, eine wirk- 
lich reizende, hellhäutige, braunhaarige Frau aus Yalumugwa, der er von 
Herzen zugetan war. Das hinderte jedoch nicht seine nächtlichen Besuche bei 
Nabwoyuma. Dafür hatte seine Frau kein Verständnis, sie spionierte ihm nach, 
und eines Tages wurde er in flagranti erwischt; die Folge war ein großer öffent- 
licher Skandal, der ihn völlig niederschmetterte. Er mußte das Dorf eine Zeit- 
lang verlassen, und seine Frau kehrte in ihre Heimat zurück. Während meines 
Aufenthaltes in Omarakana, ein paar Jahre nach dem Ereignis, machte er 
verschiedene Versuche, seine Frau zurückzugewinnen; offensichtlich litt er 
sehr unter ihrem Verlust. Als ich das letztemal auf den Trobriand-Inseln war, 
hörte ich, daß er Plantagenarbeiter geworden, nach einem Jahr wieder heim- 
gekommen und ein paar Monate vor meiner Ankunft gestorben sei. Von der 
hoffnungslosen Liebe Ulo Kadalas ist schon die Rede gewesen (Kap. IV, 1). 
Wenigstens ein Fall von Selbstmord aus unglücklicher Liebe ist mir von den 
Eingeborenen berichtet worden 1 . 

In diesen Geschichten findet sich vieles von dem, was wir selbst unter Liebe 
verstehen: Einbildungskraft und ein Bestreben, das Herz des anderen mehr 
durch Geistiges und Seelisches zu gewinnen als durch unmittelbaren Appell 
an die Sinne; unwandelbare Neigung und stets erneute Versuche, die Geliebte 
zu erlangen. In vielen Fällen handelt es sich um ausgesprochene Wert- 
schätzung der geliebten Persönlichkeit, die es in der Hand hat, das Leben 
reich oder leer zu machen. Gewiß sind diese Erscheinungen verknüpft mit 
vielem, was uns fremd bleibt; die Einstellung zum Geschlechtlichen ist eine 
andere, und infolgedessen fehlen gewisse, für westliches Empfinden kenn- 
zeichnende Elemente. Ein platonisches Verhältnis wäre unmöglich. Vor allem 
wird die persönliche Initiative bei der Werbung zum größten Teil durch Magie 
ersetzt. Solche Verallgemeinerungen sind nur Annäherungen an die Wirklich- 
keit; doch vermag der aufmerksame Leser mit Hilfe der hier berichteten Tat- 
sachen selbst zu beurteilen, wie weit sich Liebe und Liebesleben auf den 
Trobriand-Inseln von den Gepflogenheiten und Zuständen unseres Kultur- 
kreises unterscheiden. 

1 Vgl. „Crime and Custom", S. 95. 
216 



-" 



Die kommerzielle Seite der Liebe 

7. Die kommerzielle Seite der Liebe 
Das Liebesleben auf den Trobriand-Inseln hat noeb eine interessante Seite, 
die dem oberflächlichen Beobachter leicht entgehen oder zu vielen Miß- 
verständnissen Anlaß geben könnte. Im Verlauf jeder Liebesbeziehung muß 
der Mann fortwährend der Frau kleine Geschenke machen. Den Eingeborenen 
kommt diese einseitige Vergütung ganz selbstverständlich vor. Der Brauch 
beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß Geschlechtsverkehr 
selbst bei gegenseitiger Neigung ein Dienst ist, der dem Mann von der Frau 
geleistet wird. Als solcher muß er bezahlt werden in Übereinstimmung mit 
der Vorschrift über Gegenseitigkeit beim Geben und Nehmen; diese Regem 
beherrschen das ganze Stammesleben: jeder Dienst, jede Gunst muß durch 
etwas Gleichwertiges vergolten werden. Der Lohn für geschlechtliche Gunst 
heißt buwa', das Wort wird mit dem Suffix des engsten Besitzes verbunden 
(brnvagu, buwam, buwala usw.). Es ist dies vielleicht nur ein grammatischer 
Archaismus ; wo nicht, so wird dadurch eine äußerst enge Beziehung zwischen 
Geschenk, Schenker und Beschenktem ausgedrückt; mit anderen Worten: 
das Geschenk ist ein wesentMcher Bestandteil des Vorganges, was durchaus 
den Tatsachen entspricht. 

Diese Vorschrift ist keineswegs folgerichtig oder selbstverständlich. In 
Anbetracht der weitgehenden Freiheit der Frau und ihrer Gleichstellung mit 
dem Manne auf allen Gebieten, besonders aber in Geschlechtsdingen, in An- 
betracht auch der geltenden Anschauung, daß Frauen Geschlechtsverkehr 
ebenso erstreben wie Männer, sollte man erwarten, daß der Geschlechtsverkehr 
als ein an sich schon gegenseitiger Austausch von Diensten gelten würde. 
Doch die Sitte, willkürlich und inkonsequent hier wie anderswo, sieht im 
Geschlechtsverkehr eine Dienstleistung der Frau an den Mann, und der Mann 
hat zu zahlen. 

Größe und Art des Geschenkes richtet sich nach der Art der geschlecht- 
lichen Beziehung. Wie wir gesehen haben, schenken selbst kleine Jungen in 
getreuer Nachahmung der Älteren ihren Liebsten irgendeine Kleinigkeit: 
eine Prise Tabak, eine Muschel oder nur eine Blume. Ältere Jungen müssen 
ein ansehnlicheres Geschenk anbringen: eine halbe Stange Tabak, ein oder 
zwei Betelnüsse, und gelegentlich einen Schildpattring, eine Muschelscheibe 
oder sogar ein Armband. Sonst würde das Mädchen einwenden : Gala buwam, 
apayki, „Du hast mir kein Entgelt zu bieten — ich lehne ab". Seine Knickrig- 
keit würde sich herumsprechen und ihm bei künftigen Eroberungen hindernd 
im Wege stehen. Bei späteren, dauerhafteren Liebeabeziehungen, vor allem 
kurz vor der Heirat, ist es übbch, ab und zu ein ansehnliches Geschenk zu 
machen statt der allmorgendlichen kleinen Gaben. 

217 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

Ist die Ehe geschlossen, so wird das Entgelt für den Geschlechtsverkehr zu 
jener in Kapitel V beschriebenen, komplizierten Familienangelegenheit, an 
der Mann und Frau, ihr Haushalt und die Familie der Frau, Vater und Kinder, 
Kinder und Onkel mütterlicherseits beteiligt sind. Der persönliche Ausgleich 
zwischen Mann und Frau wird darin erblickt, daß sie ihm jederzeit geschlecht- 
liche Befriedigung gewährt, die er ihr vergilt mit allem, was er den Kindern 
an Liehe, Sorgfalt und materiellen Gütern zukommen läßt. Denn wie wir be- 
reits wissen, gehören nach dem Gesetz die Kinder ihr und nicht ihm. Die Sorg- 
falt und Pflege, die er den kleinen Kindern angedeihen läßt, ihre Erziehung, 
ja selbst seine Liebe zu ihnen wird aus dieser Verpflichtung abgeleitet. „Das 
Entgelt dafür, daß er mit der Mutter schläft", „das Entgelt für die geschlecht- 
lichen Dienstleistungen der Mutter" - ähnliche Redewendungen kehren bei 
der Erörterung dieses Themas immer wieder. Es bleibt also auch in der Ehe 
- und zwar sehr deutlich - die kommerzielle Seite der Liebe erhalten *. 

Ich bitte, mich jedoch nicht mißzuverstehen : das Wort „kommerziell" wird 
nur gehraucht, um das Prinzip des Gebens und Nehmens in erotischen Be- 
ziehungen zu kennzeichnen; hier wie in allen anderen Beziehungen ist es nur 
eim und nicht einmal die wichtigste Seite der Sache. Vor allem wäre es gänz- 
lich falsch, irgendeine Parallele mit Formen der Prostitution in höheren Kul- 
turen zu ziehen. Das Wesen der Prostitution besteht darin, daß Bezahlung 
die Frau zur Hingabe veranlaßt. Auf den Trobriand-Inseln ist Liebesgenuß 
von seiten des Mädchens ebenso spontan und freiwillig wie von seiten des 
jungen Mannes. Das Geschenk ist ein Brauch, kein Beweggrund. Die Sitte 
zeigt viel eher Verwandtschaft mit unserem Brauch, der Verlobten oder einer 
angebeteten Frau Geschenke zu machen, als mit jener Institution für käuf- 
lich gewordene sexuelle Dienstleistungen, die das Wesen der Prostitution aus- 
machen. 

8. Eifersucht 

Eine weitere Frage bleibt uns noch zu erörtern, die mit dem Problem der 
persönlichen Anziehung eng verknüpft ist. Liebe strebt nicht nur nach Be- 
sitz, sondern nach ausschließlichem Besitz; dies ist die Quelle der starken 
Gemütsbewegung Eifersucht. Von Stämmen mit großer sexueller Freiheit 
haben Ethnologen verschiedentlich berichtet, daß Eifersucht bei ihnen über- 
haupt nicht vorkomme. Als Beweis wird weiter nichts angeführt als die ein- 
fache Tatsache weitestgehender geschlechtlicher Freiheit. Doch der Zu- 

1 Vgl. „Argonauts", S. 177, 178, wo ich irrtümlicherweise die Geschenke des Vaters an die 
Kinder zu den „freien Geschenken" gerechnet habe. Die Berichtigung dieses Irrtums findet 
sich in „Crime and Custom", S. 40, 41. 

218 



Eifersucht 

sammenhang zwischen geschlechtlicher Freiheit und dem Nichtvorkommen 
von Eifersucht ist keineswegs selbstverständlich. 

Auf den Trobriand-Inseln kommt trotz beträchtlicher Freiheit in ge- 
schlechtlichen Dingen ganz entschieden Eifersucht vor. Begehrt ein Mann 
ein Mädchen, so macht er nicht einfach dem Nebenbuhler Platz — das be- 
weisen die häufigen Streitigkeiten und Prügeleien aus geschlechtlicher Ri- 
valität. Und ein Mann, der gewisse Rechte auf eine Frau erworben hat — sei 
es durch Heirat, Verlöbnis oder auch nur durch ein Verhältnis — , wird keiner- 
lei Beeinträchtigung dieser Rechte dulden. Unter den Trobriandern kommt 
sowohl die Eifersucht der Leidenschaft vor, als auch jene kältere Form, die 
auf Ehrgeiz, Macht und Besitz zurückzuführen ist. Wir wissen bereits, daß 
die Beziehungen im bukumatula (Ledigenhaus) bestimmten Vorschriften unter- 
liegen und daß die Verletzung individueller Rechte als schwer kränkend und 
sträflich empfunden wird. Wir wissen auch, daß Ehebruch ein ernstes Ver- 
gehen ist, worauf sogar der Tod steht. Unter Burschen und Mädchen sind 
verschiedentlich ernste Fehden und Prügeleien entstanden, weil einer dem 
anderen ins Gehege gekommen war, und selbst unter Kindern führt Eifer- 
sucht zu Prügeleien. 

Diese Leidenschaft ist jedoch wie alle anderen sozialem Einfluß zugänglich. 
Verlangt die Sitte, daß ein Mann seine Liebste aufgibt, und kann er es in Ehren 
tun, so fügt er sich. Das kommt vor — wie schon gesagt — , wenn Fremde auf 
2£uZa-Expeditionen zu Besuch kommen, oder wenn anläßlich eines Todesfalles 
fremde Jünglinge die Gäste eines Dorfes sind. Ferner gehören hierher die 
freilich schwerer verzeihlichen Fälle, daß die Mädchen einen Katuyausi- Aus- 
flug machen oder sich heimlich aus dem Dorf stehlen, um mit einer Ulatile- 
Gruppe zusammenzutreffen. 

Ziemlichen Eindruck machte mir eine Art „Kehrseite der Eifersucht". Die 
Art, wie junge Burschen sich bei mir über diese von der Sitte geheiligte Treu- 
losigkeit beklagten, wie sie offensichtlich bekümmert, doch nicht ohne eine 
gewisse krankhafte Neugier die Sache schilderten und beharrlich immer wieder 
darauf zurückkamen, ließ mich vermuten, daß die Situation auch etwas an- 
genehm Prickelndes für sie habe. Schwer zu sagen, ob Eifersucht bei denTro- 
bnandern eine Empfindung mit zwei abwechselnden, fast entgegengesetzten 
Gefühlsbetonungen ist, von denen die eine entschieden unerfreulich, die andere 
eher angenehm und sexuell anregend wirkt! Einige Vorkommnisse aus den 
Beziehungen zwischen eingeborenen Frauen und weißen Männern könnten 
vielleicht etwas mehr Licht in die Sache bringen. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß Sinakadi, ein angesehener, doch an Geld- 
mangel leidender Häuptling in Sinaketa, seine Ehefrauen prostituiert, indem 

219 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

er sie weißen Männern gegen Bezahlung überläßt. Jetzt ist er alt, und es heißt, 
er habe ein junges Mädchen zu diesem besonderen Zweck geheiratet; doch 
nach allgemeiner Aussage hat er es schon lange so gehalten, sogar zu einer Zeit, 
als es noch keine Regierungsstation auf den Trobriand-Inseln gab. Einer seiner 
Söhne, jetzt ein junger Mann, tut dasselbe. Von einem weißen Händler hörte 
ich, daß er einen Eingeborenen kenne, der seine hübsche junge Frau offenbar 
sehr liebe und äußerst eifersüchtig auf sie sei. Dieser Eingeborene pflegte dem 
Händler Mädchen zu verschaffen. Eines Tages, als er keine andere auftreiben 
konnte, brachte er ihm die eigene Frau und wartete auf sie an der Haustür. 
Solche Tatsachen werfen interessante Streiflichter auf die Auswirkung der 
Eifersucht bei den Eingeborenen. 

Die sozialen, kultürlichen und unmittelbar gefühlsmäßigen Gründe der 
Eifersucht lassen sich leichter dartun, wenn man die verschiedenen Arten der 
Eifersucht und die eintretenden Folgen gesondert betrachtet. Da ist zunächst 
jene Eifersucht, welche aus der Verletzung gewisser Rechte erwächst, nicht 
so sehr aus unerfülltem Begehren oder verwundetem Gefühl. Ein Beispiel 
hierfür ist das Tabu auf den Häuptlingsfrauen, das in früheren Zeiten äußerst 
streng war. Selbst wenn es sich um einen sehr alten Mann handelte, der seinen 
jungen Frauen gar nicht zugetan war und nicht einmal mit ihnen lebte, war 
Ehebruch ein Kapitalverbrechen. Die bereits erwähnten Liebesbeziehungen 
der Frauen To'uluwas zu seinen Söhnen und der Ehebruch von M'tabulus 
Frau wären in alten Zeiten nicht ungestraft hingegangen. Doch selbst die Frau 
eines einfachen Mannes, hätte man sie in flagranti ertappt, wäre unter Um- 
ständen samt ihrem Liebhaber getötet worden. Diese Art Eifersucht, die rein 
sozialen Erwägungen entspringt, zeigt sich auch in der strengen Bewachung 
der Witwe durch die Verwandten des toten Mannes. 

In zweiter Linie handelt es sich um den eifersüchtigen Unwillen über Treu- 
losigkeiten in einer dauerhaften Beziehung. Diese gefühlsmäßige Einstellung 
in Verbindung mit der sozialen haben wir in den Beispielen des vorhergehenden 
Abschnittes kennengelernt. 

Schließlich gibt es noch die rein geschlechtliche Eifersucht aus unerfülltem 
Begehren, die manchen jungen oder reifen Mann zu Gewaltsamkeiten und 
Racheakten treibt. 

9. Schönheit, Farbe und Duft im Liebesspiel 

Wir wissen nun, wie junge Leute auf den Trobriand-Inseln sich verheben 
und zueinander finden, wie ihre Liebesbeziehung sich entwickelt und zu 
Trennung oder Heirat führt; doch wir wissen zunächst noch sehr wenig davon, 

220 



Schönheit, Farbe und Duft im Liebesspiel 

wie die Liebenden ihre Zeit miteinander verbringen und ihr Beisammensein 
genießen. 

Hier wie auf anderen Gebieten des melanesischen Lebens werden selbst die 
Einzelheiten des Verhaltens durch Brauch und Sitte vorgeschrieben. Indi- 
viduelle Abweichungen kommen natürlich immer vor, doch innerhalb recht 
enger Grenzen, viel engerer als auf unserem Kulturniveau. Liebende erwarten 
von ihren Partnern keine überschwenglichen Liebesimprovisationen, sondern 
nichts anderes als überheferungstreues Verhalten in gediegener Ausführung. 
Die zum Lieben geeigneten Stellen, das Liebesspiel, ja sogar die Art der Lieb- 
kosungen ist durch Überheferung festgelegt. Verschiedene Gewährsleute haben 
mir ganz unabhängig voneinander dasselbe Verhalten in fast den gleichen 
Worten geschildert. 

Das Wort kwakwadu ist ein technischer Ausdruck, der etwa unserem „ero- 
tischen Beisammensein" oder der amerikanischen „petting party" entspricht. 
Doch hat das kwakwadu eine umfassendere Bedeutung. Man bezeichnet damit 
einen Ausflug in größerer Gesellschaft oder das gemeinsame Liebespicknick 
einer Gruppe von Paaren ; ferner das Beisammensein zweier Verliebter — eine 
Art erotisches Tete-ä-tete; schließlich die Liebkosungen und Annäherungs- 
versuche vor der endgültigen Vereinigung. Als euphemistische Umschreibung 
des Geschlechtsaktes wird das Wort jedoch nie verwendet. Bei einem Picknick 
in größerer Gesellschaft werden zunächst einige Spiele gespielt, wie sie im 
vorhergehenden Kapitel beschrieben worden sind, danach suchen die Lieben- 
den zu zwei und zwei die Einsamkeit. Wir wollen versuchen, uns das Verhalten 
eines Paares zu rekonstruieren, das eine solche Gruppe verlassen hat oder auch 
auf eigene Faust losgezogen ist, um an irgendeiner Lieblingsstelle sich des 
Beisammenseins zu freuen. 

Das die Siedlung umgebende Dickicht, welches in regelmäßigen Zeiträumen 
zur Gewinnung von Gartenland niedergeschlagen wird, hat ein dichtes Unter- 
holz und bietet nicht überall eine einladende Ruhestätte. Hier und da jedoch 
hat man einen hohen Baum, etwa einen butia, wegen seiner wohlriechenden 
Blüten stehen lassen, oder auch eine Gruppe von Pandanusbäumen. Angenehm 
schattige Plätzchen finden sich manchmal unter einem alten Baum im Hain, 
der häufig die Stelle bezeichnet, wo einst ein verlassenes Dorf stand : die Obst- 
bäume, Kokospalmen und großen Bananen bilden eine Oase im verkümmerten 
tropischen Unterholz, das kürzlich noch bebautes Gartenland war. Höhlen 
und Grotten im Korallengestein (raybwag), seltsam oder schön gestaltete 
Felsen, Biesenbäume, Farndickichte, blühender Hibiscus machen das ray- 
bwag zu einem geheimnisvoll lockenden Gebiet. Besonders schön ist der öst- 
liche Teil mit dem Ausblick aufs offene Meer und die Inseln Kitawa, Iwa und 

221 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

Gawa. Donnernde Brandung, blendender Sand, Gischt und blaues Meer — das 
ist dem Eingeborenen der rechte Schauplatz des Liebesgenusses; hierher hat 
die Phantasie der Eingeborenen auch das sagenhafte Drama von blutschän- 
derischer Liebe verlegt (s. Kap. XIV). 

In solcher Umgebung freuen sich die Liebenden an Duft und Farbe der 
Blumen, beobachten Vögel und Insekten und gehen zum Bad an den Strand. 
In der Gluthitze des Tages oder in der heißen Jahreszeit suchen sie sich 
schattige Plätzchen im Korallenfels, Wasserlöcher und Badestellen. Wenn die 
Abendkühle naht, wärmen sie sich im heißen Sand oder zünden ein Feuer an 
oder suchen Schutz in irgendeinem Schlupfwinkel des Korallengesteins. Zum 
Zeitvertreib sammeln sie Muscheln und pflücken Blumen oder wohlriechende 
Krauter, um sich zu schmücken. Tabak wird geraucht und Betelnuß gekaut- 
ist man durstig, so sieht man sich nach einer Kokospalme um, deren grüne 
Nuß einen kühlen Trank gewährt. Oder die Liebenden suchen sich gegenseitig 
den Kopf nach Läusen ab und verspeisen diese — ein Brauch, der uns ab- 
stoßend und als Liebesbezeigung wenig angebracht erscheint; den Einge- 
borenen jedoch ist es eine natürliche, angenehme Beschäftigung für zwei 
Menschen, die einander gut sind, und ein besonders beliebter Zeitvertreib für 
Kinder (s. Abb. 55). Andererseits würden sie bei solchen Gelegenheiten niemals 
schwere Nahrung verzehren, vor allem sie nicht aus dem Dorfe mitnehmen. 
Die Vorstellung, wie europäische Mädchen und Burschen mit einem Rucksack 
voller Eßwaren zum Picknick loszuziehen, erscheint ihnen ebenso abstoßend 
und unanständig wie ihr kwakwadu einem europäischen Spießer (siehe auch 
Kap. III, 4). 

All solche Genüsse — die Freude an der Landschaft, an Farbe und Duft 
im Freien, an weiten Blicken und kleinen traulichen Schlupfwinkeln — sind 
wesentliche Züge ihres Liebeslebens. Stunden-, ja tagelang wandern Liebende 
zusammen umher, sammeln Früchte und Beeren als Nahrung und freuen sich 
ihres Beisammenseins in schöner Umgebung. Ich war besonders darauf be- 
dacht, diese Einzelheiten mir durch eine Anzahl tatsächlicher Beispiele be- 
stätigen zu lassen, denn im Zusammenhang mit der bereits erörterten Frage 
der romantischen Liebe lag mir besonders daran, zu erfahren, ob Werbung 
und Liebesspiel nur unmittelbare Befriedigung zum Ziel habe oder ob auch 
sinnlicher und ästhetischer Genuß im weiteren Sinne erstrebt werde. Viele 
jener Freuden, wie sie allgemeine Spiele, Vergnügungen und Feste mit sich 
brmgen, gehören auch zum persönlichen kwakwadu. 

Natürlich wird nicht nur im Freien geliebt; es ist auch besonders dafür 
gesorgt, daß die Liebenden im Dorf zusammenkommen können. Im Kap. III 
wurden bereits die Institutionen des bukumatula und die mehr provisorischen 
222 



Die Unterhaltung eines Liebespaares 

Charakter jagenden Einrichtungen der jüngeren Leute besprochen. Jedoch 
ist im Dorfe nur nachts ein ungestörtes Beisammensein möglich, und die 
Liebenden sind in ihrer Betätigung wesentlich beschränkt. Sie liegen neben- 
einander auf einem Lager und plaudern, und wenn sie dessen müde sind 
geben sie sich der Liebe hin. 

10. Die Unterhaltung eines Liebespaares 
Es ist nicht leicht, persönliche Unterhaltungen aufzubauen und wieder- 
zugeben, die ohne Zeugen und unter sehr intimen Bedingungen stattfinden. 
Eme so allgemeine Frage wie „Wovon reden ein Bursche und ein Mädchen 
beim kwakwadu?" wird meistens mit einem Grinsen beantwortet oder — falls 
der Befragte ein guter Bekannter des Ethnologen ist - mit der stehenden 
Antwort auf alle schmerigen Fragen: Tonagoua yoku, „du dummer Kerl"; 
mit anderen Worten: „Frag doch nicht so albern." 

Aus freien Stücken jedoch haben mir ein paar meiner Freunde mancherlei 
anvertraut, was mir einen Einblick in diese Tete-ä-tetes gewährte. Oft hat 
mir ein junger Mann wiederholt, was ein Mädchen zu ihm gesagt und was er 
darauf erwidert habe, oder umgekehrt — sei es nun, um dadurch Eindruck 
auf mich zu machen oder auch nur, um mir irgendeine wirkliche Neuigkeit 
mitzuteilen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auf den Trobriand-Inseln der 
liebende Jüngling vor seiner Liebsten munter drauflosprahlt und sich eine 
teilnehmende Zuhörerin und ein begeistertes Echo erwartet. Ich habe schon 
berichtet, wie Monakewo zu erzählen pflegte, welch großen Eindruck er auf 
Dabugera gemacht habe und wie sehr sie alle seine Heldentaten und Vorzüge 
bewundere. Ebenso überzeugt war Mekala'i, daß Bodulela tief erschüttert sei 
über die Großtaten, von denen er ihr berichtete. Gomaya, ein junger Häupt- 
ling aus Sinaketa, ein unverbesserlicher Prahlhans, erzählte mir oft, wie seine 
Braut, mit der er seit frühester Kindheit verlobt war, die Geschichten von 
seiner eigenen Vorzüglichkeit, seinen magischen Kenntnissen und seinen über- 
seeischen Abenteuern bewundere und bestaune. Niemals, wenn mir ein Tro- 
briander ausführlich von seinen Liebesgeschichten berichtete, vergaß er zu 
erwähnen, welch großen Eindruck er auf seine Geliebte gemacht habe; dies 
alles erzählte er mir nach Art der Eingeborenen als Bruchstücke einer wirk- 
lichen Unterhaltung. 

Gerede über die Angelegenheiten anderer, besonders über ihre Liebes- 
geschichten, ist ebenfalls ein beliebtes Unterhaltungsthema zwischen Lieben- 
den; vielfach kamen mir solche Dinge zu Ohren, weü ein Bursche mir wieder- 
erzählte, was er von seiner Liebsten gehört hatte. Im übrigen unterhalten sie 

223 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

sich von dem, was sie gerade vorhaben, von den Schönheiten der Natur und 
von Dingen, die sie gern haben oder nicht leiden mögen. Manchmal rühmt 
sich auch ein Bursche seiner Großtaten auf einem Gebiet, das Frauen meistens 
verschlossen ist, wie Xufo-Expeditionen, Fischfang, Vogelstellerei oder Jagd. 
Eine Liebesbeziehung kann also durch Handlungen und Gespräche vielfältig 
verwoben sein mit anderen allgemeineren Interessen; das hängt jedoch von 
der Intelligenz und Persönlichkeit der Partner ab. Ehrgeizige, phantasie- 
begabte Paare würden nicht mit der bloßen Sinnenlust zufrieden sein; stumpfe 
und beschränkte jedoch gehen zweifellos wohl gleich zu den gröberen Stadien 
über — zu den üblichen Liebkosungen und dem Geschlechtsakt. 

11. Erotisches Vorspiel 

Welche Rolle spielt der Kuß in der Südsee? Diese Frage begegnet all- 
gemeinem, nie ermüdendem Interesse. Nach einer weit verbreiteten Meinung 
wird außerhalb des indo-europäischen Gebiets überhaupt nicht geküßt. Der 
Anthropologe oder ein eifriger Besucher der Operette weiß, daß selbst bei so 
hohen Kulturvölkern wie Chinesen oder Japanern der Kuß als Gebärde der 
Liebeskunst unbekannt ist. Den Europäer überläuft es kalt beim Gedanken 
an ein derartiges Kulturmanko. Es sei ihm zum Trost gleich gesagt, daß die 
Dinge nicht ganz so schwarz sind, wie sie aussehen. 

Um den wahren Sachverhalt kennenzulernen und im richtigen Zusammen- 
hang zu sehen, muß die Frage zunächst genauer gestellt werden. Fragen wir, 
ob Lippenbetätigung eine Rolle in der Liebeskunst spielt, so muß die Antwort 
entschieden bejahend lauten. Wie wir sehen werden, ist der Mund sowohl bei 
den einleitenden Zärtlichkeiten als auch in den späteren Stadien beschäftigt. 
Definiert man jedoch „küssen" genauer als „das fortgesetzte Aneinander- 
pressen von Mund gegen Mund mit leichten ruckweisen Bewegungen" — und 
ich glaube, daß alle maßgebenden Autoritäten mit dieser Definition ebenso 
einverstanden sind wie mit der Behauptung, daß dies die wichtigste erotische 
Vorstufe in Europa und den Vereinigten Staaten ist — , so muß man zugeben, 
daß der Kuß im trobriandischen Liebesleben nicht verwendet wird. Jedenfalls 
wird er nie zu einer selbständigen, unabhängigen Quelle der Lust, und eben- 
sowenig ist er eine bestimmte Vorstufe des Liebesgenusses wie bei uns. Niemals 
haben mir die Eingeborenen diese Liebkosung aus freien Stücken genannt, 
und auf direkte Fragen erhielt ich stets eine verneinende Antwort. Die Ein- 
geborenen wissen jedoch, daß Weiße „dasitzen, Mund gegen Mund pressen — 
es gefällt ihnen". Doch sie halten es für eine fade und törichte Art der Be- 
lustigimg. 

224 




68. DER ETHNOLOGE UND EIN MANN MIT PERÜCKE 
Der Ethnologe im Gespräch mit Togugu'a, einem ziemlich berühmten Zauberer und »uten 
Gewährsmann; er trägt eine den ganzen Kopf bedeckende Perücke und hält eine großeKalk- 
kalebassemil Spachtel in der Hand. Aus dieser Photographie kann der kritische Leser ersehen 
wie es sich mit der Wahrheit der in Abschnitt 4 angeführten Behauptung verhält (Vergleich der 
hingeborenen ztvischen europäischem und melanesischem Gesichtslypus). (KAP. X, 2 und 4) 




69. DAS BLATT UND DAS KLEID 
Aus dem Palmblatt, das jedes von ihnen in der Hand hält, wird ihr besonderes Kleidungs- 
stück hergestellt. (S. auch Abb. 9; KAP. X, 4; KAP. I, 4) 



Ml 

1; ■ \ «- % L • 











70. FEIERLICHE NAHRUNGSMITTELVERTKI 1.1 \G (KAP. XI. 2) 




71. NACH DER VERTEILUNG 
Frauen sammeln die Nahrungsmittel in Körbe. Die vier Häuser in der vordersten Reihe sind 
Vorratshäuser; dahinter Wohnhütten, direkt auf den Boden gebaut. (KAP. XI, 2) 






Erotisches Vorspiel 

Küssen im engeren Sinne kommt auch als kultürliches Symbol nicht vor, 
weder als Gruß, noch als Ausdruck der Zuneigung, noch als magische oder 
rituelle Handlung. Nasenreiben (vayauli) als Form der Begrüßung ist selten 
und findet nur zwischen ganz nah Verwandten statt; es heißt, daß Eltern 
und Kinder oder Mann und Frau nach langer Trennung auf diese Art ihre 
Wiedervereinigung feiern. Eine Mutter hebkost ihr kleines Kind sehr aus- 
giebig; sie berührt es häufig mit ihrer "Wange oder ihren Lippen; sie läßt 
ihren Atem über es hingehen oder liebkost es leise, indem sie den offenen 
Mund gegen seine Haut legt. Doch die eigentliche Technik des Küssens wird 
zwischen Mutter und Kind nicht angewendet, jedenfalls ist sie nie so aus- 
geprägt wie bei uns. 

Das Fehlen des Küssens im engeren Sinne bringt uns zu einem tiefer- 
gehenden Unterschied im Liebesspiel. Ich bin überzeugt, daß die Eingeborenen 
erotische Liebkosungen nie als eine in sich befriedigende Tätigkeit betreiben, 
als ein Stadium des Liebesspiels, das eine lange Zeitspanne ausfüllt, ehe die 
volle körperliche Vereinigung stattfindet. Dies ist jedoch ein örtlicher und 
kein rassenmäßiger Charakterzug, denn ich bin gleichfalls überzeugt (s. oben), 
daß bei anderen melanesischen Völkerschaften, in Dobu und wahrscheinlich 
auch bei den Motu, bei den Sinaugolo- und Mailu- Stämmen, verlobte Paare 
beieinanderhegen und sich hebkosen, ohne daß es zum Geschlechtsverkehr 

kommt. 

Diese vergleichenden Bemerkungen sind jedoch unzureichend, denn meine 
Kenntnis der letztgenannten Stämme ist viel weniger ausgedehnt als mein 
Wissen von den Trobriandern ; so kann ich nur die Frage als Gegenstand 
künftiger Forschungen empfehlen, denn es ist von äußerster Wichtigkeit, zu 
wissen, ob die Art der einleitenden Liebesstadien von der Höhe der Kultur 
abhängt oder von der Gesellschaftsordnung — vor allem von Moral- 
vorschriften, welche den vorehelichen Verkehr verbieten. 

Wir haben ziemlich ausführlich vom Küssen gesprochen, um die allseitige 
Neugier in diesem Punkt zu befriedigen. Nun wollen wir das Verhalten eines 
Liebespaares auf ihrem Lager im bukumatula oder an einer einsamen Stelle 
im raybwag oder Urwald beobachten. Meistens wird eine Matte auf den 
Brettern oder dem Erdboden ausgebreitet; sind sie sicher, nicht beobachtet 
zu werden, so legen sie Schamblatt und Bastrock ab. Zuerst sitzen oder hegen 
sie nebeneinander, tauschen Zärtlichkeiten aus und lassen die Hand über den 
Körper des anderen gleiten. Manchmal hegen sie auch dicht nebeneinander 
und umschlingen sich mit Armen und Beinen. In dieser Stellung können sie 
lange miteinander plaudern, mit zärtlichen Worten ihre Liebe beteuern oder 
sich necken (katudabuma). Sind sie einander so nahe, so kommt es zum Nasen- 

15 M. G. 225 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

reiben. Doch trotz vielfachen Nasenreibens wird auch Wange gegen Wange 
und Mund gegen Mund gerieben. Allmählich werden die Liebkosungen leiden- 
schaftlicher, und nun tritt vor allem der Mund in Tätigkeit. Die Zunge wird 
angesaugt und Zunge an Zunge gerieben; einer saugt an des anderen Unter- 
lippe, und die Lippen werden gebissen, bis Blut kommt; Speichel fließt von 
Mund zu Mund. Die Zähne werden fleißig gebraucht, um einander die Wangen 
zu beißen und nach Nase und Kinn zu haschen. Oder die Liebenden fahren 
einander mit den Händen in die dichten Haarschöpfe und zausen oder raufen 
sich gegenseitig. In den Liebeszaubersprüchen, die hier wie anderswo reich 
sind an bildhaften Übertreibungen, finden sich häufig Ausdrücke wie „trinke 
mein Blut" und „reiße mir das Haar aus" (s. nächstes Kapitel). Die folgende 
Schilderung seiner Liebesleidenschaft verdanke ich dem Liebhaber eines 
Mädchens : 

Binunu vivila dubilibaloda, bigadi; tagiyu, bimwam. 

Sie saugt Frau Unterlippe (unsere), sie beißt; wir spucken, sie trinkt. 

Erotisches Kratzen führt noch unmittelbarer zu Verletzungen und Blut- 
vergießen. Wir haben es bereits erwähnt als die übliche Aufforderung des Mäd- 
chens an den Burschen; wir haben auch davon gesprochen, welche Rolle es 
bei den Stammesfesten spielt (Kap. IX, 5). Es gehört jedoch auch zum ver- 
trauten Liebesspiel als ein gegenseitiger Ausdruck der Leidenschaft: 

Tayobobu, tavayauli takenu deli bikimali vivila 

Wir umarmen, wir reiben Nasen, wir liegen zusammen; sie kratzt Frau 

otubwaloda, ovilavada sene bwoyna, 

auf Rücken (unseren), auf Schultern (unseren); sehr viel gut, 

tanukwali, bitagwalayda senela. 

wir wissen, sie hebt uns sehr fürwahr. 

Im allgemeinen ist, was rauhes Ungestüm betrifft, die Frau wohl der aktivere 
Teil. Ich habe an Männern viel gröbere Kratzwunden und -spuren gesehen 
als an Frauen ; und nur Frauen dürfen ihre Liebhaber tatsächlich verwunden, 
wie in jenem früher erwähnten Fall (Kap. EX, 5). Das Kratzen wird sogar noch 
in den leidenschaftlichsten Augenblicken der Umarmung fortgesetzt. Auf den 
Trobriand-Inseln ist es ein beliebter Scherz, auf dem Rücken eines Mannes 
oder einer Frau nach diesen Garantiestempeln eines erfolgreichen Liebeslebens 
zu suchen. Ich habe noch nie ein schönes Mädchen oder einen hübschen Bur- 
schen ohne Kimali- Spuren an der richtigen Stelle gesehen. In den Grenzen 






226 



I 



Geschlechtsakt 

des guten Geschmacks und gewisser besonderer Tabus sind die tf ima«-Zeichen 
ein beliebter Ankß zu Neckereien und Spaßen, doch ist ihr Besitzer TZ 
heimen sehr stolz auf sie. e 

Ein anderer Wesenszug des Liebesspiels, für den der Durchschnittseuropäer 
noch weniger Verständnis haben dürfte als für das kimali, ist das nntakuku, 
das Abbeißen der Augenwimpern. Soviel ich aus Beschreibungen und ein- 
heimischen Darstellungen ersehen konnte, beugt sich der Liebende zärtlieh 
oder leidenschaftlich über die Geliebte und beißt ihr die Spitzen der Wimpern 
ab Das geschieht wie ich hörte, sowohl im Orgasmus als auch in den weniger 
leidenschaftlichen Vorstachen Es ist mir nie ganz gelungen, den Mechanismus 
oder den sinnlichen Gewinn dieser Liebkosung zu erfassen, doch zweifle ich 
nicht daran, daß sie tatsachlich geübt wird, denn ich habe auf den Trobriand- 
Inseln kernen einzigen Burschen und kein einziges Mädchen mit langen Augen- 
wimpern gesehen, die ihnen die Natur doch eigentlich schuldig ist Auf jeden 
Fall zeigt sich, daß ihnen das Auge ein Gegenstand lebendigen körperhehen 
Interesses ist. Noch weniger Begeisterung wird der romantische Europäer 
für jene bereits erwähnte Sitte aufbringen, die im gegenseitigen Wegfangen 
und Verzehren der Läuse besteht. Für die Eingeborenen ist es jedoch ein Zeit- 
vertreib der nicht nur an sich erfreulich wirkt, sondern obendrein ein be- 
gluckendes Gefühl des Vertrautseins auslöst. 

12. Geschlechtsakt 

Den folgenden gedrängten Bericht über den Verlauf einer Liebesnacht mit 
verschiedenen charakteristischen Einzelheiten verdanke ich meinem Freunde 
Monakewo : 

Takwakwadu: fä^ kadiyaguma, 

Wir smd liebevoll beisammen: unser Feuer, unsere Kalkkalebasse, 

<"**«*; kada gala , mwasüa . Biuü 

unser Tabak; Nahrung (unsere) nicht, Scham. Wir gehen, 

. f /a . , ^^/a haH hayviava; tasisu, 

— gehen (zu) ein (Wald) Baum Baum groß; wir sitzen, 

takakakutu mfofe- vivüa . 

wir lausen und essen; wir sagen zu Frau: 

„takayta". Biwokwo, bitala 

„wir begatten« (wir wollen uns begatten). Es ist beendet, wir gehen 

227 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 



ovalu; 
ins Dorf; 



ovalu 
im Dorf 



tabigatona. 
wir plaudern. 



tala obukumatula, takenu 

wir gehen ins Junggesellenhaus, wir liegen, 

Kidama kadumwaleta, taliku 

Vorausgesetzt wir sind allein, wir legen ab 

yavida, biliku dabela tamasisi. 

Schamblatt (unseres), sie legt ab Rock (ihren) wir schlafen. 

In freier Übersetzung: „Wenn wir einen Liebesausflug machen, zünden 
wir unser Feuer an; wir nehmen unsere Kalkkalebasse mit (und kauen 
Betemuß), wir nehmen unseren Tabak mit tjund rauchen). Nahrungsmittel 
nehmen wir nicht mit, wir würden uns schämen, das zu tun. Wir wandern, 
wir kommen zu einem großen Baum, wir setzen uns hin, wir suchen uns 
gegenseitig die Köpfe ab und verzehren die Läuse, wir sagen der Frau, daß 
wir uns mit ihr vereinigen wollen. Ist es vorbei, so kehren wir ins Dorf 
zurück. Im Dorf gehen wir ins Junggesellenhaus, legen uns nieder und 
plaudern. Wenn wir allein sind, legt er sein Schamblatt ab, sie zieht ihren 
Bastrock aus: wir schlafen ein." 

Am Geschlechtsakt selbst ist das auffälligste vielleicht die Stellung. 

Die Frau hegt auf dem Rücken mit gespreizten, aufgestellten Beinen und 
gebogenen Knien. Der Mann kniet dicht an ihrem Gesäß, ihre Beine ruhen 
auf seinen Hüften. Üblicher ist jedoch folgende Stellung: der Mann hockt vor 
der Frau auf dem Boden und bewegt sich auf sie zu, die Hände auf den Boden 
gestützt, oder er faßt ihre Beine an und zieht sie zu sich heran. Liegen die 
Geschlechtsteile eng aneinander, so wird der Penis eingeführt. Oder aber die 
Frau streckt die Beine aus, legt sie dem Mann auf die Hüften, und er umfaßt 
sie mit den Armen; doch viel häufiger umschlingt die Frau mit den Beinen 
die Arme des Mannes, wobei sie sich auf die Ellbogen stützt. 

Wir geben im folgenden eine interessante Beschreibung beider Stellungen: 

Kidama vivila sitana ikanupwagega; 

Vorausgesetzt Frau ein klein wenig sie hegt offen (mit gespreizten Beinen;) 

kaykela bima ogipomada. Kidama 

Beine ihre es kommt auf unsere Hüften. Vorausgesetzt 

senela, 
sehr viel fürwahr, 



ikanupwagega 
sie liegt offen (mit gespreizten Beinen) 

ikanubeyaya, kaykela bima o mitutugu kaylavasi. 

sie Uegt ordentlich offen, Beine ihre es kommt auf Ende mein Ellbogen. 



228 



Geschlechtsakt 

In freier Übersetzung: „Wenn die Frau ihre Beine nur ein wenig spreizt, 
kommen (d. h. ruhen) ihre Beine auf meine Hüften; wenn sie mitTehr weit 
gespreizten Beinen hegt, weit offen hegt, ruhen ihre Beine auf meinen EU- 
bogen." 

Manchmal wird der Koitus auch im Liegen ausgeführt. Die Liebenden 
liegen dann nebeneinander und pressen die unteren Gliedmaßen eng auf- 
einander; dann schlägt die Frau das obere Bein über den Mann, und der 
Penis wird eingeführt. Diese Stellung ist weniger behebt und wird nachts 
im bukurmitula (Junggesellenhaus) eingenommen. Nach Aussage der Ein- 
geborenen ist sie weniger geräuschvoll und erfordert weniger Raum; sie 
wird angewendet, um die übrigen Bewohner des Hauses nicht aufzuwecken 
(s. Kap. III, 4). 

Andere Stellungen sind nicht üblich. Vor allem verachten die Eingeborenen 
die europäische Stellung als unpraktisch und unschicklich. Sie ist den 
Eingeborenen natürlich bekannt, denn es kommt häufig vor, daß weiße 
Männer mit eingeborenen Frauen Verkehr haben, ja manche sind sogar mit 
ihnen verheiratet. Aber die Eingeborenen sagen: „Der Mann hegt schwer 
auf der Frau; er drückt sie schwer nach unten, sie kann nicht mitmachen 
(ibilamapu)." 

Kurz, die Eingeborenen sind davon überzeugt, daß der weiße Mann den 
Geschlechtsakt nicht wirksam auszuführen vermöge. Tatsächlich ist es ein 
besonderes Kunststückchen der eingeborenen Küchenjungen und Diener die 
eine Zeitlang bei weißen Händlern, Pflanzern oder Beamten bedienstet waren 
die Beischlafsmethoden ihrer einstigen Herren nachzuahmen. Auf den Tro-' 
bnand-Inseln war vielleicht Gomaya der beste Schauspieler in diesem Fach 
Er besann sich noch auf einen berühmten griechischen Abenteurer (bei den 
anderen beachconibers als Nicholas Minister bekannt), der schon vor Errichtung 
der Regierungsstation auf den Inseln gelebt hatte. Gomayas Vorstellung be- 
stand darin, daß er in einer sehr ungeschickten hegenden Stellung ein paar 
fluchtige, matte Bewegungen ausführte. Damit verspottete er die Kürze und 
Kraftlosigkeit der europäischen Verrichtung. Tatsächlich finden die Ein- 
geborenen daß der weiße Mann es viel zu schnell zum Orgasmus kommen läßt; 
es k* kern Zweifel, daß der Melanesier zu demselben Zweck viel mehr Zeit und 
viel größere mechanische Energie aufwendet. Hieraus und aus der Behinderung 
durch die ungewohnte Stellung erklären sich wohl die Klagen der weißen 
Männer daß die eingeborenen Mädchen schwer zu erregen seien. Mancher 
Weiße hat mir von dem vielleicht einzigen Wort der Eingeborenensprache 
erzahlt das er gelernt habe - „hubilabala" („bewege dich weiter horizontal«) • 
es wurde ihm während des Geschlechtsaktes mit einiger Heftigkeit immer 

15* 

229 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

wieder zugerufen. Dieses Verbum bezeichnet die horizontale Bewegung während 
des Beischlafs, die von beiden Partnern ausgeführt werden soll. Das Substantiv 
bilabala bedeutet ursprünglich einen Holzklotz in waagerechter Lage, und bala 
als Grundwort oder Vorsilbe bedeutet ganz allgemein etwas Horizontales. 
Das Verb bilabala jedoch übermittelt keineswegs die Vorstellung von einem 
unbeweglichen Klotz, sondern im Gegenteil von horizontaler Bewegung. Den 
Eingeborenen gilt die Hockstellung als vorteilhafter, einmal weil der Mann 
sich freier bewegen kann als beim Knien, dann aber auch, weil die Frau weniger 
behindert ist in ihren Gegenbewegungen — bilamapu, zusammengesetzt aus 
bila, von bala, horizontal, und mapu, bezahlen oder zurückgeben. In der Hock- 
stellung kann der Mann auch Tretbewegungen (mtumuta) machen, die ein 
nützliches dynamisches Element bei einer befriedigenden Begattung darstellen. 
Ein anderes Wort, korikikila, bedeutet gleichzeitig reiben und stoßen, eine 
Beischlafbewegung. 

Wenn im Verlauf des Geschlechtsaktes die Bewegungen heftiger werden, 
wartet der Mann — so wurde mir gesagt — , bis die Frau zum Orgasmus reif ist. 
Dann preßt er sein Gesicht gegen das ihre, umarmt ihren Körper und hebt 
ihn zu sich empor; gleichzeitig umschlingt sie den Mann und gräbt ihm dabei 
meistens die Nägel in die Haut. Die Bezeichnung für Orgasmus ist ipipisi 
momona = die Samenflüssigkeit fließt aus. Momona bedeutet gleichzeitig den 
m ännli chen und den weiblichen Ausfluß; wie wir wissen, machen die Ein- 
geborenen keinen scharfen Unterschied zwischen männlichem Samen und 
weiblichem Drüsensekret, wenigstens nicht in bezug auf die entsprechenden 
Funktionen. Derselbe Ausdruck ipisi momona wird auch für (männliche und 
weibliche) nächtliche Pollutionen verwendet. Onanistische Ejakulation wird 
als isulumomoni bezeichnet — „es kocht über Samenflüssigkeit". Männliche 
Masturbation heißt ikivayli kwila — „er manipuliert den Penis"; weibliche 
Masturbation wird in konkreten Wendungen beschrieben und hat keinen be- 
sonderen Namen. 

Einen interessanten persönlichen Bericht, der einige der erwähnten Punkte 
näher beleuchtet, hat mir Monakewo gegeben. Es war nicht gerade sehr takt- 
voll von ihm, seine Geliebte mit Namen zu nennen; doch die Vorliebe des 
Ethnologen für konkrete Beispiele möge es entschuldigen, daß ich dies nicht 
abändere. 



Bamasisi 
Ich schlafe 



deli 
zusammen 



Dabugera; 
Dabugera; 



bayobobu, 
ich umarme, 



bavakayla, 
ich umschlinge der ganzen Länge nach, 



bavayauli. 
ich reibe Nasen. 



Tanunu 
Wir saugen 



230 



Geschlechtsakt 
dubilibaloda, pda bVulugwalayda; mayela 

Unterlippen unsere, weil wir fühlen uns erregt; Zunge seine 

tanunu; tagadi kabulula; tagadi 

wir saugen; wir beißen Nase seine; wir beißen 

kala gabula; tagadi kimwala; takabi 

sein Kinn; wir beißen Kiefer (Wange) sein; wir fassen (Hebkosen) 
posigala, visiyala. Bilivala minana: „0 didakwani, 

Achselhöhle seine, Weichen seine. Sie sagt diese Frau: „0 es juckt, 

hibaygu, senela; hworikikila tuvayla, bilukwali 

Liebster mein, sehr fürwahr; reibe und stoße wieder, es ist angenehm 

woivogu— kwopinaviyaka, rnnakvoa bipipisi 

Körper mein — tu es heftig, schnell (so daß) es spritzt 

momona: — kwalimtumutu tuvayala bilukwali wowogu." 

Samenflüssigkeit: — tritt wieder es ist angenehm Körper mein." 

Freie Übersetzung: 
„Wenn ich mit Dabugera schlafe, umarme ich sie, umschlinge ich sie mit 
meinem ganzen Körper, wir reiben unsere Nasen aneinander. Wir saugen 
emer an des anderen Unterlippe, so daß wir in leidenschaftliche Erregung 
geraten, wir saugen einer an der Zunge des anderen, wir beißen uns in -die 
Nasen, wir beißen uns in das Kinn, wir beißen in die Wangen und streichen 
zärtlich über Achselhöhle und Weichen. Dann sagt sie wohl: ,0 mein Liebster, 
es juckt sehr . . . stoße weiter, mein ganzer Leib schmilzt vor Lust . . . stoße 
heftig zu, stoße schnell zu, damit der Saft ausströme . . . tritt weiter, ich habe 
so ein angenehmes Gefühl dabei!' " 

Derselbe Gewährsmann gab mir folgendes Beispiel eines Gesprächs, wie es 
nach dem Akt sich ergibt, wenn die beiden eng umschlungen ruhen: 

„Kayne toiribwaylim yoygu ?" 

„Ob Liebste dein ich?" 

„Mtagel nabwayligu yoku — sene 

„Ja! Liebste mein du — sehr viel 



sene 



magigu; tuta, tuta, bitakayta; 

Begehren mein: Zeit, Zeit, wir begatten uns: sehr viel 

migimbwayligu migim tabudal" 

Gesicht deines geliebt von mir Gesicht deines Kreuz-Basen !" 



231 



Das Liebesleben und die Psychologie der Erotik 

„Gala magigu bukuyousi nata vivila nava'u; yoku 

„Nicht Begehren mein du nimm st eine Frau neue Frau; du 



wala: yaygu 

fürwahr, ich. 






„Bin ich deine Liebste ?" 

„Ja, du bist meine Liebste; ich liebe dich sehr; immer, immer werden wir 
uns vereinigen. Ich habe dein Gesicht sehr Heb, es ist das Gesicht einer Kreuz- 
Base (der rechten Frau für mich)." 

„Ich will nicht, daß du eine andere Frau nimmst; nur du und ich." 

Es wurde mir berichtet, daß die geschlechtlichen Beziehungen zwischen 
Ehegatten der gleichen Art seien, doch aus dem folgenden geht klar hervor, 
daß die Leidenschaft mit der Zeit verebbt. 

Vigilava'u imasisisi kwaytanidesi kabasi; bimugo vayvaH 

Jung verheiratet sie schlafen ein einziges Bett ihres; es reift Ehe 

bikwaybogwo, kwayta kabala, kwayta kabada. BisdUCu 

es ist alt, eines Bett ihres, eines Bett unseres. Es ist tatkräftig 

uwasi magisi bikaytasi, bikenusi deli 

Körper ihrer, Begehren ihres sie begatten sich, sie liegen zusammen 

bikamitakukusi bivayaulasi, bigedasi. 

sie beißen Augenwimpern sie reiben Nasen, sie beißen. 

„Jung Verheiratete schlafen zusammen in einem Bett: ist die Ehe gereift, 
ist sie alt geworden, so schläft sie (die Frau) in einem Bett, wir (d. h. der 
Ehemann) in einem anderen. Wenn sie sich geschlechtlich stark und kräftig 
fühlen, wollen sie den Beischlaf üben; dann biegen sie beieinander, sie beißen 
sich gegenseitig die Wimpern ab, sie reihen die Nasen aneinander, sie beißen 
sich gegenseitig." 

Mein Gewährsmann Tokulubakiki, selbst ein verheirateter Mann, sucht hier 
klarzumachen, daß sogar lang verheiratete Eheleute sich zuweilen noch wie 
ein Liebespaar aufführen können. 

Zum Schluß 1 möchte ich noch aufmerksam machen auf das von Dr. W. 
E. Roth und anderen erarbeitete Material über das Geschlechtsleben der austra- 

1 Vgl. auch das früher Gesagte über die Anschauungen der Eingeborenen von Anatomie 
und Physiologie der Fortpflanzung und vom psycho-physiologischen Vorgang des Ver- 
licbens, Kap. VII. 

232 




Geschlechtsakt 

tischen Eingeborenen^. Es ist dies ein ziemlich wichtiger Punkt, denn die 
Liebestechnik ist für die ganze Auffassung der Erotik sehr charakteristisch. 
Die Art, wie die Eingeborenen von Queensland koitieren, ähnelt der hier be- 
schriebenen durchaus. In beiden Gegenden kann der Geschlechtsakt so aus- 
geführt werden, daß ein Mindestmaß körperlicher Berührung stattfindet. Das 
erscheint mir auch als einer der Hauptgründe für die unterschiedslose Art, 
wie junge hübsche Männer sich oft mit alten abstoßenden Frauen einlassen! 
Ist andererseits Liebe im Spiel, so kann der Mann sich über die Frau beugen, 
oder die Frau kann sich zu ihm emporheben, und die Berührung kann so aus- 
giebig und innig sein, wie man sie nur wünschen mag. 



1 W. E. Roth, „Ethnological Studies among the North- West Central Queensland Ahorigines" 
1897, und H. Basedow, im „Journal Royal Anthrop. Institute" 1927, über „Subincision 
and Kindred Rites of the Australien Aboriginal", S. 151 156. 



233 



ELFTES KAPITEL 

LIEBES- UND SCHÖNHEITSMAGIE 

Das geheimnisvolle, erregende Erlebnis, das wir „verlieben" nennen, hat 
vielleicht mit nichts so große Ähnlichkeit als mit jenem mystischen Er- 
warten wundersamer Schicksalswendungen und beglückender, unvorher- 
gesehener Geschehnisse, das alle Menschen in gewissen physiologischen 
Momenten überkommt und die Grundlage des Glaubens an Zauberei bildet. 
In jedem von uns lebt der "Wunsch, einmal herauszukommen aus der Sicher- 
heit und dem gewohnheitsmäßigen Gang des Alltagslebens; ohne Über- 
treibung kann man sagen, daß den meisten Menschen nichts freudloser und 
bedrückender erscheint als die Starrheit und Bestimmtheit des Welten- 
ablaufs, nichts abstoßender als die kalten Wahrheiten der Wissenschaft, 
welche die Vorherbestimmtheit der Wirklichkeit ausdrücken und unter- 
streichen. Selbst die ärgsten Skeptiker rebellieren zuzeiten gegen die un 
entrinnbare Kausalkette, welche das Übernatürliche ausschließt und damit 
alle Gaben des Zufalls und der gütigen Fortuna. Liebe, Hazardspiel und 
Magie haben viel Gemeinsames. 

In einer primitiven, von den Fesseln der Wissenschaft noch freien Ge- 
meinschaft ist Magie die Wurzel unzähliger Anschauungen und Bräuche. 
Megwa — es deckt sich fast ganz mit unserem Wort „Magie" oder „Zauber- 
wesen" ist für den Trobriander eine dem Menschen innewohnende 

Kraft, von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben durch die Über- 
lieferung. Diese Kraft kann nur lebendig werden durch Vornahme einer 
der Gelegenheit angepaßten rituellen Handlung, durch das Aufsagen ge- 
eigneter Zaubersprüche oder die Beobachtung besonderer Tabus. Bei allem, 
was mit Liebe zu tun hat, ist Magie von grundlegender Wichtigkeit. Magie 
kann begehrenswert machen und Liebe entzünden; Magie kann im Gatten 
oder Geliebten die Liebe ertöten; Magie kann persönliche Schönheit er- 
zeugen oder erhöhen. 

234 



Offizieller Anlaß zur Schönheitsmagie 

1. Gewicht und Bedeutung der Schönheit 
Der Zauber, welcher die persönliche Anziehungskraft erhöht und so den 
Betreffenden für einen Angehörigen des anderen Geschlechts unwiderstehlich 
macht, ist nur eine unter mehreren Arten der Schönheitsmagie. Eine reiz- 
volle äußere Erscheinung wird nicht nur aus erotischen Gründen erstrebt. 
So muß, wie wir bereits wissen, eine Frau während der ersten Schwanger- 
schaft ein verwickeltes Ritual und allerlei Zaubersprüche zur Erhöhung ihrer 
körperlichen Schönheit über sich ergehen lassen; doch dies alles bezweckt 
durchaus nicht, sie für Männer anziehend zu machen. Für ihren eigenen 
Mann ist sie geschlechtlich tabu, und der Gedanke an Ehebruch unter 
solchen Umständen erregt — ohne Übertreibung! — bei den Eingeborenen 
ein moralisches Ekelgefühl. Ferner habe ich an anderer Stelle einen Schön- 
heitszauber geschildert, der an einem bestimmten Zeitpunkt überseeischer 

Expeditionen ausgeführt wird 1 . Er hat keinerlei Bezug auf Erotik ist 

doch Liebesgenuß bei solchen Gelegenheiten oft tabu — , sondern 6oll die 
Besucher so unwiderstehlich machen, daß sie mit Geschenken an wertvollen 
Schmucksachen überhäuft werden. Die in den Kula-Sagen auftretenden 
Helden der Vorzeit machen sich schön aus Gründen, die nichts mit Ge- 
schlechtlichkeit zu tun haben („Argonauts" Kap. XII). Man muß die zu 
rein erotischen Zwecken betriebene Schönheitsmagie im richtigen Zusammen- 
hang sehen mit dem ganz allgemeinen lebhaften Interesse an körperlicher 
Schönheit. 

2. Offizieller Anlaß zur Schönheitsmagie ■ 

Wie schon gesagt, geben festliche Veranstaltungen Gelegenheit zu gegen- 
seitiger Bewunderung und Berührung; wir wissen auch bereits, wie wichtig 
dabei Schönheit, Geschicklichkeit im Tanzen und gutes Auftreten sind. 
Schönheitsmagie gehört zur persönlichen Vorbereitung auf alle großen Feste: 
besondere Zauberformeln werden während der Waschung und Schmückung 
gewisser Körperteile ausgesprochen. Dies geschieht stets am letzten Tag, 
dem Hauptfesttag der Tanzzeit (usigola) oder der Wettspiele (kayasa), 
während des dritten und letzten Festes (s. Kap. IX, 3 u. 4). Um Wesen und 
Wichtigkeit dieser Schönheitszeremonien zu begreifen, muß man sich klar- 
machen, von welchen Interessen, Spannungen und persönlichen Feindselig- 
keiten diese Wettveranstaltungen beherrscht werden; wir wollen deshalb die 
rituellen Vorgänge kurz schildern, ohne noch einmal auf die Spiele und Be- 

1 Vgl. „Argonauts of the Western Pacific", Kap. XIII, 1 und besonders S. 335—336. Vgl. 
auch die Anmerkung auf S. 150 f. im vorliegenden Werk. 

235 



Liebes- und Schönheitsmagie 

lustiglingen zurückzukommen, die im Mittelpunkt der Festlichkeiten stehen 
(s. oben Kap. IX, 2). 

Die Festzeit dauert achtundzwanzig Tage und beginnt stets mit dem Voll- 
mond nach der Rückkehr der Ahnengeister. Eröffnet wird sie durch eine 
rituelle Nahrungsmittclverteilung (sagali) (s. Abb. 70 u. 71). Das sagali ist 
eine höchst wichtige Einrichtung auf den Trobriand-Inseln. Es findet bei 
den meisten feierlichen Gelegenheiten statt — bei Totenfeiern, Gedächtnis- 
feiern, Wettveranstaltungen und während der alljährlichen Lustbarkeits- 
periode. Die Toten-sagaii sind die wichtigsten und beruhen auf der Ein- 
teilung in Clans und Unter-Clans (s. Kap. VI, 4 und Kap. XIII, 5); stets 
treten die Männer nur eines Clans als Verteiler auf, die Angehörigen der 
übrigen Clans sind die Empfangenden. Bei anderen Gelegenheiten erfolgt 
die Nahrungsmittelzuteilung nach anderen soziologischen Prinzipien. In allen 
Fällen verwaltet das Oberhaupt der Dorfgemeinschaft das Amt des „Meisters 
der Verteilung" (tolisagali). Er und die Männer seiner Sippe bestimmen die 
Größe jedes einzelnen Yamshaufens und gehen diskutierend und erwägend 
zwischen den aufgehäuften Knollen umher (s. Abb. 70). Danach begibt sich 
dasselbe Komitee langsam von einem Haufen zum anderen, und der Meister 
oder sein Wortführer ruft Namen oder Bezeichnung des Empfängers aus. 
Ist dies geschehen, so entfernen sich die Männer; nach einer Weile er- 
scheinen die weiblichen Angehörigen der Empfänger, sammeln den Yams in 
Körbe und tragen ihn zu ihren Vorratshäusern (s. Abb. 71). Bei einem 
kleinen sagali, wie es innerhalb der Dorfgemeinschaft zu Beginn einer Tanz- 
oder Spielzeit abgehalten wird, fällt die Nahrongsmittelversorgung stets dem 
Meister und seinen Verwandten zu, ebenso der Ruhm (butura) einer solchen 
Verteilung, während die Empfänger der Nahrungsmittel für die nachfolgenden 
Belustigungen verantwortlich sind. 

Die Verteilung legt allen Teilnehmern die Verpflichtung auf, den Tanz, 
das Spiel oder was gerade an der Reihe ist, die ganze Zeit über fortzusetzen. 
Bei einem usigola (Tanzzeit) wird jeder Yamshaufen entsprechend seiner 
Größe einer bestimmten Gruppe von Ausführenden zugeteilt. Einen der 
größten Haufen erhalten die Anführer des Rundtanzes (tokoUmalala). Die 
drei Männer, welche den verwickelten Figurentanz ausführen, das feierliche 
kasawaga, bekommen einen ebenso großen Anteil. Die Sänger (tokwaypo'u), 
auch eine 6ehr wichtige Gruppe, nehmen gleichfalls einen bestimmten Platz 
bei der Verteilung ein. Kleinere Haufen von verschiedener Größe fallen den 
Trommlern zu, den Statisten beim Figurentanz, den Jungen, die den Leguan 
gefangen haben, mit dessen Haut die Trommel bespannt ist, und schließlich 
all den übrigen Dorfbewohnern je nach ihrem Anteil an der Veranstaltung. 

236 



Offizieller Anlaß zur Schönheitsmagie 

Bei einem sagali (Verteilung) wird also Ansehen und Wichtigkeit jeder 
einzelnen Gruppe noch unterstrichen, was mancherlei Spannung, Eifersucht 
und Prahlereien mit sich bringt. 

Am ersten Tag werden über einem Muschelhorn und über Nahrungs- 
mitteln Zauberriten ausgeführt. Auf dem Muschelhorn wird an diesem Tag 
und während des Tanzes geblasen; die Nahrungsmittel werden überall da 
vergraben, wo eine Straße ins Dorf mündet. Beide Riten sollen den Glanz 
des Festes auf magischem Wege erhöhen. Das verzauberte Muschelhorn 
kündet das nahende Fest mit dem erregenden Klanggepränge magischer 
Kraft. Die vergrabenen Nahrungsmittel versinnbildlichen den Wunsch nach 
Überfluß innerhalb des Dorfes; sie sind ein Symbol solchen Überflusses und 
führen ihn nach dem Glauben der Eingeborenen auch herbei. Es ist mir 
nicht gelungen, der Formel für diesen Zauber habhaft zu werden; ich kann 
also nur annähernde Angaben darüber machen. 

Nach diesen Zeremonien beginnt die Tanzzeit. Zunächst gibt es mit Lernen, 
Üben und einleitenden Wettkämpfen noch viel zu tun. Um die Monatsmitte 
wird ein zweites sagali (Nahrungsmittelverteilung) abgehalten namens katum- 
walela kasakasa (das Wieder-Energisch-Machen). Es findet an diesem Tag 
ein besonderer Tanz statt, doch werden keine anderen Riten ausgeführt. 

Schließlich folgt beim nächsten Vollmond das kovayse (Schluß), das drei 
Tage dauert und die Hauptfestlichkeit darstellt. Zwei Tage vor Vollmond 
findet ein großes Gemeinschaftsessen von Sago- und Tarobrei statt (siehe 
Abb. 5 u. 85). Dieser Tag heißt itavakayse kaydebu („Vorbereiten des Tanz- 
schildes") oder itavakayse bisila („Vorbereiten des Pandanus-Wimpels") mit 
Bezug auf Schild und Wimpel, die beide beim Tanz Verwendung finden. 
Am nächsten Tag, der itokolukwaH heißt, wiederholt sich der Vorgang; an 
beiden Tagen finden feierliche Tänze statt. 

Der dritte Tag heißt luvayam, „der Tag der Vollziehung", oder lapula, 
„der Abrunde-Tag", und ist ein großes Fest. Aus vielen Dörfern werden 
Gäste geladen; schon am Morgen kommen sie an und erfüllen bald die Dorf- 
straße und ihre Umgebung. Jede Dorfgemeinschaft lagert 6ich auf Matten 
in einer Gruppe für sich, umgeben von Körben und Kindern. Wer mit den 
Gastgebern näher befreundet ist, hilft bei den Vorbereitungen. Mit ernsten 
Gesichtern bewegen sich die Dorfbewohner rasch zwischen ihren Gästen, 
alle festlich gekleidet, manche schon zum Tanz herausstaffiert — die Männer 
vielleicht in Baströcken, wie sie sonst nur die Frauen tragen, den ganzen 
Körper mit wertvollen Zieraten und Blumen geschmückt. 

Am Morgen beginnt die Veranstaltung mit einem einleitenden Rundtanz, 
dem mweli (s. Abb. 58, 65, 81). Darauf folgt etwa um Mittag der rituelle 

237 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Figurentanz (kasawaga) (s. Abb. 73). Beide Tänze werden im vollen Schmuck 
und mit großem Pomp dem aufmerksam zuschauenden Publikum vor- 
geführt. Doch das ist nur die Vorbereitung auf das Kommende. 

Am Nachmittag beginnt die eigentliche Zeremonie. Zunächst müssen sich 
die Ausführenden nach rituellen Vorschriften waschen, kleiden und schmücken. 
Die Besucher und übrigen Dorfbewohner sind unterdessen durch Nahrungs- 
mittelverteilung und Festschmaus in Anspruch genommen. Am frühen Nach- 
mittag werden den Gästen große Schüsseln mit gebackenen Yamsknollen, 
Bananen und Kokosnüssen, manchmal auch mit Fischspeisen vorgesetzt und 
an jede Dorfgemeinschaft als mitalela valu („Auge des Dorfes") verteilt; 
(die Herkunft dieses Ausdrucks habe ich nicht feststellen können). Meist 
gibt es Anlaß zu vielen Spaßen und manchem derben Scherz; Geber und 
Empfänger tauschen die üblichen Neckereien. Dann macht sich jede Gruppe 
über ihren Anteil her; sie sitzen um die Schüssel, den Leuten aus anderen 
Dörfern den Rücken kehrend, wie es die gute Sitte verlangt. 

Um den Bericht über die Nahrungsmittelverteilungen zu beenden : es folgt 
noch ein weiteres sagali, wobei die Ausführenden, nun fertig gekleidet und 
geschmückt, ihren tabusia (Schwestern des Vaters und deren Töchter) Ge- 
schenke überreichen als Entgelt für die Schönheitsmagie, welche die Frauen 
an ihnen ausgeführt haben und welche wir nun beschreiben wollen. 

3. Schönheitsmagie: die feierliche Waschung 

Die feierliche Waschung und Schmückung der Tänzer wird bei dieser 
Gelegenheit von Frauen einer bestimmten Gruppe ausgeführt, nämlich von 
Frauen, die zum Tänzer in einem Tabu- Verhältnis stehen. Wir werden die 
Tabu-Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaftsordnung in den folgenden 
Kapiteln ausfuhrlicher behandeln (Kap. XIII, 6; s. auch Kap. VIII, 2). 
Hier sei nur so viel gesagt, daß sie anerkanntermaßen als geeignete Part- 
nerinnen für vorübergehende Beziehungen, für festere Verhältnisse und für 
die Ehe gelten (s. auch Kap. TV, 4). Rmen hegt es ob, die Männer nun zum 
Tanz zu rüsten, sie mit Schmuck und Blumen und Bemalung zu zieren und 
den zu jedem Stadium gehörenden Zauber auszuführen. Somit unterscheidet 
sich dieses Ritual von der Schönheitsmagie beim kula, wo jeder Mann seinen 
eigenen Zauber ausführt und sich selber schmückt. Andererseits entspricht 
es in jeder Hinsicht der Schönheitsmagie anläßlich der ersten Schwanger- 
schaftsfeier (s. oben Kap. VIII, 2). 

Dem feierlichen Anlegen der Kleidung geht wie immer eine rituelle 
Waschung und Reinigung voraus unter ständigem Aufsagen bestimmter 

238 



Schönheitsmagie: die feierliche Waschung 

Zauberformeln. Die Tänzer und ihre Helferinnen haben sich nun außer- 
halb des Dorfes im Hain, meist in der Nähe des Wasserlochs, versammelt 
(s. Abb. 72). Zunächst warten die jungen Männer, während ihre tabula 
einen Zauberspruch über Kokosfasern sagen, mit denen die Haut wie mit 
einem Schwamm gerieben werden soll, und einen anderen Spruch über 
gewissen weichen Blättern (meistens vom JFagera-Strauch), die wie ein 
Handtuch zum Abtrocknen verwendet werden. In freier Übersetzung lautet 
ein Kaykakaya- (Wasch-) Spruch für das Verzaubern der Kokosfasern etwa 
folgendermaßen x : 

Reiben, abreiben, 

Waschen, abwaschen, 

Es gibt ein Stück Faser, 

Mein eigenes — eine tüchtige Faser, eine kräftige Faser, 

Eine, die ist wie der Morgenstern, 

Die ist wie der volle Mond. 

Ich wasche seine Brust, ich verschönere seinen Kopf, 

Ich verschönere seine Brust, ich wasche seinen Kopf, 

Sie klettern an einer Stange hinauf (ihn zu bewundern), 

Sie binden eine Schmeichelgabe um seine Knie. 

Dieser Spruch bedarf kaum der Erläuterung; wie die meisten Zauber- 
formeln enthält er die Bestätigung der gewünschten Wirkung. Mit der ein- 
fachen Feststellung des Waschens beginnt er und preist dann die Kokosnuß 
durch Vergleiche mit Morgenstern und Vollmond. Die solchermaßen in die 
Kokosfaser hineingezauberten Eigenschaften werden später — wohlgemerkt — 
durch Reibung auf die Haut des Badenden übertragen. Deutlich wird aus- 
gedrückt, daß lichte Hautfarbe ein Merkmal von Schönheit sei. Der Spruch 
schließt mit einer übertriebenen Feststellung der durch den Zauber er- 
reichten Wirkung. Es ist Brauch, daß man zum Zeichen der Bewunderung 
einen Zierat vom Körper des Tänzers entfernt, oder — falls es sich 
um einen sehr vornehmen Tänzer handelt — ihm eine Schnur um Bein 
oder Arm bindet. Dies geschieht mit den Worten: Agu tilewa'i, „meine 
Schmeichelgabe", und muß von dem bewunderten Tänzer mit einem ent- 
sprechenden Geschenk vergolten werden, das ebenfalls tUeuaH — Schmeichel- 
gabe — heißt. 



1 Über die Sprachbehandlung beim Übersetzen dieses und anderer Eingeborenentexte vgl. 
Kap. XVIII, „The Power of Words in Magic", in meinem Buch „Argonauts of the Western 



239 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Der folgende Spruch wird über die Blätter zum Abtrocknen der Haut 
gesagt: 

Ich ziehe und ziehe, ich ziehe hierhin und dahin, 

Ich ziehe meine Trockenblätter. 

Es gibt eine Art Handtuch-Blätter, 

Die Blätter meiner Gefährtinnen; 

Trockene, dürre Blätter sind es. 

Es gibt eine andere Art Blätter, meine Handtuch-Blätter. 

Die Blätter von mir, von Ibo'umli, 

Es sind tüchtige, kräftige, leuchtende Blätter. 

Wieder finden wir hier die übliche Feststellung; sehr interessant sind 
jedoch die drei mittleren Zeilen — man könnte sie als einen typischen Fall 
„magischer Relativität" bezeichnen. Die Magie des Sprechenden, der in 
solchen Fällen stets den eigenen Namen nennt, wird auf Kosten der Magie 
seiner (ihrer) Gefährten gepriesen. Solche Wendungen finden sich sehr häufig 
in Zaubersprüchen bei Wettbewerben 1 . Das in den ersten Zeilen erwähnte 
„Ziehen" der Blätter bedeutet das Abpflücken vom Baum und ist ein 
typischer Zauberausdruck. 

Sind die Kokosfasern und die Blätter verzaubert, so nimmt jeder Mann 
Schwamm und Handtuch von seiner tabula entgegen und hüllt beides in 
Blätter ein, auf daß keine Zauberkraft entfliehe — selbst nicht auf der 
kurzen Strecke zwischen Versammlungsort und Wasserloch; denn dorthin 
begeben sich nun die Männer, während die Frauen zurückbleiben. Am 
Wasserloch angelangt, legen die Männer alle Kleidung und Schmuckstücke 
ab, waschen sich und schaben alle Bemalung ab, die etwa noch vom Morgen 
her vorhanden ist. Zuerst wird die Kokosfaser aus ihrer Hülle hervorgeholt; 
damit reiben sie sich den Körper ab, eifrig und sorgfältig und mit peinlicher 
Gewissenhaftigkeit, damit ja kein Stückchen Haut vergessen wird. Gesicht 
und Brust werden vielleicht am gründlichsten gescheuert. Mit der gleichen 
peinlichen Aufmerksamkeit wird nun die Haut mit den weichen schwammigen 
Blättern abgetrocknet. Dann kehren die jungen Männer zu ihren Zauberinnen 
zurück, die sie bereits erwarten. 

4. Schönheitsmagie: die feierliche Schmückung 

Unterdessen haben die Frauen verschiedene Schönheitsmittel vorbereitet. 
Jeder junge Mann hat vor der Waschung seine kostbarsten Schmuckstücke, 

1 Vgl. zum Beispiel den Zauberspruch für die Schnelligkeit des Kanus, „Argonauts of the 
Western Pacific", S. 130. 

240 



Schönheitsmagie: die feierliche Schmückung 

wie Muschelgürtel, Anabänder und kostbare Halsketten, bei seiner tabula 
zurückgelassen; so kann nun also die Toilette beginnen. Zuerst kommt die 
Salbung mit verzaubertem Kokosnußöl, die stets unmittelbar auf die 
Waschung folgt (den Zauberspruch für das Kokosnußöl habe ich nicht er- 
langen können). Ist das öl — vom Manne selbst, nicht von der Frau — 
gut in den ganzen Körper eingerieben, so geht die Frau dazu über, mit einer 
Perlmuttermuschel {kayeki oder kaydobu) über die Haut zu streichen 
(s. Abb. 74). Sanft und langsam führt jede tabula die glatte Muschel auf 
und ab über Wangen, Arme und Brust und seitwärts über die Stirn; mit 
klarer, deutlicher Stimme sagt sie dabei ihren Zauberspruch her. Die Worte 
müssen stets gegen das Gesicht des Mannes, das sie bestreicht, gesprochen 
werden. 

Wer macht den Schönheitszauber — 

Die Schönheit zu erhöhen, herauszuholen? 

Wer macht ihn an den Hängen von Obukula? — 

Ich, Tabalu, und mein(e) Mann (Frau) Kwaywaya. 

Wir machen den Schönheitszauber. 

Ich mache glatt, ich mache schön, ich mache weiß! 

Deinen Kopf mache ich glatt und schön und weiß! 

Deine Wangen mache ich glatt und schön und weiß! 

Deine Nase mache ich glatt und schön und weiß! 

Deinen Hals mache ich glatt und schön und weiß! 

Deinen Nacken mache ich glatt und schön und weiß! 

Deine Schultern mache ich glatt und schön und weiß! 

Deine Brust mache ich glatt und schön und weiß! 

Helle Haut, hell; leuchtende Haut, leuchtend. 

Die ersten Sätze des Zauberspruchs sind wieder ein typisches Beispiel für 
trobriandische Magie; es wird darin die traditionelle Herkunft des Aus- 
führenden angegeben. Sagt der Zaubernde diese Zeilen, so vollbringt er den 
Zauber nicht in seinem eigenen Namen, sondern sozusagen als Vertreter des 
Ursprungs der Magie. Er — oder in diesem Falle sie — wird sogar an die 
Stelle versetzt, woher der Zauber stammt; im vorliegenden Spruch auf die 
Hänge von Obukula, wo in der Nähe des Dorfes Laba'i die Urgrotte Hegt 1 . 
Aus dieser Grotte sind nach der Überlieferung die ersten Ahnen des Clans 
hervorgekommen. Hier kam der Held Tudava zur Welt, hier lebte er mit 

1 Nähere Einzelheiten über diese sagenhaften Orte und Personen siehe in „Myth in Primitive 
Psychology". 



16 M. G. 



241 



Liebes- und Schönheitsmagie 

seiner Mutter. Er steht im Mittelpunkt überlieferter Zauberkunst, Sitte und 
Gesetze. Der Zauberspruch identifiziert den Sprecher mit zwei Ahnen des 
höchsten Unter-Clans, der nach einem von ihnen Tabalu heißt. In der hier 
gegebenen Fassung des Spruches können die Namen sowohl männlich als 
weiblich sein. In praxi wird meistens die männliche Vorsilbe Mo- oder die 
weibliche Bo- hinzugefügt, um anzuzeigen, ob ein Mann oder eine Frau be- 
nannt wird. So hieß der alte Häuptling von Kasana'i, der bei meinem ersten 
Aufenthalt auf den Trobriand-Inseln noch lebte, M'tabalu und einer seiner 
Neffen hieß Kwaywaya. Die weiblichen Formen würden Botabalu und 
Bokwaywaya lauten. Der Rest des Spruches ist typisch für die längeren 
Formeln und verfolgt Schritt für Schritt die Anwendimg des Zaubers auf 
den Verzauberten. Es ist dies der längste Zauberspruch und die umständlichste 
Ausführung der Schönheitsmagie. 

Nachdem der Körper gesalbt und mit der Perlmuttermuschel überstrichen 
ist, werden die Schönheitsmittel feierlich angewendet. Der Mund wird mit 
zerstoßener Betelnuß bemalt, wobei folgende Worte hergesagt werden: 

Rote Farbe, rote Farbe dorthin. 

Rote Farbe, rote Farbe hierhin. 

Eine rote Farbe meiner Gefährtinnen, 

Sie ist trocken, ist ausgedörrt. 

Eine rote Farbe, meine rote Farbe 

Von mir, von Doo'umli; 

Sie ist tüchtig, ist kräftig, ist leuchtend : 

Meine rote Farbe. 

Dieser Zauberspruch ähnelt dem für JPagewa-Blätter. 

Ist der Mund rot gefärbt — vielleicht sind auch ein paar Linien in der- 
selben Farbe auf das Gesicht gezeichnet worden — , so werden auf Wangen 
und Stirn schmückende Spiralen mit sayaku gemalt (s. Abb. 75), einem wohl- 
riechenden schwarzen Schönheitsmittel; dazu werden die folgenden Worte 
gesprochen : 

schwarze Farbe, o kräftige schwarze Farbe! 

O schwarze Farbe, o schmückende schwarze Farbe! 

O schwarze Farbe, o schöne schwarze Farbe! 

Leuchtende Augen, leuchtend, helle Augen, hell. 

Denn dies ist mein sayaku. 

Die schmückende, verlockende schwarze Farbe, fürwahr. 

242 






Sicherungs- und Geltungsmagie bei Festlichkeiten 

Dann wird das Haar mit einem Kamm gekämmt, wobei folgender Spruch 
aufgesagt wird: 

Wer macht den Schönheitszauber — 

Die Schönheit zu erhöhen, sie herauszuholen? 

Wer macht ihn auf den Hängen von Kituma ? 

Ich, Ho'umli, mache den Schönheitszauber 

Die Schönheit zu erhöhen, sie herauszuholen. 

Ich mache ihn auf den Hängen von Kituma. 

Tüchtig ist mein Kamm, kräftig ist mein Kamm, 

Mein Kamm ist wie der Vollmond, 

Mein Kamm ist wie der Morgenstern, 

Denn dies ist mein Kamm, 

Er wird mich schmücken, 

Er wird mir Liebe einbringen. 

Der Name Ibo'umli, der bereits in dem einen oder anderen der genannten 
Sprüche vorkam, ist der Name der Frau, welcher ich diese Zauberformeln 
verdanke. Der Ort Kituma scheint irgendwo auf einer östlichen Insel zu 
hegen, doch darüber konnte mir Ibo'umli keine genaue Auskunft geben. 

Nun ist die Toilette fast vollendet. Die Tänzer werden mit roten Blüten, 
wohlriechenden Kräutern (vana) und Gewinden aus butia geschmückt, das 
stets um diese Jahreszeit blüht (s. Abb. 76). Bestimmte Beschwörungs- 
formeln werden dabei gesprochen, doch ich gebe sie hier nicht wieder; sie 
wurden mir zwar mitgeteilt, aber ich kann sie nicht befriedigend übersetzen. 
Ohne Zuhilfenahnie von Zauberkräften werden schließlich solch wertvolle 
Schmuckstücke wie Gürtel, Armbänder, Halsketten und last not least der 
Federkopfschmuck den Tänzern angelegt. Dieser letzte Teil der Toilette 
wird von den Männern besorgt (s. Abb. 77). 



5. Sicherungs- und Geltungsmagie bei Festlichkeiten 

Die umständliche feierliche Vorbereitung der Tänzer gibt einen Begriff 
von der gespannten, erregten Atmosphäre, die für diese großen festlichen 
Versammlungen kennzeichnend ist. Der ganze Komplex gefährlicher Leiden- 
schaften, zugleich Folge und Ursprung des Wetteifers, wird bei solchen Hoch- 
Zeiten persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten natürlich aufs stärkste erregt. 

Während die Frauen im Hain Zauberformeln über die Tänzer aussprechen, 
um ihre Schönheit, Kraft und Geschicklichkeit zu erhöhen, wird im Dorf 
zweierlei Zauber anderer Art betrieben, der eine Schutzmaßnahme darstellt. 

243 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Es herrscht unter den Eingeborenen der feste Glaube und die große Angst, 
daß die Feinde des Dorfes schwarze Magie gegen die Tänzer ins Treffen führen. 
Hervorragendes Können auf tänzerischem Gebiet gehört in der Tat zu jenen 
gefährlichen Fähigkeiten, die bitteren Neid erwecken und die Kräfte manchen 
bösen Zauberers mobil machen. Zu den Zeichen, mit deren Hilfe ein zauber- 
kundiger Mörder an der Leiche seines Opfers überführt wird, gehören be- 
stimmte Merkmale, welche bedeuten: „Dieser Mann wurde getötet, weil er 
so hervorragend zu tanzen verstand 1 ." 

Es gibt einen besonders bösen Zauber namens kaygiauri, der gegen die 
Tänzer gerichtet ist, ja auch gegen alle Zuschauer mit Ausnahme des Zauberers 
und seiner Freunde. Leider ist es mir nicht gelungen, Einzelheiten über die 
Magie, ihre Ausführung und angebliche Wirkungsweise zu erfahren. Doch 
ich habe es selbst mit angesehen, wie Männer ein Gegenmittel zubereiteten 
und den Gegenzauber über den Tänzern ausführten. Nach Beendigung der 
feierlichen Toilette wurden kleine Päckchen zum Vorschein gebracht, welche 
verzauberte Ingwerwurzel, dicht in Blätter gehüllt, enthielten. Der Zauberer 
zerkaute sie und spuckte sie dann auf die Haut der Tänzer. Dann nahm er 
einige wohlriechende Blätter, murmelte einen kurzen Zauberspruch darüber 
und steckte sie in die Armbänder der Tänzer. 

Tatsächlich beschränkt sich die Wirksamkeit dieser üblen Leidenschaften 
nicht nur aufs Beich der Phantasien. Die Gefahr eines Zusammenstoßes am 
Haupttag eines kayasa ist selbst jetzt noch nicht ganz behoben. Ich selbst 
habe nie erlebt, daß die Aufregung sich zu Zank und Streit gesteigert hätte, 
doch auch ohne das mußte mir die Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit im 
Benehmen der Tänzer und der Volksmasse auffallen, ein gewisses ängstliches 
Mißtrauen und Zusammenhalten jeder einzelnen Gruppe, welches die Aus- 
sagen der Eingeborenen und meine allgemeinen Informationen über den 
Ausgang solcher Veranstaltungen in früheren Zeiten nur bestätigte. Damals 
erschienen die Eingeborenen in voller Waffenrüstung, mit Speeren, hölzernen 
Schwertkeulen, Wurf Stöcken und Schilden; jede Dorfgemeinschaft stand in 
einer Gruppe für sich, jeder einzelne Mann auf der Hut, voller Argwohn 
gegen alle Fremden und auf der Lauer nach möglichem Unheil. War das 
Interesse an der Vorführung aufs höchste gestiegen, so drängten die Leute 
vorwärts, das enge körperliche Nebeneinander ließ böse Zauberei vermuten, 
und jede Kleinigkeit konnte das Zeichen zum Kampf sein. Die Gegenwart 
von Frauen in den verschiedenen Gruppen vermehrte noch die Gefahr wegen 
der geschlechtlichen Rivalität. 

1 Vgl. „Crime and Custom" Teil II, Kap. II, S. 89. 
244 



Liebesmagie 

Zu den Neid- und Eifersuchtsgefühlen und dem gegenseitigen Mißtrauen 
kommt noch der brennende Wunsch nach Ruhm (butura). Er findet seinen 
deutlichen Ausdruck in einem besonderen Zaubertypus, der samt der Schön- 
heitsmagie und dem Gegenzauber gegen feindliche Hexereien auf das ohnehin 
erregte Dorf losgelassen wird. Es ist die sogenannte Magie des uributu, 
„Verbreitung des Ruhms" (uri von „Miori", schlagen, schnellen, zerstäuben; 
butu, Wurzel von „Ruhm"). Während die Tänzer unter den Bäumen des 
Dorfhaines fertig geschmückt werden, während auf dem Hauptplatz eine 
Nahrungsmittelverteilung vor sich geht, macht sich der Ruhm-Zauberer, der 
to'uributu, in seinem Hause daran, Ruhm für sein Dorf zu fabrizieren. Er 
ist derselbe, der vor einem Monat, am ersten Tag der Festlichkeiten, den 
wichtigen Zauber über den Muschelhörnern und den vergrabenen Nahrungs- 
mitteln vollbracht hat. Am Morgen hat er auch den Schauplatz der Tänze 
gerüstet durch feierliches Fegen des baku (Dorfplatz) mit einem verzauberten 
Besen. Jetzt kommt seine wichtigste Aufgabe. Auf eine große Matte, die 
wie ein Beutel zusammengefaltet ist, legt er eine Trommel, ein Muschelhorn 
und ein paar Stücke Schilfrohr {dadam). In die Öffnung dieses improvisierten 
Zaubersackes spricht er nun seinen Spruch hinein. Leider habe ich den 
Text nicht erfahren können. 

Seine Arbeit ist getan, wenn die Tänzer fertig gekleidet zum lapula oder 
Schlußtanz antreten (s. Abb. 80). Einem der Trommler gibt er die Zauber- 
trommel, ein anderer Mann ergreift das verzauberte Muschelhorn. 

Tänzer, Sänger und Trommler stellen sich nun auf und warten auf das 
Zeichen zum Beginn. Dieses wird vom Ruhm-Zauberer einem oder zweien 
seiner Gehilfen gegeben. Sie laufen von der Dorfstraße auf den Hauptplatz, 
ein verzaubertes Schilfrohr in den Händen. Jeder muß beide Hände an das 
Rohr legen, welches zu Boden weist. In bestimmten Zwischenräumen schlagen 
sie mit dem Rohr auf den Boden und stoßen dabei einen hohen, gellenden 
Schrei (igovasi) aus. Am anderen Ende des Platzes angelangt, drehen sie sich 
um und werfen das Rohr in die Luft. Der Mann, der das Rohr auffängt, hat in 
diesem Ruhmes-Wettbewerb einen Erfolg davongetragen. Sein Name wird in 
der ganzen Gegend genannt werden, wenn von dem Fest die Rede ist und die 
Helden aufgezählt werden. Dann stoßen dieMänner mit dem Rohr einen zweiten 
sehr lauten Schrei aus ; dies ist das Signal : die Trommler fangen an zu trommeln,' 
die Muschelhörner zu blasen, und die Tänzer beginnen ihren letzten Tanz! 

6. Liebesmagie 
Wir kommen nun zu dem wichtigsten Zaubersystem, das mit dem ero- 
tischen Leben auf den Trobriand-Inseln zusammenhängt, zur Liebesmagie. 

16* 

245 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Während die Schönheitsmagie stets mit offiziellen Ereignissen verknüpft ist, 
etwa mit dem kula (ritueller Tauschhandel), der Feier einer ersten Schwanger- 
schaft, einem kayasa (Wettspiel) oder einem usigola, wird der Liebeszauber 
jederzeit ausgeführt, wann eben die Gelegenheit sich ergibt. Im Gegensatz 
zur Schönheitsmagie, die stets offen und öffentlich vorgenommen wird, ist 
der Liebeszauber eine Privatangelegenheit, die nur auf Verlangen eines 
Einzelnen vollbracht wird. Dies bedeutet natürlich nicht, daß der Liebes- 
magie irgend etwas Heimliches oder Gesetzwidriges anhaftet. Wer im Besitz 
eines Liebeszaubers ist, rühmt sich dessen und spricht davon, wenn er ihn 
angewendet hat. Auch wäre es bei der Beschaffenheit der Riten ganz aus- 
geschlossen, die Liebesmagie vor dem Betroffenen ganz zu verbergen. Liebes- 
zauber wird gesetzwidrig nur insofern, als Liebe selbst gesetzwidrig ist; 
zum Beispiel also, wenn er sich gegen die Gattin eines Häuptlings richtet 
oder gegen eine andere Frau, die gleichfalls tabu ist. 

Wie bereits erwähnt, gehört diese Magie zu einem System. Auf den Tro- 
briand-Inseln besteht ein Magiesystem aus einer Reihe von Zauberriten, 
die irgendeine Kette zusammenhängender Tätigkeiten begleiten und in be- 
stimmter Reihenfolge entsprechend dem Ablauf der Kette ausgeführt werden. 
Bei wirtschaftlichen Vorgängen wie Gartenbau, Fischfang, Kanubau oder 
KuZa-Expeditionen oder auch bei der eben geschilderten Schönheitsmagie 
begleiten die Riten jedes neue Stadium des Unternehmens, wodurch natürlich 
eine bestimmte Reihenfolge gegeben ist. 

Doch auf anderen Gebieten der Magie ist das System etwas anders ge- 
artet. Zum Beispiel gilt Zauberei als die eigentliche Ursache jeder Krankheit. 
Schwarze Magie ist immer wirksam und schließlich todbringend, voraus- 
gesetzt, daß sie unter strenger Einhaltung aller Bedingungen richtig aus- 
geführt und daß ihr nicht durch stärkeren Gegenzauber entgegengewirkt 
wird. Der Hexer eröffnet den Angriff — das Opfer verteidigt sich, indem es 
zum Gegenzauber greift und alles anwendet, was die volle Wirksamkeit 
schwarzer Magie durchkreuzen kann. Selbst wenn der böse Zauberer ganz 
oder teilweise erfolgreich ist, so entwickelt sich doch die erzielte Krankheit 
nicht in vorgeschriebenen Bahnen wie etwa die Bestellung eines Gartens. 
Die Zauberei kann sich also in diesem Falle nicht an eine feste Reihenfolge 
der Ereignisse halten; statt dessen besteht ein solches System schwarzer 
Magie aus einer Folge von Zaubersprüchen und Riten von allmählich 
zunehmender Stärke. Ist der Zauber wirksam, so ruft die zunehmende 
Stärke der Sprüche einen beschleunigten Verfall des Opfers hervor, bis 
schließlich der Tod eintritt. Wird der Zauber durchkreuzt, so wendet der 
Hexer immer stärkere Formeln an, um sein Opfer zu treffen trotz aller 

.246 



Liebesmagie 

Vorsichtsmaßregeln, Erschwerungen und Gegenmagie, die es zu seinem 
Schutze anwendet. 

Betrachten wir die schwarze Magie einmal nicht vom Standpunkt der 
Eingeborenen, sondern vom Standpunkt des Ethnologen. Ein Zauberer wird 
entweder dafür bezahlt, daß er sein Opfer unschädlich macht, oder er tut es 
aus persönlichen Gründen. Es ka nn sich so treffen, daß ein paar "Wochen 
nach den ersten Zauberaktionen das Opfer tatsächlich mehr oder weniger 
ernstlich erkrankt. Da schwarze Magie häufig angekündigt und stets ver- 
mutet wird, gilt sie als Ursache der Erkrankung. Ist es bekannt, daß ein 
mächtiger Zauberer im Solde eines Häuptlings am Werke ist, so kann die 
Suggestion bedenklich auf das Opfer einwirken. Es folgt nicht ohne weiteres, 
daß der Betroffene gleich gänzlich nachgibt und stirbt, doch ich glaube, 
daß auch dies gelegentlich vorkommt 1 . In der Regel jedoch wird ein hart 
bedrängtes Opfer alle Kräfte der Verteidigung aufbieten. Es wird Gegen- 
magie in Bewegung setzen, sich nachts von Bewaffneten bewachen lassen, 
an einen anderen Ort ziehen, die Diät wechseln und alle Tabus und Vor- 
schriften für die Genesung beobachten. Es 6pielt 6ich also in der Vorstellung 
des Patienten ein Kampf zweier Kräfte ab, entsprechend dem Gegenspiel 
zweier wirklicher Energien — Widerstand und Krankheit — in seinem 
Organismus. Neben dem Kampf zwischen Zauber und Gegenzauber läuft 
also der Kampf zwischen dem Organismus und den verheerenden Kräften 
der Bakterien oder bösartigen Veränderungen. Hat sich der Hexer einmal 
zu schwarzer Magie entschlossen oder hat er Bezahlung dafür empfangen, 
so muß er das ganze Repertoire durchnehmen, von der ersten Formel bis 
zum letzten I-Tüpfelchen — selbst wenn er am Ende seinen Mißerfolg ein- 
gestehen muß. Ein unwissentlich gebrochenes Tabu ist vielleicht die beste 
Entschuldigung eines erfolglosen Zauberers; doch Mißgeschick bei der end- 
gültigen Anwendung der Zaubermittel und mächtige Gegenmagie können 
ebenfalls die Wirkungslosigkeit seiner Zauberei erklären. Nach solchen Miß- 
erfolgen wartet der Hexer seine Zeit ab, bis sich eine passende Gelegenheit 
einstellt — etwa eine wirkliche Krankheit seines Opfers. Denn obzwar die 

1 Ich besitze in meinem Material kein zweifelfrei belegbares Beispiel, doch scheinen mir 
mehrere Fälle rapid verheerender Krankheiten in diese Kategorie zu gehören. In der ethno- 
logischen Literatur finden sich zahlreiche Beispiele dafür, daß Menschen gestorben sind, 
bloß weil sie fest überzeugt waren, ein gebrochenes Tabu wirke tödlich, oder die gegen sie 
geübte schwarze Magic sei zu stark, um bekämpft zu werden. Obige Ansicht beruht jedoch 
nicht auf der Annahme, daß ein sozusagen psychologischer Tod infolge von Zauberei un- 
vermeidlich sei; vielmehr beruht sie auf dem in der modernen Psychotherapie anerkannten 
Grundsatz, daß es für die Behandlung wesentlich ist, ob sich der Patient von guten oder 
bösen Einflüssen umgeben glaubt. Vgl. P. Janct, „Les Medications Psychologiques", 1920. 

247 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Eingeborenen fest daran glauben, daß wirkliche Krankheit (silami) nur 
durch Magie hervorgerufen wird, wissen sie doch recht gut, daß Unpäßlichkeit 
(katoulo), die von allein kommen kann, einen ausgezeichneten Boden für die 
Wirksamkeit der Magie abgibt. 

Wir mußten von der allgemeinen Wesensart magischer Systeme und von 
ihren Unterschieden etwas ausführlicher reden, um das eigentliche Wesen 
der Liebesmagie deutlich zu machen. Die einen Systeme begleiten also den 
von vornherein festgelegten Verlauf einer Tätigkeit oder eines Unternehmens, 
die anderen Systeme folgen Ereignissen, welche vom Zufallsspiel unbekannter 
Faktoren beherrscht werden. Die Liebesmagie gehört zur letzteren Art und 
hat es also mit einem Zusammentreffen von Möglichkeiten und Faktoren zu 
tun, die keinen vorgeschriebenen Verlauf nehmen. Auch hier sind die Ein- 
geborenen fest davon überzeugt, daß Liebeszauber, richtig angewendet und 
nicht durchkreuzt, von unfehlbarer Wirkung ist. Das nanola (Geistes- und 
Gefühlszentrum) keines Mannes und keiner Frau kann der vollständigen 
Reihe von Riten und Zaubersprüchen widerstehen; selbst wenn es durch 
die einleitenden Schritte nur schwach berührt wird, muß es doch schließlich 
dem gehäuften Zauber erliegen — falls nämlich dem Zauber nicht durch 
Gegenzauberei entgegengewirkt wird. Denn auch hier gibt es Gründe für 
einen Mißerfolg; der Zauberer ist vielleicht nicht im Besitz des ganzen 
Wortlauts der Formel, oder er hat ein vorgeschriebenes Tabu gebrochen; 
oder ein Gegenzauberer vereitelt seine fast schon erfolgreichen Bemühungen. 
Wie jede übernatürliche Beherrschung des Zufalls ist auch die Unfehlbarkeit 
der Magie nur absolut unter absolut vollkommenen Bedingungen; das heißt, 
sie wird in der Praxis nie erreicht, obzwar sie in der Theorie behauptet wird. 

7. Ritus und Formel der Liebesmagie 

Wenn wir die Ausführung der Liebesmagie in ihren verschiedenen Stadien 
verfolgen wollen, müssen wir uns die Umwelt einer trobriandischen Liebes- 
geschichte vorstellen: das übliche Dorf leben und die hergebrachten Formen 
des Verkehrs zwischen den Geschlechtern. Obzwar auch Mädchen sich ge- 
legentlich des Liebeszaubers bedienen, ist es doch häufiger, daß der Mann 
die Initiative ergreift. Die Geschichte nimmt ihren Anfang wie gewöhnlich: 
ein junger Mann ist von einem Mädchen gefesselt. Findet er keine Gegen- 
liebe und gewinnt er nicht sofort ihre Gunst, so nimmt er seine Zuflucht 
zum wirksamsten Weg der Werbung, zur Magie. 

Wie beim gewöhnlichen Schönheitszauber muß er sich zunächst waschen 
oder im Meere baden. So macht er sich schön und anziehend; mit Hilfe 

248 



Ritus und Formel der Liebesmagie 

desselben Ritus zaubert er auch eine mitschwingende Neigung ins Herz der 
Geliebten. Nehmen wir an, unser Held wohne in der Nähe des Meeres. Auf 
seinem Weg zum Strand pflückt er im Busch ein paar der weichen, schwam- 
migen Blätter vom Wageva-, Silasila- oder Ponatile- Strauch, dazu noch 
einige Blätter von einem Baum mit besonders glatter, reiner Rinde — am 
liebsten vom reyava oder gatumwalila. Er wickelt das ganze Bündel in ein 
größeres Blatt und sagt die besondere Waschformel darüber. Sie entspricht 
den analogen Zauberformeln der Kula- Schönheitsmagie und des in früheren 
Abschnitten beschriebenen Liebeszaubers. 

Einer der Kajfcafeayo-Liebeszaubersprüche lautet in freier Übersetzung 
etwa folgendermaßen: 

Der Kaykakaya- Spruch 
Schmutzblätter und Blätter zum Waschen, 
Schmutzblätter und Blätter zum Waschen. 
Glatt wie die Rinde des Üeyaua-Baumes, 
Wie der Schwanz des Opossums. 
Mein Gesicht erglänzt in Schönheit; 
Ich wasche es mit Blättern; 
Mein Gesicht, ich wasche es mit Blättern, 
Meine Augenbrauen, ich wasche sie mit Blättern. 

Und so weiter. 

Der junge Mann muß dann die verschiedenen Teile des Kopfes und des 
Körpers nennen und zu jedem das Wort ayolise hinzufügen, das hier über- 
setzt ist als „Ich wasche mit Blättern". Von meinem Gewährsmann, dem 
ich den Spruch verdanke, wurden folgende Körperteile genannt: Kopf, 
Gesicht, Augenbrauen, Nase, Wange, Kinn, Kiefer, Kehle, Schultern, Kehl- 
kopf, Brust, Weichen, Achselhöhlen, Gesäß, Schenkel, Knie, Waden und 
Füße. Der Spruch geht dann weiter: 

Schön wird mein Gesicht bleiben, 

Leuchtend wird mein Gesicht bleiben, 

Belebt wird mein Gesicht bleiben! 

Nicht länger ist es mein Gesicht, 

Mein Gesicht ist wie der volle Mond. 

Nicht länger ist es mein Gesicht, 

Mein Gesicht ist wie der runde Mond. 

Ich breche durch 

Wie der milchweiße Sproß des Areca-Blattes, 

249 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Ich komme hervor 

Wie eine Knospe der weißen Lilie. 

Dann werden die verzauberten Blätter sorgfältig eingehüllt, damit der 
Zauber nicht entweichen (kayawa) kann, und der Bursche wäscht sich im 
Wasser. Ist er gründlich gereinigt, so öffnet er die Hülle und reibt und 
trocknet sich am ganzen Körper mit den verzauberten Blättern. An diesem 
Punkte erweist der Ritus seinen besonderen Charakter als Teil eines Liebes- 
zauber- Systems; die so benutzten Blätter werden nämlich ins Meer ge- 
worfen mit den Worten: „Kirisana akaykakaya, kula kworisaki matana . . ." 
(hier wird der Name des Mädchens angefügt). Das Wort kirisana, auch be- 
kannt in den Formen kirisala oder karisala, bedeutet den Einfluß, den ein 
durch Zauberkraft eingegebener Traum auf da6 Gefühlszentrum — wir 
würden sagen: auf das Herz, die Eingeborenen sagen: auf den Bauch — 
ausüben kann 1 . Es ließe sich etwa übersetzen als: „Der Einfluß einer Zauber- 
handlung auf die Herbeiführung eines Traumes." Die Verbalform ist korisaki 
mit der Aktivsilbe -ki. Die Übersetzung des Satzes würde also folgender- 
maßen lauten: „Traum-Zauber meines kaykakaya, geh und wirke auf 
Soundso's Auge." 

Der Zauber hat also eine doppelte Wirkung: er macht den Mann schön 
wie jede Reinigungsmagie, und er bringt dem Mädchen süße Träume von 
dem Jüngling. Die Eingeborenen sagen vom rituellen Hineinwerfen der 
Kräuter ins Meer: „Wie die Blätter von den Wogen hin und her getrieben 
werden, und wie sie mit dem Meer auf und ab tanzen, so wird das Innere 
des Mädchens sich heben und senken." 

Was weiter folgt, hängt wie bei der bösen Zauberei von der Wirkung des 
bereits Vollbrachten ab. Ergibt sich das geliebte Mädchen leicht, so wird 
vielleicht noch ein weiterer Zauberspruch aufgesagt, um ihre Neigung um 
so fester und sicherer zu binden. Doch wenn die Reinigungsmagie gänzlich 
erfolglos bleibt, wird mit Hilfe eines stärkeren Zaubers namens kasina ein 
erneuter Angriff auf das belagerte Herz unternommen. Er hat durch den 
Mund zu erfolgen. Ein Bissen Essen oder Betelnuß — oder heutzutage etwas 
Tabak — wird verzaubert und dem Mädchen gegeben. Die Reinigungsmagie 
hat bereits ein gewisses Interesse für den Freier geweckt, und wenn sie auch 
noch nicht gewillt ist nachzugeben, so bittet sie doch wahrscheinlich um 
irgend solch kleine Gabe. Auf jeden Fall wird sie ein derartiges Geschenk 
nicht zurückweisen, selbst wenn sie argwöhnt, daß es mit tieferer Absicht 
dargeboten wird. 

1 Vgl. weiter unten Kap. XII, 1. 

250 



Ritus und Formel der Liebesmagie 

Der Kasina-Zauber 

Mein leuchtender Schmuck, meine weiße Haut, 

Ich will die Gesichter meiner Gefährten und Nebenbuhler nehmen; 

Ich will machen, daß sie fortgejagt werden, 

Ich will mein Gesicht nehmen, das Gesicht von mir (Name des Betreffenden), 

Und ich werde eine Schmeichelgabe dafür erhalten, 

Für mein schönes Vollmondgesicht. 

Das Gleichnis der letzten Zeile würde vielleicht das Herz eines weißen 
Mädchens nicht in Glut versetzen, doch für den Trobriander ist der Voll- 
mond in einem gefühlsmäßig viel erregenderen Sinn ein Symbol der Farbe 
und Rundheit. Die „Schmeichelgabe" (tiletca'i) ist bereits weiter oben er- 
klärt worden (Abschnitt 3). 

Hat das Mädchen das kleine Douceur verzehrt, so gelangt der Zauber in 
ihr Inneres und bewegt ihren Sinn. Nun besteht schon größere Wahrscheinlich- 
keit, daß sie der Werbung geneigt ist, doch noch ist ein mächtig wirksamer 
Zauber übrig. Der erste Angriff erfolgte, wie wir sahen, durch das ätherische 
Medium des Traumes; der zweite durch das sehr materielle des Essens; es 
bleiben noch die beiden Sinne des Gefühls und des Geruchs — sie gelten 
als die für Liebeszauber empfänglichsten. 

Der nächste Ritus dreht sich deshalb um ein wohlriechendes Kraut namens 
kwoyawaga, das nur auf den östlichen Inseln wächst und meistens aus 
Kitava eingeführt wird. Dieses Kraut wird in ein Gefäß mit Kokosnußöl 
gelegt und der folgende Spruch darüber gesagt: 

Der Kwoyawaga-Zauber 

Breite hin, falte zusammen, 

Breite hin, falte zusammen, 

Ich schneide ab, ich schneide, ich schneide. 

Einen Köder für einen Vogel, für einen kleinen Fischadler, 

Uve, uvegu-guyo, o! 

Mein jKojro'iwa-Liebeszauber bleibt, 

Mein Koyro'iwa-Liebeszauber weint, 

Mein .Kayro'iwa-Liebeszauber zieht, 

Mein ICayro'iica-Liebeszauber läuft über. 

Drücke nieder, drücke auf dein Bett; 

Glätte, glätte deine Kopfmatte; 

Komm in mein Haus und betritt meinen Fußboden. 

Kämme mein Haar und reiß es mir aus; 

251 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Trinke mein Blut und fasse meinen Penis; 

Apicem penis suge, denn meine Eingeweide sind bewegt. 

Dieser Zauberspruch ist viel dunkler als die früheren. Die erste Zeile, 
„Breite hin, falte zusammen", bezieht sich nach Aussage meines Gewährs- 
mannes vielleicht auf die Matte, die dem Paar als Liebeslager dient. Das 
Schneiden läßt sich in Analogie zu ähnlichen Formeln auf die beim Zauber 
verwendeten Pflanzen beziehen. Im nächsten Satz wird der Zauber mit dem 
Köder für einen Vogel verglichen und das Mädchen mit einem Fischadler, 
der über der Falle schwebt. Einen Satz vermochte ich nicht auch nur an- 
nähernd zu übersetzen, und deshalb gebe ich ihn in der Eingeborenensprache 
wieder. Das folgende ist weniger schwierig zu deuten. KayroHica ist der 
Name eines der Liebeszauber- Systeme, das wir in Verbindung mit der Blut- 
schande-Sage der Eingeborenen näher kennenlernen werden. Der letzte Teil 
ist typisch für die leidenschaftlicheren Formeln der Liebesmagie; ich habe 
verschiedene Zaubersprüche mit ähnlichem Schluß kennengelernt. 

Ich darf hier wohl einfügen, daß ich jede Formel, die ich niederschreiben 
konnte, stets ein paar Wochen später nachprüfte und mir erläutern ließ, 
um eine einigermaßen sinnvolle Übersetzung zustande zu bringen; auf jede 
brauchbare Formel kamen mehrere, die ich als unecht, bruchstückhaft oder 
selbst den Eingeborenen nicht verständlich ausschalten mußte. Weil ich die 
Formeln nach Verlauf einer gewissen Zeit mit meinem ursprünglichen Ge- 
währsmann nachprüfte und wieder nach einiger Zeit nochmals und nochmals 
nachprüfte, war ich stets in der Lage, die echte alte Formel von der korrum- 
pierten zu unterscheiden. 

Kehren wir nun zur Magie der Kwoyawaga-KiäuteT zurück: dieses wohl- 
riechende Zaubermittel kann nur aus nächster Nähe angewendet werden; 
es muß eine noch innigere Annäherung an das begehrte Mädchen zustande 
kommen als mit der Betelnuß oder dem Tabak des vorigen Zaubers, denn 
ein Teil des wohlriechenden Öls muß ihr auf den Körper geschmiert oder 
aufs Gesicht gegossen oder am besten auf die Brüste gestrichen werden. Es 
ist also innige körperliche Berührung notwendig, zu der sich bei Spielen und 
Tänzen Gelegenheit bietet, bei Festlichkeiten und jenem rhythmischen Rund- 
gang namens karibom. Nur wenn ein sehr ungeschickter oder schüchterner 
Bursche keine Gelegenheit zu vertraulicher Annäherung findet, streicht er 
das Ol auf ein Stück Zigarettenpapier oder, in alten Zeiten, auf eine Blume, 
damit der Rauch oder der Duft dem Mädchen in die Nase steige. 

Nun bleibt noch ein einziger Zauber — der Zauber des alles vermögenden 
sulumwoya, des Minzkrauts; die Minze ist das Sinnbild der Verführung, das 

252 



Ritus und Formel der Liebesmagie 

Hauptanziehungsmittel beim kula (ritueller Tauschhandel) ; in der Sage vom 
Ursprung der Liebe und auch beim wichtigsten Liebeszauber spielt das 
Minzkraut die Hauptrolle. Dieser Ritus wird selbst dann vollzogen, wenn 
der Zauber bereits in einem früheren Stadium gewirkt hatte, denn sulumwoya 
verleiht volle, ungeteilte Macht über das Herz der Geliebten. Böge bipayki 
kumaydona, magila yakida, „Schon weist sie alle anderen ab; ihr Begehren 
steht nur nach uns". Die Formel des Sulumwoya-ZaxiheTS im KayroHwa- 
System lautet folgendermaßen: 

Sulumwoya-Zauber 
O, ihre sinnliche Erregtheit, 
0, ihr Vergehen in Liebe! 
Begehren, o weibliches Hinsinken! 

Mein Umklammern, dein Umklammern entzünden unser Vergehen in Liebe ! 
Meine Umarmungen, deine Umarmungen entzünden unser Vergehen in Liebe ! 
Meine Begattung, deine Begattung entzünden unser Vergehen in Liebe! 

Dieselbe umständliche Satzbildung wiederholt sich dann mit einer Reihe 
von Worten an Stelle von Umklammern, Umarmung und so fort. Diese 
Worte sind: horizontale Bewegung (bilabala), horizontale Gegenbewegung 
(bilamapu), erotisches Liebeskratzen (kimali), Liebesbeißen (kayalu), Nasen- 
reiben (vayaulo) und Augenwimpernbeißen (mitakuku), Lausen (kopokutu), 
gegenseitiges Lippenreiben (kaicidova). Dann kommen folgende Sätze: 

Mein Vorangehen, dein Folgen entzünden unser Vergehen in Liebe, 
Mein Warten, dein Warten entzünden unser Vergehen in Liebe, 

und schließlich: 

Du gehst meinen Weg, du rufst nach mir, 

Du trittst in mein Haus, du lächelst mich an. 

Das Haus erzittert vor Freude, wenn du den Fuß auf meinen Boden setzt. 

Kämme mein Haar, reiße es aus, 

Trinke mein Blut, 

Auf daß meine Gefühle froh seien. 

Dies ist ein langer Spruch — um so länger, als bei allen trobriandischen 
Zauberformeln der mittlere Teil, die Litanei, immer und immer wiederholt 
wird, wobei nicht notwendigerweise dieselbe Reihenfolge eingehalten zu 
werden braucht. Der Spruch wird über einer in Kokosnußöl gekochten Minz- 
pflanze hergesagt. Wird der Zauber bei einem Mädchen angewendet, dessen 
Liebe man schon errungen hat, so bietet es keine Schwierigkeiten, das duftende 

253 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Zauberei] über sie auszugießen oder sie damit einzusalben. Ist sie noch nicht 
erobert, so bleibt noch die schwierige Aufgabe, sich nachts in ihre Hütte 
zu schleichen und ihr ein wenig öl unter die Nase zu gießen, damit sie vom 
Zaubermacher träume. Doch ist das einmal gelungen, so ist der Zauber 
unwiderstehlich . 

Weniger zuverlässig ist die Wirkung, wenn man ihr das Öl auf die Hände 
streicht, oder ein wenig davon in die Nähe ihres Gesichts bringt, oder ein 
paar wohlriechende Zweiglein in das öl taucht und sie ihr dann unter die 
Nase schnellt. Diese drei Methoden bringen ihr natürlich zur Kenntnis, daß 
Liebeszauber im Spiel ist, und das erzeugt den gewünschten Effekt — wenn 
nicht auf magischem, so wenigstens auf psychologischem Wege! 

Der Zauber wird noch verstärkt, wenn man dieselbe Formel über dem 
langen Flossenstachel eines Fisches namens umlaybasi hersagt, dessen Stich 
dauernden heftigen Schmerz verursacht. Der Bursche hält den Stachel in 
der hohlen Hand und sagt, die Hand dicht am Munde, den Zauberspruch 
auf; nun steckt er den Stachel in den Stöpsel der Kokosnußflasche mit dem 
Zauberöl, oder er hält ihn in der hohlen Hand und stößt das Mädchen mit 
dem Finger in die Rippengegend; oder es kommt beim karibom zu jener 
noch vertraulicheren Berührung, von der bereits die Rede war (Kap. IX, 3). 

8. Realitäten in der Liebesmagie 

Behandelt man ein vielseitiges und einigermaßen verworrenes Thema wie 
Liebesmagie frisch hintereinander weg, so ruft man unvermeidlich den Ein- 
druck einer viel größeren Genauigkeit und Systematik hervor, als tatsächlich 
vorhanden ist — vor allem wenn man die einzelnen Teile zusammenhängend 
vorführt, sei es auch nur theoretisch. Man sollte sich stets klarmachen, daß 
der wirkliche Vorgang niemals so vollständig und wohlabgegrenzt ist, wie 
es nach den Aussagen der Eingeborenen scheinen könnte. 

Einigermaßen verwickelt gestaltet sich die Sache durch das Vorhanden- 
sein einer Anzahl verschiedener Systeme. Am berühmtesten ist der Kayro'iwa- 
Zauber. Doch auch das Kwoygapani- und das Libomatu- System — das eine 
von der Insel Vakuta, das andere von der Insel Kayleula stammend — sind 
sehr wichtig. Diese drei Systeme, wohl die bekanntesten und beliebtesten, 
haben sich allmählich vermengt, und nur selten verfügt ein Eingeborener 
über die vollständige, zu einem System gehörige Reihe von Zaubersprüchen. 
Selbst wenn meine Gewährsmänner zunächst geprahlt hatten, sie wüßten 
eine höchst wirksame Reihe von Formeln, so zeigte sich doch, daß nur 
wenige von ihnen eine ganze Reihe aufsagen konnten. Jeder wußte zwei 

254 



Realitäten in der Liebesmagie 

oder drei oder auch nur einen Spruch. Ich darf hinzufügen, daß vielleicht 
kein einziger Eingeborener auf den Trobriand-Inseln Zauberformeln so gut 
zu beurteilen versteht wie ich. Denn kein menschliches Gedächtnis kann es 
mit einer niedergeschriebenen vergleichenden Sammlung aufnehmen. Gegen 
Ende meiner Feld-Arbeit konnte ich ohne viel Schwierigkeit entscheiden, 
ob ein mir vorgetragener Zauberspruch echt oder korrumpiert war; und im 
letzteren Fall, ob es sich um eine bewußte Täuschung, um Selbsttäuschung, 
um Täuschung durch den Vorgänger meines Gewährsmannes oder ganz 
einfach um mangelhaftes Gedächtnis handelte. 

Es ist bemerkenswert, daß nur wenige Eingeborene über ein vollständiges 
System in unverfälschter Form verfügen. Ein Jüngling, der ein oder zwei 
Formeln weiß — manchmal ist es auch nur ein Bruchstück — , glaubt in 
der Regel ganz fest an ihre wirkende Kraft ; häufig stärkt eigene Erfahrung 
diesen Glauben. Er sagt sein Fragment oder seinen vollständigen Zauber- 
spruch über den Kaykakaya-Blättein, und wenn der Erfolg ausbleibt, so 
versucht er es mit seiner Formel bei anderen Kräutern. 

Jeder Zaubervorgang hat eine gewisse positive Wirkung auf ihn selbst 
und meistens auch auf seine Angebetete. Die Reinigungsmagie überzeugt ihn 
von seiner erhöhten Anziehungskraft und Stärke — eine Einstellung, die 
seinem Vorhaben nur günstig sein kann. Dieselbe Magie läßt ihn hoffen, 
daß sein Mädchen von ihm geträumt hat und bereit ist, sich auf seine 
Werbung einzulassen. Er nähert sich ihr voll Vertrauen und mit unbefangenen 
Scherzen. 

Die anderen Riten bedeuten eine noch handgreiflichere Unterstützung der 
Werbung. Alle verlangen unmittelbare Berührung beim Überreichen der 
Gabe, beim erotischen Abtasten oder beim Zuwehen des Duftstoffes. So 
glaubt also nicht nur er an seine magischen Kräfte, sondern auch ihr wird 
zur Erkenntnis gebracht, daß er ihr Herz bestürmt. Und auch sie ist 
empfänglich für den Einfluß von Glauben und Tradition. Ist er ihr hoff- 
nungslos zuwider, so braucht das ihren Glauben an Liebeszauber durchaus 
nicht zu erschüttern. Sie folgert, daß seine Zaubermittel untauglich sind, 
daß er seine Sprüche schlecht hergesagt hat. Doch erscheint er ihr nur 
einigermaßen anziehend, so ist leicht zu ersehen, auf welche Art der Zauber 
seine Schuldigkeit tut. 

Diese Schlußfolgerungen beruhen auf dem Verhalten der Eingeborenen, 
auf ihren Aussagen und auf der tatsächlichen Wirkung der Liebesmagie in 
bestimmten Fällen, über die meine Freunde rnir fortlaufend berichteten. 

Wie schon gesagt, glauben die Eingeborenen fest an die Kraft des Liebes- 
zaubers und sind vollkommen überzeugt davon, daß einzig dieser Weg 

255 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Erfolg der Werbung verbürge. Alle Erwartungen, Prahlereien und Hoff- 
nungen eines Mannes beruhen auf dem Vertrauen in seine magischen Fähig- 
keiten; ebenso wird auch jeder Mißerfolg einem Mangel oder Unvermögen 
in dieser Richtung zugeschrieben. Schon öfter habe ich Gomaya erwähnt: 
eitel, anmaßend, eigenwillig, doch ein bemerkenswerter Charakter, brüstete 
er sich fortwährend mit seinen Erfolgen bei Frauen, und stets in Wendungen, 
die mit Zauberei zu tun hatten. Er sagte etwa: „Ich bin häßlich, mein 
Gesicht ist nicht schön. Aber ich verstehe mich aufs Zaubern, und deshalb 
mögen mich alle Frauen." Er prahlte dann mit seinen Beziehungen zu 
Ilamweria, mit der Zuneigung seiner Basen und mit anderen Liebeserfolgen, 
von denen in diesem Buch zum Teil schon die Rede war. Auch meine anderen 
Gewährsleute waren sich durchaus einig über die Wirksamkeit des Liebes- 
zaubers. Auf direkte Fragen erhielt ich stets dieselbe Antwort: „Wenn ein 
Mann schön ist, ein guter Tänzer, ein guter Sänger, und keinen Zauber hat, 
■während ein anderer häßlich ist, lahm und dunkelhäutig, aber einen guten 
Zauber hat, so wird der erste abgewiesen, aber der zweite von den Frauen 
geliebt." 

Dies ist natürbch eine Übertreibung um der eindringbchen Darstellung 
willen, wie sie für den Melanesier kennzeichnend ist. Alle Eingeborenen 
können zaubern, doch haben sie keineswegs alle den gleichen Erfolg. Hält 
man ihnen das entgegen, so erwidern 6ie, der Erfolgreiche habe Erfolg, weil 
sein Zauber „stark und durchdringend" sei. Und hier kommen die Ein- 
bildungen der Eingeborenen der Wahrheit näher. Ein Mann von IntelHgenz, 
Temperament und Willenskraft, eine starke Persönlichkeit, wird bei Frauen 
mehr Glück haben als ein schöner, seelenloser D ummk opf — in Melanesien 
so gut wie in Europa. Ein Mann, der überzeugt ist, auf dem rechten Wege 
zu sein, der mit großem Aufwand an Energie herausfindet, wer den besten 
Zauber weiß und dann voller Fleiß diesen Zauber sich aneignet, — ein 
solcher Mann wird in der Liebe ebenso erfolgreich sein wie in der Magie. 
Die Anschauung der Eingeborenen enthält also einiges Wahre, doch ist dies 
mehr durch psychologische als durch naturwissenschaftliche oder okkulte 
Wirkungen bedingt und steckt nicht so sehr in den eigentlichen Vorgängen, 
als vielmehr in den Ergebnissen. 

Gomaya ist ein geeignetes Beispiel. Die fünf Söhne von To'uluwa und 
Kadamwasila waren alle hübsch und klug, anziehend und unternehmend, 
und alle fünf berühmt wegen ihrer Liebesmagie. So ist mir auch die erste 
und die letzte der hier zitierten Formern von Yobukwa'u mitgeteilt worden; 
trotzdem er nur zwei von vier Zaubersprüchen beherrschte, hat er es doch 
zu einem blutschänderischen Verhältnis mit der jüngsten Frau seines Vaters, 

256 




'■:^--' : J : :.£.r~.-~Jj^\:.2JL^:...:-::. -'. ■" — •- l. -^ ___ ■ 

72. VERSAMMELT IM DORFHAIN ZUR SCHÖNHEITS-MAGIE (KAP.XI,9> 




HflS". 1 '■" 



73. PROBE ZUM KASAWAGA-TANZ (KAP.. XI, 2: KAP. 11, 2) 




74. PERLML'TTERZAUBER (KAP. XI, 4) 




75. MAGISCHE BEMALUNG DES GESICHTS (KAP. XI, 4; KAP. X, 3> 



Realitäten in der Liebesmagie 

zu mehreren Ehebrüchen und Verlobungen hintereinander gebracht. All 
diese Liebesgeschichten wurden der Anwendung von Liebeszauber zu- 
geschrieben, ebenso bei Kalogusa, seinem jüngeren Bruder, der Yobukwa'us 
erste Braut, Isepuna, eroberte. Ein anderer der fünf Brüder, Gilayviyaka, 
mit dessen Liebesgeschichten wir schon bekannt sind, galt ebenfalls als 
Fachmann in Liebesmagie. Ich könnte noch viele Beispiele anführen, doch 
will ich mich lieber an die berühmteren Fälle halten. 

Bagido'u, der Neffe und Nachfolger des obersten Häuptlings, ein außer- 
ordentlich intelligenter und Uebenswürdiger Gewährsmann, litt an irgend- 
einer zehrenden inneren Krankheit, wahrscheinlich an Tuberkulose. Wir 
haben schon von seinem häuslichen Mißgeschick gehört, von der Treulosigkeit 
seiner schönen Frau, die ihn verließ, um mit Manimuwa, dem Gatten ihrer 
verstorbenen Schwester, zu leben, einem jungen, gesunden und schönen 
Mann aus Wakayse (s. Kap. VI, 1). Sie war oft bei ihrer Schwester zu Be- 
such gewesen; während deren letzter Krankheit wohnte sie lange bei ihrem 
Schwager. Wie es kommen mußte, war klar: Manimuwa und Dakiya lernten 
einander Heben und begannen ein unerlaubtes Verhältnis, das schließlich 
damit endete, daß sie zu ihm zog. An dem ganzen Unglück wurde der Magie 
die Schuld gegeben. Selbst Bagido'u, der verlassene Ehemann, sagte von 
Dakiya, sie sei eine gute Frau, aber dieser schlechte Mann habe erst böse 
Zauberkünste angewendet, um sie ihrem Gatten zu entfremden, und dann 
Liebeszauber, um sie zu verführen. Dakiya wurde geradezu als ein klassisches 
Beispiel für die Gewalt der Magie angeführt. „Zauber formte den Sinn 
Dakiyas; nur noch Manimuwa blieb ihr im Sinn." Die komische Seite dieser 
an sich traurigen Geschichte war der Umstand, daß Bagido'u als der größte 
Fachmann in Liebesmagie galt. Meine Gewährsleute waren natürlich schnell 
bei der Hand mit allerlei Erklärungen für die sich hieraus ergebenden Rätsel- 
fragen theoretischer Art. 

Schließlich will ich noch auf eine Geschichte zurückkommen, die auch 
ein gutes Beispiel liefert: die tragische Vertreibung Namwana Guya'us aus 
dem Dorf durch die Sippe Mitakatas (s. Kap. I, 2). Als ich nach mehr als 
einjähriger Abwesenheit wieder auf die Trobriand-Inseln kam, traf ich 
Namwana Guya'u in einem der südlichen Dörfer. Sein Haß gegen Mitakata 
war so unversöhnlich wie nur je. Auf meine Frage, wie es seinem Feind er- 
gangen sei, erzählte er mir, daß Mitakatas Frau, Orayayse, diesen verlassen 
habe (s. Abb. 25). In Wahrheit war sie eine Kusine ersten Grades von ihres 
Mannes Feind, und ich wußte, daß ihr Mann sie aus politischen Gründen 
fortgeschickt hatte. Namwana Guya'u ließ jedoch durchblicken, er habe ihr 
Herz durch Zauberei ihrem Manne abwendig gemacht. Dann verbreitete er 

17 m. G. 257 



Liebes- und Schönheitsmagie 

sich über die schlechten Sitten seines Feindes. „Er versucht sich an Mädchen 
heranzumachen, und sie weisen ihn ab"; doch mußte er mir mitteilen, daß 
Mitakata ein junges hübsches Mädchen, Ge'umwala, geheiratet habe. „Böge, 
ivakome minana; magila imasisi deli; nCtage bivai, ipayhi — matauna ibVa." 
„Schon hat er ihr Magie zu essen gegeben; ihr Begehren, zusammen zu 
schlafen; doch zu heiraten -weigerte sie sich — er hat sie mit Gewalt ge- 
nommen." Hier wurde also der Wert des Erfolges verkleinert dadurch, daß 
er angeblich auf Magie beruhte, und die Einwilligung zur Heirat, die sich 
durch solche unpersönliche Mittel nicht gewinnen läßt, wurde von Namwana 
Guya'u seinem Feinde abgestritten! 

9. Magie des Vergessens 

Auf den Trobriand-Inseln hat jeder positive Zauber sein negatives Gegen- 
stück — wenn nicht immer in Wirklichkeit, so doch wenigstens in der Theorie 
und Überzeugung der Eingeborenen. Gesundheits- und Krankheitsmagie sind 
das beste Beispiel, denn gegen jeden Ritus und Zauberspruch, der Krankheit 
hervorruft, gibt es einen Gegenzauber, der sie heilt. Die positiv gerichtete 
Erfolgsmagie, die bei keiner wirtschaftlichen Unternehmung fehlt, hat eine 
negative Verhütungsmagie zum Gegenstück, aus der sich ein eventuelles 
Mißlingen der positiven Magie erklären läßt. 

Es kann also nicht überraschen, daß auch der Liebeszauber mit einer 
Magie zu kämpfen hat, die im entgegengesetzten Sinne wirkt — mit der 
Magie der Entfremdung, des Vergessens; es ist dies eine Unterabteilung der 
schwarzen Magie, ganz allgemein bulubivalata genannt; im engeren Sinne 
bezeichnet dieses Wort eben diese Magie des Vergessens. Die Wurzel bulu, 
auf der das Wort sich aufbaut, ist auch der formbildende Bestandteil in 
„Schwein" (bulukwa). Ich konnte nicht herausfinden, ob etwa all solcher 
Magie jene Riten zugrunde Hegen, die darauf abzielen, eine Schweineherde 
durch böse Zauberkünste zu zerstreuen. Tatsache ist jedoch, daß dieser 
Zauber sowohl gebraucht wird, um Schweine in den Busch zu schicken, als 
auch um Ehe- und Liebespaare einander zu entfremden. 

Wenn ein Mann Gründe hat, ein Mädchen — oder, was häufiger vorkommt, 
ihren Liebhaber oder Mann — zu hassen, so bedient er sich dieses Zaubers, 
der auf ihren Sinn einwirkt und sie dem Gatten oder Liebhaber abspenstig 
macht. Sie verläßt sein Haus, verläßt ihr Dorf und wandert fort. Der Ge- 
währsmann, dem ich den folgenden Spruch verdanke, erzählte mir: wenn 
der Zauber in milder Form angewandt wird, so verläßt das Mädchen ihren 
Mann oder Liebhaber, kehrt aber in ihr eigenes Dorf und zu ihren Leuten 
zurück; wird er aber in großer Menge angewandt unter genauer Beobachtung 

258 



Magie des Vergessens 

des Ritus und der Formel und aller Tabus, so läuft sie in den Wald, verirrt 
sich und verschwindet vielleicht für immer. Hier wie bei anderen Zauber- 
arten braucht man nur die Eingangsformel herzusagen, falls man nur eine 
Teilwirkung erzielen will, nämlich die Entfremdung des Mädchens vom 
Liebhaber oder Ehemann. 

Der folgende Zauberspruch muß über einem Bissen Speise, über einem 
Stück Tabak oder Betelnuß gesagt werden, das dann dem Opfer gereicht 
wird. Er heißt kabisilova (wörtlich „Abweisung verursachend") und lautet 
in freier Übersetzung etwa folgendermaßen: 

Sein Name sei ausgelöscht, sein Name sei verschmäht; 
Ausgelöscht bei Sonnenuntergang, verschmäht bei Sonnenaufgang; 
Verschmäht bei Sonnenuntergang, ausgelöscht bei Sonnenaufgang. 
Ein Vogel ist auf dem baku, 

Ein Vogel, der wählerisch mit seinem Futter ist. 
Ich mache, daß er ausgelöscht wird! 
Sein Minz-Zauber, ich mache, daß er ausgelöscht wird. 
Sein 2Cayro'£u>a-Zauber, ich mache, daß er ausgelöscht wird. 
Sein Lioo?nato-Zauber, ich mache, daß er ausgelöscht wird. 
Sein Begattungszauber, ich mache, daß er ausgelöscht wird. 
Sein horizontaler Zauber, ich mache, daß er ausgelöscht wird. 
Seine horizontale Bewegung, ich mache, daß sie ausgelöscht wird. 
Seine antwortende Bewegung, ich mache, daß sie ausgelöscht wird. 
Seine Liebeständelei, ich mache, daß sie ausgelöscht wird. 
Sein Liebeskratzen, ich mache, daß es ausgelöscht wird. 
Seine Liebkosungen, ich mache, daß sie ausgelöscht werden. 
Seine Liebesumarmungen, ich mache, daß sie ausgelöscht werden. 
Seine Körperumschlingung, ich mache, daß sie ausgelöscht wird. 
Mein Kabisilova-Zavber, 
Er bohrt sich einen Weg in dir, 
Der Weg des Erdhaufens im Busch steht weit offen, 
Der Weg des Abfallhaufens im Dorf ist versperrt. 
Die ersten Zeilen enthalten ein Wortspiel mit zwei Worten, welche beide 
die Wurzel der Verben „auslöschen" und „verschmähen" enthalten. Der 
Zauberspruch beginnt also mit einer Vorwegnahme seiner Hauptwirkung. 
Dann wird offen und in allen Einzelheiten Vergessen herabbeschworen: alle 
Liebkosungen sollen vergessen sein. Es folgen zwei Zeilen, die dem Zauber 
Kraft verleihen sollen, sich in den Sinn des Mädchens einzudrängen und in 
all ihre Gedanken sich einzuschleichen. Schließlich wird dem Mädchen der 
Urwald aufgetan und der Rückweg ins Dorf versperrt. 

259 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Der folgende Zauberspruch, den ich demselben Gewährsmann verdanke, 
soll eine stärkere Dosis des Zaubers enthalten. Er wird auf die gleiche Art 
angewendet oder über Blättern und Kokosnuß-Faserhüllen gesagt, die dann 
über einem Feuer verbrannt werden, so daß der übelriechende Rauch dem 
zu behexenden Mädchen in die Nase steigt. In freier Übersetzung lautet er: 

Frau, Frau abgestoßen, 

Mann, Mann abgestoßen, 

Frau, Frau abweisend, 

Mann, Mann abweisend. 

Sie ist abgestoßen, sie weist ab. 

Dein Mann, dein Liebster erstaunt dich, erschreckt dich, 

Fluche ihm bei seiner Schwester. 

Sage zu ihm: „Iß deinen Kot." 

Dein Weg Hegt hinter den Häusern. 

Sein Gesicht verschwindet. 

Der Weg des Erdhaufens im Busch 6teht weit offen, 

Der Weg des Abfallhaufens im Dorf ist versperrt. 

Sein Gesicht verschwindet; 

Sein Gesicht vergeht; 

Sein Gesicht macht sich aus dem Weg; 

Sein Gesicht wird gleich dem eines Waldgeistes; 

Sein Gesicht wird gleich dem des Unholds Dokonikan. 

Es fällt, fürwahr, ein Schleier über deine Augen. 

Der böse Zauber naht, 

Er bedeckt ganz und gar die Pupillen deiner Augen. 

Sein Minz-Zauber ist wie nichts, 

Sein Liebeszauber ist wie nichts, 

Sein Liebeskratzen ist wie nichts, 

Seine Liebkosungen sind wie nichts, 

Seine Begattungen sind wie nichts, 

Seine horizontalen Bewegungen sind wie nichts, 

Seine dir antwortenden Bewegungen sind wie nichts, 

Die Erschlaffung seines Körpers ist wie nichts. 

Darauf wird der erste Teil des Zaubers wiederholt bis zu den Worten: 
„Sie ist abgestoßen, sie weist ab", und dann folgt der Schluß: 

Deine Sonne neigt sich nach Westen, deine Sonne geht unter. 
Deine Sonne neigt sich nach Westen, deine Sonne scheint schräg. 

260 



Magie des Vergessens 

Sie (das Mädchen) ist abgeschnitten, sie geht weit weg, 
Sie geht weit weg, sie ist abgeschnitten. 

Die einzige Stelle in dieser Formel, die vielleicht der Erklärung bedarf, 
ist die Aufforderimg an die Frau, ihrem Gatten „bei seiner Schwester" zu 
fluchen. Eine solche Beschimpfung gehört zu den tödlichsten Beleidigungen, 
vor allem zwischen Mann und Frau. Im XIII. Kapitel wird davon noch 
die Rede sein. 

Obzwar der Bulubwalata-Zaxibei der Liebesmagie entgegenwirkt, kann 
jedoch durch ihn verursachtes Unheil nicht durch Liebesformeln wieder 
gutgemacht werden. Hat aber ein Mann in einem Anfall von Zorn einer 
Familie durch diesen bösen Zauber großes Unheil zugefügt, so hat er in 
seinem eigenen System ein eventuelles Heilmittel im „Zauber des Zurück- 
holens", dem Jiatuyumayamila (katuyumali = archaische Form von ka'imali, 
der üblichen Form für „zurückgeben"). Dieser Spruch muß im Freien her- 
gesagt werden, owadola wala („nur im Mund"), wie die Eingeborenen sich 
ausdrücken. Doch der Zauberer muß ihn hintereinander nach allen vier 
Himmelsrichtungen sprechen, damit die Zauberkräfte die Frau erreichen, 
wo sie auch im Walde wandern mag. Auch hier steht am Anfang ein Spiel 
mit Worten, welche die formbildenden Wurzeln der Verben „versöhnen" 
und „anziehend wirken" enthalten. Dann folgt: 

Möge mein bulubwalata stumpf sein! 

Möge mein Zurückholen wirksam sein! 

Ich hole zurück! 

Aus der nordöstlichen Himmelsrichtung hole ich zurück; 

Aus der südöstlichen Himmelsrichtung hole ich zurück; 

Aus dem Urwald von Ulawola hole ich zurück; 

Aus dem Urwald von Tepila hole ich zurück; 

Die eine, die dem Waldgeist gleicht, hole ich zurück, 

Von den Steinhaufen hole ich zurück; 

Von dem steinernen Grenzwall hole ich zurück; 

Von den Farndickichten hole ich zurück; 

Mit dem Geruch des Minz-Zaubers hole ich zurück; 

Ich hole deine Seele zurück, o Frau! 

Komm zurück zu uns-deiner-Mutter. 

Komm zurück zu uns-deinem- Vater. 

Reiß auf das Haus, 

Zause mein Haar und reiß es aus, 

Betritt meinen Fußboden 

«* . 261 



Liebes- und Schönheitsmagie 

Und liege nieder auf meinem Bett, 
Komm und schreite über die Schwelle, 
Komm und bleibe beim Düngerhaufen, 
Laß uns weiter zusammen wohnen 
In unserem Haus. 

Die in den ersten Sätzen ausgedrückte Absicht ist vollkommen klar: der 
böse Zauber soll unwirksam, der gute wirksam sein. Die Wandernde wird 
zurückgerufen aus den verschiedenen Himmelsrichtungen und aus den beiden 
Urwaldgegenden (Ulawola und Tepila), von denen eine im Norden, die 
andere im Süden gelegen ist; umgeben von Grenzländern (dumia), sind sie 
vielleicht das unzugänglichste Gebiet auf der Hauptinsel; sie gelten als 
Heimat des Busch- Schweins. Der letzte Teil ist, wie der Leser wohl schon 
gemerkt hat, nach demselben Schema wie der Liebeszauber gebaut. Die 
zusammengesetzten Wörter „uns-deine-Mutter", „uns-dein-Vater" sind mit 
dem den Sprecher einschließenden Düalpossessivum ma gebildet. Die Zauber- 
kraft dieses Spruches will also, daß der Mann und die Frau nicht nur wie 
Gatte und Gattin im eheHchen Haus miteinander sein sollen, sondern auch 
wie Vater und Mutter im elterlichen Haus. 

Diese Zauberformel gilt für äußerst wirksam und soll schon vielen zer- 
brochenen Ehen zu neuem Eheglück verholfen haben. 

In der frommen Hoffnung, daß dies auf Wahrheit beruhen möge, schließen 
wir dieses Kapitel. 



262 



ZWÖLFTES KAPITEL 

EROTISCHE TRÄUME UND VORSTELLUNGEN 

Bisher haben wir die Psychologie des Geschlechtslebens untersucht, sofern 
sie im festgelegten Verhalten der Eingeborenen ihren Ausdruck findet, das 
heißt in Sitten, in Institutionen und in der Magie; um also die Einstellung 
des Trobrianders zum Geschlechtsleben kennenzulernen, haben wir unter- 
sucht, wie er handelt. Nun müssen wir uns denjenigen geschlechtlichen Ge- 
danken und Gefühlen zuwenden, die sich in Träumen, Wachträumen und 
Sagen äußern, das heißt also in freien oder gesatzten Phantasien von Ver- 
gangenheit und Zukunft, von fernen Ländern und vor allem vom Leben nach 
dem Tode. 

Dieses Kapitel wird einfach eine Aufzeichnung des gesammelten Materials 
sein; doch selbst solche Aufzeichnungen sind unvermeidlicherweise von ge- 
wissen Problemstellungen abhängig und werden von der geistigen Haltung 
des Aufzeichnenden beeinflußt. Gewisse Pedanten am grünen Tisch ver- 
achten bei einem Tatsachenbeobachter jedes Anzeichen von Intelligenz oder 
ausgebreiteten Kenntnissen. Theorien sollten bei der Feld-Arbeit ganz aus- 
geschaltet sein, sagen sie; doch meiner Ansicht nach ist das bloße geistige 
Heuchelei unterm Deckmantel wissenschaftlicher Strenge. Die von mir ge- 
machten Beobachtungen sind nicht von irgendeinem mechanischen Apparat 
aufgezeichnet worden, sondern ich habe sie mit meinen eigenen Augen und 
Ohren gemacht und mit meinem eigenen Gehirn kontrolliert. Durch diese Kon- 
trolle gewinnt nämlich erst die Beobachtung ihren Wert. Es ist ganz unver- 
meidlich, daß meine Feld-Arbeit von meinen Ideen und Interessen, ja selbst 
von meinen Vorurteilen beeinflußt wird. Wer den geraden, ehrlichen Weg geht, 
spricht sie offen aus, so daß sie leichter entdeckt und — wenn nötig — 
widerlegt und el imini ert werden können. Wer den anderen Weg gehet, ver- 
steckt sie so geschickt wie nur irgend möglich. 

Die in diesem Kapitel aufgezeichneten Beobachtungen habe ich größtenteils 
zu einer Zeit gemacht, da mein Interesse für Psychoanalyse noch nicht geweckt 

263 



Erotische Träume und Vorstellungen 



6' 



war. Früher erblickte ich im Sagenschatz eines Volkes den unmittelbaren Aus- 
druck der sozialen und kultürlichen Verhältnisse. Fand ich in einer Sage ein 
bestimmtes Motiv wie etwa Inzest oder Übertretung der Exogamie, so erschien 
mir das recht erstaunlich, doch nicht weiter bedeutsam; für mich war das 
viel eher eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt, als ein Schlüssel zur 
weiteren Untersuchung typischer sozialer Tabus und Verdrängungen. Der 
Erforschung von Träumen, Tagträumen und freien Vorstellungen maß ich 
nur geringe Bedeutung bei; bald hatte ich herausgefunden, daß Träume bei 
den Trobriandern keineswegs die Rolle spielten, die ihnen Tylor und andere 
zuschrieben; daraufhin habe ich mich dann mit Träumen nicht mehr weiter 
viel befaßt. 

Erst später, angeregt durch den Rat Dr. C. G. Seligmans und durch einige 
Literatur, die er mir sandte, begann ich nachzuprüfen, inwieweit Freuds 
Theorie vom Traum als dem Ausdruck „verdrängter" Wünsche und vom 
„Unbewußten" als dem Negativ der anerkannten offiziellen Moral sich mir 
bestätigte. Dabei ergaben sich wichtige Beziehungen zwischen Sagen- und 
Vorstellungswelt einerseits und Gesellschaftsordnung andererseits; ich ent- 
deckte gewisse Unterströmungen der Wünsche und Neigungen, die der be- 
stehenden Gedanken- und Gefühlsordnung zuwiderlaufen und die auf den 
ersten Blick unwesentlich und willkürlich erscheinen, in Wirklichkeit aber 
von großer soziologischer Bedeutung sind 1 . Daß ich im Verlauf meiner For- 
schungen weit mehr von der psychoanalytischen Lehre ablehnen mußte, als 
ich annehmen konnte, vermindert in keiner Weise meine Dankesschuld; meine 
Ergebnisse haben ohne Zweifel bewiesen, daß sogar eine Theorie, die im Lichte 
der Forschung teilweise abgelehnt werden muß, anregend und fördernd wirken 
kann. 

Die Quelle unerlaubter Gefühle und Neigungen ist in den gesellschaftlichen 
Tabus einer Gemeinschaft zu finden. Da die Psychoanalytiker die Gesellschafts- 
ordnung in ihrer Wichtigkeit unterschätzen oder überhaupt nicht ernst nehmen 
mögen, pflegt es sehr problematisch auszufallen, wenn sie selbst ihre Lehre 
anthropologisch verwerten 2 . 

Obwohl von diesen Dingen im folgenden nicht die Rede sein wird, erschien 
es mir doch richtiger, sie zu allem Anfang klarzulegen, da sie einigen Anteil an 
der Entdeckung und einen beträchtlichen Anteil an der Darstellung des in den 
nächsten zwei Kapiteln behandelten Materials haben. 

1 Einen Teil meiner Ergebnisse habe ich in den beiden Büchern „Crime and Custom" und 
„Sex and Repression" veröffentlicht. 

Eine nähere Begründung dieser Behauptung findet sich in meinem Buch „Sex and Re- 
pression". 

264 



Träume 



1. Träume 



Spontane Träume spielen im Leben der Trobriander keine große Rolle. 
Im ganzen scheinen die Eingeborenen nur selten zu träumen; sie interessieren 
sich wenig für ihre Träume und es kommt nicht oft vor, daß sie beim Auf- 
wachen ihre Traumerlebnisse erzählen oder daß sie Träume anführen, um 
irgendeine Anschauung zu erklären oder ein Verhalten zu rechtfertigen. 
Gewöhnlichen Träumen wird keinerlei prophetische Bedeutung beigemessen, 
und es gibt weder Systeme noch Schlüssel zur symbolischen Traum- 
deutung. 

Wir interessieren uns hier vor allem für sexuelle und erotische Träume; 
doch um diese zu verstehen, muß man die Einstellung der Eingeborenen zu 
Träumen im allgemeinen kennen. Zunächst soll klar gesagt sein: unter „ge- 
wöhnlichen" oder „freien" Träumen verstehe ich spontan im Schlaf auf- 
steigende Visionen als Antwort auf physiologische Reize, auf Stimmungen 
und Gefühlserlebnisse, auf Erinnerungen an den Tag und an die Vergangenheit. 
Aus solchem Stoff sind die Träume gemacht, die jeden Menschen heimsuchen; 
in der trobriandischen Kultur spielen sie, wie gesagt, eine geringe Rolle ; offen- 
bar sind sie selten und werden rasch vergessen. 

Eine ganz andere Klasse von Träumen bilden diejenigen, welche von der 
Sitte vorgeschrieben und genau festgelegt sind. Man erwartet sie von gewissen 
Personen kraft ihrer Stellung oder kraft irgendeiner unternommenen Aufgabe, 
etwa als Folgeerscheinung eines Zaubers, den sie selbst ausgeführt haben oder 
der ihnen angetan worden ist, oder als Einf lüsterungen der Geister. Mit solchen 
festgelegten Träumen wird von vornherein gerechnet, man erhofft und ersehnt 
sie. Daraus ließe sich leicht ihr häufiges Auftreten erklären und die Leichtigkeit, 
mit der sie behalten werden. 

Ich möchte hier bemerken, daß die Unterscheidung zwischen freien und 
festgelegten Träumen weder in der Ausdrucksweise der Eingeborenen noch 
in ihren Anschauungen zu finden ist. Doch wie wir gleich sehen werden, prägt 
sie sich deutlich aus in ihrem Verhalten und in der allgemeinen Einstellung 
zu Träumen. 

In den festgelegten Träumen spielen die Geister der Verstorbenen eine große 
Rolle. Unter geeigneten Umständen und zu gewissen Zeiten erscheinen sie den 
Leuten im Schlaf; dadurch vor allem beweisen sie den Lebenden ihre Existenz. 
Doch nicht alle Träume von Verstorbenen gelten für wahr. Die Erscheinung 
kann entweder ein sasopa (Lüge, Illusion) sein oder ein wirklicher baloma 
(Geist). Wirkliche Geister erscheinen stets in einer bestimmten Absicht und 
unter Bedingungen, die man von ihnen erwarten kann. Wenn also ein kürzlich 

265 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Verstorbener einem Hinterbliebenen im Schlaf erscheint und ihm eine wichtige 
Botschaft bringt oder ihm für eine bestimmte Zeit den Tod voraussagt, so ist 
ein solcher Traum wahr. Oder wenn ein wohlbekannter Seher oder ein spiri- 
tistisches Medium im Schlaf Besuch erhält und am nächsten Tag die emp- 
fangene Botschaft verkündet, so wird niemand die Wahrhaftigkeit dieser 
Vision bezweifeln. Oder wenn Leute nach Tuma, der Geisterinsel, gehen und 
dort von toten Verwandten träumen, so besteht für den Eingeborenen kein 
Zweifel, daß sie ihnen tatsächlich erschienen sind. Im Milamala-Monat, wenn 
die Geister der Toten ins Dorf zurückkehren, erscheinen sie dem Oberhaupt 
oder sonst einer angesehenen Person im Schlaf und übermittehi ihm ihre 
Wünsche. Während meines Aufenthaltes auf den Trobriand-In6eln sind solche 
nächtliche Besuche mehrfach vorgekommen 1 . Zuweilen tritt auch statt der 
richtigen Person eine andere auf; so erschien eine alte Frau ihrem Sohn und 
teilte ihm mit, sie sei gestorben, während in Wirklichkeit die Mutter eines 
anderen Burschen, der auf derselben Plantage arbeitete, auf den fernen Tro- 
briand-Inseln gestorben war. Es gibt jedoch auch Erscheinungen toter Freunde 
oder Verwandter, die unwahre Geschichten erzählen, Ereignisse voraussagen, 
die nie eintreffen, oder sich sonst ungehörig aufführen. Solche Träume werden 
nicht von Geistern verursacht; nach Aussage der Eingeborenen haben sie mit 
Geistern gar nichts zu tun und sind auch nicht wahr. 

Ein anderer wichtiger Traumtypus, bei dem Geister eine Rolle spielen, 
sind Träume, die in einem bestimmten Zustand des Träumenden ihre Ursache 
haben. Bei Traumbesuchen um milamala oder von der Geisterinsel Tuma oder 
bald nach dem Tod einer bestimmten Person erscheinen Jüngstverstorbene, 
während bei diesem anderen Traumtypus Ahnengeister auftreten. So erscheint 
vor der Geburt eines Kindes (s. Kap. VIII) der Geist einer Ahnin und ver 
kündet die kommende Inkarnation. Wichtiger noch sind die Besuche von 
Ahnengeistern in Verbindung mit der Zauberkunst, bei der Geister eine wich- 
tige Rolle spielen. Viele Zaubersprüche beginnen mit einer Aufzählung von 
Personen, die einstens diesen Zauber ausgeführt haben. Solche Ahnenregister 
sind ein häufig wiederkehrender Wesenszug trobriandischer Zaubersprüche. 
Bei gewissen magischen Riten werden den Geistern mit einer kurzen Be- 
schwörung Speiseopfer dargebracht; als Entgelt zeigen sie eine gewisse Teil- 
nahme an den Zielen der Zauberveranstaltung und setzen sich mit dem 
Zauberer in Verbindung; so beeinflussen sie nicht nur das Ritual, sondern 
auch die damit verbundene praktische Tätigkeit. Denn der Zauberer hat in 
den meisten Fällen nicht nur den Spruch zu sagen und den Ritus auszufuhren, 



1 Vgl. meinen Artikel in „Journ. of the R. Anthrop. Inst." 1916, Abschnitt 3, S. 362ff. 
266 



Trä 



u m e 



ßondern auch in weitem Umfang die praktische Tätigkeit zu regeln, mit der 
seine Magie verknüpft ist. 

Um ein konkretes Beispiel zu geben: der Ex-officio-Fühier einer Kula- 
Expedition, der traditionelle Leiter von Jagd und Fischfang, der erbliche 
Meister der Gärten übt stets die seiner Tätigkeit zukommende Magie aus. Auf 
Grund seiner beiden Ämter traut man ihm tieferes Wissen und größere Vor- 
aussicht zu als seinen Gefährten. Jedenfalls ist er verpflichtet, unter der An- 
leitung der Ahnengeister von seiner Aufgabe zu träumen. So erfährt der Meister 
der Gärten durch Traumeinflüsterungen seiner Vorgänger von bevorstehendem 
Regen oder kommender Dürre und erteilt dementsprechend seine Ratschläge 
und Befehle. Der Zauberer des Fischfangs hört durch seine Ahnengeister von 
großen Fischzügen, die durch dieses oder jenes Fahnvasser im Korallenriff oder 
durch einen bestimmten Meeresarm der Lagune kommen sollen; dann läßt 
er seine Mannschaft am Morgen ausfahren, damit sie zur rechten Stunde und 
an der richtigen Stelle die Netze auswerfen 1 . 

Einem zynischen Ethnographen könnte der Argwohn kommen, diese pro- 
phetischen Träume seien zweischneidiger Art ; erfüllen sie sich, so ist dies nicht 
nur praktisch von Vorteil, sondern beweist auch die Geneigtheit der Ahnen 
und Macht und Wert der Magie; erfüllen sie sich nicht, so ist dies ein Zeichen, 
daß die Geister zürnen und aus irgendeinem Grund die Gemeinschaft bestrafen; 
die Gültigkeit der überbeferten Magie jedoch bleibt bestehen — der Traum tut 
dem Zauberer in jedem Fall seinen Dienst. Und in der Tat — heutzutage, in 
diesen Zeiten des Unglaubens und Sittenverfalls, haben die Geister häufig 
genug Grund zu zürnen, und der Zauberer bedarf aller verfügbaren Mittel, um 
seine persönHche Autorität und den Glauben an seine Macht aufrecht zu er- 
halten. Doch in den alten Zeiten — und selbst heute noch in Gegenden mit 
ungeschwächter Tradition — konnte von fingierten Träumen nicht die Rede 
sein. Jedenfalls entsprangen sie nie der Angst des Zauberers um seine eigene 
Stellung, sondern der Sorge um den Erfolg des Unternehmens, dem er vor- 
stand. In seinem Ehrgeiz, seinem Hoffen und Streben identifiziert sich der 
Garten-Zauberer, der oberste Fischer oder der Führer einer Expedition weit- 
gehend mit dem Interesse der Allgemeinheit. Es Hegt ihm sehr am Herzen, 

1 Nähere Einzelheiten über diese Vorgänge finden sich an verschiedenen anderen Stellen 
meiner Arbeiten; über die Rolle der Ahnengeister im Zauberwesen vgl. den Artikel „Baloma: 
The Spirits of the Dead in the Trobriand Islands" im „Journal of the Royal Anthropological 
Institute", 1916, S. 384 — 482; über prophetische Träume S. 306; über Mi/amoZo-Träume 
S. 379; über Schwangerschaftsträume Kap. VII dieses Buches und „Baloma" S. 406—418; 
über die Psychologie der Vererbung von Zauberkraft und die Beziehung zwischen Magie 
und Mythos vgl. „Myth in Primitive Psychology" und Kap. XII von „Argonauts of the 
Western Pacific". 

267 



Erotische Träume und Vorstellungen 

daß alles gut ausgeht, daß sein Dorf alle anderen übertrifft, daß sein Ehrgeiz 
und Stolz gerechtfertigt erscheinen und den Sieg davontragen. 

Es gibt auch Traumoffenbarungen in Verbindung mit der krankheit- und 
todbringenden schwarzen Magie; doch in diesem Fall hat das Opfer die Vision, 
ja, es bietet sich ihm dadurch eine Möglichkeit zur Entdeckung des Zauberers, 
der durch böse Sprüche und Riten seine Krankheit verursacht hat. Da der 
Kranke stets den einen oder anderen seiner Feinde verdächtigt, ihn mit 
schwarzer Magie zu verfolgen oder verfolgen zu lassen, so ist es kein Wunder, 
daß solche Träume den Missetäter enthüllen. Sie gelten jedoch im allgemeinen 
nicht für „subjektiv", sondern für ein Nebenprodukt der bösen Magie. 

Wieder einen anderen Traumtypus, von dem bereits flüchtig die Rede war 
(Kap. XI, 7), bilden diejenigen Träume, welche nicht nur indirekt oder neben- 
her durch Magie verursacht werden, sondern Hauptzweck und -Wirkung 
magischer Veranstaltungen sind. In Verbindung mit dem halb kommerziellen, 
halb rituellen Tauschhandel des kula wird eine bestimmte Magie, der „Zwang 
zum Edelmut" (das mwasila) ausgeübt, um auf den Sinn des Vertragsgegners 
einzuwirken. Mag dieser auch Hunderte von Meilen entfernt und durch stür- 
mische Meere und Klippen getrennt sein, so wird er doch vom „Traum-Echo" 
(kirisala) dieses Zaubers heimgesucht. Er träumt angenehm und wohlwollend 
vom Erzeuger der Magie, sein Geist (nanola) wird ihm freundlich gesinnt, und 
bei der Vorbereitung der Geschenke wird er sich edelmütig erweisen 1 . 

Einige Arten der im vorigen Kapitel beschriebenen Liebesmagie beruhen 
auf denselben Voraussetzungen. Erotische Träume (kirisala) sind die Reaktion 
auf gewisseZaubersprüche. Tatsächlich werden Träume sexueller oder erotischer 
Art stets auf Magie zurückgeführt. Ein Bursche oder ein Mädchen träumt von 
einer Person des entgegengesetzten Geschlechts ; daraus geht hervor, daß der 
(die) Betreffende Liebesmagie geübt hat. Ein Bursche träumt, ein bestimmtes 
Mädchen trete in sein Haus, spreche zu ihm, nähere sich ihm, lege sich neben 
ihn auf die Matte, obwohl sie früher nicht mit ihm geredet, ja, ihn nicht ein- 
mal angeguckt hat. Ihre Schüchternheit war nur Schein — die ganze Zeit über 
hat sie den Zauber vorbereitet oder gar schon ausgeübt. Im Traum ist sie Hebe- 
voll und nachgiebig; sie erlaubt jede Liebkosung, ja, die intimste Zärtlichkeit. 
Der Bursche wacht auf: „Es ist alles bloß Einbildung" (sasopa, wörtlich : Lüge), 
denkt er. „Doch nein, da ist ja Samenflüssigkeit auf der Matte." Das Mädchen 
ist in ihrer Traumgestalt dagewesen. Er weiß, daß sie Zauber um ihn walten 

Ich fürchte, diesen Punkt in „Argonauts of the Western Pacific" nicht ganz klar gemacht 
zu haben. (Vgl. immerhin S. 102, 202, 203, 360, 361.) Die meisten Zaubersprüche der Kula* 
Magie wirken aus der Ferne auf den Sinn des Partners, selbst wenn sie in der Heimat auf- 
gesagt werden. 

268 




Träume 

läßt, er ist schon halb geneigt, sie zu umwerben. Diesen Bericht habe ich teil- 
weise, genau wie ich ihn gehört habe, in der Eingeborenensprache notiert; er 
gibt den Sachverhalt vom Standpunkt des Mannes wieder, doch ein Mädchen 
würde ganz ähnlich träumen. Es ist charakteristisch, daß der Traum das Opfer 
heimsucht und nicht denjenigen, der den Zauber veranstaltet. 

Ein verheirateter Mann würde solche Traumbesuche vor seiner Frau zu 
verbergen trachten, denn sie würde sonst böse sein, weil er im Traum mit einer 
anderen Verkehr gehabt hätte. Auch erführe sie dann ja, daß die andere Frau 
Zauber getrieben hätte, und würde nun doppelt aufpassen, so daß es dem 
Manne schwer fiele, der Traum-Liebesgeschichte nachzugehen. 

Eine sehr wichtige Axt erotischer Träume sind die blutschänderischen; es 
ist jedoch äußerst schwierig, darüber Auskunft zu erhalten. So frei und un- 
gezwungen die Eingeborenen durch Brauch und Sitte in den meisten ge- 
schlechtlichen Dingen sind, so überempfindlich und prüde stellen sie sich an, 
wenn ihre besonderen geschlechtlichen Tabus in Frage kommen. Das gilt vor 
allem für die Inzest-Tabus und ganz besonders für das Bruder- Seh wester- Ver- 
hältnis. Auf keinen Fall hätte ich meine Gewährsleute nach ihren blut- 
schänderischen Traumerlebnissen direkt fragen können; doch selbst der ganz 
allgemein gehaltenen Frage, ob blutschänderische Träume vorkämen, würde 
man mit Empörung und heftigem Leugnen begegnen. Nur mit Hilfe ganz 
allm ählicher behutsamer Erkundigungen hei meinen zuverlässigsten Gewährs- 
leuten konnte ich feststellen, daß solche Träume vorkommen, ja, daß sie in der 
Tat eine wohlbekannte Belästigung bilden. „Ein Mann ist zuweilen traurig, 
beschämt und übellaunig. Warum ? Weil ihm geträumt hat, er hätte mit seiner 
Schwester Verkehr gehabt." „Da müßte ich mich schämen," würde ein solcher 
Mann sagen. Gerade daß blutschänderische Träume, besonders vom Verkehr 
zwischen Bruder und Schwester, häufig vorkommen und die Eingeborenen 
stark beunruhigen, erklärt die heftige gefühlsmäßige Gegeneinstellung zu 
diesbezüglichen Fragen. Der lockende Reiz „verbotener Früchte", der in 
Träumen und Wachträumen allüberall die Menschen verfolgt, äußert sich in 
den Inzestmotiven trobriandischer Volksmärchen und hat auf immer Liebe 
und Liebeszauber mit dem Blutschande-Mythos verknüpft (Kap. XP7). 

Interessanterweise werden selbst Inzestträume damit entschuldigt, daß 
irgendein Zauber zufällig eine falsche Richtung genommen habe oder un- 
richtig ausgeführt oder falsch angewendet worden sei. 

Wir sind jetzt in der Lage, die Stellung der Eingeborenen zu Träumen 
genauer zu formulieren. Alle wahren Träume werden durch Magie oder durch 
Geister hervorgerufen und sind nicht spontan. Die Unterscheidung zwischen 
freien oder spontanen Träumen einerseits und festgelegten Träumen anderseits 

269 









Erotische Träume und Vorstellungen 

entspricht ungefähr der Unterscheidung der Eingeborenen zwischen Träumen, 
die nur sasopa sind (eine Lüge oder Illusion), und solchen, die durch Magie oder 
Geister erregt werden und infolgedessen wahr, bedeutsam und prophetisch 
sind ; oder auch der Unterscheidung zwischen Träumen mit und solchen ohne 
u'ula (Ursache oder Grund). Während die Eingeborenen den spontanen Träu- 
men keine große Bedeutung beimessen, stellen sie die anderen auf gleiche 
Stufe mit magischen Einflüssen und schreiben ihnen eine ähnliche Realität zu 
wie der Geisterwelt. Dieselben Unstimmigkeiten und Lücken wie in ihrer An- 
schauung vom Wesen des Traumes finden sich auch in ihren Vorstellungen von 
einem körperlosen Weiterleben nach dem Tode. Am auffallendsten ist vielleicht 
die Anschauung, daß Magie zunächst in Träumen wirksam werde, die nun 
ihrerseits den Sinn beeinflussen und so objektive Veränderungen und Ereignisse 
herbeiführen können. Auf diese Art können alle „wahren" Träume tatsächlich 
zukunftkündend sein. 

Eine andere interessante Verknüpfung zwischen Träumen und den my- 
stischen Lehren der Trobriander ergibt sich aus den hellseherischen Visionen 
in Sagen und Märchen — ein Thema, das wir hier nur streifen können. In der 
Sage vom Ursprung der Liebe, die wir später kennenlernen werden, entdeckt 
der Mann aus Iwa den tragischen Doppelselbstmord und das magische Minz- 
Zweiglein mit Hilfe eines Traumes von den Vorgängen in der Grotte. In einer 
Sage vom Ursprung der schwarzen Magie sieht ein Bruder im Traum, daß seine 
Schwester vom Ur-Zauberer in der Gestalt eines Krebses getötet worden ist. 
In einem Volksmärchen von der Schlange und den zwei Frauen — wir werden 
es gleich zu hören bekommen — träumt ein Mann aus Wawela von dem un- 
glücklichen Mädchen und kommt ihm zu Hilfe. Auch sonst in Märchen werden 
Ereignisse geschaut, die an anderen Orten stattfinden, oder ein in der Ferne 
gesungenes Lied wirkt als Zauberspruch und erzeugt Wachträume. 

Es ist klar, daß Traum, Wachtraum, magische Beschwörung und wirkliches 
Erleben infolge ritueller und mythologischer Präzedenzfälle sich zu einem 
System von Wirklichkeiten zusammenschließen, die einander gegenseitig be- 
stätigen. Träumen wird als beweiskräftige Äußerung der Magie angesehen — 
und da es ein bestimmtes persönliches Erlebnis ist, überzeugt es den Träu- 
menden von der Wirksamkeit der verwendeten Magie. Das Träumen bildet 
also ein wichtiges, auf Erfahrung beruhendes Glied in der Lehre von der 
Leistungsfähigkeit der Magie und von der Tatsächlichkeit mythologischer 
Vorgänge. Das dürfen wir nicht übersehen, wenn wir die psychologischen 
Voraussetzungen der trobriandischen Glaubenslehre begreifen wollen. 

Träume im allgemeinen und erotische Träume im besonderen geben wert- 
volle Aufschlüsse über das freie Walten von Phantasie und Begehren bei den 

270 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Schnur-Figuren 

Eingeborenen. Die Psychologie ihrer Träume läuft parallel ihren Anschau- 
ungen über romantische Liebe und „Sich- Verheben". In Überlieferung und 
Lehre herrscht Mißtrauen gegen alles Spontane und Freie, gegen un- 
gezügelte, nicht vorgeschriebene Triebhandlungen; dementsprechend ist das 
Gesetzmäßige, Wahre in Träumen stets auf irgendeine bestimmte Ursache 
zurückzuführen, die ein für allemal durch die Überlieferung festgelegt ist; 
und unter diesen Ursachen ist Magie bei weitem die wichtigste. 

Es Hegt auf der Hand, daß diese offizielle Anschauung den Tatsachen nicht 
ganz entspricht. In Träumen wie in der romantischen Liebe und im Liebestrieb 
bricht die menschliche Natur durch und setzt sich einfach hinweg über Dogma, 
Lehre und Tradition. Blutschänderische Träume sind das beste Beispiel dafür. 
Auf den Trobriand- Inseln wie überall auf der Welt macht sich die geltende 
Lehre des Menschen Empfänglichkeit für autoritative Suggestion zunutze — 
seine Neigung, positive Beispiele zu behalten und negative zu vergessen. Zu- 
nächst wird zwischen wahren und falschen Träumen unterschieden; dann 
werden widersprechende Fälle als unbedeutend hingestellt, wegerklärt oder 
vergessen, während alle bestätigenden Beispiele als weitere Beweise der gültigen 
Lehre angeführt werden. Auf diese Art wird Blutschande, ob sie nun in der 
Sage, inWirkhchkeit oder im Traum vorkommt, stets durch einen zufälligen 
Mißbrauch der Zauberkunst erklärt. Dieses Motiv tritt in dem trobriandischen 
Blutschande-Märchen ebenso klar und deutlich hervor wie in unserer eigenen 
Sage von Tristan und Isolde. 

2. Geschlechtliches in der Folk-Lore — 
Schnur-Figuren 

Wir wollen nun untersuchen, welchen Ausdruck das Geschlechtliche in der 
Volkskunde gefunden hat. Dabei dürfen wir nicht vergessen: die trobriandische 
Sitte verpönt Geschlechtliches als Unterhaltungsgegenstand durchaus nicht, 
es sei denn in Gegenwart bestimmter, tabu erklärter Verwandter; die tro- 
briandische Moral verbietet auch nicht den außerehelichen Geschlechtsverkehr, 
sofern es sich nicht um Ehebruch oder Blutschande handelt. Anziehungskraft 
und Pikanterie dieses Themas beruhen also nicht darauf, daß es gesellschaft- 
lich und künstlich verboten ist. Und doch kann kein Zweifel bestehen, daß die 
Eingeborenen Schlüpfrigkeiten in Rede und Betragen für „unanständig" 
halten; es herrscht eine gewisse Gespanntheit in bezug auf diese Dinge, Schran- 
ken müssen niedergebrochen, Schüchternheit muß überwunden werden; dem- 
entsprechend macht es Vergnügen, diese Gespanntheit zu lösen, die Schranken 
niederzubrechen, die Schüchternheit zu überwinden. 

271 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Aus dieser gefühlsmäßigen Einstellung ergibt sich, daß Geschlechtliches 
nur selten grob und brutal behandelt wird. Ein roher Bursche von niederem 
Rang, der sich nichts zu vergeben hat, schlägt natürlich einen ganz anderen 
Ton an als ein Häuptlingssproß, der geschlechtliche Dinge leicht, mit Zartheit, 
Feinheit und Witz berührt. Kurz, in diesen Dingen gibt es gute und schlechte 
Manieren, je nach dem sozialen Rang. Geschlechtliches, ebenso die exkre- 
torischen Funktionen und Nacktheit, wird nicht als „natürlich" empfunden 
oder betrachtet, vielmehr als etwas, das man in der Öffentlichkeit und in der 
Unterhaltung natürlicherweise vermeidet und in seinem Betragen vor anderen 
verbirgt; daher, um es noch einmal zu sagen, die „unanständige" Vorliebe 
für gelegentliches Über-den- Strang- Schlagen. 

Folk-Lore — die in Form gebrachte mündliche und geistige Überlieferung — 
umschließt bedeutungsvolle Spiele und Sports, Schnitzwerk und dekorative 
Kunst, Märchen, typische Redewendungen, Scherze, Flüche. Auf den Tro- 
briand- Inseln fehlt jede Darstellung geschlechtlicher Dinge im Tanz und in der 
dekorativen Kunst. Die einzigen Ausnahmen dieser Regel bilden gewisse 
künstlerisch minderwertige moderne Erzeugnisse, die unter dem zersetzenden 
Einfluß europäischer Kultur entstanden sind, wenn auch gänzlich im- 
beeinflußt von europäischen Vorbildern. Tanz und dekorative Kunst spielen 
also bei unseren Untersuchungen keine Rolle. Im übrigen haben wir das 
geschlechtliche Element in Sport und Spielen schon besprochen; mit dem 
Geschlechtlichen in Scherzworten und Flüchen werden wir uns im nächsten 
Kapitel beschäftigen; so bleiben uns zunächst die Märchen mit geschlecht- 
lichem Inhalt zu untersuchen und die schlüpfrigen Figuren und Redewendungen 
beim „Abnehmen" 1 . 

Schnur-Figuren oder „Abnehmen" (ninikula) wird von Kindern und Er- 
wachsenen in den Tagesstunden von November bis Januar gespielt, also in der 
Zeit, da die Abende mit Märchenerzählen hingebracht werden. An einem Regen- 
tag sitzt etwa eine Gruppe von Leuten unter dem vorspringenden Dach eines 
Yamshauses, und einer von ihnen zeigt den bewundernden Zuschauern seine 
Kunst. Jede Reihe von Figuren hat ihren Namen, ihre Geschichte und ihre 
Bedeutung. Zu manchen gehört auch ein Verschen (vinavina), das vom Künst- 
ler aufgesagt wird, während er seine Figuren entstehen läßt. Manche dieser 
Reihen enthalten keinerlei geschlechtliche Andeutungen. Ich habe etwa ein 



„Abnehmen" ist ein beliebtes Kinderspiel, wobei einer der Spieler eine zusammengeknüpfte 
bchnur in einer kunstvollen Figur um die Finger schlingt und der andere diese Figur mit 
beiden Händen so kunstvoll „abnimmt", daß eine neue symmetrische Figur entsteht, und 
so fort. (Anm. d. Übers.) 

272 




76. DAS RITUELLE BEFESTIGEN DES VANA (KAP. XI, 4) 




77. DER LETZTE SCHLIFF (KAP. XT, 4) 











- 

78. FRAUEN BEIM MUSCHELSAMMELN (KAP. XII, 4) 




79. DAS ENDE DER LANGEN SCHMALEN BUCHT VON KWABULO 

IKAP. XII, 4) 



0> 

F3 



I 





c 


1/1 


s 

CB 






3 


<u 


fc 






</3 


o 


b 






tlD 


CO 








c 


*-> 








3 


.SP 










'c 








'S 


'S 








t- 


;- 








<p 


CO 








CQ 


,>. 






c 
c 

CO 




^ 














s 


CO 











t- 






4) 

-8 




a 


CO 




CO 

L1J 






o 
in 


UJ 




o 


h 


4-- 




CO 

t3 


^ 


— 




c 


t) 




3 


in 


in 


d. 


<u 


CO 


in 


O 




ÖD 




% 


C 


V 


<S 


3 


♦J 


43 


CID 


o 


-C 


_'c 


F- 


3 



3 
et) 




i 





<N 



I 

z 
w 

p 

e> 
i-t 
tu 

t 

öS 
P 

15 
W 

C/3 







18 M. G. 



273 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Dutzend aufgeschrieben, unter denen die folgenden sich durch pornographische 
Einzelheiten auszeichnen 1 . 

Bei kala kasesa Ba'u (die Klitoris von Ba'u) bringt der Vorführende nach 
ein paar einleitenden Handgriffen eine Figur zustande (A in Fig. 3), die zwei 
große Schlingen in der Hauptebene aufweist; am Grunde dieser großen 
Schlingen ragt im rechten Winkel zur Hauptebene je eine kleine Schlinge 
hervor. Die großen Schlingen bedeuten jedesmal eine Vulva, die kleineren eine 
Klitoris. Es ist nicht zu verkennen, daß bei dieser Darstellung eine kleine 
anatomische Ungenauigkeit unterlaufen ist, denn in Natur ist nur ein Organ 
vorhanden, und die Klitoris befindet sich nicht unten, sondern oben an der 
Vulva. Doch Ba'u war jedenfalls anormal gebaut. 

Ist die Figur fertig, so ruft der Künstler durch geschicktes Wackeln mit 
den Fingern eine Bewegung erst in der einen, dann in der anderen Klitoris- 
Schlinge hervor. Dabei sagt er im rhythmischen Fluß, doch nicht ohne scherz- 
hafte Betonung, folgende Worte: 

Ba'u (wiederholt) 
von Ba'u (wiederholt) 

kam kasesam, usw. 
deine Klitoris, usw. 

In freier Übersetzung etwa: „Sieh, das ist Ba'us Klitoris, das ist ihre Kli- 
toris. Ba'u, deine Klitoris, o deine Klitoris!" Bewegungen und Liedchen 
werden ein paarmal wiederholt zur großen Belustigung der Zuschauer und des 
Künstlers selbst; dann wird die Figur aufgelöst, wobei immerfort wiederholt 

wird: 

Syagara dyaytu dyaytu, Syagara dyaytu dyaytu, usw. 

Diese Worte sind rein onomatopoetisch, eine Nachahmung des rhythmischen 
Trommelschlags bei der Tanzmusik. Ba'u ist offensichtlich weiblichen Ge- 
schlechts, doch ist nichts weiter von ihr bekannt, als was man bei dieser Vor- 
führung erfährt. Die Klitoris ist ein beliebtes Thema für Scherze, Geschichten 
und Anspielungen aller Art. Oft wird sie als Pars-pro-toto-Bezeichnung ge- 
braucht, und überhaupt gilt sie als besonders anziehendes und drolliges Detail 
des weiblichen Organismus. 

Eine kurze Figurenreihe, einfach und ungesc hminkt „Begattung" (kayta) 
genannt, stellt diesen Vorgang — natürlich einigermaßen stilisiert — dar. Die 

1 Ich habe keinen Versuch gemacht, mir die Technik des Abnehmens zu merken. In jeder 
Reihe habe ich nur die bedeutsame Figur (oder Figuren), den Sinn und den psychologischen 
Zusammenhang festgehalten. 

274 



Kala 


kasesa 


Bare 


Klitoris 


Kam 


kasesam, 


Deine 


Klitoris, 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Schnur-Figuren 

Schnuren (Zeichnung B in Fig. 3) bilden ein Doppelkreuz, dessen waagerechte 
Arme die Frau, dessen senkrechte den Mann darstellen; dann wird an den 
Schnuren gezogen, so daß die mittlere Schlinge, welche die Geschlechtsorgane 
darstellt, sich rasch nach oben und unten, nach rechts und links bewegt; die 
Einbildungskraft der belustigten Zuschauer sieht darin die charakteristischen 
Bewegungen des Geschlechtsakts. Zu dieser Figurenreihe gibt es kein Verschen. 
Tokaylasi, der Ehebrecher (C in Fig. 3) ist komplizierter; man braucht dazu 
beide Hände, die beiden großen Zehen und die Fersen. Die begleitende Er- 
läuterung wird in gewöhnlicher Prosa gesprochen. Die erste Figur (C 1) be- 
steht aus zwei übereinandergelegenen gleichschenkligen Dreiecken, die sich 
mit den Spitzen berühren. Diese Dreiecke stellen den Ehebrecher und die un- 
treue Gattin während des Geschlechtsakts dar. Um dies zu verdeutlichen, 
wird so an den Schnuren gezogen, daß der Berührungspunkt auf und ab 
gleitet, wodurch jedes Dreieck abwechselnd größer oder kleiner wird. Dazu 
gibt der Künstler folgende unzweideutige Erklärungen: „Dies ist der Ehe- 
brecher; dies ist die Frau; sie begatten sich." Wer über die weiter oben be- 
schriebene Stellung der Eingeborenen beim Geschlechtsakt Bescheid weiß 
(Kap. X, 12), wird sich diese Figur leicht erklären können. 

Dann wird die Figur aufgelöst, der Künstler erläutert: tokaylasi bila wa 
bagula, „der Ehebrecher geht in den Garten". Dann fährt er fort: layla la 
mwala, „der Ehem ann kommt" — und jetzt bilden die Schnuren eine Figur, 
die aus zwei winklig zueinander stehenden Schlingen besteht (C 2). Nun be- 
ginnen sich diese Schlingen ihrerseits zu bewegen, bald wird die eine größer, 
bald die andere (C 3 u. 4); dazu sagt der Künstler gemächlich: Ikayta la 
kwava, „er hat Verkehr mit seiner Frau". Ehebruch wird also auf den Tro- 
briand- Inseln statt durch eines durch zwei Dreiecke dargestellt! 

Noch eine andere Abnehme-Figur rein anatomischen Charakters ist zu er- 
wähnen. Sie heißt nach der Hauptperson Sikwemtuya, obwohl diese Persön- 
lichkeit keinen anderen Anspruch auf Ruhm hat als eben die Abnehme-Figur. 
Vier symmetrisch um den Mittelpunkt angeordnete Schlingen (D in Fig. 3) 
stellen den Kopf, die Beine und die beiden Testikel Sikwemtuyas dar. Dann 
wird folgendes Zwiegespräch gesungen: 

„Sikwemtuya, Sikwemtuya, avaka kuvagi ?" 

„Sikwemtuya, Sikwemtuya, was machst du?" 

„Bayamata la kaybaba guya > u. tt 

„Ich bewache den geschmückten Nahrungsmittelpfahl des Häuptlings." 

„Bagise puwam ?" 

„Darf ich sehen deine Testikel ?" 

275 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Bei den letzten Worten beginnt sich der eine Testikel zu vergrößern und 
langsam hin und her zu bewegen, während Sikwemtuya durch den Mund des 
Künstlers ein befriedigtes grunzendes Geräusch hören läßt, ähnlich wie ka ka 
ka ha . . . Er wird dann ersucht, auch den anderen Testikel zu zeigen. 

„Tagise piliyuwela." 

„Laß uns sehen den anderen." 

Und er antwortet mit denselben Worten kahakaha . . . und der Vorführung 
seines zweiten Testikels. 

Ich möchte dazu noch bemerken, daß die komische Wirkung der Grunzlaute 
kakahaka . . . einfach unwiderstehlich ist. Ein moderner Kabarettkünstler 
(etwas zweifelhaften Genres) müßte seinen trobriandischen Kollegen darum 
beneiden, ebenso wie moderne Bildhauer melanesische oder westafrikanische 
Schnitzarbeiten und Skulpturen bewundern. Doch ist es sehr schwierig, 
sprachliche Wirkungen und dies gewisse Humorvoll- Schlüpfrige der Rede- 
weise durch das Medium einer anderen Sprache wiederzugeben, während 
Kunstgewerbe, Skulptur und Musik ihre eigene, überall verständliche Sprache 
sprechen. 

3. Geschlechtliches in der Folk-Lore — 
Schnurren und Schwanke 

Was Erzählungen angeht, so wollen wir mit den lustigen Märchen (ku- 
kwanebu) beginnen, die zur Unterhaltung von alt und jung abends während 
der Regenzeit erzählt werden. Sie handeln von eingestandenermaßen phan- 
tastischen und unglaubhaften Ereignissen; sie sollen die Phantasie anregen, 
die Zeit auf angenehme Weise verbringen helfen, und vor allem die Zuhörer 
zum Lachen bringen — zu einem manchmal recht schlüpfrigen Lachen 1 . 
Einige davon entbehren jeder geschlechtlichen oder skatologischen An- 
spielung und können hier nur kurz erwähnt werden. Da ist zum Beispiel die 
Geschichte vom Feuer und vom Wasser: das Feuer droht, das Wasser zu ver- 
brennen, doch das Wasser berührt das Feuer und löscht es. Da ist eine andere 
von einem gierigen Krebs, der sich die von den Heuschrecken gesammelten 
Früchte aneignen möchte; aber das Obst fällt auf ihn nieder und er wird 
getötet. Eine hübsche Geschichte erzählt von einem schönen Mädchen, das 
von den Vögeln umworben wird; an jedem hat es etwas auszusetzen, bis es 
schließlich den kleinsten und bescheidensten von ihnen annimmt . Eine andere 



1 Nähere Angaben über den soziologischen und kultürlichen Charakter dieser Geschichten 
und ihre Beziehung zu anderen Sagentypen s. in „Myth in Primitive Psychology". 

276 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Schnurren usw. 

Geschichte handelt von dem sagenhaften Ungetüm Dokonikan; ein Mädchen 
das seine Gärten geplündert hat, wird von ihm gefangengesetzt und danii 
von dem jüngsten ihrer fünf Brüder befreit. Eine andere Geschichte schildert 
den Kampf zwischen demselben Ungeheuer und einem Helden; diese letzte 
Erzählung wird in gewissen Gegenden nicht als Sage, sondern als komische 
Geschichte erzählt. Eine Nichts-als-Freß- Geschichte von zwei Brüdern, die 
nach langer Hungerzeit sich bis zum Platzen überfressen, erregt durchihre 
ganz unschuldigen Scherze herzliches Gelächter. 

Nur in einer einzigen Geschichte dreht sich der Spaß um Exkrementation : 
ein Mann bleibt an einem Baum kleben, nachdem er sich erleichtert hat, 
und als seine Verwandten ihn loszuzerren versuchen, stirbt er. In der Ge- 
schichte von der Laus und dem Schmetterling liegt der Witz darin, daß die 
Laus ein schallendes Getöse aus dem Darm von sich gibt; infolge dieser Er- 
schütterung fällt sie vom Rücken des Schmetterlings herunter und ertrinkt 
im Meer. 

Nun will ich die Geschichten mit geschlechtlichem Motiv erzählen, und 
zwar nach zunehmender Schlüpfrigkeit geordnet. 

Die Schlange und die beükn Frauen. — Zwei Schwestern gehen Eiersuchen. 
Die jüngere vergreift sich, obwohl gewarnt, an den Eiern der Schlange. Die 
Mutterschlange jagt die Diebin durch alle Dörfer und findet sie schließlich, 
wie sie in ihrem Heimatdorf Kwabulo die Eier brät. Um sie zu strafen, dringt 
die Schlange durch die Vulva in ihren Körper ein und ringelt sich darin 
zusammen, so daß nur Kopf- und Schwanzspitze herausgucken. Darauf, 
fahren die Eingeborenen fort — 

ivagi kirisala ikarisaki matala Gumwawela. 

es macht Traum-Echo es ruft Traum hervor Auge sein Mann aus Wawela. 

In anderen Worten: dieses Ereignis hat ein Traum-Echo hervorgerufen, 
nämlich einem Mann aus Wawela eine Vision vor Augen gezaubert. Dieser 
Mann kommt dem Mädchen zu Hilfe, zwingt durch Magie die Schlange dazu, 
herauszukriechen, und tötet sie. 

Die zwei Brüder und die Häuptlingsfrau. — Ein jüngerer Bruder geht in den 
Garten eines entfernt wohnenden Häuptlings, trifft dort die Häuptlingsfrau 
und hurt mit ihr unter einem Mangobaum. Er wird vom wutschnaubenden 
Gatten erwischt, der ihn ins Dorf schleppt und auf eine hohe Plattform setzt 
wo er seinen Tod erwarten soll. Sein Bruder jedoch rettet ihn: durch Zauber- 
kunst läßt er alle Männer des Dorfes verschwinden; darauf heiraten die beiden 
die Frauen und lassen sich häuslich nieder. 

Der Klippenreiher und Ilakavetega. — Ilakavetega ist eine alte Frau, die 

18* 

277 



Erotische Träume und Vorstellungen 

mit ihren. Enkelinnen zusammen lebt. Diese gehen an den Strand; dort be- 
gegnen sie einem Klippenreiher, der sie fragt, wer sie sind. „Wir sind Ilaka- 
vetegas Enkelinnen." „Sagt ihr dann," antwortet der Vogel und fängt an 
zu singen: — 

Kaypwada'u wila, 

Voller Geschwüre Vulva ihre, 

kaypüipili wila, 

voller kleiner Geschwüre Vulva ihre, 

kaypwada'uyala wila, 

mit Geschwüren bedeckt Vulva ihre, 

kaykumikumi wila: 

von Geschwüren zerfressen Vulva ihre : 

ibusi kalu momona, 

Es fließt nieder ihr Ausfluß, 

akanuwasi yoegu boH. 

Ich lecke ihn auf ich selbst Klippenreiher. 

Diese ziemlich unverdiente Beleidigung wird im selben Sing-Sang-Ton von 
Anfang bis zu Ende vor der Großmutter wiederholt; am nächsten Tag geht 
sie mit ihren Enkelinnen zum Strand, begegnet dem Klippenreiher und hört 
mit eigenen Ohren, was er sagt; auf diese Art wird das Liedchen im Verlauf 
der Erzählung dreimal gesungen. Unglücklicherweise verfängt sich der Reiher 
in den Korallenklippen, wird gefangen, getötet und verzehrt. Doch die poe- 
tische Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf, denn ein Zauberer tötet Ilakavegeta 
und ihre Enkelinnen, um den Tod dieses liebenswürdigen Vogels zu rächen. 
Überdies begattet der Zauberer jedes seiner Opfer, ehe er ihm den Garaus 

macht. 

Der Stingaree (Stachebroche). — In dieser Geschichte halten sich das 
schlüpfrige und das dramatische Moment die Waage. Im Dorfe Okayboma 
lebt eine Frau, Mutter von fünf Söhnen, welche sich durch die anatomische 
Merkwürdigkeit auszeichnet, daß sie fünf Klitorisse hat 1 . In einer kleinen 
Bucht am Strande des Dorfes haust ein riesenhafter Stingaree. Eines Tages, 
als die Söhne der Frau draußen im Taro-Garten sind, macht sich der Stingaree 
auf, arbeitet sich plumpsend und klatschend durch den Mangrovesumpf bis 

1 Wer im Rechnen bewandert ist, wird bald herausfinden, daß die alte Dame sechs Klitorisse 
hatte. Ich gebe die Geschichte wieder, wie sie mir von den Eingeborenen mitgeteilt wurde. 

278 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Schnur 



ren usw. 



zum Dorf hinauf und gelangt ins Haus; dort stimmt er ein unzüchtiges, 
grausames Lied an: 

vavari, vavari, o vavari, vavari, 
Vari to^i, toH. 

Apasisi, apaneba, 

Ich schneide sie wund, ich kerbe sie ein, 

magusisi magusike'i, 

ich möchte sie schneiden, ich möchte daran herumschneiden, 

oritala wila inumwaya'i, 

eine Vulva ihre wird schlaff, 

hayadi kala kasesa, 

ich säge ihre Klitoris, 

bcfilituli, bitotina, biwokwo. 

ich schneide ab, es knipst, es ist vorbei. 

Läßt man die onomatopoetischen Worte unverändert, so kann man etwa 
übersetzen : „O vavari, vavari, vari to'i, to'i — ich schneide sie und mache 
eine Narbe daraus, ich schneide mit Absicht, ich schneide gern, ein Teil ihrer 
Vulva ist schlaff geworden, ich will eine ihrer Kbtorisse absägen, ich säge 
sie ab, bis sie — schnipp-schnapp ! — weg ist." 

Dann macht sich der Stingaree ans Werk, begattet die alte Frau und 
schneidet eines ihrer zahlreichen Anhängsel ab. Mein eingeborener Gewährs- 
mann erklärte mir, der va'i habe einen Penis; wahrscheinlicher ist, daß sich 
die Phantasie der ursprünglichen Verfasser an dem langen, sägeartigen Spieß 
in der Mitte des Stingaree- Schwanzes entzündet hat, der, als Geschlechts- 
werkzeug verwendet, gewiß jene unseligen Folgen hervorgerufen hätte, von 
denen in der Geschichte die Rede ist. 

Die Söhne kommen nach Hause, und die Mutter klagt ihnen ihr Leid; da 
erbietet sich der Älteste, sie am nächsten Tag zu beschützen. Doch als der 
Stingaree ins Dorf gehoppelt kommt und sein sadistisches Lied anstimmt, 
und als daraufhin wie auf Zauberwort Blitz und Donner als böses Omen 
(kariyala) sich einstellen, läuft der Sohn davon, und die Mutter verliert eine 
weitere kasesa (Klitoris). Auch der zweite, dritte und vierte Sohn führen sich 
nicht besser auf. Viermal wiederholt der Stingaree jedes Wort seines Lied- 
chens und jede Einzelheit seines Benehmens, bis der Mutter schließlich nur 
eine Klitoris bleibt und nur der jüngste Sohn noch übrig ist, um die Klitoris 
zu verteidigen und der Mutter das Leben zu retten. Denn es wird uns ver- 
sichert, den Verlust aller fünf kasesa könne sie nicht überleben. 

279 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Der jüngste Sohn rüstet eine Anzahl Speere aus starkem Hartholz und 
befestigt sie längs der Straße, die der grausame Fisch auf seinem Weg vom 
Ende der Bucht bis zum Haus passieren muß; dann legt sich der Sohn auf 
die Lauer. 

Als der Stingaree erscheint, singt er sein Lied zum letzten Male; jetzt 
jedoch singt er: „Eine nur, eine einsame Klitoris ist noch übrig, ich bin ge- 
kommen, ich will ein Ende machen; vorbei wird es sein mit ihren Klitorissen, 
sie wird sterben." Den Schluß der Geschichte gebe ich in freier Übersetzung 

wieder : 

„Der Stingaree denkt sich, er wird nun ins Haus gehen. Hoch oben sitzt 
der Sohn auf der erhöhten Plattform vor dem Hause. Er ergreift den Speer 
und durchbohrt den Stingaree. Der läuft davon; der Mann jedoch kommt 
herab, er nimmt den Speer aus Se'ulawola-Tüolz, den er in die Areca-Palme 
gesteckt hatte. Er schleudert ihn mit solcher Wucht, daß der Stingaree sich 
hoch aufrichtet. Auch der nächste Speer hat ihn durchbohrt. Der Mann läuft 
zum iVato-Fruchtbaum, ergreift den Speer aus Tauraga-Holz und wirft ihn. 
Er läuft zum Mangobaum und nimmt den Speer aus hartem Palmholz und 
durchbohrt das Auge des Stingarees. Er nimmt einen derben Knüttel und 
hämmert auf den Stingaree los, bis er tot ist." Die Geschichte schließt mit der 
Rückkehr der älteren Brüder, die dem jungen Mann nicht glauben wollen, bis 
die Leiche des Stingarees sie überzeugt. Dann wird der Fisch zerlegt und unter 
diejenigen Lagunendörfer verteilt, wo er nicht, wie sonst auf den Trobriand- 
Inseln, als ekelerregender Greuel gilt. 

Die Geschichte von Digawina. — Der Name der Heldin kündet in seiner 
sprachlichen Bildung ihre anatomischen Besonderheiten und ihren Charakter. 
Die Wurzel diga bedeutet „ausfüllen", ,,liineinpacken" ; wina ist eine alte 
mundartliche Form für wila, Vulva. Digawina besitzt sehr große, geräumige 
Geschlechtsorgane. Sie pflegt alle großen Nahrungsmittelverteilungen (sagali) 
nach Trauerfällen mitzumachen und mehr als ihren Anteil zu stehlen, indem 
sie Kokosnüsse, Yams, Taro, Areca-Nüsse, Betelschoten, große Stücke Zucker- 
rohr und ganze Büschel Bananen in ihre Vagina packt. Auf diese Art kommen 
die Dinge geheimnisvollerweise abhanden, zum großen Verdruß aller anderen 
Teilnehmer, vor allem aber der Veranstalter. Endlich werden Digawinas 
Schliche entdeckt. Der Leiter der nächsten Verteilung versteckt einen großen 
schwarzen Mangrove-Krebs (kaymagu) unter den Nahrungsmittehi, der ihr 
die kasesa (Klitoris) abzwickt und sie so tötet. Mit diesem tragischen Ereignis 
schließt die Geschichte. 

Der weiße Kakadu und die Klitoris. — Eine Frau namens Karawata gebar 
einen weißen Kakadu, der in den Urwald davonflog. Eines Tages ging Kara- 

280 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Schnurren u 



sw. 



wata in den Garten und befahl ihrer kasesa (Klitoris), auf den kumkumuri 
(Erdbackofen) aufzupassen. Die kasesa antwortet zuversichtlich: Kekekeke. 
Doch der weiße Kakadu hat alles vom Walde aus gesehen; er kommt rasch 
herbeigeflogen und versetzt der Klitoris einen Hieb; kläglich schreit sie: 
kikikiki und purzelt um, während der Kakadu verzehrt, was im Ofen ist. 
(Man muß sich den großen, flachen, hügelartigen Erdbackofen vorstellen, 
daneben diekleine Klitoris auf der Wacht und den grausamen weißen Kakadu, 
der heimtückisch auf die günstige Gelegenheit lauert. Die Absurdität der Lage 
wirkt auf den bei den Trobriandern stark ausgeprägten Sinn für Humor.) 

Am nächsten Tag spricht Karawata wiederum zu ihrer kasesa: „Wir wollen 
ein Schwein fangen, ein wenig Yams holen und alles zusammen in der Erde 
backen." Wieder nimmt sie ihre kasesa ab und läßt sie den Ofen bewachen; 
wie das erstemal sagt die kasesa ganz zuversichtlich: kekekeke. Wieder kommt 
der weiße Kakadu vom Baum geflogen und versetzt der kasesa eins; mit 
einem kläglichen kikikiki purzelt sie um, und wieder tut sich der Kakadu 
am Inhalt des Ofens gütlich. Am nächsten Tag sagt die Frau: „Ich gehe in 
den Garten arbeiten und du paßt mir ordentlich auf das Essen auf." Kekekeke, 
antwortet die kasesa, aber alles geht wieder wie an den beiden ersten Tagen ; 
und Karawata und ihre kasesa verhungern. 

Mwoydakema. — Der Held dieser Geschichte erblickt zwei Frauen, die 
Salzwasser vom Strand holen wollen. Er ruft sie an: 

Wo\ tayyu vivilat Wo! mitakuku, 

Ho! zwei Frauen! Ho! abgenagte Augenwimpern, 

kada mitakuku yoku. 

unsere (dual) abgenagte Augenwimpern du. 

In freier Übersetzung : „Hallo ! Da kommen zwei Frauen. Hallo, ihr Schätz- 
chen, mit denen ich mir gern gegenseitig die Wimpern abbeißen möchte." 
Die Frauen antworten: 

gala ikwani 

nicht es packt, 

was mehr oder weniger unserem volkstümlichen „nichts zu machen" ent- 
spricht. 

Darauf ruft Mwoydakema: 

Ol kimali kadi kimali yoku, 

das bedeutet: „O du, erotisches Kratzen"; in anderen Worten: „Ihr, mit 
denen ich mich gern erotisch kratzen würde." 

281 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Die Frauen jedoch gehen weiter und überlassen ihn seiner Arbeit, dem 
Glätten seiner Streitaxt. Doch er läuft ihnen voran zum Strand: mit Hilfe 
eines Zauberspruches bewegt er das Meer, das ihn bedeckt und im Sand 
begräbt, so daß nur sein Penis herausragt. 

Die Frauen stoßen auf diesen einsamen Gegenstand am Strand und fangen 
an sich zu zanken, wem er gehört. Schließlich setzen sie sich rittlings darauf, 
eine nach der anderen; jede sucht die andere fortzuzerren und die neue Lage 
solang als möglich zu genießen. Dies erscheint den Eingeborenen als der er- 
götzlichste Teil der Geschichte. Nachdem die Frauen gegangen sind, schüttelt 
Mwoydakema den Sand ab, läuft zu seiner Axt zurück und ruft die Frauen 
auf ihrem Rückweg vom Strand mit fast denselben Worten an wie vorher. 
Am nächsten Tag wiederholt sich das Ganze, nur daß sich jede Frau dreimal 
mit dem „Stock" (wie sie ihn nennen) am Strande vergnügt. Am dritten Tag 
geschieht wieder ganz dasselbe; doch nachdem sich die Frauen am „Stock" 
gütlich getan, kommen sie auf den Gedanken, ihn auszugraben und mit nach 
Hause zu nehmen. Allmählic h entdecken sie die verschiedenen Körperteile 
Mwoydakemas, bis er aufspringt und davonläuft. Auf ihrem Rückweg ins 
Dorf müssen sie an ihm vorbei, und er neckt sie mit ihren Kunststücken. 

Momovala. — Momovala geht mit seiner Tochter in den Garten und heißt 
sie auf einen Baum klettern. Er bückt hinauf, sieht ihre Geschlechtsteile und 
stößt das langgezogene katugogova aus, indem er mit schriller Stimme einen 
hohen Ton von sich gibt, der durch schnelles Aufschlagen der Hand gegen 
den Mund unterbrochen wird. Dieser Laut drückt stärkste Erregung an- 
genehmer Art aus. Sie fragt ihn, warum er geschrien habe. „Ich sah einen 
grünen Papagei," antwortet er. Dasselbe wiederholt sich, er nennt einen 
anderen Vogel, und so geht es ein paarmal. Als sie vom Baume herabkommt, 
hat der Vater bereits sein Schamblatt abgelegt und befindet sich im Zustand 
der Erektion. Sie ist ganz verwirrt und weint. Er aber packt und begattet 
sie. Als alles vorbei ist, singt sie ein Liedchen, das sich folgendermaßen über- 
setzen läßt : „O Momovala, Momovala ! Gedärm von meinem Gedärm, Vater, 
mein Vater. Vater dem Namen nach, er hat mich genommen, er hat mich 
hergebracht, er hat mir Unrecht getan." Die Mutter hört sie und ahnt, was 
geschehen ist. „Schon hat er das Mädchen ergriffen und begattet. Ich will 
mich aufmachen und nachsehen." 

Die Mutter kommt zu den beiden, das Mädchen beklagt sich, der Väter 
leugnet. Das Mädchen geht zum Strand mit all ihrem Hab und Gut und singt 
einen Haifisch an, er solle kommen und fressen: erst ihr Holzbrett zum Her- 
stellen der Baströcke, dann ihren Korb, dann den einen Arm, dann den anderen 
Arm, und so weiter — jedesmal singt 6ie dasselbe Liedchen für jeden neuen 

282 






Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

Gegenstand. Schließlich singt sie: „Friß mich ganz und gar." Das tut der 
Haifisch auch. 

Zu Hause fragt Momovala die Mutter, wohin das Mädchen gegangen sei; 
da hört er von ihrem tragischen Tod. Seine Antwort besteht darin, daß er 
von der Mutter verlangt, sie solle ihren Bastrock ablegen und sich mit ihm 
vereinigen. Nun werden seine horizontalen Bewegungen beschrieben, die so 
stark sind, daß seine Frau sich beklagt: Yakay, yakay — ein Ausdruck des 
Schmerzes. Doch er stößt nur tiefer und tiefer hinein. Wieder beklagt sie sich, 
doch ohne Erfolg. Sie stirbt nach dem Akt. 

Am nächsten Tag fragen ihn die Leute im Garten, was geschehen sei. Er 
sagt, seine Frau sei von einem Speer durchbohrt worden. „Wo?" „Durch 
die Vagina." Darauf schneidet sich Momovala den Penis ab und stirbt. 

Dies ist vielleicht die grausamste Geschichte in meiner ganzen Sammlung. 

4. Geschlechtliches in der Folk-Lore — 
Sagen und Mythen 

Von den rein erzählenden, unterhaltenden Märchen wollen wir nun zu den 
ernsteren Formen der Sagen und Mythen übergehen; da gibt es zunächst in 
Kwabulo, einem der Lagunendörfer, eine Lokalsage von ausgesprochen ge- 
schlechtlichem Charakter. Die Geschichte hält zwischen Ernst und Spaß die 
Mitte. Den Eingeborenen gilt sie als hochbedeutsame Sage, denn sie hat in 
einem berühmten Lied Ausdruck gefunden und ist mit der Geschichte des 
Dorfes eng verknüpft: sie wird auch für wahr gehalten, da gewisse Einzel- 
heiten in der Schilderung der örtlichkeiten die Echtheit der Sage nahelegen. 
Sie enthält auch einige tragische Elemente, vor allem in der Selbstent- 
mannung des Helden und in seiner dichterischen Sehnsucht nach der fernen 
Heimat. Das Hauptthema jedoch ist schlüpfrig, und wenn die Eingeborenen 
die Sage erzählen oder erwähnen, was ziemlich häufig geschieht, tun sie es 
keineswegs ernst und feierlich, sondern mit ausgesprochener Freude an Über- 
treibungen und unschicklichen Gleichnissen, vor allem in bezug auf den Angel- 
punkt der Geschichte, den langen Penis des Helden, des sagenhaften Dorf- 
oberhaupts von Kwabulo. Ich halte mich bei der Wiedergabe so eng wie mög- 
lich an die Erzählungsweise der Eingeborenen. 

Die Sage von Inuvayld'u 

Im Dorfe Kwabulo lebte einst Inuvayla'u, das Haupt seines Clans, des 
Lukuba-Clans; das Haupt seines Dorfes. Er übte den Beischlaf mit den 
Frauen seiner jüngeren Brüder und seiner Neffen mütterlicherseits. 

283 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Wenn die Männer zum Fischfang auszogen, so stellte er sich vor einem 
Hause auf; dann machte er ein Loch ins Flechtwerk der Wand, steckte 
seinen Penis durch und hurte. Sein Penis war sehr lang; sein Penis war 
wie eine lange Schlange. Er pflegte in den Garten zu gehen, wenn die 
Frauen koumwala machten (den Boden vor der neuen Pflanzzeit vom Unrat 
reinigten) oder wenn sie pwakova (jäteten). Dann stellte er sich weit weg 
hinter den Zaun, er stand im wilden Busch, und sein Penis schlängelte sich 
auf dem Boden dahin wie eine Schlange. Der Penis kroch den ganzen 
Weg entlang. Der Penis näherte sich einer Frau von hinten, wenn sie sich 
bei der Arbeit niederbückte. Er schlug derb nach ihr, bis sie hinfiel, und 
wenn sie dann auf allen vieren lag, hurte er mit ihr, indem der Penis in die 
Vulva eindrang. 

Oder wenn die Frauen in der Lagune badeten, kroch der Penis unter Wasser 
wie ein Aal und drang in die Vulva ein. Oder wenn sie Muscheln s amm eln 
gingen, wie es die Frauen an der Westküste häufig tun (s. Abb. 78), und 
dabei ins Wasser wateten und mit den Zehen im Lagunenschlamm nach 
Muscheln tasteten, so hurte Inuvayla'u mit ihnen. Wenn die Frauen zum 
Wasserloch gingen, zerbrach er ihre Gefäße aus Kokosnußschalen und 
hurte mit ihnen. Da wurden die Männer sehr böse, denn sie hatten kein 
Wasser zu trinken. Sie schalten auf die Frauen. Die Frauen schämten sich 
so sehr, daß sie nichts erzählten, denn ihre Gefäße waren zerbrochen. Eines 
Tages befahlen die Männer ihren Frauen und sprachen: 

„Kocht Fisch, kocht taytu, macht Brei von Taro, auf daß unser verehrter 
alter Mann sich satt esse." „Nein," erwiderten die Frauen, „das tun wir 
nicht; dieser Mann tut uns Böses an; wenn ihr fischen geht und wir bleiben 
im Dorf, wenn wir im Garten arbeiten, am Wasserloch, in der Lagune, ver- 
gewaltigt er uns." 

Da paßten die Männer ihm auf. Sie sagten, sie zögen auf den Fischfang. 
Sie versteckten sich im tceyka (dichter Busch, der das Dorf umgibt), sie sahen: 
Inuvayla'u stand vor einer Hütte, er machte ein Loch in das Flechtwerk; 
sein Penis kroch am Boden hin, er schlich sich durch das Loch, er kam herein: 
Inuvayla'u verging sich an der Frau seines jüngeren Bruders. Die Männer 

gingen in den Garten (an dieser Stelle werden mit fast den gleichen 

Worten die verschiedenen Situationen aufgezählt, in denen der Held den 
Frauen so böse mitspielt). 

Als seine jüngeren Brüder, seine Neffen mütterlicherseits dies sahen, 
wurden sie sehr zornig. Am nächsten Morgen tauchten sie ihn ins Wasser; 
sie tauchten ihn in den Tümpel am Ende der schmalen Bucht, die sich vom 
Meer bis zum Dorfe Kwabulo hinaufzieht (s. Abb. 79). 

284 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

Er kam aus dem Wasser. Er kehrte in sein Haus zurück. Seine Seele war 
voll Scham und Leid. Er sprach zu seiner Mutter Lidoya: „Backe ein wenig 
taytu und Fisch. Backe es in der Erde. Pack all unser Hab und Gut und 
das Essen in deinen großen Korb; heb ihn auf und nimm ihn auf den Kopf; 
wir gehen weg, wir verlassen diesen Ort." 

Als alles bereit war, kam er aus seinem Haus, das auf dem haku (Haupt- 
platz des Dorfes) stand. Er jammerte laut im Angesicht des baku. Er nahm 
sein kema (Axt), er hieb nach seinem Penis. Erst jammerte und jammerte 
er darüber und hielt ihn in beiden Händen. Dann hieb er die Spitze seines 
Penis ab. Sie fiel auf dem baku vor seinem Hause nieder; sie verwandelte sich 
in Stein. Der Stein ist noch da auf dem baku von Kwahulo vorm Hause des 
Dorfoberhaupts. Er weinte und jammerte und ging fort. Er stand außerhalb 
der äußeren Häuserreihe, er blickte zurück, er nahm seinen Penis und weinte 
darüber. Wieder schlug er mit seiner Axt zu. Das zweite Stück fiel herab 
und verwandelte sich in Stein. Gleich hinterm Dorfe Kwabulo ist es noch zu 
sehen. Er weinte und jammerte und ging weiter. Halbwegs zwischen dem Dorf 
und der schmalen Bucht blieb er stehen. Er blickte zurück nach den Häusern. 
Er nahm seinen Penis in die hohlen Hände, er weinte darüber und schnitt 
noch ein Stück ab. Es verwandelte sich in Stein und ist nicht weit von Kwa- 
bulo zu sehen. Er kam zu den Kanus. Er blickte auf das Dorf zurück, er weinte 
über seine Geschlechtsteile. Er nahm die Axt und hieb den noch übriggeblie- 
benen Stummel seines Penis ab. Er verwandelte sich in Stein und liegt jetzt 
nahe der Stelle, wo die Männer von Kwabulo ihre Kanus vertäuen. Er bestieg 
sein Kanu und bewegte es mit der Ruderstange vorwärts. Als er die schmale 
Bucht halbwegs hinabgefahren war, weinte er noch einmal. Er griff nach 
seiner Axt und hieb sich die Testikel ab. Große weiße runde Korallenblöcke 
(vatu) liegen in der Bucht. Sie sind der Beweis : sie bezeichnen die Stelle, wo 
Inuvayla'u seine Testikel abgeschnitten hat. 

Inuvayla'u und Lidoya, seine Mutter, fuhren nach Kavataria (nördlich 
von Kwabulo), einem Dorf, von wo aus man Seefahrten nach Süden unter- 
nimmt. Er stahl ein großes waga (Kanu), ein mwasawa (seetüchtiges Kanu). 
Doch der Besitzer ertappte ihn und jagte ihn davon. Sie fuhren nach Ba'u 
(einem nördlicher gelegenen Dorf). Er nahm ein seetüchtiges Kanu; er sprach 
zu seiner Mutter Lidoya : „Stelle deinen Korb hinein, wir fahren übers Meer." 
Sie fuhren übers Meer, sie kamen nach I'uwaygili (einem Dorf auf Kayleula). 

Er sprach zu seiner Mutter (hier folgen dieselben Worte wie oben); 

dann fahren sie weiter, kommen in ein anderes Dorf; und wieder bittet er sie 
ihren Korb ins Boot zu stellen; und so weiter — es folgt die eintönige Auf- 
zählung von Dörfern an der Lagune und auf den Amphlett-Inseln bis zu den 

285 



Erotische Träume und Vorstellungen 

koya, den hohen Bergen auf dem d'Entrecasteaux-Archipel. Inuvayla'u kam 
zu den koya. Dort ließ er sich nieder, dort wohnte er und mit ihm seine Mutter; 
sie half ihm bei der Anlage der Gärten und kochte ihm das Essen. Er ging 
auf den Fischfang mit einem Drachen und dem Tiefseenetz, das tief ins Wasser 
gesenkt werden muß. Seine Mutter legte Gärten an am Bergeshang und 
machte Kochtöpfe für ihn. 

Eines Tages stieg er hoch am Berghang hinauf. Der Tag war klar. Weit 
in der Ferne unter den budibudi (kleine Wolken, die zur Monsunzeit sich 
am Horizont sammeln) erblickte er die große flache Insel Kiriwina, erblickte 
er die weite Lagune. Auf ihren Wassern sah er ein Kanu, ein Kanu aus Kwa- 
bulo, seinem Heimatdorf 1 . Sein Inneres wurde weich (inokapisi lopo'ula). 
Er wollte sein Dorf wiedersehen, er wollte im Boot zwischen den Mangroven 
von Kwabulo dahinfahren. 

Sie fahren übers Meer. Auf offener See begegneten sie einem Boot aus 
Kitava. Er spricht zu seiner Mutter: „Bitte sie um sayaku (wohlriechende 
schwarze Farbe); bitte sie um mulipwapwa (Muschelschmuck)." Die Mutter 
bietet sich den Männern von Kitava an. Sie koitieren mit ihr im Kanu der 
Männer; sie geben ihr etwas sayaku und einige Zierate aus Muscheln. Er hatte 
ein wenig rote Farbe und ein paar rote Muschel- Schmuckstücke. 

Am Landungsplatz am Ende der Bucht schmückte er sich. Er ging ins 
Dorf. In seinem festlichen Schmuck stand er auf dem baku (Hauptplatz), 
er sang das Lied, das er in den koya (südliche Berge) gemacht hatte. Er 
lehrte das Lied den Leuten im Dorf, seinen jüngeren Brüdern und Neffen 
mütterlicherseits. Er schenkte ihnen das Lied und den Tanz. Für alle 
Zeiten ist dies der Tanz und das Lied der Leute von Kwabulo gebheben. 
Der Tanz wird mit dem kaydebu (Tanzschild) getanzt (s. Abb. 81). Die 
Männer von Bwoytalu und von Suviyagila haben ihn gekauft und tanzen 
ihn ebenfalls. Inuvayla'u lebte in seinem Dorf, bis er starb. Dies ist das 
Ende der Geschichte. 

Es ist mir gelungen, einige Varianten dieser Sage zu sammeln, indem ich 
sie mir in verschiedenen Dörfern erzählen Heß; ebenso einige Erläuterungen, 
die hier folgen sollen. Der Akt sühnender Selbstentmannung wird manchmal 
unmittelbar nach Inuvayla'us Heimkehr verlegt. Das steht jedoch im Wider- 
spruch zur Reihenfolge der natürlichen Überbleibsel. Alle in der Sage be- 

1 Über den seltsamen eindrucksvollen Gegensatz zwischen den grünen Wässern nnd weißen 
Korallenklippen der Trobriand-Inseln und dem braunen vulkanischen Gestein, den hohen 
Bergen und dem tiefen blauen Meer der koya vgl. „Argonauts of the Western Pacific", 
passim. Dort wird auch über das gefühlsmäßige Verhältnis der Eingeborenen zur Landschaft 
berichtet und über dessen Niederschlag in Sagen nnd Märchen. 

286 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

schriebenen Steine existieren noch heute, obzwar die Ähnlichkeit mit ihren 
anatomischen Urbildern sich mit der Zeit verwischt hat, während sie an 
Größe ungeheuer zugenommen haben müssen. Ich habe die Überbleibsel 
mehrere Male gesehen, doch leider hat mich stets die Witterung oder die Tages- 
zeit oder die Flut daran gehindert, eine Aufnahme von den Steinen zu machen. 
Läßt man der Phantasie und der Deutekunst den nötigen Spielraum, so kann 
kein Zweifel bestehen: die Testikel Hegen in der Bucht — große runde Fels- 
blöcke, die bei Ebbe gerade bis zur Wasserfläche reichen ; die glans penis, ein 
spitzes, helmförmiges Stück weißen Korallengesteins, befindet sich auf dem 
Hauptplatz des Dorfes. Diese Anordnung bestätigt die oben wiedergegebene 
Fassung der Geschichte. 

Die Etymologie des Namens der Hauptgestalt weist auf ihre Verfehlungen 
hin; inu ist zweifellos die weibliche Partikel ina, Frau, während das Verb 
vayla'u tatsächlich rauben oder stehlen bedeutet, so daß man den Namen mit 
„Frauendieb" übersetzen kann. Wer die Meinung vertritt, in früheren Zeiten 
habe in Melanesien eine Gerontokratie bestanden, den wird diese Sage be- 
sonders interessieren; denn hier haben wir den alten (männlichen) „Matriarch", 
der den jüngeren Männern seiner Sippe ins Gehege kommt und kraft seines 
riesenhaften Gliedes (das für den Psychoanalytiker ein Symbol seiner größeren 
Zeugungskraft wäre) alle Frauen der Dorfgemeinschaft für sich beansprucht. 
Manche Teile der Sage weisen unbestreitbare Merkmale eines hohen Alters 
auf, während andere offensichtlich modernisiert worden sind. Die einfache 
Roheit des ersten Teiles und die Art, wie Fabel und Landschaftsformen hier 
in Verbindung gebracht sind, weist die ganze interessante soziologische Sinn- 
fülle der echten Mythe auf, die erst allmählich zur bloßen Sage entartet; der 
zweite Teil jedoch mit dem Lied, das wir gleich anführen werden, spielt in 
moderner realistischer Umgebung. Sein lyrischer, erzählender Charakter 
kennzeichnet ihn als neueren Datums. 

Es ist auch auffallend, daß im ersten Teil der Sage die Frauen gerade 
während ihrer besonders bevorrechteten Tätigkeiten den Angriffen Inuvayla'us 
ausgesetzt sind, zu Zeiten also, da sie normalerweise durch ein Tabu geschützt 
sind, da ein Mann sich ihnen nicht einmal nähern, geschweige denn sie ge- 
schlechtlich mißbrauchen darf. (Siehe Kap. II, männliche und weibliche 
Arbeitsgebiete im Leben des Stammes.) Man darf nicht vergessen, daß die 
Frauen beim gemeinschaftlichen Jäten in gewissen Gegenden das Recht 
haben, jeden Mann, der sich ihnen nähert, tätlich anzugreifen (Kap. LX, 8). 
Hier ergibt sich zweifellos eine sehr interessante Beziehung, die einem phanta- 
siebegabten, hypothesenfreudigen Anthropologen als Beweis für das Alter 
der Mythe dienen und eine Theorie zur Sitte des yausa liefern könnte. Inu- 

287 



Erotische Träume und Vorstellungen 

vayla'u häuft auf die Unbill noch gröbliche Beschimpfung, wenn er die Frauen 
gerade bei solchen Beschäftigungen wie Jäten und Wasserholen vergewaltigt, 
und die Sage erzählt uns, daß die Frauen sich die offenbare Beschimpfung 
ihrer weiblichen Vorrechte — nämlich das Zerbrechen der Wassergefäße — 
mehr zu Herzen nehmen als ihre mißhandelte Keuschheit. Dem oberfläch- 
lichen Beobachter könnte dieses Zerbrechen der Wassergefäße bloß als un- 
schöner sadistischer Zug im sonst liebenswürdigen Charakter Inuvayla'us 
erscheinen; in Wirklichkeit jedoch haben all diese Dinge große soziologische 
Bedeutung. 

Eine andere abweichende Version der Sage behauptet, Inuvayla'u habe 
nicht in sein Dorf zurückkehren dürfen, sondern sei sofort bei seinem Er- 
scheinen verjagt worden. Ich möchte von dieser tragischen Version beber 
absehen, einmal, weil ein trauriges Ende bei uns wenig bebebt ist, anderer- 
seits aber auch, weil dieser Schluß mit dem bebenswürdigen und wenig nach- 
tragenden Charakter der Trobriander schlecht in Einklang steht. 

Das Lied, welches dem verstümmelten Helden von Kwabulo zugeschrieben 
wird, ist mit dem Inhalt der Sage nur lose verknüpft. Die erste Strophe be- 
handelt seine Sünden und ihre Folgen und seinen sühnebereiten Entschluß, 
in die Ferne zu ziehen. Die im ersten Abschnitt erwähnten KoraUenkbppen 
und das Sumpfland, durch das der Held seines Weges zieht, sind dichterische 
Bilder aus jenem Teil der Sage, der die Irrfahrten des Helden und seiner 
Mutter beschreibt. 

Die zweite und dritte Strophe halten sich eng an die Sage. Die Rolle der 
Mutter, der Kummer des Sohnes, die ersten Stadien der Reise finden sich 
im Lied sowohl als in der Sage. Doch das Lied läßt die gröberen und viel- 
leicht älteren Elemente der Sage ganz beiseite und erwähnt die Entmannung 
gar nicht. Nur vom Schmerz um die verlassene Heimat, um das verödete 
Haus ist hier die Rede. 

Um noch einmal der lockenden Versuchung zu einer Hypothesenbildung 
nachzugeben : könnten nicht der erste und der zweite Teil der Sage zwei ganz 
verschiedene Geschichten sein? Dann wäre der erste Teil ein Urmythos mit 
einigen interessanten soziologischen Aufschlüssen und Fingerzeigen; der 
zweite Teil und das Lied hingegen die Geschichte von einer wirklichen oder 
erfundenen Gestalt, einem Mann, der wegen seiner Liebestollheit nicht in 
der Gemeinschaft geduldet werden konnte, deswegen verbannt wurde und 
später zur Sühne sein Lied und seine Reue darbrachte. Im Laufe der Zeit 
verschmolzen die beiden selbständigen Schilderungen in der Sage, doch nicht 
im Lied. 

Von der vierten Strophe ab handelt das Lied von Schmückung und Tanz, 

288 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

von persönlichem Ruhm und Selhstverherrlichung, von Frauen, die des 
Sängers Schmuck bewundern, von seinen Wanderungen durch die Dörfer 
und seinem wiederkehrenden Heimweh. In alledem ist das Lied typisch für 
sein Genre. Ich gebe nur die ersten sechs Strophen wieder, da ich die übrigen 
nicht so vollständig wie diese übersetzen konnte. 

Das Lied von Inuvayla'u 
I 
Eines Tages tauchten sie Inuvayla'u unter. 
Die Kunde von der Hurerei ward offenbar. 
Er wurde eingetaucht, er ging unter, er kam aus dem Wasser. 
Er wandte sich und ging ans Meer — 
Durch raybwag und dumia ging er ans Meer 1 . 

II 

„Unsere Mutter Lidoya, packe das Essen zusammen, 
Ich wende meine Augen gen Dugubakiki 2 . 

Meine Tränen fließen beim Gedanken an das bwaulo 3 meines Dorfes. 
Meine Tränen fließen beim Gedanken an Kwabulo, an die liebliche Luft 
von Kwabulo. 

III 
„0 Mutter Lidoya, nimm deinen Korb auf den Kopf." 
Sie geht behutsam, sie stolpert die Bucht entlang. 
Sie hat Kwabulo verlassen — das Haus ist verschlossen. 
Inuvayla'u wird nicht mehr huren. 
Dein Haus ist verschlossen — das Haus Inuvayla'us ist nicht mehr. 

rv 

„Er ist errichtet — der Mast an der Mündung der Bucht. 
Ich suche nach meinem Lied — ich mache mich auf den Weg — ich — Inu- 
vayla'u. 
Mein Weg ist Gulagola, der nach Tuma führt, 
Und dann die Straße nach Digidagala, die durch Teyyava führt 4 . 

V 

„Frauen von Kulumata, tanzt euern Tanz! 

Schmückt euch zum Rundtanz mit tubuyavi 5 auf eurem Antlitz! 

1 Raybwag = Korallenklippen; dumia = Sumpf land. a Der Landeplatz von Kwabulo an 
der Lagune. 8 Bwaulo = Rauchwolke, die über einem Dorfe bangt. * Beide Straßen führen 
ins nordwestliche Gebiet. E Muster für die Gesichtsbemalung. 

19 M. G. 289 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Ein tileiva'i 1 für euch — geht dann in mein Dorf, 
Geht nach Oysayase — nach Oburaku!" 2 

VI 

„Es ist Zeit für die Reise, die Reise nach Kiriwina 3 . 

Die Kinder suchten mich zurückzuhalten. 

Ich werde meines Weges ziehen und nach Yalumugwa 4 kommen. 

Mein dala 5 — die Männer; meine Liebe — die Frauen. 

Sie bewundern meine paya 6 . 

Wenn ich nach Okaykoda komme, werden meine Freunde mich grüßen. 

Mein Herz ist betrübt. 

Ich bin ein Luba-Mann, mein Fisch ist kaysipu. 

Schlimme Tage sind mir beschieden." 

Die Geschichte von Kaytalugi 

Außer Sagen von Ereignissen in fernen Zeiten erzählen die Eingeborenen 
auch Geschichten von fernen Ländern. Wenn man den Eingeborenen glauben 
soll, so Hegt fast in jeder Himmelsrichtung ein merkwürdiges Land — wenn 
man nur weit genug reist. Eine dieser Gegenden interessiert uns hier besonders 
wegen ihrer eigentümlichen Bewohner. 

„In weiter Ferne, jenseits des offenen Meeres — walum, wie die Ein- 
geborenen sagen — , wenn man zwischen Sim-sim und Muyuwa durchfährt 
(das heißt in nördlicher Richtung), kommt man zu einer großen Insel. Sie 
heißt Kaytalugi. Sie ist so groß wie Boyowa (die größte Insel der Trobriand- 
Gruppe). Da gibt es viele Dörfer. Nur Frauen wohnen darin. Sie sind alle 
schön, sie gehen nackend umher. Sie scheren ihr Schamhaar nicht. Es wächst 
so lang, daß es etwas Ähnliches wie ein doba (Bastrock) bildet. 

Diese Frauen sind sehr schlecht, sehr wild. Das kommt von ihrem un- 
ersättlichen Begehren. Wenn Seefahrer an der Küste stranden, sehen die 
Frauen die Kanus schon von weitem. Sie stehen am Strand und erwarten 
sie. Der Strand ist dunkel von ihren Leibern, sie stehen so dicht. Die Männer 
kommen, die Frauen laufen ihnen entgegen. Sie stürzen sich sofort auf die 
Männer. Das Schamblatt wird abgerissen; die Frauen vergewaltigen die 
Männer. Es ist wie das yausa bei den Leuten von Okayaulo. Das yausa hat 
seine Zeit während des pwdkova. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. In Kay- 
talugi tun es die Frauen die ganze Zeit über. Nie lassen sie die Männer in 

1 Schmeichelgabe (vgl. Kap. XI, 3). 2 Beides Dörfer im Süden. 8 Nordwestliches Gebiet. 
4 Dorf nördlich von Kwabulo. 5 Unter-Clan. * Schildpatt-Ohrringe. 

290 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

Ruhe. Es gibt viele Frauen dort. Wenn eine fertig ist, kommt eine andere 
heran. Wenn sie keinen Geschlechtsverkehr haben können, benutzen sie die 
Nase des Mannes, seine Ohren, seine Finger, seine Zehen — der Mann stirbt. 

Knaben werden auf der Insel geboren. Ein Knabe wächst nie heran. Ein 
kleiner Knabe wird mißbraucht, bis er stirbt. Die Frauen mißbrauchen ihn. 
Sie benutzen seinen Penis, seine Finger, seine Zehen, seine Hände. Er ist 
sehr müde, er wird krank und stirbt." 

So berichten die Eingeborenen über die Insel mit dem bedeutungsvollen 
Namen. Kayta heißt, „sich begatten"; das Suffix lugi drückt vollkommene 
Sättigung aus: Kaytalugi bedeutet also „Begattung in Hülle und Fülle". 
Die Eingeborenen glauben fest an das wirkliche Bestehen dieser Insel und 
an jede Einzelheit des Berichts. Sie erzählen weitschweifige Geschichten 
von Seefahrern, die, vom starken Wind auf die Insel hingetrieben, lieber 
auf öden Klippen landen als Kaytalugi ansteuern. Die Entfernung bis zur 
Insel beträgt etwa eine Tages- und eine Nachtreise. Wenn man am Morgen 
aufbricht und obomatu (genau nach Norden) fährt, so erreicht man die Insel 
am nächsten Morgen. 

Auch glaubt man Geschichten von Männern, die dort gewesen sind und 
zu fliehen vermochten. So strandeten vor langer Zeit einige Männer von 
Kaulagu an der Insel — nach gewissen Versionen sollen sie bei einer Kula- 
Expedition vom richtigen Kurs abgetrieben worden sein. Aber in einer 
anderen Fassung wird behauptet, sie seien absichtlich nach Kaytalugi ge- 
fahren. Wenn n ämlic h die Arbeit nicht recht weiter will, ist es Brauch auf 
den Trobriand-Inseln, daß einer der Männer einen herausfordernden Vor- 
schlag macht; er schlägt irgendeine ungewöhnliche Heldentat vor, irgend- 
eine Zerstreuung oder Festlichkeit, die er stets zu leiten, meistens zu organi- 
sieren und manchmal auch zu bezahlen hat. Die also Herausgeforderten 
müssen ihm Folge leisten. Eines Tages waren die Männer von Kaulagu dabei, 
Yams zu pflanzen. Es war sehr schwere Arbeit, die Yamsstützen wollten und 
wollten nicht in den steinigen Boden. Da rief das Dorfoberhaupt : Uri yakala 
Kaytalugi! „Meine Herausforderung Kaytalugi! Laßt uns den Weibern einen 
Besuch abstatten." Die anderen waren einverstanden. „Sie füllten ihr Kanu 
mit Nahrungsmitteln, Brennholz, Wassergefäßen und grünen Kokosnüssen. 
Sie fuhren übers Meer. Eine Nacht schliefen sie auf See, die zweite Nacht 
schhefen sie auf See. Am dritten Morgen steuerten sie Kaytalugi an (das 
stimmt mit anderen Versionen nicht überein, aber vielleicht hatten sie un- 
günstigen Wind). Die Frauen versammelten sich am Strande: „Wa! Männer 
kommen in unser Land!" Sie rissen das Kanu in Stücke, machten aus den 
Überbleibseln einen Haufen am Strand und setzten sich darauf. Sie begatteten 

291 



Erotische Träume und Vorstellungen 

sich, begatteten sich, begatteten sich; einen Monat, Monat für Monat. Die 
Männer wurden verteilt, jeder Mann wurde mit einer Frau verheiratet. Sie 
wurden ansässig. 

Monatelang legten sie Gärten an und dann sprachen sie zu ihren Frauen: 
„Gibt es viele Fische in eurem Meer?" Die Frauen antworteten: „Sehr viele." 
„So laßt uns unser Kanu reparieren," sagten die Männer, „wir wollen Fische 
fangen, wir wollen sie alle zusammen verzehren." Sie reparierten das Kanu, 
sie legten Blätter und Nahrungsmittel hinein, sie stellten Wassergefäße hinein 
und sie fuhren fort. Sie fuhren drei Tage lang und kehrten zurück nach Kau- 
lagu, ihrem Heimatdorf. Ihre Frauen hatten sie schon betrauert und sich 
wieder verheiratet ; doch nun freuten sie sich, sie wiederzusehen, und kehrten 
zu ihnen zurück. Sie brachten unter anderem eine neue Bananenart mit 
namens usikela. Man kann jetzt in jedem Dorf usikela wachsen sehen und 
essen. Sie sind sehr gut (s. Abb. 82). Und dies ist ein weiterer Beweis dafür, 
daß Kaytalugi tatsächlich existiert. 

Als ich meine Gewährsleute fragte, wie es denn gekommen sei, daß die 
Männer von Kaulagu nicht nur am Leben blieben, sondern sogar entfliehen 
konnten, wurde mir geantwortet, sie seien sehr stark, und keiner hätte mehr 
als eine Frau an sich herangelassen. Und gerade als die Frauen anfingen, 
ihnen über den Kopf zu wachsen, hätten sich die Männer aufgemacht und 
seien entflohen. Wir haben hier ein interessantes Beispiel dafür, daß jede 
starre Fassung viel von ihrer Strenge verliert, sobald tatsächliche Beispiele 
angeführt werden, mögen diese auch nur erdichtet sein. 

Eine andere Geschichte wird berichtet von einem Mann aus Kaybola, 
einem Dorf an der Nordküste. Auf dem Haifischfang fuhr er weit übers 
Meer. Er kam nach Kaytalugi und wurde von einer Frau geheiratet. Barer 
allzu häufigen Umarmungen müde geworden, machte er Löcher in alle ein- 
heimischen Kanus, setzte sein eigenes sorgfältig instand und sagte dann zu 
seiner Frau, die Fische seien an diesem Morgen besonders gut. Er Keß 
sein Boot auslaufen und zog das Segel auf. Die Frauen von Kaytalugi 
stießen ihre Kanus ins Wasser, um ihn zu verfolgen. Doch die Kanus 
füllten sich mit Wasser und sanken, während der Mann glücklich heim- 
kehrte nach Kaybola. 

Als ich meine Zweifel an der Existenz dieser Insel laut werden Heß, er- 
widerten mir meine Gewährsleute, es sei ja recht schön und gut, wenn man 
nicht gleich alles glaube, aber ich solle doch ja nicht versuchen hin zu ge- 
langen, denn es bestünde die Gefahr, daß ich nie wieder von dort wegkäme. 
Sie fügten noch hinzu, alle gumanuma (weißen Männer) möchten gern nach 
Kaytalugi, aber alle hätten sie Angst. „Sieh, nicht ein einziger gumanuma 

292 



Geschlechtliches in der Folk-Lore — Sagen und Mythen 

ist in Kaytalugi gewesen!" — "Wieder ein unwiderleglicher Beweis für die 
Existenz der Insel! 

Bisher haben wir uns hauptsächlich mit profanen Typen der Volkssagen 
beschäftigt und das geschlechtliche Motiv darin vorherrschend gefunden. Je 
geringer die religiöse oder moralische Bedeutsamkeit einer Geschichte ■ — je 
weniger real sie dem Eingeborenen erscheint — , um so lustiger, leichtfertiger 
ist sie; und je leichtfertiger eine Geschichte, um so häufiger dreht sie sich 
um Geschlechtliches, wie zum Beispiel die Märchen (kukwanebu). Nur eine 
einzige Sage hat ein geschlechtliches Hauptmotiv, nämlich die Sage von 
Inuvayla'u, und nur ein geographischer Bericht, die Erzählung von Kay- 
talugi. Die echten Mythen (lilVu) behandeln kaum je Geschlechtliches ; die 
Mythen vom Ursprung der Menschheit und der Gesellschaftsordnung zum 
Beispiel sind vollkommen frei davon. Auch im Sagenkreis um den Helden 
Tudava ist die einzige Bezugnahme auf Geschlechtliches die Erwähnung 
seiner jungfräulichen Geburt; dieser Vorgang wird sehr keusch und zurück- 
haltend folgendermaßen beschrieben: die Mutter des Helden schläft in einer 
Grotte; das von der Decke tropfende "Wasser (litukwa) durchbohrt ihr Hymen, 
dringt in die Vagina und „öffnet sie" (ikaripwala), so daß sie empfangen kann 
(s. Kap. VII). 

In den verschiedenen Mythen vom Tauschhandel (Jcula) finden sich eben- 
falls keine geschlechtlichen Elemente, auch nicht in den Sagen vom Ursprung 
des Fischfangs, des Kanus oder des Tauchens nach Spondylusmuscheln ; 
ebensowenig in den Mythen vom Greisenalter, vom Tod und vom alljährlichen 
Besuch der Geister. 

Das Feuer wurde nach der Sage von derselben Frau geboren, die auch 
Sonne und Mond gebar. Die Sonne und der Mond wandern fort in den Himmel, 
doch die Mutter behält das Feuer zurück und birgt es in ihrer Vagina. So oft 
sie es braucht, holt sie es aus seinem Versteck hervor. Doch eines Tages ent- 
deckt ihr jüngerer Bruder, wo sie es verborgen hält, stiehlt es und gibt es 
an andere weiter. Dies ist die einzige echte Mythe mit entschieden sexuellem 
Einschlag. 

Im Glauben an übernatürliche Dinge spielt das Geschlechtliche keine sehr 
wichtige Rolle. Die einzige Ausnahme von dieser Regel ist die Vorstellung, 
daß manche Hexen (yoyova) mit tauvd'u Geschlechtsverkehr haben — das 
sind boshafte, menschenähnhche Wesen von den südlichen Inseln, die Epi- 
demien hervorrufen. Ipwaygana zum Beispiel, eine Frau vom Clan der Malasi, 
die allen Regeln der Exogamie zum Trotz mit Modulabu, dem Malasi-Ober- 
haupt von Obweria, verheiratet wurde, hat einen befreundeten tauva'u der 
geschlechtlich mit ihr verkehrt und sie die Künste der schwarzen Magie lehrt 



19" 



293 



Erotische Träume und Vorstellungen 

(sie ist auf den Abb. 76 u. 77 zu sehen). Auch Boniwaytani, die Frau des 
Oberhaupts von Kaybola, eine berüchtigte Hexe, soll ein Verhältnis mit solch 
einem bösartigen übermenschlichen Lehrmeister haben. 

Doch bleiben solche Fälle auf den Trobriand-Inseln vereinzelt. Der Glaube 
an einen Hexensabbath, der bei den südlichen Massim verbreitet scheint, 
findet sich nirgends im Norden. Gewährsleute von der Insel Normanby und 
von den östlichen Inseln berichteten mir, daß die Hexen sich zur Nachtzeit 
versammeln, um mit Ta'ukuripokapoka zusammenzutreffen, offenbar einem 
Fachmann der schwarzen Kunst, wobei Tänze und Orgien stattfinden. Die 
Hexen begatten sich mit männlichen Wesen und sogar mit Ta'ukuripokapoka 
selbst. 

5. Das erotische Paradies des Trobrianders 

Auf den Trobriand-Inseln wie in fast jedem Kulturkreis beschäftigt sich 
eine der wichtigsten Glaubenslehren oder Mythologien mit dem Leben nach 
dem Tode. 

Die Trobriander verlegen die Geisterwelt auf eine kleine, nordwestlich ge- 
legene Insel namens Tuma. Ungesehen von sterblichen Augen, ungestört von 
Sorgen der Welt, führen dort die Geister ein Dasein, das dem gewöhnlichen 
trobriandischen Leben sehr ähnlich, nur wesentlich angenehmer ist 1 . Ich 
zitiere eine gute Schilderung aus dem Munde eines meiner besten Gewährs- 
leute, Tomwaya Lakwabulos (s. Abb. 36); er ist ein berühmter Seher, ein 
spiritistisches Medium von nicht geringer Begabung und Phantasie (und nicht 
geringer Schlauheit), und ein häufiger Gast der Geisterwelt, 

In Tuma sind wir alle gleich Häuptlingen; wir sind schön; wir haben 
reichtragende Gärten und keine Arbeit — die Frauen tun alle Arbeit; wir 
haben Schmuck in Massen und wir haben viele Ehefrauen, die alle sehr schön 
sind." Das ist in kurzen Worten, was der Trobriander von der Geisterwelt 
denkt und erhofft — wenigstens solange sie Gegenstand ferner Spekulationen 
bleibt- denn die Einstellung der Eingeborenen zum Tod und ihre Sehnsucht, 
baldmöglichst nach Tuma zu übersiedeln, wird keineswegs befeuert durch 
ihre Vorstellungen und Erwartungen von einem künftigen Leben. In dieser 
Hinsicht verhalten sie sich genau wie wir. Manch guter Christ preist mit Be- 
geisterung die Freuden und Tröstungen des Himm els und hat es doch keines- 
wegs eilig, sich dorthin zu begeben. 

1 Vgl. „Baloma: The Spirits of the Dead in the Trobriand Islands", im „Journal of the 
Royal Anthropological Institute", 1916; dort findet sich ein vorläufiger Bericht über die 
Forschungen während meines ersten Jahres auf den Inseln. 

294 



Das erotische Paradies des Trobrianders 

Jedoch als fernes Wunschbild einer rechtgläubigen Phantasie bleibt die 
Heimat der Geister auf Tuma ein Paradies, vor allem ein erotisches Paradies. 
Wenn ein Eingeborener voll Beredsamkeit die überlieferten Geschichten er- 
zählt, die er mit Bruchstücken aus den Berichten zeitgenössischer Medien 
aufputzt, wenn er von seinen persönlichen Hoffnungen und Erwartungen 
schwärmt, so verschwinden bald alle anderen Gesichtspunkte, und das Ge- 
schlechtliche tritt in den Vordergrund; das Geschlechtliche in erster Linie, 
doch verbrämt mit dem üblichen Aufputz an Eitelkeit, Gepränge, Üppigkeit, 
gutem Essen und schöner Umgebung. 

In der Vorstellung der Eingeborenen wimmelt Tuma nur so von schönen 
Frauen, alle bereit, tagsüber schwer zu arbeiten und nachts zu tanzen. Die 
Geister erfreuen sich immerwährender Feste mit Gesang und Tanz auf weiten 
Dorfplätzen oder an weichsandigen Meeresufern: in Hülle und Fülle gibt es 
da Betel und Kokosnußgetränke, wohlriechende Blätter und zauberwirkende 
Schmuckstücke, Reichtum und Ehrenzeichen. In Tuma ist jeder einzelne mit 
so viel Schönheit, Ansehen und Geschicklichkeit begabt, daß er zur einzigen, 
vielbewunderten, verhätschelten Hauptperson eines nie endenden Festes wird. 
Kraft eines außerordentlichen soziologischen Tricks werden alle gewöhnlichen 
Leute Häuptlinge, wohingegen natürlich kein Häuptling annimmt, daß sein 
Rang erniedrigt oder durch die Geister seiner Untergebenen verdunkelt 
werden könnte. 

Wir wollen nun einmal einen Geist auf seinen Abenteuern beim Einzug in 
seine künftige Heimat begleiten. 

Nachdem bestimmte einleitende Förmlichkeiten erledigt sind, tritt dem 
Geist Topileta entgegen, der Wächter des Weges nach Tuma. Diese Persönlich- 
keit, ein Angehöriger des Lukuba-Clans, sieht einem Menschen sehr ähnlich 
und ist auch in seinen Neigungen, Lüsten und Eitelkeiten recht menschlich. 
Doch seiner Konsistenz nach ist er ein Geist; äußerlich zeichnet er sich durch 
sehr große Ohren aus, die ihm um den Kopf hängen wie die Flügel eines 
fliegenden Hundes. Er lebt mit einer oder mehreren Töchtern zusammen. 

Der Geist tut gut daran, Topileta freundlich zu begegnen und ihn nach dem 
Weg zu fragen; gleichzeitig überreicht er ihm die kostbaren Geschenke, die 
ihm von seinen Hinterbliebenen auf die Reise nach Tuma mitgegeben worden 
sind. Wohlgemerkt — diese Wertgegenstände werden nicht mit der Leiche 
begraben und auch nicht zerstört, sondern nur vor dem Tode gegen den Körper 
gepreßt und gerieben und nach dem Tode eine Zeitlang auf die Leiche gelegt 
(s. Kap. VI, 3). Nach dem Glauben der Eingeborenen werden die geistigen 
Gegenstücke dieser Wertsachen vom Geist des Verstorbenen auf seine Reise 
in die künftige Welt mitgenommen: dort werden sie nach der einen Version 

295 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Topileta zum Geschenk gemacht, nach der anderen dienen sie dem Geiste in 
eigner Person zum Schmuck hei seinem Einzug in Tuma. Ein intelligenter 
Geist findet zweifellos Mittel und Wege, um heiden Erfordernissen gerecht 
zu werden. 

Topileta jedoch ist mit bloßen Geschenken nicht zufrieden. Seine Wollust 
ist ebenso groß wie seine Habgier: ist der Geist ein weibliches Wesen, so be- 
gattet er es ; ist es ein Mann, so gibt er ihn zum selben Zweck an seine Tochter 
weiter. Nachdem dies erledigt ist, weist Topileta dem Fremdling den Weg, 
und der Geist zieht los. 

Die Geister wissen bereits, daß ein Neuling im Anzug ist, und drängen sich 
ihn zu begrüßen. Dann wird ein Zauber vorgenommen, der seinen Sinn tief 
verwandelt. Bei seiner Ankunft ist der Geist schwer mit Kummer beladen. 
Er bangt sich nach denen, die er verlassen, nach seiner Witwe, seiner Liebsten, 
seinen Kindern. Er sehnt sich danach, seine Familie um sich zu sehen, an die 
Brust seines Weibes oder seiner irdischen Liebe zurückzukehren. Doch in Tuma 
gibt es ein wohlriechendes Kraut namens bubwayayta; es wird zu einem vana 
(Büschel) zusammengebunden und von einer schönen Geisterfrau mit einem 
Zauber besprochen, kurz ehe ein männlicher Geist die Insel betritt. Nähert er 
sich der wartenden Gruppe, so ko mmt die leidenschaftlichste und zweifellos 
auch die schönste der Geisterfrauen ihm entgegengelaufen und schwenkt das 
duftende Kraut vor seinem Gesicht. Der Duft dringt ihm in die Nase, und mit 
ihm der Zauber des bubwayayta. Wie der erste Schluck vom Wasser des 
Lethestromes, so löscht auch dieser Duft jede Erinnerung an das Gewesene 
aus; von diesem Augenblick an denkt der Geist nicht mehr an seine Frau, 
sehnt er sich nicht mehr nach seinen Kindern, begehrt er nicht mehr die Um- 
armungen irdischer Liebchen. Sein einziger Wunsch ist in Tuma zu bleiben 
und die schönen, wenn auch unkörperlichen Gestalten der Geisterfrauen zu 
umarmen. 

Seine Leidenschaft wird nicht lange unerfüllt bleiben. Die Geisterfrauen 
— mögen sie uns Sterblichen auch körperlos erscheinen — sind voll Feuer 
und Leidenschaft in einem auf Erden unbekannten Maße. Sie drängen sich 
um den Mann, sie hebkosen ihn, sie reißen ihn an sich, sie vergewaltigen ihn. 
Erotisch erregt durch den i?u&u;ayayta-Zauber, gibt er nach; und nun spielt 
sich eine Szene ab, die einem mit Geistersitten weniger Vertrauten wohl an- 
stößig erscheinen könnte, die aber im Paradies offenbar ganz in der Ordnung 
ist. Der Mann fügt sich diesem Entgegenkommen und koitiert mit der gast- 
freundlichen Geisterfrau im Freien, während die anderen zusehen oder, durch 
das Schauspiel angeregt, dem Beispiel folgen. Solch fessellose geschlechtliche 
Orgien, bei denen Männer und Frauen sich unterschiedslos zusammentun, die 

296 



Das erotische Paradies des Trobrianders 

Partner wechseln und sich wieder vereinigen, sind unter Geistern sehr häufig. 
Das wurde mir jedenfalls von verschiedenen Augenzeugen versichert — Augen- 
zeugen nicht aus der Geisterwelt, sondern aus der medialen Welt. 

Denn ich hatte das große Glück, diese Dinge mit einer Anzahl von Sehern 
zu erörtern, die tatsächlich in Tuma gewesen waren, mitten unter den Geistern 
gewohnt hatten und dann zurückgekehrt waren, um ihre Erlebnisse zu be- 
richten. Der wichtigste meiner Gewährsleute war Tomwaya Lakwabulo; sein 
Name war mir schon bekannt gewesen, und ich hatte bereits mit einem Ge- 
misch aus Achtung und Skepsis seine Heldentaten beschrieben, ehe ich ihn 
persönlich kennenlernte und mit ihm arbeitete 1 . Ich hatte auch Gelegenheit, 
mit dem weibHchen Medium Bwaylagesi zu reden; auch mit Moniga'u und 
ein paar weniger bedeutenden Medien konnte ich mich unterhalten. Die bisher 
angeführten Einzelheiten vom Leben in Tuma sind Allgemeingut und bilden 
einen Teil des bekannten Sagenschatzes; meine Augenzeugen bestätigten mir 
nur diese Angaben, vermochten ihnen jedoch höhere Leuchtkraft und Lebendig- 
keit zu verleihen. Nun will ich einige Mitteilungen esoterischer Art zum besten 
geben. 

Tomwaya Lakwabulo war auf Erden mit einer Frau namens Beyawa ver- 
heiratet, die etwa ein Jahr vor meiner Ankunft in Oburaku gestorben war. 
Er hat sie seitdem in Tuma gesehen und, seltsam genug: sie ist ihm treu ge- 
blieben; auch dort drüben betrachtet sie sich als seine Frau und will mit 
keinem anderen etwas zu tun haben. Dies ist Tomwaya Lakwabulos eigene 
Version der Geschichte. Er gibt jedoch zu, daß in dieser Hinsicht die ver- 
storbene Beyawa oder vielmehr ihr Geist eine noch nie dagewesene Ausnahme 
unter allen Geisterfrauen bildet. Denn sie alle, verheiratet oder unverheiratet, 
sind für jeden geschlechtlich zu haben — sicherlich für ihn, Tomwaya Lak- 
wabulo. Sie alle mit alleiniger Ausnahme Beyawas machen katuyausi oder 
empfangen UZatiZe-Besuche. 

Vor langer Zeit, als Beyawa noch jung und schön war, machte Tomwaya 
Lakwabulo seinen ersten Besuch in Tuma. Damals lernte er eines der schönsten 
Geistermädchen kennen; Namyobe'i hieß sie und war die Tochter von Guyona 
Vabusi, dem Oberhaupt von Vabusi, einem großen Dorf an der Küste von 

1 Vgl. „Baloma: The Spirits of the Dead", im „Journal of the Royal Anthropological In- 
stitute", 1916. Dieser Artikel wurde vor meiner dritten Forschungsreise veröffentlicht. Auf 
dieser Reise wohnte ich mehrere Monate in Oburaku; ich habe Tomwaya Lakwabulo sowohl 
im Trance-Zustand als auch nüchtern gesehen und habe ihn auch als Medium benutzt. 
Trotz seiner Demaskierung, die im obengenannten Artikel beschrieben wird, genoß er un- 
vermindertes Ansehen in seinem Heimatdorf und auch sonst überall auf den Trobriand- 
I mein. Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich die Trobriander nicht wesentlich von uns. 

297 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Tuma. Sie verliebte sich, in ihn, und da sie so sehr schön war und ihn außer- 
dem mi t, bubwayayta verzauberte, verfiel er ihren Reizen und heiratete sie. 
Er lebte sozusagen in Bigamie, oder wenigstens in Geister-Bigamie, denn er 
hatte eine Frau auf Erden in Oburaku und eine Geisterfrau in Vabusi. Seit 
jener Zeit hat er das Geisterland im Trancezustand regelmäßig besucht; 
während eines solchen Zustands nimmt er wochenlang weder Speise noch 
Trank zu sich und rührt sich nicht von der Stelle. (Wenigstens in der Theorie: 
ich besuchte Tomwaya Lakwabulo während eines solchen Trancezustandes, und 
es gelang mir, den Inhalt einer Konservenbüchse — gutes Rindfleisch — und 
etwas Zitronenlimonade in ihn hineinzuschmeicheln; auch konnte ich ihn be- 
wegen, zwei Stangen Tabak anzunehmen.) Diese beruf liehen Besuche in Tuma 
sind, ganz abgesehen von der Annehmlichkeit, Namyobe'i dort zu treffen, 
auch recht einträglich, denn er nimmt reiche Geschenke für die Geister mit 
auf die Reise, die ihm von den Hinterbliebenen anvertraut werden. Ich habe 
keinerlei Grund zu bezweifeln, daß der geistige Teil dieser Geschenke richtig 
zu den Geistern in Tuma gelangt. 

Es spricht sowohl für Tomwaya Lakwabulo als auch für die verstorbene 
Beyawa, daß sie um seine geistige Beziehung nicht nur wußte, sondern sie 
auch guthieß und sogar einwilligte, ihre eigene Tochter nach der Geistergattin 
Namyobe'i zu nennen. Jetzt sind die beiden Frauen in Tuma einander be- 
gegnet, doch wohnen sie in verschiedenen Dörfern. Das stimmt mit der all- 
gemeinen Regel überein, denn jedes irdische Dorf hat seine Geisterkolonie, 
wohin die Verstorbenen sich nach dem Tode begeben. Es gibt auch einige 
Dörfer sui generis, die nicht von dieser Welt aus bevölkert werden und sonder- 
bare Eigentümlichkeiten aufweisen. In dem einen wohnen nur Frauen in 
Häusern auf Pfählen so hoch wie Kokospalmen. Kein Mann darf das Dorf 
betreten, kein Mann hat je mit diesen Frauen geschlechtlich verkehrt. Sie ge- 
bären Kinder, doch ausschließlich Mädchen. Solche weibliche Tugendhelden 
bilden jedoch glücklicherweise die Ausnahme in Tuma, wo Liebe, Freude und 
Genuß die glücklichen Geister umfangen. 

Um Leben und Liebe zu genießen, muß man jung sein. Selbst in Tuma be- 
schleicht die Geister das Alter — Runzeln also, Schwäche und graues Haar. 
Doch gibt es in Tuma ein Heilmittel, das einst allen Menschen zugänglich war, 
jetzt aber für diese Welt verloren ist. Denn dem Trobriander ist das Alter 
nicht ein natürlicher Zustand, sondern ein Unfall, ein Mißgeschick. Vor langer 
Zeit, kurz nachdem die Menschheit aus der Erde emporgestiegen war, konnten 
sich die Menschen willkürlich verjüngen, indem sie die alte verwelkte Haut 
abstreiften; genau wie Krebse, Schlangen, Eidechsen und Geschöpfe, die in 
der Erde wühlen und kriechen, von Zeit zu Zeit die alte Hülle abwerfen und in 

298 



Das erotische Paradies des Trobrianders 

einer neuen, vollkommenen Haut weiterleben. Diese Kunst ist der Menschheit 
unglücklicherweise verlorengegangen — aber die glücklichen Geister in Tuma 
haben sie sich zu erhalten gewußt 1 . Finden sie sich alt, so streifen sie die 
lockere, verrunzelte Haut ab und stehen da in voller Kraft, mit glatter Haut, 
dunklem Haar und gesunden Zähnen. So ist das Leben für sie eine ewige 
Wiederholung der Jugend mit ihrem Geleit von Liebe und Lust. 

Die Zeit vergeht ihnen mit Tanzen, Singen und allem, was damit zusammen- 
hängt; festbche Kleidung und festlicher Schmuck und der Duft wohlriechen- 
der öle und Kräuter erfreuen sie. Jeden Abend in der kühlen Jahreszeit, 
wenn der hartnäckige Passatwind sich legt, oder wenn in der schwülen 
Monsunzeit die frische Brise vom Meere die Luft belebt, legen die Geister 
Festkleidung an und begeben sich auf den baku ihres Dorfes zum Tanz, 
genau wie auf den Trobriand-Inseln. Zuweilen auch, abweichend vom irdi- 
schen Brauch, gehen sie zum Strand und tanzen auf dem festen, kühlen, 
wellengepeitschten Sand. 

Viele Lieder werden von den Geistern gedichtet, und manche davon er- 
reichen die Erde durch Medien. In Übereinstimmung mit den meisten der- 
artigen Erzeugnissen dienen diese Lieder der Verherrlichung des Dichters. 
„Vom Ruhm ihres butia (Blumenkranz) singen sie; von ihrem Tanz; von 
ihrem nabivoda'u (verzierter Korb); von ihrer Gesichtsbemalung und ihrem 
Schmuck." Es Hegt auf der Hand, daß Geschicklichkeit im Gartenbau und 
in der Schnitzkunst, hervorragende Leistungen im Krieg oder kula für die 
Geister nicht mehr erstrebenswert sind. Statt dessen wird Tanz und persön- 
liche Schönheit gefeiert, in erster Linie als Hintergrund und Einleitung zum 
geschlechtlichen Genuß. 

Ich will hier als Beispiel ein solches Lied anfuhren; es heißt Usiyaivenu und 
hat einen Geist in Tuma zum Verfasser; auf die Erde gebracht wurde es von 
Mitakayyo aus Oburaku, einem Medium, das bei meiner Ankunft auf den 
Trobriand-Inseln sich bereits dauernd in Tuma niedergelassen hatte. 

I 

Ich will singen das Lied vom eitlen Genuß — 
Mein Sinn kocht über meine Lippen — 
Sie stellen sich auf im Krei6 auf dem baku, 
Ich will zu ihnen gehen auf den baku — 
Das Muschelhorn bläst — horch! 



1 Nähere Einzelheiten siehe in „Myths of Death and the Recurrent Cycle of Life", S. 80 
bis 106 in „Myth in Primitive Psychology". 



299 



Erotische Träume und Vorstellungen 

Sieh! der flammende Butia-Kxanz, 
Der butia meiner Liebsten. 

II 

Mein Vater weint, sie tanzen für mich den Totentanz. 
Komm! laß uns Betelnuß kauen, laß uns das bubwayayta werfen, 
Laß uns die Schote des Betelpfeffers brechen, 
Die Betelnuß — mein Geist wird stumpf! 

III 

Mein Freund steht am Strande — er ist voller Leidenschaft. 

Er kocht über, mein Freund an der Nordküste von Tuma. 

Der rothaarige Mann träumt von mir, 

Er hat einen reich verzierten Korb, 

Sein Gesicht scheint wie der Mond in seiner vollen Rundheit. 

IV 

Die weißen Wolken sammeln sich tief am Horizont, 
Ich weine still. 



Auf einem Hügel in Tuma wieg ich mein Kindlein in Schlaf, 

Ich will gehen und meine Schwester suchen, 

Ich will ein bagido'u um meinen Kopf legen, 

Ich will meinen Mund mit zerstoßener Betelnuß färben, 

Ich will mit Muschelarmbändern mich schmücken am westlichen Ufer. 



Ein trobriandisches Lied ist stets reich an Lücken und Anspielungen auf 
bestimmte Ereignisse, die den Zuhörern wohlbekannt sind; einem Fremden 
kann es nie vollkommen verständlich werden. Jedoch selbst meine ein- 
geborenen Gewährsleute konnten mir das Lied nicht vollständig deuten. 

Nach den beiden einleitenden Zeilen beschreibt die erste Strophe die Vor- 
bereitung zum Tanz in Tuma. In der zweiten Strophe haben wir das plötz- 
liche Außerachtlassen irdischer Interessen, verursacht durch den Bubwayayta- 
Zauber. In der dritten Strophe singt eine Frau von dem Mann, den sie hebt. Sie 

300 






Das erotische Paradies des Trobrianders 

ist offenbar noch auf Erden, und ihr Gatte oder ihr Liebster — wahrscheinlich 
der Dichter des Liedes — ist nach Tuma gegangen. Sie blickt nach Nordwesten, 
wo sich Monsunwolken zusammenziehen, und weint um ihn (Strophe IV). 
In der letzten der übersetzten Strophen ist sie selbst nach Tuma gekommen 
und beschreibt ihre Kleidung, die wie bei allen Geistern in den Mittelpunkt 
ihrer Gedanken gerückt zu sein scheint. Es spricht für sie, daß sie ihr Kind 
nicht vergessen hat, obwohl mir keiner meiner Gewährsleute erklären konnte, 
wie eine derartig gefühlvolle Erinnerung mit der leichtfertigen Atmosphäre 
von Tuma übereinstimmt. 






301 



DREIZEHNTES KAPITEL 
MORAL UND LEBENSART 

Man darf die geschlechtliche Freiheit der Trobriander durchaus nicht als 
„unmoralisch" bezeichnen und sie damit in eine gar nicht vorhandene Kate- 
gorie einordnen. „Unmoralisch" in dem Sinne, daß -weder Regeln noch 
Werte noch Schranken bestünden, ist überhaupt keine Kultur, mag sie noch 
so verderbt und heruntergekommen sein. „Unmoral" in dem Sinne jedoch, 
daß eine andere Moral herrscht als diejenige, welche -wir selbst zu üben be- 
haupten, muß man in jeder Gesellschaft erwarten, die anders ist als unsere 
eigene oder die unter christlichem und westlichem Einfluß stehenden Kulturen. 

Tatsächlich haben die Trobriander ebenso viele Schicklichkeits- und An- 
standsregeln als Freiheiten und Vorrechte. Unter all den bisher beschriebenen 
Bräuchen, die eine gewisse sexuelle Freiheit verbürgen, ist kein einziger, 
der nicht auch seine entschiedenen Grenzen aufwiese; kein einziges Zu- 
geständnis an den Geschlechtstrieb, das nicht auch neue Beschränkungen 
auferlegte; keine einzige Milderung der üblichen Tabus, die nicht diesen 
oder jenen Ausgleich forderte. 

Alle trobriandischen Einrichtungen haben ihre negative sowohl als ihre 
positive Seite : sie verleihen Vorrechte, doch sie fordern auch Verzichte. So 
bietet die Ehe viele rechtliche, wirtschaftliche und persönliche Vorteile, 
doch bedeutet sie gleichzeitig den Verzicht auf außerehelichen Verkehr, vor 
allem für die Frau, und eine Reihe von Einschränkungen in Lebensart und 
Auftreten. Die Einrichtung des bukurtw.tv.la (Junggesellenhaus) hat sowohl 
ihre Tabus als auch ihre Vorrechte. Selbst Bräuche wie yausa, katuyausi 
und ulatile, deren Zweck und Ziel geschlechtliche Ungebundenheit ist, sind 
durch allerlei Schranken und Bedingungen eingeengt. 

Wer nach dem Lesen der vorhergehenden Kapitel noch immer ein Gefühl 
moralischer Überlegenheit gegenüber den Trobriandern hat, dem soll im 
folgenden geradezu und ausdrücklich gesagt sein, daß der Trobriander ein 
ebenso klares Schicklichkeitsgefühl für Kleidung und Benehmen hat wie 

302 



Moral und Lebensart 

wir; bei gewissen Gelegenheiten würde er ebenso entsetzt sein über uns, 
wie in anderen Fällen wir entsetzt sind über ihn. Bei den Ausscheidungs- 
vorgängen zum Beispiel zeigt er viel mehr Feingefühl als die meisten Europäer 
der niederen Klassen, und gewisse Einrichtungen zur Befriedigung mensch- 
licher Bedürfnisse, wie sie in Südfrankreich und anderen Mittelmeerländern 
üblich sind, würden Abscheu und Ekel bei ihm hervorrufen. Gewiß übt er 
weitgehende Toleranz gegenüber den natürlichen Formen des Geschlechts- 
verkehrs; dafür ist er auch frei von mancherlei Verirrungen des Geschlechts- 
triebs. „Widernatürliche Unzucht", die wir mit hohen Strafen zu belegen 
uns genötigt sehen, hat keinen Raum im Leben des Trobrianders, höchstens 
als Gegenstand verächtlicher Scherze. Er ist entsetzt, wenn er mit ansieht 
oder erzählen hört, daß Europäer eng aneinandergepreßt tanzen, oder wenn 
er erlebt daß ein Weißer in Gegenwart seiner Schwester Witze macht und 
sich gehen läßt, oder in der Öffentlichkeit mit seiner Frau zärtlich ist. Tat- 
sächlich entspricht die Haltung des Trobrianders gegenüber seinen Moral- 
vorschriften durchaus der unseren, ob wir uns nun Christen oder Agnostiker 
nennen: er glaubt fest an seine Moralgesetze, mißbilligt ihre Überschreitung 
und hält sie sogar ein — wenn auch nicht in allen Punkten und ohne An- 
strengung, so doch mit leidlichem Aufwand an Eifer und gutem Willen. 

Vieles, was uns natürlich, anständig und moralisch erscheint, ist dem 
Trobriander ein Greuel. Und das onus probandi bliebe jedem überlassen, 
der behaupten wollte, die Moral des Trobrianders sei falsch und die unsere 
sei richtig, seine Grenzen und Schranken seien ungenügend und künstlich, 
die unseren hingegen zweckentsprechend und natürlich. In mancher Hinsicht 
sind seine Regelungen biologisch besser begründet und gesünder als unsere 
eigenen, in anderer Hinsicht feiner und scharfsinniger, und in noch anderer 
Hinsicht ein wirksamerer Schutz für Ehe und Familie. In anderen Dingen 
wieder können wir nicht mit Unrecht eine gewisse Überlegenheit beanspruchen. 
Wer sich mit der Geschlechtsmoral einer gänzlich andersartigen Kultur be- 
schäftigt, sollte stets daran denken, daß der Geschlechtstrieb niemals ganz 
frei ist, daß er sich aber ebensowenig durch gesellschaftliche Gebote jemals 
ganz versklaven läßt. Die Grenzen der Freiheit sind verschieden, doch gibt 
es stets einen Bereich, wo allein biologische und psychologische Motive der 
Freiheit eine Schranke setzen, und wieder einen andern, wo Brauch und 
Konvention die unumstrittenen Herrscher sind. 

- V -Es war nötig, reinen Tisch zu machen, ehe wir an das Thema dieses 
Kapitels herangehen, denn es gibt kaum eine größere Fehlerquelle in der 
Soziologie als die falsche Einstellung zur Geschlechtsmoral; und Irrtümer 
sind hier besonders schwer zu vermeiden, weil sie auf Unwissenheit be- 

303 



Moral und Lebensart 

ruhen, die keine Aufklärung will, auf Unduldsamkeit, die ein liebevolles 
Verstellen fürchtet. 

1. Anstand und Schicklichkeit 

Wie wir bereits wissen, haben die Eingeborenen nicht nur genau fest- 
gelegte Gesetze, deren Anwendung mit Strenge gehandhabt und deren 
Geltung durch Strafen erzwungen wird, sondern sie haben auch ein waches 
Gefühl für Recht und Unrecht, und eine Reihe Vorschriften für korrektes 
Verhalten, die des Zartsinns und der Feinfühligkeit durchaus nicht ent- 
behren. 

Ein gutes Beispiel dafür bilden die Bräuche und Sitten, die es mit so 
elementaren physiologischen Funktionen wie Essen und Trinken, Exkre- 
mentieren und Urinieren zu tun haben; überdies werfen sie ein bedeut- 
sames Licht auf unser Hauptthema, die Lebensart in geschlechtlichen 
Dingen. 

Essen gilt nicht als lebensnotwendig, und der Nützlichkeitswert der 
Speise ist den Eingeborenen unbekannt. Tatsächlich haben sie keine Ahnung 
davon, daß es so etwas wie eine physiologische Notwendigkeit der Er- 
nährung gibt oder daß der Körper sich auf der Nahrung aufbaut. Barer 
Meinung nach ißt man, weil man Appetit hat, weil man hungrig oder ge- 
fräßig ist. Der Vorgang des Essens ist sehr erfreulich und ein passender 
Ausdruck froher Stimmung. Große Anhäufung von Nahrangsmitteln (siehe 
Abb. 83), ihre feierliche Verteilung (sagali) und zuzeiten ihre unmittel- 
bare, wenn auch nicht öffentliche Verspeisung bilden das Kernstück aller 
Feste und Feiern der Eingeborenen. „Wir werden froh sein, wir werden 
essen, bis wir speien," sagen die Trobriander in der Vorfreude auf irgendein 
Volksfest. Nahrungsmittel zu verschenken ist eine tugendhafte Handlung. 
Wer die Nahrung spendet, wer viele große sagali (Verteilungen) veranstaltet, 
ist ein großer Mann und ein guter Mann. Nahrungsmittel werden in jeder 
Form zur Schau gestellt, und großes Interesse herrscht für die neue Ernte, 
für reiche Gartenerträgnisse und für einen ausgiebigen Fischzug (s. Abb. 84). 

Doch werden Mahlzeiten nie in der Öffentlichkeit eingenommen, und 
essen gilt ganz allgemein für eine ziemlich gefährliche, heikle Angelegenheit. 
Nicht nur würde kein Trobriander in einem fremden Dorfe essen, sondern 
sogar innerhalb derselben Dorfgemeinschaft ist gemeinsames Essen nur 
wenig verbreitet. Nach einer großen Verteilung ziehen sich die Leute mit 
ihrem Anteil an ihre eigenen Feuerstellen zurück, und jede Gruppe dreht 
den übrigen den Rücken. Zu einer richtigen gemeinsamen Schmauserei in 
großem Maßstab kommt es nie. Selbst bei dem großen gemeinschaftlichen 

304 







80. FERTIG ZUM SCHLUSSTANZ {KAP. XI, 5; KAP. M, B) 




81. DER INUVAYLA'U-TANZ (KAP. XII. 41 




82. USIKELA-BANANEN IN KAULAGU (KAP. XII, 4) 




83. NAHRUNGSMITTEL FÜR EIN FEST 
Yams liegt in Haufen auf dem Boden und füllt die pwata'i (prismenförmigen Behälter aus 
Holzslangen): oben darauf liegen Kokosnüsse, Bananen und Arecanuß- Büschel — das Ganze 
macht auf den Eingeborenen einen starken Eindruck von Schönheit, Macht und Ansehen. Solche 
Nahrungsmittelanhäufung findet beim milamala (alljährliche Wiederkehr der Geister) statt 
sowie bei Totenfeiern und anderen Nahrungsmittelverteilungen (sagali). (KAP. X11J, 1) 






Anstand und Schicklichkeit 

Taro-Kochen sammeln sich kleine Gruppen verwandter Leute um den ihnen 
zugeteilten Topf, den sie an eine abgelegene Stelle getragen haben, und essen 
dort rasch und ohne Zeugen (s. Abb. 85). 

In der Tat ist essen eher ein Mittel, die Leute gesellschaftlich voneinander 
zu scheiden und abzusondern als sie zu vereinen. Zunächst einmal äußern 
sich Rangunterschiede in Tabus auf gewissen Speisen. Leute vom höchsten 
Rang sind eigentlich gezwungen, nur im engsten Kreise unter sich zu essen; 
wenn in ihrer Gegenwart weniger Vornehme Speise zu sich nehmen, so 
müssen diese auf einen Teil ihrer normalen Kost verzichten, um die Vor- 
nehmen nicht zu schockieren. Tischmanieren sind also eine Familien- 
angelegenheit und nicht gerade sehr gewählt. Die Speise wird mit den Fingern 
gegessen; Schmatzen, geräuschvolles Kundgeben der Befriedigung und Rülpsen 
wird nicht für unanständig gehalten; doch gilt es als häßlich, für nichts 
anderes als fürs Essen Sinn zu haben und gierig über die Speise herzufallen. 
Überfluß an Speisen ist gut und ehrenvoll, Mangel ist schlecht und be- 
schämend. Doch Nahrungsmittel in Hülle und Fülle zu besitzen ist ein 
Vorrecht, das sich ohne Gefahr nur ein Häuptling oder sonst ein Mann von 
hohem Rang leisten kann. Für einen gewöhnbchen Bürger ist es entschieden 
gefährlich, ein allzu guter Gärtner zu sein, zu große, zu reich geschmückte 
und zu wohlgefüllte Yamshäuser zu besitzen. Der Häuptling verteilt Nahrungs- 
mittel in Form von Geschenken, er erhält sie in Form von Tribut. Run 
allein kommt es zu, verzierte Yamshäuser zu besitzen; bei der Schau- 
stellung von Nahrungsmitteln während des milamala (Wiederkehr der 
Geister), bei den rituellen Verteilungen und während der Ernte muß er alle 
anderen übertreffen. 

Psychologisch interessant ist die sogenannte Vilamalia-Magie. Sie richtet 
sich gegen den elementaren Eßtrieb und nimmt dem Betroffenen jeden 
Appetit, so daß die Nahrungsmittel im Yamshaus bleiben, bis sie verfaulen. 
Media (Überfluß) und molu (Mangel oder Hunger) sind zwei wichtige Be- 
griffe im Leben der Eingeborenen 1 . Molu ist schlecht und beschämend. Es 
gilt als schreckliche Beleidigung, einem Manne zu sagen, er sei hungrig, 
oder: gala kam („keine Speise dein" — „du hast keine Speise"), oder toga- 
lagala yoku („du bist kein vermögender Mann"). Diese Beleidigung ist ein 
Beispiel dafür, auf welche Art sich die Eingeborenen Mangel und Hunger 
unter die Nase reiben. Lieber wird ein Mann wirklichen Hunger erdulden, 
als sich der sarkastischen Frage aussetzen: „Gibt es in deinem Dorf keine 
Nahrung ?" 

1 Vgl. meinen Artikel „The Lunar and Seasonal Calendar in the Trobriands" im „Journal 
of the Royal Anthropological Institute", 1927. 

20 M. G. 305 



Moral und Lebensart 

Um es kurz zusammenzufassen: der Vorgang des Essens gilt den Ein- 
geborenen als Ausdruck eines mächtigen Triebes, einer starken Leiden- 
schaft. Als solcher ist er ein wichtiger Bestandteil des gewöhnlichen Lebens- 
ablaufs; die Abendmahlzeit ist ein ebenso unerläßliches häusliches Ereignis 
wie das Ausruhen nach der Arbeit oder die Unterhaltung mit den Nachbarn. 
Essen spielt auch eine wichtige Rolle bei jedem Fest und im Bereich des 
Rituellen. Speise ist eines der Mittel, um soziale Unterschiede noch be- 
sonders hervorzuheben, Unterschiede des Ranges sowohl als der Stammes- 
gruppierung; so wirkt sie indirekt als soziales Band. Was nach dem Ver- 
schlucken der Speise im Verdauungskanal vor sich geht, darum kü mm ern 
sich die Eingeborenen nicht; die Verwandlung der Nahrung hat erst dann 
wieder Einfluß auf das kultürliche Leben, wenn der Verdauungsprozeß be- 
endet ist und Abfallprodukte die Aufmerksamkeit des Eingeborenen in 
Anspruch nehmen und Sitten und kultürliche Einrichtungen fordern, mit 
deren Hilfe der Exkrementations Vorgang verborgen wird. Denn wie wir 
bereits im Abschnitt über Körperpflege erwähnten (Kap. X, 4), haben die 
Eingeborenen eine sehr starke ästhetische Scheu vor Unreinlichkeit am 
eigenen Körper und in ihrer Umgebung. Unangenehme Gerüche und un- 
sauberes Zeug ist ihnen ekelhaft, besonders alles, was mit dem Exkremen- 
tationsvorgang zusammenhängt. 

Aus diesem Grunde ist die härteste Forderung der Trauersitte nicht das 
Beschmieren des Körpers mit Ruß oder Holzkohle, sondern das Wasch- 
verbot. Exkrementation innerhalb des Hauses gilt als sehr schwere Be- 
lastung all derer, die durch Trauer oder Krankheit ans Haus gefesselt sind, 
ebenso auch als Belastung der Verwandten, welche die nötigen Dienste zu 
leisten haben. Immer wieder hört man, Kinder müßten ihren Eltern und 
vor allem dem Vater darum ewig dankbar sein, weil er einst die Aus- 
scheidungen der Kleinen in ein Gefäß aufgefangen und in den Busch hinaus- 
getragen habe, wobei er sich unvermeidlich habe beschmutzen müssen; 
darum sollte auch das Kind später für seine Eltern sorgen und, wenn sie 
krank würden, Gleiches mit Gleichem vergelten. 

Das Behandeln der Verstorbenen und die Verrichtungen an der Leiche 
im Zusammenhang mit gewissen Totenfeierlichkeiten, das rituelle Verzehren 
verwesender Leichenteile, wozu einige Hinterbliebene verpflichtet sind — all 
dies erfordert heroische Hingebung. 

Die Eingeborenen sorgen dafür, daß jede Ansammlung von Schmutz im 
Dorfe vermieden wird, vor allem das Ablagern von Ausscheidungen in der 
Nähe der Siedlungen. Die Dörfer sind stets sorgfältig sauber gefegt; Ab- 
fälle werden in großen, wawa genannten Haufen am Rande des Dorfes auf- 

306 



Anstand und Schicklichkeit 

geschichtet. Besonders übelriechendes Zeug, wie zum Beispiel verwesender 
Fisch, wird meistens mit Erde bedeckt. 

Die Abortanlagen bestehen in zwei zu diesem Zweck bestimmten Plätzen 
im Busch in einiger Entfernung vom Dorf, der eine für Männer, der andere 
für Frauen. Die Eingeborenen halten sich höchst gewissenhaft an diese 
Plätze; Straßen und Umgebung eines trobriandischen Dorfes würden bei 
einem Vergleich mit der Umgebung der meisten europäischen, vor allem 
der romanischen Dörfer sehr günstig absclmeiden. 

Nie gehen Eingeborene gemeinsam zu diesen Plätzen, und ebensowenig 
würde jemand in der Nähe eines anderen exkrementieren. Auf See läßt 
sich ein Mann ins Wasser gleiten und erleichtert sich unter der Oberfläche 
des Wassers, wobei ihn die anderen vom Kanu aus festhalten; beim Ex- 
krementieren hocken beide Geschlechter am Boden; die Frauen urinieren in 
Hockstellung, die Männer im Stehen. 

Manche Dörfer liegen zwischen Mangrovesumpf und Lagune so eng zu- 
sammengedrängt, daß ihnen außerhalb der Siedlung nur wenig trockenes 
Land bleiht und sie Schwierigkeiten mit ihren Abortanlagen haben (siehe 
Abb. 86). In solch einem Dorf begibt sich das eine Geschlecht an diese, das 
andere an jene Seite des Strandes und sucht sich eine Stelle, die von der 
Flut bedeckt wird. Doch trotzdem stehen diese Dörfer in schlechtem Ruf; 
oft habe ich es erlebt, daß meine eingeborenen Gefährten beim Durch- 
wandern eines solchen Dorfes sich die Nase zuhielten und ausgiebig spuckten; 
manche ungeschminkte Bemerkung über solche Dreckwirtschaft ist mir zu 
Ohren gekommen. Doch werden in diesen Fischerdörfern sogar Fischreste 
sorgfältig beiseite gebracht, und wenn die Leute Fisch zum Essen zurecht- 
machen, waschen sie sich stets sorgfältig die Hände und reiben sie danach 
mit Kokosnußöl ein. 

Nach der Exkrementation werden die betreffenden Körperteile sorgfältig 
mit weichen Blättern gereinigt, die in diesem Zusammenhang poyewesi heißen 
(po, die Wurzel von „Ausscheidung"; yewesi, Blätter). Kinder werden an- 
gehalten, in dieser Hinsicht peinliche Sauberkeit zu beobachten; ein achtloses 
Kind wird nicht selten von seinen Eltern oder älteren Gefährten gescholten: 

Mayna popu! gala kuvaysi kosiyam 

Geruch von Exkrement! nicht du wischst deine Exkrementreste, 
mayna kasukwanise! 

Geruch wir riechen! 

Soziale Unterschiede haben beträchtlichen Einfluß auf die Art, wie die 
Eingeborenen von diesen Dingen sprechen. Der gewöhnliche Ausdruck für 

307 



Moral und Lebensart 

Exkrement (popu) oder das Verb exkrementieren (popu oder pwaya) wird 
niemals gebraucht in Gegenwart eines guyd'u (Häuptling, Mann von hohem 
Rang). Statt dessen wird ein besonders höfliches Wort verwendet, solu 
oder sola (wörtlich: hinabsteigen), oder Euphemismen wie „hinuntergehen" 
(busi), „gehen und wiederkommen" (bala baka'ita). Nie würde sich jemand 
in Gegenwart des Häuptlings entschuldigen mit den Worten „Ich muß 
exkrementieren gehen" (bala bapopü), sondern er würde sagen: bala basolu, 
oder bala babusi, „ich gehe hinunter"; oder bala baka'ita, „ich gehe und 
komme wieder". 

Das Wort „Exkrement" wird auch in typischen Schmähreden verwendet; 
„iß deinen Kot" (kumkwam popu oder kukome kam popu). Wird dieser Aus- 
druck gutlaunig gebraucht, so kann er als Scherz aufgefaßt und verziehen 
werden; doch er steht auf der Grenze zwischen Neckerei und Beleidigung 
und darf nie im Arger gesagt werden. Vor allem darf er nie einem Häuptling 
zu Ohren kommen, und ihn ihm gegenüber in beleidigender Absicht zu ge- 
brauchen, gilt als unverzeihliches Verbrechen. 

Im letzten Krieg zwischen To'uluwa, dem Häuptling von Omarakana, 
und seinem Erbfeind, dem Oberhaupt des Dorfes Kabwaku, spielte sich 
folgender Vorfall ab, der kennzeichnend ist für die Haltung der Eingeborenen 
gegenüber dieser Beleidigung, falls sie sich gegen einen Häuptling richtet. 
In einer Kampfpause, als die feindlichen Kräfte einander gegenüberstanden, 
kletterte Si'ulobubu, einer der Kabwaku-Leute, auf einen Baum und rief 
To'uluwa mit lauter Stimme an: „Kukome kam popu, To^uluica." Die Be- 
schimpfung fand also unter den verschärfendsten Umständen statt: sie galt 
dem Häuptling und wurde in aller Öffentlichkeit laut ausgesprochen unter 
Anfügung des Personennamens; in dieser Form ist die Beleidigung am 
tödlichsten. Nach Friedensschluß, als alle anderen Feindseligkeiten ver- 
gessen waren, wurde Si'ulobubu bei hellem Tageslicht mit Speeren getötet 
von einigen Männern, die To'uluwa eigens zu diesem Zweck ausgesandt 
hatte. Familie und Sippe des Opfers erhoben nicht einmal Widerspruch, 
geschweige denn daß sie „Blutgeld" verlangt oder ein lugwa (Blutrache) in 
Szene gesetzt hätten. Alle wußten, daß der Mann seine Strafe verdient 
hatte und daß sein Tod ein angemessenes, gerechtes mapula (Bezahlung, 
Vergeltung) für sein Verbrechen war. Es gilt sogar als beleidigend, diese 
Aufforderung an ein Schwein des Häuptlings zu richten, wenn er selbst in 
Hörweite ist; jedoch ist es erlaubt, seinen Hund so anzureden 1 . 



Vgl. die Sage vom Schwein und vom Hund weiter unten in Abschnitt 5 und in „Myth in 
Primitive Psychology" 1926, wo ihre historische Bedeutung erörtert wird. 

308 



Anstand und Schicklichkeit 

Zwischen GescHechtsfunktion und Ausscheidungsvorgängen besteht in 
der Gefühls- und Vorstellungswelt der Eingeborenen nicht der leiseste Zu- 
sammenhang. Wie wir wissen, gehört zum Ideal eines anziehenden Menschen 
vor allem peinlichste Sauberkeit. Sodomie erscheint den Eingeborenen äußerst 
abstoßend; was sie davon halten, geht aus der Wendung hervor : matauna 
ikaye popu (dieser Mann koitiert Exkrement). Fäkalien spielen keinerlei 
Rolle in Zauberei, Brauch und Ritus, nicht einmal in der schwarzen Magie. 

Ich selber habe die Eingeborenen stets sehr reinlich gefunden und bei 
meinem vielfältigen Verkehr mit ihnen nie unangenehme Geruchseindrücke 
gehabt. Auch stimmen alle dort ansässigen Weißen darin überein, daß ihr 
Körpergeruch dem Europäer nicht unangenehm ist. 

Darmgase werden nie in Gegenwart anderer Menschen fahren gelassen. 
Ein solches Benehmen gilt als sehr schimpflich und entehrend und beschämt 
jeden, der sich dessen schuldig macht. Selbst in einer Menschenmenge, wo 
der Täter unerkannt bleibt, kommt ein solcher Verstoß gegen die Sitte in 
Melanesien niemals vor — in dieser Hinsicht ist also der Aufenthalt in 
einem Haufen Eingeborener wesentlich angenehmer als in einer europäischen 
Bauernversammlung 1 . Passiert jemandem zufällig ein Unglück in dieser 
Richtung, so wird die Schande tiefempfunden, und der Ruf des Betreffenden 
leidet darunter. Der Leser erinnert sich wohl noch aus einem der im vorigen 
Kapitel erzählten Märchen, wie teuer die unglückliche Laus das explosive 
Entweichen ihrer Darmgase bezahlen mußte. 

Wohlgeruch ist ebenso gesucht und geschätzt, wie schlechte Gerüche ver- 
abscheut und gemieden werden. Wir wissen bereits, daß die vielen herrlich 
duftenden Blumen der Inseln bei der Toilette der Eingeborenen häufig Ver- 
wendung finden: die langen weißen Blütenblätter des Pandanus, die butia 
und die große Schar wohlriechender Kräuter, unter denen die Minze (sulum- 
woya) an erster Stelle steht; wir kennen auch die Verwendung von Öl mit 
Sandelholz parfümiert. Angenehme Gerüche spielen in der Zauberkunst 
eine große Rolle; wie schon gesagt, werden viele Riten der Kula-, Liebes-, 
Schönheits- und Geltungsmagie über Minzkraut, Birfia-Blüten oder ver- 
schiedenen anderen wohlriechenden Kräutern ausgeführt, die als vana 
(Sträußchen im Armring) dienen. Körperliche Reinlichkeit spielt überall in 
der Magie eine wesentliche Rolle, und das Verzaubern der kaykakaya 
(Waschblätter) ist ein wichtiger Teil des Ritus 2 . 

1 Interessante soziologische Aufschlüsse darüber, wie sich in dieser Hinsicht europäische 
Bauern verhalten, siehe in Zolas „La Terre". 

2 Vgl. Kap. VIII u. XI dieses Buches und Kap. XIII u. XVII in „Argonauts of the Western 
Pacific". 



20 



309 



Moral und Lebensart 

In der Tat ist der Geruchssinn der wichtigste Faktor beim Verzaubern 
der Menschen: soll der Zauber seine stärkste Wirkung üben, so muß er 
durch die Nase eindringen. Liebeszauber wird dem Opfer durch den Duft 
irgendeiner verzauberten wohlriechenden Substanz beigebracht. Im zweiten, 
sehr gefährlichen Stadium der Hexerei verbrennt man den Gegenstand 
oder das Gemisch, worüber die schwarze Magie ausgeführt worden ist, damit 
der Rauch durch die Nase in den Körper eindringt und dort die Krankheit 
(silami) hervorruft. Aus diesem Grunde werden die Wohnhäuser auf den 
Trobriand-Inseln niemals auf Pfählen errichtet, denn dadurch würde die 
Arbeit des bösen Zauberers allzusehr erleichtert. Die Vorstellung, daß der 
Zauber durch die Nase in den Körper dringt, beeinflußt also die Kultur der 
Eingeborenen nicht unwesentlich. 

Böse Hexen (mulukwausi) sollen einen exkrementähnlichen Geruch aus- 
strömen, der sehr gefürchtet ist, besonders von Leuten auf hoher See — denn 
Hexen sind auf dem Wasser besonders gefährlich. Ganz im allgemeinen gilt 
der Geruch von Kot und verwesendem Zeug als gesundheitsschädlich. Nach 
dem Glauben der Eingeborenen entströmt dem Körper eines Toten ein be- 
sonderer Stoff, der zwar für das gewöhnliche Auge unsichtbar ist, aber von 
Zauberern wahrgenommen wird und ihnen etwa wie die Rauchwolke (bwaulo) 
über einem Dorf erscheint. Diese Emanation, die ebenfalls bwaulo heißt, ist 
besonders gefährlich für die mutterseitigen Verwandten des Verstorbenen; 
sie dürfen deshalb dem Leichnam nicht zu nahe kommen und sich auch nicht 
an den vorgeschriebenen Leichendiensten beteiligen (siehe Kap. VI, 2). 

Mit einigen Worten soll kurz wiederholt werden, was wir bereits von 
Schicküchkeit und vorgeschriebener Art der Kleidung wissen. Wir haben es 
hier nicht mit den verschiedenen Aufgaben der Bekleidung zu tun, als da 
sind : Verschönerung der äußeren Erscheinung, Hervorhebung sozialer Unter- 
schiede und Kennzeichnung der jeweiligen besonderen Gelegenheit, sondern 
wir wollen jetzt über die Tracht in Beziehung zum Schamgefühl ein paar 
Worte sagen. Auf den Trobriand-Inseln verlangt das Schamgefühl weiter 
nichts, als daß die Geschlechtsteile und ein kleines Stück der anschließenden 
Körperregion bedeckt ist; jedoch empfindet der Eingeborene eine Verletzung 
dieses Gebots in moralischer und psychologischer Hinsicht ebenso wie wir: 
es ist schlecht, beschämend und im erniedrigenden Sinne lächerlich, wenn 
die Teile des Körpers, die von der Kleidung bedeckt sein sollten, nicht 
sorgfältig verborgen sind, wie es sich gehört. Überdies verstehen die Frauen, 
ihre Baströcke mit einer gewissen betonten Sorgfalt und Anmut zu hüten, 
sobald sie fürchten müssen, daß infolge von Wind oder rascher Bewegung 
das Kleidungsstück seine Pflicht nicht hinreichend erfüllen könnte. 

310 



Anstand und Schicklichkeit 

Das breite gebleichte Blatt des Pandanus oder der Areca-Palme, welches 
die männlichen Geschlechtsteile bedeckt, wird stets so genau und sicher 
befestigt, daß ich mich nicht erinnern kann, es je in Unordnung gesehen 
zu haben. Kein Mensch darf es anrühren, solange es am Körper getragen 
wird. Das Wort dafür, yavigu, wird mit dem Pronomen des engsten Be- 
sitzes verbunden, als ob es sich um einen Körperteil handelte; der Ausdruck 
gilt als unschicklich und darf nur bei größter Vertraulichkeit gebraucht 
werden. Wenn es jedoch aus praktischen Gründen nötig ist, das Schamblatt 
zu entfernen, wie beim Fischen und Tauchen, so geschieht es ohne falsche 
Scham und ohne das geringste Zeichen einer unschicklichen Neugier. Durch 
Verhalten und Äußerungen tun die Eingeborenen kund, daß Nacktheit, wo 
sie nötig ist, nichts Beschämendes an sich hat, sondern erst dort beschämend 
wird, wo sie durch Sorglosigkeit und Lüsternheit veranlaßt ist (s. Kap. III, 1 
und Abschn. 3 u. 4 des vorhegenden Kapitels). Zwar wird das weibliche 
Kleidungsstück und seine Bezeichnung nicht mit so strengen Tabus belegt, 
doch wird es ebenso sorgfältig als Mittel im Dienst des Schamgefühls benutzt. 

Unsere Beispiele haben es mit verschiedenen Gebieten des intimen Lebens 
zu tun: mit dem Essen, der Ausscheidung, der Einstellung zum Anblick 
des nackten Körpers; ich wollte dadurch die Manieren der Eingeborenen 
kennzeichnen und zugleich zeigen, daß trotz gewisser Dinge, die uns 6tark 
schockieren mögen, die Trobriander in anderer Hinsicht ein Feingefühl und 
eine Zurückhaltung beweisen, die nicht nur wohlbedacht und wohlbegründet 
sind, sondern gleichzeitig eine wahrhaft sittliche Haltung zum Ausdruck 
bringen, nämlich wirkliche Rücksicht auf die Gefühle anderer und auf ge- 
wisse biologische Grundsätze. Wir mögen entsetzt sein über einen Wilden, 
der sein Fleisch mit den Fingern zerkleinert und schmatzend, grunzend 
und rülpsend seine Freude am Essen kundtut; und der Brauch, sich gegen- 
seitig die Läuse wegzufangen und zu verspeisen, erscheint uns entschieden 
unappetitlich. Doch der Eingeborene entsetzt sich genau so sehr über den 
Europäer, der stinkenden Käse vertilgt, oder undefinierbare Scheußlichkeiten 
aus Konservenbüchsen verzehrt, oder schamlos Stingaree, wildes Schwein 
und andere Dinge ißt, die nur Leuten von niederstem Rang erlaubt sind. 
Auch ist er schockiert über die Gewohnheit des weißen Mannes, sich durch 
Schnaps oder Whisky zeitweise blödsinnig oder gewalttätig zu machen. 
Wenn einem ungebildeten Weißen die melanesische Tracht unzulänglich er- 
scheinen mag, so findet der Eingeborene jenen seltsamen Brauch weißer 
Frauen empörend und ungehörig, dem er auf seinen Reisen in europäische 
Siedlungen begegnet: daß sie nämlich bei festlichen Gelegenheiten ihre 
Kleidung reduzieren, statt sie zu vermehren. 

311 



Moral und Lebensart 

Selbst in der Jetztzeit, da ein liberaleres, einsichtigeres Verhalten die 
Beziehungen zwischen Eingeborenen und Weißen regelt, tut man gut, sich 
solcher Dinge zu erinnern und nicht zu vergessen, daß Klugheit und Lebens- 
art von uns verlangt, an anderen die Empfindungen zu achten, die ihren 
eigenen Kulturbegriffen entsprechen. 

2. Geschlechtsmoral 

Ehe wir uns dem Thema dieses Abschnittes eingehender zuwenden, wollen 
wir noch einmal die uns schon bekannten wichtigsten Tatsachen zusammen- 
fassen und aufzählen, damit der Leser sie im richtigen Verhältnis sehen 
lernt. Denn die Verwobenheit der einzelnen Tatsachen und ihre größere 
oder geringere Bedeutsamkeit im Leben der Eingeborenen ist ebenso wichtig, 
wenn nicht wichtiger als die isolierten Tatsachen selbst, wenn wir die 
rechten Schlüsse ziehen und ein getreues Bild des trobriandischen Gemein- 
schaftslebens erlangen wollen. 

Und wenn wir die Dinge vom Standpunkt der Eingeborenen aus sehen 
wollen, also in ihrer wahren Beziehung zum Gemeinschaftsleben des Stammes, 
so dürfen wir nicht vergessen, daß Geschlechtlichkeit als solche nicht tabu 
ist. Das heißt: der Geschlechtsakt an sich, vorausgesetzt, daß er unter vier 
Augen und mit einem gewisse soziale Forderungen erfüllenden Partner aus- 
geführt wird, gilt nicht als tadelnswert, auch wenn er nicht durch die Ehe 
sanktioniert ist. Die Schranken, welche die sexuelle Freiheit einengen, die 
Axt und Weise, wie diese Schranken aufrechterhalten werden, und die 
Strafen, welche auf Übertretung stehen, lassen sich in zwei Gruppen zu- 
sammenfassen: die allgemeinen Tabus, die bestimmte Formen geschlecht- 
licher Betätigung als anrüchig, unanständig oder verächtlich brandmarken; 
und die Einschränkungen sozialer Art, die den Geschlechtsverkehr zwischen 
bestimmten Individuen und Gruppen untersagen. 

A. ALLGEMEINE TABUS 

1. Abwege und Irrpfade des Geschlechtstriebs. — Homosexualität, Exhibi- 
tionismus, Oral- und Analerotik — um psychoanalytische Bezeichnungen zu 
gebrauchen — gelten bei den Eingeborenen, wie schon gesagt, als un- 
zulängliche und verächtliche Ersatzmittel für die natürliche Betätigung 
des Geschlechtstriebs. Diese Auffassung, die viel mehr psychologischen als 
sozialen Ursprungs ist, führt dazu, daß beinah gar keine Perversionen vor- 
kommen. Sexuelle Verirrungen werden lächerlich gemacht, geben Anlaß zu 
anzüglichen, komischen Anekdoten und werden auf diese Art nicht nur 
als unschicklich gekennzeichnet, sondern als höchst unerwünscht hingestellt. 

312 



Geschlecht smoral 

2. Publizität und mangelndes Schicklichkeitsgefühl in geschlechtlichen 
Dingen. — öffentliche Ausübung des Geschlechtsakts oder erotischer Be- 
tätigungen kommt fast gar nicht vor. Es gilt als unziemlich und verächtlich, 
wenn man nicht sorgsam auf Abgeschlossenheit bedacht ist, wenn man sich 
neugierig zeigt oder gar andere beim Liebesspiel zu beobachten versucht. 
Nur bei wenigen Gelegenheiten im Gemeinschaftsleben des Stammes kann 
der Geschlechtsakt öffentlich ausgeübt werden, und der Voyeur kommt nicht 
einmal in der pornographischen Märchen- und Sagenwelt vor. Die einzige 
Ausnahme von dieser Regel bilden die erotischen Wettveranstaltungen 
(kayasa), die wir in Kapitel IX, 5 beschrieben haben. Von diesem Tabu 
auf Öffentlichkeit sind nur die seligen Geister in Tuma dauernd befreit; 
hingegen in den sagenhaften Berichten von weiblichen Überfällen auf 
Männer (wie beim yausa oder auf der Insel Kaytalugi) gilt öffentliche Aus- 
übung des Beischlafs noch als besondere Schmach der widerstandslosen 
Opfer. Die Sitte verlangt also, daß der Geschlechtsverkehr nach allen Regeln 
des Anstands in strengster Abgeschlossenheit vor sich geht. 

3. Geschlechtliche Exzesse. — Geschlechtliche Gier zu verraten oder dreist 
und schamlos um die Gunst des anderen Geschlechts zu werben, gilt für 
Männer und Frauen als schlecht und verächtlich, vor allem aber für Frauen. 
Diese moralische Einstellung darf nicht verwechselt werden mit dem un- 
günstigen Urteil über Personen, die in Liebesdingen allzu erfolgreich sind 
und dadurch Neid und Eifersucht erregen. 

4. Mangel an Geschmack. — Wir wissen bereits (Kap. X, 2), daß be- 
stimmte Erscheinungsformen der Häßlichkeit und ein abstoßendes Äußeres 
als unvereinbar mit erotischer Betätigung gelten, ja, daß sich die Ein- 
geborenen zu der Behauptung versteigen, kein Mensch könnte oder würde 
mit einem solchermaßen Gezeichneten Geschlechtsverkehr haben. Hinter 
dieser bloßen Behauptung steht eine entschiedene, halb moralische, halb 
ästhetische Anschauung, beruhend auf einer wirklich lebhaften Empfindung, 
die freilich in der Praxis manchmal nicht standhält. Es ist schlecht, un- 
ziemlich und verächtlich, mit einem Menschen etwas zu tun zu haben, dessen 
Körper Widerwillen erregt. Diese Art von Tabus ist schon behandelt worden 
(Kap. X, 2), und wir brauchen hier nicht wieder darauf zurückzukommen. 

5. Verschiedene weniger wichtige Tabus. — Eine Anzahl von Betätigungen 
erfordert während ihrer Dauer geschlechtliche Enthaltsamkeit und Ver- 
meidung einer jeden Berührung mit Frauen; zum Beispiel Krieg, über- 
seeische Expeditionen, Gartenbau und einige Zauberriten. Wiederum darf 
während gewisser physiologischer Zustände, vor allem während Schwanger- 
schaft und Stillperiode, keine Frau etwas mit einem Mann zu tun haben. 

313 



Moral und Lebensart 

Solchen Tabus liegt das allgemeine Prinzip zugrunde, daß Geschlechts- 
verkehr mit bestimmten Zuständen des menschlichen Körpers und mit 
Wesen und Ziel bestimmter Beschäftigungen unvereinbar ist und sie nicht 
beeinträchtigen darf. 

B. SOZIOLOGISCHE TABUS 

6. Exogamie. — Geschlechtsverkehr und Heirat innerhalb eines Totem- 
Clans ist nicht gestattet. Strenger verboten sind sie innerhalb desselben 
Unter-Clans, denn da bedeutet Zugehörigkeit wirkliche Verwandtschaft. 
Und noch strenger ist das Tabu zwischen zwei Menschen, die einen gemein- 
samen Sta mmb aum haben. Doch gibt es in der Eingeborenensprache nur 
ein Wort, suvasova, für alle drei Grade dieses Exogamie-Tabus. Würde 
man einen erdichteten Fall in rechtlicher oder formaler Hin sicht mit den 
Eingeborenen erörtern, so würden sie stets behaupten, alle exogamischen 
Verbote seien gleich bindend, einerlei ob es sich um Clan, Unter-Clan oder 
bewiesene Verwandtschaft handele. Der Ethnologe kann also unter Um- 
ständen aus den Gesprächen einen ganz anderen Eindruck als aus dem Ver- 
halten der Eingeborenen gewinnen. Bei der folgenden eingehenderen Unter- 
suchung des Gegenstands werden wir tatsächliche Praxis und theoretisches 
Rechtsempfinden nebeneinanderstellen. 

7. Tabus innerhalb von Familie und Haus. — Der Vater ist mit seinen 
Kindern nicht verwandt und fällt deshalb nicht unter die exogamischen 
Vorschriften. Nichtsdestoweniger ist Geschlechtsverkehr zwischen Vater und 
Tochter streng und entschieden verboten. Das Tabu, welches Mitglieder 
desselben Haushalts voneinander fernhält, ist zweifellos im wirklichen 
Leben des Stammes — wenn auch nicht in der gültigen Theorie — eine 
deutliche Macht neben dem exogamischen Tabu. Dies zeigt sich nicht nur 
in der Trennung von Vater und Tochter, sondern auch darin, daß Blut- 
schande mit der eigenen Mutter oder Schwester unvergleichlich mehr Ent- 
rüstung hervorruft, als Geschlechtsverkehr mit einer Kusine, geschweige 
denn mit einer „klassifikatorischen" Mutter oder einer „klassifikatorischen" 
Schwester, der als verzeihlich gilt. 

8. Das Tabu auf Ehebruch. — Diese Schutzmaßnahme zugunsten der Ehe 
braucht hier nur kurz erwähnt zu werden, da sie in Kapitel V ausführlich 
behandelt worden ist. 

9. Die Tabus auf der angeheirateten Verwandtschaft. — Obgleich kein be- 
sonderes Verbot besteht, ist Geschlechtsverkehr zwischen einem Mann und 
seiner Schwiegermutter entschieden unrecht; auch darf er keine erotischen 
Beziehungen zu den Schwestern seiner Frau oder zur Frau seines Bruders 

314 



Geschlechtsmoral 

haben. Wiederverheiratung mit der Schwester der verstorbenen Gattin ist 
zwar nicht verboten, aber keineswegs gern gesehen. 

10. Die Sicherung der Vorrechte des Häuptlings. — Diese und die weiter 
unten zu behandelnden Einschränkungen binden nicht mit derselben Strenge 
wie die bisher genannten Tabus ; es sind vielmehr ziemlich unbestimmte Ver- 
haltungsmaßregeln, denen ein allgemeines Gefühl für das Zweckmäßige und 
gewisse verschwommene Konventionen Geltung verschaffen. Es ist eine 
unsichere Sache, sich mit einer Frau einzulassen, für die ein Mann von Rang 
Interesse hat. Das gewöhnliche Verbot des Ehebruchs gewinnt an Schärfe, 
sobald die betreffende Frau mit einem Häuptling verheiratet ist. Die 
Häuptlingsfrau, giyovila, ist Gegenstand einer besonderen Verehrung und 
eines allgemeinen Tabus, das jedoch ebenso „im Bruch wie in der Be- 
folgung geehrt" wird; denn sie ist begehrenswerter als andere und meist 
nicht weniger geneigt, sich begehren zu lassen; manchen Aussprüchen und 
Redewendungen, in denen das Wort giyovila vorkommt, haftet sogar eine 
gewisse Ironie und achtungsvolle Spöttelei an. 

11. Schranken des Ranges. — Der Unterschied zwischen hoher und niederer 
Geburt, der den einen Unter-Clan vom anderen trennt, gilt für Frauen so 
gut wie für Männer. Es ist ein allgemein gültiger Grundsatz, daß Leute von 
hohem Rang {guya'u) sich nicht mit Nicht-Adligen (tokay) paaren. Bei Ehe- 
schließungen wird diese Vorschrift nur in bezug auf die Paria-Dörfer Bwoy- 
talu und Ba'u streng eingehalten, die notgedrungen endogam werden mußten, 
da weder Mann noch Frau aus einem anderen Dorfe eine dauernde Ver- 
bindung mit ihren Bewohnern eingehen mag. Die Angehörigen des höchsten 
Unter-Clans, die Tabalu von Omarakana (vom Clan der Malasi), holen sich 
die passendsten Ehepartner aus einigen anderen data (Unter-Clans) im 
nordwestUchen Bezirk. 

Auch im vorehelichen Verkehr machen sich diese Unterscheidungen be- 
merkbar. Für ein Mädchen von hohem Rang wäre es beschämend, eine Be- 
ziehung zu einem Manne von niederer Geburt einzugestehen. Doch der 
Unterschiede im Rang sind viele, und mit der Auslegung wird es nicht so 
genau genommen; die Vorschriften werden gewiß nicht streng befolgt, wo 
es sich um Liebesgeschichten handelt. Mädchen aus vornehmen Dörfern 
wie Omarakana, Liluta, Osapola oder Kwaybwaga besuchen jedoch auf 
ihren Katuyausi-Aasüägen keine „unreinen" Dörfer wie Ba'u und Bwoytalu. 

12. Einschränkungen bezüglich der Zahl der Liebesverbindungen. — "Wie 
schon gesagt: ein allzu deutliches, allzu hartnäckiges Interesse für Ge- 
schlechtliches — besonders bei Frauen — wird ungünstig beurteilt, ebenso 
der allzu offensichtHche, allzu allgemeine Erfolg in Liebesdingen; doch die 

315 



Moral und Lebensart 

Art der Mißbilligung ist in den beiden Fällen sehr verschieden. Im letzteren 
zieht sich der Mann die Mißgunst seiner weniger glücklichen Nebenbuhler 
zu. Der große Tänzer, der berühmte Liebesmagier oder Schönheitszauberer 
ist dem schärfsten Haß und Mißtrauen und damit den Gefahren der schwarzen 
Magie ausgesetzt. Sein Betragen gilt als „schlecht" — nicht als „schimpflich",, 
sondern eigentlich als beneidenswert und gleichzeitig den Interessen der 
anderen abträglich. 

Damit wären wir am Ende der Beschränkungen, welche die Freiheit des 
Geschlechtsverkehrs einengen. Natürlich ist die moralische Entrüstung ver- 
schieden groß, je nachdem es sich um Blutschande, um Bruch der Exogamie 
oder um Nichtachtung ehelicher und anderer Vorrechte handelt. Die vier 
letztgenannten Kategorien — Ehebruch, Eingriff in die ehelichen Rechte 
des Häuptlings, Verkehr mit Nicht-Ebenbürtigen und eine übergroße An- 
zahl von Liebesgeschichten — erregen weder Verachtung noch moralische 
Entrüstung; je nach der Machtstellung des geschädigten Teils, dem die 
öffentliche Meinung passiv zur Seite steht, werden Verachtung und Ent- 
rüstung erzwungen. Ein auf frischer Tat ertappter Ehebrecher kann unter 
Umständen getötet werden; das wird als rechtmäßige Vergeltung betrachtet 
und ruft keine Blutrache hervor, besonders dann nicht, wenn der Ehebruch 
mit einer Häuptlingsfrau begangen wurde (s. Kap. V, 2). Ein hervorragend 
erfolgreicher Mann — vor allem, wenn er niederer Herkunft ist und sich 
nur durch persönliche Eigenschaften auszeichnet — ist mehr den Gefahren 
böser Zauberkünste als direkten Gewalttätigkeiten ausgesetzt. Zauberei wird 
auch ins Feld geführt, wenn einer des Ehebruchs verdächtig ist, aber nicht 
dabei ertappt wurde. 

Ethnologisch interessant sind auch die besonderen Zeichen an exhumierten 
Leichen, da sie für die Zauberkunst als Vergeltungsmaßregel zeugen. Aus 
diesen Zeichen will man erkennen, welche Gewohnheit, Eigenschaft oder 
Missetat des Mannes seinen Tod durch Zauberei herbeigeführt hat. Die 
Trobriander — wie viele primitive Völker — glauben nicht an „Tod aus 
natürlicher Ursache". Ist der Tod nicht die Folge einer offensichtlichen 
Körperverletzung, so wird er stets der schwarzen Magie zugeschrieben, die 
ein Zauberer entweder aus eigenem Antrieb vollbracht hat, oder auf Ver- 
anlassung eines anderen, der ihn dafür bezahlt, daß er den Tod seines Feindes 
herbeiführt. Am Körper des Opfers finden sich bei der vorgeschriebenen 
Ausgrabung gewisse Zeichen (kala wabu), aus denen sich ersehen läßt, 
warum der Betreffende getötet wurde, die also auch vermuten lassen, auf 
wessen Veranlassung es geschah. Solche Zeichen können auf geschlechtliche 

316 



Geschlechtsmoral 

Eifersucht, auf persönliche Gegnerschaft oder politischen oder wirtschaftlichen 
Neid als Beweggrund hindeuten; häufig weisen sie auch daraufhin, daß die 
allzu starken erotischen Neigungen des Opfers seinen Tod herbeigeführt haben. 

So finden sich an mancher Leiche gewisse Zeichen, jenen erotischen 
Kratznarben nicht unähnlich, die für das Liebesspiel der Eingeborenen so 
kennzeichnend sind. Oder bei der Exhumierung Hegt die Leiche mit an- 
gezogenen gespreizten Beinen da — in einer Stellung also, die von Mann 
und Frau beim Koitus eingenommen wird. Oder der Mund ist gespitzt wie 
beim Hervorbringen des schallenden Schmatzlautes, mit dem Liebende ein- 
ander ins Dunkel jenseits der Dorffeuer locken. Oder der Körper wimmelt 
von Läusen — und wir wissen ja: sich gegenseitig die Läuse wegzufangen 
und die Beute zu verzehren, gilt als zärtlicher Zeitvertreib für Liebespaare. 
All diese Zeichen deuten darauf hin, daß dieser Mann den Tod durch Zauberei 
sterben mußte, weil er geschlechtlichen Freuden allzu sehr ergeben war oder 
sich zur Wut eines mächtigen Rivalen allzu vieler Eroberungen rühmen konnte. 
Auch findet sich manchmal eine Anzahl bestimmter, musterähnlicher Zeichen 
an der Leiche, die an Tanzbemalung gemahnen; sie deuten darauf hin, daß 
die Todesursache Neid auf die äußere Erscheinung des Toten war, Neid 
auf seinen Ruhm als Tänzer und als Verführer infolge seiner Tanzkunst 1 . 

Solche Zeichen müssen von den eigenen Verwandten des Verstorbenen 
entdeckt werden; meist wird ganz offen darüber gesprochen — im all- 
gemeinen jedoch, ohne den Namen des Zauberers oder seines Auftraggebers 
zu erwähnen. Diese Zeichen gelten durchaus nicht als schimpflich oder be- 
schämend; das ist namentlich bemerkenswert, wenn man zugleich an die 
Einstellung des Eingeborenen zu den noch übrigen Tabus denkt, nämlich 
zu denen, die Rechte des Gatten, des Liebhabers und der Gemeinschaft 
schützen. Erfolg in der Liebe, äußere Schönheit und hervorragende Fähig- 
keiten sind sträflich, weil sie besonders stark auf Frauen wirken und stets 
irgend jemandes Rechte verletzen, der, wenn möglich, das ihm angetane 
Unrecht mit Hilfe von Zauberkunst rächen wird. Doch ungleich anderen 
Sexualvergehen gelten Ehebruch und Erfolg bei Frauen nicht als schimpflich 
oder moralisch anfechtbar, sondern im Gegenteil als beneidenswert; sie um- 
geben den Sünder mit einem Nimbus beinah tragischen Ruhms 2 . 

1 Vgl. des Verfassers „Crime and Custom", S. 87 — 94; dort wird eine vollständige Liste der 
Zauberzeichen und ihre Bedeutung im Gemeinschaftslehen des Stammes erörtert. 

2 Ich mußte die Tabus auf irgendeine Art klassifizieren, um das Material in leicht überblick- 
barer Anordnung darzubieten. Es hegt auf der Hand, daß mein Fundamentum divisionis 
— nämlich der Typus der verbotenen Handlung — nicht die einzig mögliche Grundlage 
einer solchen Einteilung ist. Man könnte zum Beispiel die Tabus auch einteilen nach der 
Intensität des moralischen Gefühls oder nach dem verschiedenen Grad des allgemeinen 

317 



Moral und Lebensart 

Den wichtigsten sprachlichen Aufschluß, der auchauf dieBewertungder Tabus 
bei den Eingeborenen einiges Licht wirft, liefert wohl der Gebrauch des Wortes 
bomala (Tabu). Dem Substantiv boma fügt man die Pronominalsuffixe des 
engsten Besitzes an — boma-gu (mein Tabu), boma-m (dein Tabu), boma-la (sein 
Tabu) ; dies bedeutet : die Tabus eines Mannes, also die Dinge, die er nicht essen 
oder nicht berühren oder nicht tun darf, werden in sprachbcher Hinsicht in eine 
Reihe gestellt mit denjenigen Dingen, welche am engsten mit seiner Person ver- 
bunden sind : Teile seines Körpers, seine Sippe und so untrennbare Dinge wie sein 
Geist (nanola), sein Wille (magila) und sein Inneres (lopoula). Bomala — dieDinge, 
von denen ein Mann sich fernhalten muß — ist also ein wesentlicher Bestand- 
teil seiner Persönlichkeit, etwas, das zu seiner moralischen Ausrüstung gehört. 
Nicht alle Einschränkungen und Verbote unserer Liste verdienen diese 
Bezeichnung. Bei korrekter Anwendung ist ihre Bedeutung noch vielen 
feinen Schattierungen unterworfen, die sich je nachdem aus Betonung und 
Zusammenhang ergeben. In seiner vollen wahren Bedeutung wird das 
Wort bomala auf alle Handlungen angewandt, die von den Eingeborenen 
als suvasova besonders hervorgehoben werden — nämlich Blutschande inner- 
halb der Familie und Verletzung der Exogamie. In diesem Zusammenhang 
bezeichnet das Wort bomala eine Handlung, die deshalb nicht begangen 
werden darf, weil sie dem überlieferten Aufbau von Clan und Familie zu- 
widerläuft und all den unverletzlichen Gesetzen, die seit alters her bestehen 
(tokunabogwo ayguri, „in alten Zeiten wurde es befohlen"). Außer dieser 
allgemeinen Achtung, die nach dem Gefühl der Eingeborenen im Urwesen 
der Dinge wurzelt, bringt ein Verstoß gegen das Suvasova-Tahu auch eine 
übernatürliche Strafe mit sich: eine Krankheit, welche die Haut mit Ge- 
schwüren bedeckt und im ganzen Körper Schmerzen und Unbehagen hervor- 
ruft. (Dieser übernatürlichen Strafe kann man jedoch entgehen durch An- 
wendung eines besonderen Zaubers, der alle schlimmen Folgen endogamen 
Geschlechtsverkehrs abwendet.) Handelt es sich um Blutschande zwischen 
Bruder und Schwester, so wird die Haltung der Eingeborenen von einem 
starken Gefühlston durchzittert, das heißt, die Bedeutung des Wortes 
bomala wird unverkennbar mit Abscheu und sittlichem Widerwillen geladen. 
So haben selbst in ihrem engsten und exklusivsten Sinn die Worte bomala 
und suvasova verschiedene Bedeutungsnuancen und setzen ein verwickeltes 
System überlieferter Gesetze und gesellschaftlicher Einrichtungen voraus 1 . 

Interesses an dem Verbot. Diese bereits erwähnten Unterschiede werden im Laufe der 
folgenden Schilderungen noch deutlicher hervortreten. 

Vgl. den eingehenden Bericht über die verschiedenen Übertretungen und Umgehungen 
des überlieferten Gesetzes in „Crime and Custom". 

318 



Geschlechtsmoral 

Das Wort bomala wird auch in seiner echten Bedeutung von „Tabu" für 
verschiedene geringere Verbote verwendet, wie ein Amt, eine Lage oder 
eine Betätigung sie mit sich bringen; selbst in dieser Anwendung hat es 
noch etwas von einer auf übernatürliche Kraft gestützten, endgültigen Vor- 
schrift. Doch obwohl bomala für solche Tabus das einzig richtige Wort ist, 
so bedeutet es doch in diesem Zusammenhang eine andere gefühlsmäßige 
Einstellung, eine mildere Beurteilung und eine andere Art von Verbot. 

In einem weniger strengen Sinn bezeichnet bomala die Tabus auf Ehe- 
bruch, auf die Eingriffe in geschlechtUche Vorrechte des Häuptlings und auf 
die unerwünschte Paarung mit gesellschaftlich Höher- oder Tiefer stehenden. 
In diesem Zusammenhang hängt an dem Worte keine andere Bedeutung als 
die einer festen Regel — es droht nicht mit übernatürlichen Sanktionen, und 
weder moralische Entrüstung noch auch nur starkes Verpf lichtungsgefühl sind 
damit verbunden. Diese Anwendung des Wortes ist eigentlich nicht ganz 
korrekt: das Wort bubunela „Brauch", „Dinge, die getan werden", im ver- 
neinenden Sinn gebraucht,- würde in diesen Fällen mehr am Platze sein. 

Handlungen, die als schimpfüch und unnatürUch empfunden werden, die 
kein gesunder, sich selbst achtender Mensch begehen würde, können kor- 
rekterweise nicht als bomala bezeichnet werden. Auch auf „Mangel an Würde 
und Anstand" läßt es sich nicht anwenden, ebensowenig auf gewagte Ge- 
nüsse oder auf übermäßigen Erfolg in der Liebe. 

Aus dem Gebrauch des Wortes ergibt sich also, daß die Eingeborenen 
die Tabus in drei Klassen einteilen: echte Tabus mit übernatürlicher Autori- 
tät, klare Verbote ohne übernatürliche Autorität und Verbote gewisser 
Handlungen, die nicht begangen werden dürfen, weil sie schimpflich, wider- 
wärtig oder irgendwie gefährlich sind. 

Das umfassendste sprachliche Mittel, um den Unterschied zwischen recht- 
mäßig und verboten auszudrücken, das sich auch auf alle Einschränkungen 
unserer zwölf Klassen anwenden läßt, haben wir in dem Wortpaar bwoyna 
und gaga (gut und schlecht). Solch allgemeine Ausdrücke gestatten natürlich 
eine vielfältige Anwendung; sie haben eine lange Reihe von Bedeutungen 
und bekommen einen präzisen Sinn erst durch den Zusammenhang. So un- 
beschreiblich abstoßende Handlungen wie Blutschande zwischen Bruder und 
Schwester und so verlockend gefährliche Unternehmen wie Ehebruch mit 
der Frau eines Häuptlings würden ohne Unterschied als gaga bezeichnet 
werden. Gaga heißt das eine Mal „moralisch unbegreiflich"; ein andermal 
„wider das Gesetz, wider die Sitte"; noch ein andermal „unschicklich", 
„widerbch", „schimpflich", „unerfreulich", „häßlich", „gefährlich", „ge- 
fährlich kühn", „gefährlich und daher bewundernswert". 

319 



Moral und Lebensart 

Dementsprechend bedeutet das Wort bwoyna alles von „schmackhaft", 
„erfreulich", „verführerisch", „verlockend, weil nichtsnutzig" bis „moralisch 
lobenswert wegen der damit verbundenen Schwierigkeiten". Eine Handlung, 
die den verlockenden Duft verbotener Früchte ausströmt, könnte deshalb 
ganz gut sowohl bwoyna als auch gaga genannt werden, je nach Stimmung, 
Zusammenhang, Stellung und Gefühlswert des Satzes. Als isolierte Bruch- 
stücke eines Wörterverzeichnisses geben also diese Wörter nur einen un- 
bestimmten Hinweis auf die moralische Bewertung und helfen uns beim 
Feststellen der trobriandischen Anschauungen und Bewertungen sogar noch 
weniger als das Wort bomala. 

Ein Wörterbuch der Eingeborenensprache kann in der Hand eines un- 
vorsichtigen Ethnographen zum gefährlichen Werkzeug werden, falls er 
nicht über zuverlässige Kenntnisse der Sprache verfügt, die allein es ihm 
ermöglichen, die Bedeutung der Ausdrücke aus ihrer vielfältigen An- 
wendung in verschiedenen Zusammenhängen zu erkennen. Vereinzelte Aus- 
drücke mit ihrer Übersetzung ins Pidgin-Englisch aufzuzeichnen und solch 
grobe Übersetzungen als „Gedankenwelt der Eingeborenen" zu präsentieren, 
ist geradezu irreführend. Es gibt in der Anthropologie keine größere Fehler- 
quelle als die Benutzung mißverstandener und falsch gedeuteter, bruch- 
stückhafter Wörterverzeichnisse der Eingeborenensprachen durch Beobachter, 
die mit dem betreffenden Idiom nicht völlig vertraut sind und seinen 
soziologischen Charakter nicht kennen. Am stärksten zeigen sich diese schäd- 
lichen Folgen beim fehlerhaften Sammeln sogenannter „Systeme klassif ikatori- 
scher Verwandtschaftsbezeichnungen" und bei der unbekümmerten theoreti- 
schen Ausschlachtung solch bruchstückhaften sprachlichen Materials 1 . 

Wer die Eingeborenensprache vollkommen beherrscht, der entnimmt die 
verschiedenen Bedeutungsnuancen der Wörter bwoyna und gaga aus dem 
Gefühlston der tatsächlichen Äußerung. Dieser Gefühlston im Verein mit 
dem Gefühlswert des ganzen Satzes, dem Gesichtsausdruck, den begleitenden 
Gesten und dem entsprechenden Verhalten verrät eine Anzahl klar unter- 
schiedener Bedeutungen. Um es noch einmal zu sagen: gaga kann echte 
sittliche Entrüstung ausdrücken, die einem wirklichen Ekelgefühl gleich- 
kommt, oder ernste Bedenken rein vom Nützlichkeitsstandpunkt aus, oder 
auch — falls von einem Grinsen begleitet — eine erfreuliche, verzeihliche 
Angelegenheit. Solche Beobachtungen jedoch, so wertvoll sie dem Ethno- 
graphen für die eigene Orientierung sind, könnten nur mit Hufe phono- 

In meinem demnächst erscheinenden Werk „Psychology of Kinship", angekündigt in 
der „International Library of Psychology" (Kegan Paul), wird diese Behauptung weiter 
entwickelt werden. 

320 




84. MENSCHENMENGE AM STRANDE, 

EINEN GROSSEN FISCHZUG BEWUNDERND 

Einige der Leute sind Fischer, andere sind gekommen, um die Fische in Empfang zu nehmen 

und fortzutragen; die Mehrzahl sind Zuschauer, hocherfreut über den Erfolg der Fischer und 

die reichliche Nahrun gsmenge. (KAP. XIII, 1) 




85. EINE KLEINE GRUPPE BEIM TARO-ESSEN (KAP. XIII, U KAP. XI. 2> 




86. EIN TYPISCHES LAGUNENDORF (KAP. XIII, D 




87. TOKEDA — DER URWALDGÜRTEL UM DEN GARTEN 
Deutlich zu sehen ist der starke Zaun, der die Pflanzungen vor Busch-Schweinen und Känguruhs 
schützt; links ein Zauntritt. darauf eine Frau mit einer Last Feuerholz. (KAP. XIII, 4) 



Geschlechtsmoral 

graphischer und kinematographischer Aufnahmen zu unzweideutigen Zeug- 
nissen werden; solche Aufnahmen aber wären unter den gegebenen Um- 
ständen sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. 

Ist jedoch der Ethnologe auf der Hut und hat er aus der direkten Be- 
obachtung des Tons und der Geste gelernt, so kann er glücklicherweise seine 
Ergebnisse an anderem Material nachprüfen, das sich leichter zu über- 
zeugenden Beweisen formt. Es gibt eine Anzahl von Umschreibungen und 
deutlicheren Redewendungen, deren sich die Eingeborenen bedienen, wenn 
sie den Sinn der Worte bwoyna und gaga zu erklären suchen. Solch um- 
ständliche Erklärungen kehrten unabhängig wieder in den Aussagen ver- 
schiedener Männer aus verschiedenen Dörfern und Gegenden. Sie Hefern ein 
sprachliches Beweismaterial, das mit den gefühlsmäßigen Unterscheidungen 
übereinstimmt und diese in einer leicht mitteilbaren Form wiedergibt. 

Ist von den schwersten Vergehen die Rede — von Blutschande zwischen 
Bruder und Schwester, von verbotenem Geschlechtsverkehr innerhalb der 
engsten Familie, oder von offen betriebenen Unziemlichkeiten zwischen den 
Ehegatten — , so sagen die Eingeborenen das Wort gaga sehr ernst, manchmal 
mit wirklichem Abscheu in der Stimme. Dann erklärt sich wohl ein Ge- 
währsmann des näheren: bayse sene gaga („dies ist sehr schlecht"); oder 
gaga, gaga, eine Wiederholung, die den Sinn des Wortes verstärkt; oder 
gaga mokita („wahrhaftig schlecht"), und er fügt hinzu: sem mwa'u bayse, 
gala tavagi („dies ist sehr schwerwiegend, wir tun es nicht"). Drängt man 
einen Eingeborenen zu sagen, was ein Mann, der solch ein Verbrechen be- 
gangen hat, fühlen oder tun würde, so erhält man meistens die Antwort: 
gala! — gala tavagi — taytala td'u ivagi — nanola bigaga, binagowa, ima- 
mata, iWu: „Nein, wir tun es nicht. Wenn ein Mann das täte, weil sein 
Geist schlecht und töricht geworden wäre, so würde er aufwachen (das 
heißt wieder nüchtern und über sein Verbrechen sich klar werden) und 
Selbstmord begehen." Oder die Antwort könnte auch negativ ausfallen: 
gala tavagi — tanumwaylava, oder gala tavagi — tamwasawa, bigagabile: 
„Wir tun es nicht und dann vergessen wir", oder „wir tun es nicht und dann 
tummeln wir uns und bleiben unbeschwert." Es könnte auch vorkommen, 
daß ein Eingeborener sich schlechthin weigert, solche Dinge überhaupt zu 
erörtern: bayse gaga, gala talivala, biga gaga: „Dies ist schlecht, wir sprechen 
nicht davon, es ist ein schlechtes Gespräch." All diese stehenden Wen- 
dungen, im Ernst oder mit Abscheu oder im Zorn gesagt, drücken stärkste 
Mißbilligung aus. Erfahrung und Takt lehren den Fragenden, solche Gegen- 
stände nie in direkter Beziehung auf den Befragten, seine Schwester oder 
seine Frau zu behandeln. Selbst der hebenswürdigste Eingeborene geht 

21 M. G. 321 



Moral und Lebensart 

sofort weg und bleibt tagelang fern, wenn man ihn durch eine taktlose 
Bemerkung dieser Art unabsichtlich verletzt. All diese Aussprüche und 
Verhaltungsweisen kennzeichnen die erste Bedeutung des Wortes gaga. 

Gaga kann also in gewissem Zusammenhang widerlich, scheußlich, un- 
aussprechlich bedeuten; in anderen Fällen bezieht es sich auf das von Natur 
Peinliche und auf verächtliche Handlungen, gegen die sich das normale 
Geschlechtsempfinden des Eingeborenen auflehnt; hier bewegt sich der 
Gefühlston vom einfachen Widerwillen bis zum halb belustigten Unwillen. 
Die Umschreibungen lauten dann folgendermaßen: gala tavagi; iminayna 
nanogu; balagoba: „Wir tun es nicht; meinem Geist wird übel (wenn ich 
es täte); ich würde speien." Tonagowa bayse si vavagi: „Dies sind die Taten 
eines geistig unzurechnungsfähigen Menschen." Gala tavagi, kada mwasila: 
„Wir tun es nicht, weil wir uns schämen." Sene gaga — makawala mayna 
popu: „Sehr schlecht, riecht wie Exkrement." Makawala ka'ukwa — tomwota 
gala: „Nach der Art des Hundes — nicht des Menschen", das heißt, solches 
Benehmen ist eines schmutzigen Tieres würdig, aber nicht eines Menschen. 

Die Eingeborenen geben bestimmte Gründe an, warum geschlechtliche 
Verirrungen schlecht seien: bei der Sodomie die ekelerregende Beschaffen- 
heit des Exkrements; beim Exhibitionismus der verächtliche Mangel an 
Würde und Schamgefühl; bei Oral-Perversionen der unangenehme Ge- 
schmack und Geruch. In all diesen Aussprüchen hat das Wort gaga die 
zweite Bedeutung „unnatürlich, ekelerregend, unwürdig eines Menschen 
mit gesundem Verstand"; darin drückt sich sowohl eine ästhetische als 
auch eine moralische Einstellung aus; hier herrscht weniger das Gefühl, es 
sei ein überliefertes Gebot überschritten, als vielmehr ein Gesetz der Natur 
verhöhnt worden. 

Eine andere Art von Aussprüchen kennzeichnet das Wort gaga im Sinn 
von „gefährlich". Gaga — igiburu'a matauna: takokola bwagd'u, kidama 
igisayda, sene mwa'u — böge bikatumate: „Schlecht — weil der Mann (der 
Geschädigte) böse ist: wir fürchten uns vor dem Zauberer; wenn sie uns 
(dabei) sehen, würde die Strafe schwer sein — schon würden wir getötet 
werden." Oder auch: gala tavagi, pela guya'u, oder: pela la micala: „Wir 
tun es nicht wegen des Häuptlings" oder „wegen des Gatten". Hier be- 
deutet „schlecht" so viel wie „gefährlich, der Rache preisgeben", „das, 
was den Zorn des Beleidigten erregt". 

Handelt es sich schließlich um die weniger wichtigen Tabus, so bekommt 
man zur Antwort: Gaga pela bomala bagula: „Schlecht wegen des Garten- 
Tabus." Gaga pela kabilia: tavagi — böge iyousi kayala: „Schlecht wegen 
des Kriegs; wenn wir es tun — schon trifft uns der Speer." Hier wird also 

322 



. 



Die Verurteilung geschlechtlicher Verirrungen 

mit dem Worte gaga ausgedrückt, daß eine Reite von Handlungen un- 
erwünscht und wegen ihrer besonderen Folgen zu vermeiden sei. 

Die verschiedenen moralischen Bewertungen, die sich im Gebrauch der 
Worte hwoyna und gaga ausdrücken, stimmen also mit denen des Wortes 
bomala ungefähr überein. 

Wir wollen nun über die Tabus in unserer Liste noch einige Einzelheiten 
berichten, die bisher unerwähnt gebbeben sind; und zwar in folgender Reihen- 
folge: in den nächsten beiden Abschnitten behandeln wir die erste Gruppe 
unserer Klassifikation, allgemeine Verbote auf sexuellem Gebiet; in Ab- 
schnitt 5 und 6 die sozialen Einschränkungen der geschlechtlichen Freiheit. 

3. Die Verurteilung geschlechtlicher Verirrungen 
Die größte Klasse geschlechtUcher Handlungen, die bei den Eingeborenen 
verpönt sind, bilden die Verirrungen des Geschlechtstriebs (Nr. 1 unserer 
Liste in Abschnitt 2). Erscheinungen wie Sodomie, Homosexualität, Feti- 
schismus, Exhibitionismus und Masturbation gelten den Eingeborenen nur 
als armsebge Ersatzmittel für den natürbchen Geschlechtsakt, und deshalb 
als schlecht und nur eines Toren würdig. Solche Betätigungen werden je 
nach der Stimmung mit gutmütigem oder beißendem Spott überhäuft und 
geben Anlaß zu schlüpfrigen Scherzen und drolbgen Geschichten. Ver- 
gehen dieser Art sind nur öffentlich verachtet, nicht aber gesetzbeh ver- 
boten. Sie werden nicht bestraft und gelten auch in gesundheitlicher Hin- 
sicht nicht für schädlich. Auch würde ein Eingeborener in Verbindung mit 
solchen Vergehen niemals das Wort tabu (bomala) gebrauchen, denn die 
Annahme wäre beleidigend, daß irgendein Mensch bei gesundem Verstand 
gern so etwas tun würde. Einen Mann im Ernst zu fragen, ob er je etwas 
Derartiges getan habe, hieße seine Eitelkeit und Selbstachtung tief ver- 
wunden und sein natürhehes Empfinden verletzen. Besonders kränkend 
für seine Eitelkeit wäre die Voraussetzung, er müsse wohl unfähig sein, 
seine Triebe auf natürlichem Wege genußreich zu befriedigen, da er zu 
solchen Ersatzmitteln greife. Der Trobriander verachtet Perversionen, wie 
er einen Menschen verachtet, der geringe oder unreine Dinge verzehrt statt 
guter reiner Nahrung, oder einen Mann, der Hunger leidet, weil sein Yams- 
haus leer ist. 

Im folgenden gebe ich einige typische Bemerkungen zum Thema „Per- 
versionen" wieder: „Kein Mann und keine Frau in unserem Dorfe tut es." 
„Niemand durchbohrt gern Exkrement." „Kein Mensch hat einen Hund 
Heber als eine Frau." „Nur ein tonagowa (Idiot) würde das tun." „Nur ein 
lonagowa onaniert. Es ist eine große Schande; wir wissen dann, daß keine 

323 



Moral und Lebensart 

Frau mit ihm koitieren will; wir Massen: ein Mann, der das tut, kann keine 
Frau erwischen." Alle Aussagen der Eingeborenen betonen das Unbefrie- 
digende des Ersatzes, des Notbehelfs, und sie folgern daraus sowohl die 
bedauernswerte Armseligkeit des Betreffenden als auch ein sexuelles Manko. 
Es wird etwa Orato'u als Beispiel angeführt, der Dorfnarr von Omarakana, 
der verkrüppelt ist und nicht richtig sprechen kann, oder verschiedene 
Albinos oder ein paar besonders häßliche Frauen; die mögen sich vielleicht 
der einen oder anderen Perversion hingeben, sagen die Eingeborenen, 
doch nie ein normaler Mann oder eine normale Frau. 

Wir wissen natürlich, daß dieses Gerede von der allgemeinen, absolut 
gültigen Regel nur ein erdichtetes Ideal schildert, dem die Wirklichkeit nur 
unvollkommen entspricht. Die meisten dieser Verirrungen kommen vor, 
wenn auch in sehr beschränktem Umfang, ebenso wie ja auch die Häßlichen, 
Minderwertigen nicht ganz von der normalen Geschlechtsbetätigung aus- 
geschlossen sind (s. auch Kap. X, 2). 

Wir wollen jetzt die verschiedenen Arten der Perversionen betrachten. 

Homosexualität. — Diese Abart des Geschlechtstriebs findet sich bei den 
Trobriandern, wenn überhaupt, so nur in ihrer mehr geistigen Form, als 
gefühlsbetonte, platonische Freundschaft. Die Sitte erlaubt es, ja es ist 
sogar ganz üblich, daß Freunde einander umarmen, auf demselben Lager 
schlafen und umschlungen oder Arm in Arm herumgehen. In solch einer 
persönlichen Freundschaft, die bei den Eingeborenen ihren natürlichen 
Ausdruck in körperlicher Berührung findet, tut sich oft eine starke Vor- 
liebe kund. Häufig sieht man junge Burschen in Paaren: Monakewo und 
Toviyamata, Mekala'i und Tobutusawa, Dipapa und Burayama, die meinen 
Lesern zum größten Teil schon bekannt sein dürften, waren ständig zu- 
sammen zu sehen. Manchmal ist eine Freundschaft nur eine vorübergehende 
Laune, doch kann sie auch andauern und zu einer bleibenden Beziehung 
voll gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft werden, wie zwischen Bagido'u 
und Yobukwa'u; auch soll, wie ich hörte, zwischen Mitakata und Namwana 
Guya'u, ehe sie unversöhnliche Feinde wurden, eine solche Freundschaft 
bestanden haben. Das Wort lubaygu, „mein Freund", wird für solch eine 
enge Verbindung zwischen Mann und Mann gebraucht; bemerkenswerter- 
weise bezeichnet dieses Wort auch die Liebesbeziehung zwischen Mann und 
Frau. Aus dieser sprachlichen Übereinstimmung auf eine Gleichheit der 
Gefühlsinhalte zu schließen, wäre jedoch ebenso falsch wie die Annahm e, 
daß jedesmal, wenn ein Franzose das Wort ami gebraucht, eine homosexuelle 
Beziehung gemeint sei — bloß wegen der Nebenbedeutung des Wortes, 
wenn ein Geschlecht es vom anderen gebraucht. In Frankreich und auch 

324 



Die Verurteilung geschlechtlicher Verirrungen 

auf den Trobriand-Inseln entscheiden Zusammenhang und jeweilige Situation 
über die Bedeutung des Wortes ami (lubaygu) und spalten es in zwei dem 
Sinn nach verschiedene Wörter. 

Es ist zwar in jeder Gesellschaft schwierig, die genaue Grenze zwischen 
reiner „Freundschaft" und „homosexueller Beziehung" festzulegen, sowohl 
wegen der Dehnbarkeit der Begriffe als auch wegen der Schwierigkeit, hier 
Tatsachen festzustellen; beinah unmöglich jedoch wird es in einer Gemein- 
schaft wie der auf den Trobriand-Inseln. Ich persönlich halte es für irre- 
führend, den Ausdruck „Homosexualität" in jenem unbestimmten und 
beinah geflissentlich allumfassenden Sinn zu gebrauchen, wie es jetzt unter 
dem Einfluß der Psychoanalyse und der Apostel der Urning-Liebe Mode 
geworden ist. Wird Inversion definiert als eine Beziehung, in der Detumeszenz 
regelmäßig durch Berühren mit einem gleichgeschlechtlichen Körper herbei- 
geführt wird, so sind die Männerfreundschaften auf den Trobriand-Inseln 
nicht homosexuell, und Invertiertheit kommt überhaupt nicht häufig dort 
vor. Denn wie gesagt, gilt diese Betätigung wirklich als schlecht und unrein, 
weil sie mit Ausscheidungen in Berührung bringt, die dem Eingeborenen 
wahrhaften Ekel einflößen. Und während die üblichen Zeichen der Zu- 
neigung zwischen Angehörigen desselben Geschlechts durchaus gebilligt 
werden, würde jede erotische Zärtlichkeit wie Kratzen, Wimpern -Abbeißen 
oder Berührung mit den Lippen die Eingeborenen empören. 

Wie schon gesagt, besteht immer eine gewisse Unstimmigkeit zwischen 
Theorie und Praxis; doch wenn wir Umfang und Bedeutung solcher Aus- 
nahmen feststellen, müssen wir stets die unnatürlichen Lebensbedingungen 
und den Einfluß fremder Kulturen in Betracht ziehen. Viele Eingeborene 
sind unter der jetzigen weißen Herrschaft im Gefängnis, auf Missions- 
stationen und in Baracken auf den Plantagen zusammengepfercht. Die Ge- 
schlechter sind getrennt, normaler Verkehr ist unmöglich gemacht; aber 
ein Trieb, der auf regelmäßige Betätigung eingestellt ist, läßt sich nicht 
einfach unterdrücken. Einfluß und Moral des weißen Mannes, töricht an- 
gewandt, wo sie nicht hingehören, leisten der Homosexualität Vorschub. Die 
Eingeborenen wissen nur zu gut, daß Geschlechtskrankheiten und Homo- 
sexualität zu den Segnungen gehören, die sie der westlichen Kultur verdanken. 

Obwohl ich aus alten Zeiten kein gut beglaubigtes Beispiel dieser Per- 
version anführen kann, bezweifle ich nicht, daß vereinzelte Fälle immer 
vorgekommen sind. Ausdrücke wie ikaye popu: „er koitiert Exkrement", 
ikaye pwala: „er durchdringt Rektum", und die unmißverständliche Haltung 
gegenüber solchem Benehmen sind Beweis genug. Manche meiner Gewährs- 
leute gaben zu, daß Homosexualität früher geübt worden sei, doch nach 

21 • 325 



Moral und Lebensart 

ihrer Behauptung stets von geistig Minderwertigen. Im ganzen ist also klar, 
daß diese ablehnende Haltung nicht einem widerstrebenden Moralgefühl 
aufgedrängt wurde, sondern dem natürlichen Empfinden der Eingeborenen 
tief eingegraben ist. Ob diese Einstellung mit der reichlich vorhandenen 
Gelegenheit zu normalem Geschlechtsverkehr zusammenhängt und ob es 
richtig ist, daß Homosexualität durch Verspottung wirksamer bekämpft 
wird als durch schwere Bestrafung — das sind Fragen, die nur durch weitere 
praktische Forscherarbeit entschieden werden können 1 . 

Sodomie. — Diese Verirrung des Geschlechtstriebes wird als unsauberer, 
unbefriedigender Notbehelf verhöhnt und gilt für noch weit unziemlicher 
und lächerlicher als Inversion. Es ist immerhin merkwürdig, daß ein Volk 
mit Totem-Kultur — das also mit Tieren verwandt zu sein behauptet und 
Schweine als Hausgenossen behandelt — Sodomie für eine schmutzige, un- 
natürliche Angelegenheit hält. Die Eingeborenen sehen keinerlei Zusammen- 
hang zwischen totemistischer Ehe und totemistischem Geschlechtsverkehr, 
wie er in sagenhaften Zeiten stattgefunden hat, und zeitgenössischer, totemi- 
stischer „Hurerei". 

Es Hegt jedoch ein klar bewiesener Fall vor von einem Mann, der am 
Strand mit einem Hund koitierte. Bezeichnenderweise ist diese Geschichte 
in der ganzen Gegend berühmt, und der Name des Mannes, alle einzelnen 
Umstände, ja sogar der Name des Hundes, „Jack", sind sprichwörtlich in 
jedem Dorf. Interessant ist ferner, daß die Angelegenheit stets als ergötzlicher 
Schwank erzählt wird, während deutliche Anzeichen dafür sprechen, daß 
die Sache nicht im geringsten ergötzlich wäre, wenn sie einen selbst oder 
einen Verwandten oder Freund beträfe. „Wenn ich das täte, oder ein 
mutterseitiger Verwandter oder ein Freund von mir, so würde ich mir das 
Leben nehmen." Doch der Missetäter Moniyala hat der Schande getrotzt 
und lebt glücklich und zufrieden in Sinaketa. Dort hatte ich das Vergnügen, 
ihn kennenzulernen und mich länger mit ihm zu unterhalten. Nie darf man 
jedoch seinen einstigen Fehltritt in seiner Gegenwart erwähnen, denn die 
Eingeborenen sagen, er würde Zo'u (Selbstmord durch Herabspringen von 
einem hohen Baum) begehen, wenn er jemanden davon reden hörte. 

Der Fall hat sich folgendermaßen zugetragen: Moniyala stand im Dienst 
bei einem Händler, der einen Rüden namens Jack besaß. Die beiden be- 
freundeten sich, und eines Tages sah ein Mädchen, wie Moniyala am Strand 
mit dem Hund Sodomie trieb. Es gab einen Skandal, der eingeborene 
Missionsprediger brachte die Sache vor den weißen Richter, und Moniyala 

1 Vgl. mein „Sex and Repression in Savage Society", 1927, wo das Problem im 2. Teil 
eingehend erörtert wird. 

326 






Sittsamheit in Rede und Betragen 

wanderte auf ein halbes Jahr ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung ver- 
dingte er sich als Plantagenarbeiter in die Fremde und blieb mehrere Jahre 
auf Neu- Guinea. Als er dann heimkehrte, vermochte er der ganzen Ge- 
schichte zum Trotz sich durchzusetzen; doch meinen alle, in früheren Zeiten 
hätte er Selbstmord begangen. Die Eingeborenen sind sich darüber einig, 
daß ein Hund schlimmer ist als ein Schwein, denn der Hund ist das un- 
reinlichere Tier. • 

Sadismus und Masochismus. — Ob diese einander ergänzenden Per- 
versionen im Geschlechtsleben der Eingeborenen eine große Rolle spielen, 
vermag ich nicht zu sagen. Die grausamen Formen der Zärtlichkeit — Kratzen, 
Beißen, Spucken — , die der Mann mehr noch als die Frau über sich er- 
gehen lassen muß, beweisen, daß sie als Element der Erotik im Liebes- 
spiel der Eingeborenen nicht unbekannt sind. Andererseits ist Geißelung 
als erotischer Brauch gänzlich unbekannt, und die Vorstellung, daß Grau- 
samkeit an sich — ob nun aktiv begangen oder passiv hingenommen — eine 
wohltuende Detumeszenz herbeiführen könnte, erscheint den Eingeborenen 
nicht nur unverständlich, sondern lächerlich. Ich möchte daher annehmen, 
daß diese Perversionen in ihrer ausgesprochenen Form nicht existieren. 

Fellatio wird beim vertraulichen Liebesspiel wahrscheinlich geübt (siehe 
oben Kap. X, 12). Ich habe meine Kenntnisse ausschließlich von Männern 
bezogen, und da wurde mir gesagt, daß ein Mann niemals die weiblichen 
Genitalien in dieser Art berühren würde; gleichzeitig aber versicherte man 
mir, Penilinctus werde in ausgedehntem Maße geübt. Ich bin jedoch von 
der Wahrheit dieser männlichen Darstellung keineswegs überzeugt. Der 
Ausdruck ikanumwasi kalu momona, „den Ausfluß aus den Genitalien auf- 
lecken", bezeichnet beide Formen der Fellatio. 

Masturbation (ikivayni kwila: „er betastet Penis", isulumomoni: „er 
macht Samen überkochen") ist ein anerkannter Vorgang, auf den im Scherz 
oft angespielt wird. Die Eingeborenen behaupten jedoch, nur ein Idiot 
(tonagowa) täte so etwas oder ein unglücklicher Albino oder ein Mann, der 
nicht richtig sprechen könnte; mit anderen Worten: nur jemand, der bei 
den Frauen nichts erreichen kann. Masturbation gilt daher als unfein und 
eines Mannes nicht würdig, doch mehr im spaßhaften Sinn; jedenfalls wird 
sie sehr milde beurteilt. Genau dieselbe Haltung wird gegenüber weiblicher 
Masturbation eingenommen (ikivayni wila: „sie betastet Vulva"; ibasi wila 
o yamala: „sie durchdringt Vagina mit der Hand"). 

Nächtliche Pollutionen und Träume haben wir bereits erwähnt (siehe 
Kap. XII, 1). Man hält sie, wie wir wissen, für eine Folge der Magie und 
für einen Beweis ihrer Wirksamkeit. 

327 



Moral und Lebensart 

Exhibitionismus gilt bei den Eingeborenen als wahrhaft verächtlich und 
widerlich: das ging schon hervor aus unseren früheren Betrachtungen über 
die Art der Kleidung und die große Sorgfalt beim Anlegen und Tragen des 
männlichen Schamblatts und weiblichen Bastrocks. 

Wenn man diese Seitenpfade des Geschlechtstriebs behandelt, so läßt 
sich keine strenge Grenze ziehen zwischen gewissen Praktiken — wie Fellatio 
und leidenschaftlichen, überschwenglichen Liebkosungen — als vorbereiten- 
den geschlechtUchen Zärtlichkeiten einerseits und als Selbstzweck, das heißt 
als endgültige Perversion andererseits. Entscheidend ist, ob sie nur als Teil 
des Liebesspiels zum normalen Koitus führen oder an sich schon genügen, 
die Detumeszenz herbeizuführen. In diesem Zusammenhang sollte man nicht 
vergessen, daß die nervöse Reizbarkeit der Eingeborenen viel geringer ist 
als unsere eigene; ihre erotische Phantasie ist verhältnismäßig träge; ge- 
schlechtliche Erregung und Tumeszenz wird nicht nur durch Anblick, Geruch 
oder Berührung der Geschlechtsorgane erreicht; um beim Mann oder Weib 
Orgasmus herbeizuführen, ist stärkere körperliche Berührung, vorbereitendes 
Liebesspiel und vor allem direkte Reibung der Schleimhäute nötig. Es ist 
daher anzunehmen, daß bei den Eingeborenen das vorbereitende Liebesspiel 
weniger leicht zum Selbstzweck wird, also sich zu Perversionen entwickelt, 
als bei leichter erregbaren Völkern. 

4. Sittsamkeit in Rede und Betragen 
Über das allgemeine SchickHchkeitsgefühl (Nr. 2 der Liste in Abschn. 2) 
in geschlechtlichen Dingen ist dem bereits in früheren Kapiteln Gesagten 
wenig hinzuzufügen; eine kurze Zusammenfassung wird genügen, die Tat- 
sachen ins Gedächtnis zurückzurufen. Die Zurückhaltung in Rede und 
Betragen ist verschieden groß, je nach der Beziehung, in der die Anwesenden 
zueinander stehen. Die Gegenwart der Schwester oder des Bruders schreibt 
im gesellschaftlichen Ton und bei der Unterhaltung strengen Anstand vor; 
desgleichen, wenn auch in geringerem Maße, die Anwesenheit von mutter- 
seitigen Vettern und Basen und von Mitgliedern desselben Clans. Auch 
wenn eine Frau von ihrem Gatten begleitet ist, muß auf strenge Etikette 
gehalten werden. Die Schwester der Ehefrau ist gleichfalls eine belastende 
Gefährtin, in geringerem Grade auch die Mutter der Frau und all ihre 
näheren Verwandten mütterlicherseits. In Gegenwart eines Häuptlings 
dürfen Bürgerliche weder scherzen noch schlüpfrige Ausdrücke gebrauchen. 
Wie weit man sich im Gespräch gehen lassen darf, richtet sich nach dem 
Grad der Intimität und der Dauer der Bekanntschaft. Oft habe ich es er- 
lebt, daß meine ausgelassensten Freunde höflich, brav und würdevoll da- 

328 



Sittsamkeit in Rede und Betragen 

saßen und vom Wetter, von der Gesundheit, den Annehmlichkeiten des 
Reisens, dem Wohlergehen gemeinsamer Freunde und anderen allgemeinen 
Themen redeten, weil Fremde von Übersee oder aus einer entfernten Gegend 
der Insel anwesend waren ! Sobald sie sich wieder entfernt hatten, nahm die 
Unterhaltung meist einen besonders ausgelassenen Ton an als Entschädigung 
für diese höfliche Zurückhaltung. 

Doch wenn auch Zügellosigkeit der Rede in der rechten Gesellschaft er- 
laubt und behebt ist, so legt man sich doch in der Öffentlichkeit stets großen 
Zwang im Handeln an. Vergebens sucht man auf den Trobriand-Inseln 
nach Spuren und Überbleibseln jener zügellosen Lust und Ausschweifung, 
die in Urzeiten dort geherrscht haben soll. Mit der einen möglichen Aus- 
nahme des südlichen kayasa (Kap. IX, 5) gibt es keine öffentlichen Orgien, 
bei denen Männer und Frauen vor aller Augen koitieren könnten, wie es 
aus anderen Dörfern Melanesiens berichtet wird. Die früher geschilderten 
Mythen und sagenhaften Bräuche besagen natürlich wenig, aber selbst dort 
handelt es sich nicht eigentlich um öffentliche Orgien zur Befriedigung der 
Wollust. Die Eingeborenen sind entschieden gegen Schamlosigkeit in ge- 
schlechtlichen Dingen. Sie sagen, sie „würden sich schämen, so etwas zu 
tun oder auch nur davon zu reden", „so etwas sei wie bei einem Hund". 
Im Junggesellenhaus (s. Kap. III, 4) ist man sehr darauf bedacht, daß 
jedes Paar still und ungestört für sich ist. All dies steht damit im Einklang, 
daß die Eingeborenen dem Anstand in der Kleidung so viel Aufmerksamkeit 
schenken. 

Sogar Liebesleute benehmen sich höchst sittsam. Szenen, wie sie nach 
Einbruch der Dunkelheit und auch schon vorher in jedem europäischen 
Park häufig zu sehen sind, wären in einem Trobriander-Dorf ganz aus- 
geschlossen. Wie wir wissen, gilt es nicht als anstößig, wenn junge Männer 
sich gegenseitig an den Händen halten, sich aneinanderschmiegen oder sich 
umfassen; auch Mädchen tun das häufig unter sich, aber einem Liebes- 
paare ist das in der Öffentlichkeit nicht erlaubt. Ich habe ein- oder zweimal 
Yobukwa'u und seine Verlobte bei hellichtem Tage zusammen auf einer 
Matte Hegen sehen — Hand in Hand und unverkennbar, doch in ganz an- 
.ständiger Haltung aneinandergeschmiegt in einer Art, die wir bei einem 
jungen Paar, das kurz vor der Hochzeit steht, ganz natürlich finden würden. 
Doch als ich das in einem Gespräch über diese Dinge erwähnte, bekam ich 
von den Eingeborenen sofort zu hören, das sei eine neue Mode, nach altem 
Brauch sei das unrecht. Tokolibeba, einst ein berühmter Don Juan, jetzt 
aber ein hitziger alter Konservativer und Sittlichkeitsapostel, behauptete 
steif und fest, das sei misinari si bubunela, „Missionarsmode" — eine dieser 

329 



Moral und Lebensart 

neumodischen Unschicklichkeiten, die das Christentum einführe. Er zog mit 
ebensoviel Eifer und gerechter Entrüstung zu Felde, wie sie der verstorbene 
Reverend C. M. Hyde in Honolulu gegen heidnische Sinnenlust aufgebracht 
haben könnte. 

Wir verstehen nun viel besser, wie wertvoll den Eingeborenen die ero- 
tischen Spiele sind, gerade weil die dabei gewährleistete körperliche Be- 
rührung unter normalen Umständen nicht gestattet ist. Alle einleitenden 
Liebkosungen müssen im Schutz der Dunkelheit vor sich gehen; und da sie 
häufig durch Liebeszauber unterstützt werden, der enge körperliche Be- 
rührung nötig macht (s. Kap. X u. XI), so bieten eben die Spiele die Ge- 
legenheit dazu. Brustwarzen werden mit einer verzauberten Handfläche be- 
rührt, ein verzauberter Finger wird in die Vagina eingeführt, oder ein 
Zauberduft unter die Nase gehalten — alles heimlich im Dunkeln, wie es 
sich aus dem Spiel ergibt. Man argwöhnt es stets und sieht es doch nie; 
manchmal kommt es zu Zank und Streit, weil jemand behauptet, es sei 
solcherart versucht worden, ihm ein Mädchen abspenstig zu machen; dann 
ist es stets sehr schwierig, einen Augenzeugen zu finden. 

Solche Nebenpfade des Brauchtums zeigen, wie sehr der Ethnograph auf 
der Hut sein muß. In den ersten Zeiten meiner Feld-Arbeit beschuldigten 
die dortigen Eingeborenen meinen Koch Ubi'ubi, den ich von der Südküste 
von Neu-Guinea hatte kommen lassen, er habe einem Mädchen den Finger 
in die Vagina gesteckt. Damals bediente ich mich bei meiner Arbeit größten- 
teils des Pidgin-Englisch; ich finde nun in meinen Notizen eine Bemerkung, 
daß mein Dolmetscher mir mitteilte, für diese Handlung gäbe es in der 
Eingeborenensprache einen besonderen Namen: „Boy he call him kaynobasi 
loi/a", das heißt: „Der Brauch heißt bei den Eingeborenen das Durch- 
bohren der Vulva." Ich begriff nicht recht, warum diese Tat bei den Ein- 
geborenen, die es doch sonst nicht so genau nehmen, so große sittbche Em- 
pörung hervorrufen konnte; und ich schrieb in meine Notizen: „Das Ein- 
führen des Fingers in die Vagina gilt den Eingeborenen als eine morabsch 
sehr verwerfliche Handlung." So hatten mich meine mangelnden Sprach- 
kenntnisse und eine nur oberflächbche Bekanntschaft mit den Eingeborenen 
ganz irregeführt. Um die ganze Begebenheit vom richtigen Gesichtswinkel 
aus zu sehen, mußte man die Haltung der Eingeborenen gegenüber Schickbch- 
keitsfragen im allgemeinen kennen und im besonderen ihren Glauben an 
erotische Verzauberung mit Hufe von Magie. Wesentlich war nicht so sehr, 
daß mein Koch sich eine etwas unziemhche Geste erlaubt hatte, sondern 
daß er im Verdacht stand, mit Hilfe eines mächtig wirksamen Zaubers die 
Gefühle des Mädchens ihrem eigentlichen Liebhaber zu entfremden. 

330 



Sittsamkeit in Rede und Betragen 

Das Betragen der Geschlechter gegeneinander unterliegt also einem ganz 
bestimmten Anstandskodex, der — überflüssig zu bemerken — natürlich 
nicht dasselbe ist wie Moral. Anderseits ist dem Reden ein viel weiterer 
Spielraum gelassen. Die relative Freiheit der Rede einerseits und des Be- 
tragens anderseits wäre ein interessanter Forschungsgegenstand für die ver- 
gleichende Ethnologie, denn sie scheint sich nicht gleichlaufend zu ent- 
wickeln. Größere Freiheit in der Rede, gleichsam als Sicherheitsventil, kann 
sich mit größerer Zurückhaltung im Betragen paaren und umgekehrt 1 . 

In der geeigneten gesellschaftlichen Umgebung ist Geschlechtlichkeit ein 
sehr beliebter Gesprächsstoff. Schlüpfrige Scherze, unanständige Redereien 
und Anekdoten bilden eine anerkannte Form der Unterhaltung, wie wir 
schon bei Besprechung des Sexuellen in der Volkskunde erfahren haben. 
Manche Eingeborene waren sehr zurückhaltend in ihren Gesprächen und 
weniger interessiert an Zotenreißerei, andere spezialisierten sich sozusagen 
auf Zoten und zweifelhafte Scherze. Auch der Sinn für Humor war bei den 
Eingeborenen sehr verschieden; da gab es alle Zwischenstufen vom gries- 
grämigen, nie lächelnden Murrkopf oder vom naiven, gutmütigen Einfalls- 
pinsel bis zum Mann von echtem Witz und Humor, der, stets zu Scherzen 
aufgelegt, eine ordentliche Geschichte gut zu erzählen weiß und einen 
Spaß versteht. Mit Paluwa und seinem Sohn Monakewo, mit Tokulubakiki 
und Kayla'i haben wir uns gegenseitig oft tüchtig „gefrozzelt" ; es kam 
gar nicht vor, daß sie eine Anspielung oder einen Scherz falsch auslegten, 
und häufig haben sie mich herzlich zum Lachen gebracht durch eine treffende 
Bemerkung auf meine Kosten, die oft der Bosheit nicht entbehrte. Dann 
gibt es die offiziellen Dorfnarren; manche, wie Orato'u von Omarakana, 
wissen aus ihrem Sprachfehler Vorteil zu schlagen, während andere, deren 
Humor mehr von der derben, frechen Art ist, handgreifliche Spaße treiben, 
ihre Witze laut hinausbrüllen, sich selbst mit Hochgestellten Scherze er- 
lauben oder — manchmal ganz geschickt — die Eigentümlichkeiten be- 
kannter Personen nachahmen. 

Doch bei allen Arten des Humors spielen sexuelle Spaße und Andeutungen 
eine große Rolle. Sind Personen der verbotenen Verwandtschaftsgrade nicht 
anwesend, so werden geschlechtliche Dinge ohne Umschweife besprochen; 
anatomische und physiologische Bezeichnungen und Ausdrücke für Per- 
versionen und besondere Eigentümlichkeiten werden ungeniert gebraucht. 

Ich will nur ein paar typische Aussprüche anführen, um zu zeigen, wie 
sich diese Art Bemerkungen in die tägliche Unterhaltung einflicht. Im Eifer 
des Spiels oder der gemeinsamen Arbeit machen die Eingeborenen der all- 
1 Vgl. „Sex and Repression", Teil II. 

331 



Moral und Lebensart 

gemeinen Freude Luft durch Ausdrücke wie: agudeydes, okay kwim! „hallo, 
hure dein Penis!" oder, zu einer Frau gesagt: wim, kasesam! „deine Vulva, 
deine Klitoris!" Ein humoristischer Ausdruck lautet: yakay, puwagu! „Oh, 
meine Testikel!" Solche Ausrufe, die sich auf Geschlechtsteile beziehen, 
werden häufig im Spaß zwischen Freunden ausgetauscht. 

Wir sind schon verschiedenen solch typischen scherzhaften Anspielungen 
in den Märchen begegnet, vor allem im Lied des Klippenreihers an die 
alte Ilakavetega (s. Kap. XII, 3). Das Interesse an Mißbildungen der Ge- 
schlechtsteile zeigt sich auch in der Geschichte vom Mann mit dem langen 
Penis, von der Frau, die Nahrungsmittel in ihre Vagina stopfte, und von der 
alten Mutter mit den fünf Klitorissen. Im wirklichen Leben sagt etwa der 
Eingeborene im Scherz: kwaypwase wim, „verfault deine Vulva"; oder: 
wim ipwase, „deine Vulva ist verfault"; oder: kwaybulabola wim, „un- 
geheuer erweitert ißt deine Vulva"; oder zur Abwechslung: kwaypatu wim, 
„verengt ist deine Vulva". Und zu einem Mann: kaykukupi kwim, „sehr 
klein ist dein Penis"; kaygatu kwim, „schmutzig ist dein Penis"; kalu nau'u 
kwim, „mit vertrocknetem Ausfluß bedeckt ist dein Penis"; kaypaki kwim, 
„mit Geschwüren bedeckt ist dein Penis". Von Scherzen ganz abgesehen, 
nehmen die Eingeborenen lebhaftes Interesse an etwaigen Mißbildungen 
oder vorteilhaften Vergrößerungen der Geschlechtsorgane. So wird einem 
Mann von hohem Rang ein besonders großes, besonders starkes Glied an- 
gedichtet. Der verstorbene oberste Häuptling Numakala zum Beispiel soll 
einen Penis gehabt haben, der während des Koitus sich verlängerte und an 
der Spitze zu einer Kugel anschwoll. Das galt als besonderer Vorzug und 
wurde allen Ernstes als beneidenswertes erotisches Plus gebucht. 

Wenn zwei in geschlechtlichen Dingen nicht zusammenpassen, so gibt 
das oft Anlaß zu Spaßen. Wir wissen bereits: die Vorstellung vom Koitus 
mit einer wegen Häßlichkeit berüchtigten Frau wie Tilapo'i oder Kurayana 
gibt häufig Anlaß zu scherzhaften Anreden: Kwoy Tilapo'i l „beschlafe 
Tilapo'i!" ist eine sehr milde Form der Schmähung; kommt ein Freund 
aus der Richtung ihres Dorfes, so würde man ihn etwa anrufen : Böge kukaye 
Tilapo'i ? „Hast du schon mit Tilapo'i geschlafen ?" Die kleinste Ungenauig- 
keit oder auch nur eingebildete Ungenauigkeit im Sitz des Schamblattes wird 
sofort aufgegriffen: Yavim böge ipwase — tagise puwam, „dein Schamblatt 
ist vermodert, laß uns deine Testikel sehen". Ähnliche Scherze werden ge- 
macht, wenn das Schamhaar ungenügend rasiert ist oder Hurerei mit einem 
alten Weib oder einer Häuptlingsfrau behauptet wird. Häufig sind Neckereien 
wegen übermäßigen oder unerlaubten Geschlechtsverkehrs : tokakayta yoku, 
tokaylasi yoku, tosuvasova yoku; „du Hurer, du Ehebrecher, du Blutschänder". 

332 



Sittsamkeit in Rede und Betragen 

All diese Aussprüche werden jedoch in erster Linie als freundschaftliche 
Neckereien gebraucht, von denen sich die ernsten, beleidigenden Formen 
des Schimpfens scharf unterscheiden. Fluchen dient — auf den Trobriand- 
Inseln wie bei uns — als Ersatzreaktion auf Unannehmlichkeiten geringeren 
Grades und richtet sich gegen Dinge oder Menschen, ohne ernstlich zu be- 
leidigen. Die stärksten Fluchworte werden jedoch bei solch unbedeutenden 
Anlässen nicht gebraucht. Fluchen im Zorn kann ernste Folgen haben, 
wenn die Betreffenden ihr Temperament nicht im Zaume halten. Es kann 
zu kürzer oder länger währendem Abbruch persönlicher Beziehungen führen, 
zu Prügeleien oder sogar zu allgemeiner Fehde. Schmähungen können 
auch absichtlich ausgesprochen werden, um Menschen zu beschämen oder 
aufzuschrecken; man hält dann dem Sünder in starken Worten seine Misse- 
taten vor, um ihn von seinem Wege abzubringen; dazu muß jedoch ein 
Vergehen ernst genug sein, aber doch nicht so ernst oder beschämend, 
daß es etwa solch tragische Folgen wie Abbruch der Beziehungen oder 
Selbstmord bedingen könnte. Eine Frau, die ihren Mann der Untreue ver- 
dächtigt, beschämt ihn etwa, indem sie vor anderen Leuten die verschiedenen 
umschreibenden und direkten Ausdrücke für Ehebruch gegen ihn losläßt. 
Sie würde das nur im engen Freundeskreis tun und zu diesem moralischen 
Zweck jene Zurückhaltung durchbrechen, die eine Frau in bezug auf ihren 
Mann zu bewahren hat. Oder ein Onkel mütterlicherseits macht auf diese 
Art seinem Neffen Vorhaltungen, weil er sich gegen die Regeln der Exogamie 
leicht vergangen hat; oder ein Vater tadelt seine Tochter wegen allzu wahl- 
loser oder allzu aggressiver geschlechtlicher Betätigung. Solche Vorhaltungen 
werden nicht in Gegenwart vieler Menschen gemacht, doch im geeigneten 
Freundes- oder Verwandtenkreis spielen sie eine wichtige Rolle bei der 
Regelung des Gemeinschaftslebens. Kakayuwa, „beschämen", „aufschrecken*', 
„aufschütteln", und yakala, „jemandem gehörig die Wahrheit sagen" — 
solche Worte bezeichnen diese Art des Vorgehens 1 . 

Im Verlauf solch erziehlicher Anschuldigungen werden gewisse schmähende 
Wendungen gebraucht wie Ehebrecher (tokaylasi), Blutschänder (tosuvasova); 
oder einer Frau gegenüber: Hure (nakakayta) oder mannstolle Person 
(nakaytabwa). Freilich können auch dieselben Ausdrücke nicht als wohl- 
meinender Tadel, sondern als nur verletzend gemeinte Beleidigung ge- 
braucht werden; und sind sie in einem solchen Falle gar noch zutreffend, 
so ist die Beleidigung doppelt schwer. Denn auf den Trobriand-Inseln wie 

1 Vgl. „Crime and Custom", Kap. XII; dort finden sich weitere Angaben über yakala und 
die Bedeutung dieser mündlichen Anklagen für die Regelung des Gemeinschaftslebens. 
Vgl. auch „Sex and Repression", Teil II, Kap. IV über Fluchen. 

333 



Moral und Lebensart 

auch anderswo ist die Wahrheit das grausamste, tödlichste Werkzeug des 
Hasses. 

Schimpfreden werden auch in Verbindung mit gewissen Schmähungen 
gebraucht, die nur beleidigen sollen und in der Regel keinerlei Bezug auf 
Tatsachen haben, da sie sich oft auf kaum ausführbare Handlungen be- 
ziehen. Die meisten derartigen Wendungen beginnen mit der charakteri- 
stischen Imperativform, die bei der fluchenden Menschheit so beliebt ist, 

in diesem Falle mit „beschlafe ", dann wird irgendeine ungeeignete 

Person als mutmaßlicher Gegenstand der Liebesvereinigung bezeichnet — 
etwa eine abstoßend häßliche Person oder ein Hund oder ein wenig an- 
ziehender Körperteil. Das ist die harmloseste Form dieser Art von Schmäh- 
reden; beleidigend ist sie nur, wenn eine beleidigende Absicht vorliegt. 
Wirklich ernst wird die Sache, wenn eine vom Gesetz verbotene Person 
als Partnerin genannt wird; die beiden blutschänderischen Imperative hwoy 
inam, „beschlafe deine Mutter", und hwoy lumuta, „beschlafe deine Schwester", 
bilden zusammen mit hwoy um kwava, „beschlafe deine Frau", das Haupt- 
trio dieser Art von Schmähreden. Die erstgenannte Aufforderung kann 
nur ein Scherz sein und wird oft als gutmütiges Geschimpfe, manchmal 
auch im Ärger gebraucht, ist aber nie ernstlich beleidigend. Sie ist gleich- 
zeitig eine unpersönliche Verwünschung wie etwa unser „verflucht" oder 
„Himmelkreuzdonnerwetter". 

Die Aufforderung zum Verkehr mit der Schwester gilt als unverzeihlich 
beleidigend, wenn sie an eine bestimmte Person gerichtet wird; ja, sie er- 
scheint so geladen mit gefährlichen Folgen, daß man sie niemals unpersönlich 
oder als allgemeine Verwünschung gebraucht. Wird gar der wirkliche Name 
der Schwester oder des Bruders hinzugefügt — denn das Wort lumuta be- 
deutet „deine Schwester", wenn ein Mann, und „dein Bruder", wenn eine 
Frau angeredet wird — , so ist es die zweitschlimmste Beleidigung, die es 
für den Trobriander überhaupt gibt. Noch ärger ist seltsamerweise die Auf- 
forderung: „Beschlafe deine Frau". Es ist dies für die Eingeborenen etwas 
so Unaussprechliches, daß trotz meines Interesses für Schimpf- und Schmäh- 
reden es sehr lange dauerte, bis ich überhaupt davon erfuhr; selbst als 
meine Gewährsleute mir diesen Ausdruck anführten, verhielten sie sich 
sehr ernst und kleinlaut und suchten so schnell als möglich das Thema zu 
wechseln. Diese Einstellung der Eingeborenen hängt mit der Vorschrift 
zusammen, daß das eheliche Liebesleben stets vollkommen geheimgehalten 
werden muß; besonders anstößig ist an dieser Schmähung, daß sie auf 
einen Vorgang anspielt, der tatsächlich stattfindet. 

Eine andere typische Beschimpfung lautet: „Iß dein Exkrement", mit 

334 



Sittsamkeit in Rede und Betragen 

verschiedenen Varianten, die in diesem Kapitel bereits erwähnt worden 
sind. Eine dritte und ebenfalls schon bekannte Kategorie (s. Kap. VII, 6) 
bilden die Behauptungen, der Betreffende sähe irgendeinem Verwandten 
mütterlicherseits ähnlich; am schlimmsten ist natürlich die Ähnlichkeit 
mit der Schwester. Migim lumuta, „dein Gesicht deiner Schwester ihres", 
gehört zu den allerärgsten Beleidigungen. 

Blasphemie im engeren Sinne gibt es nicht; die Eingeborenen sagten mir, 
sie würden von den Ahnengeistern nie unehrerbietig reden und sowohl in 
dieser Welt wie auch später in Äußerungen über Topileta (s. Kap. XII, 5) 
stets sehr vorsichtig sein. 

Die Eingeborenenworte für Schimpfen und Schmähen sind kamtoki und 
kayluki; sie werden mit dem persönlichen Plural verbunden; es heißt also 
ikaylükwaygu oder ikamtokaygu „er beschimpft mich". Ein anderer Aus- 
druck, ikavitagi yagagu, heißt wörtlich: „er hat meinen Namen besudelt"; 
ikavitagi migigu, „er hat mein Gesicht besudelt", wird gesagt, wenn Ähnlich- 
keit mit einem Verwandten mütterlicherseits behauptet wurde. Alle Schmä- 
hungen sind wesentlich beleidigender, wenn der Name des Beleidigten oder, 
falls es sich um eine soziologische Beleidigung handelt, der Name der 
Schwester, Frau oder Mutter hinzugefügt wird. 

Hier und anderswo zeigt es sich: sobald die Eingeborenen etwas tat- 
sächlich Geschehenes berühren, ist größere Zurückhaltung erforderlich, und 
jede Anspielung und Schmähung trifft viel härter. Ein Mann mag noch 
so freimütig von sich selbst und seinen Liebeserlebnissen berichten — in 
der Tat haben ja die vertraulichen Mitteilungen meiner Freunde das beste 
Material zum vorliegenden Buch geliefert — , es gibt da eine gewisse Grenze; 
von den blutschänderischen, ehebrecherischen oder durch Tabu verbotenen 
Beziehungen vieler meiner Bekannten habe ich nicht durch sie selbst, 
sondern durch ihre besten Freunde erfahren. Nie würden diese Geschichten 
dem Betreffenden ins Gesicht gesagt werden, so freimütig und ausfiihrlich 
auch hinter seinem Bücken davon die Bede ist. Von den blutschänderischen 
Liebesbeziehungen der Häuptlingssöhne von Omarakana, von den hoffnungs- 
losen Heiratsaussichten Monakewos oder Mekala'is wurde nie in ihrer Gegen- 
wart gesprochen. Taktgefühl in bezug auf die intimen Angelegenheiten der 
Anwesenden ist unter Trobriandern ebenso üblich wie unter wohlerzogenen 
Europäern. 

Wir kommen nun zur dritten Kategorie unserer Tabus, zur Mißbilligung 
geschlechtlicher Gier und Geilheit (s. Liste in Abschn. 2). Die Unfähigkeit, 
seinen Trieb zu beherrschen, welche zu fortgesetzter, aggressiver geschlecht- 
licher Betätigung führt, wird an Mann und Frau als verächtlich angesehen, 

335 



Moral und Lebensart 

obwohl sie nur an Frauen als wirklich abstoßend gilt. So hieß es von Yaka- 
lusa, einer Tochter eines Häuptlings von Kasana'i, sie nähere sich Männern 
aus eigenem Antrieb und fordere sie auf, mit ihr den Beischlaf zu üben. In 
ähnlichem Ruf standen mehrere Mädchen aus Omarakana. Es gibt auch 
klare Fälle von mannstollen Mädchen, die sich mit einem mäßigen Ge- 
schlechtsverkehr nicht begnügen können und jede Nacht mehrere Männer 
nötig haben. Ein Mädchen von Kitava durchzog tatsächlich die ganze Haupt- 
insel auf der Suche nach Liebesabenteuern. Sie kam auch nach Sinaketa, 
während ich mich gerade dort aufhielt, und es wurde sehr viel über sie ge- 
redet, jedoch nicht weiter abfällig. Es hieß, sie ginge mit einer Schar junger 
Burschen in den Wald und zöge sich dort mit einem nach dem anderen 
zurück; mit dieser Beschäftigung bringe sie Tage und Nächte hin. 

Wir wollen uns einmal ganz klarmachen, was die Eingeborenen an der 
geschlechtlichen Gier einer Frau so abstoßend finden. Sicherlich nicht ihre 
Vorliebe für den Geschlechtsverkehr und auch nicht den Umstand, daß sie 
selbst die ersten Schritte tut; vielmehr mißfällt ihnen die unumwundene Auf- 
forderung statt der schicklicheren Art, durch Magie zu verführen; auch miß- 
billigen sie den erotischen Mißerfolg einer Frau, den eine so drängende Werbung 
zur Voraussetzung hat, und das mangelnde Gefühl persönlicher Würde. 

Die Eingeborenen nennen eine solche Frau nakaytabwa (mannstolle 
Person); der Ausdruck wurde mir folgendermaßen erläutert: sene bidubadu 
tomwota ikakayta; gala ilükwali kalu bulabola — sene nakaytabwa. Das ließe 
sich etwa übersetzen: „Mit sehr vielen Männern begattet sie sich; nie zu- 
frieden ist ihre große Öffnung — so eine nennen wir mannstoll." Hier ist 
direkt die Rede von geschlechtlicher Unersättlichkeit, in anderen Worten 
von Nymphomanie. 

Zwei andere Ausdrücke für nakaytabwa lauten nakakayta (wörtlich „weib- 
licher Begatter") und naka'ulatile („Hure") und wurden mir folgender- 
maßen erklärt: 

Kidama tayta vivila gala imaymaysi tau'a'u, ilolo 

Vorausgesetzt eine Frau nicht sie kommen Männer, sie geht 

wala titohla imwayki ta'u — yagala naka'ulatile. 

fürwahr selbst sie kommt zu Mann — ihr Name Hure. 

Oder frei übersetzt : „Wenn eine Frau keine Männer hat, die zu ihr kommen, 
und wenn sie dann die Initiative ergreift und selbst zu einem Mann geht, 
nennen wir sie eine Hure." Es liegt auf der Hand, daß solche Frauen des- 
halb moralisch verurteilt werden, weil erotische Erfolglosigkeit als Schande gilt. 

Geilheit beim Manne wird aus demselben Grunde verurteilt. Als tokokolosi 

336 



Sittsamkeit Ui Rede und Betragen 

bezeichnet man einen Mann, der den Frauen nachläuft und ihnen seine 
Aufmerksamkeiten aufdrängt. Ich selbst habe ein interessantes Beispiel 
erlebt. Nach anderthalbjähriger Abwesenheit kam ich nach Omarakana 
zurück und erneuerte meine alte Bekanntschaft mit Namwana Guya'u. 
Wie wir wissen, hatte er im Streit mit Mitakata den kürzeren gezogen und 
haßte ihn nun in ohnmächtiger Wut; deshalb suchte er ihn in meinen 
Augen herabzusetzen und brachte die giftigsten Anschuldigungen gegen 
ihn vor: 

Tokokolosi matauna ibia vivila: böge ipakayse 

Ein geiler Lüstling dieser Mann er zerrt Frauen: schon sie weigern sich 

kumaydona. Minana ipayki, matauna iyousi, ibia. 

alle. Diese Frau weigert sich, dieser Mann fängt, zerrt. 

Um das Bild wirklich düster zu gestalten, fügte Namwana Guya'u noch 
einen Schuß Exhibitionismus hinzu: 

Iliku yavila, bitotona kwila; 

Er legt ab Schamblatt seines, es steht auf Penis seiner; 

iluki vivila: „Kuma kwabukwani kwigu." Böge 

er spricht (zu einer) Frau: „Komm fasse an Penis mein." Schon 

ipakayse vivila, pela tokokolosi vivila. 

sie weigern sich Frauen, weil geiler Lüstling (gegen) Frauen. 

In freier Übersetzung: „Er legt sein Schamblatt ab und läßt seinen Penis 
erigieren. Dann sagt er zu einer Frau: ,Komm und Hebkose meinen Penis.' 
Die Frauen haben einen Widerwillen gegen ihn, weil er solch ein geiler 
Lüstling ist." 

Dieser eine einzige Bericht zeigt uns die Verachtung der Eingeborenen 
für exhibitionistische Neigungen, für fortwährende Jagd auf Frauen und 
für Erfolglosigkeit in der Liebe, wie auch die Abneigung der Frauen gegen 
allzu eifrige Umwerbung; ferner haben wir hier den interessanten Zusammen- 
hang zwischen Entfernung des Schamblatts und Erektion. 

Die ganze Einstellung der Trobriander gegenüber geschlechtlichen Ex- 
zessen zeigt, daß sie Zurückhaltung, Würde und Erfolg hoch einschätzen 
und bewundern; nicht nur, weil es einem Menschen wohl ansteht, sondern 
weil es beweist, daß er es nicht nötig hat, den Draufgänger zu spielen. Das 
sittliche Gebot, bei der Werbung Gewalttätigkeit, drängendes Ungestüm 
und Überredungskünste au6 dem Spiel zu lassen, liegt in der starken Über- 
zeugung begründet, daß solche Mittel schimpf lieh seien; denn wahrer Wert 

22 m. g. 337 



Moral und Lebensart 

und wahre Würde liegen darin, daß man begehrt wird, daß man durch 
persönliche Vorzüge, durch Schönheit und Magie erobert. So verweben sich 
alle Fäden unseres Berichts zu einem einzigen, vielfältigen Muster: Sitte, 
Moral und ästhetisches Urteil stimmen genau zur Psychologie der Werbung 
und zur Eroberung durch Magie. 

Wäre es mir gestattet, über den Rahmen der vorhegenden Arbeit hinaus- 
zugehen, so würde ich gern zeigen, wie dasselbe Muster auch der Psycho- 
logie des wirtschaftlichen rituellen Austausches zugrunde hegt, wie auch 
den Anschauungen der Eingeborenen über Gegenseitigkeit bei gesetzlichen 
Verpflichtungen. Überall finden wir, daß direktes Fordern, Begehrlichkeit 
und Gier mißbilligt werden, vor allem aber, daß wirkliche Not und Be- 
dürftigkeit als entehrend gelten. Andererseits bringen Überfluß und Reichtum 
im Verein mit sorgloser Freigebigkeit Ruhm und Ehre ein 1 . 

Es bleibt uns jetzt noch eine Klasse von Tabus zu erörtern, Nr. 5 unserer 
Liste im 2. Abschnitt: die verschiedenen Verbote, die sich aus besonderen 
Vorgängen des Gemeinschaftslebens ergeben. Wenn die Männer im Kriegs- 
dienst stehen, müssen sie sich jedes Geschlechtsverkehrs mit der Gattin 
oder der Gehebten enthalten. Das Tabu gilt von einem bestimmten Tage 
an, da durch eine besondere Zeremonie namens vatula bulami die Streit- 
kräfte gemustert werden und die Kriegsmagie ihren Anfang nimmt. Nicht 
nur muß sich der Mann jedes Geschlechtsverkehrs enthalten, er darf nicht 
einmal mit einer Frau auf derselben Matte oder derselben Schlafbank 
schlafen. Bestimmte Häuser werden für Mä nn er reserviert, während sich 
die Frauen und Kinder in anderen Hütten aufhalten. Jede Liebeständelei 
in solchen Zeiten gefährdet nach der Meinung der Eingeborenen die Aus- 
sicht auf das Gewinnen des Krieges und gilt deshalb als schimpflich und 
unschicklich. Überdies würde der einzelne Missetäter von ganz bestimmten 
Strafen ereilt werden. Würde er Geschlechtsverkehr pflegen, so würde ein 
feindlicher Speer ihm den Penis oder die Testikel durchbohren; würde er 
Nase an Nase mit seiner Liebsten schlafen, so würde er an der Nase oder 
in deren Nähe getroffen werden. Ja, würde er sich nur auf dieselbe Matte 
mit einem Mädchen setzen, so würde sein Gesäß vor einem feindlichen An- 
griff nicht sicher sein. Aus der Art, wie mein Gewährsmann von diesen 
Dingen sprach, hatte ich den Eindruck, daß die Kriegstabus gewissenhaft 
und im vollen Umfang eingehalten werden. Zweifellos sind die Männer von 
der Erregung des Kampfes viel zu stark gepackt, um dem gewohnteren 

1 Eine eingehende Untersuchung der Wirtschaftspsychologie siehe in „Argonauts of the 
Western Pacific", Kap. VI u. passim; eine Darlegung des Prinzips der Gegenseitigkeit in 
„Crime and Custom". 

338 



. 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

und deshalb vielleicht weniger fesselnden Liebessport irgendwelche Auf- 
merksamkeit zu schenken. 

Auch die Gärten dürfen in keiner Weise mit Liebesgeschichten in Ver- 
bindung gebracht werden. Weder innerhalb der eigentlichen Umzäunung 
noch irgendwo in der Nähe darf sich ein Paar der Liebe hingeben. In einer 
Wendung, die unerlaubte Liebe beschreibt, wird der den Garten umgebende 
Buschgürtel (tokeda) ausdrücklich erwähnt (e. Abb. 87). In den Gärten 
oder der Umgebung des Gartenlandes geschlechtlich verkehren heißt bei 
den Eingeborenen isihayse tokeda, „sie setzen sich in den Buschgürtel in 
der Nähe des Gartens". Als besonders verwerflich gilt es, wenn die Männer 
mit den Frauen anzubändeln suchen, während sie mit den besonderen 
weiblichen Gartenarbeiten beschäftigt sind: mit pwakova („jäten") und 
koumwali („den Boden vorm Pflanzen säubern"). Der Leser wird sich er- 
innern, daß der sagenhafte Wüstling Inuvayla'u sich den Frauen zu nähern 
pflegte, wenn sie gerade mit dieser und anderer spezifisch weiblicher Arbeit 
beschäftigt waren, ja, daß dies zu seinen übelsten Charakterzügen gehörte. 
Es schickt sich nicht einmal, daß ein Mann beim Jäten, Muschelsammeln, 
Wasserholen, beim Holzlesen im Wald und bei der rituellen Herstellung 
der Baströcke zugegen ist. Geschlechtsverkehr in den Gärten wird durch eine 
besondere Heimsuchung bestraft : die Busch- Schweine, vom Geruch der Samen- 
flüssigkeit angelockt, brechen durch die Zäune und verheeren die Pflanzungen. 
Ein besonderes Tabu macht den Frauen Keuschheit zur Pflicht während 
der Zeit, da ihre Männer und Liebhaber sich auf einer ÜCu/o-Expedition 
befinden. Jede Untreue beeinflußt die Schnelligkeit der ehemännischen 
Kanus und bewirkt, daß sie sehr langsam fahren (s. auch oben Kap. V, 2). 
Die Tabus während der Schwangerschaft und nach der Geburt wurden 
schon eingehend beschrieben (Kap. VIII), ebenso die (durch keine über- 
natürlichen Strafen verstärkte) Abneigung gegen Geschlechtsverkehr während 
der Menstruation. Damit sind wir am Ende unseres Überblicks über die 
allgemeinen Tabus; wir wenden uns nun den besonderen Verboten zu, die 
sich aus Blutsverwandtschaft und angeheirateter Verwandtschaft ergeben. 

5. Exogamie und das Verbot der Blutschande 

Von den bereits geschilderten Tabus allgemeiner Art unterscheiden sich ge- 
wisse soziale Vorschriften, welche Personen des entgegengesetzten Geschlechts 
einteilen in solche, mit denen eine Beziehung erlaubt, und solche, mit denen 
eine Beziehung verboten ist; ferner diejenigen Vorschriften, welche den Ge- 
schlechtsverkehr durch den Rechtsakt der EheschHeßung einschränken und 
welche gewisse Verbindungen für wünschenswerter erklären als andere. 

339 



Moral und Lebensart 

Diese Vorschriften kennzeichnen bestimmte geschlechtliche Verbindungen 
auf Grund ihrer physiologischen Art oder auf Grund der gegebenen Um- 
stände als verwerflich, wobei der Grad der Mißbilligung zwischen Abneigung 
und Entsetzen schwankt. Die nun zu besprechenden Regeln können nur 
im Rahmen der Gesellschaftsordnung behandelt werden, wobei die In- 
stitution der Familie und die Einteilung in Clans besonders wichtig sind 1 . 

Die totemistische Einteilung der Eingeborenen ist in ihren Hauptlinien 
einfach und symmetrisch. Die Menschheit ist in vier Clans (kumila) ein- 
geteilt. Nach der Meinung der Eingeborenen ist die totemistische Sonderart 
jedem einzelnen ebenso unabänderlich angeboren wie Geschlecht, Haut- 
farbe und Statur. Sie läßt sich nicht verändern; sie geht über das in- 
dividuelle Leben hinaus, denn sie überträgt sich auf das Jenseits und wird 
unverändert wieder mit ins Diesseits gebracht, wenn der Geist durch Re- 
inkarnation zurückkehrt. Diese vierfache totemistische Einteilung gilt nach 
der Meinung der Trobriander auf der ganzen Welt und umfaßt alle Mensch- 
heitsgruppen. Kommt ein Europäer auf die Trobriand-Inseln, so fragen 
ihn die Eingeborenen ganz einfach und treuherzig, zu welcher der vier 
Klassen er gehöre, und es ist nicht ganz leicht, selbst den Intelligentesten 
unter ihnen zu erklären, daß diese vierfache Totem-Einteilung nicht für 
die ganze Welt gilt und nicht in der Menschennatur wurzelt. Die Ein- 
geborenen der benachbarten Gebiete, wo es mehr als vier Clans gibt, werden 
dem vierfältigen Schema stets ohne Schwierigkeiten eingefügt, indem man 
jedem der vier trobriandischen Clans mehrere fremde Clans zuteilt. Für 
diese Einordnung kleinerer Gruppen unter größere findet sich ein Vorbild 
in der trobriandischen Kultur, denn jeder einzelne der großen totemistischen 
Clans umfaßt kleinere Gruppen, sogenannte dala oder Unter-Clans, wie wir 
sie nennen wollen. 

Die Unter-Clans sind mindestens so wichtig wie die Clans, denn die An- 
gehörigen desselben Unter-Clans sind wirklich blutsverwandt, vom gleichen 
Rang und bilden die lokale Einheit der trobriandischen Gesellschaft. Jede 
lokale Dorfgemeinschaft besteht nur aus Menschen, die einem einzigen 
Unter-Clan angehören; sie haben gemeinsame Ansprüche auf den Grund 
und Boden des Dorfes, auf das umgebende Gartenland und auf eine Anzahl 
lokaler Vorrechte. Großdörfer bestehen aus mehreren lokalen Einheiten, 
doch jede Einheit hat ihren zusammenhängenden Grund und Boden im 

1 Die Institution der Ehe ist von der Familie unzertrennlich und wird daher in folgendem 
gelegentlich mit erwähnt werden: sie ist übrigens in manchen Einzelheiten schon bei Be- 
sprechung der Tabus und Regelungen behandelt worden, welche die Heirat mit sich bringt 
(vgl. die Kap. IV, V u. VI, und den vorletzten Abschnitt des vorliegenden Kapitels). 

340 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

Dorf, und angrenzend ein großes Stück Gartenland. Es gibt sogar ver- 
schiedene Ausdrücke, um Zugehörigkeit zum Unter-Clan und Zugehörigkeit 
zum Clan zu bezeichnen. Leute vom selben Unter-Clan sind wirkliche Ver- 
wandte und nennen einander veyogu, mein Blutsverwandter. Von einem 
Angehörigen desselben Clans, der jedoch einem anderen Unter-Clan an- 
gehört, wird dieser Ausdruck nur oberflächlich, bildlich gebraucht; auf 
näheres Befragen bekommt man zu hören, daß ein solcher Mann nur pseudo- 
verwandt sei: er wird mit dem abschätzigen Ausdruck kakaveyogu (mein 
unechter Verwandter) bedacht. 

Jeder der vier Clans hat seinen eigenen Namen: Malasi, Lukuba, Lu- 
kwasisiga, Lukulabuta. Der Clan-Name dient dazu, die soziale Identität 
eines Mannes oder einer Frau auszudrücken: „Mein Name ist Soundso, 
und ich bin ein(e) Malasi." Es gibt besondere Kombinationen aus Clan- 
Namen und Bestimmungssilben, um Männer oder Frauen oder eine gemischte 
Vielheit als zum selben Clan gehörig zu bezeichnen: Tomalasi — ein Malasi- 
Mann; Immalasi — eine Malasi-Frau; Memalasi — die Malasi-Leute ; 
Tolukuba — ein Lukuba-Mann; Imlukuba — eine Lukuba-Frau; Milukuba — 
die Lukuba-Leute, und so fort. Sagt ein Mann: „Tomalasi yaygu", so gibt 
er damit die soziologische Definition seines Platzes innerhalb der all- 
umfassenden Vierteilung der Menschheit. Einem Eingeborenen verrät diese 
Angabe zugleich eine Reihe von persönlichen Eigenschaften oder wenigstens 
Möglichkeiten, wie etwa magische Kenntnisse, Wohnort (wenn auch der 
Unter-Clan genannt wird), moralische und geistige Einstellung, geschichtliche 
Antezedenzien, Beziehung zu bestimmten Tieren und Pflanzen und auch 
Ranghöhe. So beanspruchen die Malasi, vornehmer als die anderen totemisti- 
schen Gruppen zu sein, was ihnen von den Angehörigen dieser anderen Clans 
nur sehr widerwillig zugestanden wird. 

Die Malasi können jedoch zu ihren Gunsten einen schönen heraldischen 
Beweis anführen. In der Nähe des Dorfes Laba'i an der Nordküste der 
Hauptinsel gibt es eine Stelle namens Obukula, wo der Korallenfels zutage 
tritt. Obukula ist eigentlich ein „Loch" (dubwadebula) oder „Haus" (bwala), 
das heißt eine der Stellen, wo die ersten Urahnen des Geschlechts aus der 
Erde aufgetaucht sind. Denn ehe sie auf dieser Erde erschienen, führten 
die Menschen ein unterirdisches Dasein, das in jeder Hinsicht dem Leben 
in den jetzigen Trobriander-Dörfern glich und das gleiche soziale Gefüge 
aufwies. Sie wohnten in den identischen Dorfgemeinschaften, waren in Clans 
und Unter-Clans eingeteilt, in Bezirke zusammengefaßt und führten ein 
ebenso braves Familienleben wie die heutigen Eingeborenen. Auch besaßen 
sie Eigentum — das heißt gugu'a (Werkzeuge und Geräte), vaygtfa (Wert- 

22- 341 



Moral und Lebensart 

gegenstände) und Häuser, Kanus und Land. Sie übten Kunst und Hand- 
werk und waren im Besitz besonderer Zauberkräfte. 

Als sie sich nun entschlossen, an die Erdoberfläche emporzusteigen, 
suchten sie all ihr Hab und Gut zusammen und kamen in der Gegend zum 
Vorschein, wo sie sich niederlassen wollten. Diese Stelle wird meistens 
durch eine Grotte, einen großen Felsblock, einen kleinen Teich, den Aus- 
läufer einer schmalen Meeresbucht oder bloß durch einen großen Stein im 
Mittelpunkt des Dorfes oder auf der Straße bezeichnet (s. Abb. 88). Solcherart 
bewiesen sie ihren Besitzanspruch auf das „Loch" und seine Umgebung, 
das heißt auf den Grund, wo das Dorf steht — oft die unmittelbare Um- 
gebung des Loches — , auf das umliegende Gelände und auf die damit ver- 
bundenen wirtschaftlichen Vorrechte und Tätigkeiten. Nach der trobrian- 
dischen Mythologie ist in der Regel ursprünglich nur ein einziges Paar aus 
jedem solchen „Loch" hervorgekommen, ein Bruder und eine Schwester: 
sie, um die Fortpflanzung zu eröffnen, er, um die Schwester zu beschützen 
und zu versorgen. Die Regel ist also : ein Clan, ein Dorf, ein Anteil Garten- 
land, ein System Garten- und Fischfang-Magie, ein Geschwister-Ahnenpaar, 
ein Rang, eine Abstammung. Die Abstammung läßt sich nie wirklich ver- 
folgen, doch alle glauben fest, sie gehe auf die Urahnin zurück, die aus dem 
„Loch" hervorgekommen ist. 

Von dieser „ein-Loch-ein-Geschlecht-ein"Unter-Clan"-Regel gibt es nur 
eine Ausnahme, das bereits erwähnte Loch von Obukula. In diesem Falle 
haben wir nur ein Loch für alle vier Clans; die Ahnen sind nicht durch den 
Unter-Clan, sondern durch die Clan-Zugehörigkeit bestimmt; und das 
Hervortreten ans Tageslicht legt nicht einen bestimmten Wohnort oder 
bestimmtes Eigentum fest oder Vorrechte für einen einzelnen Unter-Clan, 
sondern die entsprechende Stellung der vier Clans auf der Rangleiter. 

Die Sage vom Loch von Obukula lautet folgendermaßen: Zuerst kam 
der Vertreter der Lukulabuta ans Tageslicht, ihr Totemtier, das Kaylavasi 
(Leguan oder Rieseneidechse) ; es scharrte die Erde weg, wie es die Art dieser 
Tiere ist, und lief an einem Baum hinauf; von diesem günstigen Platz 
aus erwartete es das Weitere. E6 brauchte nicht lange zu warten. Durch 
das Loch, das es gemacht hatte, strampelte sich der Hund empor, das Tier 
des Lukuba-Clans; als zweiter auf dem Schauplatz hielt er den höchsten 
Rang, solang er eben konnte. Sein Ruhm war jedoch von kurzer Dauer, 
denn bald darauf erschien das Schwein, jenes edle Tier, das den Menschen 
im Rang ganz nahe steht, das Wappentier der Malasi. Als letztes erschien 
das Tier des Lukwasisiga-Clans, nach verschiedenen Versionen die Schlange, 
das Opossum oder das Krokodil; die Sagen sind sich nicht einig darüber, 

342 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

welches Tier es eigentlich war, und in der Tat spielt dieses zweifelhafte Geschöpf 
die unbedeutendste Rolle in der Sage und im trobriandischen Totemismus. 

Das Schwein und der Hund spielten miteinander; dann lief der Hund 
durch den Busch und entdeckte die Früchte einer Pflanze namens noku. 
Sie gilt hei den Eingeborenen als sehr minderwertiges Nahrungsmittel, und 
obschon sie keinem Clan und keinem Menschen verboten ist, wird sie doch 
nur in Zeiten größter Dürre und Hungersnot verzehrt. Der Hund roch die 
Frucht, beleckte und fraß sie. Diesen günstigen Umstand machte sich das 
Schwein zunutze: auf der Stelle erklärte es seinen Rang als den höchsten 
mit den Worten: „Du frißt noku, du frißt Exkrement; du bist von niederem 
Stand. Von nun an bin ich der guya'u, der Oberste." Von dieser Begebenheit 
datiert der Anspruch der Malasi auf größere Vornehmheit als alle anderen 
Clans; die allerhöchste Stelle hat einer ihrer Unter-Clans, die Tabalu, inne; 
sie sind die allervornehmsten, die höchsten im Rang; das wird nicht nur auf 
den Trobriand-Inseln, sondern auch in den angrenzenden Gebieten anerkannt. 

Solcherart erklären die Eingeborenen den Unterschied im Rang. Der 
Genuß unreiner Speise — das wichtigste Kennzeichen sozialer Minder- 
wertigkeit — hat den Sturz der Lukuba und den Aufstieg der Malasi herbei- 
geführt. Man darf jedoch nicht vergessen, daß außer dem vornehmsten 
Unter-Clan, den Tabalu, auch der verachtetste Unter-Clan, wohnhaft im 
Dorfe Bwoytalu, zu den Malasi gehört. Kein Lukuba-Mann, der etwas auf 
sich hält, würde eine Malasi-Frau aus diesem Dorf heiraten, kein Tabalu 
würde mit irgendeinem Einwohner dieses Dorfes verwandt sein wollen; er 
nim mt es schon sehr übel, wenn es heißt, sie gehörten zu einer kakaveyola 
(Pseudo- Sippe). Die Eingeborenen der verschiedenen Lokalgemeinschaften 
im Großdorf Bwoytalu, in Ba'u und Suviyagila bilden, wie schon gesagt, 
ein so gut wie endogames Gebiet, in dem die Angehörigen der verschiedenen 
Clans Exogamie innerhalb ihres Kreises von Dörfern beobachten müssen, 
da sie außerhalb desselben keinen Partner finden. Wir haben also ein endo- 
games Gebiet, innerhalb dessen totemistische Exogamie besteht. 

Für die Höhe des Ranges ist also der Unter-Clan wichtiger als der Clan. 
Dasselbe gilt auch in bezug auf lokale Rechte und Vorrechte. Gehört ein 
Dorf den Lukwasisiga vom Unter-Clan der Kwoynama, so haben nur An- 
gehörige des letzteren dort das Bürgerrecht. Andere Mitglieder der Lu- 
kwasisiga, die jedoch diesem Unter-Clan nicht angehören, sind dort ebenso- 
wenig beheimatet, wie etwa die Malasi oder die Lukuba. Der Clan ist also 
weniger eine Gruppe, als vielmehr eine soziale Kategorie, der eine Anzahl 
von Tieren, Pflanzen und anderen Natuxobjekten zugezählt werden. Doch 
der totemistische Charakter des Clans ist nicht allzu wichtig, und seine 

343 



Moral und Lebensar 

religiöse Bedeutsamkeit wird von seinen sozialen Funktionen ganz in den 
Hintergrund gedrängt. Der Clan als Gesamtheit tritt nur bei bestimmten 
großen Feierlichkeiten in Erscheinung, wenn alle Unter-Clans der Malasi 
oder Lukuba oder Lukwasisiga oder Lukulabuta zusammenwirken und sich 

gegenseitig stützen. 

Wir mußten uns mit Clan und Unter-Clan, ihrer Organisation, ihrer 
Mythologie und ihren sozialen Funktionen etwas eingehender beschäftigen, 
um sie als lebendige, wirksame Einheiten erscheinen zu lassen, nicht nur 
als bloße Zahlenschemen, denen ein Eingeborenenname aufgeklebt ist. Hier 
interessiert uns jedoch an der Clan-Organisation in erster Linie die Exogamie, 
das heißt das Verbot des Geschlechtsverkehrs innerhalb des Clans. Alle 
Angehörigen derselben großen Gruppe bezeichnen sich, wie gesagt, mit 
dem gleichen Namen; das ist, vor allem in einfacheren Kulturen, nicht eine 
bloße Etikette, sondern eine Andeutung der Wesensart. Ein gemeinsamer 
Name bedeutet bis zu einem gewissen Grad dasselbe Fleisch und Blut, und 
Blutsverwandtschaft heißt gleiche Körperlichkeit. 

Die wirkliche Bedeutung des Clans in Vorstellungswelt und Gesellschafts- 
ordnung der Eingeborenen wird an einer interessanten sprachlichen Unter- 
scheidung klar. Das Eingeborenenwort für „Freund" ist lubaygu und be- 
deutet „der Mann, mit dem ich aus freier Wahl verkehre, weil ich ihn gern 
habe". Lernt ein Europäer die Eingeborenensprache, so wendet er dieses 
Wort unweigerlich falsch an. Wenn er nämlich zwei M änn er viel zusammen 
sieht, die gut miteinander auskommen und offenbar befreundet sind, so 
beschreibt er ihre Beziehung mit dem Wort lubayla (sein Freund), ohne 
sich erst zu vergewissern, ob die beiden verwandt sind. Doch dieses Wort 
darf nur auf einen Freund aus einem anderen Clan angewendet werden; 
es ist nicht nur inkorrekt, sondern auch unschicklich, es von einem Ver- 
wandten zu sagen. Jedesmal, wenn ich den Ausdruck lubaym (dein Freund) 
gebrauchte, um eines Mannes nächsten Gefährten vom selben Unter-Clan 
zu bezeichnen, wurde ich ziemlich scharf korrigiert: Gala! Veyogu matauna, 
veyoda — kumila taytanidesi ! („Nein, dieser Mann mein Verwandter — der 
Clan ist derselbe!") So sind zwei Arten von Beziehungen zwischen Männern 
auch sprachlich klar ausgeprägt in den zwei Worten für Freund: das eine 
bedeutet „Freund diesseits der Schranke", das andere „Freund jenseits 
der Schranke". Dieser Unterschied beweist, wie einschneidend der Begriff 
„Clanschaft" ist; er entspricht auch der klassifikatorischen Verwendung von 
Sippschaftsbezeichnungen und dem gesamten Verwandtschaftsgefüge der 
Eingeborenen. 

Selbstverständlich gilt dieselbe Unterscheidung, wenn von der Beziehung 

344 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

zwischen einem Mann und einer Frau die Rede ist. Das Wort lubaygu be- 
deutet dann „Geliebte, Geliebter" und kann nie auf eine Frau aus dem- 
selben Clan angewandt werden; es ist dann sogar mit dem Begriff der veyola 
(Sippe, also das gleiche Fleisch und Blut) noch weniger vereinbar als bei 
der Beziehung zwischen zwei Männern. Frauen aus demselben Clan können 
nur als Schwestern bezeichnet werden (ludaytasi, unsere Schwestern; luguta, 
meine Schwester; lumuta, deine Schwester; luleta, seine Schwester). Frauen 
aus anderen Clans werden bezeichnet durch den allgemeinen Ausdruck 
tabu- (mit angefügtem Pronomen: tabudayasi, unsere Basen; tabugu, meine 
Base; tabum, deine Base, usw.). Ursprünglich bedeutet dieses Wort „Schwester 
des Vaters"; es umfaßt auch die „Tochter der Schwester des Vaters" oder 
„Base väterlicherseits", oder im weitesten Sinne „alle Frauen, die nicht 
aus demselben Clan sind". 

In dieser erweiterten Bedeutung steht das Wort für „gesetzlich erlaubte 
Frau", „Frau, mit welcher Geschlechtsverkehr möglich ist". Auf eine solche 
Frau ist der Ausdruck lubaygu („meine Geliebte") richtig angewendet, 
doch ist er ganz unvereinbar mit der Sippschaftsbezeichnung luguta, meine 
Schwester. Dieser Sprachgebrauch verkörpert also die Regeln der Exo- 
gamie und im hohen Grade auch die ihr zugrunde liegenden Vorstellungen. 
Zwei Menschen entgegengesetzten Geschlechts, die im Verhältnis von Bruder 
und Schwester im weitesten Sinn stehen, also demselben Clan angehören, 
dürfen weder heiraten, noch geschlechtlich verkehren, ja nicht einmal 
irgendwelches geschlechtliche Interesse füreinander zeigen. Das Eingeborenen- 
wort für Clan-Inzest oder Bruch der Exogamie lautet, wie wir schon wissen, 
suvasova. 

Ausdrücke wie tosuvasova yoku (du Blutschänder), kaysuvasova kwim (du 
blutschänderischer Penis), kwaysuvasova wim (du blutschänderische Vulva) 
gehören wie gesagt zur Kategorie der Beleidigungen oder Beschuldigungen. 
Sie können jedoch sowohl obenhin, ohne beleidigende Absicht gebraucht 
werden, als auch im Ernst als Feststellung einer Tatsache; dann haben sie 
manchmal sogar tragische Folgen. Diesem zwiefachen Brauch des Ausdrucks 
entspricht eine tiefliegende moralische Unterscheidung zwischen verschiedenen 
Graden exogamischer Übertretung; diese Unterscheidung durchschaut man 
erst nach langwieriger Feld-Arbeit, denn sie ist von einer offiziellen ge- 
satzten Theorie überlagert, die dem ahnungslosen Ethnographen un- 
weigerlich von den Eingeborenen aufgetischt wird. Ich will zunächst diese 
Theorie des suvasova darlegen, wie sie sich nach der Frage-und-Antwort- 
Methode darstellt; damit ist aber das eigentliche Verhalten der Eingeborenen 
nur grob umrissen. 

345 



Moral und Lebensart 

Fragt man einen intelligenten, aufrichtigen Gewährsmann Punkt für 
Punkt nach den verschiedenen Seiten der Exogamie und Clan-Organisation, 
und setzt man sich aus diesen verschiedenen Aussagen ein Bild zusammen, 
so gelangt man unweigerlich zu dem Schluß, daß Heirat und Geschlechts- 
verkehr innerhalb des Clans weder gestattet sind noch überhaupt vor- 
kommen; ja, sie scheinen für die Eingeborenen nicht einmal eine ernstliche 
Versuchung zu bedeuten. Jedermann wird einem erzählen, daß Heirat 
zwischen einem Mann und einer Frau aus demselben Clan ganz ausgeschlossen 
sei und auch nie vorkäme; Geschlechtsverkehr wäre höchst unschicklich 
und würde von der öffentlichen Meinung voller Empörung verurteilt 
werden. Ein Paar, das sich so verginge, würde bei einer Entdeckung den 
Zorn des ganzen Dorfes auf sich laden; die Missetäter würden tief ge- 
demütigt und schrecklich beschämt sein. Und auf die Frage: „Was würden 
sie denn tun, wenn die Sache herauskäme ?" lautet die Antwort unweigerlich, 
sie würden durch Herabspringen von einer Kokospalme Selbstmord be- 
gehen. Diese wohlbekannte Art, einer unangenehmen Situation auszuweichen, 
heißt Wu. 

„Und was würde geschehen, wenn sie nicht entdeckt würden ?" Auf diese 
Frage bekommt man meistens zu hören, daß Bruch der Exogamie schon 
an sich eine unangenehme, wenn auch nicht immer tödliche Krankheit 
nach sich zieht. Zunächst kündet sich diese Vergeltungsmaßregel durch 
das Anschwellen des Leibes an; bald wird die Haut weiß und bedeckt sich 
mit kleinen Geschwüren, die allmählich größer werden, und der Betreffende 
siecht langsam dahin. In solch einem erkrankten Organismus befindet sich 
ein kleines Insekt, einer winzigen Spinne oder Fliege ähnlich. Dieses Insekt 
wird durch einen tatsächHchen Bruch der Exogamie spontan erzeugt. Die 
Eingeborenen beschreiben es folgendermaßen: „Wir finden Maden in einer 
Leiche. Woher kommen sie? Ivagi wala — sie entstehen eben. Genau so 
entsteht ein Insekt im Körper des tosuvasova (Exogamie-Brecher). Dies 
Insekt schlängelt sich wie eine kleine Schlange; es geht überall herum; es 
läßt die Augen anschwellen, das Gesicht anschwellen, den Leib anschwellen 
wie bei popoma (Wassersucht und jede andere starke Körperschwellung) 
oder bei kavatokulo (zehrende Krankheit)." Und bereitwilbg werden Bei- 
spiele angeführt von Leuten, die an einer solchen Krankheit leiden oder 
gehtten haben. 

Die Aussagen der Eingeborenen ergeben also eine folgerichtige Lehre 
von Blutschande und Exogamie, die ein gewissenhafter Ethnologe etwa 
folgendermaßen zusammenfassen würde : „Exogamie ist für die Eingeborenen 
ein absolutes Tabu, sowohl was Heirat als auch Geschlechtsverkehr angeht; 

346 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

eine Verletzung des Gebots begegnet stärkster moralischer Mißbilligung, 
die den Zorn der Gemeinschaft gegen die Missetäter entfachen und diese 
bei Entdeckung ihres Vergehens zum Selbstmord treiben würde. Es gibt 
auch ein übernatürliches Strafmittel, eine schreckliche Krankheit, die zum 
Tode führen kann. Infolgedessen wird Exogamie aufs strengste beobachtet; 
Überschreitungen kommen nie vor." 

Zur Begründung dieser Aussage würde der Ethnologe sprachliche Be- 
weise anführen: es gibt nur ein Wort für „Bruch der Exogamie", suvasova, 
ganz gleich, ob es sich um Blutschande mit der nächsten Verwandten oder 
nur um Geschlechtsverkehr mit einer Frau aus demselben Clan handelt. 
Im Sprachgebrauch äußert sich überdies in typischer Art die Clan-Solidarität, 
der sogenannte spontane Gehorsam gegenüber Brauch und Gesetz. Clan- 
Solidarität drückt sich auch in der Einheit der Namen aus, in der Einheit 
der Totemtiere und in vielen anderen Formen totemistischer Übereinstimmung. 
Und ein weiterer Beweis dafür, daß diese Solidarität wirklich besteht, ist 
die klassifikatorische Anwendung der Verwandtschaftsbezeichnungen. 

Wir haben jedoch schon Anzeichen dafür kennengelernt, daß sowohl die 
Clan- Solidarität, als auch der klassifikatorische Charakter der Sippe und 
die Unverletzlichkeit des Exogamie-Tabus im wirklichen Leben nicht immer 
aufrechterhalten werden. Nicht nur gibt es eine lange Reihe von Strafen 
und Verweisen für die verschiedenen Grade exogamischer Übertretungen, 
sondern es sind sogar Heiraten innerhalb desselben Clans bekannt; ja selbst 
die ärgsten Verstöße gegen das Tabu gestatten noch die üblichen Um- 
gehungen und Vertuschungen. 

Ich stelle nun den Kern der Eingeborenenaussagen den Ergebnissen meiner 
direkten Beobachtung gegenüber, um deuthch zu machen, daß zwischen 
beiden ein ernsthafter Widerspruch besteht. Die Aussagen schildern das 
sittliche Ideal, die Beobachtung lehrt uns, wie weit das wirkliche Ver- 
halten davon abweicht. Die Aussagen zeigen uns die glatte Oberfläche von 
Brauch und Sitte, die dem neugierigen Fremden unweigerlich vorgezeigt 
wird; unmittelbare Beobachtung des Eingeborenenlebens enthüllt die dar- 
unterliegenden Schichten des menschlichen Verhaltens, die zwar durch die 
strenge Oberfläche von Brauch und Sitte gemodelt, aber stärker noch be- 
einflußt werden durch die schwelenden Feuer der Menschennatur. Jene 
glatte Einheitlichkeit, die nach den mündlichen Berichten als einzige Form 
menschlichen Betragens erscheint, verschwindet mit einer besseren Kenntnis 
der kultürlichen Wirklichkeit. 

Diese Unstimmigkeit zwischen gesammeltem, mündlichem Material und 
u nmi ttelbarer Beobachtung ist eine der Hauptquellen ethnographischer 

347 



Moral und Lebensart 

Irrtümer; ich möchte aber betonen, daß dies nicht den eingeborenen Ge- 
währsleuten zur Last gelegt werden darf — viel eher dem treuherzigen Ver- 
trauen des Ethnographen zur Frage-und-Antwort-Methode. Der Eingeborene 
will den Fremden nicht absichtlich täuschen, wenn er ihm das Sittengesetz 
in seiner Unerbittlichkeit und Vollkommenheit darlegt. Er tut weiter nichts, 
als was jedes wahrhaft achtbare und konventionelle Mitglied einer wohl- 
geordneten Gesellschaft tun würde: er breitet hüllende Schleier über die 
Schattenseiten und Häßlichkeiten des menschlichen Daseins, er sieht über 
die eigene Unzulängbchkeit, ja sogar über die Schwächen seiner Nächsten 
hinweg, er sieht nicht, was er nicht zu sehen wünscht. Kein Gentleman 
gibt gern zu, daß etwas geschieht, was „man nicht tut", was allgemein für 
schlecht und unschicklich gilt. Ein konventioneller Geist ignoriert so etwas, 
vor allem im Gespräch mit einem Fremden — denn schmutzige Wäsche 
wäscht man nicht vor aller Augen. 

Der Melanesier ist gegen Taktlosigkeiten ebenso empfindlich und in 
Fragen des Anstands und der Schicklichkeit ebenso konventionell wie ein 
angejahrter Herr oder ein ältliches Fräulein um die Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts. Stellen wir uns einmal vor, ein Ethnologe vom Mars erkundige 
sich bei unserem achtbaren Herrn (oder Fräulein) nach der Ehemoral in 
Europa. Er würde zu hören bekommen, daß Monogamie die einzige Form 
der Ehe sei, daß vor der Heirat beide Partner keusch leben müssen, und 
daß Ehebruch durch Gesetz, Moral, Sitte und Ehrbegriffe aufs strengste 
verboten sei. Dies alles ist in gewisser Weise ganz richtig; es ist das an- 
erkannte Ideal der Religion und der Ethik. Und wenn der Marsbewohner 
weiter fragen würde, ob Ehebruch tatsächlich vorkäme, so würde unser 
Herr (oder Fräulein) diese Frage als Beleidigung empfinden und mit eisiger 
Kälte oder feuriger Hitze darauf reagieren. (Denn man darf nicht vergessen, 
daß er ebensowenig gewohnt ist, als Gewährsmann zu fungieren, wie der 
Melanesier, dem man eine Stange Tabak für seine Auskunft gibt). 

Angenommen, der Marsbewohner wäre in den modernen Methoden der 
Feld-Arbeit geschult, wie einige Richtungen der Anthropologie sie an- 
empfehlen^ und er ginge nun zum „konkreten Ausfragen" über, so könnte 
er dabei wirklich in Unannehmlichkeiten geraten. Auf die konkrete Frage: 
„Wie oft hast du mit der Frau deines Freundes geschlafen, und wie oft bat 
deine Frau mit einem anderen Mann geschlafen?" — würde die Antwort 
nicht mündlich, sondern handgreiflich erteilt werden, und der Marsbewohner 
— falls noch dazu imstande — würde in sein Notizbuch eintragen: „Die 
Eingeborenen auf dem irdischen Planeten begehen niemals Ehebruch; ein 
mächtiges Gruppengefühl — vielleicht sogar ein Gruppeninstinkt — be- 

348 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

• 

wahrt sie vor diesem Verbrechen; selbst die hypothetische Erwähnung 
eines möglichen Vergehens gegen dieses heilige Gesetz bringt sie in eine 
eigenartige geistige Verfassung, die heftige Gefühlsausbrüche und leiden- 
schaftliche Ausdrücke hervorruft und jenes gewalttätige Vorgehen, welches 
die Bezeichnung ,Wilde' für die rauhen Erdbewohner so geeignet er- 
scheinen läßt." 

Dieser Bericht wäre offensichtlich einseitig, und doch hatte der irdische 
Gewährsmann den Fragesteller durchaus nicht täuschen wollen. Wo es 6ich 
um unsere eigene Gesellschaft handelt, kennen wir des Rätsels Lösung. 
Obwohl der Gewährsmann ganz gut weiß, daß es mit der ehelichen Treue 
nicht so genau genommen wird, will er das dem Fremdling doch nicht 
gerade unter die Nase reiben; ja, er vergißt es selbst ganz gern — so stark 
ist er gefühlsmäßig seinem Ideal verhaftet. Nun ist ein Melanesier aufs 
höchste schockiert, wenn von möglichem Inzest mit einer nahen Verwandten 
mütterlicherseits die Rede ist, während „Bruch der Exogamie" zu jenen 
Gesprächsthemen gehört, die nur ganz vertraulich unter Freunden erörtert 
werden dürfen. Ein Gentleman auf den Trobriand-Inseln ist ebenso schnell 
wie unsereins bereit, sich selbst zu täuschen, wenn die Ehre des Stammes 
es erfordert. Man schenkt ihm ein paar Stangen Tabak, und nun soll er 
über intime und heikle Angelegenheiten reden. Der Anthropologe mit 
seinen raschen und oft eindringlichen Fragen, mit seinem Beharren auf 
Tatsachen und Einzelheiten erweckt dasselbe Gefühl im Trobriander, wie 
der erdichtete Ausfrager vom Mars in uns erwecken würde. Der Eingeborene 
fühlt sich verletzt und weigert sich, über das Thema zu reden, wie es dem 
Ethnologen am Anfang seiner Feld-Arbeit immer und immer wieder be- 
gegnet; oder aber er schildert die Zustände so ideal, wie sein Schicklichkeits- 
gefühl es verlangt, so daß er und seine Stammesgenossen im besten Lichte 
erscheinen und kein Mensch und keine Seite des Gemeinschaftslebens schlecht 
wegkommt. 

Denn außer diesem Würdegefühl und konventionellen Bedacht auf die 
Ehre des Stammes gibt es noch einen anderen schwerwiegenden Grund, 
warum der Eingeborene nicht jedem zufällig daherkommenden Europäer 
die Schattenseiten seines Gemeinschaftslebens enthüllen will. Er hat es 
oft erlebt, daß Weiße in seinem Geschlechtsleben herumschnüffeln : die 
einen wollen sich an die Eingeborenenfrauen heranmachen; andere — was 
noch schlimmer ist — wollen Moral predigen und ihn auf den rechten Weg 
bringen; noch andere, die allergefährlichsten, erlassen Gesetze und Vor- 
schriften, die Schwierigkeiten oft unüberwindlicher Art für sein soziales 
Leben bedeuten. So lehrt ihn in die einfachste Vorsicht, nicht über die offen 

349 



Moral und Lebensart 

zutage liegenden. Allgemeinheiten hinauszugehen, und nur einen groben 
Umriß seiner sittlichen Regeln und Gesetze zu geben, die selbst für den 
ärgsten Gschaftlhuber unter Missionaren und Regierungsbeamten unangreif- 
bar sind. 

Aus alledem ergibt sich: ein eiliger Feld -Arbeiter, der sich ganz auf die 
Frage-und-Antwort-Methode verläßt, bringt bestenfalls ein lebloses Ge- 
rippe von Gesetzen, Vorschriften, Sitten und Bräuchen zusammen, denen 
zwar gehorcht werden sollte, die aber in Wirklichkeit oft umgangen werden. 
Denn das lebendige Leben läßt sich niemals ganz und gar den Regem unter- 
werfen. Die schwerste, aber unerläßliche Aufgabe des Ethnographen ist 
es nun, das Ausmaß und die Art und Weise der Abweichungen festzustellen. 

Um jedoch bis zu den Ausnahmen, den Abweichungen, den Übertretungen 
vorzudringen, muß man das Verhalten der Eingeborenen aus nächster 
Nähe kennenlernen; das wiederum ist nur möglich, wenn man ihre Sprache 
beherrscht und lange Zeit unter ihnen gelebt hat. Doch die meiste moderne 
wissenschaftliche Feld-Arbeit ist mit Hilfe jener raschen und präzisen, 
manchmal überpräzisen Methoden geleistet worden, die sich auf der Frage- 
und-Antwort-Technik aufbauen. Diese Arbeit leidet daran, daß die recht- 
hchen und gesetzlichen Einrichtungen der Eingeborenenkultur übermäßig 
vereinfacht und übermäßig gleichförmig dargestellt werden 1 . Derartiges 
Material hat unglücklicherweise in der Anthropologie die Anschauung auf- 
kommen lassen, daß bei den Eingeborenen Gesetzesüberschreitungen und 
Verfehlungen nicht vorkämen, und daß Brauch und Sitte unfehlbar und 
automatisch befolgt würden. 

Wenn wir nun zu unserem eigentlichen Thema „Blutschande und Exo- 
gamie" zurückkehren und die eben erörterten methodologischen Grund- 
sätze darauf anwenden, so müssen wir uns fragen, was über diese Tabus 
noch weiter zu erfahren ist und auf welche Art man es erfahren kann. Der- 
selbe Gewährsmann, der zunächst jene wohlabgerundete Darstellung der 
Verhältnisse lieferte, der vielleicht gar unzarte Fragen unwirsch zurück- 
gewiesen hat, lernt einen allmählich besser kennen oder kommt dahinter, 
daß man durch irgendein konkretes Erlebnis mit den tatsächlichen Ver- 
hältnissen bekannt geworden ist. Dann kann man ihm den Widerspruch 
vorhalten; oft wird er selber uns auf die rechte Spur bringen und richtige 
Angaben über Ausnahmen und Gesetzesüberschreitungen machen. 

Ein sehr begabter und nützlicher Gewährsmann von mir, der schon öfter 
in diesem Buche erwähnte Gomaya, war zunächst äußerst empfindheh, 

Dieser Punkt ist in „Crime and Custom in Savage Society" als Hanptthese herausgearbeitet ; 
Näheres aber obenstehende Behauptung siehe in diesem Werk. 

350 



Exogamie und das Verbot der Blutschande 

■wenn von Blutschande die Rede war; jede Andeutung, daß so etwas über- 
haupt möglich sei, wies er weit zurück. Gerade infolge gewisser Charakter- 
fehler war er ein sehr wertvoller Gewährsmann; stolz und leicht verletzt 
sobald die Stammesehre ins Spiel kam, war er auch sehr eitel und prahlte 
gern. Er kam jedoch bald dahinter, daß er seine Liebesgeschichten nicht 
vor mir verbergen könne, denn sie waren berüchtigt in der ganzen Gegend. 
Sein Verhältnis mit Ilamweria, einem Mädchen aus demselben Clan wie 
er, war allgemeines Gesprächsthema. Gomaya wußte jedoch das Unvermeid- 
liche mit der Befriedigung seiner Eigenliebe zu verbinden: er erklärte mir 
nämlich, ein Bruch der Clan-Exogamie — er und seine Geliebte gehörten 
zu verschiedenen Unter-Clans der Malasi — sei eigentlich eine sehr wünsch- 
bare und interessante Liebeserfahrung. 

Er erzählte mir auch, daß er das Mädchen geheiratet hätte, wenn sie nicht 
schwanger geworden wäre; solche Ehen sind möglich, wenn auch sehr un- 
gern gesehen. Doch überdies ereilte ihn die Krankheit, die auf den Bruch 
des Exogamie-Tabus folgt. Er übersiedelte dann in sein Geburtsdorf Sina- 
keta, wo es ärger und ärger mit ihm wurde, bis er schließlich bei einem 
alten Mann Hilfe fand, einem Freund seines Vaters, der einen sehr wirk- 
samen Zauber gegen das Übel wußte. Der Alte sprach eine Beschwörungs- 
formel über einigen Kräutern und Wasser, und als Gomaya dieses Mittel 
anwendete, besserte sich sein Zustand allmählich. Der Alte lehrte ihn dann 
den Zauber; und seitdem, fügte Gomaya stolz hinzu, schlafe er am liebsten 
mit Mädchen aus seinem eigenen Clan — freilich gebrauche er stets den 
Zauber als vorbeugendes Mittel. 

Aus all seinen Angaben ging hervor, daß Bruch der Exogamie eigentlich 
eine bewundernswerte Großtat sei, weil ein Mann dadurch die Stärke seines 
Liebeszaubers beweise: er vermag nicht nur den natürlichen Widerstand 
der Frauen zu überwinden, sondern auch die Regeln der Stammessitte. 
So konnte ich an einer einzigen persönlichen Geschichte die Hauptlinien 
des Verhaltens kennenlernen und gewisse Schwierigkeiten und offenbare 
Widersprüche der Exogamievorschriften begreifen. Durch weitere Unter- 
haltungen mit anderen Eingeborenen, vor allem aber durch Sammlung 
konkreter Beispiele vermochte ich diese ersten Berichte zu ergänzen und 
richtigzustellen. Denn Gomaya übertrieb natürlich gewisse Punkte, um 
seiner Eitelkeit genug zu tun, und rückte so die Tatsachen in ein falsches 
Licht. Zum Beispiel stellte er sich selbst als die einzige glorreiche Ausnahme 
von der Regel hin; er gab mir zu verstehen, nur wenige Menschen kennten 
den Zauber gegen Blutschande, und Bruch der Exogamie sei eine Tat von 
einzig dastehender Kühnheit. Das alles war nicht wahr. 

351 



Moral und Lebensart 

Tatsache ist, daß Bruch der Exogamie innerhalb des Clans mit sogenannten 
kakaveyola (Clan- oder Pseudoverwandten) überall vorkommt, obwohl er 
offiziell verboten ist, als unschicklich gilt und mit übcrnatüruchen Strafen 
bedroht wird. Um einen nicht ganz treffenden Vergleich zu ziehen : Exogamie- 
bruch spielt im Gemeinschaftsleben der Trobriander etwa die Rolle wie 
Ehebruch in französischen Romanen. Er ruft weder moralische Entrüstung 
noch Entsetzen hervor, doch er verletzt eine wichtige Institution und muß 
offiziell als unerlaubt gelten. 

Heirat innerhalb des Clans — zum Unterschied vom Liebesverhältnis — 
gilt als schwerer Verstoß gegen die Regel. Die paar vorkommenden Fälle 
(s. z. B. weiter oben, Kap. XII, 4) beweisen, daß die Eingeborenen nicht 
einschreiten, wenn die Ehe einmal geschlossen ist. Doch ich kam bald da- 
hinter, daß es für unschicklich gilt, den blutschänderischen Charakter einer 
Ehe den Betreffenden gegenüber zu erwähnen, oder auch nur in Gegen- 
wart ihrer nahen Verwandten darüber zu sprechen. Selbst ganz allgemeine 
Anspielungen auf Blutschande und Exogamie müssen in Gegenwart solcher 
Missetäter unterbleiben. Den übernatürlichen Strafen begegnet man durch 
die bereits erwähnten prophylaktischen Maßnahmen: wilde Ingwerwurzeln, 
in Blätter gehüllt, Wasser, das mittels erhitzter Steine erwärmt wird, und 
dürre Bananenblätter werden „besprochen"; dieser Zauber ist fast überall 
bekannt und wird reichlich angewendet. 

Die Vorschrift der Exogamie ist also keineswegs eindeutig und unter- 
schiedslos in ihrer Wirkung und wird zum Beispiel auf Ehe und Geschlechts- 
verkehr verschieden angewendet; die öffentHche Meinung gibt einen ge- 
wissen Spielraum frei, und den übernatürlichen Strafen kann man aus- 
weichen. Dies mußte in allen Einzelheiten festgestellt werden, um einen 
klaren Begriff vom Wesen und Wirken der Exogamie zu vermitteln. 

Interessant ist auch, daß die Regel der Exogamie in den verschiedenen 
Clans verschieden streng beobachtet wird. Von den vier totemistischen 
Gruppen stehen die Malasi im Ruf der hartnäckigsten Exogamiebrecher 
und Blutschänder. Alle bekannt gewordenen blutschänderischen Ehen sind 
in diesem Clan geschlossen worden, und nicht zufällig, wie man mir sagte; 
nur die Malasi und kein anderer Clan dulden solche Heiraten. Auch die Blut- 
schande-Sage, die wir im nächsten Kapitel kennenlernen werden, ist mit 
dem Clan der Malasi verknüpft, ebenso die Liebesmagie und der Zauber 
zur Abwehr der Blutschandekrankheit. 

Viel strenger werden die Regem der Exogamie beobachtet, wenn die 
beiden Partner nicht nur demselben Clan, sondern auch demselben Unter- 
Clan (dalä) angehören. Solche Leute werden echte Verwandte (veyola mokita 

352 



Das oberste Tabu 

oder kurz veyola) genannt zum Unterschied von den kakaveyola. Kommt 
es zwischen ihnen zur Blutschande, so wird das Geheimnis viel strenger 
gewahrt; da gibt es keine Leichtfertigkeit, kein heimliches Großtun, und 
Heirat ist gänzlich ausgeschlossen. 

Noch strenger gelten die Regeln bei genealogisch nachweisbarer Ver- 
wandtschaft. Blutschande mit der Tochter der Schwester der Mutter ist 
ein widerliches Verbrechen, das sogar zum Selbstmord führen kann. An 
anderer Stelle habe ich einen Fall von Selbstmord beschrieben, der uns 
zeigt, wie ein solcher Blutschänder unter Umständen die Strafe an sich 
selbst vollziehen muß 1 . Blutschande mit der eigenen Schwester gilt den 
Eingeborenen, wie schon gesagt, als furchtbares Verbrechen. Doch selbst 
hier wäre es falsch, mit einer glatten, absolut sicheren Wirkung des Stammes- 
gesetzes zu rechnen, denn Verstöße gegen die Regel kommen sowohl im 
wirklichen Leben als auch in der Sage vor. Doch davon später. 

Die Einförmigkeit der Regeln und die Einfachheit der Sanktionen, durch 
die sie bekräftigt werden, ist also nur eine Oberflächenerscheinung, darunter 
die vielfältigen Ströme und Unterströme verlaufen, die das wirkliche Ge- 
meinschaftsleben ausmachen. Auf der Oberfläche haben wir ein Wort, 
suvasova, eine Clan-Verwandtschaft, eine Strafe, einen Begriff von Recht 
und Unrecht. In Wirklichkeit haben wir den Unterschied zwischen Heirat 
und bloßem Geschlechtsverkehr, zwischen Clan und Unter-Clan (kakaveyola 
und veyola), zwischen genealogisch nachweisbarer Verwandtschaft und bloßer 
Unter-Clan-Zugehörigkeit, zwischen der eigenen Schwester und den klassi- 
fikatorischen Schwestern. Wir müssen auch unterscheiden zwischen der 
direkten Erzwingung eines Gesetzes durch öffentliche Meinung und durch 
übernatürHche Sanktionen; jedoch sind beide Arten keineswegs einfach 
oder unfehlbar in ihrer Wirkung. Jeder Versuch, diese verwickelten Ver- 
hältnisse zu durchschauen, bringt uns auf den grundlegenden Faktor der 
sozialen Organisation, auf die Verwandtschaft; diese wiederum läßt sich 
nicht wirklich verstehen ohne Kenntnis des Familienlebens und der Familien- 
verfassung. 

6. Das oberste Tabu 

Alle soziologischen Einteilungen, örtlichen Gemeinschaften, Clans, Unter- 
Clans und klassifikatorischen Verwandtschaftsgruppen der Trobriander 
wurzeln in der Familie. Das Verwandtschaftssystem der Eingeborenen läßt 
sich nur begreifen, wenn man untersucht, wie die frühesten Bande zwischen 
Eltern und Kind entstehen, allmählich sich festigen und entwickeln, und 



1 Vgl. „Crime and Custom", S. 77 u. 78, und weiter unten, Kap. XIV, 3. 

23 M. G. 353 



Moral und Lebensart 

schließlich sich erweitern zu verwandtschaftlichen Banden der örtlichen 
Gruppen und der Clans. 

Die grundlegenden Prinzipien des Mutterrechts sind bereits im I. Kapitel 
dieses Buches dargestellt worden, denn ohne Kenntnis dieser Verhältnisse 
und der Beziehung zwischen Vater und Kind läßt sich keine einzige Sitte 
der Eingeborenen beschreiben oder verstehen. Wir wissen daher schon, 
daß nach dem Recht der Eingeborenen nur Verwandtschaft in der mütter- 
lichen Linie als Blutsverwandtschaft gilt. Ebenfalls wissen wir, daß in den 
Augen der Eingeborenen Vater und Kind nur durch eine Reihe gegenseitiger 
Verpflichtungen miteinander verbunden sind, daß jedoch starke gefühls- 
mäßige Bindungen zwischen ihnen dadurch keineswegs ausgeschlossen 
werden. An dieser Stelle erweist es sich als nötig, die Verwandtschafts- 
bezeichnungen der Eingeborenen in grobem Umriß kennenzulernen; die 
ausführbche Behandlung dieses Gegenstandes bleibt jedoch einer künftigen 
VeröffentHchung vorbehalten 1 . 

Verwandtschaftsbezeichnungen 
A. Blutsverwandtschaft 
Großeltern, Enkel(in); Schwester des Vaters, Tochter 
der Schwester des Vaters. 

Mutter, Schwester der Mutter; Frauen aus dem Clan 
der Mutter. 

Vater, Bruder des Vaters; Männer aus dem Clan des 
Vaters; Sohn der Schwester des Vaters. 
Bruder der Mutter und reziprok: Sohn der Schwester 
und Tochter der Schwester. 

Schwester (wenn ein Mann spricht), Bruder (wenn 
eine Frau spricht); Frau aus demselben Clan und 
derselben Generation (wenn ein Mann spricht), Mann 
aus demselben Clan und derselben Generation (wenn 
eine Frau spricht). 

Älterer Bruder (wenn ein Mann spricht), ältere 
Schwester (wenn eine Frau spricht); Mann aus dem- 
selben Clan und derselben Generation, jedoch älter 
(wenn ein Mann spricht), Frau aus demselben Clan 
und derselben Generation, jedoch älter (wenn eine 
Frau spricht). 

1 »Psychology of Kinship", das demnächst in der „International Library of Psychology" 
erscheinen wird. 



1. Tabu(gu). 

2. Ina(gu). - 

3. Tama(gu). 

4. Kada(gu). 

5. Lu(gu)ta. 



6. Tuwa(gu). — 



354 



7. Bwada(gu). — 



8. Latu(gu). — 

9. (Ulo)mwala. — 

10. (Ulo)kwava. — 

11. Yawa(gu). — 

12. Lubou(gu). — 

13. Iva(gu)ta. — 

14. Tuwa(gu). — 

15. Bwada(gu). — 



Das oberste Tabu 

Jüngerer Bruder (wenn ein Mann spricht), jüngere 
Schwester (wenn eine Frau spricht); Mann aus dem- 
selben Clan und derselben Generation, jedoch jünger 
(wenn ein Mann spricht), Frau aus demselben Clan 
und derselben Generation, jedoch jünger (wenn eine 
Frau spricht). 
Kind, männlich oder weiblich. 



B. Ehe 



Gatte. 
Gattin. 



C. Angeheiratete Verwandtschaft 
Schwiegervater, Schwiegermutter. 
Bruder der Gattin, Gatte der Schwester. 
Schwester des Gatten, Gattin des Bruders. 
Ältere Schwester der Gattin, älterer Bruder des 
Gatten. 

Jüngere Schwester der Gattin, jüngerer Bruder des 
Gatten. 

In der nachstehenden Verwandtschaftstafel findet man mit großen Buch- 
staben gedruckt wenige Worte, die den Schlüssel zur ganzen Verwandt- 
schaftsterminologie liefern und die Grundlage sowohl für das soziologische 
System der Eingeborenenkultur als auch für seinen sprachlichen Ausdruck 
bilden. Diese Wörter bezeichnen die Mitglieder eines Haushalts, sie um- 
schließen den Kreis vorherrschender Interessen und Gefühlsbindungen der 
Kindheit; sie benennen jene Beziehungen, die den Ausgangspunkt aller 
sozialen Bande des späteren Lebens bilden. 

Nehmen wir zunächst das Wort inagu (meine Mutter) ; auf den Trobriand- 
Inseln wie anderswo auf der Welt ist es das erste Wort, das ein Kind sagen 
lernt 1 . Ihm entspricht der Ausdruck latugu, mit dem eine Mutter ihr eigenes 

1 In der Verwandtschaftstafel sind die Bezeichnungen ohne Possessivpronomen gegeben, 
in der Liste mit der angefügten Partikel der ersten Person (gu). Diese Partikel wird meistens 
an die Wurzel angehängt (inagu, „meine Mutter"; tamagu, „mein Vater" usw.), aber bei 
den Worten lu-gu-ta und iva-gu-ta wird sie dazwischengeschoben. Die zweite Person wird 
durch die Partikel m oder mu bezeichnet; tamam, „dein Vater", lumuta, „deine Schwester"; 
die dritte Person Singularis durch die Partikel la, und so fort. Beim wirklichen Sprechen wird 
die Wurzel nie allein gebraucht. In abstrakter Bedeutung verbindet sich das Wort mit dem 
Suffix der dritten Person Singularis. Inala heißt sowohl „Mutter" als auch „seine Mutter". 
Alle männlichen Bezeichnungen in Normaldruck, alle weihlichen in schrägen Buchstahen; 
Bezeichnungen der nächsten Familienangehörigen in großen Buchstaben. 



355 



Moral und Lebensart. 







a 






►o 






(3 






•M 






II 






P 






43 






5 




+-> 






cd 

o 




4-» 


Ol 




CO 


4J 




+■» 

<— 

CO 

+■» 

h3 


a 
es 

M 
CD 

> 




Ö 


** 




es 







£ 






u 






V 


M 




> 


:3 




«J 


B 




-= 


4) 




c 


tl) 




cc 


a 




•IH 







bc 


Ö 




o 


ja 




p— ■ 


u 




es 


• rt 






Cd 




CD 


m 




O 









i 3 


B 


v£ 


e 




*•» 


,3 


li- 


et 


es 


— et 


a 


CS 


-a 



»-Li 



T3 

■ es 



vS. I ^ ' 

£ ci I H 1 



3 
1 



P 

-9 



3 

CS 



Q 

I 

a 
3 

„o 

3 




b 

O j P 
-O I H- 




3 

a 



S 

1 



3 

(9 



Ex 






P 



I 

C3 








rP 








o 








•c 








vi 




5 


B 


s 




"*5^ 


o 


ca 




3 


XI 


M 




1 — -S2 


a 


fe 









.9 




•S 




s 






CS 


p 




CS 


'S 


9 




13 


«3 


4) 




■— CS 


i 


4J 








<** 









es 


I 






-P 


B 




o 


o 


^, 





cü) 
V 


CO 


II 

cd 


SP 


II 


a 


II 


«3 


cd 


* 


CS 


s 

» 


£ 


CS 


s 


» 


u 




_| 


«K 


> 




.O 









3 


4) 




2, 


^— ■ 


« 




''W 




** 








CS 








h 














I 

3 


6 

rP 




I 


4> 

ttf) 




L — i 



a 



356 



Das oberste Tabu 

Kind bezeichnet. Auf diesen beiden Ausdrücken der Mutter-Kind-Beziehung 
beruht das ganze System der Blutsverwandtschafts-Organisation bei den 
Trobriandern. (Der Ego unserer Tafel wird von seiner Mutter als latugu 
bezeichnet; später wendet er denselben Ausdruck auf seine Kinder an, 
wie aus der Tafel zu ersehen ist.) Zunächst einmal haben wir das starke 
gefühlsmäßige Interesse der Mutter an ihrem Kind und die Bindung des 
Säuglings an den mütterlichen Organismus; diese beiden Beziehungen sind 
physiologischer Art und finden sich in allen menschlichen Gesellschaften; 
darüber hinaus ist das Mutter-Kind-Verhältnis auf den Trobriand-Inseln 
auch soziologisch bestimmt durch eine Reihe ritueller Bräuche, die mit 
der Schwangerschaft beginnen und zu jenen vielfältigen Pflichten und 
Tabus der frühen Mutterschaft führen, welche Mutter und Kind zu einer 
kleinen isolierten Zweiergruppe aufs engste verbinden (s. Kap. VIII). 
Obwohl der Vater, tama, als nicht von gleichem Fleisch und Blut gilt, 
steht er doch in enger gefühlsmäßiger, rechtlicher und wirtschaftlicher 
Beziehung zum Kind (s. Kap. VII). Die Abb. 89 und 90 zeigen typische 
Beispiele von mütterlicher und väterlicher Haltung voll Zärtlichkeit und 
Stolz. 

Wird das Kind größer, so erlangt es mit der Zeit größere Unabhängigkeit ; 
in gewisser Hinsicht jedoch geht dies in Melanesien langsamer vor sich 
als bei uns. Die Entwöhnung fällt auf einen späteren Zeitpunkt; das Kind 
wird von der zärtlichen Sorge des Vaters und der Mutter umhegt, beständig 
herumgetragen und bewacht, bis es beinah unvermittelt Freiheit und Un- 
abhängigkeit erlangt. Wir wissen bereits (s. Kap. III), daß die geschlecht- 
liche Freiheit des Kindes von den Eltern kaum beschränkt wird; seine 
Interessen in dieser Richtung Hegen natürlicherweise außerhalb des Heims 
und finden ohne Schwierigkeiten ein Ventil im Verkehr mit gleichaltrigen 
Spielgefährten. 

Die Loslösung des Kindes von der Familie hat auch noch einen anderen 
Grund, der mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund tritt und das 
ganze künftige Geschlechtsleben des Individuums beeinflußt. Es handelt 
sich um das oberste Tabu des Trobrianders, um das Verbot jeder erotischen, 
ja auch nur zärtlichen Anwandlung zwischen Bruder und Schwester. Dieses 
Tabu ist das Urbild alles dessen, was den Eingeborenen als sittlich schlecht 
und abstoßend erscheint. Es ist die erste sittliche Regel, die dem Individuum 
eingeprägt wird, die einzige, deren Innehaltung durch das Triebwerk der 
sozialen und moralischen Sanktionen absolut erzwungen wird. So tief durch- 
dringt sie das ganze Gefüge der Eingeborenen-Tradition, daß sie in jedem 
Einzelmenschen beständig wach und lebendig gehalten wird. 

23* 357 



Moral und Lebensart 

Die Beziehung zwischen Bruder und Schwester wird mit dem Ausdruck 
luguta bezeichnet (Nr. 5 unserer liste). Dieser Ausdruck bedeutet „Schwester" 
im Munde eines männlichen, „Bruder" im Munde eines weiblichen Wesens; 
in weiterem Sinne bezeichnet er eine Person des entgegengesetzten Ge- 
schlechts aus der verbotenen Gruppe, das heißt, aus demselben Clan oder 
Unter-Clan wie Ego; im weitesten und bildlichen Sinn wird er auf jede 
für tabu erklärte Person oder Sache angewendet. Als Metapher wird das 
Wort „Schwester" (luguta) häufig in Zauberformeln benutzt, wenn eine 
Verwünschung zunichte gemacht oder eine Krankheit ausgetrieben werden soll. 

Der Ausdruck luguta wird nur für tabu erklärte Verwandtschaftsgrade 
verwendet, denn gleichgeschlechtliche Kinder desselben Elternpaares nennen 
einander mit anderen Bezeichnungen (tuwagu, bwadagu); tuwagu heißt: 
„mein älterer Bruder" (wenn ein Mann spricht), und „meine ältere Schwester" 
(wenn eine Frau spricht); bwadagu „mein jüngerer Bruder" (wenn ein 
Mann spricht), und „meine jüngere Schwester" (wenn eine Frau spricht). 

Um das Wort luguta beginnt schon im frühen Lebensalter des Kindes 
eine neue Gruppe von Vorstellungen und Moralregeln emporzuwachsen. 
Da das Kind nur selten oder überhaupt nie Widerspruch gegen seine Launen 
und Wünsche erfährt, ist es wirklich erschüttert, wenn es plötzlich rauh 
angepackt, getadelt und sogar bestraft wird, sobald es dem anderen kleinen 
Wesen im selben Haushalt freundlich, zärtlich oder mutwillig entgegen- 
kommt. Vor allem bedeutet es eine Gemütserschütterung für das Kind, 
wenn es auf den Gesichtern der Erwachsenen, die ihm Einhalt tun, den 
Ausdruck von Pein und Entsetzen bemerkt. Diese Ansteckung durch das 
erregte Gefühl, diese Wahrnehmung sittlicher Reaktionen an den um- 
gebenden Menschen ist vielleicht der mächtigste Faktor im Gemeinschafts- 
leben der Eingeborenen, durch den dem einzelnen Regeln und Werte ein- 
geprägt werden. 

Von großer Wichtigkeit sind natürlich auch all jene umständlichen Vor- 
kehrungen und festgelegten Bräuche, die jede Möglichkeit naher Berührung 
zwischen Bruder und Schwester unmöglich machen sollen. Es ist den beiden 
streng untersagt, gleichzeitig an irgendeinem kindlichen sexuellen Spiel, ja 
an einem beliebigen Spiel teilzunehmen. Und das wird nicht nur von den Er- 
wachsenen angeordnet, sondern auch von den Kindern selbst streng befolgt. 

Lebt im Elternhaus eine Schwester, so muß der heranwachsende Junge, 
wie schon gesagt, im Junggesellenhaus (bukumatula) schlafen (s. Kap. III). 
Das Mädchen muß ängstlich darauf bedacht sein, bei ihren Liebesabenteuern 
von ihrem Bruder nicht gesehen zu werden. Wenn bei gewissen Gelegen- 
heiten Bruder und Schwester in derselben Gruppe erscheinen — wenn sie 

358 



Das oberste Tabu 

zum Beispiel im selben Kanu fahren oder an einer Familienzusammenkunft 
teilnehmen — , so sieht sich die ganze Gesellschaft zu einem gezwungenen 
Benehmen und höchst ehrbaren Gesprächen verurteilt. Bei fröhlicher Ge- 
selligkeit und festlichem Zeitvertreib dürfen daher Bruder und Schwester 
nie gleichzeitig anwesend sein, denn ihre Gegenwart würde die Freude im 
Keime ersticken und alle Heiterkeit ertöten. 

Obwohl der Bruder in einer mutterrechtlichen Gesellschaft der Vormund 
seiner Schwester ist, obwohl sie sich vor ihm beugen, seinen Befehlen ge- 
horchen und ihn als Haupt der Familie betrachten muß, hat er weder bei 
den Liehesgeschichten noch bei der geplanten Heirat seiner Schwester mit- 
zureden. Nach der Eheschließung jedoch wird er das Haupt ihrer Famüie 
in mehr als bloß bildlichem Sinn. Von den Kindern seiner Schwester wird 
er kadagu (mein Onkel mütterlicherseits) genannt, und als solcher hat er 
großen Einfluß, vor allem auf die Knaben 1 . 

Daß ein Mann jedes Wissen um die Liebesabenteuer seiner Schwester 
sorgfältig zu vermeiden trachtet, ist nach meiner Überzeugung nicht nur 
ein Wunschzustand, sondern eine Tatsache. Immer und immer wieder wurde 
mir versichert, ein Mann habe nicht die leiseste Ahnung, wen seine Schwester 
etwa heiraten würde, obwohl das ganze Dorf es wußte. Und ich weiß, daß 
nicht die entfernteste Anspielung auf die Angelegenheit in seiner Hörweite 
fallen würde. So wurde mir erzählt: wenn ein Mann zufällig seine Schwester 
und ihren Schatz beim Liebesspiel überraschen würde, so müßten sie alle 
drei Wu (Selbstmord durch Herabspringen von einer Kokospalme) be- 
gehen. Das ist offenbar eine Übertreibung, die wohl dem Ideal, nicht aber 
der Wirklichkeit entspricht; falls sich solch ein böser Zufall ergäbe, so 
würde der Bruder höchstwahrscheinbch sich selbst und die anderen glauben 
machen, er habe nichts gesehen, und würde diskret verschwinden. Doch 
ich weiß, daß viel geschieht, um solche Möglichkeiten auszuschließen, und 
niemand würde sich auch nur im Traum einfallen lassen, dergleichen vor 
dem Bruder zu erwähnen. 

Bruder und Schwester wachsen also in einer merkwürdigen Art häus- 
licher Nähe auf: in enger Gemeinschaft, doch ohne jeden persönlichen oder 
intimen Umgang; einander nah im Raum, nah durch Verwandtschaft und 
gemeinsame Interessen; und doch, was ihr eigentbches Wesen angeht, stets 
geheimnisvoll voreinander verhüllt. Sie dürfen nicht einmal einander an- 
sehen, keinerlei unbesonnene Bemerkungen tauschen und nie ihre Gefühls- 
und Gedankenwelt miteinander teilen. Mit fortschreitendem Alter, wenn 

1 Vgl. die eingebende Darstellung dieses Verhältnisses in „Sex and Repression", Teil II, 
Kap. VI u. IX; „Crime and Custom", Teil II, Kap. III; und im vorliegenden Werk. Kap. 1, 1. 

359 



Moral und Lebensart 

das andere Geschlecht immer mehr von Liebesvorstellungen umspielt wird, 
wird das Bruder- Schwester-Tabu immer strenger. Die Schwester bleibt 
also für den Bruder das Symbol des geschlechtlich Verbotenen schlechthin, 
das Urbild aller unerlaubten geschlechthchen Neigungen und aller ver- 
botenen Verwandtschaftsgrade innerhalb der gleichen Generation; aller- 
dings verliert das Tabu an Kraft, je weiter entfernte Verwandte es trifft. 

Das nächstverwandte weibliche Wesen der vorhergehenden Generation, 
die Mutter, ist ebenfalls von einem Tabu umgeben, das jedoch eine etwas 
andere gefühlsmäßige Färbung aufweist. Blutschande mit der Mutter gilt als 
etwas wahrhaft Entsetzliches ; jedoch wird dieses Tabu in ganz anderer Art 
als das Bruder- Schwester-Tabu dem Verständnis nahe gebracht, in ganz 
anderer Art eingehalten. Die Mutter lebt in seinen ersten Lebensjahren in 
engster körperlicher Verbundenheit mit ihrem Kind; wächst es heran, so 
gibt sie allmählich diese Stellung auf. "Wie gesagt, wird das Kind erst spät 
entwöhnt, und männliche und weibliche Kinder dürfen sich in die Arme 
der Mutter einhuscheln und sie umarmen, soviel sie wollen. 

Beginnt ein kleiner Junge mit seinen spielerischen geschlechthchen An- 
näherungen an kleine Mädchen, so wird dadurch sein Verhältnis zur Mutter 
in keiner Weise gestört; auch braucht er diese Angelegenheiten nicht be- 
sonders geheimzuhalten. Meistens spricht er mit seinen Eltern nicht viel 
über diese Dinge, aber es ist ihm durch kein Tabu verboten. Wenn er älter 
wird und ernsthaftere Liebesbeziehungen unterhält, darf er unter gewissen 
Umständen sogar mit seiner Liebsten im elterlichen Hause schlafen. Die 
Beziehung zur Mutter und die geschlechtliche Beziehung sind also streng 
geschieden, dürfen aber nebeneinander verlaufen. Die Vorstellungen und 
Gefühle, welche um Geschlechtliches einerseits und um mütterliche Zärtlich- 
keit andererseits kreisen, werden so ganz leicht und natürlich auseinander- 
gehalten, ohne daß ein strenges Tabu sie trennt. 

Und da normale erotische Neigungen ohne Schwierigkeit befriedigt werden 
können, verlieren sich die stärkeren sinnlichen Elemente ganz von selbst 
aus den zärtlichen Beziehungen zur Mutter und der körperlichen Bindung 
an sie. Blutschänderische Neigung zur Mutter gilt stets als höchst tadelns- 
wert, unnatürlich und unmoralisch, doch ruft sie nicht dasselbe Gefühl 
von Furcht und Entsetzen hervor wie Blutschande zwischen Bruder und 
Schwester. Spricht man mit den Eingeborenen von Inzest mit der Mutter, 
so begegnet man weder der starren Ablehnung noch den gefühlsmäßigen 
Reaktionen, die jede Anspielung auf Bruder- Schwester-Inzest unweigerlich 
hervorrufen. Die Trobriander sprachen über die Möglichkeit der Sache ohne 
schockiert zu sein, doch war es deutlich zu spüren, daß sie Blutschande 

360 



Das oberste Tabu 

mit der Mutter beinah für ausgeschlossen hielten. Ich möchte nicht be- 
haupten, daß diese Art Inzest niemals vorgekommen ist, doch habe ich 
keinerlei konkrete Anhaltspunkte dafür gefunden; schon die Tatsache, daß 
kein Fall im Gedächtnis oder in der Überlieferung erhalten geblieben ist, 
zeigt, daß die Eingeborenen dieser Angelegenheit verhältnismäßig wenig 
Interesse entgegenbringen 1 . 

Die Großmutter mütterlicherseits und ihr Enkel sind ebenfalls geschlechtlich 
tabu füreinander, doch haftet dieser Beziehung keinerlei Entsetzen an, denn 
die Möglichkeit eines solchen Inzestes erscheint nur lächerlich. Wie wir 
wissen, gilt Geschlechtsverkehr mit einer alten Frau als unschicklich, töricht 
und unästhetisch. In diesem Sinne betrachtet man auch jede Möglichkeit 
des Inzests zwischen Großmutter und Enkel. Diese Art Verstoß gegen die 
gute Sitte spielt jedoch in der Vorstellungswelt, in den Sagen und Sitten 
der Trobriander gar keine Rolle. Großmutter und Enkel nennen einander 
tabugu; dieser Ausdruck bedeutet „Großvater", „Großmutter", „Enkel- 
kind", und im weiteren Sinne „Vorfahre" und „Nachkomme". 

Bisher haben wir die individuelle Blutsverwandtschaft in der weiblichen 
Linie innerhalb der häuslichen Gemeinschaft besprochen: Verwandtschaft 
zwischen Mutter und Kind, zwischen Bruder und Schwester; die Beziehung 
zur Großmutter geht schon über die häusliche Gemeinschaft hinaus. Ich 
habe diese Gruppe mit Absicht sorgfältig von den sogenannten klassifika- 
torischen Verwandtschaftsbeziehungen getrennt; die individuelle und die 
„klassifikatorische" Verwandtschaft wird von den Eingeborenen in Recht, 
Sitte und Vorstellungswelt stets klar unterschieden, in der Anthropologie 
aber vielfach durcheinandergeworfen; dies hat eine Quelle gefährlicher Irr- 
tümer gebildet und die Beobachtung wie auch die Theorie der sozialen 
Organisation und Verwandtschaftsbeziehungen gefälscht. Betrachten wir 
unsere Verwandtschaftstafel und gehen wir nun über den engsten Familien- 
kreis hinaus, so sehen wir, daß gewisse Ausdrücke für nächste Familien- 
angehörige sich außerhalb des Familienkreises wiederholen. Die meisten Leute, 
mit denen das heranwachsende Kind in Berührung kommt, werden mit den 
nächsten Familienangehörigen des Kindes auf diese oder jene Art verglichen 
oder auf dieselbe Stufe gestellt, und die Bezeichnungen für Eltern, Brüder 
und Schwestern bekommen allmählich eine weitere Bedeutung. Als erste 
aus der größeren Welt tritt die Schwester der Mutter in den Kreis der Ver- 

1 In meinem Buch „Sex and Repression" beleuchte ich die verschiedene Haltung gegenüber 
Mutter-Inzest und Schwester-Inzest; auch wird dort gezeigt, wie sich diese Erscheinung 
mit dem mutterrechtlichen Verwandtschaftssystem und mit der Einstellung der Eingeborenen 
zur kindlichen Sexualität verträgt. 

361 



Moral und Lebensart 

wandten; obwohl ihr dieselbe Bezeichnung wie der eigenen Mutter, inagu, 
zukommt, ist sie doch von dieser deutlich unterschieden. Das Wort inagu 
im Sinne von „Schwester der Mutter" hat von allem Anfang an eine andere 
Bedeutung — etwa „zweite Mutter" oder „stellvertretende Mutter". Wohnt 
die Schwester der Mutter in derselben Dorfgemeinschaft, so ist sie ein häufiger 
Gast der Familie; bei bestimmten Gelegenheiten und zu gewissen Zeiten 
tritt sie an Stelle der Mutter, versorgt das Kind und erweist ihm viel Liebe. 
Die Erwachsenen lehren das Kind, auch sie inagu zu nennen; diese Er- 
weiterung des Begriffes erscheint dem Kind ganz natürlich und einleuchtend, 
denn seine Beziehungen zur Mutter und zur Schwester der Mutter sind einander 
ja sehr ähnlich. 

Doch kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die neue Verwendung 
des Wortes stets bleibt, was sie ist: eine Erweiterung, eine Metapher. In 
diesem zweiten Sinn wird inagu mit einer anderen Gefühlsbetonung ge- 
braucht; eine Reihe von Umschreibungen, grammatischen Wendungen und 
lexikographischen Indizes unterscheiden die sekundäre von der primären 
Bedeutung. Nur einem sprachlich ungeschulten europäischen Beobachter 
— vor allem, wenn er die Eingeborenensprache nicht beherrscht — kann 
das Wort inagu (2) (Schwester der Mutter) mit inagu (1) (eigene Mutter) 
gleichbedeutend erscheinen. In diesem Punkte würde jeder intelligente Ein- 
geborene bei richtiger Befragung den Irrtum des Ethnologen berichtigen. 

Diese allmähliche Erweiterung und entsprechende Veränderung des Ge- 
fiihlsinhalts findet auch bei anderen Worten statt ; so vermittelt dem Knaben 
das Wort luguta, auf die Tochter der Schwester der Mutter angewandt, nur 
einen gemilderten, verwässerten Begriff von Schwesterschaft. Die eigene 
Schwester bleibt das Urbild der neuen Beziehung, und das Tabu, das gegen- 
über der eigenen Schwester beobachtet wird, muß auch gegenüber der 
Schwester zweiter Ordnung eingehalten werden. Doch der Unterschied 
zwischen den beiden Tabus und den beiden Beziehungen bleibt klar be- 
stehen. Die wirkliche Schwester wohnt im gleichen Haus; für sie empfindet 
der Knabe als ihr künftiger Vormund unmittelbare Verantwortung; sie 
bleibt der Anlaß des ersten und einzigen ernsthaften Verbotes, das ihm 
auferlegt wurde. Die Schwester zweiter Ordnung wohnt in einem anderen 
Haus oder gar in einem anderen Dorf; er hat ihr gegenüber keinerlei Pflichten 
oder Verantwortlichkeit, und das Verbot, das sie betrifft, ist nur eine ab- 
geschwächte Erweiterung des ursprünglichen Tabu. So erscheint ihm die 
eigene Schwester in ganz anderem Licht als die mutterseitige Kusine, nicht 
nur was den Grad, sondern auch was das eigentliche Wesen der Verwandt- 
schaft betrifft. Blutschande mit einer mutterseitigen Kusine ersten Grades 

362 



Das oberste Tabu 

gilt wohl als unrecht, doch nicht als entsetzlich; als gewagt und gefährlich, 
doch nicht als verabscheuungswürdig. Das frühzeitige Gefühl für diesen 
Unterschied verdichtet sich später in der Lehre des Stammesgesetzes. Ein 
Mann weiß und erkennt es an, daß luguta (1) eine Person ist, der er viele 
Pflichten schuldet, die er nach ihrer Heirat teilweise erhalten muß und der 
gegenüber er das oberste Tabu einzuhalten hat. Luguta (2) hat keine be- 
sonderen Ansprüche an ihn zu erheben, er ist weder ihr eigentlicher Vormund 
noch das Haupt ihrer Familie nach ihrer Heirat, und das geschlechtliche Tabu 
gilt keineswegs mit derselben Strenge. 

Gehen wir nun von den Verwandten „zweiter Ordnung" — gekennzeichnet 
durch die Ausdrücke inagu (2) und luguta (2) — zu den entfernteren Ver- 
wandten über, so nehmen Innigkeit der Beziehung und Strenge des Tabus 
sehr rasch ab. Zum Beispiel das Luguta- Verhältnis : wenn ein Junge und ein 
Mädchen eine gemeinsame Urgroßmutter in der mütterlichen Linie haben, so 
sind sie luguta, doch das Tabu ist viel schwächer; darüber hinaus wird es 
schwierig sein, den Ausdruck anzuwenden, weil sich dann die Verwandtschaft 
nicht mehr durch Stammbaum nachweisen läßt; es würde eben nur wirkliche 
Blutsverwandtschaft innerhalb desselben Unter-Clans sein: luguta, veyogu 
mokita — dalemasi taytanidesi („Schwester mein, Verwandte mein fürwahr — 
Unter-Clan unser derselbe"). 

Gehen wir über den Unter-Clan hinaus zum Clan (kumila), so wird die 
Beziehung sofort noch loser und das Tabu noch weniger streng : luguta wala, 
kakaveyogu — kama kumila taytanidesi („nur meine Schwester, meine Pseudo- 
Verwandte — mein und ihr Clan derselbe"). Damit ist das Wort luguta in 
seinem weitesten, das heißt wahrhaft klassifikatorischen Sinn umschrieben. 
Es bedeutet, wie wir wissen, eine jener Frauen, mit denen Geschlechts- 
verkehr zwar rechtskräftig verboten ist, aber doch ausgeübt werden darf. 
Diese weiteste Bedeutung des Wortes luguta ist also eine gänzlich andere 
als die Bedeutung von luguta (1), jener Vertreterin des obersten Tabu. 

Ausgehend von den individuellen Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb 
der häuslichen Gemeinschaft, haben wir die Erweiterungen der Verwandt- 
schaft im Lebenslauf des Individuums verfolgt und sind dabei zu demselben 
Ergebnis gelangt wie bei der Untersuchung der Qanschaft und der allgemeinen 
Tabus auf Exogamie und Inzest. Das Wort luguta bezeichnet den einen Zweig 
einer Dichotomie, welche die Frauen in „verbotene 4 ' und „erlaubte" einteilt. 

Der andere Ausdruck tabugu („gesetzlich erlaubte Frau") hat gleichfalls 
seinen Ursprung in der Familie und wird dann ebenfalls erweitert. Wollen 
wir diesen Vorgang verfolgen, so müssen wir uns der anderen Seite des 
Stammbaumes zuwenden und die Beziehungen väterlicherseits untersuchen. 

363 



Moral und Lebensart 

Die wichtigste Persönlichkeit auf der Vaterseite ist offenbar der Vater 
selbst. Hier treffen wir auf die zweite grundlegende Tatsache der Familien- 
moral: obwohl der Vater mit seinen Kindern nicht blutsverwandt ist, ist 
Geschlechtsverkehr zwischen Vater und Tochter, obwohl er gelegentlich 
vorkommt, nicht nur gesetzwidrig und unschicklich, sondern erregt auch 
entschiedenen morabschen Abscheu. Heirat zwischen Vater und Tochter 
ist nicht gestattet, ja, der Eingeborene kann sich so etwas nicht einmal vor- 
stellen. 

Der wichtigste bekanntgewordene Fall von Übertretung dieses Tabus ist 
die Geschichte von Kumatala aus dem Unter-Clan der Mwauri vom Clan 
der Lukuba — nächst den Tabalu der vornehmste Unter-Clan. Kumatala 
ist Oberhaupt des Dorfes Liluta und bekannt dafür, daß er mit seiner schönen 
ältesten Tochter Bodogupo'u zusammen lebt. Ein anderer bekannter Fall 
ist der des berühmten Zauberers Piribomatu, der ebenfalls von sehr hohem 
Rang ist. Er „kommt zu" oder „nähert sich" seiner Tochter Bokaylola, wie 
die Eingeborenen sich ausdrücken. Es steht im Einklang mit den An- 
schauungen der Trobriander, daß sie in moralischer Hinsicht keinen Unter- 
schied zwischen der eigenen und der Stieftochter eines Mannes machen. Sie 
haben auch kernen besonderen Ausdruck für diese letztere Beziehung. Denn 
da das Verhältnis zum Kind nur durch die Mutter hergestellt wird und da 
Inzest nur ihretwegen verboten ist, so ist es gleichermaßen unrecht, mit 
einem ihrer Kinder geschlechtlich zu verkehren, ganz gleich, ob es sich um 
eine Tochter aus der jetzigen oder einer früheren Ehe handelt. 

So heiratete Budiya, Oberhaupt des Dorfes Kabululo, eine Witwe mit 
einer Tochter namens Bodulela: 

Matauna imwoyki Bodulela, sene gaga bayse, böge latula 
Dieser Mann kommt zu Bodulela, sehr schlecht dieses, schon Kind sein 

minana. Isuvi wabwala, minana 

dieses weibliche Wesen. Er tritt ein in Haus, dies (weibliche Wesen) 

böge iliku dabela; ikanupwagega, igise 

schon legt ab Rock ihren; sie hegt mit gespreizten Beinen, er sieht 

matauna wila — ikaya. 

dieser (Mann) Vulva — er begattet. 

Das heißt: der Mann kam zufällig in die Hütte, als seine Stieftochter 
ihren Bastrock für die Nacht abgelegt hatte und in einer verlockenden 
Stellung dalag, vielleicht schon halb im Schlaf. Dadurch erregt, erlag Budiya 
der Versuchung und beging die tadelnswerte Handlung. 

364 



Das oberste Tabu 

In dieser Version wird der Inzest einem widrigen Zufall zugeschrieben; 
nach anderen Berichten jedoch hatte Budiya seine Stieftochter schon lange 
begehrt; sie jedoch wies ihn ab, bis er sie durch Liebeszauber verführte. 
Liebeszauber soll auch Gumabudi angewendet haben, das Oberhaupt von 
Yalumugwa, der regelmäßig seine eigene Tochter zu beschlafen pflegte. 
Dieser letzteren, Bulubwaloga, sind wir bereits begegnet, denn sie war die 
Frau von Gilayviyaka, einem der Söhne des obersten Häuptlings, und sie 
hatte ihren Gatten verlassen, weil er Ehebruch mit einer der Frauen seines 
Vaters beging. 

Alle Gründe, die für die moralische Verwerflichkeit des Geschlechtsverkehrs 
zwischen Vater und Tochter angeführt werden, beziehen sich, wie gesagt, 
auf die Ehe des Vaters mit der Mutter und seine Stellung in der häuslichen 
Gemeinschaft. Sene gaga pela böge iva'i inala, böge iyousi vildkuria — „sehr 
schlecht, weil er schon ihre Mutter geheiratet hat; schon hat er die erste 
Ehegabe erhalten" (vgl. Kap. IV, 3). Auch sollte ein Mann nicht mit seiner 
Tochter schlafen, weil es seine Pflicht war, sie zu liebkosen und in die Arme 
zu nehmen, als sie noch klein war. Gala tamasisi deli latuda, pela tamala 
iyobwayli, ikopo^i — „Wir schlafen nicht mit Kindern unseren (Töchtern), 
weil ihr Vater (der Vater) liebkost, nimmt in seine Arme." Oder die Ein- 
geborenen betonen: da der Vater bei der Heirat seiner Tochter und ihren 
Liebesgeschichten mitzureden hat, darf er nicht mit ihr schlafen. 

Die hier erwähnten Fälle von Blutschande zwischen Vater und Tochter 
waren allgemein bekannt: es wurde aber stets nur mit größter Zurück- 
haltung davon gesprochen und niemals vor den Betreffenden. Würde man 
einem Menschen, der eines solchen Verbrechens schuldig ist, das öffentlich 
vorhalten, so müßte er Selbstmord begehen durch Herabspringen von einem 
Baum, sagen die Eingeborenen. Obgleich Inzest zwischen Vater und Tochter 
für unrecht gilt, wird er bemerkenswerterweise nicht mit dem Wort suvasova 
(Clan-Exogamie oder -Inzest) bezeichnet und ruft auch keine Krankheit 
hervor; wir wissen auch bereits, daß die ganze, diesem Tabu zugrunde biegende 
Ideologie eine gänzlich andere ist als beim suvasova. 

Die befremdende Ausdehnung des Wortes für Vater (tauia) auf den Sohn 
der Schwester des Vaters ist von Wichtigkeit, denn sie zeigt, wie die Sprache 
Bräuche und Vorstellungen beeinflußt. Ehe und Geschlechtsverkehr mit dem 
Vetter mütterlicherseits ist nicht direkt verboten, wird jedoch nicht gern 
gesehen. Am wenigsten verurteilt wird es vielleicht von den Malasi in Kiri- 
wina; Eingeborene aus anderen Gegenden, die keine Gelegenheit zur Ver- 
leumdung ihrer Nachbarn ungenutzt lassen, wenn ein abweichender Brauch 
sie nahelegt, sprechen verächtlich von den Leuten in Kiriwina, „die ihre 

365 



Moral und Lebensart 

Väter heiraten und mit ihnen schlafen". Ein Ethnologe, der die Sprache 
nicht beherrscht und nur oberflächlich mit den Bräuchen und Vorstellungen 
der Eingeborenen bekannt ist, könnte daraufhin vom „Abscheu vor Heirat 
und Geschlechtsverkehr mit einem Vater im klassif ikatorischen Sinn" sprechen 
und damit den Eindruck erwecken, daß die Eingeborenen zwischen Vater als 
„Gatten der Mutter" und Vater als „Sohn der Schwester des Vaters" keinen 
Unterschied machen. Eine solche Aussage würde ganz unzutreffend sein. 

Ein Mann darf mit seiner Tochter keinen Geschlechtsverkehr haben, 
weil sie die nächste Verwandte seiner Gattin ist ; deshalb darf man erwarten, 
daß auch andere nahe weibliche Verwandte der Gattin tabu sind. Dies ist 
tatsächlich der Fall. Ein strenges Tabu liegt auf den Schwestern der Frau, 
die der Mann seltsamerweise mit denselben beiden Namen (je nach dem 
Alter) bezeichnet, die er auf seine älteren und jüngeren Brüder anwendet, 
und die eine Frau von ihren älteren und jüngeren Schwestern gebraucht: 
tuwagu und bwadagu. In diesem Falle gebraucht also ein Mann für Personen 
des entgegengesetzten Geschlechts Bezeichnungen, die Gleichheit des Ge- 
schlechts ausdrücken. Dementsprechend redet eine Frau mit diesen beiden 
Ausdrücken die älteren und jüngeren Brüder ihres Gatten an, mit denen 
Geschlechtsverkehr verboten ist. Es sind ein paar Fälle bekannt, daß diese 
Vorschrift übertreten wurde; am berüchtigtesten ist die bereits erwähnte Ge- 
schichte von Manimuwa und Dakiya (Kap. VI, 1). Auch hier, obwohl das 
Tabu nicht als suvasova bezeichnet wird, hat der Eingeborene ein starkes 
Gefühl gegen Geschlechtsverkehr mit der Schwester der Gattin, die nach 
der Heirat für ihn fast wie seine eigene Schwester wird. Ein Mann muß sich 
gleichfalls des Verkehrs mit der Mutter seiner Frau enthalten, doch sonst 
gibt es kein Tabu, das ihm Verbote auferlegt. 

Durch sorgfältige Erkundigungen bei verschiedenen Gewährsleuten und 
mit Hilfe direkter Beobachtungen habe ich folgende Liste von geschlecht- 
lichen Tabus zusammengestellt, geordnet nach dem Grad ihrer Strenge. 

1. Bei weitem das strengste ist das Verbot des Bruder-Schwester-Inzests; 
es ist das Kernstück des Suvasova-T ahus ; Übertretungen kommen sowohl in 
Wirklichkeit wie in der Sage äußerst selten vor. 

2. Blutschande mit der Mutter gilt als unnatürlich und unausdenkbar; 
Fälle sind nicht bekannt; sie ist eine wichtige Form des suvasova; es wird 
nicht mit demselben Abscheu wie vom Bruder- Schwester- Inzest davon ge- 
sprochen. 

3. Geschlechtsverkehr mit der eigenen Tochter wird nicht suvasova ge- 
nannt; es stehen keine übernatürlichen Strafen darauf; er wird als äußerst 
schlimm empfunden; mehrere Fälle davon sind bekannt. 

366 



Das oberste Tabu 

4. Geschlechtsverkehr mit der Tochter der Schwester der Mutter ist eine 
Form des suvasova; er kommt selten vor, gilt für sehr schlimm und wird 
stets geheimgehalten; bei Entdeckung wird er schwer bestraft. 

5. Geschlechtsverkehr mit der Schwester der Frau gehört nicht zum suva- 
sova, gilt aber für schlimm; Heirat, ob nun in Form der Polygamie oder mit 
der Schwester der verstorbenen Frau, begegnet starker Mißbilligung; doch 
sie kommt vor, während Liebesverhältnisse nicht selten sind. 

6. Geschlechtsverkehr mit der Schwiegermutter oder mit der Frau des 
Bruders ist ungehörig, ist aber kein suvasova und kommt wahrscheinlich 
selten vor. 

7. Geschlechtsverkehr mit der „klassifikatorischen" luguta (meine Schwester) 
ist suvasova; er ist durch Stammesgesetz verboten und durch übernatürliche 
Strafen bedroht, wird jedoch häufig ausgeübt und ist sozusagen sehr gesucht. 

Einen interessanten Kommentar zu diesen Abstufungen enthält die folgende 
Aussage: latugu tatougu — sene agu mwasila; tuwagu, bwadagu — ulo kwava 
tuwala, bwadala — agu mwasila. Tabuda, kadada, latuda o payomili gala 
tamwasila; in Übersetzung: „Mein Kind wahrhaftig mein — sehr viel meine 
Schande; „älterer Bruder", „jüngerer Bruder" (wie ich sie nenne) — das ist 
meiner Frau ältere Schwester, ihre jüngere Schwester — meine Schande. 
Enkelkinder, Nichten mütterlicherseits, Kinder — alle diese im klassifika- 
torischen Sinn — wir schämen uns nicht.*' Hier werden gewisse Abstufungen 
von den Eingeborenen anerkannt und ausgedrückt; es ist bezeichnend, daß 
in solch einer freiwilligen Aussage mein Gewährsmann die klassifikatorische 
Schwester nicht erwähnen mochte; das hätte sich nicht gehört. Einen weiteren 
Kommentar enthält die Tatsache, daß ein Mann wohl seine Mutter anflucht, 
hwoy inam, „beschlafe deine Mutter" (sie), oder sie auffordert, sich mit ihrem 
Vater zu begatten {hwoy tamam), daß er aber nie seine Schwester oder seine 
Tochter anflucht. Doch da zweifellos Blutschande zwischen Mutter und Sohn 
viel seltener vorkommt als zwischen Vater und Tochter, habe ich sie an 
zweite und nicht an dritte Stelle gesetzt. 

Noch eine wichtige Beziehung bleibt zu erwähnen namens tabugu, Schwester 
des Vaters oder Tochter der Schwester des Vaters, die bereits als Gegen- 
stück zur luguta (Schwester, wenn ein Mann spricht) erwähnt worden ist. 
Die Schwester des Vaters ist das Urbild der gesetzlich erlaubten, ja sogar 
geschlechtlich empfehlenswerten Frau — das heißt in der Theorie der Ein- 
geborenen, denn in Wirklichkeit nimmt ihre Tochter die Stelle ein. 

Gegen die Schwester seines Vaters hat sich ein Mann in geschlechtlichen 
Dingen gerade umgekehrt wie gegen seine Schwester zu verhalten. Ge- 
schlechtsverkehr mit des Vaters eigener Schwester ist ganz besonders passend 

367 



Moral und Lebensart 

und in der Ordnung. „Es ist sehr gut, wenn ein Bursche sich mit der Schwester 
seines Vaters begattet." Nie werden die Eingeborenen müde, diese moralische 
Grundregel zu wiederholen; sie gebrauchen dabei den groben Ausdruck 
„kayta" statt der höflichen Umschreibungen masisi deli (zusammen schlafen) 
oder mwoyhi (kommen, zu besuchen). Die Anwesenheit der Schwester des 
Vaters legt stets eine gewisse Zügellosigkeit nahe, anrüchige Spaße und un- 
anständige Geschichten. In schlüpfrigen Liedchen findet sich häufig der 
Kehrreim: deli sidayase, deli tabumayase (mit unseren Gefährtinnen, mit 
unseren Tanten väterlicherseits). Die Tante väterlicherseits und die Schwester 
dürfen sich nie in der gleichen Gesellschaft aufhalten, denn die erste lockert 
die Bande der Schicklichkeit, die letztere überspannt sie. 

Geschlechtsverkehr zwischen einem Mann und seiner Tante väterlicher- 
seits spielt zwar in der Theorie und in Redewendungen als Symbol eine 
Rolle, doch kaum im wirklichen Leben. Sie ist für ihn das Sinnbild aller 
gesetzlich erlaubten Frauen und geschlechtlicher Freiheit schlechthin. Sie 
mag ihm raten oder gar Kuppeldienste leisten — doch mit ihr selbst wird 
er nur in ganz seltenen Fällen Geschlechtsverkehr haben. Sie gehört einer 
älteren Generation an, und was ihr von ihren geschlechtlichen Reizen ge- 
blieben, ist meistens nicht allzu verlockend. Doch wenn sie und ihre Neffen 
es wünschen, so dürfen sie zusammen schlafen; nur muß ein gewisses De- 
korum gewahrt werden, wenn sie verheiratet ist. Heirat mit der vaterseitigen 
Tante, obwohl erlaubt und sogar erwünscht, scheint niemals vorzukommen: 
es ist mir nicht gelungen, auch nur einen einzigen Fall unter Lebenden oder 
aus der historischen Überlieferung zu entdecken. 

Den richtigen Ersatz für seine Tante väterlicherseits findet der junge 
Mann in ihrer Tochter. Diese beiden gelten als besonders geeignet zum Ge- 
schlechtsverkehr und zur Ehe. Oft werden sie durch Kinderverlöbnis einander 
versprochen (s. Kap. rV, 4). Die Eingeborenen sagen, seine Kusine väter- 
licherseits soll die erste sein, mit der ein Junge geschlechtlich verkehren 
sollte, wenn ihr Alter es gestattet. 

Die Bezeichnung tabugu wird jedoch bald auf andere Mädchen ausgedehnt, 
die demselben Unter-Clan und Clan wie die Kusine angehören; schließlich 
wird sie durch eine über die üblichen Grenzen klassifikatorischer Termino- 
logie hinausgehende Erweiterung gleichbedeutend mit „alle Frauen, die nicht 
dem Clan der Schwester angehören". Die üblichen Erweiterungen klassifika- 
torischer Terminologie gehen bis an die Grenzen des Clans. Die weiteste Be- 
deutung, in der das Wort „Mutter" gebraucht wird, umfaßt alle aus dem 
Clan der Mutter. Doch das Wort tabugu im Sinn von „gesetzlich erlaubter 
Frau" erstreckt sich über drei Clans und umfaßt rund drei Viertel der weib- 

368 




s 
w 

H 



^ 





<; e. 




1*1 ■> 




< 




H *- 




H <i 




U H 




1 P 




£« 




i < 




o> 


»*'.-■. 


< J 


«BJC* 


H W 


L'"^''' 


— to 


L * 


S5 




03 


Bft- 


Z W 


K 


WQ 




5& 




««< 




Wh 




5« 




O Ö 


^*: 


^z 




„'W 




«S5 




hJ _ 




J w 




W J 




^a 



CAD 



CO 







89. MUTTER UND KIND (KAP. XIII, 6: KAP. VIII, l und 



4) 




90. VATER UND KIND (KAP. XIII, 6/ 



Das oberste Tabu 

liehen Menschheit, im Gegensatz zu dem einen Viertel Frauen, die verboten 
sind. Aber dieses Thema — die verwickelten Beziehungen und Bezeichnungen 
im Verwandtschaftssystem — führt uns über die vorliegende Untersuchung 
hinaus und soll, wie gesagt, einer künftigen Veröffentlichung vorbehalten 
bleiben. 

Der Schlüssel zur geschlechtlichen Moral und geschlechtlichen Freiheit 
liegt also im Gegensatz zwischen den beiden Gruppen luguta und tabugu 
(„Schwester" und „Kreuz-Kusine väterlicherseits"). Das Tabu auf Blut- 
schande zwischen Bruder und Schwester bedingt die wichtigsten und drama- 
tischsten Wesenszüge der trobriandischen Gesellschaftsordnung; dies wird 
noch besonders hervorgehoben durch einen eigentümlichen Riß in der über- 
lieferten Lehre, eine dogmatische Inkonsequenz, nach der Liebe und Liebes- 
zauber sich von der Blutschande zwischen Bruder und Schwester herleiten. 
Über diese wichtige Sage wollen wir nun im letzten Kapitel berichten. 



24 M. G. 369 



VIERZEHNTES KAPITEL 
EINE INZEST-SAGE DER WILDEN. 

Der sogenannte Wilde hat dem zivilisierten Menschen stets als Spielzeug 
gedient — in der Praxis als bequemes Mittel zur Ausbeutung, in der Theorie 
als Lieferant gruseliger Sensationen. Die Wildenheit ist dem Lesepublikum 
der letzten drei Jahrhunderte ein Sammelbecken für die unerwarteten Mög- 
lichkeiten der Menschennatur gewesen; und der Wilde hatte dieser oder jener 
Apriori-Hypothese zum Schmuck zu gereichen, indem er grausam oder edel, 
ausschweifend oder keusch, kannibalisch oder human wurde, je nachdem es 
dem Beobachter oder der Theorie gerade in den Streifen paßte. 

Tatsächlich entspricht der Wilde, den wir in Melanesien kennenlernten, 
keinem Gemälde in Weiß oder Schwarz, in tiefem Dunkel oder hellem Licht. 
Sein Leben ist in sozialer Hinsicht von allen Seiten eingezäunt; seine Moral 
steht ungefähr auf der gleichen Höhe wie die Moral des Durchschnitts- 
europäers — das heißt, wenn die Sitten und Bräuche des letzteren ebenso 
freimütig beschrieben würden wie die des Trobrianders. Die Einrichtungen, 
welche vorehelichen Geschlechtsverkehr ermöglichen und sogar begünstigen, 
geben wenig Veranlassung, an frühere Zustände zügelloser Promiskuität zu 
glauben oder an Institutionen wie „Gruppenehe", die so schwer mit bekannten 
soziologischen Ausdrücken zu fassen sind. 

Die Formen der Zügellosigkeit, wie sie auf den Trobriand-Inseln vor- 
kommen, passen so gut in das Gefüge von Individualehe, Familie, Clan 
und örtlicher Gruppe und erfüllen gewisse Aufgaben so durchaus zweck- 
mäßig, daß nichts Wichtiges oder Unverständliches durch Hinweise auf 
hypothetische frühere Zustände wegzuerklären bleibt. Diese Formen existieren 
noch heute, weil sie Seite an Seite mit Ehe und Familie, ja zum Besten von 
Ehe und Familie gute Dienste leisten; und es besteht kein Grund zu der 
Annahme, daß in der Vergangenheit andere Ursachen für ihr Bestehen maß- 
gebend waren als in der Gegenwart. Es hat sie wahrscheinlich zu allen Zeiten 
aus demselben Grunde gegeben — gewiß in etwas anderer Form, doch auf 

370 



Eine Inzest-Sage der Wilden 

derselbeii Grundlage beruhend. Dies ist wenigstens meine theoretische Haltung 
gegenüber den Tatsachen. 

Ebenso wichtig ist es jedoch, sich immer wieder zu sagen, daß die Be- 
schränkungen, Tabus und Moralvorschriften nicht mit absoluter Strenge 
gehandhabt, nicht sklavisch befolgt werden und nicht automatisch wirken. 
Immer wieder haben wir gesehen, daß die Regeln für geschlechtliches Ver- 
halten nur annäherungsweise befolgt werden, so daß ein recht beträcht- 
licher Spielraum für Übertretungen bleibt; und die Kräfte, die dem Ge- 
setz und der Ordnung dienen, weisen reichlich viel Elastizität auf. Mißt 
man den Wilden mit dem Maßstab der Ästhetik, Moral und Sitte, so zeigt 
er dieselben menschlichen Schwächen, Unzulänglichkeiten und Bestre- 
bungen wie der Angehörige irgendeiner zivilisierten Gemeinschaft. Er eignet 
sich weder als Held für den redlichen Schauerroman, noch als Schlüssel 
für eine Detektivgeschichte vom Sexualleben des geschlechtlich wahllosen 
Pithekanthropus. Meiner Ansicht nach eignet er sich überhaupt nicht dazu, 
unsern Durst nach aufgebauschten geschlechtlichen Sensationen zu stillen. 

Und doch entbehrt die Geschichte vom Geschlechtsleben der Trobriander 
nicht gewisser dramatischer Elemente; bestimmte Gegensätze und Wider- 
sprüche könnten fast die Hoffnung erwecken, etwas wirklich „Unerklär- 
liches" zu finden, wodurch dann ein Schwelgen in ausschweifenden Hypo- 
thesen, in phantastischen Visionen von vergangenen Entwicklungszuständen 
oder kultürlichen Epochen gerechtfertigt erschiene. Vielleicht die drama- 
tischste Erzählung aus der Überlieferung der Eingeborenen ist die Sage 
von der Blutschande zwischen Bruder und Schwester, mit der auch der 
Glaube an Liebeszauber verknüpft ist. 

Wir wissen, daß von all den Vorschriften und Tabus ein einziges eine 
wirklich starke Gewalt auf Vorstellung und moralischen Sinn der Ein- 
geborenen ausübt; und doch ist dieses unaussprechliche Verbrechen der 
Gegenstand einer ihrer heiligen Geschichten und die Grundlage des Liebes- 
zaubers, und zielt damit sozusagen mitten ins Getriebe des Gemeinschafts- 
lebens. Auf den ersten Blick scheint hier eine beinah unfaßbare Unstimmig- 
keit in Glauben und moralischer Tradition vorzuliegen, die uns verleiten 
könnte, den Eingeborenen allen moralischen Sinn abzusprechen oder sie in 
das „prälogische Stadium der geistigen Entwicklung" einzuordnen; oder 
man könnte die Geschwisterehe als Überrest alter Bräuche hinstellen, oder 
das Nebeneinander zweier Kulturschichten behaupten: in der einen wurde 
die Geschwisterehe gebilligt, in der anderen verpönt. Je besser wir aber 
die Geschehnisse der Inzest-Sage und ihren kultürlichen Zusammenhang 
verstehen lernen, um so weniger sensationell, unglaublich und unmoralisch 

371 



Eine Inzest-Sage der Wilden 

erscheinen uns leider diese und ähnliche Widersprüche in Brauch und Sitte, 
um so weniger schreien sie nach Erklärung durch Hypothesen üher die „Seele 
des Wilden", üher Pithekanthropi oder „Kulturkreise"; statt dessen sehen 
wir uns in der Lage, sie mit den üblichen Worten für zeitgenössische, be- 
obachtbare Tatsachen erklären zu können. Doch ich habe nun genug ge- 
schwelgt in Betrachtungen theoretischer, um nicht zu sagen philosophischer 
und moralischer Art; es ist an der Zeit, meine bescheidenere, nüchternere 
Arbeit als treuer, leidenschaftsloser Chronist wieder aufzunehmen. 

1. Quellen der Liebesmagie 

Liebe — die Macht der Anziehung, der geheimnisvolle Reiz, der von 
einer Frau auf einen Mann oder von einem Mann auf eine Frau ausstrahlt 
und nur einen einzigen Wunsch lebendig sein läßt — Liebe entspringt, wie wir 
wissen, nach Ansicht der Eingeborenen einer Hauptquelle : der Liebesmagie. 

Die meisten wichtigen Magiesysteme der Trobriander beruhen auf Sagen. 
Der Ursprung menschlicher Macht über Regen und Wind, die Fälligkeit, 
Bodenfruchtbarkeit und Fischzüge zu beeinflussen, die zerstörenden oder 
heilenden Kräfte des Zauberers — all dies geht auf gewisse Ur-Ereignisse 
zurück, die dem Menschen einst die Fähigkeit verliehen haben, Magie zu 
üben. Die Sage liefert keine Erklärung im Sinn einer logischen oder empi- 
rischen Kausalität. Sie bewegt sich in einer bestimmten Atmosphäre von 
Wirklichkeit, wie sie dogmatischem Denken eigen ist, und enthält eigent- 
lich mehr eine Bürgschaft für die Wirksamkeit des Zaubers, für seinen ge- 
heimen überlieferten Sinn, als eine rationale Antwort auf das wissenschaft- 
liche Warum. Die in der Sage berichteten Tatsachen und die ihr zugrunde 
liegenden Vorstellungen beeinflussen und färben die Anschauungen und 
das Verhalten der Eingeborenen. Ereignisse einer fernen Vergangenheit 
werden als eigene Erfahrung durchlebt 1 . Dies ist besonders wichtig bei der 
hier behandelten Sage, denn ihr hegt der Gedanke zugrunde, daß Magie 
mächtig genug sei, auch die Schranke des stärksten sittlichen Tabu zu 
durchbrechen. Dieser Einfluß der Vergangenheit auf die Gegenwart ist so 
stark, daß die Sage Wiederholungen ihrer selbst hervorruft und oft an- 
geführt wird, um gewisse sonst unentschuldbare Verstöße gegen das Stammes- 
gesetz zu erklären. 

Wir haben bereits von den verschiedenen Systemen der Liebesmagie ge- 
sprochen und darauf hingewiesen, daß die beiden wichtigsten sich um zwei 

1 Eingehender dargestellt ist diese funktionelle Anschauung von der Sage in „Myth in 
Primitive Psychology", „Argonauts of the Western Pacific", Kap. XII, und „Sex and 
Repression", Teil II, alle vom Verfasser des vorliegenden Buche?. 

372 



Quellen der Liebesmagie 

bestimmte Örtlichkeiten, Iwa und Kumilabwaga, gruppieren, die ihrerseits 
durch eine Sage vom Ursprung der Liebesmagie verknüpft sind. 

Im folgenden gebe ich die Sage wieder, wie sie mir von meinen Gewährs- 
leuten in Kumilabwaga, dem Ort des tragischen Geschehens, erzählt wurde 1 . 

Zunächst gebe ich die Erzählung in freier, doch treuer Übersetzung, dann 
folgt der Kommentar, wie er mir von meinem Gewährsmann geliefert wurde. 
Die beigefügten Zahlen gestatten dem Leser, diese Wiedergabe mit dem 
Text in der Eingeborenensprache und mit der wörtlichen Übersetzung zu 
vergleichen, die den Inhalt des nächsten Abschnitts bilden. 

Die Sage 

(1) Die Quelle (der Liebe und Magie) ist Kumilabwaga. (2) Eine Frau 
dort gebar zwei Kinder, ein Mädchen und einen Knaben. (3) Die Mutter 
kam (und ließ sich nieder), um sich einen Bastrock zu schneiden; der Junge 
kochte Zauberkräuter (für den Liebeszauber). (4) Er kochte wohlriechende 
Blätter in Kokosnußöl. (5) Er hängte das Gefäß mit der Flüssigkeit (an 
einen Dachbalken bei der Türe) und ging fort, um zu baden. (6) Die Schwester 
kam heim vom Holzsammeln; sie legte das Feuerholz nieder; sie bat die 
Mutter: „Hole mir das Wasser, das mein Bruder ins Haus gebracht hat." 
(7) Die Mutter antwortete: „Geh und hole es selber, meine Beine sind be- 
schwert von dem Brett, auf dem ich meinen Rock schneide." 

(8) Das Mädchen trat in die Hütte, sie sah die Wassergefäße dort stehen; 
mit ihrem Kopf streifte sie das Gefäß mit Zauberflüssigkeit; das Kokos- 
nußöl tröpfelte heraus, es tropfte in ihr Haar; sie strich mit der Hand dar- 
über, wischte es ab und roch es. (9) Da traf sie die Macht des Zaubers, er 
drang in ihr Inneres, er verwandelte ihren Sinn. (10) Sie ging fort und holte 
das Wasser, sie brachte es zurück und stellte es auf den Boden. (11) Sie 
fragte ihre Mutter: „Und mein Bruder? (Wo ist der Mann hingegangen?)" 
— Die Mutter sprach: „0 meine Kinder, sie sind wahnsinnig geworden! 
Er ist an den offenen Strand hinuntergegangen." 

(12) Das Mädchen lief hinaus, eilig lief sie zum östlichen Strand ans offene 
Meer. (13) Sie kam an die Stelle, wo die Straße auf den Strand mündet. Dort 
band sie ihren Bastrock ab und warf ihn zu Boden. (14) Nackt lief sie den 
Strand entlang; sie lief zum Bokaraywata- Strand (die Stelle, wo die Leute 
von Kumilabwaga baden und ihre Kanus auf den Strand ziehen). (15) Da 

1 An anderer Stelle (in „Sex and Repression") habe ich eine verdichtete und einigermaßen 
vereinfachte Version der Sage gegeben; meiner Meinung nach hat sie jedoch bei diesem Ver- 
fahren etwas gelitten. Die hier angeführte Version mit dem vollständigen Text in der Ein- 
geborenensprache und zwei Übersetzungen muß als vollständige, korrekte Wiedergabe gelten. 

24* 373 



Eine Inzest-Sage der Wilden 

traf sie auf ihren Bruder — er badete in der Kadi'usawasa-Durchfahrt 
zwischen den Riffen. (16) Sie sah ihn baden, sie ging ins Wasser auf ihn 
zu, sie lief hinter ihm her. (17) Sie verfolgte ihn zum Felsen von Kadila- 
wolu. Dort machte er kehrt und lief zurück. (18) Sie rannte ihm nach, und 
er Hef zum Olakawo-Felsen. Dort machte er kehrt und lief zurück. (19) Er 
kam zurück und ging wieder zur Kadi'usawasa-Durchfahrt (das heißt an 
die Stelle, wo er zuerst gebadet hatte). Dort fing sie ihn, dort legten sie sich 
nieder ins seichte "Wasser. 

(20) Sie lagen da (und begatteten sich), dann gingen sie ans Ufer und 
begatteten sich wieder. Sie kletterten den Abhang hinauf, sie gingen in die 
Grotte von Bokaraywata, dort legten sie sich nieder und begatteten sich. 
(21) Sie blieben dort beieinander und schliefen. (22) Sie aßen nicht, sie tranken 
nicht — das ist der Grund, weshalb sie starben (vor Scham, vor Gewissens- 
bissen). 

(23) In dieser Nacht hatte ein Mann in Iwa einen Traum. Er träumte den 
Traum von ihrem sulumwoya (die Minz-Pflanze, die sie für ihren Liebes- 
zauber benutzt hatten). (24) „0 mein Traum! Zwei Menschen, Bruder und 
Schwester, sind zusammen; ich sehe im Geiste; sie Hegen beieinander in 
der Grotte von Bokaraywata." (25) Er paddelte über den Meeresarm von 
Galeya; er paddelte